Volume 14, No. 1, Art. 11 – Januar 2013

Situationsanalyse – Strauss meets Foucault?

Rainer Diaz-Bone

Review Essay:

Adele Clarke (2012). Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Wiesbaden: VS-Verlag; 304 Seiten; ISBN 978-3531171845; 34,95€

Zusammenfassung: Mit dem Band "Situationsanalyse" von Adele CLARKE liegt ein neuer Entwurf für eine Weiterentwicklung der Methodologie der Grounded Theory vor. Dabei radikalisiert CLARKE methodologische Positionen der pragmatischen Tradition, und sie integriert strukturalistische sowie poststrukturalistische Analysestrategien. Der Review Essay versucht kritisch, das Gelingen dieser Integration zu untersuchen, und greift dabei den von CLARKE aufgezeigten Zusammenhang zwischen Theorie und Methode auf – den sie "Theorie-Methoden-Paket" nennt –, der auch als ein methodischer Holismus aufgefasst werden kann. Im Zentrum der Weiterentwicklung der Grounded-Theory-Methodologie steht die stärkere Gewichtung von Objekten und Macht sowie die Einbeziehung des Diskurskonzeptes von Michel FOUCAULT. Tatsächlich gelingt es CLARKE nicht, die pragmatistischen und strukturalistischen (bzw. poststrukturalistischen) Methodologien und Denkweisen kohärent zu integrieren. Eine diskursanalytische Methodologie, die die Diskurskonzeption von FOUCAULT im Rahmen der Grounded-Theory-Methodologie umsetzt, fehlt bislang noch. Dennoch liegt mit dem Buch "Situationsanalyse" eine sehr bedeutende Weiterentwicklung der Grounded-Theory-Methodologie in Richtung einer diskursanalytisch erweiterten, pragmatischen Sozialforschung vor.

Keywords: Grounded-Theory-Methodologie; Pragmatismus; Neopragmatismus; Strukturalismus; Poststrukturalismus; methodischer Holismus; Positivismus; postmodern turn; Diskursanalyse

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pragmatismus – Strukturalismus

3. Methodischer Holismus

4. Integrationsstrategien

5. Diskursanalyse "light"?

6. Fazit

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung1)

Der amerikanische Pragmatismus und der französische Strukturalismus sind zwei der einflussreichsten Megaparadigmen in den Sozialwissenschaften. Der Pragmatismus hat sich seit mehr als einem, der Strukturalismus seit mehr als einem halben Jahrhundert entwickelt. Beide Wissenschaftsbewegungen haben unterschiedliche Konjunkturen erfahren (RORTY 1994; NAGL 1998; DOSSE 1996, 1997). Pragmatisches Denken und strukturalistisches Denken sind dabei nie nach Kontinenten geschieden gewesen. Rekonstruiert man pragmatische und strukturalistische Argumentationen, so waren sie durchaus wechselseitig füreinander präsent – auch wenn dies je nach Theoriekonjunktur in unterschiedlichem Maβe der Fall war. Der so bezeichnete "Poststrukturalismus" lässt sich beispielsweise als eine Pragmatisierung des strukturalistischen Denkens auffassen. So ist beispielsweise in der "Archäologie des Wissens", in der FOUCAULT (1973) seine Diskurstheorie weiter ausgearbeitet hat, dann von der diskursiven Praxis die Rede.2) Und auch Pragmatismus und Neopragmatismus haben Theoriebewegungen vollzogen, die Konzepte des Handelns früh an Konzepte von Relationalität, Strukturalität und auch Struktur vermittelt haben. [1]

Wer die deutschsprachigen Sozialwissenschaften und insbesondere die deutschsprachige Soziologie der letzten Jahrzehnte verfolgt hat und in diesen Zusammenhängen fachlich sozialisiert wurde, dem konnte es lange Zeit durchaus passieren, nicht wirklich mit pragmatischen Strömungen der Sozialwissenschaften in Berührung zu kommen. Es war lange ebenso üblich, poststrukturalistische Ansätze mit einzelnen Konzepten und Haltungen gleichzusetzen statt mit organisierten Theoriepositionen und zugehörigen Methodologien. Mittlerweile ist festzustellen, dass die deutschsprachige Soziologie wieder ein Feld ist, in dem die beiden Megaparadigmen viel Aufmerksamkeit erfahren. Wird die qualitative Sozialforschung betrachtet, dann stellen die Grounded-Theory-Methodologie (kurz GTM) als pragmatische Methodologie und die Foucaultsche Diskursanalyse als poststrukturalistische Methodologie mittlerweile zwei der einflussreichsten zeitgenössischen Ansätze dar.3) [2]

Mit dem Band "Situationsanalyse" von Adele CLARKE liegt nun ein Entwurf für die Integration beider Ansätze vor, was für die qualitative Sozialforschung und die Soziologie in Deutschland besonders relevant scheint. Dabei versucht CLARKE, sowohl theoretische als auch methodologische Positionen zu integrieren.4) International gesehen ist die "Situationsanalyse" nur ein Entwurf unter mehreren, die die transatlantische Vermittlung von Pragmatismus und Strukturalismus fortführen. Insbesondere in den französischen Sozialwissenschaften wird seit den 1980er Jahren von den neuen pragmatischen Sozialwissenschaften gesprochen, die auch das Verhältnis dieser beiden Megaparadigmen erneut austarieren und innovativ zu entwickeln versuchen (DOSSE 1998; NACHI 2006; CORCUFF 2011; DIAZ-BONE 2011). Hierzu gehört die Actor Network Theory (kurz ANT), auf die sich CLARKE bezieht, aber auch die Économie des conventions (DIAZ-BONE & THÉVENOT 2010; DIAZ-BONE 2011a) oder die kognitive Soziologie (CONEIN 2005; CLÉMENT & KAUFMANN 2011).5) Alle diese genannten Ansätze sind in unterschiedlichen Forschungsfeldern je unterschiedlich stark ausgearbeitet worden, und sie teilen sowohl die pragmatische Theoriebasis als auch die – durchaus kritische – Orientierung an dem französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus. [3]

