Volume 14, No. 2, Art. 14 – Mai 2013

Rezension:

Dirk vom Lehn

Ruth Ayaß & Christian Meyer (Hrsg.) (2012). Sozialität in Slow Motion. Theoretische und empirische Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS; 701 Seiten; ISBN-13: 978-3531183466; Euro 89.95

Zusammenfassung: Ruth AYAß und Christian MEYER haben zu Ehren der Emeritierung von Jörg BERGMANN einen Sammelband vorgelegt, der auf 700 Seiten einen Überblick über jüngere Entwicklungen in der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse gibt. Der Band gibt Einblick in theoretische und empirische Entwicklungen der letzten 20 Jahre, indem er Kapitel von international-renommierten Ethnomethodolog/innen und Konversationsanalytiker/innen in deutscher Sprache zugänglich macht. Die Kapitel schließen empirische Analysen aus so unterschiedlichen Bereichen wie z.B. Schulen und Schulhöfen, Psychotherapiesitzungen, SMS-Dialogen, Ärzt/innen-Patient/innen-Gesprächen und Gerichtsverhandlungen ein. Der Band zeigt die wichtige Bedeutung auf, die der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse für die Soziologie und verwandte Disziplinen zukommt. Er ist Studierenden und Lehrenden zu empfehlen, die sich einen Überblick über analytische und empirische Entwicklungen in diesen Gebieten verschaffen wollen.

Keywords: Ethnomethodologie; Konversationsanalyse; Soziologie; Interaktion; Gespräch; Garfinkel; Sacks; Bergmann

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ethnomethodologie und Konversationsanalyse

3. Interaktion und Organisation

4. Interaktion und Kognition

5. Interaktion und ihre Grenzen

6. Schlussbetrachtung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Bei dem hier besprochenen Band handelt es sich um die Festschrift zur Emeritierung von Jörg BERGMANN, dem renommierten Bielefelder Soziologen, der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse im deutschsprachigen und europäischen Raum bekannt gemacht und vertreten hat. Bevor er den Lehrstuhl in Bielefeld übernahm, war BERGMANN Doktorand, Mitarbeiter und Habilitand bei Thomas LUCKMANN in Konstanz. Die enge professionelle und freundschaftliche Verbindung zu LUCKMANN hat BERGMANN über die Jahrzehnte hin aufrechterhalten, obwohl LUCKMANN die Begeisterung seines Freundes für die Ethnomethodologie und Konversationsanalyse nicht teilt, wie er im Interview mit Ruth AYAß und Christian MEYER, den Herausgebenden des Bandes, deutlich zu verstehen gibt (S.21-39). [1]

BERGMANN, der die Ethnomethodologie und Konversationsanalyse durch Schriften von HABERMAS (1974) und GOULDNER (1970) kennengelernt hatte, war Mitte der 1970er Jahre zu einem Forschungsaufenthalt nach Los Angeles gereist. Dort traf er sowohl Harold GARFINKEL als auch einige der Schüler/innen des 1975 verstorbenen Harvey SACKS, darunter Emanuel SCHEGLOFF und Gail JEFFERSON. Mit ihnen diskutierte und analysierte BERGMANN Gesprächsdaten, die er aus Deutschland mitgebracht hatte. Zurück in Deutschland trug er unter anderem durch Publikationen zu "Klatsch" (1987) und Moral (BERGMANN & LUCKMANN 1992) sowie zur Analyse von Feuerwehrnotrufen (1993), Psychotherapiesitzungen (2005) und zur Genreanalyse (BERGMANN & LUCKMANN 1995) maßgeblich zur Etablierung der Sprachsoziologie im deutschsprachigen Raum bei. Leider hat die Sprachsoziologie aus mir nicht bekannten Gründen im Laufe der Jahre an Einfluss in der deutschsprachigen Soziologie verloren. So hat sie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie als Sektion ihre Unabhängigkeit eingebüßt und bildet nur noch einen Teilbereich der Sektion Wissenssoziologie. [2]

Der vorliegende Band ist einerseits als Festschrift konzipiert und enthält 30 Kapitel, die Kolleg/innen von BERGMANN aus Deutschland, dem europäischen Ausland, den USA und Australien für diese Gelegenheit bereitgestellt haben. Einige der Kapitel sind zuvor schon anderswo veröffentlich worden, während andere Beiträge speziell für diesen Band verfasst wurden. Andererseits verfolgt der Band neben dem feierlichen Anlass noch eine weitere Zielsetzung, nämlich "die internationale ethnomethodologische und konversationsanalytische Forschung […] der deutschsprachigen Soziologie und Sozialwissenschaft zugänglich zu machen und als Modell der empirischen Forschung nahe zu bringen" (AYAß & MEYER, S.13). Die Sammlung einer derartigen Fülle von Analysen gibt den Lesenden eine einzigartige Möglichkeit, sich mit Entwicklungen in Ethnomethodologie und Konversationsanalyse vertraut zu machen. Mir als Rezensenten stellt sich bei der Fülle des Materials die Frage, worauf ich mich bei meiner Besprechung des Bandes konzentrieren möchte oder sollte. Bei der Lektüre der Kapitel habe mich auf die zweite Zielsetzung der Herausgebenden konzentriert und werde daher im Folgenden nicht alle Kapitel gleich detailliert besprechen, sondern die Rezension vielmehr dazu nutzen, die Bedeutung der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse in der Soziologie darzustellen. Im ethnomethodologischen Sinne biete ich hier also einen account für den Stellenwert der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse in der Soziologie. [3]

