Volume 14, No. 2, Art. 11 – Mai 2013

Des Widerspenstigen Zähmung: Subjektives Alter(n), qualitativ erforscht

Stefanie Graefe

Zusammenfassung: Der Beitrag präsentiert Forschungsergebnisse einer qualitativen Interviewstudie zur subjektiven Alter(n)serfahrung von Menschen in der zweiten Lebenshälfte sowie aus dem Forschungsprozess resultierende Überlegungen zur Frage, wie sich die soziale Erfahrung Alter(n) methodologisch konzeptualisieren und empirisch erforschen lässt. Die Auswertung erfolgte angelehnt an die Grounded-Theory- Methodologie. Ausgehend von der "relativen (subjektiven) Alterslosigkeit" als fallübergreifender Schlüsselkategorie wird im Folgenden eine Typologie von (Alters-) Selbstkonzepten vorgestellt: das "wandlungsfähige", das "kontinuierliche" und das "verunsicherte" (Alters-) Selbst. Skizziert wird eine methodologische Konzeption von Alter(n) als eine zugleich prinzipiell unscharfe und erheblich normierte soziale Kategorie. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass – insbesondere vor dem Hintergrund der in jüngerer Zeit erfolgten sozialpolitischen Aufwertung der Lebensphase Alter – spezifische Sozialmilieus besonders prädestiniert scheinen, normative Anforderungen einer aktiven, produktiven und selbstverantwortlichen Gestaltung der Lebensphase Alter in ihr Selbstkonzept zu integrieren.

Keywords: Alter(n); Altersübergänge; Subjektivität; narrative gerontology; Grounded-Theory-Methodologie; Leitfadeninterview

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Forschungsperspektive: kritische narrative gerontology

3. Der Forschungsprozess

3.1 Forschungsinteresse und Fragestellung: "Zonen des Übergangs"

3.2 Methodologische Rahmung und methodischer Zugang

3.3 Sample und Auswertung

4. Ergebnisse

4.1 Schlüsselkategorie: "Relative Alterslosigkeit"

4.2 Typologie der (Alters-) Selbstkonzepte

4.2.1 Das wandlungsfähige (Alters-) Selbst

4.2.2 Das "kontinuierliche (Alters-) Selbst"

4.2.3 Das verunsicherte (Alters-) Selbst

4.3 Vergleichende Bilanz

4.4 Diskussion: "Erfolgreiches Alter(n)" als kulturelles Kapital?

5. Reflexion und Ausblick: Alter(n) als paradoxe und mehrdimensionale soziale Erfahrung

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Wie die Lebensphase Alter und das Altern als Prozess, kurz: Alter(n) subjektiv erlebt und gedeutet werden, ist ein im deutschsprachigen Raum noch vergleichsweise wenig untersuchtes Phänomen – und dies, obwohl das Alter(n) als Thema gesellschaftlicher Sorge um den "demografischen Wandel" in jüngerer Zeit an Bedeutung gewinnt. Mit der Transformation zum aktivierenden Sozialstaat (LESSENICH 2008a) erfährt das Alter(n) seit einigen Jahren eine in dieser Form historisch neuartige wissenschaftliche, sozialpolitische und mediale Aufmerksamkeit. Dabei wurden und werden insbesondere die – idealerweise – "noch" aktiven "jungen" Alten samt ihrer finanziellen, bürgerschaftlichen und gesundheitlichen Ressourcen regelrecht neu entdeckt (LESSENICH 2008b; VAN DYK & LESSENICH 2009) und als passgenaue Antwort auf eine doppelte Problemlage des sich wandelnden kapitalistischen Sozialstaats präsentiert: Höhere Lebenserwartungen und der Wandel von "institutionalisiertem Lebenslauf" (KOHLI 2003) und "Normalbiografie" begünstigen und erzwingen einen neuen gesellschaftlichen Blick sowohl auf die produktiven Potenziale als auch auf die gewandelten Vorstellungen aktueller und zukünftiger Älterer vom wünschenswerten Leben im Alter (VAN DYK 2009). [1]

Hier setzt das an der Universität Jena durchgeführte und inzwischen abgeschlossene Forschungsprojekt Zonen des Übergangs an. Dessen soziologische Teilstudie (die Gegenstand des vorliegenden Beitrags ist und von mir gemeinsam mit Silke VAN DYK und Stephan LESSENICH durchgeführt wurde) konzentrierte sich vor allem auf die Frage, wie aktuelle und zukünftige Ältere ihr Älterwerden erleben und konzipieren – auch und gerade vor dem Hintergrund der neuen gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für das Alter(n) (vgl. dazu auch GRAEFE & VAN DYK 2012; GRAEFE, VAN DYK & LESSENICH 2011). Dabei erwies sich das Forschungsprojekt zugleich als spannende Reise in die Multidimensionalität des sozialen Phänomens Alter(n) und in die mit ihm verbundenen methodischen und methodologischen Herausforderungen. [2]

Im Folgenden wird mit der "kritischen narrative gerontology" zunächst die generelle Forschungsperspektive skizziert (Abschnitt 2). Darauf folgt die Darstellung des Forschungsprozesses (Fragestellung, Feldzugang, methodologische Rahmung, methodischer Zugang, Auswertung) (Abschnitt 3) sowie der Forschungsergebnisse (Abschnitt 4), bevor eine zusammenfassende Reflexion (Abschnitt 5) bilanzierend und ausblickend auf die eingangs aufgeworfene Forschungsfrage zurückkommt. [3]

2. Die Forschungsperspektive: Kritische narrative gerontology

Anders als in Deutschland findet sich in der internationalen und v.a. in der angelsächsischen Forschungsliteratur nicht nur – unter der Überschrift critical gerontology (KATZ 2003; MINKLER & ESTES 1998) – ein breites Spektrum gesellschaftskritischer Alter(n)sforschung, sondern inzwischen auch eine beachtliche Vielzahl an sozialwissenschaftlich-qualitativen Studien zur subjektiven Erfahrung des Alter(n)s (z.B. JONES 2006; NIKANDER 2009; NORRICK 2009; NOURI & HELTERLINE 1998; QUÉNIART & CHARPENTIER 2011; siehe für Deutschland AMRHEIN 2008; AMRHEIN & BACKES 2008). Als Klassikerin der qualitativen Alter(n)sforschung kann hier die Studie von Sharon KAUFMAN (1986) gelten, die bereits in den 1980er Jahren die Bedeutung des Älterwerdens aus der Perspektive älterer Menschen erforschte und dabei die – bis heute durchaus kontrovers diskutierte – These des alternden Selbst als ageless self entwickelte, wonach "elderly individuals (...) do not define themselves as being old [although they] know they are old" (S.151). Ähnlich beschreiben auch FEATHERSTONE und HEPWORTH (2009 [1991]) unter der – in der sozialgerontologischen Debatte ebenfalls schon klassisch zu nennenden – Überschrift "Die Maske des Alterns", "dass womöglich ein Unterschied und sogar eine Spannung besteht zwischen der äußerlichen Erscheinung (...) und der inneren oder subjektiven Seite der eigenen Identität oder der Lebenspraxis (...), die für unser Bewusstsein mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt" (S.97). [4]

Eine innovative methodologische Perspektive bietet in diesem Zusammenhang die narrative gerontology (NG) (GUBRIUM 2001; GUBRIUM & HOLSTEIN 1998; KENYON, CLARK & DE VRIES 2001), die dazu einlädt, narrative Selbstkonstruktionen als kulturelle Produktionen zu begreifen. Die NG offeriert somit eine Vermittlungsperspektive zwischen der hermeneutischen Rekonstruktion subjektiven Sinns in erzählten Lebensgeschichten und der "postmodernen" Einsicht, dass subjektive Narrationen weniger "authentisch" als vielmehr sozial präformiert und kreativ sind, insofern sie kulturelle Metanarrative mit individuellen Erfahrungen in Form einer je einzigartigen Bricolage zur eigenen erzählten Lebensgeschichte verknüpfen. Das erzählende Selbst erscheint in diesem Sinne als "both a standpoint from which to construct the story and a character created by the story" (HELTERLINE 1998, S.38). Die NG geht also nicht davon aus, dass Erzählungen Erfahrungen homolog abbilden (GUBRIUM 2001, S.19), sondern davon, dass sich Subjektivität erst im permanenten Wiedererzählen der eigenen Lebensgeschichte herausbildet, also notwendig narrative Subjektivität ist. Erzählungen sind somit weder bloßer Ausfluss makrosozialer Strukturen oder Diskurse, noch unmittelbare Rekapitulation der "Orientierungsstrukturen des faktischen Handelns und Erleidens" (SCHÜTZE 1987, S.14); vielmehr gilt, dass "even the most locally cristallized narratives [are] actively assembled (...) and (...) never bereft of artful formulation" (GUBRIUM 2001, S.23). Die NG besteht somit auf dem notwendig ebenso "künstlichen" wie kreativen Charakter subjektiver Narrationen und bezieht sich damit auf ein methodologisches Konzept von Erfahrung,1) das diese selbst als immer wieder neu hervorzubringendes Produkt und Material von Narrationen begreift. [5]

Allerdings betont die NG dabei sehr stark die narrative Kreativität der erzählenden alternden Subjekte, denen sie – nicht zuletzt aufgrund ihres Alters und der damit verbundenen Fülle an "Wiedererzählungen" der eigenen Lebensgeschichte – ein besonderes Maß an kreativer Kompetenz zuschreibt, ihr Selbst durch die "Vernähung" unterschiedlicher (kultureller) Narrationen immer wieder neu zu entwerfen. Doch stellt sich die Frage, wie "frei" die Subjekte als active storytellers (GUBRIUM 2001) in der narrativen Komposition ihrer biografischen Erzählung tatsächlich sind. Die "strukturelle Bestimmtheit von Lebensgeschichten" (AMRHEIN & BACKES 2008, S.384, vgl. ATKINSON 2005, §11) bleibt hier in der Tat methodologisch eher unterbestimmt. Eben diese Bestimmtheit ist jedoch nicht nur für ein soziologisches Verständnis von Alter und Altern zentral, sondern auch für das Konzept der Narration selbst: Kulturelle Metanarrative, Sozialstrukturen, (politische, mediale, wissenschaftliche) Diskurse und institutionalisierte Übergangsregime liefern den subjektiven Narrationen nicht nur Stoff, sondern definieren auch Regeln des Erzählbaren, d.h. legitime bzw. intellegible Sprecherpositionen, Erzählhorizonte und Deutungsmuster. In diesem Sinne existieren Möglichkeiten der narrativen Selbstkonstruktion keineswegs unbegrenzt, sondern sind stets auch systematisch limitiert. Dies wird im Rahmen der NG zwar explizit auch angenommen: "The diversity of storytelling (...) is limited only by available narrative resources" (GUBRIUM 2001, S.22). Doch eben weil die Begrenztheit "narrativer Ressourcen" nicht kontingent, sondern gesellschaftlich formiert ist, findet Alter(n) als soziales Phänomen narrativ nicht nur dort statt, wo von ihm explizit die Rede ist, sondern auch und gerade in den Arten und Weisen, in denen von ihm nicht die Rede ist. Dies ist vor allem für die Frage nach dem Zusammenhang von symbolischer Rekonstruktion des eigenen Lebens und sozialstruktureller Position des/der Erzählenden relevant: Dieser Zusammenhang kann in der Perspektive der NG nur dort auftauchen, wo er von den Erzählenden selbst explizit thematisiert, gleichsam narrativ "aufgeschlossen" wird. Implizit-habituelle Regeln des Erzählens geraten so tendenziell aus dem Blick. [6]

Die NG bietet also, zusammengefasst, eine ebenso inspirierende wie soziologisch-methodologisch zu erweiternde Perspektive auf die Beziehung von Subjektivität, Erfahrung und Erzählung im Prozess subjektiven Alterns. Der vorliegende Beitrag versteht sich in diesem Sinne auch als – theoretischer, methodologischer und empirischer – Beitrag zur Weiterentwicklung der NG. [7]

3. Der Forschungsprozess

Grundsätzlich orientiert sich der im Folgenden dargestellte Forschungsprozess an den vergleichsweise offenen Grundprinzipien der Grounded-Theory-Methodologie (GTM) (GLASER & STRAUSS 2010 [1967]; STRAUSS 2004 [1987]). Dies erschien uns aus drei Gründen sinnvoll und dem komplexen Gegenstand "subjektive Alter(n)serfahrung" angemessen: Erstens trennt die GTM den Prozess der Datenerhebung nicht von dem der Theoriegenerierung; beides ist vielmehr in einem iterativen Forschungsprozess miteinander verschränkt. Zweitens erfordern die Prinzipien des offenen Kodierens und ständigen Vergleichs, für Konzepte offenzubleiben, die sich aus dem Material ergeben, und zugleich die Ausgangsfragestellung zu verändern, zu verschieben oder zu präzisieren. Angesichts der gleichzeitigen Komplexität und Diffusität des Forschungsgegenstandes "subjektives Alter(n)" erschien uns eine solche systematische Offenheit hilfreich und notwendig. Und die GTM muss schließlich drittens nicht im Sinne einer "reinen Lehre" verwendet werden (so erwies sich etwa das von STRAUSS & CORBIN 1996 [1990] entwickelte "Kodierparadigma" für unser Vorhaben als zu unflexibel); vielmehr räumt die theoretische und methodische Offenheit des Verfahrens auch die Möglichkeit der Berücksichtigung von Erkenntnissen aus anderen methodologischen Schulen bzw. den Einbezug anderer Verfahren ein. In diesem Sinne liegt die Stärke der GTM gerade in ihrem tatsächlich fließenden, kreativen und prinzipiell offenen Charakter (BERG & MILMEISTER 2008, §46). [8]