2. Pragmatismus – Strukturalismus

Die Grundlage für die Integration von pragmatischen und strukturalistischen Elementen besteht sicher in einigen grundlegenden Gemeinsamkeiten, aber eben auch darin, dass sich Steigerungsmöglichkeiten eröffnen. Dies kurz zu skizzieren ist mit Blick dann vor allem auf methodologische Kompatibilitäten und Inkompatibilitäten erforderlich. Ich werde dabei Strukturalismus und Poststrukturalismus einerseits und Pragmatismus und Neopragmatismus andererseits je als zwei groβe Ansätze verhandeln. Allerdings sind nicht nur Differenzen zwischen, sondern an einigen Stellen auch die Differenzen innerhalb dieser Wissenschaftsbewegungen wichtig. [4]

Die strukturalistische und poststrukturalistische Analyse betont die überindividuelle und vorbewusste Realität diskursiver Ordnungen. Erstere interessiert sich insbesondere für die Tiefenstrukturen der diskursiven Praxis und versucht hier, die Grundoppositionen von Wissensordnungen zu rekonstruieren. Die poststrukturalistische Analyse hat dieses letzte Ziel eher vernachlässigt. Der Grund ist darin zu sehen, dass die diskursiven Ordnungen auch auf ihre Unabgeschlossenheit, ihre internen Widersprüche und ihren Wandel hin untersucht worden sind. Die Analyse von Oppositionsstrukturen tritt hier zurück – was bemerkenswerterweise im Falle der Situationsanalyse wieder aufgegriffen wird. Zudem treten in der Foucaultschen Diskursanalyse dann die Interaktionen zwischen diskursiven Praktiken und Machteffekten sowie Dispositiven hinzu. Sowohl die strukturalistische als auch die poststrukturalistische Analyse stehen in der Tradition der französischen Epistemologie, auf deren klar empirischer und dabei antipositivistischer Position der Strukturalismus in Frankreich aufgebaut wurde. Demnach müssen die wissenschaftlichen Objekte mithilfe der wissenschaftlichen Methoden und Praktiken konstruiert werden. Die Empirie und die Objekte sind nicht direkt und einfach beobachtbar, zwischen die Objekte und die Menschen treten die Instrumente, die letztlich als Materialisierungen der Theorie aufgefasst werden. Die empirischen Sachverhalte sind also nicht einfach gegeben, die Analysepraxis ist selbst eine konstruierende Praxis. Diese Position wird mit dem Begriff des epistemologischen Bruchs bezeichnet und geht auf Gaston BACHELARD zurück; das Konzept wurde von Georges CANGUILHEM, Louis ALTHUSSER, Michel PÊCHEUX oder Pierre BOURDIEU weiter angewendet (DIAZ-BONE 2007, 2010). Der "Poststrukturalismus" bricht aber in geringerem Ausmaβ mit dem Strukturalismus, als es erscheinen mag, was der Grund ist, warum Manfred FRANK (1984) von Neostrukturalismus anstatt von Poststrukturalismus spricht.6) Im Grunde sind die mit dem Begriff des Poststrukturalismus bezeichneten Absetzbewegungen im Strukturalismus selbst bereits enthalten gewesen, was das Präfix "Post" als unangemessen erscheinen lässt. [5]

Im Falle des Pragmatismus und Neopragmatismus erscheinen die Differenzen weniger deutlich. Und man muss hier vielleicht einfach sehen, dass die Differenzen eher in der nachanalytischen Philosophie relevant sind, wo der Begriff "Neopragmatismus" geprägt wurde. Dort bezeichnet er die Ausarbeitung pragmatischer Positionen im Bereich der Erkenntnistheorie und insbesondere der Sprachphilosophie; die Arbeiten von Richard RORTY, Hilary PUTNAM und Donald DAVIDSON und insbesondere die Sprechakttheorie von John AUSTIN und John SEARLE sind hier prominent. Man könnte also diese Differenzierung ganz ausblenden, weil sie für die Soziologie auf den ersten Blick nicht wirklich relevant zu sein scheint. Dennoch sind die Arbeiten von Michel FOUCAULT gerade im Neopragmatismus und hier insbesondere bei Richard RORTY (1982) präsent. BRYANT (2009) hat deutlich gemacht, dass RORTY wesentlich die Reaktualisierung der Arbeiten von DEWEY für den Neonpragmatismus bewirkt hat. RORTY (1987, 1994) hat als Neopragmatist entschieden gegen die eher analytisch ausgerichtete Version des Pragmatismus von PEIRCE und für die relativistischen Versionen von JAMES und DEWEY optiert. [6]