2. Ethnomethodologie und Konversationsanalyse

"Sozialität in Slow Motion" beginnt mit fünf Kapiteln, die kritische Perspektiven auf die Entwicklung von Ethnomethodologie und Konversationsanalyse und ihren Status als und in der Soziologie behandeln. Darunter befinden sich unter anderem Christian MEYERs exzellente neue Übersetzung von GARFINKELs (1960) Artikel zu den "rationalen Eigenschaften von wissenschaftlichen und Alltagsaktivitäten" (S.41-58), ein Kapitel von Wes SHARROCK, das sich mittels einer Analyse des "Regelfolgens" mit der Verbindung von Ethnomethodologie und WITTGENSTEINs Sprachphilosophie auseinandersetzt (S.59-70), ein Artikel von Karin KNORR CETINA, der die nunmehr unausweichliche Verbindung zwischen Makro- und Mikroebene anhand von Analysen "synthetischer Situationen", in denen mediatisierte Umgebungen Relevanz erlangen, untersucht (S.81-110) und Per LINELLs Analyse der Verbindung von Gesprächen mit ihrem soziokulturellen Kontext (S.71-80). Diese Kapitel beziehen sich auf Debatten über die Beziehung von Mikroanalysen zu größeren Kontexten, die innerhalb der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse seit Langem diskutiert werden. In diesem Sinne helfen sie Lesenden, die Bedeutung von Ethnomethodologie und Konversationsanalyse für die Soziologie neu einzuschätzen. In Kürze geht es in diesen Kapiteln um die drei Richtlinien, die ethnomethodologische und konversationsanalytische Analysen leiten: Indexikalität, Reflexivität und Sequenzialität (vgl. GARFINKEL 1996). [4]

Indexikalität verweist darauf, dass eine Handlung nur in den spezifischen Umständen verstanden werden kann, in denen sie hervorgebracht wird. Dies gilt, wie SHAROCK schreibt, auch für Regeln, die in der Situation, in der in und durch Handlungen auf sie Bezug genommen wird, ihre Bedeutung erlangen. Für die Beziehung zwischen Regel und Handlung bedeutet dies, dass eine Analyse zu kurz greift, die davon spricht, dass die Handlung einer Regel folgt, während es durchaus möglich ist, dass eine Handlung regelkonform ausgeführt wird, ohne dass die Akteur/innen sich der Regel bewusst sind (S.68). [5]

Die Indexikalität von Handlungen impliziert auch eine andersartige Betrachtung: Handlungen werden also nicht isoliert hervorgebracht, sondern in einem Kontext. In seinem Beitrag "Zum Begriff des kommunikativen Projekts" analysiert LINELL Daten von Jörg BERGMANN und zeigt dabei, dass einzelne Handlungssequenzen in einen weiteren soziokulturellen Kontext eingebettet sind (S.76). Kommunikative Projekte sind also situiert und formen den Kontext für einzelne Äußerungen. LINELLs Argumentation zufolge ist es dieser Kontext von Äußerungen und Handlungen, an dem Projekte sichtbar werden (S.78). Dabei ist jedoch zu betonen, dass es sich in LINELLs Sinn bei Projekten also nicht etwa um Pläne handelt, die sich in den Köpfen der Akteur/innen befinden, sondern sie werden vielmehr in und durch Handlungsstränge hervorgebracht und dadurch beobachtbar gemacht. Hier tritt die ethnomethodologische Richtlinie der Reflexivität hervor, d.h. die Feststellung, dass eine Handlung den Kontext, von dem sie beeinflusst wird, gleichzeitig neu gestaltet und weiterentwickelt (HERITAGE 1984). [6]

In der Konversationsanalyse, die BERGMANNs Forschung und mithin vielen der Beiträge in diesem Band zugrunde liegt, wird untersucht, wie die Produktion solcher Kontexte von den Teilnehmenden organisiert wird. Die konversationsanalytische Forschung orientiert sich grundsätzlich an der dritten Richtlinie, der Sequenzialität von Handlungen, auf die GARFINKEL (2006) schon in einem Manuskript verweist, dass er 1948 verfasst hat. Bei seiner Argumentation grenzt sich GARFINKEL von der damaligen Verhaltenswissenschaft ab, in deren Konzept Handlungen als Reaktionen auf bestimmte Reize in der Umwelt angesehen wurden. Er setzt diesem Konzept eines mechanischen Handlungszusammenhanges die Vorstellung gegenüber, dass menschliche Akteur/innen Sinn produzieren, indem sie ihre Handlungen an vorangegangenen Handlungen orientieren und durch ihre Handlungsausführung den Rahmen für nachfolgende Handlungen fortlaufend hervorbringen. [7]

Die Kapitel von SHARROCK, LINELL, KNORR CETINA und GARFINKEL werden gerahmt von einem Interview mit Thomas LUCKMANN (S.21-40) und einem Artikel von Aaron CICOUREL (S.111-131). LUCKMANN gibt in seinem Interview mit den Herausgebenden des Bandes seine Position zu Ethnomethodologie und Konversationsanalyse wieder. Im Interview wird klar, dass er sehr skeptisch gegenüber dem soziologischen Beitrag der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse ist (S.23). Insbesondere die Konversationsanalyse sei, so LUCKMANN, "völlig unverbunden mit irgendeiner vernünftigen soziologischen Theorie" (S.23). Für mich überraschend ist, dass LUCKMANN der Ethnomethodologie eine theoretische Beziehung zu SCHÜTZ abstreitet, hat GARFINKEL sich doch schon seit den 1940er Jahren nachweislich (1952, 2006) mit der SCHÜTZschen Soziologie auseinandergesetzt und sich derzeit auch regelmäßig mit SCHÜTZ (und Aron GURTWITSCH) zu abendlichen Seminaren in New York getroffen (BARBER 2004; RAWLS 1999). LUCKMANNs Argument der Marginalität der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse in der Soziologie wird von Aaron CICOUREL geteilt, der sich in seinem Kapitel "Die ambivalente Beziehung zwischen Ethnomethodologie, Konversationsanalyse und der Mainstream-Soziologie in Nordamerika" (S.111-131) von der Verbindung der beiden Ansätze zur Analyse von Interaktion im Alltag überrascht zeigt. Der Konversationsanalyse spricht CICOUREL gar jegliche Beziehung zur Soziologie ab und macht dies an Harvey SACKSs intellektuellem Ausgangspunkt in der Rechtswissenschaft, Sprachphilosophie und Linguistik fest. [8]

