Volume 14, No. 1, Art. 19 – Januar 2013

Rezension:

Julia Böcker & Alexander Leistner

Vico Leuchte (2011). Landkommunen in Ostdeutschland. Lebensgeschichten, Identitätsentfaltung und Sozialwelt. Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich; 515 Seiten; ISBN 978-3-86649-401-5; EUR 59,90

Zusammenfassung: Die frühen 1990er Jahre in Ostdeutschland waren Zeiten tief greifender Umbrüche, gesellschaftlich wie biografisch, aber auch Zeiten des Aufbruchs. In diesen Jahren entstanden zahlreiche Landkommunen als Experimentierfelder alternativer Lebensformen, wie sie so vor 1989 nicht möglich gewesen waren. In seiner Dissertation nimmt Vico LEUCHTE die biografischen Verläufe von Mitgliedern landkommunitärer Gemeinschaften in den Blick. Er fragt nach den biografischen Vorgeschichten, die der Partizipation vorausgingen, und verbindet diese mit Problemen und Konflikten innerhalb der Kommunen. Er zeigt, dass Anspruch und Wirklichkeit des Zusammenlebens auch deshalb auseinanderklaffen, weil das Leben in einer Landkommune für die Akteurinnen und Akteure sehr unterschiedliche Funktionen haben kann. In LEUCHTEs Arbeit klaffen Anspruch und Wirklichkeit aber ebenfalls auseinander: Das Versprechen, das Verhältnis von Biografie- und Bewegungsforschung näher zu bestimmen, bleibt uneingelöst.

Im ersten Abschnitt unseres Beitrags folgen wir zunächst der Dramaturgie des Buches, um die Argumentation des Autors nachzuzeichnen und um die grundlegenden methodischen Schwächen und Leerstellen zu diskutieren. Anschließend werden im zweiten Teil drei Vorschläge unterbreitet, wie sich die dichten empirischen Ergebnisse der Studie für Forschungen zu Biografien, Gemeinschaften und sozialen Bewegungen fruchtbar machen ließen.

Keywords: Landkommune; soziale Bewegung; Gemeinschaft; Biografie; autobiografisch-narrative Interviews; Ostdeutschland

Inhaltsverzeichnis

1. Landkommunen in Ostdeutschland. Aufbau der Studie

2. Empirische Erträge auf drei Ebenen

2.1 Biografietheorie

2.2 Gemeinschaft

2.3 Soziale Bewegung

3. Zwischen Anspruch und Realität

Literatur

Zur Autorin und zum Autor

Zitation

 

1. Landkommunen in Ostdeutschland. Aufbau der Studie

Mit Landkommunen hat Vico LEUCHTE einen Gegenstand für seine Dissertation gewählt, der schillernd ist. Von verschiedenen Seiten besehen, erscheint er je in einem anderen Licht. Vermutlich war diese Faszination ein Grund dafür, dass der Autor aus gleich drei Blickrichtungen auf die verbindlichen Lebensgemeinschaften schaut. LEUCHTE stellt Landkommunen in Ostdeutschland allem voran erstens in den Kontext sozialer Bewegungen. Vor dem Hintergrund, dass Landkommunen historisch in der Lebensreformbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts, der Alternativbewegung der 1960er Jahre und der Ökologiebewegung wurzeln, erscheint es zunächst nachvollziehbar, dass LEUCHTE mit seiner Arbeit einen empirischen Beitrag zur Bewegungsforschung leisten möchte. Als spezifische Lebensform, die von ihren Akteurinnen und Akteuren selbst im zuweilen scharfen Kontrast zur Gesellschaft konzipiert wird, betrachtet LEUCHTE (die jeweiligen) Landkommunen zweitens als Gemeinschaften. Dabei soll deutlich werden, welchen Stellenwert die individuellen Biografien der Akteurinnen und Akteure in dieser Lebensform einnehmen und warum es daher aufschlussreich ist, Landkommunen biografieanalytisch zu untersuchen. Aus dem Blickwinkel der qualitativen Biografieforschung untersucht LEUCHTE deshalb drittens die Lebensverläufe ostdeutscher Akteurinnen und Akteure, die sich nach 1989 einer Landkommune angeschlossen haben. [1]