In der Soziologie korrespondieren mit den Bewegungen, die der Neopragmatismus in der Philosophie vollzogen hat, die Bewegungen, die im symbolischen Interaktionismus und in der Ethnomethodologie erfolgt sind. Der symbolische Interaktionismus, den Herbert BLUMER (2004 [1969]) so genannt hat, wurde von George Herbert MEAD, Herbert BLUMER, Howard BECKER, Anselm STRAUSS und anderen über Jahrzehnte entwickelt. Norman DENZIN (1992) scheint bereits eine Art discursive turn im symbolischen Interaktionismus vollzogen zu haben, und Adele CLARKE weist darauf hin, dass auch George Herbert MEAD und Howard BECKER von Diskursgemeinschaften sprechen, was eine Vorbereitung dafür gewesen ist.7) Mehr noch als der Pragmatismus hat aber der Neopragmatismus auf die diskursive Vermittlung von Welterfahrung, von kognitiver Ordnung und von Evidenzen wie Wahrheit und Richtigkeit an die Individuen und Gruppen hingewiesen. Die Ethnomethodologie kann als eine pragmatische Absetzbewegung vom in ihrer Entstehungszeit dominanten Strukturfunktionalismus aufgefasst werden. Mit der zugehörigen Methodik der Konversationsanalyse gibt es auch hier so etwas wie eine Form der Diskursanalyse. Wichtig ist aber, dass in der Konversationsanalyse wie in der Sprechakttheorie Aussagen als interaktive Handlungen und in diesem Sinne pragmatisch als Praktiken verstanden werden. Das ist bekanntlich etwas anderes als die strukturalistische Konzeption der diskursiven Praxis bei FOUCAULT (1973), bei der es sich um eine überindividuelle Praxis in einem Feld handelt und nicht um diejenige von interagierenden Individuen. [7]

Insgesamt gilt aber für den Pragmatismus und für den Neopragmatismus, dass die Konzeption einer unbewussten überindividuellen Realität von Diskursordnungen wenig Anklang gefunden hat. Wenn Strukturalismus und Poststrukturalismus eher einen methodologischen Holismus praktizieren, so ist dies für den Pragmatismus nicht erkennbar. Hier steht eine Methodologie im Vordergrund, die zwar kein methodologischer Individualismus ist, die aber dennoch situatives Handeln in sozialen und materialen Ökologien zum Ausgangspunkt ihrer Erklärungsleistungen nimmt und dabei Menschen als Einzelne oder als Gruppen fokussiert (DIAZ-BONE 2011b). Es sind diese interaktiven Praxisformen in sozialen und materialen Ökologien, die für die pragmatische Analyse der epistemologische Ausgangspunkt sind. Anstelle des epistemologischen Bruchs findet sich ein empirisches Vertrauen in eine funktionierende Interaktivität des Wissens mit seiner Umwelt, die bereits William JAMES als Wahrheit des Wissens bezeichnet hat (JAMES 1994 [1907]; DIAZ-BONE & SCHUBERT 1996). Man könnte hier ein gewisses positivistisches Urvertrauen identifizieren, das den Pragmatismus kennzeichnet. Dieses besteht genauer darin, dass die empirische Analyse sich selbst epistemologisch nicht problematisiert und bei dem interaktiven Verhältnis zwischen Akteur/innen und ihrer sozialen wie materialen Umwelt ansetzt. Wenn für diese die Viabilität die Begründung für die Richtigkeit ihres Agierens ist, warum sollte also der Pragmatismus sich selbst epistemologisch anzweifeln? Denn es ist pragmatisch gesehen konsequent, auch für das Forschen diese Viabilität als Begründung heranzuziehen und damit einen epistemologischen Bruch zurückzuweisen. Der Pragmatismus kennt sozusagen keinen Descartesschen Zweifel. BACHELARD (1993) hat DESCARTES ebenfalls kritisiert, allerdings dafür, dass er das Subjektmodell als erkennendes Individuum seiner Wissenschaftsauffassung an den Anfang gesetzt hat. Anstatt dem Zweifel mit der Selbstvergewisserung des heute populären "Ich denke, also bin ich" von DESCARTES zu begegnen, hat BACHELARD den Zweifel der Kontingenz der methodischen Konstruktion bei gleichzeitiger Unvermeidlichkeit derselben an den Anfang gesetzt, was in dem folgenden Zitat gefasst ist: "[...] eine wissenschaftliche Methode ist eine Methode, die das Risiko sucht. Des Erworbenen sicher, begibt sie sich in die Gefahr der Erwerbung. Der Zweifel steht vor ihr und nicht hinter ihr wie im cartesischen Leben" (1993, S.146). [8]

Was sind nun die entscheidenden Gemeinsamkeiten zwischen Pragmatismus bzw. Neopragmatismus einerseits und Strukturalismus und Poststrukturalismus andererseits, die eine Bedeutung für die praktische soziologische Integration einer Methodologie haben? Wie für eine Reihe von sozialtheoretischen Ansätzen gilt, dass Strukturalismus und Pragmatismus Prozesse, Praktiken und Relationen anstelle von Substanzen und Identitäten setzen, wenn es um die Wahl erklärender Prinzipien geht. Es sind demnach nicht Akteur/innen, deren Eigenschaften oder kognitive Strukturen und auch nicht Kapitalformen, Institutionen, Gruppen oder Interessen, die als anfängliche Beweger aufgefasst werden, sondern Sachverhalte, die als Resultate von Prozessen und Relationen angesehen werden. Diskurse, Institutionen, Gesellschaft sind veränderliche soziale Konstruktionen, die zwischenzeitlich – situativ oder epochal – stabilisiert werden, und die unterschiedliche räumliche Reichweite erhalten können. Sowohl für den Pragmatismus und Neopragmatismus als auch für den Strukturalismus und Poststrukturalismus gilt, dass sie jeweils eine kohärente Passung zwischen Theorie und methodischer Praxis einfordern. Adele CLARKE spricht hier von "Theorie-Methoden-Paketen". Dieser zweite Punkt ist sehr zentral für die methodologischen Diskussionen insbesondere der qualitativen Sozialforschung.8) An anderer Stelle im Buch – und dieser Aspekt soll im nachfolgenden Abschnitt verdeutlicht werden – wird auch von dem Theorie-Methoden-Paket als einem "methodischen Holismus" gesprochen (DIAZ-BONE 2010). [9]