Verschiedene Argumente können gegen die Punkte, die LUCKMANN und CICOUREL anführen, angebracht werden. Zum einen ist GARFINKELs enge Verbundenheit zu den soziologischen Klassikern DURKHEIM und PARSONS wie auch zu Alfred SCHÜTZ zu nennen, auf die auch CICOUREL, der in den 1950er und 1960er Jahren mit GARFINKEL zusammenarbeitete, hinweist. Zum anderen ist dem Argument zu entgegnen, dass Ethnomethodologie und Konversationsanalyse zwei unterschiedliche Forschungsunternehmen sind. Es ist weithin bekannt, dass GARFINKEL bis zum Tod von SACKS eng, auch über dessen Doktorarbeit hinaus, mit diesem kooperierte. Die oben kurz angesprochenen Richtlinien liegen nicht etwa nur der Konversationsanalyse, mit der die Ethnomethodologie seit HERITAGEs (1984) "Ethnomethodology and Garfinkel" häufig gleichgesetzt wird, zugrunde, sondern sind auch die Basis für das ethnomethodologische Verständnis der Organisation von Gesprächen und Interaktion. [9]

3. Interaktion und Organisation

Konversationsanalyse und mit ihr die ethnomethodologische Videoanalyse von Interaktion (HEATH, HINDMARSH & LUFF 2010) sind grundlegend mit der Organisation von sozialen Situationen befasst, wobei Interaktion der "ursprüngliche Schauplatz von Sozialität" (S.245) ist, wie Emanuel SCHEGLOFF in seinem Kapitel zu "Interaktion" (S.245-268) feststellt. SCHEGLOFF, ein Schüler von Harvey SACKS und einer der wohl bekanntesten Konversationsanalytiker, zeigt, dass die (Ethno-) Methoden, die durch die Interaktion, in seinem Sinne Gespräche, vollzogen werden, universell relevanten Organisationsprinzipien unterliegen. Er argumentiert, dass Teilnehmende, welcher Kultur sie auch immer angehören mögen, auf dieselben situativen Probleme träfen, die sie dann in jeweils situations- und kulturadäquater Weise lösen würden. Ethnomethodologie und Konversationsanalyse böten Forschenden analytische und methodologische Techniken, um diese Organisation von sozialer Interaktion zu untersuchen und dadurch herauszufinden, was uns menschlich macht (S.266). [10]

Interaktionssequenzen können von Zeit zu Zeit durch Ereignisse in der unmittelbaren Umgebung der Teilnehmenden gestört werden. Diese Störungen können dazu führen, dass die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden von der Interaktion abgelenkt und zu der Störung hin gerichtet wird. Eine Quelle solcher Störungen können beispielsweise Haustiere sein, wie Angela KEPPLER in ihrem Kapitel "Tiere als kommunikative Störfälle" (S.661-677) anhand ihrer Analyse eines Tischgespräches, das sich in der Mitte der Filmkomödie "Bringing up Baby" ("Leoparden küsst man nicht") aus dem Jahr 1938 abspielt. In der analysierten Sequenz spielt das Verhalten des Hundes George eine bedeutsame Rolle, das fortwährend die Aufmerksamkeit eines Protagonisten auf sich zieht. Thema der Analyse ist die Komik, die sich aus der Ablenkbarkeit der Gesprächsteilnehmenden durch das Verhalten des Hundes ergibt. Sie zeigt, wie dieses Hundeverhalten und der Rhythmus des Tischgespräches miteinander in Verbindung stehen und dass das Verhalten des Hundes die Handlungen der Gesprächsteilnehmenden beeinflusst. KEPPLER nimmt ihre Analyse zum Anlass, um die Gesprächssituation im Film mit der natürlichen Gesprächssituation zu vergleichen, die BERGMANNs Analyse zugrunde liegt. Sie zeigt, dass den beiden Situationen unterschiedliche Kommunikationsmodelle zugrunde liegen, dass jedoch die filmische Sequenz nur komisch wirken kann, weil ihr das Modell der natürlichen Gesprächssituation zugrunde liegt. [11]

Eine weitere Schülerin von SACKS ist die 2008 verstorbene Gail JEFFERSON, die in ihrem Kapitel "Das grausige Ne? Eine Untersuchung des Strebens nach Antwort nach der Antwort" (S.299-332) Gesprächsdaten analysiert, die BERGMANN bei seinem Forschungsaufenthalt an der University of California Los Angeles Mitte der 1970er Jahre mitgebracht hatte. Bei ihrer Analyse fokussiert JEFFERSON, wie auch Anita POMERANTZ in ihrem Kapitel "Fragen mit Antwortangebot, soziales Handeln und moralische Ordnung" (S.333-352), die interaktive Konstitution von Moral in Gesprächen, ein Thema, das ja auch BERGMANN im Laufe seiner Karriere lange beschäftigte. Dabei argumentieren die beiden Autorinnen unabhängig voneinander, dass Gespräche moralische Implikationen hätten. [12]

Die Kapitel von JEFFERSON und POMERANTZ sind gute Beispiele dafür, wie Konversationsanalyse durchgeführt wird und welche Schlüsse über soziale Interaktion aus ihr gezogen werden können. Susanne GÜNTHNERs Kapitel "Lupf meinen Slumpf" (S.353-372) ist dagegen etwas anders gelagert, da es sich bei ihrer Untersuchung um die Analyse von SMS-Dialogen, also textbasierten Gesprächen handelt, die in einer neuartigen Weise soziale Situationen konstituieren, die erst dadurch möglich werden, dass bestimmte Technologien zur Verfügung stehen. Bei diesen Situationen handelt es sich um synthetische Situationen, die im Zentrum von KNORR CETINAs Kapitel stehen, das ich weiter oben behandelt habe. Wie SCHEGLOFF anhand von Face-to-face-Situationen, so arbeitet GÜNTHNER die Organisationsprinzipien von SMS-Dialogen heraus, identifiziert die Basissequenz solcher Dialoge und weist auf die auch hier vorhandene Rezipient/innenorientierung hin (S.369-370). [13]

