Volume 15, No. 1, Art. 16 – Januar 2014

Zukünfte der qualitativen Sozialforschung

Reiner Keller

Zusammenfassung: Der vorliegende Beitrag bilanziert zunächst vergangene Ausblicke auf die Zukünfte der qualitativen Sozialforschung. Diese Ausblicke sind allesamt bipolar um die Erzählung eines problematischen Istzustandes und um Soll-Forderungen an die weitere Entwicklung organisiert. Im Anschluss daran werden vier strukturelle Mechanismen erläutert, die gegenwärtig zu Schwierigkeiten in der Vermittlung qualitativer und interpretativer Ansätze führen. Auf solche Probleme gibt die Position der post-qualitativen Forschung mit ihrem Votum für einen starken Theorismus eine spezifische, gleichwohl ihrerseits problematische Antwort. Abschließend wird deswegen diskutiert, welche alternativen Möglichkeiten bestehen, qualitatives und interpretatives Forschen durch post-positivistische Gewässer zu navigieren.

Keywords: Interpretation; Ethnografie; Wissenskultur; post-qualitativ; qualitative Methoden; Kritik; Lehre; Post-Positivismus

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

2. Kürzliche Zukünfte der qualitativ-interpretativen Sozialforschung

3. Qualitativ-interpretative Vorgehensweisen lehren oder leeren?

3.1 Strukturelle Überkomplexität des Marktes der Möglichkeiten

3.2 Selektive Kanonisierung "bereinigter" Vorgehensweisen

3.3 Diskrepanz zwischen Programmatik und pragmatischer Anwendung

3.4 Re-Positivierung durch methodenintegrative Lehre

4. Post-qualitative Forschung und neuer Theorismus

5. Post-Positivistische Spielräume

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitende Bemerkungen1)

Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen, lautet ein wohlbekanntes Bonmot (Karl VALENTIN und einigen anderen zugeschrieben). Die Geschichte der vergangenen (prognostizierten) Zukünfte fördert sicherlich neben einigen eingetroffenen Erfindungen und Entwicklungen einen umfangreichen Scherbenhaufen und ein ebensolches Kuriositätenkabinett zutage. Das gilt zunächst für alle Wissenschaften. Auch die Sozialwissenschaften haben mit dem, was noch nicht ist, so manche Probleme – und eine nicht unbedingt rühmliche Geschichte. Das liegt nicht nur daran, dass spezifische historisch-sozial situierte Prozesse kurzsichtig als universal oder ultrastabil gedeutet werden, oder dass statistisch ermittelte Trends der Vergangenheit erst unter Absehung von ceterus paribus prognostisch verlängert und dann durch "schwarze Schwäne" (TALEB 2008) ad absurdum geführt werden. Es hat vielmehr gerade für die Sozialwissenschaften auch wesentlich damit zu tun, was Anthony GIDDENS (1984) mit Blick auf die Soziologie deren "doppelte Hermeneutik" genannt hat. [1]

GIDDENS betonte damit vor Längerem, dass die Soziologie eine machtvolle Disziplin sei, sehr viel mächtiger als die Naturwissenschaften mit all ihren doch so eindrucksvollen Wissensbeständen und Technologien. Denn, so sein Argument: Letztere blieben unweigerlich den Vorgaben ihrer Gegenstände verhaftet, könnten zwar Naturgesetze nutzen, Stoffe manipulieren, aber nicht grundsätzlich ihr Objekt verändern. Ganz anders die Soziologie: Bei ihr ist, wie es die französische Ethnologin Jeanne FAVRET-SAADA (1974, S.16ff.) so wunderbar in ganz anderem Zusammenhang für die moderne Hexerei im "Hainland von Westfrankreich" gezeigt hat, das Wort die Tat und die Tat das Wort. Mit der soziologischen Analyse von Gesellschaft verändert sich der Gegenstand selbst – benennen heißt für die Soziologie unweigerlich intervenieren. Soziologische Erkenntnisbildung läuft über Analyse und Interpretation, Auslegung sozialer, gesellschaftlicher, sinnhafter Phänomene – ihrer Gegenstände, die sich ja immer schon selbst deuten. Es geht dieser Disziplin und sicherlich auch den Sozialwissenschaften insgesamt um die Auslegung von Auslegungen. Sie schaffen, weil sie in den Medien der Schrift und des Sinns operieren, ihrerseits Wörter – Begriffe, Lesarten, Erzählungen: "Telling About Society" (BECKER 2007). Und die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit werden selbst zum Gegenstand von Auslegungen und Aneignungen in der und durch die Gesellschaft, die genau dadurch eine andere, unmittelbar veränderte wird. Das Objekt der Analyse transformiert sich, ausgelöst durch die Analyse, wird Subjekt eines neuen Geschehens (und generiert weitere Arbeit für die Sozialwissenschaften). [2]