Es gelingt dem Autor nicht, die drei Perspektiven systematisch aufeinander zu beziehen. Das macht die Lektüre mühsam und gleicht dem Blick durch ein Kaleidoskop. Mit jedem Abschnitt ändert sich der Fokus, werden neue Facetten sichtbar, und es vermag sich ein vielfältiges, wenngleich kein klares Bild abzuzeichnen. [2]

Diese Lektüremühen hängen mit drei die Arbeit durchziehenden Problemen zusammen: der mangelnden Präzisierung, was eigentlich untersucht wird; der unsauberen Trennung zwischen wissenschaftlichen Theorien und ideologischen Eigentheorien und der unzureichenden Rückbindung der empirisch dichten Erträge an das (unbestimmte) Phänomen. Wie viel Potenzial dadurch verschenkt wird, soll ein Kontrast deutlich machen. Wir folgen in diesem Abschnitt zunächst der Argumentation LEUCHTEs – mit allen angedeuteten Schwierigkeiten – und unternehmen in einem zweiten Schritt dann selbst den Versuch, wichtige Erträge des Buches zu extrahieren und für die drei angesprochenen Forschungsfelder zu diskutieren. [3]

Die drei genannten Probleme werden schon im Aufbau des Buches sichtbar. Diese Textdramaturgie LEUCHTEs sei vorerst nachvollzogen. Wenn die "Landkommunen in Ostdeutschland" Thema sind, liegt es nahe, mit einem historischen Abriss zu beginnen (S.9-22). Zu diesem Zeitpunkt wissen die Leserin und der Leser noch nicht, was Landkommunen sind, aber sie erfahren, dass erste Gemeinschaften im Zuge von Industrialisierung und zivilisationskritischer Lebensreformbewegung entstanden, um sich dann im Umfeld von 1968 als "landkommunitäre Bewegung" zu konstituieren, die in den 1980er Jahren stagnierte. LEUCHTEs These, dass die verstreuten und zudem unterschiedlich (politisch, religiös, spirituell) motivierten Kommunengründungen eine eigenständige Bewegung formen, lässt viele Frage offen. Unterstellt diese doch, dass hier eine Struktur entstand, die – wie lose auch immer sie sein mag – über die einzelnen (Lebens-) Gemeinschaften hinausweist und einen kollektiven Handlungszusammenhang bildet, der über ein geteiltes Selbstverständnis integriert ist. Letztlich bleibt dies am Ende der Arbeit ungeklärt. [4]

Im zweiten Kapitel situiert LEUCHTE das bis dahin unter dem Stichwort Landkommunen Verhandelte im Kontext der gesellschaftlichen Transformation in Ostdeutschland nach 1989/90, skizziert die Entstehungsphasen der zahlreichen neuen Gemeinschaften und unterstellt, dass im Unterschied zu den Kommunengründungen der 1970er Jahren sich hier eine neue Bewegung formiere (S.23-39). Er zeichnet die günstigen Gelegenheitsstrukturen für derartige Gründungen nach: Der nachrevolutionäre Schwung der politisch-alternativen Gruppen der untergegangen DDR sei auf einladend erschwingliche Bauernhöfe und landwirtschaftliche Nutzflächen getroffen. [5]

Auf die Darstellung der konkreten Rahmenbedingungen folgt schließlich das dritte, missverständlich als "theoretischer Bezugsrahmen" ausgewiesene Kapitel (S.40-75). Zu erwarten wäre hier die Darstellung des der Arbeit zugrunde liegenden und die Argumentation steuernden analytischen Rahmens. Es folgt aber sehr Unterschiedliches. Zunächst referiert LEUCHTE verschiedene einschlägige Theoretiker wie Rudolf BAHRO oder Johann GALTUNG, auf die sich die "Landkommunenbewegung" selbst bezieht und die Landkommunen eine ideologisch begründete Funktion zuweisen: als Rettungsinseln alternativen Lebens angesichts einer befürchteten Selbstvernichtung der menschlichen Zivilisation (BAHRO 1995). Es geht also hier darum, was Landkommunen sein wollen, oder mehr noch: sein sollen, und nicht darum, was sie sind. [6]

