Volume 14, No. 1, Art. 20 – Januar 2013

Was hält Kooperation zusammen?

Stephan Lorenz

Review Essay:

Richard Sennett (2012). Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Berlin: Hanser; 416 Seiten; ISBN 978-3-446-24035-3; 24,90€

Zusammenfassung: SENNETT hat den zweiten Teil seiner geplanten Trilogie vorgelegt. Darin dienen ihm die Fähigkeiten und Fertigkeiten handwerklichen Arbeitens als Vorbild gestärkter Kooperation in modernen Gesellschaften. Diskutiert wird sein dialogisches Schreiben, sein Kooperationsverständnis als Vorschlag einer gesellschaftlichen Entwicklungsalternative angesichts sozialer Polarisierung und schließlich Kooperation in der Wissenschaft. Ergänzend wird im Anhang ein eigenes Lektüre-Register bereitgestellt.

Keywords: Sennett; Habermas; Handwerk; Werkstatt; Prozeduralität; Kapitalismus; Forschungswerkstatt; Wissenschaft; Pragmatismus; Gesellschaftstheorie

Inhaltsverzeichnis

1. Kooperation, Arbeit und Stilfragen

2. Aufbau und Inhalt – exemplarische Rekonstruktionen von Kooperation

3. Argumentationsmuster

4. Welche Alternative?

5. Wissenschaft als engagierte Kooperation?

Anhang: Lektüre-Register

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Kooperation, Arbeit und Stilfragen

Mit seinem Buch "Zusammenarbeit" legt Richard SENNETT den zweiten Teil seiner geplanten Trilogie vor. Im ersten Band "Handwerk" (SENNETT 2008, vgl. LORENZ 2010) rekonstruierte er Kennzeichen und historische Varianten handwerklicher Arbeit, die ihm Vorbilder gelungener Lebenspraxis und materieller Kultur lieferten. Die folgenden Bände nutzen diese Vorbilder: der zweite Teil, um eine verbesserte Gestaltung sozialer Beziehungen zu begründen, der geplante dritte Teil für die Auseinandersetzung mit der Umwelt, insbesondere dem Städtebau (SENNETT, S.10f.). [1]

Im aktuellen Buch geht es um einen bestimmten Typus sozialer Beziehungen, nämlich um Kooperation. SENNETT geht davon aus, dass der Zusammenhalt in modernen Gesellschaften im Allgemeinen und in deren neoliberaler Phase der letzten zwei bis drei Jahrzehnte im Besonderen gefährdet ist. Die Gründe dafür sieht er in drastisch gestiegener sozialer Ungleichheit, in trennenden Organisationsstrukturen (bestimmte Formen der Arbeitsteilung) und in der forcierten Kurzfristigkeit von Arbeitsverhältnissen. Darüber hinaus sieht er kulturelle Entwicklungen hin zu einer Haltung gegenüber anderen Menschen, die Unterschiede zwischen den Menschen eher leugnet, als mit ihnen umgehen zu können (S.20ff.). Armut und Ausgrenzung, gewalttätige Konflikte sowie individueller Rückzug sind resultierende Probleme, vor denen die Gesellschaften heute stehen. Am Vorbild handwerklicher Arbeit orientiert sucht SENNETT nach zeitgemäßen Möglichkeiten des Zusammenhalts als Alternative.

"Die gute Alternative ist eine anspruchsvolle und schwierige Art von Kooperation. Sie versucht, Menschen zusammenzubringen, die unterschiedliche oder gegensätzliche Interessen verfolgen, die kein gutes Bild voneinander haben, verschieden sind oder einander einfach nicht verstehen. Die Herausforderung besteht darin, auf andere Menschen nach deren eigenen Bedingungen einzugehen" (S.18).

Und ergänzend: "[…] ohne dass wir uns zwingen müssten, wie sie zu sein" (S.41). [2]

Die Rezension wird im Folgenden SENNETTs Kooperationsbegriff kurz erläutern, dann, im zweiten Abschnitt, Aufbau und Inhalte des Buches darlegen. Im dritten Abschnitt wird der Argumentationsstil näher untersucht und im vierten die Verbesserung von Kooperation als Vorschlag einer gesellschaftlichen Entwicklungsalternative diskutiert. Abschließend wirft ein Ausblick Fragen nach möglichen Konsequenzen für eine Wissenschaft auf, die sich im SENNETTschen Sinne kooperativ ausrichten will. [3]

Der Titel "Zusammenarbeit" (im Original nur "Together") kann leicht zu eng verstanden werden, da es SENNETT bei Kooperationen keineswegs nur um Erwerbsarbeit geht. Er ist aber auch nicht falsch, da SENNETT einen sehr weiten Arbeitsbegriff hat. Arbeit steht bei ihm letztlich synonym für Lebensführung und umfasst deshalb beispielsweise auch politische Beteiligung oder elterliche Sorge. Außerdem wird Arbeit im engeren Sinne tatsächlich eine große Bedeutung beigemessen: SENNETTs pragmatischer Fokus gilt dem Herstellen und Verwenden von Dingen im Handwerk, und er setzt(e) sich im Buch ebenso wie in seinen früheren Schriften umfassend mit der Arbeitswelt der "Lohnarbeitsgesellschaft" (CASTEL 2000 [1995]) auseinander.1) [4]

Wie schon in LORENZ (2010) diskutiert, hat der weite Arbeitsbegriff Vorzüge, bringt aber auch Probleme mit sich; Letzteres schon deshalb, weil damit nicht immer klar ist, was mit gelegentlich doch getroffenen Unterscheidungen gemeint ist (z.B.: "in der Arbeit und in der Gemeinschaft", S.10). Der weite Begriff erlaubt SENNETT, fließend von handwerklichen Tätigkeiten zum Musizieren, Spielen, Philosophieren oder zu politischem Engagement überzugehen. Zwischen guter und schlechter Arbeit wird nicht anhand des formalen Bildungsabschlusses oder der Verdienstmöglichkeiten unterschieden, sondern muss sich aus der Art und Weise des Tätigseins selbst begründen lassen. Gelingende Lebensführung bemisst sich so nicht an Einkommens- und Statusgewinnen, sondern an den Fähigkeiten und Fertigkeiten zu guter Arbeit. In diesem Sinne könnte beispielsweise eine Imkerin eine qualitativ hochwertigere Arbeit leisten als eine Professorin oder ein politisch Engagierter die bessere Arbeit als ein Vorstandsvorsitzender. Gute Arbeit vermittelt zugleich Befriedigung über die geleistete Qualität, wie sie eine Verbindung zur – durch diese Arbeit mitgestalteten – physischen und sozialen Welt schafft. Und "Kooperation" betont gewissermaßen den sozialen Beziehungsaspekt von Arbeit im weiten Sinne. [5]