3. Methodischer Holismus

Beide Methodologien grenzen sich von Missverständnissen ab, die in Auffassungen von qualitativer Sozialforschung als Forschung ohne Regeln, als Forschung auf Basis allein subjektiver Evidenzen, als eklektische Verwendung eines Sets von Praktiken und Tools bestehen. Konkret verstehen sich sowohl die auf dem Pragmatismus fuβende GTM als auch die Foucaultsche Diskurstheorie als Theorie-Methoden-Pakte, um die von Adele CLARKE verwendete Metapher zu gebrauchen, die nichts anderes umschreibt als einen methodischen Holismus, der aus der kohärenten Passung von Theorie, methodischer Praxis und dem Design der durch diese eingesetzten Techniken besteht. Dieser methodische Holismus ist nicht zu verwechseln mit einem methodologischen Holismus, der die Erklärungslogik bezeichnet, überindividuelle Sachverhalte als reale und erklärende Prinzipien heranzuziehen und eine methodische Aggregation dieser überindividuellen Sachverhalte als Reduktionismus abzulehnen. Methodischer Holismus betrifft dagegen das Passungsverhältnis von Theorie und methodischer Praxis. Demnach muss die Theorie sich in Letzterer realisieren, sonst riskiert sie aus Sicht der GTM und der Foucaultschen Diskursanalyse die Integrität des Forschungsprozesses und die Validität der Befunde. Adele CLARKE hat dies prägnant und radikal formuliert:

"Weil Epistemologie und Ontologie wie Siamesische Zwillinge sind, müssen Methoden als 'Theorie/Methoden-Bündel' [...] verstanden werden. [...] Dieses Konzept eines Theorie-Methoden-Pakets konzentriert sich auf die wesentlichen [...] Aspekte der Ontologie, Epistemologie und Praxis, da diese sich gegenseitig konstituieren. [...] Die Methode ist demnach also nicht Diener der Theorie: tatsächlich begründet die Methode die Theorie" (S.37/48). [10]

Ein Entwurf für ein Theorie-Methoden-Paket, das nun selbst integrierend sowohl auf die GTM als auch auf die FOUCAULTsche Diskursanalyse zugreift, ist zum einen insbesondere für die deutschsprachige Soziologie von höchstem Interesse, weil diese beiden Ansätze hier bereits prominent sind und das Interesse für wechselseitige methodologische Steigerungsmöglichkeiten daher groβ sein dürfte. Der von CLARKE vorgelegte Ansatz der Situationsanalyse ist zum anderen aber deshalb nun interessant, weil er zwei in sich kohärent organisierte methodische Holismen berücksichtigen muss, und zwar daraufhin, wie der Integrationsversuch gelingt. Denn dieser Integrationsversuch muss eben selbst einen methodischen Holismus realisieren. [11]

4. Integrationsstrategien

Adele CLARKE unterzieht ihr Projekt einer Weiterentwicklung der GTM selbst in den ersten beiden Kapiteln einer theoriegeschichtlichen Reflexion. Und ihre Arbeit stellt (über das gesamte Buch) zugleich auch einen Theorieüberblick über die Entwicklungsstränge der pragmatischen US-amerikanischen Soziologie dar – insbesondere auch über neuere Diskussionen und Entwicklungen, die in der deutschsprachigen Soziologie noch kaum intensiver rezipiert worden sind. Diese Einbettung bereitet verschiedene ihrer Kritiken sowohl an ausbleibenden Entwicklungen an den Theoriegrundlagen der GTM als auch an Positionen innerhalb der GTM vor. [12]

Einmal beurteilt CLARKE (S.39) kritisch Erklärungsstrategien wie die Bedingungsmatrix von Juliet CORBIN, dann kritisiert sie als STRAUSS-Schülerin – und wie auch viele andere – die Version der GTM von Barney GLASER (S.61). Von besonderer Bedeutung ist ihre Kritik an einem verbliebenen Positivismus im Grounded-Theory-Ansatz:9)

"Die von mir beobachteten Widerspenstigkeiten der traditionellen Grounded Theory sind in Grounded Theory-Analysen gemeinhin als Nachgeschmack des amerikanischen Positivismus und Szientismus der 1950er und 1960er Jahre wahrnehmbar. In den frühen Werken von Glaser und Strauss waren positivistische Tendenzen unbestreitbar vorhanden [...]. Obwohl viele Anhänger der Grounded Theory sich längst dem Konstruktivismus geöffnet und den gedanklichen Schritt von 'der' Wahrheit zu 'einer' Wahrheit gewagt haben, lauert im Verborgenen doch ein gewisser, (manchmal) naiver Realismus oder 'Quintessenzismus'." (S.55) [13]

Die positivistischen Widerspenstigkeiten, von denen CLARKE spricht, bestehen aus ihrer Sicht vor allem darin, dass 1. ein Mangel an Reflexivität bezüglich des Forschungsprozesses in der GTM vorliege, und dass 2. Situationen und Prozesse vereinfacht würden, indem man eine Kohärenz und nicht deren Komplexität herauszustellen suche (S.50). Dann macht CLARKE aber auch geltend, dass die GTM Analysestrategien vernachlässige, die eigentlich in der pragmatischen Tradition ausgearbeitet worden sind, wie die Einbeziehung von Objekten in die Analyse, weiter eine starke sozialökologische Perspektive (S.55) sowie eine Auffassung von sozialen Welten als Diskursuniversen (S.88). Hinzu kommt, dass die Situation für eine empirische Sozialforschung nach dem sogenannten postmodern turn für CLARKE durch eine Reihe von anzuerkennenden neuen Umständen geprägt ist. Demnach ist die soziale Welt nicht nur sozial konstruiert, sondern in ihr sind auch viele Beschreibungen und Positionen eben für diese Welt möglich. Zudem existiere nicht nur eine Welt, sondern eine Pluralität sozialer Welten. Deren Beschreibungen und das Wissen von ihnen seien nicht nur situiert, sondern auch abhängig von der Positionierung und der Art der Involviertheit in diese. Für CLARKE sind diese Kritiken und der postmodern turn die Ausgangspunkte für die Auswahl und Integration einiger Theorieelemente in den Grounded-Theory-Ansatz, der damit weiterentwickelt werde und so durch den postmodernen turn erst "hindurchgeschoben" würde (S.276). [14]

Man kann die methodenpolitische (und im Grunde auch die theoriepolitische) Strategie von CLARKE als aus drei verbundenen Momenten bestehend auffassen. Diese verfolgen das Ziel, eine theoretische Fundierung zu organisieren, die die methodologische Position der Situationsanalyse ermöglichen soll.

