Volume 14, No. 2, Art. 17 – Mai 2013

Rezension:

Katharina Manderscheid

Iris Dzudzek, Caren Kunze & Joscha Wullweber (Hrsg.) (2012). Diskurs und Hegemonie. Gesellschaftskritische Perspektiven. Bielefeld: Transcript; 260 Seiten; ISBN 978-3-8376-1928-7; 29,80€

Zusammenfassung: Der in der Transcript-Reihe Sozialtheorie erschienene Sammelband von Iris DZUDZEK, Caren KUNZE und Joscha WULLWEBER kann als Versuch gesehen werden, materialistische Gesellschaftskritik mit poststrukturalistischer Theorie zu verbinden. Dabei wird insbesondere auf GRAMSCIs Hegemonieverständnis und LACLAU und MOUFFEs Diskurstheorie zurückgegriffen. Neben dem unbestreitbaren Verdienst, die Kontinuitäten und Synthesemöglichkeiten beider Perspektiven herauszuarbeiten, lassen die Beiträge noch viel Raum für Kritik und politische Einmischung, die die HerausgeberInnen ankündigen, und ebenso für methodologische Fragen der Umsetzung.

Keywords: Diskursanalyse; Ernesto Laclau; Chantal Mouffe; Hegemonietheorie; Antonio Gramsci; marxistische Theorie; Kritik

Inhaltsverzeichnis

1. Krise und Kritik

2. Hegemonie bei LACLAU/MOUFFE und GRAMSCI

3. Subjekte, Identitäten und Geschlechter

4. Hegemoniale Geografien

5. Und weiter?

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Krise und Kritik

Es scheint, als fände mit der gegenwärtigen Normalisierung von Krisen in der gesellschaftspolitischen Wahrnehmung auch eine Re-Normalisierung von Gesellschaftskritik in der Soziologie statt: Nach dem Verlust der Deutungshoheit ab den 1980er und 1990er Jahren standen die explizit kritischen Positionen der postmarxistischen Theorietradition wie die Frankfurter Schule, die Regulationstheorie und GRAMSCIs Hegemonietheorie überwiegend im Aufmerksamkeitsschatten von sich unpolitisch gebenden kultursoziologischen Arbeiten sowie den deskriptiven, statistisch ausgefeilten Analysen der Sozialstrukturanalyse und Ungleichheitssoziologie. Entsprechend wurde vielfach mit den diskurstheoretischen Arbeiten des Poststrukturalismus eine Überwindung marxistischer Essentialismen und damit letztendlich eine Abkehr von Kritik, politischen Einmischungen oder gar der Suche nach besseren Gesellschaftsformen verbunden. [1]

Seit mehreren Jahren lässt sich jedoch sowohl in der gesellschaftsöffentlichen als auch in der soziologischen Debatte eine Wiederkehr von Kritik, Politik und Utopie feststellen, die nicht zuletzt mit einer "Re-Ökonomisierung der Gesellschaft" (HRADIL 2001, S.280) im Anschluss an Modernisierungs- und Individualisierungsphasen (BECK 1986) in Zusammenhang gebracht werden kann. Diese erstarkende Wiederaufnahme kritischer Perspektiven erfolgt jedoch keineswegs ausschließlich entlang der alten Theoriegräben. Vielmehr versuchen immer mehr ForscherInnen, Synthese- und Anschlussmöglichkeiten von Poststrukturalismus und materialistisch-kritischen Gesellschaftstheorien fruchtbar zu machen. Und auch der vorliegende Band "Diskurs und Hegemonie" wird von den HerausgeberInnen Iris DZUDZEK, Caren KUNZE und Joscha WOLLWEBER in diese Strömung eingeordnet mit einer expliziten Suche danach, "wie eine nicht-essentialistische Kritik von Gesellschaft aussehen kann, die die Bedingung der Möglichkeit ihrer Veränderung stets mitreflektiert" (S.16). Es geht also erneut um die Verbindung von soziologischer Analyse und expliziter Gesellschaftskritik, die jedoch versucht, aus den Schwächen gerade der marxistisch geprägten Theorieströmungen zu lernen. Weiterhin zielt der Band darauf, den wahrgenommenen Mangel diskursanalytischer Arbeiten zu beheben, der in deren Fokussierung auf semantische Aspekte zulasten von gesellschaftlichen Kontexten (S.12) ausgemacht wird. Dieses diagnostizierte Defizit versuchen die Beiträge des Bandes mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen durch die Verschränkung der Konzepte Diskurs und Hegemonie zu bearbeiten, wodurch "der Blick von der Analyse gesellschaftlicher Strukturen und der in diesen Strukturen (Diskursen) eingeschriebenen Machtverhältnissen stärker hin zu den Konflikten der Strukturwerdung verschoben [wird]" (S.15). Und anders als es vielleicht ein kultursoziologischer Mainstream formulieren würde, sehen die HerausgeberInnen in ihrer Forschungstätigkeit ein "aktives Sich-Einmischen in die Konstruktion von Realität", verbunden mit dem politischen Anspruch, eine Zukunft jenseits binärer Zuschreibungen und Identitäten mitzugestalten (S.17). [2]