SENNETT möchte nicht nur über Kooperation schreiben, sondern sein Schreiben selbst kooperativ anlegen. Daraus zieht er stilistische Konsequenzen, indem er von sich selbst schreibt oder auch die Lesenden direkt anspricht (S.49): "Ich versuche, Sie zu einem kritischen Engagement zu bewegen, statt Punkte zu sammeln oder Sie zur Übernahme einer bestimmten Ansicht zu drängen. Ich möchte auch hier in diesem Buch Kooperation praktizieren." Dem oder der distanzierten WissenschaftlerIn mag das zu persönlich sein. Jedenfalls bietet dies "uns", als Lesenden, bereits einen Anhaltspunkt, über Wissenschaft nachzudenken – wie persönlich sie sein darf, sein muss oder ohnehin immer schon ist; was eine kooperative Wissenschaft ausmacht und inwiefern das anzustreben ist? SENNETT selbst schlägt für Kooperationen eine dialogische und empathische Haltung vor, das heißt eine, die gegenüber den KooperationspartnerInnen weder unbewegt distanziert bleibt noch sich deshalb ganz undistanziert mit ihnen identifiziert (S.37ff.). Der in Aussicht stehende Vorzug eines empathischen Zugangs scheint mir zu sein, dass die Auseinandersetzung im Hinblick auf die bearbeiteten Probleme, vor allem die von Armut und Ausgrenzung, an Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit gewinnt. Inwieweit die Kooperation mit dem Autor gelingt, wird jede Leserin, jeder Leser selbst entscheiden müssen, denn zur Kooperation gehören wenigsten zwei, will heißen, es erfordert zumindest die Bereitschaft, sich auf das Experiment einer solchen kooperativen Lektüre einzulassen. [6]

2. Aufbau und Inhalt – exemplarische Rekonstruktionen von Kooperation

"Zusammenarbeit" ist in fünf Teile gegliedert. Zwischen der "Einleitung", in der es um die Gegenstandsbestimmung geht, und einer "Koda" liegen drei Hauptteile. Sie beschäftigen sich mit der Gestaltung von Kooperation (erster Teil, Kapitel I-III), den Umständen ihrer Schwächung (zweiter Teil, Kapitel IV-VI) sowie Möglichkeiten ihrer Beförderung (dritter Teil, Kapitel VII-IX). [7]

Für die Entfaltung seiner Überlegungen nutzt SENNETT reiches empirisches Material aus dem Arbeits- und Konsumalltag, aus Schule und Kindheit, politischer Organisation und Diplomatie, Familie und Religion, Medizin und neuen Medien oder verschiedensten Künsten wie Malerei, Musik, Architektur und Schauspielerei. Daran werden zentrale Fragen exemplarisch diskutiert und anschaulich illustriert. SENNETT greift historische Beispiele aus verschiedenen Jahrhunderten auf, um dort angelegte, bis heute für Kooperationsformen relevante Entwicklungen nachzuzeichnen und damit Vergleichsmöglichkeiten für aktuelle Entwicklungen gewinnen zu können. Diese Vergleiche werden zudem international geführt, vor allem zwischen Europa und Nordamerika, aber auch China. [8]

Der erste Teil beginnt damit, dass er in diesem exemplarischen Sinne mit der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 einsetzt. Dort wurde nämlich die soziale Frage in Varianten thematisiert, die SENNETT typisierend unterscheidet (soziale versus politische Linke, s.u.) und international vergleicht (USA, England, Frankreich, Deutschland). Er untersucht von hier aus: Welche unterschiedlichen Kooperationsweisen sind historisch mit den jeweiligen Varianten verbunden? Und was heißt das für die politische Gestaltung gesellschaftlichen Zusammenhalts? (Kapitel 1) Daran anschließend wird gefragt: In welchen Beziehungen kann Kooperation zu Konkurrenz stehen, wenn man diese in einem Spektrum zwischen zwei Extremen betrachtet, nämlich dem konkurrenzlosen Bild des Garten Eden einerseits und der Vorstellung eines HOBBESschen Naturzustands des Krieges aller gegen alle andererseits? (Kapitel 2) Und schließlich: Wie änderten sich religiöse und produktive Praktiken sowie die Ethik geselliger Umgangsformen durch die und seit der Reformation? Und welche Bedeutung hat dabei die Ritualisierung solcher Praktiken für ein kooperatives Miteinander? (Kapitel 3) [9]

Im zweiten Teil des Buches wird ausgeführt, inwiefern die eigentlich vorhandenen Kooperationsfähigkeiten der Menschen unter zeitgenössischen Bedingungen an ihrer Entfaltung gehindert werden. Dem stehen nämlich gesellschaftliche Institutionen und Organisationen entgegen, aber auch kulturelle Deutungen und Normen. So heißt es:

"Bei der Kindererziehung und in der Arbeit versuchen unsere Institutionen Autonomie und Eigenständigkeit zu fördern. Das autonome Individuum erscheint als frei. Doch aus der Sicht anderer Kulturen erscheint ein Mensch, der Stolz darauf ist, andere nicht um Hilfe zu bitten, als eine zutiefst geschädigte Person, weil die Angst vor sozialer Einbindung sein Leben beherrscht" (S.185). [10]

An den Beispielen Kindererziehung in der Schule, Konsum von Kindern und Jugendlichen sowie an deren Nutzung sogenannter sozialer Netzwerke im Internet wird dem schädigenden Einfluss von sozialer Ungleichheit auf die Ausbildung von Kooperationsfähigkeiten nachgegangen (Kapitel IV). Anhand des Vergleichs von Industriearbeit in der Mitte des letzten Jahrhunderts mit der – so offensichtlich in die Krise geratenen – Arbeit an der Wall Street analysiert SENNETT die Arbeitswelt. Hier seien es neue Formen der Arbeitsorganisation, wenig inhaltsbezogene Arbeitsanforderungen und insbesondere die Kurzfristigkeit heutiger Arbeitsverhältnisse, die Kooperationen untergraben: Sie verhindern respektvolle und wechselseitig sich unterstützende Kollegialität ebenso wie die Ausbildung und Anerkennung von Autorität, die sich auf langfristig erworbene Fähigkeiten stützen kann (Kapitel V). Mit einigen psychologischen Überlegungen will SENNETT schließlich zeigen, inwiefern Menschen in modernen Gesellschaften eher den Wunsch ausprägen, sich auf sich selbst zurückzuziehen, als eine kooperative Offenheit für andere auszubilden (Kapitel VI). Dieses Kapitel ist weniger exemplarisch geschrieben und wirkt dadurch etwas weniger in die vorangehenden Überlegungen eingebunden. Aber auch die Ausgangsannahme des Kapitels ist m.E. etwas eng gefasst. Ist es wirklich so, dass sich die meisten Menschen angesichts der Anforderungen von "anspruchsvollen, komplexen Formen sozialen Engagements" (S.241) geängstigt zurückziehen würden? BAUMAN (2003 [2000]) etwa postuliert in gewisser Weise die gegenteilige Reaktion als gesellschaftlich dominierende, nämlich das "Mitrennen" im konsumistischen Treiben. Das ist zweifellos auch unkooperativ, aber kaum ein Rückzug im SENNETTschen Sinne.2) [11]