Eine andere Aktivität, die unter Menschen häufig zu beobachten ist, ist das Spiel, das Marjorie Harness GOODWIN seit mehreren Jahrzehnten auf Schulhöfen untersucht. Dadurch hat sie als linguistische Anthropologin nicht nur zur Konversationsanalyse beigetragen, sondern auch zur Genderforschung, da sie sich insbesondere den Spielen von Mädchen zuwandte. In ihrem Kapitel "Interaktion, Sprachpraxis und die Konstruktion sozialer Universen" (S.269-297) analysiert sie beispielsweise Spiele wie das beliebte Schulhofspiel des Hickelkastens und arbeitet heraus, wie Mädchen in konkreten Situationen Konflikte, die sich aus dem Spiel heraus ergeben, durch körperliche und sprachliche Mittel behandelten. [14]

Diese Handlungen der Mädchen auf dem Schulhof schließen natürlich nicht nur das Springen auf den aufgezeichneten Kreisfeldern und die sprachlichen Verhandlungen der Mädchen, sondern auch andere ihrer körperlichen Handlungen wie z.B. Gesten ein. Diese körperlichen Handlungen werden mit den Sprechhandlungen abgestimmt, so GOODWIN, sodass die Teilnehmenden einander beispielsweise anzeigten, worauf sich ihre Aufmerksamkeit in einem bestimmten Moment richtete. Diese Etablierung von Intersubjektivität, die im Zentrum vieler ethnomethodologischer Analysen liegt, kann problematisch werden, wenn einer Person beispielsweise aufgrund eines Schlaganfalles nur drei Worte zur Verfügung stehen, um sich sprachlich auszudrücken, wie das in der Untersuchung der Fall ist, die Charles GOODWIN in seinem Kapitel "Zeigegesten und kollaborative Bedeutungskonstitution in der Interaktion mit Aphasikern" darstellt (S.405-418). GOODWINs Analyse konzentriert sich darauf, wie Teilnehmende Hand- und Armbewegungen als Zeigegesten konstituieren, indem sie sie wechselseitig mithilfe verschiedener semiotischer Ressourcen kontextualisierten. Er zeigt, wie ein vom Schlaganfall betroffener Teilnehmer trotz seiner körperlichen und sprachlichen Beeinträchtigung in der Lage ist, mit anderen Teilnehmenden zu kommunizieren, sodass sie gemeinsam eine kohärente Aktivität hervorbrächten. [15]

Die Abstimmung von Gesten, Körperbewegungen und Sprechen ist auch in der Ärzt/innen-Patient/innen-Interaktion von großer Bedeutung, wie Christian HEATHs Kapitel "Demonstriertes Leiden: Die gestische (Wieder-) Verkörperung von Symptomen" (S.419-446) erläutert. Anhand einer detaillierten Analyse von kurzen Videosequenzen arbeitet HEATH heraus, wie Arzt/Ärztin und Patient/in Symptome von Schmerz darstellten und durch Gesten, die bestimmte Körperteile in gewisser Weise animierten, sodass Schmerzempfinden nachvollziehbar würde. Durch diese einigermaßen komplexe Organisation von sprachlichen und körperlich-sichtbaren Handlungen sei es für den Arzt bzw. die Ärztin möglich, die subjektiven Empfindungen des Patienten bzw. der Patientin nachzuvollziehen. [16]

Ähnlich verhält es sich bei Hörmessungen, die im Zentrum von Maria EGBERTs Kapitel "Interaktion bei der Tonaudiometrie: Zur Paradoxie der Relevanzmarkierung von Störungen" stehen (S.463-480). EGBERT zeigt, dass audiologische Hörmessungen auf institutionellen Routinen beruhen, die im Laufe der Untersuchung häufig Störungen ausgesetzt seien. Ihre Analyse findet fünf Störungen, die an bestimmten Stellen der Interaktionssequenz markiert würden, wenn die Ärztin dem Klienten bzw. der Klientin Instruktionen gäbe. Im Laufe der Interaktionssequenz werde die Notwendigkeit dieser Markierung von Störungen immer weiter abgemildert, was EGBERT als ein "Anzeichen für ein Interaktionsgedächtnis" interpretiert (S.478); ein Befund, der möglicherweise auch für das Training von Ärzt/innen von Interesse sein könnte. [17]

Andere körperliche Zustände wie z.B. eine Schwangerschaft sind oder werden mit der Zeit sichtbar. In ihrem Kapitel "Frohe Botschaften! Adressatenselektion und kommunikative Netzwerke beim Schwangerschafts-Coming out" (S.481-499) untersuchen HIRSCHAUER und HOFFMANN, wie Paare die Schwangerschaft signifikanten Anderen mitteilen, bevor sie sichtbar wird. Dieser Moment der Schwangerschaftskundgabe sei von besonderer Bedeutung für Paare, da sich dadurch ihre soziale Identität darstellbar ändere. Im Zentrum von HIRSCHAUERs und HOFFMANNs Kapitel steht also die Analyse der Gestaltung von Schwangerschaftskundgaben in verschiedenen Phasen der Schwangerschaft und die Art und Weise, wie sie in soziale Kreise oder Netzwerke, die miteinander in Verbindung stehen, eingebettet werden. [18]

4. Interaktion und Kognition

Ethnomethodologische und konversationsanalytische Untersuchungen werden häufig dahin gehend kritisiert, dass sie darauf verzichten, den Ursprung von Handlungen in Motiven und anderen kognitiven Vorgängen zu suchen (SHARROCK & WATSON 1984). Ihr Versuch, Handlungen allein aus dem Sozialen von Situationen heraus erklären zu wollen, ist vielfältig kritisiert worden (BRUCE & WALLIS 2013). Doch das hat ethnomethodologische Konversationsanalytiker/innen eher ermuntert zu untersuchen, wie kognitive Prozesse und Qualitäten in Beziehung zu Handlungen stehen. Schon vor etwa 20 Jahren hat sich Doug MAYNARD gemeinsam mit Courtney MARLAIRE (MARLAIRE & MAYNARD 1990; MAYNARD & MARLAIRE 1992) beispielsweise mit der Organisation von Intelligenztests auseinandergesetzt. In ähnlicher Weise ist die Analyse von Psychotherapiegesprächen schon seit Langem für Konversationsanalytiker/innen von Interesse (PERÄKYLÄ, ANTAKI, VEHVILÄINEN, & LEUDAR 2008). Diesen Untersuchungen ist es gemeinsam, dass sie Qualitäten, die gemeinhin der Kognition zugeschrieben werden, "respezifizieren", wie GARFINKEL (1991) es bezeichnet, oder "erden", wie MAYNARD es mit Bezug auf Hirnvorgänge in seinem Kapitel in dem hier besprochenen Band nennt (S.135-149). [19]