Der Sammelband umfasst insgesamt neun Beiträge von AutorInnen verschiedener Fachrichtungen, deren gemeinsame Klammer der Syntheseversuch der Diskurstheorie vor allem im Verständnis von LACLAU und MOUFFE mit der Hegemonietheorie im Anschluss an Antonio GRAMSCI ist. Während die ersten fünf Texte von Joscha WULLWEBER, Benjamin OPRATKO, Friederike HABERMANN, Gundula LUDWIG und Kathrin GANZ sich vor allem auf Fragen der Theoriearchitektur und der konzeptionellen Ergänzungsmöglichkeiten beider Theoriestränge auf der Ebene von Identität, Subjekt und insbesondere Geschlecht beschäftigen, erweitern GLASZE, SCHERRER, SCHIPPER und DE ARAÚJO den Gegenstandsbereich zusätzlich um geografische Räume, das Finanzwesen, Stadtpolitik sowie postkoloniale Medienanalysen. [3]

2. Hegemonie bei LACLAU/MOUFFE und GRAMSCI

Die ersten beiden Beiträge des Sammelbandes fokussieren zunächst Unterschiede, Kontinuitäten und Anschlussmöglichkeiten der Hegemoniekonzeptionen bei GRAMSCI und LACLAU/MOUFFE. [4]

Joscha WULLWEBER führt in seinem Aufsatz die Theorie von LACLAU und MOUFFE ein mit einem Fokus auf die Konzepte Hegemonie, Diskurs und Antagonismus. WULLWEBER stellt eine theoriegeschichtliche Beziehung zwischen LACLAU/MOUFFE und GRAMSCI her, da Erstere ihren Hegemoniebegriff an Letzteren angelehnt hätten, dabei jedoch mit dessen Ökonomismus und fundamentalem Klassenantagonismus brechen. Mit der "Logik des Politischen" beschreiben LACLAU und MOUFFE die Kontingenz und konflikthafte Aushandlung aller gesellschaftlicher Beziehungen (S.35). Diese Gesellschaftlichkeit aller Beziehungen kann WULLWEBER zufolge jedoch verdeckt werden, indem sie sich als soziale Struktur verfestige und zu einem stabilen Handlungs- und Wahrheitshorizont der Subjekte werde (S.38f.). Eine weitere marxistische Idee, die LACLAU und MOUFFE aufnehmen, stelle das Konzept des Antagonismus dar, die Vorstellung permanenter gesellschaftlicher Spaltung (S.42). Auf der ontologischen Ebene verweise der Antagonismus, so WULLWEBER, auf die theoretisch notwendige und zugleich unmögliche Grenze und damit auf die permanente Krise des Diskurses (S.42f.), während er auf der ontischen Ebene den konkreten Konflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen bzw. Subjektpositionen beschreibe (S.45). Der Beitrag von WULLWEBER kann als eine Einführung poststrukturalistischer Überlegungen in die politikwissenschaftliche Forschung gelesen werden, die den Gegenstand von Politik selbst als gesellschaftlich hervorgebracht und prinzipiell veränderlich fassen. [5]