Aber gerade diese Frage, was Landkommunen denn eigentlich sind, steht implizit immer auch im Hintergrund von LEUCHTEs Untersuchung: ein individuelles Versuchslabor oder gelebtes Ideal einer sozialen Bewegung? Eine gewachsene, erzwungene oder bloß vorgestellte Gemeinschaft? Die Keimzelle von etwas Neuem oder Auffangbecken für Gestrandete und Strauchelnde? Brückenkopf einer neuen oder Insel in der bestehenden Gesellschaft? [7]

Ein Grundproblem der Arbeit bleibt das Versäumnis, Landkommunen, Gemeinschaft und Bewegung zu definieren. Gerade wenn LEUCHTE konstatiert, dem Begriff Gemeinschaft habe es "von je her an Definitionskraft gefehlt" (S.58), hätte es grundsätzlich eines heuristischen Gemeinschaftsbegriffes bedurft, "der auch für die empirische Untersuchung brauchbar ist" (a.a.O.). Stattdessen präsentiert er vier Theoretiker, die sich mit dem Gemeinschaftsbegriff beschäftigt haben. Bei deren Auswahl wurde, und das mag nicht einleuchten, "hauptsächlich darauf geachtet, dass ihre Überlegungen in unterschiedliche Zeitepochen des letzten Jahrhunderts fallen" (a.a.O.). Problematisch ist dabei zum einen, dass den Ansätzen völlig unterschiedliche Gemeinschaftsbegriffe zugrunde liegen (das scheint von LEUCHTE sogar gewollt, um dem Präzisionsmangel des Gemeinschaftsbegriffes Rechnung zu tragen; vgl. S.58). Zum anderen wird hier wiederum auf Theoretiker wie Klaus-Bernd VOLLMER oder Rudolf BAHRO zurückgegriffen, auf die sich die Landkommunen (-bewegungen) selbst ideologisch beziehen oder deren Konzepte in den konkreten Lebensgemeinschaften praktische Anwendung finden sollten. Auf der Suche nach einem "praktikablen Gemeinschaftsbegriff" (S.58) vermischt LEUCHTE also erneut landkommunitäre Eigentheorien mit wissenschaftlichen Konzepten. Die Ebenen, was Landkommunen sind (Phänomen), als was sie analysiert werden (Gemeinschaft oder Bewegung) oder was sie sein sollen (Ideologie), verschwimmen nahezu durchgängig. [8]

Aufbauend auf einer eher allgemeinen Diskussion eines soziologischen Begriffes von Gemeinschaft folgt der "Versuch einer Begriffsbestimmung landkommunitärer Gemeinschaften nach 1990" (S.61-63), bei dem er sich tatsächlich um eine Phänomenbestimmung bemüht. LEUCHTE räumt ein: "Vor dem Hintergrund der Heterogenität und der verschiedenen Zugänge, die sich bei einer näheren Betrachtung der Landkommunen ergeben, scheint es durchaus problematisch von 'der' Landkommunenbewegung zu sprechen" (S.61f.). Dennoch belässt er es dabei, das Problem zu "benennen", und schlägt folgende Definition vor: "Die landkommunitäre Gemeinschaft stellt ein soziales Arrangement von Akteuren in ländlichen Regionen dar, die ihre spezifischen Lebens-, Arbeits-, Aktions-, Diskurs- und Kommunikationsformen als Alternative zur strukturellen Ordnung der fortgeschrittenen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft begreifen" (S.62). Darüber hinaus nennt er weitere "Kriterien" zur "Abgrenzung der von [ihm] betrachteten Landkommunen" (a.a.O.), die teilweise "enzyklopädische[n] Ursprungs sind und auf die von [ihm] untersuchten landkommunitären Gemeinschaften ebenfalls zutreffen". Kurz, LEUCHTE hilft den Lesenden, sich eine Alltagsvorstellung von Landkommunen zu machen. Die sammelsurische Annäherung lässt aber offen, was konkret untersucht wird. Da Fragestellung, Datenerhebung und -auswertung ausschließlich biografieanalytisch angelegt sind, kann das Ergebnis augenscheinlich keine fundierte Phänomenbestimmung von Landkommunen sein. Ohne präzise Heuristik, ohne analytische Dimensionen zu Beginn einer empirischen Untersuchung aber können auch die Erkenntnisse aus dem biografischen Material schlussendlich keinen Beitrag zur Theorie sozialer Bewegung oder zur Gemeinschaftsforschung leisten. Was er aber überzeugend zeigen kann, ist, was Landkommunen für die Individuen sind. [9]