Was lässt sich nun den untersuchten schwächenden Entwicklungen moderner Gesellschaften entgegensetzen, um Kooperationen zu verbessern? Dieser Frage ist der dritte Teil gewidmet. SENNETT rekapituliert zunächst Ideen aus "Handwerk" (2008) im Hinblick auf Kooperationsfähigkeiten. Er muss dafür die Verbindungen von der Arbeit an physischen Dingen mit der Gestaltung und potenziellen Verbesserung sozialer Beziehungen aufzeigen. Seine pragmatistische und in "Handwerk" ausgeführte Prämisse ist, dass Hand und Kopf, Körper und Geist, physische und soziale Welt nicht zu trennen sind, sondern zusammenwirken. "Wer als Handwerker Geschick in der Herstellung von Dingen erwirbt, entwickelt körperliche Fähigkeiten, die sich auch auf das soziale Leben anwenden lassen. Und das geschieht im Körper des Handwerkers" (S.267). Einen notwendigen Zusammenhang zwischen guter Arbeit und guter sozialer Kooperation gibt es freilich nicht, wie er einräumt. Die Werkstatt dient deshalb vor allem als "Vorbild" dafür, wie sich die problematischen gesellschaftlichen Entwicklungen sprichwörtlich "reparieren" lassen, "indem man in der Werkstatt gewonnene Erfahrungen auf die Gesellschaft überträgt" (S.268). Es ist eine Möglichkeit, eine Chance, um alternative Perspektiven und Praktiken zu entwickeln. Wie es SENNETT in "Handwerk" um gute Arbeit um ihrer selbst willen geht, so zielt er hier auf das gemeinschaftliche Zusammensein mit anderen und auf Kooperation um ihrer selbst willen. [12]

Untersucht werden zunächst praktische Lernprozesse in Form von (Arbeits-) Rhythmen, das Zusammenspiel von verbaler und nonverbaler Kommunikation in der Werkstatt sowie der Umgang mit materiellen Widerständen (Kapitel VII). Ein zentrales Moment ist für SENNETT dabei immer wieder das, was er die Wendung nach außen nennt, womit die Orientierung an der Sache, an der Aufgabe statt an eigenen Vorstellungen und Befindlichkeiten gemeint ist. HandwerkerInnen lernen nichts und kommen zu keinen guten Problembearbeitungen, wenn sie nicht mit dem Material – und entsprechend geeignetem Werkzeug – arbeiten. Dem Material werden also Eigenheiten zugestanden, die in der Arbeit Berücksichtigung finden müssen. Im sozialen Leben sind es diplomatische und höfliche Umgangsformen sowie formelle und vor allem informelle Verfahrensweisen, die Ähnliches leisten. Anderen Menschen werden ihre Eigenheiten gelassen, statt sie nach dem eigenen Bilde (ver-)formen zu wollen. Vielmehr werden Bindungen geschaffen, die auch bei andauernden Differenzen tragen können, das heißt Kooperationen ermöglichen. Es bedarf der Fähigkeiten und Fertigkeiten, vieles eigene zurückzustellen, um an bestimmten Problempunkten des Alltags einen gemeinsamen Interaktionsraum öffnen zu können (Kapitel VIII). [13]

Das letzte Kapitel ist SENNETTs persönlichstes. Er rekonstruiert hier die Perspektive von "Nachbarn/Freunde(n) aus Kindertagen" (S.330/334) im Chicagoer Getto, die er auch als "Überlebende" bezeichnet. Im Unterschied zu diesen lebte SENNETT mit seiner Mutter "nur" für sieben Jahre dort und war als Weißer geringeren Gefährdungen ausgesetzt (S.334). Wie können sich Menschen, die sich solchen Bedingungen extremer Aussichtslosigkeit und Entmutigung oder destruktiver Kooperationsangebote (Gangs) ausgesetzt sehen, daraus herausarbeiten und für ihre Zukunft engagieren? Und welche Kooperationsangebote können sie dabei aussichtsreich unterstützen? Man versteht, dass SENNETT die von ihm positiv erlebte Rolle lokaler Gemeinwesenarbeit reflektiert und hervorhebt. Man versteht, dass er die große Bedeutung der engagierten Hilfe vor Ort würdigt, die sich nicht durch entfernte Kollektivvertretungen oder abstrakte politische Regulierungen und auch nicht durch bloß vermehrte Finanzmittel (allerdings explizit auch nicht ohne diese) ersetzen lässt. Bei der Herausstellung des lokalen Engagements für "die Freuden der Gemeinschaft" (S.360) sieht sich SENNETT genötigt, dies als politisch linkes Anliegen starkzumachen, um es von rechtskonservativen Orientierungen und Konzepten abzugrenzen. SENNETT hält an der Rechts-links-Unterscheidung fest, will sie aber offensichtlich nicht auf verbreitete Gegenüberstellungen von Wohltätigkeit versus sozialer Gerechtigkeit reduzieren.3) Deshalb unterscheidet er wiederum (schon in Kapitel I) eine soziale von einer politischen Linken und hebt im Hinblick auf die Stärkung von Kooperation die Verdienste der sozialen Linken hervor. [14]

In der Sache ist sein Plädoyer für lokales Engagement überzeugend. Aber trotz des Versuchs, die Rechts-links-Abgrenzung differenzierter zu betrachten, bleibt sie m.E. zu einfach. Das Kriterium, der "gewaltige Unterschied" (S.335), ist für SENNETT, dass man "rechts" lokale Autarkie im Kapitalismus anstrebe, während es eine "linke" Aufgabe sei, lokale Gemeinwesen gegen den kolonialistischen Zugriff kapitalistischer Ökonomie zu stärken (S.337). Mein Einwand ist empirischer Art, da ich meine Forschungen zum sozialen Engagement der Lebensmitteltafeln in Deutschland hier nicht einordnen kann (vgl. LORENZ 2012b). Solche und ähnliche Initiativen, international vor allem Food Banks, sind ganz sicher nicht als linke Initiativen im SENNETTschen Sinne zu begreifen, denen es darum ginge, "dem kapitalistischen Ungeheuer zu widerstehen" (S.335). Aber angesichts ihrer Zusammenarbeit mit den Global Playern der Lebensmittelbranche und vor allem ihrer eigenen transnationalen Ausbreitung und Organisation erfüllen sie auch nicht SENNETTs Kriterium lokaler Autarkie.4) [15]