Vor einem solchen Hintergrund erweist sich das Unterfangen, Aussagen über die Zukunft der qualitativen Sozialforschung zu treffen, als zweifelhaftes Vorhaben, das ein strukturelles, mehrfach dimensioniertes Nichtwissenkönnen in Rechnung stellen muss: Ungewissheiten über wissenschafts- und forschungspolitische Investitions- bzw. Ressourcenentscheidungen, Präferenzen gesellschaftlicher Nachfrage, Erwartungen an wissenschaftliche "Nützlichkeit", ökonomische Verwertbarkeit, sachdienliches Wissen und dergleichen mehr. Mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte lässt sich wenigstens festhalten: Interpretative bzw. qualitative Zugänge haben sich auf breiter Basis etabliert; nicht zuletzt die Berliner Methodentreffen geben davon ein eindrückliches Zeugnis. Der Zunahme qualitativer Forschungsinteressen entspricht jedoch bis heute nur ansatzweise ein institutionell-universitärer Ausbau. Auch der tatsächliche Ertrag der empirischen Forschungen ist schwer einzuschätzen. Angesichts zunehmender Beschleunigung des wissenschaftlichen Betriebes, knapper werdender Zeitbudgets im Kontext von akademischer Bürokratisierung, Tagungs- und Workshop-Hoppings, patchworkartigem Methodenmix, dem Zwang zur kurzen schnellen Präsentation und Publikation ließe sich vermuten, dass das Eigentliche qualitativer und interpretativer Zugänge ins Hintertreffen gerät, geraten muss. Versteht man dieses Eigentliche als Kombination aus Offenheit des Zugangs, sorgfältiger Perspektivierung von Theorie-Methoden-Programmen und Gegenständen sowie weitreichender Reflexion der empirisch-analytischen Vorgehensweisen im Prozess des Arbeitens, dann sperrt es sich in all diesen Elementen gegen die aktuellen Entwicklungen der massen- und elitenbetrieblichen Wissenschaft. Umgekehrt ließe sich optimistisch darauf verweisen, dass die Vielzahl von auf hohem Niveau beforschten Gegenständen jedweden Pessimismus eines Besseren belehrt. Ist also das Glas Wasser halb leer oder halb voll? Der bilanzierende Blick auf die Gegenwart der qualitativen Forschung (nicht nur) im deutschsprachigen Raum, an dem jede Einschätzung wahrscheinlicher und/oder wünschenswerter Entwicklungen ansetzen muss, kann Positives und Negatives entfalten. Im Grunde ist er nichts anderes als eine Situationsdefinition. Doch ist nicht, wie die GARFINKELschen Krisenexperimente (GARFINKEL1967, S.35ff.) zeigten, jede Situationsdefinition eine unsichere Prognose oder Wette auf die Zukunft? [3]