Statt einer Übersetzung der Fragestellung und des Erkenntnisinteresses in ein methodisches Verfahren nimmt das vierte Kapitel zur "theoretisch-methodologische[n] Ausrichtung der Untersuchung" erneut von einem anderen Standort seinen Ausgang (S.76-98). Die Biografieforschung nach Fritz SCHÜTZE wird hier als methodologischer "Bezugsrahmen" festgelegt, in den die Ergebnisse später einzubetten sind. Weder wird ein methodisches Verfahren geplant, mittels dessen Erkenntnisse über das Phänomen Landkommune zu erwarten sind, noch wird die Frage nach der sozialen Bewegung wieder aufgegriffen. Die biografische Perspektive wird vorausgesetzt, um "bestimmte Lebensentscheidungen und soziale Prozesse im Kontext der Beteiligung an Landkommunen [zu] analysieren" (S.98). Diese scheinen dann auch eigentlich im Fokus der vorliegenden Untersuchung zu stehen. [10]

In den folgenden Kapiteln 5-7 stellt LEUCHTE Design und Umsetzung der Studie (S.99-123) sowie die Ergebnisse in Form von Falldarstellungen (S.124-332) und Fallvergleich (S.333-456) vor. Er versucht, die zentralen Erkenntnisse in einem "theoretischen Modell" zu integrieren, das im abschließenden achten Kapitel noch einmal zusammengefasst wird (S.457-472). Mag die Gliederung der Arbeit eine inhaltliche Struktur suggerieren, die einzelnen Kapitel stehen unverknüpft nebeneinander. Die Ergebniskapitel sind übertheoretisiert und manchmal mit Beispielen aus dem empirischen Material überfrachtet. Vier biografische Fälle werden zwar interessant und vielschichtig präsentiert (S.124-332). Unklar bleibt dennoch, wofür sie stehen. Sollen sie Typen biografischer Verläufe in einer ostdeutschen Landkommune sein? Dann fehlen Vergleichsdimensionen, aus denen sich Schlussfolgerungen ableiten lassen. Zu denken wäre dabei an die biografischen Vorgeschichten und Motivlagen, die verschiedenen Konstellationen des Eintritts sowie die unterschiedliche Attraktivität und Funktion der Partizipation für die Akteurinnen und Akteure. Zudem irritiert, dass ab dem nächsten, fallvergleichenden Kapitel zahlreiche neue Namen anderer Interviewpartner/innen genannt werden, um Thesen zu untermauern, für die sich keine Beispiele aus den bereits vorgestellten Fällen zu finden schienen. Dabei ließen sich – wie im Folgenden vorgeschlagen wird – mit einem systematischeren Blick auf das Material zahlreiche Erkenntnisse gewinnen. [11]

2. Empirische Erträge auf drei Ebenen

Schiebt man Vorannahmen und theoretischen Überbau beiseite, und mithin all das, was irritiert, nicht passt und auf falsche Fährten führt, dann fragt LEUCHTE in seiner empirischen Studie danach, wie Akteurinnen und Akteure aus Ostdeutschland nach dem gesellschaftlichen Umbruch 1989 in eine Landkommune gelangt sind. Ein Untersuchungsfokus ist dabei die unterstellte Heterogenität DDR-biografischer Verläufe in eine soziale Bewegung oder Gemeinschaft mit – so die Annahme – kollektiv geteilten Zielen und Vorstellungen. Dies ist eine zentrale methodologische Weichenstellung, ein Phänomen gleichsam von "innen" heraus, aus den Biografien zu rekonstruieren und davon ausgehend die Erkenntnisse für die angeschnittenen Forschungsfelder zu diskutieren. Wir orientieren uns nun am empirischen Vorgehen LEUCHTEs, der mittels biografisch-narrativer Interviews den (langen) Weg der Individuen in die Landkommunen nachvollzieht, und möchten exemplarisch in drei Richtungen Einsichten aus der Arbeit skizzieren. [12]