Die Koda des Buchs referiert noch einmal anhand der essayistischen Arbeiten MONTAIGNEs Charakteristika und Bedeutung von Kooperation, die SENNETT als noch uneingelöstes "Versprechen der Moderne" (S.372) offeriert. Es ist das "Projekt einer von unten nach oben aufgebauten Partizipation" (S.368), das, am "Handwerksideal" (S.370) orientiert, die durchaus vorhandenen menschlichen Fähigkeiten zu einem kooperativen Miteinander entwickelt und ein "von Anweisungen und Befehlen befreites Leben" (S.372) ermöglicht. [16]

3. Argumentationsmuster

Um kooperativ schreiben zu können, bevorzugt SENNETT eine bestimmte Argumentations- und Darstellungsweise, die er in der Einleitung als Dialog vorstellt und von Dialektik abgrenzt (S.34ff.). Dialektik begreift er als das Bestreben, widersprüchliche Ausgangspositionen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen; das birgt Konfliktpotenzial, wenn man sich nicht einigen kann. Dialog soll dagegen heißen, sich wechselseitig anzuregen und gemeinsam weiterzumachen, auch wenn man keine Übereinstimmung erzielt. Das ist ein zentraler Punkt bei SENNETTs Kooperationsidee. [17]

Unterscheidungen zu treffen, wie die zwischen Dialog und Dialektik, hilft, Positionierungen klarer herauszustellen. SENNETT bedient sich dieses Mittels auch bei anderen Aspekten. Ebenfalls in der Einleitung unterscheidet er zwischen Sympathie und Empathie sowie im ersten Kapitel zwischen der politischen und sozialen Linken (die im ersten Fall für gesellschaftliche Veränderungen eine großformatige Strategie "von oben nach unten" verfolgt, während Letztere das lokale Engagement "von unten nach oben" präferiert). Sich selbst positioniert er bei Dialog, Empathie und sozial-links. Zugleich sind die Gegenüberstellungen aber auch trügerisch, weil sie so eindeutig kaum durchgehalten werden können. Folgerichtig finden sich bei SENNETT zu allen Aspekten Relativierungen, ja letztlich weist er meines Erachtens darüber hinaus. [18]

Bei den linken Bewegungen lautet die Relativierung: "Im Prinzip hätten beide sich zusammentun müssen, kämpften sie doch gegen die selben Ungerechtigkeiten. In der Praxis taten sie dies nicht" (S.67, vgl. zusätzlich S.337). Müsste dann aber nicht die Schlussfolgerung lauten, dass dieses Zusammentun zu befördern wäre, statt sich selbst nur erneut auf einer Seite zu positionieren? Stattdessen macht SENNETT vor allem die politische Linke MARXscher Tradition für das Misslingen verantwortlich – hier erscheint er nicht sehr kooperativ, sondern schreibt die analysierte Differenz nur fort. Allerdings: Im Zuge seiner Analysen findet er Kritisches auf beiden Seiten. Während die Kooperationsformen der politischen Linken in Bürokratisierung und Differenzen zwischen Eliten und Gefolgschaft führen können, erweist sich die Graswurzellinke leicht als diffus und unbestimmt. Schließlich bietet SENNETT die werkstattförmig gestaltete soziale Unterstützung als institutionelle Alternative an, weil sie strukturierter und zielführender sei als die Gemeinwesenarbeit nicht politischer Organisationen (vgl. in knapper Form S.90ff.). [19]

Bei der Differenz von Dialektik und Dialog gehe es ebenfalls "natürlich […] nicht um ein Entweder-oder", schreibt SENNETT (S.36). Bestünde dann aber nicht auch hier die eigentliche Aufgabe darin, deren Verhältnis genauer zu klären und Verknüpfungen zu schaffen? Mir scheint, dass SENNETT dies, wie bei den sozialen versus politischen Bewegungen, viel mehr realisiert, als seine explizite Positionierung beim Dialog vermuten lässt. Wie weit er nämlich in seinem Sinne dialogisch oder dialektisch schreibt, ist keineswegs so eindeutig. Skeptisch könnten bereits die allgegenwärtigen Dreiteilungen machen, und mitunter sind sie durchaus mehr als bloße Auflistungen von Möglichkeiten. Schon die drei Hauptteile des Buches können klassisch-dialektisch als These (Kooperationsweisen), Antithese (deren Gefährdung) und Synthese (ihre aktive Stärkung) gelesen werden. Wenn Dialektik heißen soll, auf einen gemeinsamen Nenner zuzusteuern, dann ist festzustellen, dass auch SENNETT gern zu einem Schluss bei seinen LeserInnen kommen will: "Das ist der einfache Schluss, zu dem der Leser, wie ich hoffe, nach dieser komplexen Studie gelangen wird" (S.366). Gemeint ist, dass die vorgestellte Kooperation und das Engagement dafür anstrebenswert seien. Bei allem Dialog ist doch eben die "dialogische Kooperation" selbst die "Art von Kooperation [, die] unser Ziel, unser Heiliger Gral [ist]" (S.177). Dialog sollte heißen, dass man in einer Sache unterschiedlicher Ansicht sein kann, solange man trotzdem zusammen weiter macht. Was aber, wenn diese Sache das Zusammen-Weitermachen selbst, die Kooperation ist? Dann kann man darüber nicht unterschiedlicher Ansicht sein, denn sonst würde man eben nicht weitermachen. Kooperation ist hier der Punkt, auf den SENNETTs Diskussion zulaufen soll, der gemeinsame Nenner, der mit der Leserin, dem Leser erreicht werden soll. [20]

Dies soll nicht heißen, dass SENNETT seinem Anspruch, dialogisch vorzugehen, nicht gerecht würde; er wird dies durch sein illustratives, erläuterndes, perspektivenreiches und abwägendes Vorgehen. Aber es ist nicht das allein. Sein Verdienst scheint mir vielmehr darin zu liegen, Dialog und Dialektik auf interessante Weise zu verknüpfen. Er vermittelt nicht nur dialogisch Anregungen, sondern sie sollen auch zu etwas führen. Wie die handwerkliche Arbeit in der Werkstatt, so zielt auch dieses Buch auf etwas, das als ein nützliches Ergebnis vorgelegt wird. Und als Leser erwarte ich diese Art von Verbindlichkeit bei einer ernsthaften Auseinandersetzung im Grunde auch, jedenfalls bei einem Buch, in dem es um wichtige Probleme gesellschaftlichen Zusammenlebens geht. Eine moderate Dialektik, überzeugend für etwas zu argumentieren und aufzutreten, nämlich für verbesserte Kooperation, verfolgt SENNETT durchaus – und das ist auch gut so! [21]