In seinem Kapitel "Geerdete Kognition: Wie der Geist auf festem Boden steht" (S.135-150) kritisiert MAYNARD den Kurzschluss von Argumenten, die von der Visualisierung von Vorgängen im Hirn direkt auf Handlungen schließen (S.136). Anhand von zwei detaillieren Analysen von Gesprächen und Interaktionen weist er einen anderen Weg und argumentiert für die Entwicklung eines Verständnisses davon, wie Teilnehmende mentale Vorgänge in und durch ihre Handlungen praktisch darstellten. In ähnlicher Weise untersucht Paul DREW "Wissensasymmetrien in (alltags-) sprachlichen Interaktionen" (S.151-180) und spricht davon, "dass Wissensasymmetrien nicht unbedingt Störungen in der Interaktion oder Mißerfolge in der gegenseitigen Verständigung verursachen müssen" (S.177). Anstatt also die Qualität von Wissen oder seine asymmetrische Verteilung zwischen Situationsteilnehmenden kognitiv zu behandeln, verlege die Konversationsanalyse, so DREW, sie in das Handeln der Akteure und betrachte die sozial organisierte Verteilung von Wissen und wie sie in Handlungen und Interaktionssequenzen dargestellt würde. [20]

Wissen ist auch das Thema von Ulrich DAUSENDSCHÖN-GAYs Kapitel "Wie wir zu den Wörtern und die Wörter zu uns kommen" (S.201-216). Sein Beitrag basiert auf Untersuchungen, in deren Zentrum das Lernen steht. Er verfolgt die Frage, wie Teilnehmende in unterschiedlichen Kontexten nach französischen Wörtern suchen und stellt fest, dass in nicht-schulischen Kontexten Sätze unproblematisch von anderen Teilnehmenden vervollständigt würden, während eine ähnliche Lösung des Problems der Wortsuche in der Schule von Lehrkräften nicht zugelassen würde. Mit DAUSENDSCHÖN-GAYs Beitrag unternimmt der Band einen kleinen Ausflug in Forschungsgebiete, die im weiteren Umfeld der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse liegen und sich mit Konzepten des Lernens in sozialen Situationen beschäftigen. Schließt DAUSENDSCHÖN-GAYs Kapitel an laufende Diskussionen im Rahmen der soziokulturellen Theorie an, so wendet sich Uta QUASTHOFFs Beitrag "Aktual- und mikrogenetische Zugänge zur Ontogenese" (S.217-241) der Entwicklungsforschung in der Folge PIAGETs und anderer zu. Dabei analysiert sie die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern in Familien unter Berücksichtigung des recipient designs: In der Konversationsanalyse meint recipient design (SACKS et al. 1974), das Sprechende durch die Gestaltung ihrer Äußerungen anzeigen, wer die anderen Teilnehmer an der ablaufenden Situation sind. Im von QUASTHOFF analysierten Fall gestalteten also die Erwachsenen, so die Autorin, ihre Handlungen beobachtbar für Kinder, um sozusagen ein Gleichgewicht zwischen den Interaktionsteilnehmenden herzustellen. Dieses recipient design werde jedoch nicht zentral für den Erwerb von Wissen und Fähigkeiten, sondern passiere einfach, so QUASTHOFFs Fazit (S.238-239). [21]

Die asymmetrische Verteilung von Wissen spielt eine besondere Rolle in Psychotherapiesitzungen. Auf der einen Seite sitzt der Experte bzw. die Expertin, der/die Psychotherapeut/in mit deren professionellem Wissen, auf der anderen Seite der/die Patient/in, die dazu motiviert werden, eine "Geschichte" zu erzählen, die der Experte bzw. die Expertin deuten kann. In seinem Kapitel "Die Interaktionsgeschichte einer Deutung" (S.375-403) analysiert Anssi PERÄKYLÄ psychoanalytische Interaktionen und interessiert sich dabei insbesondere für die Bedeutung des Schweigens in der Psychotherapie. Während Gesprächspausen und Schweigen in anderen Situationen als Störung aufgefasst würden, sei Schweigen in der Psychotherapie nicht etwa peinlich oder unangenehm, sondern eine Ressource, die die Expert/innen zur Interpretation des bisher Gesagten nutzten. In diesem Sinne interpretiert PERÄKYLÄ Schweigephasen als Momente, in denen eine Transformation beginne, die es den Therapeut/innen erlaube, auf das zuvor Gesagte einzugehen. Auf diese Weise, d.h. im Wechselspiel zwischen Redehandlung und Interpretationshandlung in der Schweigephase, stellten die beiden Beteiligten ein "intersubjektives Feld" her, dass sie fortwährend erneuern würden. [22]

Die interaktive Herstellung von Intersubjektivität erfordert von Teilnehmenden, dass sie vollständig in die laufende Situation involviert sind. Eine solche Involviertheit, das zeigt Jürgen STREECK in seinem Kapitel "Nachhaltige Angst" (S.447-462), werde unterminiert, wenn Teilnehmende nicht in der Lage seien, sich auf die Situation einzulassen, zum Beispiel weil sie Angst vor der Sozialität der Situation hätten. STREEK analysiert Gesprächsdaten, die aus einem Projekt zum Thema Angst stammen, das Jörg BERGMANN gemeinsam mit Elisabeth GÜLICH und Friedrich WÖRMANN am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZIF) in Bielefeld durchgeführt hatte. Er argumentiert, dass Angst nachhaltig werde, wenn bestimmte Praktiken als Praktiken von "Angstgeplagten" nachvollziehbar dargestellt werden und dazu führten, dass die "Angstgeplagten" nicht mehr vorbehaltlos an Interaktion teilnähmen. Dieser Vorbehalt gegenüber der Teilnahme an der Interaktion führe dann dazu, dass von den Teilnehmenden der Schutz, den soziale Situationen Individuen böten, nicht mehr wahrgenommen werde, sodass diese sich in die Privatheit zurückzögen. [23]