Der zweite Beitrag von Benjamin OPRATKO beschäftigt sich mit der Frage der analytischen Reichweite des Hegemoniebegriffs bei LACLAU und MOUFFE, die er durch die Kontrastierung mit der Konzeption von GRAMSCI herausarbeitet. Anstelle des Kapitalismusbegriffs nach MARX bzw. GRAMSCI, der die Art und Weise bezeichne, wie eine gegebene Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ihren "Stoffwechsel" mit der Umwelt organisiere, stehe bei LACLAU und MOUFFE ein Verständnis von Kapitalismus als sozialer Sphäre der Ökonomie im Vordergrund (S.68f). Darauf aufbauend verstehe GRAMSCI unter Hegemonie einen bestimmten Modus in einer bestimmten Phase und an bestimmten Orten des Kapitalismus (S.69), wohingegen LACLAU und MOUFFE Antagonismen und Hegemonie als Grundprinzipien sozialer Interaktionen deuteten (S.70). Damit transformierten LACLAU und MOUFFE jedoch, so OPRATKO, "das Hegemoniekonzept von einer kapitalismustheoretischen zu einer ontologischen Kategorie" (S.70). Daraus folge das Entfallen einer Differenz zu sozialwissenschaftlichen Konzepten zur Untersuchung konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse (S.72). Die Gefahr bestehe also darin, dass die Begriffe von LACLAU und MOUFFE in analytischen Arbeiten häufig "so etwas wie theoretisch-philosophische Universalschlüssel dar[stellten], mit denen jedes empirisch-konkrete Schloss der sozialwissenschaftlichen Untersuchung geknackt werden könnte" (S.73). Diese deduktive Verwendung verhindere jedoch insbesondere die Analyse der spezifischen Funktionsweisen hegemonialer Strategien und Projekte (S.75). Zur Lösung dieses Problems schlägt OPRATKO vor, dass Hegemonie als "artikulatorische Praxis begriffen und analysiert werden [solle]" (S.60), wofür jedoch die Theoriebasis von LACLAU und MOUFFE nicht ausreiche: Aus der Perspektive einer "Hegemonie als Artikulation" gehe es darum, diskursanalytisch herauszuarbeiten, auf welche Weise welche Elemente als miteinander verbunden repräsentiert würden und wie deren gesellschaftliche Reproduktion organisiert sei, aber nicht mehr um "die Qualitäten, die einem bestimmten Projekt oder einer Konstellation 'an sich' zu eigen sind" (S.76). Dieser Zugang, der die Begrifflichkeit von LACLAU und die sozialwissenschaftliche Forschung auf die ontische Ebene übersetze, könne schließlich, so OPRATKO, die zentralen Fragen der Gramscianischen Problematik, nämlich die konkrete Analyse der Bearbeitung widersprüchlicher und krisenhafter Dynamiken durch hegemoniale Strategien und die daraus folgende Reproduktion und Regulation bestimmter "historischer Blöcke", wieder aufgreifen (S.77). Erst damit erhalte die theoretische Hegemoniekonzeption einen forschungspraktischen Mehrwert, der über einfache empirische Bestätigung hinausreiche (S.78). [6]

3. Subjekte, Identitäten und Geschlechter

Die zweite Gruppe von Beiträgen des Sammelbandes leuchten theoretische Verbindungsmöglichkeiten mit unterschiedlichen gesellschaftskritischen Ansätzen aus und zielen damit aus verschiedenen Perspektiven auf eine gesellschaftstheoretische Fundierung der Analysen von Subjektivierungsprozessen (S.20). In diesen drei Beiträgen von HABERMANN, LUDWIG und GANZ stehen dabei insbesondere intersektionale Herrschaftsverhältnisse im Zentrum. [7]

Ausgangspunkt und Gegenstand des Beitrags von Friederike HABERMANN sind die Erweiterung kapitalismuskritischer Analysen um Antagonismen jenseits von Kapital und Arbeit (S.86). Damit argumentiert sie von der kritischen Theorietradition kommend und findet bei den Arbeiten von LACLAU/MOUFFE, HALL und BUTLER Anschlussmöglichkeiten für eine Kapitalismuskritik. Die postkoloniale Perspektive von Stuart HALL mache das Feld der Praktiken, Repräsentationen, Sprachen und Bräuche als Kampf um Führung und Ursprung von Normalisierungen aus und könne damit die Kontinuitäten, die über alltägliche Handlungen im Alltag produziert werden, sichtbar machen (S.90ff.). Mit einem postfeministischen Zugang fokussiere Judith BUTLER zudem die Konstruktion von kontingenten Identitäten als Rahmen gesellschaftlicher Möglichkeiten (S.93). Hierfür arbeite BUTLER die wechselseitige Bedingtheit von Performativität und Subjektkonstitution heraus (S.96). Dabei liege, so HABERMANN, die Theorie der Performativität nicht weit von der Hegemonietheorie entfernt, da beide "die Art und Weise [betonen], in welcher die soziale Welt gemacht werde und in welcher neue gesellschaftliche Möglichkeiten entstünden" (S.98). Das politische Ziel einer derart erweiterten subjektfundierten Hegemonietheorie beschreibt HABERMANN als poststrukturalistische/-feministische/-koloniale Reformulierung der marxistischen Emanzipationsidee, bei der es "um eine Befreiung von den Subjektpositionen [gehe], die Individuen im gesellschaftlichen Ganzen zugeordnet werden und deren Entwicklungsmöglichkeiten beschränken" (S.98). Dass es sich dabei um eine prinzipiell unerreichbare Zielvorstellung handelt, wird von ihr zwar nicht erwähnt, geht aber aus ihrer politischen Stoßrichtung hervor. Der Beitrag entsprechender sozialwissenschaftlicher Analysen und empirischer Arbeiten bestehe dann darin, alle Bezüge mitzudenken und nicht nur ein einzelnes Herrschaftsverhältnis zu analysieren oder Identitäten selbst als Ausgangspunkte zu verstehen (S.100f.). Darüber würden die Verwobenheiten von Herrschaftsverhältnissen sichtbar und damit auch Wege, diese zu überwinden (S.101). Allerdings fällt diese Erkenntnis der Ubiquität von Herrschafts- und Machtverhältnissen angesichts der radikalen Rhetorik der Autorin doch recht unspektakulär aus. [8]