Die Präsentation ist also in vieler Hinsicht dialogisch, indem SENNETT Varianten von Werkstatt-Experimenten differenziert vorstellt und dabei auch deren Fallstricke aufzeigt. Er liefert nicht das Modell, welches nun die Lösung aller Probleme verspricht. Aber die Argumentationsstruktur ist im genannten Sinne zugleich auch dialektisch. Ich sehe seine argumentative Alternative deshalb weniger in einer Differenz von Dialektik und Dialog, sondern in der von substanziellen Lösungen versus experimentellen oder prozeduralen Vorschlägen.5) Das Handwerk und die Werkstatt liefern vor allem Bilder dafür, wie Problemlösungen angegangen werden können, welche Vorgehensweisen hilfreich sind, welche Hindernisse gemeistert werden müssen, welche Anforderungen warten, und welcher Anstrengungen es bedarf. In diesem Sinne sagt SENNETT nicht genau, was zu tun ist, sondern gibt uns einige Werkzeuge in die Hand. Er regt an, sich auf die praktischen Experimente einzulassen, ohne die keine Änderungen zu erreichen sind, auch wenn sie freilich die Gefahr des Scheiterns in sich tragen. [22]

4. Welche Alternative?

Die übergeordnete Frage des Buches ist die nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. Gesucht wird nach zeitgemäßen sozialen Bindungen, die ein besseres menschliches Zusammenleben ermöglichen. Zeitgemäß heißt dabei, dass bestimmte Formen des Zusammenlebens nicht (mehr) in Frage kommen, weil sie sich als nicht tragfähig beziehungsweise destruktiv erwiesen haben. Moderne Gesellschaften können sich nicht auf allgemein verbindliche Traditionsbestände stützen und haben solche sogar aus guten Gründen aktiv überwunden. Sie sind außerdem recht heterogen, und gerade in einer, den technischen Möglichkeiten nach, enger zusammengerückten Welt treffen vielfältige Lebensformen aufeinander. Große Gefühle sind damit keine aussichtsreichen Kandidatinnen sozialen Zusammenhalts – es können nicht alle befreundet sein und sich innig mögen. Auch großkollektive Gefühle und Ideologien haben im letzten Jahrhundert vor allem der gewalttätigen Abgrenzung gegen andere gedient und ihre Einheit repressiv durchgesetzt. Alternativen unter dem Fokus "Gemeinschaft" zu entwerfen, lief "regelmäßig auf einen hilflosen politischen Antimodernismus – wenn nicht auf eine staatsterroristisch verhängte Zwangsvergemeinschaftung – hinaus" (OFFE 1986, S.104). Nicht zuletzt daraus, dazu eine freiheitliche Alternative zu bieten, saugte der (Neo-) Liberalismus in den letzten drei Jahrzehnten seine Zustimmung. In dieser Zeit wuchsen freilich die ökonomischen Ungleichheiten zu ungekannten sozialen Polarisierungen heran. Spätestens mit der Finanzkrise hat aber auch die neoliberale Alternative an Legitimation verloren. Für andere hatte sie diese ohnehin nicht, und SENNETT gehört zweifellos zu diesen. [23]

Die Stärkung von Kooperation ist das, was SENNETT in dieser Situation vorschlägt. Sie soll soziale Verbindlichkeiten tragen, die ökonomistischer Liberalismus und individualistische Kultur nicht bieten beziehungsweise sogar zerstören. Zugleich ist Kooperation unverbindlich genug, von den Beteiligten keine Vereinheitlichung zu verlangen. Sie ist mehr als bloßes Funktionieren und fordert, an gemeinsamen Aufgaben zusammen zu arbeiten – nicht weniger und nicht mehr. Das handwerkliche Arbeiten in der Werkstatt bietet SENNETT dafür das Vorbild und erlaubt es ihm, die Fähigkeiten, Fertigkeiten und institutionellen Arrangements zu rekonstruieren, welche Kooperationen befördern. Eine an dieser gesellschaftlichen Praxis orientierte kooperative Haltung zu kultivieren und institutionell zu stärken, ist SENNETTs Vorschlag für eine gesellschaftliche Entwicklungsalternative. Das ist der bedeutende Beitrag, den SENNETT mit seinem Buch leistet. [24]

Wie bereits im Abschnitt zu den Argumentationsmustern diskutiert, bietet SENNETT in gewisser Hinsicht mehr, als er selbst anbietet. Auch seine Diskussionen sozialer Alternativen sind einerseits durch eine "Schlagseite" gekennzeichnet, weisen andererseits aber immer wieder darüber hinaus. Diese Schlagseite entspringt offensichtlich einer gewissen Unentschiedenheit darüber, wie weit er politisch gehen will oder soll. Im Interview drückt er diese Unentschiedenheit so aus: "Ich glaube immer noch an eine Politik von unten, aber ich sehe auch, dass sie wahrscheinlich politisch nicht viel verändern kann" (SENNETT 2012a). "Seine" Seite ist die "soziale" (Linke), die "von unten", die "informelle", so macht er im Buch immer wieder deutlich. Exemplarisch für seine Präferenzen für das Informelle ist eine Äußerung in Bezug auf Abläufe in einer Bäckerei: "Krisenhafte Augenblicke […] enthüllen die Zerbrechlichkeit formaler Organisation und umgekehrt die Stärke informeller Zusammenarbeit" (SENNETT, S.209). Das alles hält ihn nicht davon ab, an unterschiedlichen Stellen würdigende Worte für die "andere", politischere und formalere Seite zu finden. Und so gelesen leistet er sicher auch hier mehr, als seine Positionierung vermuten lässt. [25]

So werden sich zudem leichter Anknüpfungspunkte an – oder: Kooperationsmöglichkeiten mit – anderen Ansätzen finden lassen, die sich mit denselben gesellschaftlichen Problemen beschäftigen. Kooperation ist zweifellos überall in der Gesellschaft wichtig, aber ob sie allein die Gesellschaft zusammenhalten kann (wie der Untertitel der deutschen Ausgabe nahelegt), ist doch zu bezweifeln. SENNETT ist es wichtig, mit seinen Überlegungen zu Problembearbeitungen nah an den Erfahrungswelten der Menschen zu bleiben. Das macht, wenn man so sagen will, sein humanes Denken aus. Dabei idealisiert er deren Lebens- und Arbeitswelten keineswegs, sondern macht auf gescheiterte Beispiele und widersprüchliche Erfahrungen und Experimente aufmerksam. Er verspricht auch nicht, dass es leicht wird. Insofern sind seine Alternativideen realistisch. Dennoch werden sie die Gegebenheiten heutiger Gesellschaften kaum umfassen können. [26]