Der folgende Abschnitt gibt einen Überblick über den Forschungsprozess, also über Erhebungsformen und Feldzugang, über die (Weiterentwicklung der) Fragestellung und die methodologische Rahmung sowie über die Auswertungsstrategien. Dabei handelt es sich weniger um einzelne, voneinander zu trennende Phasen im Forschungsprozess, als vielmehr um eine permanente wechselseitige Stimulation: Was und wie in den Interviews vom Alter(n) erzählt wurde, veränderte das Konzept der Forschenden vom Forschungsgegenstand Alter(n) selbst – und damit auch die Art und Weise, wie das erhobene Material kodiert und interpretiert wurde. Die folgende, logisch aufeinander aufbauende Darstellung ist deshalb eher dem Postulat der Nachvollziehbarkeit geschuldet, als dass sie die unterschiedlichen Phasen des Forschungsprozesses exakt widerspiegelt. [9]

3.1 Forschungsinteresse und Fragestellung: "Zonen des Übergangs"

Der Titel des Forschungsprojektes – "Zonen des Übergangs" – greift mit der Metapher der "Zone" die Vermutung auf, dass sich Altersgrenzen und Übergänge im Lebenslauf gegenwärtig auch im subjektiven Erleben ausdifferenzieren, mehrdimensionaler und damit auch uneindeutiger werden (vgl. zur Diskussion um die Transformation von Übergangsregimen BEHRENS & VOGES 1996; KOHLI 2003; STAUBER & WALTHER 2007). Alter(n) setzt, so die Ausgangsüberlegung, aus der Sicht von Menschen in der zweiten Lebenshälfte nicht (mehr) unbedingt mit der Verrentung ein, sondern vollzieht sich in unterschiedlichen Lebensbereichen in potenziell ungleichzeitiger Weise. Forschungsleitend war damit die Frage nach den individuellen Deutungen von (mehr oder weniger institutionalisierten) Übergangsregimen bzw. Altersgrenzen sowie danach, ob und wie alternde Subjekte erlebte biografische Übergänge in Beziehung zu ihrem jeweiligen chronologischen Alter setzen. Von Interesse war zudem, ob und ggf. wie sich die (inzwischen gar nicht mehr so) neue Differenzierung "des" Alters in ein aktives "drittes" und ein abhängiges "viertes" Alter auch in den subjektiven Konstruktionen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte widerspiegelt. Schließlich galt es darüber hinaus zu erforschen, ob sich bedeutsame Differenzen nach Lebensalter, Geschlecht und sozialem Milieu in den subjektiven Alter(n)s-Deutungen finden lassen. So wurde im Rahmen der Studie zusammengefasst danach gefragt, wie Menschen in der zweiten Lebenshälfte ihre eigene Erfahrung des Alter(n)s deuten, welche biografischen Veränderungen dabei für sie relevant sind und was sie selbst unter "alt" bzw. "Alter" verstehen. [10]

In einer ersten, explorativen Phase des Forschungsprozesses kamen zunächst verschiedene Erhebungsformen zur Anwendung: Neben einer Reihe narrativ-biografischer Einzelinterviews mit älteren und alten Menschen (PZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR 2008, S.92-101) wurden problemzentrierte Interviews mit Professionellen der SeniorInnenarbeit (WITZEL 2000, vgl. auch BOGNER & MENZ 2001) sowie eine Gruppendiskussion (PZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR 2008, S.101-115) in einem StadtteilseniorInnenzentrum durchgeführt und vorläufig ausgewertet. Dies diente in dieser Forschungsphase vor allem dazu, zu dem komplexen Forschungsfeld Alter(n) einen möglichst breiten Zugang zu legen, um auf diese Weise zum einen die Ausgangsfragestellung weiterzuentwickeln und zu präzisieren, zum anderen im Sinne des theoretical sampling (GLASER & STRAUSS 2010 [1967]) Strategien zur sukzessiven Fallauswahl sowie erste theoretische Kategorien aus dem Material zu generieren. Als besonders gewinnbringend für die uns interessierende Frage nach der subjektiven Alter(n)serfahrung in ihrem normativ-biografischen Doppelcharakter (vgl. die Ausführungen weiter unten) erwiesen sich dabei vor allem die Einzelgespräche mit älteren und alten Menschen, da sie genügend Raum boten, die verschiedenen möglichen Bedeutungsebenen des Terminus "Alter(n)" in Bezug aufs je eigene Leben zu reflektieren. [11]

Dabei stellten wir Folgendes fest: Die biografischen Erzählungen älterer und alter Menschen lieferten – jedenfalls auf den ersten Blick – eher wenig Material über Alter(n) und Altersübergänge. Und wo von biografischen Übergängen berichtet wurde, wurden diese zumeist nicht in einen Kontext mit Alter(n) gestellt. Erst auf explizites Nachfragen – und dann oft auch eher zögerlich – entfalteten die Befragten längere (zumeist argumentative und beschreibende) Passagen zum Themenkomplex Alter(n). Dabei bildete das "Selbstkonzept" im Sinne eines "persönlichen Sinnsystems" (DITTMANN-KOHLI 1995), das konstitutiv in Kategorien sozialer Zugehörigkeit und sozioökonomischer Stratifizierung eingebettet ist (HENDRICKS 1999), in aller Regel den Dreh- und Angelpunkt der Darstellung. Explizit (im Anschluss an die biografische Erzählung) nach der Erfahrung des Älterwerdens befragt, erklärten die meisten der Befragten, diese spiele für sie keine wesentliche Rolle. Im Mittelpunkt der biografischen Erzählungen standen zudem meist andere Lebensphasen: Für Angehörige der Geburtsjahrgänge vor 1935 waren dies vor allem die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und seine biografischen Folgen. Auch bei jüngeren Befragten lieferten Alltagsbeschreibungen, Erzählungen aus zurückliegenden Lebensphasen und/oder biografische Selbstbeschreibungen deutlich mehr narratives Material als das je aktuelle Alterserleben. Insofern lag die Schlussfolgerung nahe: Spricht man ältere und alte Menschen aufs Alter(n) nicht direkt an, taucht es in ihren biografischen Narrationen auch nur wenig auf; und wo es explizit wird, wird es in seiner Relevanz für die eigene Biografie eher negiert. Auch wir trafen also auf "Older People Talking as if They Were no Older People" (JONES 2006) und auf "Achtzigjährige", die willentlich jedenfalls "kein Altenleben" lebten (HEIKKINEN 1995, S.173). Zugleich, und das sollte uns im weiteren Verlauf der Forschung besonders interessieren, zeigten sich in den Einzelinterviews vielfältige Bezugnahmen auf die Kategorie Alter(n), und zwar durchaus auch affirmative – oft bezogen auf andere Ältere oder auf spezifische Dimensionen kultureller Altersnormen. [12]

Von diesem Doppelbefund ausgehend – und im Sinne des von der GTM postulierten iterativen Wechselspiels zwischen Datenerhebung und Auswertung – wurde der Leitfaden überarbeitet: Wurden die Interviews in der ersten Erhebungsphase noch durch eine explizite biografische Eingangsfrage eingeleitet, gingen wir im weiteren Forschungsprozess dazu über, bereits in der Setzung des ersten Erzählimpulses nach dem subjektiven Alterserleben zu fragen: "Sie sind jetzt also xx Jahre alt. Fühlen Sie sich auch wie xx?" Damit wurde von InterviewerInnenseite zwar das Thema "Alter(n)" deutlicher vorgegeben. Zugleich ermöglichte dieses Vorgehen eine produktive Umkehrung der Perspektive: Biografische Narrationen entstanden nun häufiger aus einer "alter(n)sgerahmten" Gesprächssituation heraus und wiesen somit deutlichere Bezüge zum Thema Alter(n) auf. Die Frage, inwiefern das Thema Alter(n) für die Befragten von Relevanz ist, ließ sich dennoch an das auf diese Weise erhobene Material stellen, nämlich entlang der Häufigkeit, Intensität und Spezifik, mit der sie im Gesprächsverlauf auf das Thema Alter(n) zurückkamen. [13]

Der anfängliche Eindruck, wonach Alter(n) für die Befragten eine eher "nebensächliche" Kategorie biografischer Erfahrung darstellt, blieb dabei bestehen: Die GesprächspartnerInnen woben die Kategorie Alter(n) keineswegs automatisch in ihre Narrationen ein; ihr gegenüber herrschte überwiegend vielmehr skeptische Toleranz oder auch kritische Distanz vor. Die Frage nach der Erfahrung des Älterwerdens wurde verstanden und beantwortet, doch man selbst würde sie sich wohl eher nicht stellen. Da ums Alter(n) also durchaus "gewusst", ohne Anlass aber im Rahmen einer biografischen Selbsterzählung nicht unbedingt gesprochen wurde, erschien uns die Kategorie Alter(n) zunehmend als eine Art latenter Hintergrundbedingung, insofern sie nur situativ – etwa in der Interviewsituation – explizit aktualisiert wird. Dabei spielten Altersbilder – also kulturell normierte Vorstellungen vom Alter(n) – paradoxerweise durchaus eine wichtige Rolle; durchgängig etwa tauchen im Interviewmaterial Vorstellungen vom Alter als einerseits unvermeidlicher (gesundheitlicher, geistiger, körperlicher) Abbau bzw. andererseits Zugewinn von Reife und Gelassenheit auf, ebenso wie eher jüngeren Altersdiskursen zuzurechnende Vorstellungen über die Wichtigkeit von Aktivität, Weiterbildung und gesundheitlicher Prävention. [14]

Aus dieser doppelten Beobachtung – Alter(n) als Erfahrung wird in Bezug auf die Relevanz für das eigene Selbstkonzept eher negiert bzw. diesem untergeordnet, zugleich aber entlang kulturell normierter Altersbilder affirmiert – resultierte aufseiten der Forschenden eine genauere Befragung der eigenen heuristischen Konzeption von Alter(n). Dabei wurde uns zunächst vor allem die besondere Bedeutung der Zeitlichkeit der Alter(n)serfahrung im Vergleich mit anderen biografischen Erfahrungen (etwa: Krankheit, Liebe, Elternschaft, Stress, Erwerbslosigkeit, Trauer o.ä.) bewusst: Alter(n) – in der weitestmöglichen Definition verstanden als Veränderung des Lebens in der Zeit – umfasst das ganze Leben der Einzelnen und lässt sich genau deshalb streng genommen nicht spezifisch erfahren: "Wenn Altern in Begriffen eines Ablaufs von Zeit beschrieben wird, ist es für das Bewusstsein schwierig, das Erleben dieses Prozesses wirklich festzuhalten" (HEIKKINEN 1995, S.174; vgl. HOCKEY & JAMES 2003, S.41). Auf der anderen Seite wird Alter(n) gesellschaftlich – angelehnt an die vermeintliche Objektivität des chronologischen Alters (kritisch dazu: BAARS 2007) – bestimmten Personengruppen und Lebensphasen zugewiesen. Alter(n) ist folglich, wie kaum eine andere soziale Kategorie, beides: zeitlich und sozial spezifisch (sie bezeichnet, historisch relativ variabel, eine bestimmte Lebensphase und eine spezifische Personengruppe) und vollkommen unspezifisch oder universal (alle Menschen altern lebenslang). Dieser fluide Doppelcharakter des Alter(n)s verleiht gesellschaftlichen Altersbildern und -normen einerseits besonderes Gewicht, erlauben doch erst diese dem Subjekt, das Alter(n) als spezifische Erfahrung überhaupt zu erleben und zu benennen. Andererseits eröffnet er den alternden Subjekten die Option, sich selbst von allzu negativen Zuschreibungen bzw. normativen Imperativen auszunehmen – ohne dabei den Bereich des sozial Verständlichen zu verlassen: Was ich erlebe, ist dann eben nicht "typisch alt", sondern ganz einfach "normal" oder "individuell". Alter(n) erweist sich, so unsere konzeptionelle Schlussfolgerung, paradoxerweise als einerseits hochgradig normierte, andererseits als relativ "weiche" soziale Kategorie, die es selbst hochbetagten Menschen erlaubt, sich von ihr zu distanzieren, ohne dass sie damit als Kategorie an Plausibilität verliert. [15]