Die Herstellung sozialwissenschaftlichen Wissens, mithin auch diejenige durch nicht-standardisierte Vorgehensweisen, findet statt im Rahmen spezifischer und vielfältiger Wissenskulturen (KELLER & POFERL 2011). Solche Wissenskulturen lassen sich als symbolisch-praktisch abgrenzbare Stile und Arenen der Wissensproduktion begreifen, in denen Suchbewegungen, Anerkennungskämpfe, Legitimationsbemühungen, Traditionen- und Schulenbildungen, Neuerungen, Professionalisierungen und "Ver-Alterungen" stattfinden, in denen (scheinbare oder tatsächliche) Best Practices entstehen, Moden aufeinanderfolgen, zahlreiche Mechanismen zusammenspielen und darüber entscheiden, was gewusst werden kann (und soll) und wie es gewusst werden kann (und soll). Sozialwissenschaftliche Wissenskulturen unterscheiden sich zwischen Disziplinen, auch zwischen Sprachräumen, und in Bezug auf die damit verbundenen grundlegenden Erkenntnisinteressen. Die unüberschaubare Mannigfaltigkeit der Ansätze unter dem "Dach des Qualitativen" bildet hier keine Ausnahme. Ich will mir daher nicht anmaßen, im Folgenden die komplexe Lage qualitativer und interpretativer Forschung schlechthin zu behandeln, sondern beziehe mich überwiegend (wenn auch nicht ausschließlich) auf meine eigene Stamm(es)disziplin, also die Soziologie, und die dort geführte Diskussion über qualitative und interpretative Vorgehensweisen. Selbst dann können sprachräumlich verortbare Verschiedenheiten – etwa die in Teilen deutlich andere Situation "anerkannter" Vorgehens- und Vermittlungsweisen im angelsächsischen, deutsch- oder französischsprachigen Kontext – nicht angemessen berücksichtigt werden (ganz zu schweigen von der übrigen Welt). Die nachfolgende Diskussion über die Zukunft der qualitativen und interpretativen Sozialforschung bezieht sich zunächst auf Aussagen, die einige Kolleginnen und Kollegen dazu formuliert haben, und sie lässt schon auf dieser Grundlage die Gestalt eines Multiversums, von multiplen Wirklichkeiten und der einzig zugänglichen Realität der Perspektiven – um ein paar Konzepte aus der Frühzeit der pragmatistischen und phänomenologischen Tradition aufzunehmen – erkennen. Sie greift dann ebenfalls selektiv ein paar Beobachtungen aus dem Alltagsbetrieb sowie aktuelle Positionierungsansprüche auf, nicht, um zu diskutieren, was qualitative und interpretative Sozialforschung zukünftig sein wird, sondern um anzuzeigen, was sie unter anderem sein könnte (und vielleicht schon war und ist, zumindest hie und da). [4]

2. Kürzliche Zukünfte der qualitativ-interpretativen Sozialforschung

Die Zukünfte der qualitativen Sozialforschung waren in den letzten Jahren wiederholt Thema der Eröffnungsvorlesungen im Rahmen der Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung.2) Ich greife daraus zunächst einige Diagnosen auf und stütze mich dabei auf die in FQS veröffentlichten Beiträge. Dabei gerät notwendig nur die jüngere Zukunftsdiskussion in den Blick – eine zeitlich und institutionell umfassende Geschichte der Zukünfte qualitativen Forschens ist an dieser Stelle nicht möglich. [5]

Ronald HITZLER (2007) eröffnete im Jahre 2006, also vor sieben Jahren, seinen Beitrag mit der Frage: "Wohin des Weges?" – eine Frage, die er dann auch gleich selbst beantwortete. Zunächst stellte er einen hohen Etablierungsgrad und eine Grundspannung zwischen Maßnahmen der Qualitätssicherung einerseits und einer Vielfalt unabgestimmter Aktivitäten andererseits fest. Dann konstatierte er als aktuelles und dringliches Problem insbesondere die mangelnde Reflexion der Sinnkonstituiertheit sozialer Phänomene innerhalb weiter Teile der qualitativen Forschung selbst. HITZLER forderte deswegen für die damalige Zukunft der qualitativen Forschung die Berücksichtigung der eigenen Deutungsakte als Deutungsakte und die Sinnadäquanz der Interpretationen:

"Damit scheint mir der weitere Weg auch klar gewiesen zu sein [...]: Dieser Weg führt hin zu einer epistemologisch, theoretisch, methodologisch und methodisch zugleich eigenständigen und trans- und interdisziplinär anschlussfähigen 'normal science'. [...] Denn eine solche handlungstheoretisch fundierte, unmanirierte interpretative Forschung wird auch in Zukunft – und meines Erachtens weit mehr noch als bisher – vielfältige Optionen haben und eröffnen, [...] zu kooperieren" (§30f.). [6]

Zwei Jahre später durchwanderte Hubert KNOBLAUCH die Landschaften des Qualitativen. Seine Diagnose sah die qualitativen Methoden "am Scheideweg" (so der Titel von KNOBLAUCH 2008). So sei eine ungeheure Vielfalt und Vielgestaltigkeit zu konstatieren, die kaum – auch nicht von "MethodenexpertInnen" – überblickt werden könne. Diese Multiplikation der Vorgehensweisen sei geradezu in die "Natur" der qualitativen Forschung eingebaut. Demgegenüber wirke die "wissenschaftspolitisch unumgängliche" Standardisierung etwa durch kanonisierende Lehrbücher als Legimitationsressource gegenüber Institutionen und Drittmittelgebern. KNOBLAUCH sah weiterhin Gefahren der "Entfremdung von Theorie und Methode" heraufziehen:

"Ich habe meine Ausführungen absichtlich mit einem Ton versehen, den manche als moralisch, andere gar als polemisch erlebt haben könnten, um deutlich genug hervorzuheben, dass wir vor Entscheidungen stehen, in die wir jetzt glücklicherweise noch handelnd eingreifen können. [...] Wir stehen tatsächlich an einem Scheideweg, der am Horizont des einen Pfades Verstetigung und professionellen Erfolg durchschimmern lässt, aber mit einer wachsenden Bürokratisierung, der Einhegung von Kreativität sowie einer Reduktion auf den Mainstream erkauft sein will. Dieser Abzweig weist eine gut ausgebaute Straße auf. Der andere ist ein eher holpriger Pfad und sehr viel weniger gut befestigt. Er ist voller Nebenstrecken und Alternativen, hat keine Leitplanken und verfügt auch über keine Straßenbeleuchtung. Er lässt aber sehr viel mehr Alternativen, ja auch Umwege zu. Und wenn er auch beschwerlicher ist, so entspräche es doch dem Selbstverständnis interpretativer Forschung deswegen sehr viel eher, ihn zu beschreiten" (S.7f.). [7]

Abschließend wurde es jedoch überraschend versöhnlich: Eine Entscheidung sei nicht nötig – praktisch sei jede und jeder zukünftig dazu gezwungen, beiden Wegen zu folgen. Ob das einer Zerreißprobe gleichkommt, blieb offen.3) [8]

Jo REICHERTZ (2009) zeichnete in seinem Beitrag 2009 rückblickend Konjunkturen der qualitativen Forschung nach und diagnostizierte unter den Etiketten der "elaborierten" vs. "Ad-hoc-Methoden" ebenfalls eine Doppelsituation von Kanonisierung und Zersplitterung bzw. Diversifikation und Trennung von Arbeitswelten. Zugleich sah er im Unterschied zu den Vorrednern einen Abschwung der qualitativen Sozialforschung, der im Wesentlichen durch die Hochschulreform, mangelnde Lehrangebote und die zunehmende Knappheit der Fördermittel bedingt sei. Er konstatierte deswegen eine Wiederkehr der quantitativen Forschung. Sollte es den Qualitativen nicht gelingen, Standards der Gültigkeit zu etablieren, würden sie in der Marginalisierung enden.4) Zukünftig müsse sich qualitative Forschung zudem ihrer Verantwortung für die Gesellschaft wieder bewusst werden – diese programmatische Forderung wurde dann jedoch nicht näher ausgeführt. [9]

