Volume 14, No. 1, Art. 21 – Januar 2013

Rezension:

Axel Philipps

Andreas Franzmann (2012). Die Disziplin der Neugierde. Der professionalisierte Habitus in den Erfahrungswissenschaften. Bielefeld: Transcript (Science Studies); 630 Seiten; ISBN: 9783837620733; 44,80€

Zusammenfassung: Das Buch "Die Disziplin der Neugierde. Der professionalisierte Habitus in den Erfahrungswissenschaften" von Andreas FRANZMANN untersucht Wissenschaft als Profession und wie sich diese auf die Wissenschaftspraxis auswirkt. Im empirischen Teil werden dazu Überzeugungen der Forschenden und deren Hervorhebung der Dynamik und Krisenhaftigkeit von Forschung vorgestellt. Die Analysen beschränken sich jedoch nur auf die Erfahrungen und Vorstellungen von GrundlagenforscherInnen in weitgehend autonomen Forschungskontexten. Damit bleibt offen, was die Ergebnisse für die Professionalisierung der Wissenschaft an den Schnittstellen zur Politik und Wirtschaft bedeuten.

Keywords: Wissenschaftsforschung; Habitus; Professionalisierung; Erfahrungswissenschaften; empirische Wissenschaften

Inhaltsverzeichnis

1. Der professionalisierte Habitus der Forschenden

2. Die Dynamik und Krisenhaftigkeit des Forschens

3. Im Spiegel der Wissenschaftsforschung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Der professionalisierte Habitus der Forschenden

Was zeichnet Forschende aus? Worin unterscheiden sie sich von anderen tätigen, produktiven Menschen? Woran orientieren sie sich in ihrem Denken und Handeln? Was prägt sie? Diese Fragen wurden und werden in der Wissenschaftsforschung immer wieder aufgegriffen. Die Auseinandersetzung reicht weit zurück und dokumentiert sich in Ausführungen zur Wissenschaft als Beruf (WEBER 2011 [1919]), zum Ethos der Wissenschaften (MERTON 1942) oder zu unternehmerischen WissenschaftlerInnen (LAM 2010). FRANZMANN beschäftigt sich in seiner Studie mit Wissenschaft als Profession und will klären, wie der "professionalisierte Habitus" von Forschenden "in der Wissenschaftspraxis operiert und ihr Innenleben steuert" (FRANZMANN, S.7). [1]

Die Fragestellung baut auf der Professionalisierungstheorie von Ulrich OEVERMANN (2005, 2008) auf. Demnach sei der professionalisierte Habitus kein Bindeglied zwischen einer Feldstruktur und einer bestimmten Praxis (Pierre BOURDIEU), sondern mit Habitus meint FRANZMANN Überzeugungen, die sich im Vollzug erfolgreicher Krisenbewältigungsprozesse gebildet haben. Im Anschluss an die Professionalisierungsthese unterscheide sich der ForscherInnenhabitus von anderen Professionen wie ÄrztInnen und JuristInnen darin, dass die WissenschaftlerInnen, so FRANZMANN, keine Maßnahmen entwerfen oder ExpertInnenwissen bereitstellen, damit ihre Klientel Krisen selbstständig bewerkstelligen kann. Die Wissenschaften und die Kunst würden vielmehr (entlastet von der Lebenspraxis) Krisen in der "Muße" erzeugen. Forschen als "Mußekrisen" meine damit keine Bewältigung von praktischen Problemen, sondern das Lösen aufgeworfener Rätsel zum Selbstzweck. Die Geltung von Wissen würde, ohne "ernsthafte Konsequenzen eines Scheiterns" (S.102) befürchten zu müssen, überprüft und hinterfragt. Darin unterscheide sich das wissenschaftliche auch vom "ingenieurialen Handeln" der ÄrztInnen und IndustrieforscherInnen, die einer klaren Zweck-Mittel-Relation folgen würden. Die ingenieuriale Praxisform richte sich auf die Lösung von Praxisproblemen aus, orientiere sich an Effizienzsteigerung und Optimierung. Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Handeln gehe es darum, "dass eine Problemlösung funktioniert, nicht um die Frage, warum sie funktioniert" (S.85). [2]

In Abgrenzung vom ingenieurialen Handeln entwickelt FRANZMANN die Hypothese, dass das wissenschaftliche Handeln eine stellvertretende Krisenbewältigung "auf der Basis eines hieran gebildeten Expertenwissens" (S.127) sei. Der bzw. die Forschende agiere nicht aufgrund praktischen Scheiterns, sondern bringe Geltungskrisen selbst hervor, um neues Wissen zu generieren. Das heißt, in einer routinierten Praxis erzeugen und lösen WissenschaftlerInnen methodisch kontrolliert Krisen. Für FRANZMANN gehört ebenfalls dazu, dass sich Forschende mit dem erfahrungswissenschaftlichen Habitus fachübergreifend mit der wissenschaftlichen Tätigkeit persönlich identifizieren. Es bestehe ein persönliches Verhältnis zum Gegenstand und Schicksal der eigenen Forschung (siehe auch FRANZMANN 2008). [3]