  • CLARKE reaktualisiert einige aus ihrer Sicht vernachlässigte Positionen des amerikanischen Pragmatismus und der frühen Chicago School, um Defizite der GTM hinsichtlich einer sozialökologischen und angemessen komplexen Analyse sozialer Welten und Arenen besser kompensieren zu können. Wie die Chicago School setzt sie wesentlich auf Strategien der Visualisierung mithilfe von Maps, und gerade hier geht sie noch weiter als Anselm STRAUSS. Man könnte dies als eine rückwärtsgewandte Rezeption bezeichnen, die sich wesentlich auf die Chicago School und die Arbeiten von MEAD stützt. Leider fehlen einige Bezüge auf wichtige Beiträge des klassischen Pragmatismus, insbesondere auf diejenigen von JAMES (1994 [1907], 2007 [1912]) zum radikalen Empirismus und zur pluralistischen Verfassung der Welt sowie auf Beiträge von John DEWEY (2002 [1938]) sowohl zur Methodologie10) als auch zur Formierung von Macht und Widerstand, wie dies insbesondere die pragmatische Politikwissenschaft dann weiterentwickelt hat (BENTLEY 1908; TRUMAN 1951).11)

  • CLARKE ergänzt diese erste Rezeptionsstrategie durch eine zweite theoriepolitische Strategie. Sie zieht eine nach Europa gewandte Rezeption hinzu, die die Foucaultsche Diskursanalyse und seine Analytik der Macht genauso auf ihre Steigerungspotenziale für die GTM hin abschätzt, ebenso die ANT. Hier versucht CLARKE, zeitgenössische Formulierungen für die durch den klassischen Pragmatismus bereits angesprochenen Realitäten "Diskurs", "Macht" und Objekte" (also einzubeziehende Materialitäten und Dinge) zu rekrutieren.

  • Als letztes theoriepolitisches Moment wendet sich CLARKE nach dem postmodern turn gegen die falsche Schlussfolgerung eines methodologischen Agnostizismus, also gegen die Schlussfolgerung, dass aus dem postmodern turn folge, man könne empirische Sozialforschung nicht mehr auf einer Methodologie fundieren. CLARKE tritt in gewisser Weise "die Flucht nach vorn" an, indem sie aus der Folgerung des postmodern turns von der Vervielfachung der Beschreibungsmöglichkeiten der sozialen Welten selbst nicht folgert, dass dann die Methodologie einfach aufzugeben sei. CLARKE fordert im Gegenteil, dass die Methodologie eben auch an Komplexität zulegen müsse, und zwar in der Weise, dass sie danach geeignet ist, eben die empirische Komplexität zu fassen (S.29). [15]

5. Diskursanalyse "light"?

CLARKE hat sich in ihrem Buch gegen die Kritiken gewehrt, die der GTM vorgehalten haben, eine "Rechtfertigungsrhetorik" für eine in Wirklichkeit nur oberflächliche Form der Sozialforschung zu sein – eine "Analyse light". Die Ausarbeitung verschiedener Formen von Maps sowie zugehöriger methodischer Strategien ihrer Erstellung und Resystematisierung können als ihre Antwort auf diesen Vorhalt aufgefasst werden. Diese Maps sollen für die GTM eine Repositionierung des Situationsbegriffs ermöglichen: Statt Handeln oder Interaktion wird die Situation (in einem weiter gefassten Sinne) als Analyseeinheit eingerichtet. Die drei Arten von Maps setzen dann eine solche "Situationsanalyse" praktisch um.12) [16]

In Kapitel 3 führt CLARKE ihre Differenzierung von drei Arten von Maps ein. Es sind 1. Situationsmaps, 2. Maps von sozialen Welten/sozialen Arenen und 3. Positionsmaps. Diese drei Arten von Maps sollen die Einbeziehung von nicht-menschlichen Akteur/innen, Macht und Diskursen in die so "postmodernisierte" GTM realisieren. CLARKE differenziert die Funktionen dieser drei Arten von Maps folgendermaßen:

"1. Situations-Maps als Strategien für die Verdeutlichung der Elemente in der Situation und zur Erforschung der Beziehungen zwischen ihnen;

2. Maps von sozialen Welten/Arenen als Kartographien der kollektiven Verpflichtungen, Beziehungen und Handlungsschauplätze;

3. Positions-Maps als Vereinfachungsstrategien zur graphischen Darstellung von in Diskursen zur Sprache gebrachten und nicht zur Sprache gebrachten Positionen." (S.126) [17]