Diese Überlegungen resultierten aus dem Forschungsprozess selbst und lassen sich im Sinne der Grounded-Theory-Methodologie als eine erste forschungsgenerierende Hypothese (STRAUSS 2004 [1987]) bezeichnen, deren systematische Einbeziehung in den Forschungsprozess zugleich eine Überarbeitung des Erhebungsinstruments, einen erweiterten methodischen Blick sowie schließlich eine präzisierende Neuformulierung der forschungsleitenden Fragestellung nach sich zog: War die Ausgangsfrage noch die nach der Diversität der Alter(übergangs)erfahrung gewesen, so stellten sich jetzt die Formen der (De-)Thematisierung von Alter(n) als produktives Element narrativer Selbstkonzepte als zu untersuchender Gegenstand dar. Der weitere Forschungs- und Auswertungsprozess hatte nun zum Ziel, dieses Verständnis am und im erhobenen Interviewmaterial weiter auszuarbeiten und auf die Frage nach der Bedeutung veränderter gesellschaftlicher Thematisierungsweisen von Alter(n) sowie spezifischer Übergangsregime zurückzuführen. [16]

3.2 Methodologische Rahmung und methodischer Zugang

Von den diversen, teils in den methodologischen Vorannahmen relativ weit auseinanderfallenden Strömungen der GTM (vgl. MEY & MRUCK 2011) erschien uns für unser Forschungsanliegen insbesondere die konstruktivistische Perspektive von Kathy C. CHARMAZ (2011) als produktiv, insofern diese darauf abzielt, "individuelles Handeln und individuellen Sinn in größeren sozialen Strukturen und Diskursen zu verorten, derer sich die Forschungsteilnehmer/innen nicht notwendig bewusst sein mögen" (S.185). Damit ist CHARMAZ' Ansatz nicht nur an die weiter oben beschriebene Perspektive der kritischen narrative gerontology anschließbar (Abschnitt 2.), sondern zeigt zugleich, wie deren soziologische Erweiterung theoretisch und methodologisch eingeholt werden kann – und schließt somit an Arbeiten an, die etwa im Anschluss an Michel FOUCAULT (1987 [1982], 1991 [1976]) auf das Zusammenspiel von Diskursen und subjektiver Erfahrung, d.h. auf die narrative Einnahme bzw. Herstellung von "Subjektpositionen" im biografischen Interview (SCHÄFER & VÖLTER 2005; TUIDER 2007) fokussieren. Obwohl wir die generelle methodologische Perspektive dieser Arbeiten teilen, kam es uns aufgrund unserer ersten Ergebnisse und Erkenntnisse darauf an, die Möglichkeit, dass Subjekte sich (zumindest explizit) nicht altersbezogen positionieren, systematisch offenzuhalten. Dies bedeutet, im Interview geäußerte subjektive Deutungen einerseits zu verstehen als "performative Praktiken (...), in denen sich die Individuen ihrer selbst vergewissern und als sinnhaft Handelnde in einer spezifischen Weise konstituieren (...)" (KARL 2007, §21) und andererseits zu untersuchen, wo und wie sich "Alter(n)" als performative und diskursive Praktik in diese Konstitution einschreibt (oder eben auch nicht) – ohne zwischen beiden Ebenen einen a priori gegebenen Zusammenhang anzunehmen. [17]

Was aber bedeutet "diskursiv" im Kontext unserer Forschungsfrage? Wie bereits in Abschnitt 1 festgestellt, wird das Alter(n) in jüngerer Zeit ohne Zweifel in vielfältiger Weise gesellschaftlich "adressiert, aktiviert und diskriminiert" (VAN DYK 2009). Dies ist allerdings weniger Resultat politischer oder kultureller Mobilisierungen der "Alten" selbst, als vielmehr Indiz einer allgemeinen sozialpolitischen und wissenschaftlichen "Sorge" um das Alter(n) und seine (zukünftigen) Probleme bzw. Potenziale, die sich durchaus relativ unabhängig vom Selbstverständnis der je konkreten alten und älteren Menschen verbreitet. Diskurse um das Alter(n) sind somit in ihrer Bedeutung für explizite subjektive Selbstverortungen in sozialen Kollektiven konstitutiv uneindeutig. Zweifellos verstärken sie die Bedeutung des chronologischen Alters für individuelle Selbstverortungen, andererseits können sie gerade aufgrund ihrer relativen Abstraktheit und Alltagsferne von den Subjekten aber auch vergleichsweise problemlos zurückgewiesen oder schlicht wenig beachtet werden. Insofern sind sie zugleich mehr und weniger als "Kollektivvorstellungen" im Sinne Karl MANNHEIMs (1980 [1929]): mehr, insofern sie nicht nur "die Bedeutsamkeiten der Objekte möglicher Erfahrungen überindividuell und überpsychisch fest[legen]" (S.231), sondern zugleich das Objekt selbst – Alter(n) als historisch spezifische soziale Erfahrung – erst konstituieren; weniger, insofern sie genau deshalb keinen bereits gegebenen "konjunktiven Erfahrungsraum" adressieren, sondern dieser wird diskursiv erst produziert. Dabei bleibt fraglich, ob und auf welche Weise die vom Diskurs adressierten Subjekte sich tatsächlich als Teil eines imaginären "Alters-Kollektivs" wahrnehmen. [18]

Ausgehend von diesen Überlegungen schien uns die in Anlehnung an Karl MANNHEIM entwickelte dokumentarische Methode (BOHNSACK 2010, S.31-68) – mit ihrer starken Orientierung auf bereits konstituierte soziale Gruppen bzw. Milieus – für unser Forschungsanliegen theoretisch-konzeptionell eher nicht geeignet. Dennoch ist auch und gerade im Zusammenhang mit dem Forschungsgegenstand Alter(n) die für die dokumentarische Methode grundlegende Annahme einer Differenz zwischen dem expliziten und impliziten Orientierungswissen der Subjekte produktiv. Denn prinzipiell kann ein "altersbezogenes" Orientierungswissen ja (gerade) auch dort vorliegen, wo Altersbezüge explizit negiert werden. Mehr noch, für das Thema Alter(n) kann – bedingt durch dessen hohe normative "Formbarkeit" – sogar eine möglicherweise recht große Differenz von implizitem, habitualisiertem bzw. "handlungspraktischem Wissen" (PRZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR 2009, S.275) einerseits und expliziten normativen Fremd- und Selbstzuschreibungen andererseits angenommen werden. Sinnvoll (und praktikabel) schien uns deshalb, zwischen expliziten Beschreibungen, Argumentationen und normativen Zuschreibungen und impliziten Orientierungen im Material zu unterscheiden.2) In unserer Auswertung erwies sich hier insbesondere das Konzept des "Orientierungsrahmens" als hilfreich. Dieses umfasst zum einen die (prinzipiell möglichen bzw. empirisch vorfindlichen) positiven oder negativen "Gegenhorizonte" sowie die Möglichkeit der konkreten Umsetzung der jeweiligen Orientierung, ihr "Enaktierungspotenzial" (BOHNSACK 2010, S.136; vgl. auch NOHL 2006). Im Blick auf die jeweils handlungsleitenden und -ermöglichenden subjektiven Orientierungen lassen sich, so jedenfalls unsere Annahme, nicht nur die diskursiv-normativen, sondern zugleich die handlungsrelevanten Dimensionen subjektiven Alter(n)s untersuchen – und die möglicherweise spannungsgeladene Beziehung zwischen beiden Ebenen. [19]

3.3 Sample und Auswertung

Insgesamt wurden im Verlauf des Forschungsprozesses 38 leitfadengestützte Einzelgespräche mit alten und älteren Menschen geführt. 35 davon wurden (teil-) transkribiert und ausgewertet. Die meisten der Befragten waren zwischen 60 und 80 Jahre alt, gehörten also jener Altersgruppe an, die gemeinhin als "älter" oder auch "alt" bezeichnet wird, ohne bereits dem "vierten" Lebensalter zugeordnet zu werden. Zusätzlich wurden – im Sinne der "sukzessiven Fallauswahl" (vgl. MEY & MRUCK 2010, S.15) – jeweils einige jüngere (ab 45) und ältere (bis 95) Personen befragt, um eine größere Bandbreite an Sichtweisen aufs Älterwerden zu erfassen, sowie Personen, die ihren Haushalt nicht mehr selbstständig führen, sondern durch ambulante Dienste unterstützt werden bzw. in Pflegeeinrichtungen wohnen. Grundlage der Auswahl der Befragten war zudem eine möglichst breite Streuung im Hinblick auf Geschlecht, Lebensalter, Beruf und Bildungsmilieu. Auf diese Weise sollte der bereits früh im Forschungsprozess gewonnene doppelte Eindruck einer einerseits in praktisch allen Gesprächen zutage tretenden Distanz gegenüber der Kategorie "Alter" (als Kategorie der Selbstverortung) bei andererseits gleichzeitiger Varianz der Alters(selbst)deutungen im Hinblick auf mögliche sozialdemografische Zusammenhänge weiter überprüft und vertieft werden. Menschen mit Wohnsitz in den neuen Bundesländern sowie mit Migrationshintergrund wurden demgegenüber nicht befragt, da in beiden Gruppen davon ausgegangen werden kann, dass relevante institutionelle Rahmenbedingungen sowie Deutungsmuster des Alter(n)s von denen der westdeutschen "Mehrheitsgesellschaft" in wesentlichen Punkten abweichen und deshalb im Rahmen dieser Studie nicht angemessen berücksichtigt werden können.3) [20]

Die Kontakte zu den InterviewpartnerInnen wurden einerseits institutionell hergestellt (SeniorInneneinrichtungen, Pflegestationen), andererseits per Schneeballsystem. Zudem wurden InterviewpartnerInnen auch über Anzeigen in lokalen Printmedien geworben. Fast alle Gespräche wurden in den Wohnungen (bzw. Einrichtungen) der Befragten durchgeführt; sie dauerten in der Regel zwischen ein und zwei Stunden. Die Gesprächsführung orientierte sich nach Setzung eines ersten Erzählimpulses vor allem an den von den Befragten vorgenommenen Relevanzsetzungen (vgl. PRZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR 2009, S.139). Der Einsatz des Gesprächsleitfadens wurde diesen Relevanzsetzungen angepasst und erfolgte meist erst in einer späteren Phase des Gesprächs; er diente insofern dem "Kommunikationsprozess [eher] als eine Hintergrundfolie" (WITZEL 2000, §8), als dass er streng "abgearbeitet" wurde. [21]

Die Auswertung des Interviewmaterials erfolgte in mehreren Etappen; die parallele Weiterentwicklung von Fragestellung und methodologischem Verständnis des Forschungsgegenstandes erforderte dabei die wiederholte Re-Analyse des Materials und bereits erfolgter Interpretationen im Sinne des fortschreitenden Erkenntnisprozesses. Auch hier gilt also, dass der konkrete Auswertungsprozess weniger einem exakten Ablaufschema folgte, sondern darauf abzielte, Variation in "Daten und Analysen ausfindig zu machen und (...) nach Beziehungen zwischen entstehenden Kategorien [zu suchen]" (CHARMAZ 2011, S.194). Grundlage der Auswertung waren ausführliche Teil- bzw. überwiegend Volltranskripte der Interviews, die mit einem "Postskript" (WITZEL 2000, §9) zu Interviewsituation und Gesprächsverlauf versehen wurden. Entlang der Transkripte wurde das Material zunächst fallbezogen kodiert. Die Zuordnung der Codes erfolgte in diesem Stadium der Analyse sowohl theoriegeleitet entlang der inhaltlichen Schwerpunkte des Leitfadens als auch "offen" in Bezug auf weitere, im Material auftauchende thematische Aspekte. Erste Memos zu den je fallspezifisch zentralen Themenbereichen sowie vorläufigen Auswertungsideen wurden parallel erstellt. Mithilfe kontrastierender Fallvergleiche wurden im nächsten Auswertungsschritt folgende fallinternen und fallübergreifenden inhaltlichen Querschnittsdimensionen bzw. "Achsenkategorien" ermittelt: 1. Übergänge (allgemeine biografische Übergänge, Renteneintritt als zentraler institutionalisierter Altersübergang, antizipierte oder retrospektiv beschriebene Übergänge ins [mögliche] "vierte" Lebensalter; 2. Wahrnehmungen und Thematisierungen des eigenen Älterwerdens und "gefühltes" Alter; 3. Altersbilder (im Sinne stärker abstrakter Alterskonzepte – wann ist jemand "alt"?) sowie 4. Selbstkonzepte (im Sinne expliziter oder impliziter Thematisierungen der eigenen Person und Biografie). Dabei korrespondieren vor allem die ersten drei Vergleichskategorien mit dem ursprünglichen Forschungsinteresse, sind in diesem Sinne also Konzepte, "which relate to general topics of interest covered in the data material" (KELLE 2005, §38). Insofern "emergieren" die genannten Kategorien weniger "von sich aus" aus dem erhobenen Material, als dass sie notwendig in einer Art Koproduktion von Beforschten und ForscherInnen entstehen. Für die vierte Vergleichsdimension oder Achsenkategorie, die Selbstkonzepte, gilt das allerdings weniger: Deren zentrale Bedeutung für die subjektive Interpretation des Alter(n)s – genauer gesagt: ihre zugleich moderierende und erklärende Rolle in Bezug auf die anderen drei Kategorien – zeigte sich erst im Prozess der fallinternen und fallvergleichenden Auswertung. Auf der Basis der ermittelten Kern- bzw. Querschnittskategorien wurden die vorläufigen Fallbeschreibungen überarbeitet und vervollständigt sowie auf dieser Basis weitere theoretisch-konzeptionelle Memos zur Frage der De-Thematisierungsweisen von Alter(n) erstellt und im Forschungsteam diskutiert. [22]