5. Interaktion und ihre Grenzen

Seit DURKHEIM (1984 [1895]) hat die Soziologie versucht, sich von anderen Disziplinen wie z.B. der Psychologie abzugrenzen. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass materiale und kognitive Aspekte, die mit dem Sozialen in Beziehung stehen, aus der soziologischen Analyse ausgegrenzt wurden und erst langsam den Weg zurück in die Soziologie finden. Dabei wird häufig die Frage gestellt, wo die Grenzen des Sozialen verlaufen: Wo fängt Interaktion an und wo hört sie auf? [24]

Wolfgang SCHNEIDER untersucht anhand von Werner SCHIFFAUERs ethnologischer Untersuchung "Die Bauern von Subay" diese Grenzen der Interaktion (S.600-609). Sein theoretischer Ausgangspunkt ist die systemtheoretische Konzeption von Interaktion und Jörg BERGMANNs Analyse von Klatsch und Moral, durch die "die Differenz von Anwesenden und Abwesenden als grenzsichernde Unterscheidung unterminiert" werde (S.609). Er charakterisiert dabei Klatsch als ein "kommunikatives Genre", das "Personen als 'Erwartungskollagen' generiert", und das in unterschiedlichen Situationen verwendet werde und dadurch zur Vernetzung unterschiedlichster Interaktionen beitragen könne (S.608). Seine Analyse fokussiert den Fall einer überschaubaren Gemeinschaft, wo alle einander kennen und, wie der Autor es ausdrückt, Klatsch als "Parasit" der Interaktion wirke. Klatsch, so SCHNEIDER, sei in diesen Gemeinschaften eine Form der Kommunikation, die sich von der Gemeinschaft ernähre, ohne einen Beitrag zu ihr leisten. Er kontrastiert diese Beobachtung mit Klatsch in differenzierten Gesellschaften, wo Klatsch und Moral in unterschiedlicher Art und Weise in Organisationen und in den Massenmedien zu finden seien und als "Parasit" wirkten, da sie sich von der Kommunikation nährten, ohne einen konstruktiven Beitrag zu leisten (S.610-612). So kann SCHNEIDER zeigen, wie Klatsch und Moral verwendet werden, um die Teilnahme am sozialen Geschehen zu definieren. [25]

Neben der Unterscheidung von Teilnahme und Nicht-Teilnahme, die SCHNEIDERs systemtheoretisch informierter Analyse zugrunde liegt, geht es in der Diskussion über die Grenzen des Sozialen auch darum zu entscheiden, inwieweit kognitive Prozesse mit dem Sozialen in Verbindung stehen. Konversationsanalytischen Analysen wie der Untersuchung von Elisabeth GÜLICH zum Thema "Erinnern – Erzählen – Interpretieren in Gesprächen mit Anfallskranken" (S.615-642) geht es häufig darum herauszuarbeiten, wie kognitive Prozesse in Interaktion durch Handlungen dargestellt werden (siehe auch MAYNARDs Kapitel). GÜLICH geht dem Erinnern konversationsanalytisch nach, indem sie empirisch erhobene konversationelle Daten analysiert. Dabei untersucht sie, wie Spuren von Erinnerungsarbeit im Erzählen materialisiert und dadurch für Konversationsanalytiker/innen erforschbar werden. Sie greift auf Daten zurück, die sie existierenden Tonaufnahmen von Ärzt/innen-Patient/innen Interaktionen entnommen hat und argumentiert, dass die Patient/innen in ihren Erzählungen Probleme mit der Erinnerung aufzeigten, die auf epileptische Anfälle zurückgeführt würden. Die Erzählungen stellten "bruchstückhafte Erinnerungen" dar (S.628-632) und verwiesen auf Probleme bei der narrativen Rekonstruktion von Erinnerungen an Ereignisse und Erfahrungen. Beispielsweise fänden es Patient/innen schwierig, die Umstände von Anfällen, die sie erfahren hatten zu rekonstruieren (S.636), und verlegten sich daher auf Ausweichstrategien wie das Erfragen von Informationen von Personen, die bei dem Ereignis anwesend waren, um Erinnerungslücken zu schließen. [26]

Einen anderen Fall für die praktische Herstellung von Verbindungen zwischen kognitiven Vorgängen und Interaktion findet sich in Heiko HAUSENDORFs Kapitel "Wie erzählt man einen Traum? Fragmente einer Ethnomethodologie der Traumkonversation" (S.643-660). HAUSENDORFs Analyse beruht auf der Beobachtung, dass Teilnehmende in sozialen Situationen häufig Träume zum Konversationsthema machen. Dadurch werde es Konversationsanalytiker/innen möglich, Darstellungen von Träumen zu untersuchen. Dies hat BERGMANN beispielsweise in einem Aufsatz (2000) zur "Traumkonversation" festgestellt, was HAUSENDORF in seinem Beitrag aufgreift (S.643). Er analysiert die narrative Rekonstruktion von Träumen und erläutert, wie und warum Traumerzählungen die Traumwelt als etwas vom Alltag Unterschiedenes darstellten, wie Aspekte der Erzählungen elaboriert und dramatisiert würden, und wie prekär jedoch auch die Situation der Traumerzähler/innen sei, die stets der Gefahr ausgesetzt seien, dass ihre Erzählung "die Erwartbarkeiten des Erzählens von Geschichten im Alltag unterlaufen" (S.659). [27]