Ebenfalls um eine feministische Erweiterung und den Rückgriff auf Judith BUTLER geht es im Text von Gundula LUDWIG. Diese setzt jedoch bei der Butlerschen Theoretisierung der Konstitution von binär vergeschlechtlichten Subjekten an, der sie einen Mangel an gesellschaftstheoretischer Unterfütterung attestiert. Aus diesem Mangel resultiere, dass die Frage, "wie jene Machtformation, in der vergeschlechtlichte Subjekte konstituiert werden, mit gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen und Auseinandersetzungen in Verbindung steht" (S.106), aus dem Blick gerate. Genauer will LUDWIG klären, warum und in welcher Weise sich die Subjekte der heterosexuellen Matrix unterwerfen, was BUTLER mit ihrer Verengung von Macht auf eine juridische Matrix und damit eine Top-down wirkende Kraft nicht in überzeugender Weise gelinge (S.110). Daher greift LUDWIG den von BULTER (1993, S.xii) selbst gemachten Vorschlag auf, von einer heteronormativen Hegemonie zu sprechen, um unter Rückgriff auf den gramsianischen Hegemoniebegriff Heteronormativität und Subjektkonstitutionen sowie die prinzipielle Unabgeschlossenheit von Machtformationen zu konzipieren (S.116). Wichtig ist LUDWIG dabei, Hegemonie nicht auf Unterwerfung zu reduzieren, da sie "auch Versprechen beinhaltet, an die die Subjekte Perspektiven und Hoffnungen heften können" (S.118). Zudem müssten Machtformationen zwar als den Subjekten vorausgehend, aber als nicht deterministisch verstanden werden (S.118). In dieser Sichtweise bezeichnet Heteronormativität für LUDWIG ein widersprüchliches und bis zu einem gewissen Grad offenes Gefüge von Diskursen und Weltauffassungen. Dieses Gefüge werde von zivilgesellschaftlichen AkteurInnen in Institutionen und Praxen ausgehandelt und könne auch subversive Forderungen und Versprechen beinhalten (S.119, 122). Gerade diese letztgenannte Integration von Kompromissen sei dabei gleichzeitig eine entscheidende Voraussetzung für die Kontinuität dieser hegemonialen Heteronormativität durch fortwährende Transformation (S.120). Den Gewinn dieses hegemonietheoretisch unterfütterten Heteronormativitätsverständnisses macht LUDWIG in der Aufmerksamkeit aus, die den subtilen Techniken gewidmet wird. Auf diese Weise könnten bestimmte Wissensformen überhaupt zu Wahrheiten werden und so Ausschlüsse, Hierarchisierungen und Ungleichheiten legitimieren (S.123). Zu diesem Ziel hätte die Autorin allerdings auch über den Weg des Gouvernementalitätsbegriffs bei FOUCAULT gelangen können, der gerade die subtilen Techniken der Formierung und Disziplinierung von Subjekten und Körpern als Effekte diskursiv erzeugter Wahrheiten in den Blick nimmt. [9]