Als zentrale Schlüsselkategorie und generelle Deutungshypothese konnte so die Kategorie der "relativen Alterslosigkeit" (vgl. Abschnitt 4.1; siehe auch GRAEFE et al. 2011) bestimmt werden. Diese galt es nun weiter zu vertiefen und auszuarbeiten. Auch wenn ein qualitatives Sample keine sozialstrukturelle Repräsentativität beanspruchen kann, so interessierte uns doch auch, ob sich im Material – im Hinblick auf Geschlecht, Milieu und Lebensalter – wiederkehrende und insofern sozial "typische" Thematisierungsweisen finden lassen. Im weiteren Auswertungsprozess wurden deshalb kontrastierende Fallvergleiche durchgeführt, bei denen jeweils zwei Fälle gegenübergestellt wurden, die im Hinblick auf jeweils ein Merkmal (Lebensalter, Geschlecht, soziales Milieu) differierten. Auf dieser Basis erfolgte eine erneute Interpretation der Schlüsselkategorie "relative Alterslosigkeit" sowie darauf aufbauend die Erarbeitung einer Typologie von (Alters-) Selbstkonzepten (vgl. Abschnitt 5) entlang der differierenden Orientierungsrahmen im Sinne der positiven und negativen Gegenhorizonte sowie des "Enaktierungspotenzials" der subjektiven Altersdeutungen. Dabei zeigte sich zunächst deutlich der Kontrast zwischen zwei zentralen Haupttypen (vgl. GRAEFE & LESSENICH 2012); in einem weiteren und letzten Auswertungsschritt konnten schließlich die übrigen Fälle zu einem dritten Typus zusammengefasst und interpretiert werden. Die Erstellung einer Typologie war dabei nicht von vorneherein das ausdrückliche Ziel des Auswertungsprozesses, sondern entwickelte sich aus dem Prozess der Arbeit an einer "dichten Beschreibung" (GEERTZ 2003 [1989]) der Vielfalt und Ausprägungen "relativ altersloser" Selbstverortungen heraus – und verhalf dann wiederum zu einem vertieften Verständnis eben dieser Vielfalt und ihrer soziologischen Relevanz. [23]

4. Ergebnisse

4.1 Schlüsselkategorie: "Relative Alterslosigkeit"

Die meisten der Befragten thematisierten die soziale Erfahrung Alter(n) wie erwähnt zwar im Rahmen der Interviewsituation, nicht aber unbedingt von sich aus – und wo sie thematisiert wurde, wurde sie oft negiert, zumindest aber deutlich relativiert. Daneben finden sich im Interviewmaterial aber durchgängig auch (mehr oder weniger) ausführliche Thematisierungen von (vermeintlichen) Eindeutigkeiten des Alter(n)s, die zu der bekundeten relativen Bedeutungslosigkeit (bzw. Uneindeutigkeit) des Themas in Spannung stehen. Stereotype, vor allem negative Bilder des Alter(n)s, spielen in fast allen Interviews eine Rolle, meist allerdings kommen sie in Form von Abgrenzungen ("wie ich nicht bin") zum Einsatz oder werden in die – erwartete bzw. gefürchtete – persönliche Zukunft verlegt. Das Alter(n) wird so gleichsam aus der erwachsenen Gegenwart der Befragten "ausgelagert", d.h. auf (konkrete oder abstrakte) Andere projiziert und/oder im eigenen Lebenslauf prospektiv nach hinten verschoben. [24]

Die in diesem Sinne relative – und, insofern sie von Alter(n)serzählungen begleitet wird und selbst eine Thematisierungsweise darstellt, paradoxe – Dethematisierung des Alter(n)s hat also zwei Dimensionen: 1. die (gegenwartsbezogene und retrospektive) Decodierung von Alter(n)srelevanzen sowie 2. die Auslagerung des "eigentlichen" Alters aus der aktuellen, "erwachsenen" Gegenwart und seine Projektion in die Zukunft. Erzähltes subjektives Alter(n), so das vorläufige Ergebnis, produziert weniger spezifische, alter(n)sbezogene Subjektpositionen, als vielmehr deren (relative) Negation. [25]

Nicht zuletzt deswegen handelt es sich bei der im Folgenden dargestellten Typologie subjektiver Alters(losigkeits)konzepte gerade nicht um eine Typologie von Altersidentitäten im Sinne einer stabilen und kohärenten Selbstkonstruktion (vgl. GRAEFE 2010). Das Alter(n) bleibt dem – relativ alterslosen – Selbstkonzept der Befragten durchgängig nachgeordnet. Es kann also nicht davon ausgegangen werden, dass die Kategorie Alter(n) ab einem bestimmten Lebensalter umfassend orientierungs- und handlungsleitend wird. Ebenso wenig handelt es bei dem von uns untersuchten Phänomen um "subjektive Theorien" im Sinne "komplexe[r] Kognitionssysteme des Erkenntnisobjekts" (GROEBEN & SCHEELE 2000, §3), da die Darstellungen, bezogen auf das Thema Alter(n), eher wenig kognitiv ausgearbeitet und in sich kohärent sind. Wohl aber handelt es sich um einen Orientierungsrahmen im Sinne eines impliziten, habitualisierten Handlungswissens (vgl. BOHNSACK 2006, S.132), das unter gewissen Bedingungen – etwa der Interviewsituation – mehr oder weniger explizit aktualisiert wird. Eben weil die Interviewsituation selbst eine solche Aktualisierung gleichsam herausfordert, kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Orientierungsrahmen "Alter(n)" auch außerhalb der Interviewsituation für die GesprächspartnerInnen tatsächlich handlungsleitend ist. Am ehesten greift deshalb hier der unscharfe Terminus "Konzept", weil er den Ad-hoc-Charakter der subjektiven Darstellungen ebenso einfängt wie das patchworkartige Zusammengehen von Selbstkonzepten, konkreten Übergangserfahrungen, normativen Altersbildern, Interviewsituation und aktueller Lebenssituation. [26]

4.2 Typologie der (Alters-) Selbstkonzepte

Im empirischen Material lassen sich drei Formen bzw. Typen von (Alters-) Selbstkonzepten4) unterscheiden (die eingeklammerte Schreibweise trägt dabei dem generell prekären, uneindeutigen Status des Begriffs Alter[n] Rechnung): das "wandlungsfähige (Alters-) Selbst", das "kontinuierliche (Alters-) Selbst" sowie das "verunsicherte (Alters-) Selbst". Die beiden erstgenannten Typen weisen eine vergleichsweise hohe innere Kohärenz auf und lassen sich dabei, wie im Folgenden gezeigt wird, deutlich kontrastieren, während das "verunsicherte (Alters-) Selbst" eher den Charakter eines im wörtlichen Sinne "dritten" Typus hat, der weder exakt zwischen den beiden anderen Typen noch eindeutig außerhalb dieser anzusiedeln ist.

 

Wandlungsfähiges (Alters-)Selbst

Kontinuierliches (Alters-)Selbst

Verunsichertes (Alters-)Selbst

Orientiert auf …

Veränderung, Autonomie, Individualität

Alltag, Stabilität, Normalität

Problembewältigung, Selbsterhalt

Modus von Übergängen

Wandlung und Reifung

Aufstieg und Sicherheit

Einschnitt und Krise

Qualität von Übergängen

selbstbestimmt, ritualisiert

notwendig, selbstverständlich

fremdbestimmt, kritisch

Positiver Horizont: Alter(n) …

als Chance auf Entwicklung und Reifung

als Kontinuität der Lebensführung unter veränderten Bedingungen

findet nicht statt

Negativer Horizont: Alter(n) als …

Fremdbestimmung, Prekarität

Krankheit, Schmerzen, Gebrechen

Irreversibler Verlust von Lebensmöglichkeiten

Enaktierungspotenzial

eher hoch

situationsabhängig

eher niedrig

Handlungsmodus

"Arbeit am Selbst"

"Weitermachen wie bisher"

"Sich arrangieren"

Identitätstypus (KAUFMANN 2005)

biografisch

unmittelbar

indifferent

Tabelle 1: Typologie der (Alters-) Selbstkonzepte [27]

4.2.1 Das wandlungsfähige (Alters-) Selbst

Die Befragten dieses Typus fühlen sich in der Regel deutlich jünger als sie sind. Die Differenz zwischen dem gefühlten und dem kalendarischen Alter resultiert dabei weniger aus einem als objektiv unterstellten Jüngersein (etwa entlang physischer oder gesundheitlicher Merkmale), als eher aus einer "jugendlichen" Lebenseinstellung – was durchaus damit einhergehen kann, dass die Notwendigkeit, "zu seinem Alter zu stehen", betont wird (indem man sich etwa bewusst die grauen Haare nicht färbt).5) Wie man altert, erscheint hier als Frage der eigenen Bereitschaft, Wandlungen im Lebenslauf nicht bloß zu erleiden, sondern aktiv zu gestalten. Berichte von vielfältigen kulturellen, sportlichen und sozialen Aktivitäten finden sich hier durchgängig; betont wird zudem die Wichtigkeit sozialer Netzwerke. Zentral ist die Bereitschaft, sich selbst und die eigene Weltsicht durch Selbstreflexion, Selbstbildung und Kommunikation weiterzuentwickeln. Scheinbar eindeutig altersbedingte Einschränkungen werden aus Sicht der Befragten als verhaltensbedingte und somit gestalt- und veränderbare Phänomene verstanden:

"Und ich bin, ich hab's auf Bildern gesehen, das hat mir ja keiner gesagt, bin krumm gegangen. Und da hat allerdings mein Mann gesagt, der auch eine gute Orthopädin hatte, hat mein Mann gesagt, zu der gehst Du mal hin. Und das hab ich gemacht. Und die hat mir zweimal Krankengymnastik verschrieben und nach den ersten sechs Stunden hab ich schon gemerkt, dass ich keine Rückenschmerzen mehr hatte. (...) da hat's Klick gemacht (...), du musst aktiv selber was tun. Und dann, dann hab ich mich wieder ganz normal, ich will nicht gerade sagen jünger gefühlt, aber damals hab ich gedacht, na, du wirst eben alt, Quatsch, das liegt nicht am Alter, das liegt an der Faulheit." (Frau S., 78 Jahre)6) [28]

Implizit weist die Interviewpartnerin hier eine Orientierung auf Alter als Schicksal von sich. Wie – und letztlich auch: ob überhaupt – jemand (subjektiv und objektiv) altert, ist demnach eine Frage der individuellen Motivation und Disziplin. Die erzählte Situation liegt dabei schon einige Jahre zurück. Den damals von außen provozierten "Klick" hat die Befragte inzwischen in Form eines umfangreichen Sport- und Weiterbildungsprogramms fest im Alltag installiert. Die diversen Aktivitäten sind dabei nicht bloß ein "technisches" Präventionsprogramm. Sie setzen vielmehr auch eine bestimmte innere Einstellung voraus, nämlich die Bereitschaft, aktiv an sich selbst zu arbeiten. Dies formuliert auch die folgende Gesprächspartnerin, die zunächst erklärt, sie fühle sich "überhaupt nicht" wie 71. Denn dann

"(...) sitzt man wahrscheinlich im Stuhl und ächzt ein bisschen, es ziept an manchen Ecken des Körpers und ja, ich glaube, da ist man auch ein bisschen trauriger. Aber ich kenn trotzdem Leute, die im Rollstuhl sitzen und eine Ausstrahlung haben, die unwahrscheinlich ist. Das wünsch ich mir eigentlich auch für später, wenn ich mal nicht mehr kann, dass ich dann von all dem, was ich so erlebt hab, zehren kann und mich freuen kann, dass es so war. Und es war auch große Arbeit dahin zu kommen. Ist mir nicht in den Schoß gefallen. [I: Also dahin zu kommen, meinen Sie jetzt.] Zu dieser Lebenseinstellung halt." (Frau M., 71 Jahre) [29]

Weil die Befragte "große Arbeit" in ihre Einstellung investiert hat, fühlt sie sich "überhaupt nicht" so alt, wie sie kalendarisch ist. Somit kann sie berechtigt darauf hoffen, selbst noch im Rollstuhl – als ein hier auf anonyme Andere projiziertes Sinnbild für die Hinfälligkeit und Abhängigkeit des hohen Alters – über eine "Ausstrahlung" zu verfügen, die das Alter gleichsam transzendiert. Die Metapher der "Ausstrahlung" verdeutlicht: Alt aussehen bedeutet u.U. nicht nur nichts, es kann sich sogar als Indiz eines besonders gelungenen Nicht-Alterns erweisen: trotz offenkundiger Altersanzeichen nämlich "von innen heraus" jugendlich zu wirken. [30]

Das eigene Selbst ist für diesen Typus ein zentraler Bezugspunkt des Handelns. Das Selbst wird dabei weniger als unveränderlicher Persönlichkeitskern gefasst, denn als lebenslange Aufgabe: Es soll sich – in Auseinandersetzung mit den jeweiligen Lebensumständen – verändern, wachsen und reifen. Biografische Übergänge wie die Verrentung, runde Geburtstage, aber auch kritische Lebensereignisse werden als Anlässe und Gelegenheiten verstanden, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Biografie geschieht nicht einfach, sie wird bewusst und häufig auch rituell gestaltet.