Wenn Ethnomethodolog/innen bei ihren Analysen von kognitiven Vorgängen in den Gehirnen von Teilnehmenden absehen, stellt sich die Frage, ob und wie sie grundsätzlich phänomenologische Phänomene untersuchen können. Würden sie sich solchen Fragestellungen verschließen, dann könnte man LUCKMANN zustimmen, dass GARFINKEL und die Ethnomethodologie tatsächlich nur periphere Gemeinsamkeiten mit der SCHÜTZschen Phänomenologie haben. Wir wissen jedoch von GARFINKELs Doktorarbeit und daran anschließenden Veröffentlichungen (1952, 1963, 1967), dass SCHÜTZ für ihn von fundamentaler Bedeutung war. Durch systematisches "Falschlesen" ("misreading"; GARFINKEL 2002) von soziologischen Klassiker/innen und Phänomenolog/innen entwickelte GARFINKEL eine neuartige und eigenständige Perspektive auf Phänomene, die in der sozialwissenschaftlichen Literatur seiner Zeit fest verankert waren (VOM LEHN 2012). Eines dieser Phänomene ist die "Erfahrung", die Teilnehmende machen. Da Erfahrung für Beobachter/innen nicht direkt zugänglich ist, verlegten sich Psycholog/innen Ende des 19. Jahrhunderts beispielsweise auf Introspektionen. GARFINKEL (2002) dagegen nutzte die in Lehrbüchern so genannten "Krisenexperimente" als Demonstrationen in seinen Lehrveranstaltungen, um die Ordnung des Alltags zu stören und dadurch sichtbar zu machen. In "Die Kunst, eine Erfahrung zu machen" nimmt Stephan WOLFF (S.181-199), der neben Jörg BERGMANN der wohl bekannteste Ethnomethodologe im deutschsprachigen Raum ist, die diesen Demonstrationen unterliegende Idee auf, durch Störungen den gewohnten Rhythmus zu unterbrechen und dadurch Situationen zu schaffen, in denen Ordnung und Unordnung miteinander verglichen werden können (S.196). Dies erlaubt es Teilnehmenden, auf ihre Erfahrungen selbst aufmerksam zu werden und sie darstellbar zu machen. Für Forschende bedeutet dies, dass es interessant und gewinnbringend sein könne, so WOLFF, sich auf die wenigen Momente, in denen Störungen in Situationen auftreten zu konzentrieren. Die Analyse von Einzelfällen, das zeigten die Untersuchungen wichtiger Sozialwissenschaftler von SACKS über GOFFMAN bis hin zu BERGMANN, könne "tiefe Einblicke in strukturelle Probleme der gesellschaftlichen Maschinerie erlauben als der statistische Durchschnitt, dem ja in der Realität kein Fall wirklich entspricht" (S.197). [28]

Eine andere ethnomethodologische Herangehensweise an das Problem der Erforschung von kognitiven Vorgängen wählt Eric LIVINGSTON in seinem Kapitel "Praxeologische Kohärenz, Fokusabstand und die Strukturen des Beweisens" (S.573-594). LIVINGSTON (1986) ist seit Langem für seine detaillierten ethnomethodologischen Analysen der mathematischen Praxis bekannt. Er benutzt die ethnomethodologische Richtlinie der "einzigartigen Adäquanz" ("unique adequacy") (WIEDER & GARFINKEL 1992), um aus der Perspektive eines Mathematikers die Organisation der Handlungen von Mathematiker/innen bei der Beweisführung nachvollziehbar zu machen (siehe auch VOM LEHN 2012). LIVINGSTON argumentiert, dass die Literatur über die Praxis der Beweisführung weitestgehend die Aktivitäten derjenigen, die die Beweise führen, ignoriere. Beispielsweise vernachlässige sie, wie Mathematiker/innen im Rahmen des Beweisführens Handskizzen anfertigen. Er schlägt daher vor, diese Aktivitäten in den ethnomethodologischen Blick zu nehmen und den "undurchsichtigen Bereich des Skizzierens" zu erforschen (S.574). Er formuliert dabei das Problem des/der Beweisführenden, indem er darauf hinweist, dass er/sie an den Punkt komme, entscheiden zu müssen, was als Nächstes zu tun sei, ohne zu wissen, was dies sein könnte. LIVINGSTON führt dieses Problem anhand von mathematischen Skizzen vor, die er nebeneinander abbildet, sodass Lesende seine Erläuterungen des Problems nachvollziehen können (S.581-591). Auf diese Weise zeigt LIVINGSTON, dass der "Praxis des Beweisens ein Gefüge von indirekten Wegen zum Finden einer Struktur der Beweisführung zugrunde [liegt], die sie bestimmt" (S.591). Zukünftige ethnomethodologische Analysen könnten hier anschließen und die "gelebte Erfahrung der Beweisführung" untersuchen. [29]

6. Schlussbetrachtung

Seit dem bekannten Band, in dem WEINGARTEN, SCHENKEIN und SACK (1979) einige der in den 1960er und 1970er Jahren veröffentlichten ethnomethodologischen Untersuchungen gesammelt hatten, hat es eine solche Bestandsaufnahme nicht mehr gegeben. Wir haben daher Ruth AYAß und Christian MEYER zu danken, dass sie Studierenden und erfahrenen Soziolog/innen eine Ressource bereitgestellt haben, die ihnen jüngere Entwicklungen in der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse im internationalen Kontext zugänglich macht. [30]