Im dritten Text dieser Gruppe nimmt Kathrin GANZ den Intersektionalitätsansatz von Gabriele WINKER und Nina DEGELE zum Ausgangspunkt. Mittels einer hegemonietheoretischen Rahmung versucht sie, diesen zu erweitern, um in empirischen Forschungen die Selbstverortungen der Subjekte herauszuarbeiten (S.141). Damit zielt GANZ auf ein zentrales Problem der Intersektionalitätsdiskussion, nämlich die Frage, welche Differenzierungs- und Ungleichheitskategorien von Bedeutung sind und auf welcher Analyseebene Forschung ansetzen sollte (vgl. S.135f.). In Subjektpositionen kreuzen sich, so die intersektionale Grundannahme, verschiedene Unterscheidungssequenzen, das heißt, sie sind in ein "Netz von Differenzierungsbeziehungen eingebunden, die sie stabilisieren, ihre Fixierung und Vereindeutigung jedoch auch unterlaufen" (S.132f.). GANZ möchte nun hegemonietheoretisch die diskursiven Relationen der sozialen Kategorien in empirischem Interviewmaterial, also die Artikulation von Geschlecht, Alter und Klasse als different oder äquivalent, nachvollziehen (S.139). Mit dem Begriff der Artikulation verzahnt sie dabei soziale Praxen mit Diskursen (S.140). Eine Schwäche dieses methodischen Vorgehens, das von GANZ ebenso wenig wie von DEGELE und WINKER diskutiert wird, kann hingegen in der Privilegierung der den Individuen bewussten und artikulierten Differenzierungslinien gegenüber subtileren und habituellen Ungleichheitsrelationen gesehen werden, ein Problem, das die Bourdieusche Ungleichheitsforschung zum Gegenstand genommen hat (vgl. BOURDIEU 1996). Der politische Gewinn der von GANZ vorgeschlagenen hegemonietheoretischen Erweiterung des intersektionalen Ansatzes besteht jedoch in einem empirisch fundierten Verständnis der bewussten politischen Positionierung der Subjekte unter Bedingungen der fundamentalen antagonistischen Spaltung und in den damit verbundenen Artikulationschancen und Ressourcen (S.144f.). [10]

Der Beitrag von GANZ unterscheidet sich von den vorangegangenen Texten gerade durch die Berücksichtigung von forschungspraktischen und methodologischen Fragen. Das diskutierte Grundproblem, die empirische Analyse positions- und kontextgeprägter Verwobenheit verschiedener signifikanter Differenzierungsdiskurse, könnte auch interessante Anknüpfungspunkte für die Verknüpfung von Gouvernementalitätsstudien mit empirisch beobachtbaren sozialen Praktiken bieten. [11]

4. Hegemoniale Geografien

Der dritte Teil des Sammelbandes überträgt die Hegemonietheorien auf Räume im geografisch-poststrukturalistischen Sinne (GLASZE), auf Geografien der Finanzmärkte (SCHERRER und SCHIPPER) sowie auf orientalisch-okzidentale imaginative Geografien (HUSSEINI DE ARAÚJO). Damit erweitert diese dritte Gruppe den Gegenstandsbereich der poststrukturalistischen Hegemonietheorien über die Frage nach Identitäten und Subjektpositionen hinaus auf stärker politisch-ökonomische und geografische Forschungsfragen der Makroebene. [12]

Den aktuellen Stand einer vor allem an LACLAU und MOUFFE anschließenden poststrukturalistischen Humangeografie fasst Georg GLASZE in seinem Text zusammen. Eine ausführlichere Diskussion dieses Forschungsstranges findet sich in dem Sammelband von GLASZE und MATTISSEK (2009; vgl. MANDERSCHEID 2010). Diese neuen Ansätze argumentieren, dass "mit der Verknüpfung von sozialen Differenzierungen (wie insbesondere 'eigen/fremd') mit räumlichen Differenzierungen (wie insbesondere 'hier/dort') die sozialen Differenzierungen objektiviert und naturalisiert werden" (S.157). GLASZE schlägt – anknüpfend an die Diskussion des Raumbegriffs von LACLAU und MOUFFE u.a. durch Doreen MASSEY (2005) – vor, den Raumbegriff so zu fassen, dass damit jene Artikulationen bezeichnet werden, "die symbolisch und/oder materiell hier/dort-Unterscheidungen herstellen, indem bspw. in einem territorialen Sinne Grenzen gezogen und Regionen differenziert […] oder in einem topologischen Sinne Orte konstituiert und unterschieden werden" (S.163). Dieser Begriff unterscheide sich zunächst von dem älteren geografischen Raumbegriff, der unter Raum eine "wesenhafte Ganzheit" (S.153) verstehe, aber auch von dem Laclauschen Verständnis. LACLAU versteht Raum auf der ontologischen Ebene "als Anordnung und damit als fixierte Struktur – der Gegenpart von Zeitlichkeit" (S. 158). Wie jedoch die Geografin Doreen MASSEY (2005) prominent herausgearbeitet hat, macht es diese Perspektive unmöglich, "die politische Dimension von Räumen ins Blickfeld zu nehmen", die mit den gleichzeitigen Widersprüchen im Raum angelegt sei (S.159). Den forschungspraktischen Gewinn dieser Raumkonzeption verdeutlicht GLASZE abschließend an den empirischen Beispielen der französischen Banlieus sowie dem GeoWeb: Die französischen Vorstädte ließen sich so als hegemoniale Konstitution von devianten, anderen Orten analysieren, die quasi das Außen der französischen Republik darstellen würden (S.163f.). Am Beispiel der sogenannten Edit Wars, den Konflikten um Bezeichnungen von Orten und Knotenpunkten in den offenen, partizipativen Kartografierungen im Internet (z.B. Open Street Map), könnten hingegen die Aushandlungen und umstrittenen Einschreibungen von Autoritäten in Geografien direkt beobachtet werden (S.164ff.). [13]