2.1 Biografietheorie

Die Analyse der narrativ-biografischen Interviews ermöglicht zunächst Aussagen über Motiv- und Lebenslagen der befragten Akteurinnen und Akteure zum Zeitpunkt des Eintritts in die Landkommune. Durch die Darstellung der je spezifischen biografischen Kontexte und individuellen Orientierungen brechen Lesende schnell mit jener Illusion von kollektiv geteilten Vorstellungen, die sie in den Kapiteln zum Forschungsstand hegen konnten. Während die einen die Landkommune etablieren, um die Ideologie eines gemeinschaftlicheren Zusammenlebens praktisch umzusetzen, nutzen andere diese als temporäre Gelegenheit, sich reflexiv mit der eigenen Biografie oder mit bestimmten Interessengebieten wie Natur und Spiritualität auseinanderzusetzen. Wieder andere folgen schlicht einem spontanen Impuls oder ihrer neuen Partnerin in die Landkommune. [13]

Die divergenten Motivlagen stehen im Zusammenhang mit der zweiten analytischen Dimension, die durch das biografische Datenmaterial sichtbar wird: die der Handlungsmuster der Akteurinnen und Akteure im landkommunitären Zusammenleben. In den dargestellten Differenzierungen offenbart sich die Chance des biografischen Zugangs, den LEUCHTE gewählt hat. Die Gruppe der Akteurinnen und Akteure spaltet sich (mindestens) in zwei Typen auf, die man "Avantgardisten" (S.412) und "Suchende" (vgl. S.322) nennen könnte. Während Erstere durch ihre starke normative Selbstbindung an die ideologische Vorstellung der Gemeinschaft, die konsequente Durchdringung der Alltagspraxis mit ihren "Ansprüchen und Forderungen an andere Akteure" (S.412) in der Kommunenarbeit als besonders "qualifiziert" erscheinen, zeichnet die zweite Gruppe aus, dass sie die Landkommune mit Blick auf biografische Problemlagen für sich nutzt. Dadurch lassen sich nicht nur konkrete Konflikte innerhalb der Gemeinschaften erklären, sondern darin liegt eventuell auch ein tieferes Verständnis für die innere Logik dieses kulturellen Phänomens: Landkommunen stellen eine (temporäre) Lebensform für beide Akteur/innengruppen dar. [14]

2.2 Gemeinschaft

Eine weiterführende Perspektive auf den Gegenstand wäre, Landkommunen als eine spezifische Gemeinschaftsform zu untersuchen. Theorien der Gemeinschaft unterscheiden zwei Begriffe von Gemeinschaft: der eine beschreibt das Konstrukt, die "Vorstellung" von Gemeinschaft, der andere betrifft den sozialen Zusammenhang, das "tatsächlich" Vergemeinschaftete. [15]

Dass die Mitglieder der Landkommunen selbst Konzepte und Ideologien von Gemeinschaft verhandeln, wurde bereits mehrfach erwähnt. Eine ideale, "wahre" (Vorstellung von) Gemeinschaft im "falschen" Leben tatsächlich zu realisieren, stellt ein – wenn nicht sogar das – Kernziel der Landkommunenbewegung dar. Das erkenntnistheoretische Problem, dass die Beschreibung und Analyse "echter" Gemeinschaften immer nur ein Konstrukt sein kann, findet dann seine Analogie in dem praktischen wie zermürbenden Problem der landkommunitären Akteur/innen, deren Ideologien und Umsetzungsstrategien nie "echte" Gemeinschaft garantieren können. Insbesondere nach 1989/90 brauchten ostdeutsche Bewegungsanhängerinnen und -anhänger Orte der Neu-Vergemeinschaftung, um der "Gesellschaft" etwas entgegenzusetzen. Die Landkommunen waren expliziter Gegenentwurf: Gemeinschaft als gewachsenes Kollektiv, deren Mitglieder vis-à-vis Überzeugungen und Umgangsweisen aushandeln, leben und teilen. [16]

Die spezifische Gemeinschaftsform Landkommune zeichnet sich dadurch aus, dass alle Mitglieder 1. einen gemeinsamen Wohnort teilen, 2. verbindlich an der Landkommune teilnehmen und 3. als Persönlichkeiten zu einem Teil der Gemeinschaft werden. Die Differenz zwischen Individuum und Gesellschaft soll (wieder) aufgelöst werden. In der Konsequenz befindet sich die landkommunitäre Gemeinschaft in einem ständigen Spannungszustand, den Bedürfnissen der Einzelnen gerecht zu werden und gleichzeitig den eigenen Bestand zu sichern. Der individuelle Wunsch nach einem neuen Fahrrad, das aus der Gemeinschaftskasse bezahlt werden müsste, wird so zum Problem der ganzen Gruppe (vgl. S.401f.). [17]