Deutlicher wird das im Vergleich. HABERMAS (1994 [1992]) hatte schon vor zwanzig Jahren auf eine ganz ähnliche, wenn auch heute zugespitzte Ausgangslage mit einem prozeduralen Entwurf reagiert. Für ihn ist es das Medium Recht, das Aussicht auf einen demokratischen und gerechten gesellschaftlichen Zusammenhalt bietet. "Die aus rechtlichen Kommunikationen gewobene Haut vermag auch noch komplexe Gesellschaften im ganzen zu umspannen" (S.528). Während damit formale Umgangsregeln geschaffen werden, können im Übrigen alle ihre eigenen Ansichten haben und eigenen Lebensentwürfen folgen. Beide Autoren sind sich einig, dass Sprache beziehungsweise das Reden allein für den angestrebten Zusammenhalt nicht ausreicht, auch nicht als "kommunikatives Handeln". Zwischen diesem und rechtlicher Regulierung ist freilich noch reichlich Raum für praktische Gestaltung, den SENNETT mit "handwerklichen" Kooperationen füllt. Sie schaffen informelle Bindungen und legitimieren Autorität durch den Nachweis von Fähigkeiten und Fertigkeiten. Treffen könnten sich beide Ansätze, wo es um die politische Praxis geht. Politische Kultur und Öffentlichkeit, die für HABERMAS die demokratische Selbstgesetzgebung der Gesellschaft begründen, können zweifellos durch handwerklich inspirierte Fähigkeiten gewinnen. SENNETT (S.11) geht es ebenso um die Frage, "in welchem Maße wir Herren unserer selbst werden können", und seine Antwort ist, dass "wir" es mit gestärkter Kooperation besser können. Umgekehrt werden die institutionellen Arrangements, die sich SENNETT vorstellt, nicht ohne rechtliche Verbindlichkeiten auskommen. Beide Autoren lassen sich ergänzend lesen, und es spricht nichts dagegen, weitere Ansätze in diesem Sinne hinzuzuziehen. [27]

Gewissermaßen zwischen SENNETT und HABERMAS lassen sich etwa die Arbeiten des französischen Pragmatismus ansiedeln, die Alltagskritiken und Protestformen untersuchen, dabei aber letztlich auf rechtliche Sicherungen von Gerechtigkeitsforderungen zielen (BOLTANSKI & CHIAPELLO 2003 [1999]). Dieser Ansatz sensibilisiert zugleich für unterschiedliche Kritikformen und deren mögliche Konsequenzen. Bestimmte emanzipatorische Kritiken ließen sich in den letzten Jahrzehnten offensichtlich gut in einen "neuen Geist des Kapitalismus" (a.a.O.) integrieren und beförderten damit – zweifellos unbeabsichtigt – in gewisser Weise dessen Reproduktion und die zunehmende soziale Polarisierung, konnten diese zumindest nicht verhindern. Statt der angestrebten Emanzipation von und in der (Lohn-) Arbeit sehen sich die Erwerbstätigen und die Erwerbslosen heute jedenfalls Flexibilisierungen und Entgrenzungen dieser Arbeit gegenüber, die sie mehr ungeschützt als befreit zurücklassen (exemplarisch CASTEL & DÖRRE 2009; SCHERSCHEL, STRECKEISEN & KRENN 2012). So lässt sich auch SENNETTs Kritik auf mögliche Konsequenzen befragen, wenn er seine Maßstäbe besserer Lebensführung an handwerklich orientierter guter Arbeit gewinnt. Zugespitzt gefragt: Ist es möglich und sinnvoll, in einer an Statusgewinnen orientierten Gesellschaft darauf zu verweisen, dass gute Arbeit und Kooperation um ihrer selbst Willen befriedigender sind, als zu versuchen, sich im Machtkampf durchzusetzen? Oder unterläuft das eher notwendige soziale Auseinandersetzungen, welche darauf zielen, die ungehemmte Bereicherung einiger Weniger auf Kosten anderer zu beschränken? Würde es nicht vielmehr darum gehen, neue staatlich verbürgte Sicherungen in der Lohnarbeitsgesellschaft zu etablieren? [28]

Unbestritten gehört gerade SENNETT spätestens seit "Der flexible Mensch" (2000 [1998]) zu den KritikerInnen der flexibilisierten Arbeitswelt. Seit "Respekt im Zeitalter der Ungleichheit" (SENNETT 2004 [2002]) und mehr noch mit seiner begonnenen Trilogie arbeitet er an Alternativen. Dabei hat er die beträchtlich gestiegene ökonomische Ungleichheit im Blick und widmet ihr bedeutende Teile seiner Studie. Allerdings ist das, wie eingangs benannt, nicht der einzige Grund, warum er die sozialen Bindungen gefährdet sieht, und nicht alle Ursachen der Probleme moderner Gesellschaften sind für ihn im Kapitalismus zu finden. So gesehen wäre seine Kritik selbst dann noch nicht gegenstandslos, wenn die Probleme des Kapitalismus gelöst wären. Umgekehrt ist aber eine gewisse Skepsis über die Reichweite seiner Vorschläge nicht ganz unberechtigt, zumal er sie offensichtlich selbst hegt. Dazu sei noch einmal auf das Zitat verwiesen, in dem er von seiner favorisierten politischen Perspektive sagt, "dass sie wahrscheinlich politisch nicht viel verändern kann" (SENNETT 2012a). [29]

5. Wissenschaft als engagierte Kooperation?

Es ist immer informativ und anregend, einen so vielfältig interessierten und erfahrenen Autor zu lesen. Seine Rekonstruktionen des Handwerks als gesellschaftliche Praxis sind eine große Bereicherung bei der Suche nach alternativen Entwicklungsperspektiven angesichts großer gesellschaftlicher Herausforderungen von sozialer Spaltung bis zu ökologischen Gefährdungen. Etwas kleinformatiger gedacht bietet er auch viele Anregungen für "uns", als Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, im reformgeplagten Universitätsbetrieb an der Balance von Routinen und Neuerungen zu arbeiten. Politische Beteiligung ist dabei nicht unwichtig, aber nur auf bundes- oder landespolitische Regulierung zu setzen, schöpft die Handlungsmöglichkeiten nicht aus. So stellt sich im Forschungsalltag immer wieder die Frage: Wie könnte eine kooperative wissenschaftliche Praxis aussehen? [30]