"Also dass, dass ich auf dem Weg bin und nicht irgendwo sitze wie ein Buddha (...). Ich bin auf einem Weg. Ich bin auf dem Weg. Meine Sammlung, hab ich auch im Ruhestand gemacht, alles fein säuberlich abgeheftet, hab ich genannt Lebenswege, da geht vom Abiturzeugnis, von den Grundschulzeugnissen mit allem Möglichen, was sich da mit wichtigen Schriftstücken, geht das bis heute, was zufällig anfällt, keine Beschreibung, sondern was da grad so ist. Und das hab ich Lebenswege genannt. Und jetzt diese Bücher, jetzt mach ich so Jahresbücher, die nenne ich 'unterwegs'. Unterwegs. In die Richtung will ich versuchen, was zu sagen. Dass etwas zurück war, das heißt ja zugleich, morgen ist was anders." (Herr M., 78 Jahre) [31]

Den positiven Horizont des wandlungsfähigen (Alters-) Selbst bildet das Alter als (weitere) Gelegenheit zu persönlichem Wachstum und Reifung bzw. Selbstbestimmung. Das Konzept von der lebenslangen Arbeit am (gestaltbaren und insofern autonomen) Selbst greift erst dort nicht mehr – der negative Horizont –, wo der Übergang in ein Altersstadium antizipiert wird, in dem genau dies – die entwicklungsbezogene Selbstjustierung – nicht mehr möglich scheint.

"Aber nicht im Rollstuhl noch 20 Jahre rumgeschoben werden. Fremdbestimmung das ist für mich das allerletzte. Ich wollte in meinem Leben immer selbst bestimmen und wenn ich mir so vorstelle, so Siech-, Pflegestufe drei. Man weiß nicht ob man den Mund aufmacht wenn, wenn man den Befehl hört, ja? (...) Ich werde mich vielleicht zu diesem Thema noch, wirklich engagieren, ja? Ich spreche jetzt von Medikamenten die man, bekommt, damit man eben Suizid begehen kann, so lange man das noch kann (...) weil, selbstbestimmtes Leben ist einfach wunderschön, und Abhängigkeit [lacht] ist schlimmer wie ne Todsünde oder der Satan, nein." (Frau B., 60 Jahre) [32]

Altsein wird hier als bedrohlicher Zustand des bloß noch Verwaltetwerdens beschrieben; ein Übergang, der besser gar nicht mehr erlebt werden sollte. "Selbstbestimmung bis zuletzt" erscheint hier als altersunabhängige, persönliche Werteentscheidung – und das (mögliche) Ende dieser Selbstbestimmung als "Todsünde" bzw. "Satan" – dem allerdings durch Engagement bzw. Vorsorge wiederum selbstbestimmt zu begegnen ist. [33]

Dieser überaus negativen Sicht aufs hohe und pflegebedürftige Alter kontrastiert in anderen Fällen eine fast schon romantische Sicht auf die Wandlungsfähigkeit des Selbst bis zuletzt. So spricht Frau M. etwa davon, dass "der Raum sich verkleinert bis zu einem Zimmer, Bett, Sarg, so. Und trotzdem kann man mit Leben füllen. [Pause] Und das finde ich auch spannend, da drauf zuzugehen." Beides, das hohe Alter als Ende der individuellen Selbstbestimmung und als letzte Station der selbstbestimmten Lebensgestaltung haben ihren gemeinsamen Nenner im Primat der Gestaltbarkeit des eigenen Lebens: Vom Grad ihrer Wahrscheinlichkeit hängt die Bewertung des hohen Alters ab. [34]

Ein weiterer negativer Gegenhorizont findet sich in Bezug auf die antizipierte eigene bzw. bei anderen wahrgenommene soziale Lage. Fast alle Befragten dieser Gruppe betonen das "Glück" oder "Privileg" ihrer eigenen Situation und grenzen sich empathisch von Menschen ab, die es weniger gut getroffen haben. Wo die eigene Situation jedoch nicht so eindeutig privilegiert ist, wird eine – von jüngeren Befragten – befürchtete Prekarität im Alter zu einem durchaus wichtigen Bezugspunkt der Reflexion, die wiederum das Alter(n) ins Spiel bringt:

"(...) wir werden arbeiten müssen bis wir 67 sind, also ich möcht schon nicht jetzt arbeitslos werden, und dann bis 67 noch keine Rente bekommen, da wüsst ich gar nicht, wie ich meine Kinder durchbringen soll. Da schlägt das Alter zum Beispiel zu, [dar]über hat man sich früher keine Gedanken gemacht." (Frau S., 49 Jahre) [35]

Unter bestimmten sozialen Bedingungen wird Alter(n) drastisch zum Problem – es "schlägt zu". Darin impliziert ist das Wissen um spezifische Formen von Altersdiskriminierung: dass man z.B. ab 50 kaum noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Ein solchermaßen von außen verfügtes, diskriminierendes Alter(n) symbolisiert zugleich das mögliche Ende der subjektiven Gestaltbarkeit des eigenen (Alters-) Selbst. Nicht zuletzt deshalb erscheint es besonders bedrohlich. [36]

Das Enaktierungspotenzial des wandlungsfähigen (Alters-) Selbst ist generell hoch. Die Befragten sind sich sicher – jedenfalls so lange, wie die eigene Pflegebedürftigkeit nicht absehbar ist, sozial prekäre Lebenslagen nicht konkret drohen –, ihre Vorstellungen vom "guten Alter(n)", die im wesentlichen dem Ideal einer selbstbestimmten und selbstregulativen Lebensführung entsprechen, realisieren zu können; einfach deshalb, weil sie dies schon mehr oder minder lebenslang praktizieren. Bei aller Betonung von Wandlungsfähigkeit sollte jedoch nicht aus dem Blick geraten, dass implizit auch hier ein zwar lebenslang veränderliches, eben darin aber auch kontinuierliches Selbst unterstellt wird. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu, so ließe sich das Lebensmotto dieser Gruppe idealtypisch formulieren. [37]

Das wandlungsfähige (Alters-) Selbst wird von jüngeren Befragten aus "alternativen" Milieus und generell von Befragten mit starker Bildungsorientierung und akademischem Hintergrund artikuliert, außerdem von alleinlebenden Frauen und Frauen aus ehemals traditionellen "Ein-Ernährer-Ehen", die ihre biografisch relativ früh erfolgte Witwenschaft als zweite Lebensphase mit deutlich höheren Selbstbestimmungspotenzialen erleben und genießen. Es ist insofern eher "weiblich", als es häufiger von Frauen artikuliert wird – und alle Männer, die sich diesem Typus zuordnen lassen, thematisieren ihre Geschlechterrolle und reflektieren sie. [38]

4.2.2 Das "kontinuierliche (Alters-) Selbst"

Während das wandlungsfähige (Alters-) Selbst auf Veränderung, Wachstum und Reifung (gerade) auch im Alter fokussiert ist, ist für das "kontinuierliche (Alters-) Selbst" zentral, dass man sich im Alter nicht grundlegend verändert. Man fühlt sich in diesem Sinne also nicht unbedingt "jugendlich", sondern eher "ganz normal" – und begründet davon ausgehend die eigen relative Alterslosigkeit.

"Also, mir is egal wie alt jemand is, gell [Pause] nee,und jeder kriegt Schläge angedroht, wenn er sagt ich wär alt gell [lacht]. Ja ich sag immer (...) wie ich da so rumrenne, durch die Gegend laufe und mach und tue, gell, ich fühl mich auch nicht alt, nur dass dies etwas Langsamere also des Körperliche ein bisschen, denk mir, es könnt noch ein bisschen schneller gehen, wie früher, gell, aber da lass ich mir halt Zeit, ne, ist auch nicht tragisch, aber lass ich mir dann halt Zeit." (Herr H., 67 Jahre) [39]

Ausdrücklich fühlt der Befragte sich "nicht alt". Zwar bemerkt er, dass er "etwas langsamer" wird, aber er misst dieser Feststellung keine weitere Bedeutung zu – und versteht sie auch nicht als Aufforderung, an sich und seinem (alternden) Körper zu arbeiten. Im Gegenteil, er gibt sich "dann halt Zeit", möchte die Tatsache des Mehr-Zeit-Brauchens aber ausdrücklich nicht als Indiz für "Altsein" verstanden wissen. Augenzwinkernd droht er jedem "Schläge" an, der ihn für alt erklärt – und macht damit deutlich, dass Alter(n) aus seiner Sicht am Besten dadurch in Schach zu halten ist, dass man es so weit möglich ignoriert. [40]

Der Unterschied zum wandlungsfähigen (Alters-) Selbst liegt darin, dass zentraler Bezugspunkt der Selbstbeschreibung hier weniger das Selbst als Gestalter der Lebensführung ist, als vielmehr deren praktische Kontinuität. Bereits erlebte oder noch bevorstehende biografische Übergänge – ein runder und höherer Geburtstag oder auch die Verrentung – werden als selbstverständlicher Teil der Lebensführung in diese integriert, stellen selbst aber keine Anlässe für eine reflektierende Neujustierung des Selbstkonzeptes dar. Auch werden sie nicht eigens rituell gestaltet. Wichtig für die (prospektive oder retrospektive) Bewertung etwa der Verrentung sind vor allem der Modus und Zeitpunkt ihres Eintritts sowie der Grad der Absicherung, den die Rente garantiert. So gerät die "gute Rente" selbst zum Lebensziel – nicht aber, weil damit eine (neue) Zeit der Selbstreflexion und Weiterentwicklung anbricht, sondern weil die Rente belegt, dass der geplante soziale Aufstieg gelungen ist. Noch einmal Herr H.:

"Ja, so bin ich immer zeitlebens so mein ganzes Leben gegangen, immer in Gedanken dran, Rente, Altwerden und äh, naja, bisschen aufsteigen, was mir dann auch gelungen ist. Dass ich auch ne gute Rente habe, ne? ich hab jetzt 1750 Euro Rente gesetzliche und Betriebsrente und des hat ja auch nich jeder, ne, ja." [41]

Alter(n) erscheint hier als Thema, zu dem es eigentlich gar nicht so besonders viel zu sagen gibt. Dabei wird die (mögliche) Differenz zwischen äußerem und innerem Alter(n) als nicht besonders bemerkenswert empfunden bzw. das Äußere, soweit gestaltbar, erscheint als stimmiger Ausdruck der relativ alterslosen Selbstwahrnehmung; Innen und Außen müssen hier also nicht über Rückgriffe auf "Authentizität" oder "Ausstrahlung" vermittelt werden:

"... des kann man net sagen, also des könnt ich jetzt wirklich net einordnen, also wie alt ich mich fühle, aber wie über 60 nicht. [I: nicht hm] Also, ich denk da, als an die Generationen von meinen Großeltern, also wenn da Frauen 60 Jahre alt waren, des waren wirklich alte Frauen. Des kam natürlich auch durch die Kleidung und die Haarfrisuren, die sie hatten (...) und ja, ich bin jetzt zwar net modisch eingestellt, aber also leger und so weiter, so dass ich mich jetzt noch nicht als alte Frau fühle." (Frau B., 64 Jahre) [42]

Dass diese Selbstwahrnehmung altersunabhängig möglich ist, zeigt sich in Interviews mit einigen hochaltrigen Befragten, die ebenfalls für sich in Anspruch nehmen, "eigentlich" unverändert nicht-alt zu sein – selbst dann, wenn schon deutliche Veränderungen spürbar sind, die üblicherweise mit dem Alter in Verbindung gebracht werden, wie etwa eine beginnende Demenz oder starke Bewegungseinschränkungen.