Dazu kommt die Besonderheit, dass eine wesentliche Funktion dieser Gemeinschaft ist, eine Gemeinschaft zu sein. LEUCHTE grenzt Landkommunen ausdrücklich ab von anderen "sozialen Bewegungen" (wie der "Ökologiebewegung", vgl. S.19) und/oder "Gemeinschaften" (wie "veganen Lebensgemeinschaften", S.66), ohne die Spezifik von Landkommunen herauszuschälen. Möglicherweise stellt Gemeinschaftlichkeit den primären "gemeinsamen Aktivitätskern" (S.66) landkommunitärer Lebensgemeinschaften dar, so wie Veganismus ein explizites Handlungsziel einer veganen Lebensgemeinschaft ist (vgl. a.a.O.). Während in der alltäglichen Interaktion alle Landkommunard/innen einen sozialen Zusammenhang bilden und dadurch – inklusive aller Konflikte – eine tatsächliche Gemeinschaft sind, kämpfen nur einige Akteurinnen und Akteure für die "Sache", hier: für eine bessere Gemeinschaft. Für diese ist die Landkommune ein zentral mit dem Selbstverständnis verbundenes Anliegen (s. Abschnitt 2.3), während sie für die "Suchenden" eventuell nur eine Gemeinschaftsform unter vielen und damit eher ein austauschbares Sinnangebot darstellt. Eine solche Schere klafft möglicherweise vergleichbar innerhalb anderer Gemeinschaften, z.B. einer Szene oder einem Verein. In Landkommunen aber stehen soziale Funktion (Vergemeinschaftung) und kultureller Inhalt (Gemeinschaftlichkeit) in einem besonderen Verhältnis: in ideologisch gesteuerten Selbstbeschreibungen deckungsgleich, in der Praxis disparat. Entsprechend stellt es eine spezifische Herausforderung für die "Avantgardisten" dar, Engagement für die landkommunitäre Gemeinschaft einzufordern von denjenigen, die diese "bloß" bilden und benötigen. [18]

2.3 Soziale Bewegung

Eine andere Perspektive fragt nach den Erträgen für die Bewegungsforschung. Vico LEUCHTE verortet seine Arbeit hier zunächst und vordergründig thematisch. Die Wahl des analytischen Zugangs über Biografien eröffnet aber zugleich eine eigene theoretische Perspektive auf soziale Bewegung. Es geht dann nicht mehr um eine konkrete Bewegung unter vielen, sondern um eine grundlagentheoretisch alternative Sicht auf diese. Ein Beitrag bestünde daher in einer fundamentalen Blickverschiebung. Ein Großteil der Bewegungsforschung analysiert soziale Bewegung von "oben" und von "außen". Untersucht werden bestehende und professionalisierte Bewegungsorganisationen und Netzwerke sowie die Intentionen und das politische Selbstverständnis eines lockeren Netzwerkes von Personen, Gruppen und Organisationen. Eine Gefahr besteht aber darin, von einer unterstellt geteilten kollektiven Identität oder den politischen Rahmenbedingungen vorschnell auf die Teilnahmemotive der Akteurinnen und Akteure zu schließen oder Landkommunen als die erstrebten Alternativen vorwegnehmende Gemeinschaften zu idealisieren. Zudem dominieren Erklärungsansätze mit starken Annahmen über die Eigenschaften von Akteurinnen und Akteuren: Sie werden als rational agierend vorgestellt, mit schon ausgebildeten Dispositionen und ideologischen Überzeugungen, die sich – Erfolgswahrscheinlichkeiten abwägend – dieses Tätigkeitsfeld suchen oder es meiden (für eine grundlegende Darstellung und Kritik vgl. PETTENKOFER 2010). [19]