SENNETT selbst äußert sich in seinem Buch zu den verschiedensten Themen, aber zur Wissenschaft am allerwenigsten. Eher beiläufig vermittelt er einen Eindruck von der Kooperativität an den amerikanischen Universitäten. Bei seiner Darstellung von Interviews mit Wall-Street-Bankern, die im Zuge der Finanzkrise entlassen wurden und sich zum Teil beruflich umorientieren, berichtet er von einer "Bilanzprüferin": "Sie möchte eine neue Seite aufschlagen, sagt sie, und wechselt von der Wall Street in eine 'wärmere Arbeitsumgebung' an einer Universität (ich hatte nicht den Mut, diese Erwartung zu kommentieren)" (S.226). [31]

Bereits in meinem Review Essay zum "Handwerk"-Buch (LORENZ 2010) hatte ich versucht, SENNETTs Überlegungen auf die "Wissenschaft als Handwerk" anzuwenden – sowohl im Allgemeinen als auch bezogen auf die Forschungswerkstätten "qualitativer" Sozialforschung im Besonderen. SENNETT bietet für beides in seinem "Zusammenarbeit"-Buch weitere Anregungen. Zum einen widmet er dem Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz breitere Aufmerksamkeit und diskutiert verschiedene Varianten: von "Win-win" über "differenzierende Austauschbeziehungen" bis zu "Nullsummen" (S.108ff.). Insgesamt scheint die Wissenschaft eher einen gesteigerten Konkurrenzkurs eingeschlagen zu haben (exemplarisch MÜNCH 2011). Gibt es dazu auch alternative Tendenzen? Kandidatinnen dafür könnten die Forschungswerkstätten6) sein, die im letzten Jahrzehnt – explizit unter diesem Namen – einen Aufschwung erfahren haben, aber – als solche – bislang unterreflektiert bleiben. SENNETTs "Zusammenarbeit"-Buch widmet sich dem Thema Werkstatt erneut, gleich in mehreren Abschnitten. Das bietet einen guten Anlass, über die Forschungs- und Lehrinstitution Forschungswerkstatt als Werkstatt nachzudenken. Sollten wir uns, als "qualitative" Forscherinnen und Forscher, nicht dazu anregen lassen, mehr über kooperative Wissenschaft nachzudenken und diese experimentell zu erkunden? Sollten wir das nicht kooperativ versuchen? Wer macht mit? [32]

Anhang: Lektüre-Register

"Zusammenarbeit" enthält ein Register, das ich für die Lektüre und zum Nachschlagen nutzte. Für meine eigenen Erkenntnisinteressen notiere ich mir allerdings üblicherweise selbst wichtige Einträge und Begriffe und die zugehörigen Seitenzahlen. Zu diesen Erkenntnisinteressen zählen zentral drei Themenfelder und ihre Verknüpfungen: eine prozedurale Auffassung von Methodik (vgl. LORENZ 2009), Einsichten zur Gegenwartsdiagnostik sowie ökologische Fragen der Gesellschaftsentwicklung (vgl. etwa LORENZ 2013). Bei den aufgeführten Begriffen handelt es sich zum Teil um solche, die im Register nicht vorkommen. Sofern das spezifischen Leseinteressen geschuldet ist, ist das im Grunde normal und erwartbar. Allerdings überrascht es auch, wenn etwa Begriffe wie "Moderne", "moderne Gesellschaft" und "Kritik" nicht aufgeführt werden, wo die Kritik moderner Gesellschaftsentwicklung doch explizites Anliegen SENNETTs ist. Ebenfalls findet sich "Routinen" nicht im Register, spätestens seit "Der flexible Mensch" (SENNETT 2000 [1998]) für SENNETTs Arbeit eine ganz zentrale Kategorie. Allerdings sind die im Buch auch häufiger genutzten verwandten Begriffe "Gewohnheiten", "Wiederholung" und "Rituale" aufgelistet. Zu einem anderen Teil verwende ich Begriffe oder Namen, die im Text nicht vorkommen, und insofern eher Schlagwortcharakter haben. Zum Beispiel trifft das für die ökologischen Aspekte zu, einschließlich dem Bezug auf ILLICH (1998 [1973]), der bei SENNETT nicht erwähnt wird. Schließlich gibt es Begriffe, die auch im Buchregister vorkommen, die ich mir an – für mich – besonders wichtigen Stellen eigens noch einmal notiere.

Mein hier zur Verfügung gestelltes Register ist nur sekundär alphabetisch geordnet. Die Einträge sind nach – für mich – sinnhafter Zusammengehörigkeit zusammengestellt.

Alltag/ Erfahrung

Experimentieren/Erproben

77,84

28f., 31, 45, 48, 103, 155ff., 160, 176, 288

Formale Organisation/informelle Zusammenarbeit

Freiheit/Aushandeln, Wahl/-freiheit

Kooperation, primär

Probe

Rhythmus der Praxis

Routinen

Verfahren

Wissenschaft

 

209, 361

27f., 49, 109f., 144

27f.

77

128f.

26, 31, 127, 133, 210f.

176, 211, 279, 284, 296, 307, 312ff., 362

86, 97, 217, 226, 267

Alternative/keine Einzellösung

Ziel/ Mittel

17f., 28

68, 270

Anstrengung/Schwierigkeit

Fertigkeiten, Werkzeuge

18, 28

11

Anregung

Motivieren

210

79, 189

Aufklärung

Zivilisation

97

137

Autorität verdienen

Autonomie/Abhängigkeit

Wohltätigkeit

238

185

69, 76

Beruf

Folgen

Foto

Gleichberechtigung

Idee der Werkstatt

Qualität, objektiv

Technik, sozial

Vorbild für soziale Praxis, Gesellschaft

137

288f.

89

158

85

154

92, 159, 196

268

Definition Kooperation

17

Determinismus/Umwelt-Gene

Genetik/Neurologie

Gesten

Körper/Geist

101

97f.

277ff.

294

Eigentum

Marx, nicht kooperativ

85

62, 85

Geselligkeit

58f., 79, 138, 163, 170, 176, 199f., 202, 361

Handlungsstruktur

Interesse von Organisationen

Sozialverhalten, übertragbar

Vermittlung von Fertigkeiten

Zwanglos

81

212

227

91

77ff.

Klostergärten

117

Komplexität

47

Moderne/Gesellschaftskritik

 

Ökonomische Ungleichheit

Ungleichheit und Konsum

11, 20ff., v.a. 22, 42, 47, 49f., 183, 195, 225, 241, 257f., 267f., 338, 358, 372, 374

20, 182, 200

192ff.

Ökologische Kritik:

- Kern

- Illich

- Industrialismus

- Gandhi

- Lebensqualität

 

11, 22

11

20, 49, 157, 177, 196, 214

352

364

Recht/Gesetz

205

Sollen vs. Verhalten

Sprache vs. Machen

19

278f.