2. Die Dynamik und Krisenhaftigkeit des Forschens

Von den durchgeführten 25 Interviews werden im Buch insgesamt neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Neurowissenschaften, der Evolutionsbiologie und der Astrophysik sowie deren Schilderungen zur Forschungspraxis im Detail vorgestellt und mit dem Auswertungsverfahren der objektiven Hermeneutik sequenzanalytisch erschlossen. Lesende bekommen dadurch einen sehr guten Eindruck von den Vorstellungen der Forschenden und ihren Tätigkeiten. FRANZMANN versteht es, die Auslegung des Sprachgebrauchs und der sich anbietenden Lesarten nachvollziehbar und plastisch zu vermitteln. Insgesamt zeichnet sich das Buch durch einen anschaulichen Schreibstil aus. Die Darstellungsweise trägt zwar dazu bei, dass die Studie recht umfangreich ausfällt. Zugleich erhöht sie die Lesbarkeit ungemein. [4]

Zu den wichtigsten Ergebnissen zählt der Nachweis, dass für den ForscherInnenhabitus die Tätigkeit des Forschens zentral ist. Für die WissenschaftlerInnen spielen die Dynamik und Krisenhaftigkeit des Forschens eine größere Rolle als ein konkreter Untersuchungsgegenstand. Die Fallbeispiele zeigen, welche Bedeutung verschiedenen Aspekten zukommt wie dem Aufschließen neuer Forschungsfelder, dem sich Einlassen auf das Unbekannte, aber auch den Rückschlägen und der Kleinteiligkeit der Forschungsfragen, um grundlegende Zusammenhänge verstehen zu können. [5]

Für FRANZMANN zeigt sich darin die Krisenzugewandtheit in den Erfahrungswissenschaften. Die Erfahrung, "Mußekrisen" erfolgreich bewältigt zu haben, präge den ForscherInnenhabitus, sodass sich WissenschaftlerInnen immer wieder an erst noch zu bewährenden Krisenlösungen versuchen. Forschung sei demnach "eine ins Ungewisse vorgewagte Krisenlösung" (FRANZMANN, S.574). [6]

3. Im Spiegel der Wissenschaftsforschung

Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich auf die alltäglichen Routinen im Labor einzulassen, um über kleinteilige und wiederkehrende Schritte zu neuen Erkenntnissen vorzudringen. Hier bietet die Studie – aus meiner Sicht – ein gewisses Korrektiv zu den laboratory studies, die auf die alltäglichen Routinen und Handlungen in der Forschung verweisen und den Unterschied zwischen wissenschaftlichem und alltäglichem Handeln bei der Generierung von Wissen weitgehend negieren. Nach FRANZMANN gehören Routinetätigkeiten ebenfalls unausweichlich zur Forschung dazu, aber es braucht den ForscherInnenhabitus, um nicht den Routinen zu erliegen, sondern über der Alltäglichkeit der Laborarbeit die grundlegenden Fragen und Forschungsziele im Blick zu behalten. [7]

Anhand der dargestellten Laborroutinen wird zugleich deutlich, dass "Muße" bei FRANZMANN nicht das Gegenteil von "Mühe" meint. Forschende kennen Mühen und stellen sich ihnen während der Forschungsarbeit. Die Tätigkeit des Forschens selbst sei jedoch aus der alltäglichen Lebenspraxis enthoben. Die thematisierte Art des Forschens ist demnach autonom. Sie kennt keine externen Einflüsse oder zu berücksichtigende Erwartungen bzw. Konsequenzen. Der Begriff "Muße" eröffnet dabei aber keine erweiterte Perspektive auf die Umstände von Forschung. Die Bezeichnung dürfte daher vielmehr für Irritation sorgen. [8]

Während die Vorgehensweise der vorgelegten Studie insgesamt überzeugt, wären, wie FRANZMANN selbst am Ende seines Buches betont, weitere konträre Fallbeispiele und Analysen wünschenswert, da die gewählten Interviews ausschließlich die "autonome Wissenschaft" (S.82) repräsentieren. Die Grenzen der Aussagekraft seiner Ergebnisse zeigen sich insbesondere bei den Ausführungen zum Habitus der IndustrieforscherInnen. Er schreibt zur Haltung von WissenschaftlerInnen in der Industrie, dass sie keinen inneren Anspruch hätten, grundlegende Fragen zu bearbeiten. Dieses Ergebnis stützt sich aber allein auf die Perspektive von reinen GrundlagenforscherInnen in weitgehend autonomen Forschungskontexten. Wir lernen folglich die Sichtweise dieser privilegierten ForscherInnen über die Industrieforschung kennen, jedoch erfahren wir nur wenig von den aufgeschichteten Erfahrungen und Überzeugungen von Forschenden an der Schnittstelle zur Wirtschaft (oder Politik). Des Weiteren bleibt diese Beobachtung der Unterscheidung zwischen ingenieurialem und wissenschaftlichem Handeln verhaftet. FRANZMANN scheint Zwischenformen oder Nuancen bei wissenschaftlichen Handlungsorientierungen auszuschließen. Welche Folgen haben aber beispielsweise Förderprogramme und vorformulierte Themenbereiche in der drittmittelfinanzierten Forschung auf den ForscherInnenhabitus? Bei der Einwerbung von Fördermitteln, die an Programminhalte und Schwerpunkte gebunden sind, müssen (Grundlagen-) ForscherInnen strategischer denken, um ihre Fragestellungen mit den abgesteckten Themen abzustimmen. Sie können ihre Forschung nicht allein an den aus ihrer Sicht aktuellsten und erkenntnisträchtigsten Forschungsfragen orientieren. Haben wir es daher auch mit einem "entrepreneurial scientist" (LAM 2010) zu tun – einem eigenen Typus von ForscherInnenhabitus? [9]