Christoph SCHERRER setzt sich in seinem Beitrag mit der Forschungsfrage auseinander, "wieso das Finanzwesen eine so überragende Position in der Gesellschaft einnehmen konnte" (S.173). Angesichts der anhaltenden Finanzkrise sei das Monopol der neoklassischen Finanzmarktökonomie gebrochen worden, sodass eine Renaissance marxistisch inspirierter Ansätze zu beobachten sei. SCHERRER zufolge versprechen hegemonietheoretische Zugänge grundlegendere Einsichten zur Entstehung der "Finanzialisierung" und zur Ursache der Finanzkrise und seines Managements als der gramsicanische Fokus auf Klasse oder Struktur (S.174f.). SCHERRER geht es dabei insbesondere um die Idee einer aktiven Rolle der Politik (S.175). Sein Zugang zur Frage der Hegemonie des Finanzkapitals macht gegenüber poststrukturalistischen Arbeiten eine gramscianisch-akteurInnenzentrierte Sicht stark, d.h. er identifiziert spezifische partikulare Interessen des Finanzwesens, von Industrieunternehmen und der lohnabhängigen Bevölkerung. In einer kursorischen Zusammenfassung zeichnet er nach, wie es das Finanzkapital geschafft habe, seine "bornierten" Interessen – Erzielung hoher Renditen, ein möglichst großer Handlungsspielraum und die staatliche Absicherung im Krisenfall – zu verallgemeinern und damit hegemonial werden zu lassen (S.191, 194f.). Das Rekonstruieren der Genese von Ideen und ihrer Verankerung in gesellschaftlichen Praxen sieht SCHERRER insofern als politischen Beitrag an, als über die "'Denaturalisierung' des Status quo […] Veränderungen denkbar [werden]" (S.196). Anders als im Falle marxistisch geprägter Ansätze gehe es jedoch nicht um ein "falsches Bewusstsein" oder das Anrufen staatlichen Handelns, sondern um ein Verständnis für Bündnisse sowie der Verankerung finanzmarktlicher Aktivitäten in Wissens- und Alltagspraxen (S.196f.). Die Bevorzugung der gramscianischen AkteurInnenzentrierung begründet SCHERRER als politische Entscheidung mit der Notwendigkeit der "Illusion über die Wirkungsmächtigkeit des eigenen Handelns[...] für die Überwindung des Status quo" (S.197). Damit nimmt SCHERRER die Forderung nach politischer Einmischung, die dem Buch vorangestellt ist, ernst, wenn er Theorieentscheide nicht ausschließlich an vorgeblich neutralen wissenschaftsinternen Kriterien, sondern auch im Hinblick auf das Feld des politischen Engagements fällt. [14]

Ausgehend vom empirischen Beispiel Frankfurt am Main arbeitet Sebastian SCHIPPER in seinem Beitrag eine Genealogie des Wissensobjektes der "unternehmerischen Stadt" heraus. Damit zielt er darauf, scheinbare Alternativlosigkeiten und Sachzwänge städtischen Politikhandelns als Produkte sozialer Machtverhältnisse zu denaturalisieren und damit zu repolitisieren (S.205) Hierfür greift er auf FOUCAULT zurück, um "die realitätsgenerierende Bedeutung diskursiver Wissensordnungen, Rationalitäten und Technologien des Regierens [zu] erfassen bzw. die institutionell-soziale Geschichte der 'Wahrheit' über das Wissen von der richtigen Regierung der Stadt [zu] rekonstruieren" (S.207). Diesen Zugriff vervollständigt er um die Dimension einer Theorie kapitalistischer Vergesellschaftung und Staatlichkeit, um die Stabilisierung dieses Wissens durch materielle Zwänge in den Blick nehmen zu können (S.207). Über diese Verbindung von materialistischer Regulationstheorie nach HIRSCH, BRAND, DEMIROVIC, JESSOP, BRENNER u.a. mit poststrukturalistischer Gouvernementalitätsforschung gelingt es SCHIPPER, den Wettbewerb der Städte sowie dessen Akzeptanz durch die Subjekte als Effekt gesellschaftlicher Machtverhältnisse sichtbar werden zu lassen (S.205). Deutlich wird an diesem Gegenstand zudem, dass die