Sozialwissenschaftliche Interviews

37f.

Vermächtnis

17, 92f.

Wohlstand

188

Würde

88

Anmerkungen

1) "Es fällt mir immer wieder auf, dass Leute, gerade in England, die altmodische Vorstellung im Kopf haben, es gehe bei dem Begriff 'community' um den Ort, an dem man wohnt. Dabei ist der mit Abstand wichtigste Ort für eine gelingende Gemeinschaft, wie ich sie meine, der Arbeitsplatz" (SENNETT 2012a). <zurück>

2) Jedenfalls gibt es mehrere Möglichkeiten, mit verunsichernden Handlungsbedingungen umzugehen; anhand eigener empirischer Analysen habe ich beispielsweise vier Umgangsweisen typisiert (vgl. LORENZ 2007). Möglicherweise spielen bei SENNETT auch persönliche Gründe eine Rolle, warum er sich vor allem mit Phänomenen des Rückzugs beschäftigt:

"In den sechziger Jahren war ich jung und empört. Dann sind mir die Klischees der Gegenkultur so sehr auf die Nerven gegangen, dass ich mich in den Siebzigern und Achtzigern immer mehr der Mitte annäherte und auf eine gewisse Art unpolitisch wurde. In meinen Vierzigern bewegte ich mich wieder nach links. Als ich begann, Menschen zu interviewen, die im Finanzdienstleistungssektor der New Economy arbeiteten, hat das meine linken Überzeugungen wieder aufleben lassen. Ich glaube immer noch an eine Politik von unten, aber ich sehe auch, dass sie wahrscheinlich politisch nicht viel verändern kann" (SENNETT 2012a). <zurück>

3) Zur Differenz von Wohltätigkeit und sozialer Gerechtigkeit vgl. LORENZ (2012a). <zurück>

4) Vgl. LORENZ (2012b, S.186ff., 241ff.; 2012c); für die transnationalen Organisationen auch http://www.eurofoodbank.org/, http://www.foodbanking.org/. <zurück>

5) Zu Grundlegendem zu Prozeduralität vgl. LORENZ (2009). <zurück>

6) Zu einer aktuellen interdisziplinären Übersicht über Forschungswerkstätten im deutschsprachigen Raum vgl. http://www.qualitative-forschung.de/information/akteure/forschungswerkstaetten/forschungswerkstaetten.pdf [Zugriff: 25.11.2012]. <zurück>

Literatur

Bauman, Zygmunt (2003 [2000]). Flüchtige Moderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Boltanski, Luc & Chiapello, Ève (2003 [1999]). Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK.

Castel, Robert (2000 [1995]). Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK.

Castel, Robert & Dörre, Klaus (Hrsg.) (2009). Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt/M.: Campus.

Habermas, Jürgen (1994 [1992]). Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Illich, Ivan (1998 [1973]). Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik. München: Beck.

Lorenz, Stephan (2007). Unsicherheit und Entscheidung – Vier grundlegende Orientierungsmuster am Beispiel des Biokonsums. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 33, 213-235.

Lorenz, Stephan (2009). Prozeduralität als methodologisches Paradigma – Zur Verfahrensförmigkeit von Methoden. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(1), Art. 14, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1001142 [Zugriff: 25.11.2012].

Lorenz, Stephan (2010). Wissenschaft als Handwerk. Review Essay: Richard Sennett (2008). Handwerk. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(2), Art. 18, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1002183 [Zugriff: 25.11.12].

Lorenz, Stephan (2012a/im Druck). Neue Wohlfahrt durch Tafeln. Reflexionen zur Erforschung gesellschaftlichen Wandels. In Mechthild Bereswill, Carmen Figlestahler, Lisa Yashodhara Haller, Marko Perels & Franz Zahradnik (Hrsg.), Wechselverhältnisse im Wohlfahrtsstaat – Dynamiken gesellschaftlicher Justierungsprozesse (S.176-194). Münster: Westfälisches Dampfboot.

Lorenz, Stephan (2012b). Tafeln im flexiblen Überfluss. Ambivalenzen sozialen und ökologischen Engagements. Bielefeld: Transcript.

Lorenz, Stephan (2012c/im Druck). Tafeln als Netzwerk – im transnationalen Netz der Tafeln? Ambivalenzen des Netzparadigmas. In Jörg Fischer & Tobias Kosellek (Hrsg.), Netzwerke und Soziale Arbeit. Theorien, Methoden, Anwendungen. Weinheim: Juventa.

Lorenz, Stephan (2013/im Druck). Soziologie im Klimawandel. Verhandlungen und Verfahrenswissenschaft gesellschaftlicher Selbstgefährdung. Soziologie, 42(1).

Münch, Richard (2011). Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der Hochschulreform. Berlin: Suhrkamp.

Offe, Claus (1986). Die Utopie der Null-Option. Modernität und Modernisierung als politische Gütekriterien. In Johannes Berger (Hrsg.), Die Moderne – Kontinuitäten und Zäsuren (S.97-117) Göttingen: Schwartz.

Scherschel, Karin; Streckeisen, Peter & Krenn, Manfred (Hrsg.) (2012). Neue Prekarität: Die Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik – europäische Länder im Vergleich. Frankfurt/M.: Campus.

Sennett, Richard (2000 [1998]). Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Siedler.

Sennett, Richard (2004 [2002]). Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin: BvT.

Sennett, Richard (2008). Handwerk. Berlin: Berlin Verlag.

Sennett, Richard (2012a). Am Ort des Gelingens. Interview von Andrew Anthony mit Richard Sennett. der Freitag, 27.2.2012,http://www.freitag.de/autoren/the-guardian/am-ort-des-gelingens [Zugriff: 26.10.2012].

Zum Autor

Stephan LORENZ, PD Dr., arbeitet als Soziologe in Forschung und Lehre. Seit Mai 2012 leitet er ein umweltsoziologisches Forschungsprojekt zum Bienensterben. Dieses wird für drei Jahre von der VolkswagenStiftung gefördert. Arbeitsschwerpunkte sind Umwelt und Nachhaltigkeit, Überfluss, Konsum, Ernährung, Armut und Ausgrenzung, prozedurale Methodik sowie Gesellschaftstheorie.

Kontakt:

Stephan Lorenz

Friedrich-Schiller Universität
Institut für Soziologie
Carl-Zeiß-Str. 2
D-07743 Jena

Tel.: +49 (0)3641-945509
Fax: +49 (0)3641-945512

E-Mail: Stephan.Lorenz@uni-jena.de
URL: http://www.soziologie.uni-jena.de/StephanLorenz.html

Zitation

Lorenz, Stephan (2012). Review Essay: Was hält Kooperation zusammen? [32 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(1), Art. 20,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1301209.

Revised: 1/2013



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