Sie demonstriert dann auch praktisch in Kapitel 5, wie Maps unter Einbeziehung von Diskursen methodisch praktiziert werden können. Bereits die Situationsmaps sollten so erstellt werden, dass sie alle relevanten menschlichen und nicht-menschlichen Aspekte einer Situation beinhalten. Wichtigkeit wird dabei nicht allein aus der Sicht der Akteur/innen bestimmt. Vielmehr ist es Aufgabe der Analytiker/innen, sowohl die aus Sicht der Akteur/innen als auch die aus Sicht der Analytiker/innen relevanten Aspekte in einer Situation zu erfassen. Zwei wichtige Schritte der Analyse bestehen darin, einmal eine ungeordnete Situationsmap anzufertigen, die dann überführt wird in eine geordnete Situationsmap, wobei CLARKE Analyseelemente in Tabellen in oppositioneller Weise organisiert und in die Situationsmaps Verbindungslinien einzieht, um kenntlich zu machen, wie Analyseelemente untereinander zusammenhängen. Hier macht sie methodisch gesehen ernst mit ihrer relationalen Analyse und legt eine methodologische Denkweise zugrunde, die sowohl im strukturalistischen als auch im pragmatischen Paradigma fundamental ist (S.143). Die Maps von sozialen Arenen bzw. sozialen Welten erfassen dann die eigentlichen Machtressourcen, Commitments, Organisationen und Positionierungen, dies durchaus in dem Sinne, dass hier auch – um eine Bourdieusche Begrifflichkeit zu verwenden – verschiedene Kapitalsorten in die Analyse einbezogen werden. Zudem will CLARKE hiermit die Mesoebene des sozialen Handelns einbeziehen und die Analyse über die Situation hinaus ausdehnen. CLARKE begreift die sozialen Welten und sozialen Arenen als diskursiv konstituiert, mit der Folge, dass sie hier Diskurse noch nicht explizit in den Maps abbildet (S.156). Positionsmaps sollen dann zuletzt die "in den Daten eingenommenen Positionen" (S.169) abbilden. Diese sollen als Diskurspositionen und aus der je eigenen Binnenperspektive in der sozialen Welt bzw. in der sozialen Arena dargestellt werden. Für diese Positionierungsarbeit versucht CLARKE Achsen zu identifizieren, anhand derer sie die Diskurspositionen in einem zweidimensionalen Raum anordnen kann (S.172). [18]

Adele CLARKE gibt in ihrem Buch Einblick in verschiedene empirische Studien, die sie als Anschauungsmaterial heranzieht. Lesende erhalten so einen guten Eindruck, worauf CLARKE jeweils abzielt. Zudem stellt sie heuristische Überlegungen und Fragestellungen zur Verfügung, die die Praktikabilität ihrer Situationsanalyse steigern sollen.13) CLARKE greift für viele der empirischen Beispiele auf Arbeiten ihrer Schülerinnen und Schülern sowie auf diejenigen einiger Kolleginnen zurück. Ihr hier eine second order-Empirie vorzuhalten, wäre unfair, da CLARKE so demonstrieren kann, welche Breite die Situationsanalyse aufweist. [19]

Wenn man die eingangs eingeführte Perspektive heranzieht, die nach der Integrierbarkeit der beiden Megaparadigmen Pragmatismus und Strukturalismus fragt und sich gleichzeitig auch für das Gelingen der Herstellung eines methodischen Holismus interessiert, dann erscheinen abschließend drei Punkte bemerkenswert zu sein.

  • Die Pragmatistin CLARKE entwickelt Analysestrategien, die zum Beispiel derjenigen der strukturalistischen Feldanalyse Pierre BOURDIEUs ähneln, indem sie vorschlägt, die organisierenden Prinzipien für die Positionsmaps zu identifizieren.14) Diese sind wie in der strukturalistischen Analyse geeignet als wirkmächtige Prinzipien für die Ordnung der einnehmbaren Diskurspositionen, konkret stellen sie die zentralen Oppositionen dar. CLARKE kann nicht nur die entsprechende Map systematisieren und Akteur/innen positionieren, sie kann anhand dieser Oppositionen auch zeigen, dass Diskurspositionen unbesetzt bleiben. Maps ermöglichen somit eine relationale Positionierung (S.71). Wie in der strukturalen Semantik von GREIMAS (1971) steht damit eine Strategie für die Analyse von Tiefensemantiken zur Verfügung.15) Und wie in den neuen Sozialwissenschaften in Frankreich liegt eine Integration strukturalistischer und pragmatischer Elemente vor, die die Situationsanalyse tatsächlich als eine Steigerung der frühen Formen der GTM erscheinen lässt.

  • Nun legt CLARKE viel Wert auf den discursive turn. Die Einbeziehung von Diskursen und die Klärung ihrer Bedeutung sind ihr zweifellos und sehr überzeugend gelungen. Es bleibt aber ein entscheidendes Desiderat: Die vorgestellte Methodologie für eine Diskursanalyse ist in dem Band "Situationsanalyse" unterentwickelt, weil hier Diskurse nicht praktisch analysiert werden als Praktiken, die eine konstruktive Leistung erzielen – nämlich die sozialen Welten bzw. sozialen Arenen selbst zu generieren. Sie werden von Adele CLARKE lediglich mit dieser konstruktiven Eigenschaft angenommen und danach in die Analyse einbezogen. Eine Methodik und eine Methodologie, die die Foucaultsche Diskurstheorie umsetzen, fehlen daher. Insofern kann kritisch von einer "Diskursanalyse light" gesprochen werden. Denn eine an FOUCAULT anschließende Diskursanalyse versteht sich als eine interpretative Analytik, die nicht einfach die Oberfläche von Korpora feststellt oder beschreibt (das wäre im Sinne von CLARKE eben noch ein positivistisches Vorgehen), sondern die sie auf die Regeln der diskursiven Praxis hin reorganisiert. Man kann auch den Eindruck erhalten, dass CLARKE vielleicht etwas voreilig FOUCAULT "umarmt" und als Interaktionisten im Kreise der Pragmatist/innen willkommen heißt: Es fehlt nicht nur eine Klärung, was CLARKE faktisch unter "Diskurs" versteht. Auch das Machtkonzept bei FOUCAULT wird vereinfacht (S.100). Er wird im Grunde als "Interaktionist" missverstanden, denn CLARKE sieht kein Problem darin, FOUCAULT den "Interaktionisten zuzuordnen" (S.42) und die Macht bei denen, die herrschen, etwas einfach zu verorten, anstatt Macht als organisierten Effekt aufzufassen, der kein sozio-strukturelles Zentrum haben muss.