Solche Fragen stellen sich für FRANZMANN mit der Überprüfung des professionalisierten Habitus in den Erfahrungswissenschaften kaum. Es gibt nur wenige und überzeugende Bezüge zu Debatten in der Wissenschaftsforschung. Der Nachweis des ForscherInnenhabitus könnte als Gegenbeleg zu STICHWEHs Argument einer Auflösung von Wissenschaft als Profession gelten (STICHWEH 2010). Worin besteht jedoch die Kritik am Ansatz der "mode-2-Forschung" und der These vermehrt kontextsensitiver Forschung (GIBBONS et al. 1994, NOWOTNY, SCOTT & GIBBONS 2001)? FRANZMANN sieht kein Verschmelzen von Industrie- und Grundlagenforschung, sondern vielmehr die "bleibende Bedeutung der universitären Grundlagenforschung" (S.606). Es ist unklar, worauf die Kritik hinausläuft. In den einschlägigen Veröffentlichungen zur "mode-2-Forschung" wird die These formuliert, dass eine fluide, transdisziplinäre und kontextsensitive Forschung (mode-2) die autonome, in Disziplinen differenzierte Wissenschaft (mode-1) erweitere. Von einem Verschwinden der reinen Grundlagenforschung kann also keine Rede sein. [10]

Während diese Rezension den Schwerpunkt auf die Implikationen der Studie für die Wissenschaftsforschung gelegt hat, liefert das Buch vor allem einen Beitrag zur Professionsdebatte in der Soziologie. Die Einsichten in die Wissenschaft als Profession sind daher besonders empfehlenswert für ProfessionsforscherInnen und anregend für WIssenschaftssoziologInnen. [11]

Literatur

Franzmann, Andreas (2008). Biographische Ursprungskonstellationen des Wissenschaftlerberufs. Sozialer Sinn, 9(2), 329-355.

Gibbons, Michael; Limoges, Camille; Nowotny, Helga; Schwartzman, Simon; Scott, Peter & Trow, Martin (1994). The new production of knowledge: The dynamics of science and research in contemporary societies. London: Sage.

Lam, Alice (2010). From "ivory tower traditionalists" to "entrepreneurial scientists"? Academic scientists in fuzzy university-industry boundaries. Social Studies of Science, 40(2), 307-340.

Merton, Robert K. (1942). Science and technology in a democratic order. Journal of Legal and Political Sociology, 1(1), 115-126.

Nowotny, Helga; Scott, Peter & Gibbons, Michael (2001). Re-thinking science. Knowledge and the public in an age of uncertainty. Oxford: Polity Press.

Oevermann, Ulrich (2005). Wissenschaft als Beruf – Die Professionalisierung wissenschaftlichen Handelns und die gegenwärtige Universitätsentwicklung. Die Hochschule – Journal für Wissenschaft und Bildung, 14(1), 15-49.

Oevermann, Ulrich (2008). Die Entstehung der hermeneutisch verfahrenden Psychoanalyse aus dem Geist naturwissenschaftlicher Forschung und der Logik ärztlichen Handelns – eine etwas andere Wissenssoziologie. In Caroline Arni, Andreas Glauser, Charlotte Müller, Marianne Rychner & Peter Schallberger (Hrsg.), Der Eigensinn des Materials. Erkundungen sozialer Wirklichkeit (S.169-190). Frankfurt/M.: Stroemfeld.

Stichweh, Rudolf (2010). Epistemische Communities und die Globalisierung der Expertise. Zur Zukunft der Professionen. Vortrag auf der Tagung "Der Stellenwert der Professionen in der Gesellschaftstheorie" an der Universität Frankfurt am Main, 7. und 8. Mai 2010.

Weber, Max (2011 [1919]). Wissenschaft als Beruf. Berlin: Duncker & Humblot.

Zum Autor

Axel PHILIPPS ist seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover. Er promovierte 2007 zum Thema "Alltäglicher Umgang mit Lebensmittelskandalen" an der Universität Leipzig und arbeitet seitdem zu den Schwerpunktthemen Wissenschaftssoziologie, visuelle Soziologie und Protestforschung.

Kontakt:

Axel Philipps

Leibniz Universität Hannover
Institut für Soziologie
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Zitation

Philipps, Axel (2012). Rezension: Andreas Franzmann (2012). Die Disziplin der Neugierde. Der professionalisierte Habitus in den Erfahrungswissenschaften [11 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(1), Art. 21,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1301214.



Copyright (c) 2012 Axel Philipps

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