"[Alter], des is nix anderes wie das Leben auch bisher. Ja sicher ist es anders, wenn Sie jetzt, äh ich freu mich genauso am Leben, aber es ist eben des es ändert ja nichts in meinen, in meinen Auffassungen, in meinem Empfinden, es ändert nur, dass ich nimmer alles kann aber ich ich, ich sage, ist genauso, ich freu mich über des genauso wie früher übers Ski fahren, freu ich mich heute, tja, dass ich früher aufstehen kann, dass ich des noch machen kann, das. Ich find da net viel Unterschied." (Frau H., 93 Jahre) [43]

Alter(n), so lässt sich zuspitzen, ist dort am besten zu bewältigen, wo es gar nicht erst stattfindet. Die Normalität des (eigenen) Nicht-alt-Seins wird dabei von einem durchaus möglichen und erschreckenden "eigentlichen" Alter abgegrenzt.

"(...) wir machen unsern Trott weiter [Pause] wird sich net viel ändern, wenn wir net, wovor wir beide Angst haben, ins Altersheim müssen oder verblöden oder sonst was." (Herr G., 68 Jahre) [44]

Solange der gewohnte "Trott" nicht unterbrochen wird, ist Alter(n) kein großes Thema. Gefragt danach, wie er "Alter" erklären würde, meint dieser Befragte, er würde:

"[drüben auf den] Kleine[n zeigen] und und sagen, das sind die Kinder, wir sind die mittlere Generation, normal, und da drüben hast die Nachbarin die ist älter, des is alt. Gebeugt, brüchig, gebückt, Witwenbuckel, anders könnte ichs net erklären." [45]

"Normal" – das heißt hier: alterslos – ist, wer noch keinen "Witwenbuckel", also noch keine sichtbaren Zeichen der Vergreisung aufweist. Zugleich erscheint Vergreisung als "eigentliches Altsein" als zwar unvermeidlicher, aber eben auch "unwünschbarer" Abbau und Verlust, dem, einmal eingetreten, das Subjekt selbst nur wenig entgegensetzen kann: Es wird gleichsam entmündigt, "muss" ins Altersheim, "Verblödung" droht. Diese Ablehnung des "eigentlichen" Alters wird jedoch nicht als persönliche Wahl und subjektive Präferenz gerahmt, sondern als Universalie: Niemand möchte "gebeugt, brüchig, gebückt" sein. Jedoch kann man eigentlich nur hoffen, dass dieser Zustand niemals eintreten wird. Krankheit, Schmerzen und Gebrechen erscheinen hier als negativer Horizont der subjektiven Alter(n)svorstellung. Das Alter selbst kann demnach beides sein: idealerweise neutral, insofern es gar nicht eintritt, oder "schlimm", insofern es Schmerzen und Gebrechen produziert. Ob das Alter(n) dem Subjekt zum Problem wird, hängt damit von Umständen ab, die es selbst nur sehr bedingt beeinflussen kann. Oftmals wird hier auf einzelne "Vorbilder" aus Eltern- oder Großelterngeneration verwiesen, die schnell und schmerzlos verstarben. Interessant ist dabei, dass eine ausdrücklich negative Sicht aufs (hohe) Alter eher bei den jüngeren Befragten dieser Gruppe auftaucht, während die Über-80-Jährigen betonen, auch dies sei eigentlich gar nichts Besonderes. [46]

Als gemeinsamer positiver Horizont lässt sich hier ein Alter(n) verstehen, das gleichsam unmerklich abläuft, in dem sich nichts Grundlegendes gegenüber der bisherigen Lebensführung ändert bzw. ändern muss. Das Enaktierungspotenzial dieser subjektiven Alter(n)skonzeption ist somit stark situationsabhängig: Solange sich die Lebensumstände nicht ändern, und das Subjekt sich "ganz normal erwachsen" fühlen kann, ist es recht hoch – sogar so hoch, dass auch bereits eingetretene mehr oder weniger starke Einschränkungen der Lebensführung relativ gut ins alterslose Selbstbild und in die alltägliche Lebensführung integriert, gleichsam "normalisiert" werden können. Allerdings kann sich dies ggf. auch relativ plötzlich verändern, wenn sich Einschränkungen einstellen, die eben diese Kontinuität bedrohen – umso mehr, als die Befragten eine solche Veränderung eher als Schicksal denn als selbstbestimmt zu regulierende biografische Option begreifen. [47]

Als typische Handlungskonsequenz resultiert aus diesem (Alters-) Selbstkonzept ein möglichst unbeirrtes "Weitermachen wie bisher", bei dem allerdings von Anpassungen der Lebensführung an sich verändernde Lebensumstände durchaus berichtet wird. Diese Anpassungen (etwa: Übergang ins betreute Wohnen) erfolgen in unmittelbarer Reaktion auf praktische Probleme, die sich im Alltag eingestellt haben. Befragte dieses Typus haben grundsätzlich ein positives, wenn auch nicht unbedingt sehr ausdifferenziertes Selbstkonzept: Sie sind zufrieden mit dem, wer sie sind und was sie im Leben erreicht haben und ziehen – unabhängig von ihrem Lebensalter – bereits jetzt eine positive Lebensbilanz, worin sowohl Erfolge als auch die Überwindung schwieriger Lebensphasen einfließen. Zentral ist, dass sich die an der sogenannten "Normalbiografie" orientierten Rollen- und Aufstiegserwartungen ("gute Rente", "eigenes Haus", "gesunde Kinder") erfüllt haben. Diese Erwartungen selbst werden nicht eigens reflektiert, sondern – auch im Rahmen der Interviewsituation – als selbstverständlich und somit nicht legitimationsnotwendig vorausgesetzt. "Brüchige Biografien" – die von Befragten aus der Gruppe der "Wandlungsfähigen" implizit, teils auch explizit positiv bewertet werden –, erscheinen hier als Negativfolie, vor der sich der eigene kontinuierliche Lebenslauf abhebt. [48]

Das kontinuierliche (Alters-) Selbst findet sich eher bei jüngeren und älteren Befragten aus nicht-akademischen Milieus sowie bei Hochaltrigen mit deutlicher Orientierung am "Normallebenslauf". Es zeigt sich in unserem Sample bei Männern deutlicher ausgeprägt als bei Frauen, impliziert in jedem Fall aber eine hohe, zumeist nicht weiter reflektierte Konformität mit traditionellen Geschlechterrollen. [49]

4.2.3 Das verunsicherte (Alters-) Selbst

Neben dem wandlungsfähigen (Alters-) Selbst und dem kontinuierlichen (Alters-) Selbst findet sich im Material noch ein weiterer Typus von Alter(n)sselbstkonzepten. Dieser zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass die eigene "relative Alterslosigkeit" hier vergleichsweise wenig selbstverständlich und selbstbewusst verhandelt wird, sondern von den Befragten entweder explizit als Problem formuliert oder implizit unsicher und uneindeutig beantwortet wird. Dabei wird thematisiert, dass ein vormals jugendliches oder neutrales Altersselbstbild inzwischen ins Wanken geraten ist, oder aber, dass zentrale Lebensführungspraktiken und Selbstkonzepte inzwischen an Gültigkeit verloren haben. Somit zeigt sich hier eine Kluft zwischen "eigentlicher" früherer und "uneigentlicher" (und bedrohlicher) neuerer Selbstwahrnehmung. So erklärt etwa der folgende Befragte, der eine hohe Berufsorientierung aufweist und für den die Verrentung "ein ausgesprochener Schock", ein "kleines Todesurteil" war, auf die Frage nach dem aktuellen Alterserleben Folgendes:

"Ich werde in drei Wochen 84. Mhm. Jetzt sehen Sie eine Mumie, ne, das hab ich Ihnen ja gesagt. [I: Hm, was meinen Sie mit Mumie?] Wenn Sie mich anschauen, optisch. [Pause] [lacht] Sie brauchen nicht drauf zu (antworten), nein. (...) Ja, Mumien, alte Typen sind Mumien." (Herr P., 83 Jahre) [50]

Plötzliche Arbeitslosigkeit – wenn auch ungewöhnlicherweise im bereits hohen Alter – bildet auch den Hintergrund der folgenden Äußerung:

"Und ich hab nie, der Gedanke ist mir überhaupt nicht gekommen. Da ist mir öfter mal gesagt worden, wenn's geheißen hat Senioren. Die eine Freundin, sagt sie, wann zählst Du Dich denn einmal zu den Senioren, sag ich, das weiß ich nicht, in 20 Jahren vielleicht, ne. Also ich hab die Idee nie gehabt. Nie, erst jetzt seit zwei Jahren vielleicht. [I: Jetzt würden Sie sich schon zu den Senioren zählen?] (...) Ja, jetzt schon, jetzt schon. Jetzt, ich lauf oft mal durch die Straße und denke, oh, E., 80 bist du bald, 80. Wie schaut das denn eigentlich aus, wenn du durch die Straße gehst mit 80? Solche Gedanken mach ich mir da." (Frau W., 79 Jahre) [51]

Gemeinsam ist den Erzählungen der dritten Gruppe, dass es spezifische Erfahrungen oder Ereignisse sind, die es den Befragten erschweren, mit dem Alter(n) ihren Frieden zu machen. Dies kann neben Verrentung oder Krankheit auch die belastende Pflegebedürftigkeit des Ehepartners bzw. der Ehepartnerin sein, aber auch die Verwitwung oder der plötzliche Tod eines anderen nahestehenden Menschen. Der folgende Befragte pflegt seine schwer demenzkranke Frau überwiegend zu Hause:

"Naja und gut, äh, das, das ist jetzt schäbig und des ist, so möcht ich's auch nich gesagt haben, aber man denkt natürlich, ja, äh, nehmen wir mal an, sie stirbt im Lauf des Jahres, dann kannste noch mal loslegen, aber ich hoff ja nicht, dass sie stirbt und zweitens weiß ich nicht, in welchem Zustand ich dann bin, und mach mir keine Illusionen so. Das [lacht] Loslegen ist dahin, ist final das ganze, mein, mein ganzes Dasein, ne." (Herr E., 79 Jahre) [52]

Zwar berichten auch die Befragten dieser Gruppe rückblickend durchaus mit Stolz von ihrem Leben, bewältigten Herausforderungen und überwundenen schwierigen biografischen Situationen; davon also, trotz nicht immer einfacher Bedingungen "etwas erreicht" zu haben. Oftmals kommt es zu langen Erzählungen aus der (teils weit zurückliegenden) Vergangenheit. Für die Gegenwart scheinen sie jedoch an diese Bewältigungserfahrungen nur bedingt anknüpfen zu können. Die zentralen, kritischen Lebenserfahrungen dominieren die Wahrnehmung von Gegenwart und Zukunft. [53]

Wären diese Ereignisse nicht eingetreten, ließen sich die hier benannten Fälle vermutlich recht eindeutig entweder dem wandlungsfähigen oder dem kontinuierlichen (Alters-) Selbst zuordnen. Gerade das macht aber ihre Spezifik aus: dass ihre Selbstkonzepte uneindeutig (geworden) sind. Der positive Horizont impliziert im Falle des prekären (Alters-) Selbst die Möglichkeit, dass das Leben so weiterginge wie vor dem krisenhaften Einschnitt, dass also die Verrentung und der damit verbundene Verlust der Erwerbsarbeit ausgeblieben, die Krankheit (sei es die eigene oder die des Partners/der Partnerin) nicht eingetreten, der geliebte Mensch nicht verstorben wäre. Dann wäre Alter(n) kein Problem ... [54]

Das Enaktierungspotenzial dieser positiven Vision vom Alter(n) ist, da die genannten Ereignisse ja bereits eingetreten sind, denkbar niedrig. Die Befragten sehen wenig Möglichkeiten, ihre Situation zu verändern; eher geht es darum, mit ihr leben zu lernen. Oft wird zudem von negativen Erfahrungen mit (signifikanten oder auch sozial entfernteren) Anderen berichtet oder Enttäuschung über mangelnde Unterstützung oder Anerkennung durch Andere zum Ausdruck gebracht. Als negativer Horizont erscheint hier das Alter(n) als schleichender und kaum zu bewältigender Verlust von Lebensmöglichkeiten. Das Alter droht tatsächlich in gewisser Weise zur "Restlebensphase" zu werden – obwohl auch hier die meisten der Befragten für sich in Anspruch nehmen, eigentlich nicht "typisch" alt oder überhaupt "so" alt zu sein, wie sie kalendarisch sind. Doch diese alterslose Selbstwahrnehmung ist instabil und keine tragfähige Stütze des Selbst:

"Also wenn mir was weh tut, da denke ich, du bist eine alte Frau. (...) also ich kann, ich muss ehrlich sagen, ich wüsste nicht, wie ich mit den Problemen, die mein Mann hat, wie ich da umgehen kann. Ich kann mich um andere kümmern und kann mich um andere sorgen und kann alles machen, aber wie ich für mich selber, weiß ich nicht, ob ich, ich komme, glaube ich, nicht sehr gut damit zurecht, wie ich das bewältigen soll für mich selber." (Frau J., 71 Jahre) [55]

Weiterentwicklungsmöglichkeiten – im Sinne des wandlungsfähigen (Alters-) Selbst – werden hier kaum noch gesehen; Kontinuität – im Sinne des kontinuierlichen (Alters-)Selbst – zwar soweit irgend möglich aufrechterhalten, dies aber mit eher resignativem Unterton. Älterwerden bedeutet, Verluste in Kauf zu nehmen, denen kaum Gewinne korrespondieren. Zentral für die Altersselbstwahrnehmung des verunsicherten Selbst ist die Befürchtung, dass "Alter" als Kategorie sozialer Zuschreibung durchaus aufs eigene Selbst zutreffen könnte.