"neoliberale Stadt nicht strategisch von langer Hand geplant worden ist, sondern erstens die gegenwärtigen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse selbst das Produkt diskursiver und nicht-diskursiver Praktiken sind. […] Zweitens lässt sich kein Zentrum ausmachen, von dem aus die Neoliberalisierung des Städtischen ihren Anfang nahm" (S.218). [15]

Die Stabilisierung dieser Wissensform wird jedoch, so SCHIPPER, erst über eine Rückbindung an die Transformation und Reskalierung des Staates zum "nationalen Wettbewerbsstaat" seit den 1970er Jahren verständlich. Hier macht er eine regulationstheoretische Sichtweise stark, die die kriseninduzierten Suchprozesse nach neuen Stabilisierungen kapitalistischer Regulation in den Blick nimmt (S.223). Die Synthese beider Theoriestränge erlaube es, die materielle Dimension um die Ebene des Symbolischen und des Technologischen zu ergänzen, ohne dabei die diskursiven Inhalte funktionalistisch aus der Ökonomie abzuleiten. Diese Synthese wirkt dem Anschein der Beliebigkeit, der manchen poststrukturalistischen Dekonstruktions- und Kontingenzargumenten anhaftet, entgegen, indem die diskursive Ebene an "materielle Realitäten", an real existierende Lebensbedingungen, zurückgebunden wird. Hier teilt SCHIPPER die Einschätzung des älteren, wenig beachteten Bandes von DONZELOT, MEURET und MILLER (1994), dass beide Theoriestränge das Grundproblem, nämlich "wie eine kapitalistische Gesellschaft überhaupt möglich ist" (S.208), teilen. Die Argumentation SCHIPPERs vom empirischen Gegenstand her macht dabei den Gewinn dieser Theorieverbindung unmittelbar deutlich. [16]

Den Abschluss der raumbezogenen Beiträge sowie des Buches insgesamt bildet der Text von Shadia HUSSEINI DE ARAÚJO, die die Denkfigur der imaginativen Geografien von Edward W. SAID mit der Hegemonie- und Diskurstheorie von LACLAU und MOUFFE verknüpft. Mit dem Konzept der imaginativen Geografien bezeichnet SAID die wechselseitigen Raumkonstitutionen von Orient und Oxident, die mit scheinbar natürlichen Merkmalen verwoben werden (S.234). Um der Forschung dabei insbesondere Veränderungen in massenmedialen Diskursen zugänglich zu machen, greift HUSSEINI DE ARAÚJO auf das Konzept der Identitätsbildung bei LACLAU und MOUFFE zurück. Damit wird fassbar, dass Orientalismus – wie prinzipiell jede andere diskursive Formation – immer durch Alternativen bedroht werde und damit prinzipiell veränderbar sei (S.242). Entsprechend dieser Ergänzung werden imaginative Geografien als diskursiver Bedeutungs- und Erklärungsrahmen für Medienereignisse verstanden, die ihrerseits durch Medienereignisse reproduziert würden (S.243). HUSSEINI DE ARAÚJO transferiert dann den Begriff der Dislokation, der ein Ereignis bezeichnet, das nicht in die hegemoniale diskursive Formation integriert werden kann, auf den Mediendiskurs als das Auftreten neuer Nachrichten bzw. den "katastrophischen Einbruch in die scheinbar gesicherte Normalität" (S.243). Empirisch unterfüttert HUSSEINI DE ARAÚJO ihre konzeptionellen Überlegungen mit einer Analyse arabischsprachiger Massenmedien vor und nach dem arabischen Frühling. Die beobachtbaren Wandlungsprozesse seien vor allem durch eine Dezentrierung von Kolonialismus sowie Äquivalenzbeziehungen zwischen "dem Eigenen" und Europa gekennzeichnet (S.247f.). Deutlich werde so die Heterogenität, Veränderbarkeit und Kontingenz von imaginativen Geografien, die durch die strukturelle Offenheit von Mediendiskursen sowie dislokative Ereignisse entstünden (S. 251). Die theoretische Zusammenführung, die HUSSEINI DE ARAÚJO vornimmt, wird von ihr selbst als durch einige Unebenheiten und Inkonsistenzen gekennzeichnet beschrieben, worin sie den Preis für die Überwindung anderer blinder Flecken ausmacht (S.253). Zuzustimmen ist sicherlich ihrem forschungspragmatischem Tenor, der die Forschungsgegenstandsangemessenheit über Theoriekonsistenzen stellt. [17]