  • Es scheint, dass die von Adele CLARKE vorgelegte Erweiterung der GTM aus Sicht der pragmatischen Tradition keine "Analyse light" ist und dass die Herstellung eines methodischen Holismus aus dieser Warte durchaus gelungen ist. Dies, indem sie versucht, die methodologische Grundposition des Pragmatismus beizubehalten und auf dieser Grundlage eine methodologische Erweiterung durchzuführen, die strukturalistische Züge trägt. CLARKE verzichtet auf eine methodologische Strategie des epistemologischen Bruchs und behält das pragmatische Vertrauen in die kontinuierliche Prüfung durch die Empirie bei, die sie nun erweitert um das Vertrauen in die probierende Praxis der Forschenden. Hinzu kommt, dass der epistemologische Zweifel über die Kontingenz der methodologischen Vorgehensweise, wie sie für den Strukturalismus und Poststrukturalismus prägend ist, durch die pragmatische Strategie einer Naturalisierung der Epistemologie umgangen wird, d.h. die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisprozesse werden selbst als Teil der Empirie verstanden. Der Preis ist zugleich eine gewisse epistemologische Unbekümmertheit hinsichtlich der Konstruktionsbeiträge durch eben diese epistemologische Praxis. CLARKE versucht dies durch eine pluralistische Beschreibung zu kompensieren, die die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Empirie zum Zuge kommen lassen soll. [20]

6. Fazit

Das Erscheinen des Buches von Adele CLARKE ist nichts weniger als ein Ereignis. Dies zuerst nur für die qualitative Sozialforschung, dann aber auch für die pragmatische Soziologie insgesamt. Denn es handelt sich um den Entwurf eines Brückenschlages zwischen zwei soziologischen Megaparadigmen, dies methodologisch und auch (in geringerem Ausmaß) im Bereich des theoretischen Denkens. Die Schwierigkeiten, wirklich Pragmatismus und Neopragmatismus an den Strukturalismus und Poststrukturalismus zu vermitteln, sind schlichtweg erwartbar und es scheint, dass diese Schwierigkeit zwar unüberwindlich, aber dennoch für aktuelle soziologische Theorie- und Methodendesigns zu überwinden erforderlich ist: ein interessantes und – wie die Arbeit von CLARKE eindrücklich zeigt – produktives Dilemma für die qualitative Sozialforschung. Die für die neue pragmatische Soziologie in Frankreich fundamentale Arbeit von Luc BOLTANSKI und Laurent THÉVENOT (2007) siedelt sich ebenfalls in genau diesem Problemfeld an. Auch hier finden sich (immer noch) strukturalistische Anteile (die klar identifizierbar sind, weil Grammatiken der Rechtfertigungsordnungen erarbeitet und verglichen werden).16) Die Methodik und die methodologische Reflexion der praktischen Diskursanalyse müssten durch CLARKE und Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter aber weitergetrieben werden, als dies bisher erfolgt zu sein scheint. Aus Sicht der poststrukturalistischen Formen der Diskursanalyse (insofern sie wirklich eine zugehörige Methodologie entwickelt haben) ist die Rekonstruktion der diskursiven Praxis und ihrer konstruktiven Realität noch ausgeblieben. Dies ist ein Desiderat, das Adele CLARKE bewusst zu sein schein.17) Umgekehrt können für die Foucaultsche Diskursanalyse hier wichtige Anregungen gewonnen werden für eine weitere Ausarbeitung ihrer Methodologisierung (DIAZ-BONE 2006). Der "Entwurf" für eine Integration von Pragmatismus, Neopragmatismus einerseits und Strukturalismus, Poststrukturalismus andererseits, den CLARKE vorgelegt hat, ist demnach möglich geworden, weil sie die Situationsanalyse faktisch auf "spätpragmatischer Grundlage" entwickelt hat. Im europäischen und insbesondere deutschsprachigen Kontext, wo der Poststrukturalismus weit in die Sozialwissenschaften hineinreicht, wird ihr Entwurf daher dennoch attraktiv erscheinen und fruchtbar für die Diskussion im Feld der qualitativen Sozialforschung werden. [21]

Anmerkungen

1) Dieser Review Essay ist die ausgearbeitete und deutlich erweiterte Fassung meines (gleich betitelten) Vortrages während des 36. Soziologiekongresses an der Ruhr-Universität Bochum vom 4.10.2012, den ich im Rahmen der Ad hoc-Gruppe "Von der Grounded Theory zur Situationsanalyse. Neue Untersuchungsperspektiven auf komplexe und vielfältige Wirklichkeiten" gehalten habe. Ich danke den Mitvortragenden Reiner KELLER und Rainer WINTER sowie dem Kommentator Jörg STRÜBING für Hinweise zur Situationsanalyse. <zurück>

2) Die eine kollektive Praxis in einem Feld ist. FOUCAULT weist aber keine weiteren theoretischen Bezüge hierfür aus. <zurück>

3) Siehe für die Grounded-Theory-Methodologie auch die Darstellung von STRÜBING (2008) und die Beiträge im "Grounded Theory Reader" von MEY und MRUCK (2011) sowie in BRYANT und CHARMAZ (2007); für die Foucaultsche Diskursanalyse die Beiträge in der von BÜHRMANN et al. (2007) herausgegebenen FQS-Schwerpunktausgabe. <zurück>