"Man kriegt graue Haare, die Haut wird faltig, es kriegt überall Flecken, mit der Zeit vergisst man alles. So würd ich, das Älterwerden beschreiben. (...) [I: Gibts auch, positive Seiten, schöne Seiten, da dran?] (...) Positiv ist am Älterwerden, na gut, man hat die Weisheit, die entsprechende, oder man hat mehr Weisheit, als man in jungen Jahren hat. Aber außer fürs Rätselraten wüsste ich nicht, wenn man nix mehr arbeitet, was man damit soll. Gut, man kann jetzt, bei familiären Problemen oder so was, hat man ne bessere Übersicht. Aber die Jüngeren sind doch sowieso der Meinung, sie wissen eh alles besser wie die Alten, also braucht man sich [lacht] da auch nicht recht viel einmischen." (Herr W., 47 Jahre) [56]

Die "relative Alterslosigkeit" wird hier also – deutlicher als in den beiden anderen Typen – entweder vorläufig oder aber im Rückblick konzipiert, also vor dem jeweiligen Krisenereignis angesiedelt nach dem Motto: "Eigentlich fühl(t)e ich mich ja nicht alt, aber jetzt/dann ...". [57]

Das verunsicherte (Alters-) Selbst bildet in unserem Sample die kleinste Gruppe – was womöglich auch darauf zurückzuführen ist, dass "verunsicherte" Ältere sich eher nicht an Studien zum Thema Älterwerden beteiligen. Soziodemografisch lässt es sich nicht eindeutig zuordnen. Einerseits findet es sich bei einigen Hochaltrigen, was plausibel ist, da hier Verwitwungs-, Krankheits- und Pflegeerfahrungen häufiger auftauchen; andererseits bei Befragten, die sich stark über den Beruf identifizier(t)en und deshalb die Verrentung als besonders schmerzlich erlebten; schließlich bei (jüngeren und älteren) Befragten mit starker Belastung durch eigene chronische Krankheit oder Pflegebedürftigkeit des Partners/der Partnerin. [58]

4.3 Vergleichende Bilanz

Bei den hier vorgestellten drei Typen von (Alters-) Selbstkonzepten handelt es sich, das dürfte deutlich geworden sein, nicht um Idealtypen im engeren Sinne (WEBER 1995 [1904]). Vielmehr finden sich in jeder Gruppe mehrere "Kernfälle" (PZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR 2009, S.333; vgl. auch KLUGE 2000), in denen sich die genannten Merkmale annähernd in Reinform wiederfinden sowie eine Reihe von anderen Fällen, die neben einer starken Tendenz zum jeweiligen Haupttyp auch (schwächere) Orientierungen aus den anderen Typen aufweisen. [59]

Als zentraler Kontrast in subjektiven Alter(n)skonzepten erscheint die lebenslange Arbeit am wandlungsfähigen Selbst einerseits und die Aufrechterhaltung der gewohnten alltäglichen Lebensführung andererseits. In – etwas freier7) – Anlehnung an Jean-Claude KAUFMANN (2005) lässt sich diese Differenz als "biografische" vs. "unmittelbare" Identität beschreiben. Während die unmittelbare Identität "kontextabhängig, punktuell, momentan und pragmatisch" organisiert ist, lässt sich die biografische Identität als "unablässiges Zusammenfügen, Zimmern der Kraftlinien des Lebens" beschreiben, das "häufig in besonderen, privilegierten Momenten erledigt wird" (S.177f.) – etwa im Rahmen eines qualitativen Interviews, das deshalb als "Textform" (vgl. GUBRIUM & HOLSTEIN 2003) sicherlich auch dem biografischen, hier: wandlungsfähigen Typus eher entgegenkommt als dem unmittelbaren bzw. hier: kontinuierlichen Typus. [60]

Das "verunsicherte (Alters-) Selbst" hingegen lässt sich weder dem biografischen noch dem unmittelbaren Identitätstyp eindeutig zuordnen. Gemeinsam ist diesen Befragten vielmehr, dass ihre Selbstkonzepte durch Ereignisse, die als fremdbestimmt und insofern schicksalhaft erlebt werden, fraglich geworden sind. Dadurch werden auch die subjektiven Alterskonzepte, insbesondere die – den anderen Befragten relativ problemlos verfügbare – Sicherheit, (noch) nicht "so" alt zu sein, instabil. Gleichwohl wollen auch diese Befragten sich der Zuschreibung "alt" nicht ausgesetzt wissen. Ihnen scheinen – aus individuell je spezifischen Gründen – jedoch weniger Möglichkeiten verfügbar, das Altsein in sicheren Abstand zum eigenen Selbstkonzept zu bringen. Dies ist insofern interessant, als die kritischen Lebensereignisse, von denen in dieser Gruppe berichtet wird (Verwitwung, Krankheit, Verrentung), in den anderen Interviews ja durchaus auch auftauchen. Doch werden sie dort problemloser ins (wandlungsfähige bzw. kontinuierliche) Selbstkonzept integriert. [61]

Als gemeinsamer positiver Horizont aller subjektiven Alter(n)skonzepte lässt sich das Alter(n) als radikal subjektive Kategorie bestimmen: Man ist so alt, wie man sich fühlt, und man fühlt sich in aller Regel immer jünger, als man ist. Der stigmatisierenden (Selbst-) Zuschreibung "alt" lässt sich so, jedenfalls vorläufig, entkommen. Den gemeinsamen negativen Horizont bildet demgegenüber das abhängige, passive und leidvolle Alter; ein Alter, das nicht mehr gestaltet werden kann, sondern erlitten werden muss. [62]

Die "Zonen des Übergangs" erweisen sich somit als zugleich vielfältig in Bezug auf erlebte bzw. gedeutete biografische Übergänge) und relativ eindimensional (in Bezug auf explizit als solche gerahmte Altersübergänge). Während – abgesehen von einigen Fällen des "verunsicherten" Typus – der Verrentung erstaunlicherweise (und unabhängig davon, ob sie eher positiv oder eher negativ erlebt wurde) eher wenig Bedeutung in Bezug aufs eigene Älterwerden zugeschrieben wird, erscheint der (prospektive) Übergang ins klassisch vierte Lebensalter als Altersübergang schlechthin. [63]

Weiterhin lässt sich feststellen, dass die drei Kategorien Milieu, Geschlecht und Alter in eben dieser Reihenfolge eine absteigende Relevanz für die subjektive Alter(n)swahrnehmung aufzuweisen scheinen: Wie Alter(n) gedacht und konzipiert wird, hängt vor allem vom sozialen und kulturellen Kapital der Befragten und damit vom (Bildungs-) Milieu ab. Weniger deutlich, aber ebenfalls wichtig, ist der Zusammenhang von Alter(n)sselbstkonzepten und Geschlecht: Männliche Befragte tendieren – in unserem Material – eher zum kontinuierlichen, weibliche eher zum flexiblen (Alters-) Selbst. Am wenigsten einflussreich stellt sich in unserem Material erstaunlicherweise die Kategorie Lebensalter dar. Hier ist einzig die gerade bei Hochaltrigen ausgeprägte Tendenz zum kontinuierlichen (Alters-) Selbst augenfällig, wobei unentschieden bleiben muss, ob diese Auffälligkeit alters- oder generationsspezifisch begründet ist. [64]

Die hier vorgestellte Typologie der Alter(n)sselbstkonzepte verweist auf drei grundlegende, für subjektive Alter(n)serfahrung relevante Metaorientierungen oder Paradigmen: auf Autonomie (im Sinne biografischer Wandlungsfähigkeit), auf Normalität (im Sinne stabiler Kontinuität der Lebensführung) und schließlich auf die Erfahrung von Krise (im Sinne einer Verunsicherung von Selbst und/oder Lebensführung). Dabei sind die Paradigmen weder "rein" noch fix: Positive und negative Ereignisse im Lebenslauf können Verschiebungen bewirken, allerdings nicht in jede denkbare Richtung: Autonomie und Normalität können – vermittelt durch kritische Lebensereignisse – Krisencharakter annehmen. Eine Normalitätsorientierung kann sich – z.B. im Falle der Verwitwung, also ebenfalls vermittelt durch kritische Lebensereignisse – in Richtung einer Autonomieorientierung verändern. Hinweise für eine Veränderung von Autonomieorientierung zu Normalitätsorientierung finden sich in unserem Material hingegen nicht, ebenso wenig von einer Krisenorientierung zur Autonomie oder Normalität. 8) [65]

Modellhaft ergibt sich daraus folgendes Bild (wobei die Pfeile mögliche, nicht notwendige Veränderungsrichtungen symbolisieren):



Abb.1: Dynamik der (Alters-) Selbstkonzepte [66]

4.4 Diskussion: "Erfolgreiches Alter(n)" als kulturelles Kapital?

Was lässt sich nun auf Basis unserer Ergebnisse zu subjektiven Alter(n)skonzepten im Hinblick auf den eingangs (Abschnitt 1.) beschriebenen Wandel von gesellschaftlichen Alter(n)skonzepten sagen? Aus Sicht der psycho- und sozialgerontologischen Alter(n)sforschung erscheint wohl vor allem das wandlungsfähige (Alters-) Selbst als vielversprechende Option auf ein "erfolgreiches" Alter(n) im Sinne einer die Plastizität des eigenen Körpers und Gehirns aktiv gestaltenden Persönlichkeit (vgl. BALTES & BALTES 1989; ROWE & KAHN 1998; kritisch dazu VAN DYK & GRAEFE 2010). Die von diesem Typus geradezu programmatisch vertretene Bereitschaft zu lebenslangem Wandel nicht nur der Lebensführung, sondern auch des Selbstkonzeptes lässt sich auch als Befähigung verstehen, lebenslange Adaptions- und Akkomodationsprozesse zu durchlaufen; eine Befähigung, welche ein erfolgreiches Alter(n) im Sinne eines "flexiblen Selbst" stützt (BRANDSTÄDTER 2007). Dieses in diesem Sinne "ideale" (Alters-) Selbst sieht sich implizit allerdings zwei Grenzen gegenübergestellt: gegenüber Pflegebedürftigkeit als "fremdbestimmte" Abhängigkeit von Anderen sowie gegenüber prekären Lebenssituationen im Alter. Solche Grenzen scheinen diesem Typus vermutlich auch deshalb so bedrohlich, weil sie gleichsam "hinter dem Rücken" des selbstbestimmten Subjekts eintreten können. [67]

Begrenzte Erfolgsaussichten lassen sich auch für die anderen zwei Typen konstatieren. Zwar ist anzunehmen, dass vor allem das kontinuierliche (Alters-) Selbst von einer möglichen Inkongruenz mit Normen des erfolgreichen und aktiven Alter(n)s relativ unberührt bleibt (somit diesbezüglich normativ vergleichsweise wenig verletzlich ist). Eine starke Normalitätsorientierung kann als Puffer gegenüber Modernisierungsanforderungen wirken. Je mehr allerdings normalbiografische Lebensläufe zukünftig angesichts zunehmender biografischer Unsicherheit erodieren (zur diesbezüglichen Diskussion vgl. z.B. SCHERGER 2007), umso seltener wird dieser Typ (Alters-) Selbst wohl werden – und umso häufiger werden ältere Menschen mit unfreiwilligen Brüchen in ihrer Biografie zurechtkommen müssen und somit potenziell ein "verunsichertes" (Alters-) Selbst ausbilden. Gerade beim verunsicherten Typus nun ist die Kluft zwischen neuem Alter(n)sideal und erlebter Realität besonders groß, da die Adaptions- und Akkomodationstechniken nicht (mehr) greifen, aufgrund der Krisenhaftigkeit der persönlichen Situation aber auch per se keine "Immunität" normativen Anforderungen gegenüber (mehr) vorliegt. Zu der biografischen Krise gesellt sich dann potenziell noch der normative Abstand zum (vermeintlichen) Mainstream "guten Alter(n)s". [68]