5. Und weiter?

Der von DZUDZEK, KUNZE und WULLWEBER vorgelegte Band ist ein wichtiger Beitrag für die Wiederentdeckung materialistisch-kritischer Ansätze und ihre Aktualisierung mithilfe poststrukturalistischer Überlegungen. Dabei konzentrieren sich vor allem die im ersten Teil des Buches versammelten Texte auf grundsätzliche Einführungen in die Thematik sowie im Weiteren gesellschaftstheoretische Fundierungen von Subjektivierungsprozessen. Auch wenn das Anliegen einer durchdachten Theoriesynthese grundsätzlich zu begrüßen ist, so bleibt doch bei einigen Texten offen, worin genau der Gewinn dieser Verknüpfungen besteht, der über das Klein-Klein spezifischer theorieimmanenter Problemstellungen hinausreicht. Tatsächlich dürften nur wenige ForscherInnen einzig mit einem poststrukturalistischen oder materialistischen Ansatz arbeiten, die Verwendung von mehreren Theorien als "Werkzeugkasten" oder "Ideensteinbruch" dürfte hingegen dem wissenschaftlichen Normalfall entsprechen. Angesichts des programmatischen Anspruchs des Bandes, die gesellschaftskritische Dimension ins Zentrum stellen zu wollen, ist es erstaunlich, dass den methodologischen Umsetzungsfragen relativ wenig Beachtung zuteilwird. Ebenfalls wird in der Mehrzahl der Texte nicht klar, worin die Gesellschaftskritik und die politische Einmischung bestehen soll, die sich nicht auf die tagtäglich durchgeführte Dekonstruktion von Natürlichkeiten und Kontingenzargumenten richtet. Ausnahmen hiervon stellen die Texte von HABERMANN und SCHERRER dar. Abzuwarten bleibt weiterhin, ob derartige Kritiken und Einmischungen überhaupt außerhalb der Wissenschaftsdiskurse widerhallen, oder ob sie als irrelevantes Rauschen aus dem Elfenbeinturm verpuffen. [18]

Versteht man das Buch als Einladung, lange Zeit als altmodisch verachtete materialistische Theorien aus einer poststrukturalistischen Perspektive neu zu lesen und wissenschaftliche Forschung wieder stärker mit der gesellschaftlichen Nachfrage nach Kritik bzw. politischen Ideen zu verbinden, so darf man gespannt sein, welcher Art von Forschungen daraus entstehen, zu welchen Einsichten sie führen und ob diese über die jeweiligen Einzelerkenntnisse hinaus weisen. [19]

Literatur

Beck, Ulrich (1986). Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre (1996). Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Butler, Judith (1993). Bodies that matter. On the discursive limits of "sex". New York: Routledge.

Donzelot, Jacques; Meuret, Denis & Miller, Peter (Hrsg.) (1994). Zur Genealogie der Regulation. Anschlüsse an Michel Foucault. Mainz: Decaton-Verlag.

Glasze, Georg & Mattissek, Annika (2009). Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld: Transcript.

Hradil, Stefan (2001). Eine Alternative? Einige Anmerkungen zu Thomas Meyers Aufsatz "Das Konzept der Lebensstile in der Sozialstrukturforschung". Soziale Welt, 52(3), 273-282.

Manderscheid, Katharina (2010). Rezension: Georg Glasze & Annika Mattissek (Hrsg.) (2009). Handbuch Diskurs und Raum. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(2), Art. 17, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1002172.

Massey, Doreen (2005). For space. Los Angeles, CA: Sage.

Zur Autorin

Katharina MANDERSCHEID, Dr. phil., ist Oberassistentin im Bereich qualitative und quantitative Methoden des Soziologischen Seminars der Universität Luzern und arbeitet zu Mobilität und sozialer Ungleichheit in international-vergleichender und in diskurs- und dispositivanalytischer Perspektive. Weitere Forschungsschwerpunkte sind Raum, Stadtsoziologie, Gender Studies, Lebensstil- und Nachhaltigkeitsforschung. In FQS hat Katharina MANDERSCHEID eine Rezension zum "Handbuch Diskurs und Raum" (von GLASZE & MATTISSEK 2009) verfasst.

Kontakt:

Katharina Manderscheid

Soziologisches Seminar
Qualitative und quantitative Methoden
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Frohburgstrasse 3
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Tel.: ++41 41 229 56 91

E-Mail: katharina.manderscheid@unilu.ch
URL: http://www.unilu.ch/deu/dr.-katharina-manderscheid_346380.html

Zitation

Manderscheid, Katharina (2013). Rezension: Iris Dzudzek, Caren Kunze & Joscha Wullweber (Hrsg.) (2012). Diskurs und Hegemonie. Gesellschaftskritische Perspektiven [19 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(2), Art. 17,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1302176.



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