Folgt man dagegen konsequent den verwickelten Einstiegswegen Einzelner in eine konkrete – und eher lose mit sozialen Bewegungen verbundene – Gemeinschaft und fragt, was dieses soziale Gebilde für die Akteurinnen und Akteure ist, zeigt sich ein weitaus differenzierteres Bild. Die Gemeinschaft ist dann überhaupt nur für einen Teil der Beteiligten ein Vehikel, das sie suchen, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und im Kleinen zu realisieren. Ein anderer – wie Vico LEUCHTE zeigt nicht eben geringer – Teil kommt aus unterschiedlichsten Gründen und auf verschiedenen Wegen in die Landkommunen und findet dort die Gelegenheit u.a. für die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Und gerade eine solche Sensibilisierung für unterschiedliche identitäre Logiken der Partizipation und die keineswegs selbstverständlichen Passungsverhältnisse brechen mit gängigen Annahmen der Bewegungsforschung. Zudem lässt sich darüber auch ein Teil der Binnendynamiken, Konflikte und Rollendifferenzierungen in konkreten Gruppen rekonstruieren. So besehen stellen sich auch für die Soziologie sozialer Bewegungen grundlegende und anregende Fragen: Was hält eine Bewegung eigentlich zusammen – ein geteilter kollektiver Handlungsrahmen oder zunächst vor allem ein gemeinsamer "Aktivitätskern"? Die Studie wäre somit Teil des Versuches, soziale Bewegungen von "innen" – durch das Nadelöhr der Biografien ihrer Akteurinnen und Akteure – zu rekonstruieren, zu verstehen und alternative Erklärungsansätze zu entwickeln (vgl. LEISTNER 2011). [20]

Darüber hinaus schließt LEUCHTEs Studie implizit an die Grundfrage der Bewegungsforschung an, wie sich das Langzeitengagement von Aktivistinnen und Aktivisten erklären lässt. Für konkrete Gemeinschaften wie lose Bewegungsnetzwerke – die, wie sichtbar wurde, nicht identisch sind – gilt: Das Zustandekommen und die Stabilisierung einer solchen prekären sozialen Struktur sind unwahrscheinlich und erklärungsbedürftig (vgl. PETTENKOFER 2010). Sowohl Bewegungen wie konkrete Landkommunen sind für ihre Fortexistenz konstitutiv auf jene angewiesen, die kontinuierlich bleiben. In LEUCHTEs Arbeit konkretisiert sich daher exemplarisch die in der Forschung vorgenommene Unterscheidung von persisters und dropouts (DOWNTON & WEHR 1997). Dabei erweitert er gängige Erklärungen um einen eigenständigen biografieanalytischen Ansatz. Weniger der Erfolg oder Misserfolg (HIRSCHMANN 1984) oder die Techniken des Problem-, Burnout- oder Enttäuschungsmanagements sind dann für das Gehen oder Bleiben entscheidend, sondern vor allem die je unterschiedliche Funktion der Teilnahme im Kontext einer biografischen Vorgeschichte. LEUCHTE zeigt: Viele der von ihm Befragten haben die Landkommune wieder verlassen, die Teilnahme blieb episodal. Landkommunen wie soziale Bewegungen sind soziale Ordnungen, die fragil und flüchtig sind. [21]

3. Zwischen Anspruch und Realität

Die Studie macht klar: Die vielfältigsten Lebenswege führen Akteurinnen und Akteure in eine gemeinsame landkommunitäre Gemeinschaft, in der sie eine Ordnung miteinander aushandeln müssen, die diese diversen Biografien integrieren soll. Das Handlungsproblem der beteiligten Individuen und der Kommune als Handlungssystem wird zur unaufgelösten Schieflage der Untersuchung: Die Frage "Worum geht es?" stellt sich bis zum Ende, und darum befriedigen die (praktischen) Antworten auf die Anschlussfrage "Wie lässt es sich umsetzen?" nie vollends. [22]