Zugespitzt könnte man also formulieren, dass das Ideal vom "erfolgreichen Alter" letztlich nur für eine begrenzte soziale Gruppe tatsächlich realisierbar ist: Für diejenigen nämlich, bei denen sich eine gesicherte "fordistische" Existenzweise (welche vor Prekarität schützt) mit einer "postfordistischen" Subjektkonzeption (Autonomie, Selbstbestimmung, Selbstregulation) und schließlich mit einer möglichst robusten Gesundheit bis ins hohe Alter verbindet. Etwas weniger zugespitzt könnte man formulieren, dass die neuen Alter(n)sideale sich vor allem an jene richten, deren Subjektivität den Anforderungen des flexiblen Kapitalismus entspricht: moderne Selbstverwirklicher mit hohen kommunikativen und selbstregulatorischen Kompetenzen, kurz: an die akademischen oder zumindest stark bildungsorientierten mittleren und oberen städtischen Mittelschichten. Die Problematik dieser Ideale liegt dann weniger in ihrem Inhalt, als vor allem in ihrer Reichweite: Hängt "gutes" Alter(n) vor allem von der individuellen Ausstattung mit ökonomischem und kulturellem Kapital ab, wird "schlechtes" Alter(n) für diejenigen wahrscheinlicher, die diesbezüglich weniger begünstigt sind. [69]

Unsere Interviewergebnisse belegen allerdings auch, dass Individuen in ihren subjektiven Deutungen durchaus Abstand halten zu gesellschaftlichen Normen und Lebensführungsidealen. Das – vom neuen Alter(n)sdiskurs so emphatisch begrüßte – Phänomen der sogenannten "jungen Alten" etwa fanden wir in unserem Material nicht wieder. Zwar sind bestimmte Aspekte, die dieser vermeintlich neuen Altersgruppe zugeschrieben waren, für alle unsere Befragten relevant, insbesondere der Topos der Aktivität bzw. "Geschäftigkeit" (EKERDT 2009 [1986]) und die Abgrenzung gegenüber einem bloß "passiven" Alter. Für eine Selbstadressierung oder gar Identität als "junge Alte", die von den "normalen Erwachsenen" zu unterscheiden wäre, fanden wir jedoch kaum Hinweise. Vielmehr werden die Individualität bzw. Normalität des eigenen Lebens auch jenseits der 50, 60, 70 oder 80 betont – und damit die Bedeutung der sozialen Kategorie "Alter" letztlich eher unterminiert als affirmiert. Ob sich der soziale Klassencharakter sowie überhaupt die kulturelle Macht der neuen Altersnormen zukünftig eher verschärft oder abschwächt, ist deshalb nicht ausgemacht. [70]

Unsere Ergebnisse zeigen also, dass der soziale "Habitus" (BOURDIEU 1982) auch (Alters-) Selbstkonzeptionen prägt. Jedoch zeigt sich auch, dass dieser "Alter(n)shabitus" sich durchaus verändern kann. Zudem leitet er sich nicht ausschließlich aus der sozialen Herkunft und milieuspezifischen Subkultur ab, sondern arbeitet jeweils aktuelle Diskurse (hier: ums produktive und erfolgreiche Alter[n] bzw. Selbst) ebenso wie kulturell tief verankerte Bilder des Sozialen (hier: vom Alter als Phase des Abbaus und des Verlusts) in je spezifischer Weise in sich ein. [71]

5. Reflexion und Ausblick: Alter(n) als paradoxe und mehrdimensionale soziale Erfahrung

Insgesamt bestätigen unsere Ergebnisse also weder die eingangs (in Abschnitt 2) erwähnte mask-of-ageing-These (FEATHERSTONE & HEPWORTH 2009 [1991]) noch die Figur der ageless selves von Sharon KAUFMAN (1986), jedenfalls solange nicht, wie diese Befunde als generelle Annahmen übers subjektive Alter(n) verstanden werden: "Maskiert" im engeren (negativen) Sinne empfinden sich in unserem Sample nur die "verunsicherten" Befragten; die "Alterslosigkeit" wiederum stützt sich in vielfacher Weise auf die zumindest implizite Affirmation von Altersbildern. Alter(n) als (gegenwärtige) soziale Erfahrung lässt sich ausgehend von diesen Befunden weiterhin untersuchen und konzeptionalisieren als ungleichzeitige und widersprüchliche Verbindung aus aktuellen Altersdiskursen, kulturell verankerten Altersbildern, spätkapitalistischen Subjektivierungsregimen und habituell vermittelten sozialen Subjektpositionen. Subjektives Alter(n) zeigt sich so in der Tat als komplexe "Zone" sozialer Erfahrung, in der die Frage der (kulturellen, politischen und normativen) Modernisierung und Flexibilisierung von Lebenslaufregimen individuell verarbeitet und damit letztlich auch gesellschaftlich verhandelt wird. [72]

Grundsätzlich stellt sich allerdings die Frage, inwieweit die zentrale Rolle der biografischen Selbstkonzepte durch die Interviewsituation selbst, insofern diese eine historisch spezifische, nämlich narrativ-reflexive Subjekt-Logik verdoppelt (GUBRIUM & HOLSTEIN 2003), hervorgebracht wurde. Darüber hinaus ist zu fragen, ob nicht auch die relative Alterslosigkeit als Ergebnis durch die Interviewsituation mit herausgefordert wurde. Die Altersdifferenz zwischen Fragender und Befragten lag in unserem Sample zwischen einigen wenigen und mehr als 40 Jahren. Inter- und intragenerationelle Effekte auf den Gesprächsverlauf lassen sich deshalb in praktisch jedem Interview finden oder zumindest vermuten. So bezogen jüngere Befragte die Interviewerin auch schon mal durch ein "wir" in einen gemeinsamen generationellen "Erfahrungsraum" mit ein; ältere Befragte wiederum mögen sich angesichts der offensichtlichen Altersdifferenz besonders aufgefordert gefühlt haben, Alter(n) in seiner Relevanz zu decodieren. Da die Befragten auch ansonsten in einer multigenerationalen Gesellschaft leben, stellt dies zwar nicht den grundlegenden Befund infrage, dass Alter(n) subjektiv vorzugsweise (und in je spezifischen Formen) auf Abstand gehalten wird. Es legt aber umgekehrt nahe, dass in weiterer Forschung neben inter- auch bewusst intragenerationelle Gesprächssituationen geschaffen werden (GRAEFE 2012) – und überhaupt der Aspekt der Generationenzugehörigkeit und der darin sich kreuzenden kulturellen Leitbilder und sozialen Habitusformen genauer untersucht werden sollte. [73]

Der Zusammenhang von biografischen Altersübergängen, institutionalisierten Übergangsregimen und subjektivem Alter(n) stellt sich auf der Basis der Ergebnisse der vorliegenden Studie überraschenderweise eher lose dar – jedenfalls bezogen auf die Verrentung als zentralen Altersübergang. Subjektives Alter(n) ist offenbar – mit der allerdings signifikanten Ausnahme des Übergangs in die pflegebedürftige Hochaltrigkeit – an institutionalisierte und gesellschaftlich normierte Übergangsstrukturen nicht zwingend gekoppelt. Dies kann sich allerdings, auch darauf deuten unsere Ergebnisse hin, zukünftig im Rahmen flexibilisierter Altersübergangsregime und zunehmend prekarisierter Alterssicherungsformen durchaus noch deutlich verändern, wobei anzunehmen ist, dass mit der voraussichtlich größer werdenden Differenz zwischen sozialen Lebenslagen insbesondere im (höheren) Alter (vgl. KÜMPERS & HEUSINGER 2012) auch weiter auseinanderfallende Selbst- und Fremdwahrnehmungen vom Alter einhergehen. Da das Alter potenziell ja, dem jüngeren Altersdiskurs zufolge, immerhin schon mit 50 beginnt (vgl. OTTEN 2009) und die Gruppe der über 50-Jährigen bereits jetzt einen relevanten und wachsenden Teil der Bevölkerung stellt, ist die Frage nach hegemonialen kulturellen Deutungen des Alter(n)s gleichbedeutend mit grundsätzlichen Fragen nach sozialer Teilhabe, kultureller Hegemonie und sozialer Differenz. Wohin sich die derzeit zu beobachtende "ambivalente Kulturalisierung des Alterns" (VON KONDRATOWITZ 2007, S.131), die sich auch in unseren Ergebnissen widerspiegelt, entwickeln wird, ist dabei alles andere als eindeutig. [74]

Kurz: "Old age is neither 'pre-discursive' nor 'extradiscursive' nor a matter of essential being" (COUPLAND 2009, S.853) – und kritische Alter(n)sforschung weist deshalb immer – und notwendig – über den Gegenstand Alter(n) nicht nur hinaus, sondern stellt ihn zugleich in seiner vermeintlichen theoretischen und empirischen Diskretheit infrage. Dass der qualitativen Alter(n)sforschung dereinst eine abschließende "Zähmung" ihres eigenen widerspenstigen Forschungsgegenstandes subjektives Alter(n) gelingt, darf, so das abschließende Resümee, also getrost bezweifelt werden. [75]

Danksagung

Das diesem Beitrag zugrunde liegende Forschungsprojekt wurde an der Universität Jena im Rahmen eines von der VW-Stiftung geförderten interdisziplinären Forschungsverbundes von mir gemeinsam mit Silke VAN DYK und Stephan LESSENICH durchgeführt, die auch an der Entstehung und Überarbeitung dieses Textes einen wesentlichen Anteil hatten, wofür an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gedankt sein soll.

Anmerkungen

1) Dieses ist anschließbar an die historisch-feministische Diskussion um einen poststrukturalistischen Erfahrungsbegriff (vgl. CANNING 2004; SCOTT 1991). <zurück>

2) Dass kein qualitatives Interview die grundlegende (mögliche) Inkongruenz zwischen narrativer Darstellung und (tatsächlicher) Handlung(sorientierung) im Leben vor und nach dem Interview überwinden kann, bleibt als grundsätzliches Dilemma qualitativer Forschung gleichwohl bestehen (MENZ 2009, S.240). <zurück>

3) Parallel wurde an der Universität Jena ein qualitatives Forschungsprojekt zum "aktiven" Alter(n) im Ost-West-Vergleich durchgeführt; vgl. DENNINGER, VAN DYK, LESSENICH und RICHTER (2012); siehe auch http://www.sfb580.uni-jena.de/typo3/c9.0.html?&style=2. <zurück>

4) Streng genommen müsste hier – im Sinne der "relativen Alterslosigkeit" – von "subjektiven (Nicht-) Alter(n)skonzepten" die Rede sein; um der durchs "Alter(n) bereits durchgängig strapazierten Lesefreundlichkeit willen wird darauf hier jedoch verzichtet. <zurück>

5) Dies ist nur scheinbar widersprüchlich; tatsächlich werden dabei inneres (jugendliches) und äußeres (sichtbares) Alter(n) als jeweils "authentisch" gerahmt und somit über die implizite Setzung eines "authentischen Selbst" verbunden. <zurück>

6) Die Initialen sind Abkürzungen von Pseudonymen und lassen keine Rückschlüsse auf die befragten Personen zu. <zurück>

7) Dabei geht KAUFMANN davon aus, dass beide Identitätstypen in ein- und demselben Subjekt "am Werk" sein können resp. müssen. Aus identitätstheoretischer Perspektive ist diese Annahme – im Rahmen von KAUFMANNs komplexem Konzept notwendig inkohärenter und flexibler Identität – überzeugend, und sie ließe sich sogar auch – im Rahmen einer Tiefenanalyse – am hier verhandelten Material nachweisen. Hier aber geht es um die offensichtliche, zentrale Differenz der in den jeweiligen Typen dominanten Logik der (Alters-) Selbstkonzepte, nicht um die "Tiefenstruktur" moderner Identitäten. <zurück>

8) Während zu vermuten ist, dass Ersteres empirisch tatsächlich auch eher selten vorkommt (insofern die Normalitätsorientierung eher implizit, die Autonomieorientierung eher explizit ist und sich ein Übergang ins Implizite kaum bewusst herstellen lässt), ist theoretisch denkbar, dass altersrelevante Krisenerfahrungen auch noch im höheren Lebensalter nicht nur überwunden werden, sondern auch das verunsicherte (Alters-) Selbst transformieren. Denkbar ist allerdings auch, dass ein einmal verunsichertes (Alters-) Selbst, da das Alter als Kontextbedingung ja nicht verschwindet, verunsichert bleibt. Eben dies aber ist im Rahmen einer Querschnittsstudie nicht feststellbar. <zurück>

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Zur Autorin

Stefanie GRAEFE, Soziologin an der Universität Jena. Forschungsschwerpunkte: sozialer Wandel und Subjektivität, Gesundheit und Biopolitik, Alter(n)sforschung.

Kontakt:

Stefanie Graefe

Universität Jena
Institut für Soziologie
Carl-Zeiß-Str.3
D-07743 Jena

Tel.: +49 (0)3641-945579

E-Mail: stefanie.graefe@uni-jena.de
URL: http://www.soziologie.uni-jena.de/StefanieGraefe.html

Zitation

Graefe, Stefanie (2013). Des Widerspenstigen Zähmung: Subjektives Alter(n), qualitativ erforscht [75 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(2), Art. 11,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1302114.



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