Wie SCHEGLOFF in seinem Kapitel feststellt, benötigen "Interaktionsstudien heutzutage keine Entschuldigungen und Rechtfertigungen mehr" (S.266). Trotzdem haben wir am Interview mit Thomas LUCKMANN und an Aaron CICOURELs "persönlichem Bericht" gesehen, dass immer noch an der soziologischen Relevanz der Ethnomethodologie und Konversationsanalyse gezweifelt wird. Dies ist einigermaßen überraschend, wird in Betracht gezogen, dass beinahe jedes soziologische Lehrbuch ein Kapitel zur Ethnomethodologie enthält. Zudem befinden sich in diesem Band eine Reihe von Kapiteln, die einerseits direkt an aktuelle soziologische Debatten anschließen und andererseits wichtige aktuelle Diskurse wie Pressekonferenzen von Politiker/innen oder die Beweisführung vor Gericht zum Thema haben. Steve CLAYMANs und John HERITAGEs Kapitel "Fragestellung und sozialer Kontext: Pressekonferenzen von US-Präsidenten und das Verhältnis zwischen Presse und Politik" (S.503-524) analysiert den Inhalt von Pressekonferenzen und untersucht politische Kommunikation im Hinblick auf die Beziehung zwischen Regierung und Presse. Zudem leistet das Kapitel einen methodologischen Beitrag, indem die Autoren zeigen, dass die Konversationsanalyse auch dazu geeignet sei, unterschiedliche Phänomene menschlichen Betragens zu quantifizieren und zu messen. [31]

In "Interaktionsrituale mit der Öffentlichkeit? Goffman, Guttenberg und die sprachliche Kunst der Öffnung" (S.525-542) beschäftigt sich Werner HOLLY damit, dass Politiker/innen der Öffentlichkeit gegenüber eine Strategie der Öffnung praktizieren, um auch in Krisensituationen ihr Image zu wahren. Als Beispiel analysiert er die Rücktrittserklärung des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu GUTTENBERG. Er untersucht im Detail zunächst den Text der Rede und fügt dann eine Analyse der visuellen Performanz GUTTENBERGs hinzu. In seiner Rede stelle GUTTENBERG, so HOLLY, Bescheidenheit, Demut, Reue und Buße emotional dar, wodurch er die rituelle Ordnung anerkenne. Durch diese Selbstdarstellung öffne er die Situation, indem er anzeige, dass seine Handlungen menschlich seien, und erlaube dadurch eine öffentliche Verarbeitung des Vorfalles. Indem Politiker/innen Argumentationen in dieser Art und Weise vermischten, versuchten sie, sich eine Möglichkeit für ein Comeback zu schaffen. [32]

Ein anderes Beispiel für die Relevanz ethnomethodologischer Forschung ist die lange Tradition von Analysen von Gerichtsverhandlungen (MANZO & TRAVERS 1998). Hier schließt Michael LYNCHs Kapitel "Wie man einen Zeugen umdreht: Über die textliche und interaktive Produktion einer Aussage in einem Rechtsstreit zwischen Evolutionisten und Kreationisten" an, in dem er das Fragment einer Zeugenaussage inspiziert. Das Fragment stammt aus einer Gerichtsverhandlung über die Lehre der Darwinschen Evolutionstheorie an öffentlichen High Schools und die Stellung kreationistischer Theorien im Kurrikulum öffentlich finanzierter Schulen in Pennsylvania. Die Verhandlung involviert die Befragung eines Sachverständigen, der für die Verteidigung auftritt, um darzulegen, warum es sich aus wissenschaftssoziologischer Sicht bei I[ntelligent] D[esign] um eine wissenschaftliche Theorie handelt. LYNCH argumentiert, wie im Laufe der Verhandlung die Aussage des Sachverständigen ("ID ist Kreationismus") von der Anklage Zug-um-Zug so gewendet wird, dass ihre Agenda unterstützt wird (S.550-558). Die Analyse des Zeugengesprächs ist ein Beispiel für ethnomethodologische Untersuchungen, die diskursive Phänomene wie Klatschgeschichten (BERGMANN 1987) oder Psychotherapiegespräche, die ja beide in Jörg BERGMANNs Analysen von großer Bedeutung sind, untersuchen. [33]

Diese und die anderen Kapitel in dem von AYAß und MEYER herausgegebenen Band zeigen, dass Ethnomethodologie und Konversationsanalyse dynamische Forschungsgebiete sind, in denen innovative Analysen zu unterschiedlichen Themen durchgeführt werden. Hinzuzufügen wäre noch, dass ethnomethodologische Forschung auch Beiträge zur Entwicklung von technischen Systemen und Geräten sowie zu praktischen Abläufen in der Psychiatrie, Audiologie, Optometrie und anderen Gebieten leistet. Die Absicht des Bandes, die Bedeutung von Ethnomethodologie und Konversationsanalyse für die Soziologie und verwandte Disziplinen darzustellen, wird erfüllt, und es bleibt zu hoffen, dass er viele Lesende findet. Ergänzt durch Originaltexte von GARFINKEL, SACKS und ihren Schüler/innen eignet er sich insbesondere für Lehrveranstaltungen, die in die Ethnomethodologie und Konversationsanalyse einführen. [34]

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Zum Autor

Dirk VOM LEHN ist Lecturer in Marketing, Interaction & Technology am King's College London. Seine Forschungsinteressen umfassen ethnografische, ethnomethodologische und videobasierte Untersuchungen sozialer Interaktion in Organisationen wie Museen und auf Straßenmärkten sowie der Arbeit von Optiker/innen. Er ist insbesondere daran interessiert, wie Objekte und Technologien in soziale Interaktionen eingebettet werden. Gemeinsam mit Will GIBSON hat er in 2011 die Sonderausgabe "Interaction" der Zeitschrift Symbolic Interaction herausgegeben. In FQS finden sich von Dirk VOM LEHN weitere Rezensionen u.a. zu Prozessorientierte Methoden in der Arbeits- und Organisationsforschung: Eine Einführung (von Stefanie ERNST 2010), Pragmatistische Wissenschafts- und Technikforschung (von Jörg STRÜBING 2009), "Geradeaus ist einfach immer geradeaus". Eine lebensweltliche Ethnographie blinder Raumorientierung (von Siegfried SAERBERG 2008) und zu Körperwissen (von Reiner KELLER und Michael MEUSER 2010)

Kontakt:

Dirk vom Lehn

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E-Mail: dirk.vom_lehn@kcl.ac.uk
URL: http://www.vom-lehn.net/

Zitation

vom Lehn, Dirk (2013). Rezension zu: Ruth Ayaß & Christian Meyer (Hrsg.) (2012). Sozialität in Slow Motion. Theoretische und empirische Perspektiven [34 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(2), Art. 14, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1302141.



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