Die vier ausführlichen Falldarstellungen sind das Herzstück der Arbeit. Im sehr gut aufbereiteten Material entfalten sich eindrücklich die biografischen Geschichten. So besticht beispielsweise die symbolische Episode des ehemaligen Oberleutnants Georg, der sich nach dem politischen Umbruch zunächst von der Bundeswehr übernehmen lässt, später aber aus dieser "aussteigt", weil ihm dort "jener eindeutige kollektive Identitätskern" (S.145) fehlt. Am Tag der Deutschen Einheit muss Georg um null Uhr die NVA-Uniform aus- und die Uniform der Bundeswehr anziehen sowie eine neue Fahne hissen. Die zitierte Interviewpassage zeigt, dass er beides alleine und heimlich unternimmt: "und die hab ich dann hochgezogen, und um mich geguckt ob mich keener sieht weil das war mir irgendwie so ne blöde Prozedere ich in so ner knochensteifen neuen Uniform und so ne [...] andere Fahne hochgezerrt" (S.142). LEUCHTE interpretiert, dass das "unbehagliche Gefühl" beim "Hochzerren" der Fahne von Georgs Angst rührt, "von seinen Kollegen gewissermaßen als Verräter angesehen zu werden" (S.144). Der heimliche Vollzug verkehre den intendierten "Identifizierungsprozess der Soldaten mit dem neuen Gemeinwesen und der kollektiven Identität der Bundeswehr" (a.a.O.) ins Gegenteil. Überzeugend plausibilisiert LEUCHTE hier den "Orientierungszusammenbruch[...], den Georg mit dem Verlorengehen der Sinnquellen der DDR-Gesellschaft und seiner Armee erleidet" (S.145). Gemeinsinn findet Georg dann später in der Landkommunenbewegung wieder. [23]

Manches Mal verlieren sich die Interpretationen aber in den zahlreichen Prozessstrukturen und Verlaufskurven und sind so empathisch ("doch schützt sie ihr Glaube auch nicht vor einer neuen Verlaufskurvenentwicklung", S.190), dass zwar hochplausibel erscheint, warum die befragte Person in eine Landkommune gezogen ist, aber man fast zu fragen neigt, warum das eigentlich nicht jeder und jede macht, der oder die einmal in der Schule etwas zu ertragen hatte oder von signifikanten Anderen verletzt worden ist. Diese empirische Arbeit ist dicht und sie bietet, wie wir zu zeigen versucht haben, für verschiedene Forschungsfelder wertvolle Beobachtungen. Ihr wissenschaftlicher Anspruch ist unverkennbar. Und welche komplexen Schwierigkeiten es birgt, einem hohen ideologischen Anspruch gerecht zu werden, hat Vico LEUCHTE am Gegenstand der Landkommunen anschaulich gezeigt. [24]

Literatur

Bahro, Rudolf (1995). Bleib mir der Erde treu! Apokalypse oder Geist einer neuen Zeit. Berlin: Edition Ost.

Downton, James, Jr. & Wehr, Paul (1997). The persistent activist. How peace commitment develops and survives. Colorado: Westview Press.

Hirschmann, Albert O. (1984). Engagement und Enttäuschung. Über das Schwanken der Bürger zwischen Privatwohl und Gemeinwohl. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Leistner, Alexander (2011). Sozialfiguren des Protests und deren Bedeutung für die Entstehung und Stabilisierung sozialer Bewegungen: Das Beispiel der unabhängigen DDR-Friedensbewegung. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 12(2), Art. 14, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1102147 [Zugriff: 15.11.2012].

Pettenkofer, Andreas (2010). Radikaler Protest. Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen. Frankfurt/M.: Campus.

Zur Autorin und zum Autor

Julia BÖCKER, Magistra Artium in Kulturwissenschaften, Indologie und Psychologie, Universität Leipzig. Promovendin in spe mit Interesse an qualitativen Methoden, Raum, Ort und Gemeinschaft.

Kontakt:

Julia Böcker

Universität Leipzig
Institut für Kulturwissenschaften
Beethovenstr. 15
D-04107 Leipzig

E-Mail: juliaboecker@gmail.com
URL: http://uni-leipzig.academia.edu/juliaboecker

 

Alexander LEISTNER, Magister Artium in Soziologie, Erziehungswissenschaft und Evangelischer Theologie, Technische Universität Dresden. Er promoviert an der Universität Leipzig über Persistenzbedingungen für das Langzeitengagement in sozialen Bewegungen.

Kontakt:

Alexander Leistner

Universität Leipzig
Institut für Kulturwissenschaften
Beethovenstr. 15
D-04107 Leipzig

E-Mail: a.leistner@uni-leipzig.de
URL: http://uni-leipzig.academia.edu/AlexanderLeistner

Zitation

Böcker, Julia & Leistner, Alexander (2012). Rezension: Vico Leuchte (2011). Landkommunen in Ostdeutschland. Lebensgeschichten, Identitätsentfaltung und Sozialwelt [24 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(1), Art. 10,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1301191.



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