4) Reiner KELLER kommt das Verdienst zu, die Arbeit von Adele CLARKE in die deutschsprachige Diskussion eingeführt zu haben (dies sehr praktisch, indem er die Übersetzung und deutschsprachige Veröffentlichung initiiert hat). Er hat zu der deutschen Übersetzung zudem ein Vorwort beigesteuert (KELLER 2012). Adele CLARKE hat 2011 während des 8. Berliner Methodentreffens Qualitative Forschung die Abschlussvorlesung gehalten und ihren Ansatz dort präsentiert; die dazugehörige Videodokumentation findet sich unter: http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/video/closinglecture_2011/. <zurück>

5) Siehe für den Entwurf einer Integration der Foucaultschen Diskursanalyse mit Konzepten der neuen pragmatischen Soziologie in Frankreich DIAZ-BONE (2012). <zurück>

6) Siehe für diese Schwierigkeit im Feld der "poststrukturalistischen" Diskursanalyse auch WILLIAMS (1999). <zurück>

7) Wichtig ist anzumerken, dass auch die Cultural Studies solche Integrationen der Diskursanalyse entwickelt haben (siehe HÖRNIG & WINTER 1999; WINTER 2010, 2011). Siehe für die Vielfältigkeit der interaktionistischen Ansätze, die sich auch auf verschiedene Formen der Diskursanalyse beziehen, die Beiträge in DENZIN und LINCOLN (2011). <zurück>

8) Hier ist das Bewusstsein um die kohärente Passung von Theorien und Methoden deutlicher als dies für die sogenannte quantitative Sozialforschung der Fall ist (DIAZ-BONE 2011c). <zurück>

9) Siehe für eine Analyse des verbliebenen Positivismus in der GTM auch BRYANT (2009) und TOLHURST (2012). <zurück>

10) Dass die Verweise auf den klassischen Pragmatismus bereits in der GTM bei STRAUSS fehlen, rekonstruiert BRYANT (2009). <zurück>

11) Siehe auch die Beiträge der französischen pragmatischen Soziologie zur Integration von Konzeptionen der Macht bei Laurent THÉVENOT (2011). <zurück>

12) Siehe für eine grundlegende Diskussion des Situationskonzeptes auch REICHERTZ (im Druck). <zurück>

13) CLARKE gibt sich insgesamt methodologisch gesehen eher undogmatisch. Beispielsweise können die drei unterschiedenen Maps in Mischformen und anderen Reihenfolgen verwendet werden. <zurück>

14) Siehe dazu die Beiträge in BERNHARD und SCHMIDT-WELLENBURG (2012a, 2012b). <zurück>

15) Die strukturale Semantik von GREIMAS (1971) hat auch die ANT beeinflusst, die von GREIMAS das Modell der "Aktanten" übernommen hat. <zurück>

16) Dies gilt auch für andere Strömungen der neuen pragmatischen Sozialwissenschaften in Frankreich (DIAZ-BONE 2011b). <zurück>

17) Den Hinweis verdanke ich Reiner KELLER. <zurück>

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Zum Autor

Rainer DIAZ-BONE, Dr. phil., Dipl. Soz.-Wiss., 1991 bis 1996 Studium der Sozialwissenschaft (Schwerpunkt: angewandte Sozialforschung) an der Ruhr-Universität Bochum, von 1996 bis 2001 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH), 2002 bis 2008 Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie an der Freien Universität Berlin im Lehrgebiet "Empirische Methoden und Statistik", seit 2008 o. Professor für Soziologie an der Universität Luzern mit dem Schwerpunkt qualitative und quantitative Methoden.

Forschungsschwerpunkte: angewandte Diskursanalyse und Epistemologie, empirische Kultur- und Sozialstrukturanalyse, Wirtschaftssoziologie, Methoden der empirischen Sozialforschung, Wissenschaftstheorie, sozialwissenschaftliche Statistik und Netzwerkanalyse.

Rainer DIAZ-BONE hat in FQS bereits die Sammelbesprechungen "Entwicklungen im Feld der foucaultschen Diskusanalyse" und "Was ist der Beitrag der Diskurslinguistik für die Foucaultsche Diskursanalyse?", die Artikel "Milieumodelle und Milieuinstrumente in der Marktforschung", "Zur Methodologisierung der Foucaultschen Diskursanalyse", "Die französische Epistemologie und ihre Revisionen" und "Die Performativität der qualitativen Sozialforschung", den Review Essay "Gibt es eine qualitative Netzwerkanalyse?" sowie die beiden Interviews "Operative Anschlüsse: Zur Entstehung der Foucaultschen Diskursanalyse in der Bundesrepublik. Jürgen Link im Gespräch mit Rainer Diaz-Bone" und "Kritische Diskursanalyse: Zur Ausarbeitung einer problembezogenen Diskursanalyse im Anschluss an Foucault. Siegfried Jäger im Gespräch mit Rainer Diaz-Bone veröffentlicht". Er ist Mitherausgeber der FQS-Schwerpunktausgabe 8(2) "Von Michel Foucaults Diskurstheorie zur empirischen Diskursforschung. Aktuelle methodologische Entwicklungen und methodische Anwendungen in den Sozialwissenschaften"; siehe auch die Liste der Veröffentlichungen in FQS.

Kontakt:

Rainer Diaz-Bone

Soziologisches Seminar
Universität Luzern
Frohburgstrasse 3
CH-6002 Luzern

Tel.: 0041(0)41 229 5559

E-Mail: rainer.diazbone@unilu.ch
URL: http://www.rainer-diaz-bone.de/

Zitation

Diaz-Bone, Rainer (2012). Review Essay: Situationsanalyse – Strauss meets Foucault? [21 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(1), Art. 11,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1301115.



Copyright (c) 2012 Rainer Diaz-Bone

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