Unter dem Titel "Fragend schreiten wir voran?" formulierten Monika GÖTSCH, Sabine KLINGER und Andreas THIESEN (2009) eine Replik auf diesen Beitrag. Neben Kritiken an der von REICHERTZ vorgenommenen Feldsortierung enthielt sie insbesondere Hinweise auf Ansätze kritischer qualitativer Sozialforschung: "Kritisches Denken heute heißt hybrides und dekonstruierendes Denken" (Überschrift 3). Ihre Zukunftsvision der qualitativen Forschung lautete wie folgt:

"Methodisch plädieren wir für breit gefächerte, undogmatische, gleichwohl situativ sensible und reflektierte Formen der Triangulation. Die Konsequenz besteht darin, Vielfalt und wissenschaftliche Reflexivität als wichtige Prinzipien in die QSF [Qualitative Sozialforschung] zu integrieren. [...] Starres Denken gehört somit der Vergangenheit an, und sowohl Erkenntnisse als auch Perspektiven verschiedener Forschungsmethoden werden miteinander verknüpft" (§26). [10]

Insbesondere solle zukünftig das Problem der Reifizierung von Kategorien, die Heterogenität und Relationalität von sozialen Verortungen u.a. mehr zum Thema gemacht werden. [11]

Rainer WINTER schloss 2010 an die Diskussionen um Kritik an und hielt "ein Plädoyer für kritische Perspektiven in der qualitativen Forschung" (WINTER 2010). Er richtete dabei den Blick sehr viel stärker auf Entwicklungen in den USA. Dort wird bspw. von Norman DENZIN die qualitative Forschung mit normativ-emanzipatorischen Agenden verknüpft. Es solle ihr um die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und um radikale Demokratie gehen. Wie WINTER erläuterte, führte insbesondere die Rezeption des französischen Poststrukturalismus zu einer starken Infragestellung der Möglichkeiten und Formen qualitativer Vorgehensweisen. Aus der prinzipiellen Unüberwindbarkeit von Perspektivität in der Forschung werde die Folgerung gezogen, Realität bzw. "die Welt da draußen" könne niemals als Instanz der Gültigkeitsprüfung herangezogen werden. Stattdessen werden – so WINTER – "verschiedene Formen alternativer Validität entwickelt, die politisch und ethisch verankert sind" (§15). [12]

WINTER erwähnte zustimmend den interpretativen Interaktionismus, die Autoethnografie und die performance ethnography als Beispiele für die Forderung,

"dass qualitative Forschung biografisch, kritisch und interventionistisch orientiert sein sollte. [...] Es scheint so, als müssten wir uns vom Mythos der wertfreien Wissenschaft nun endgültig verabschieden [...] und als bliebe uns nichts anderes übrig als zu erkennen, dass auch Wissenschaft eine politische Praxis ist und dass wir uns [...] für eine Seite entscheiden müssen" (§41). [13]

Die genannten Beispiele von HITZLER bis WINTER illustrieren sehr schön, dass Erzählungen über Zukünfte unweigerlich mit Erzählungen über Vergangenheiten verbunden sind. Die erwähnten Beiträge nahmen, das wurde deutlich, unterschiedliche, z.T. übereinstimmende Diagnosen des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Seins qualitativer Forschung vor. Diese waren überwiegend um Polaritäten herum organisiert:

  • zwischen Ansätzen, welche die sinnhafte Konstitution ihres Gegenstands unreflektiert lassen, und solchen, die sich dem zuwenden (HITZLER);

  • zwischen Standardisierungen und Kanonisierungen vs. kreativen Originalitäten (KNOBLAUCH);

  • zwischen elaborierten und Ad-hoc-Methoden, zwischen Verantwortung und Beliebigkeit (REICHERTZ);

  • zwischen unmöglicher Empirie und entschiedenen Politisierungen (WINTER). [14]

Alle Beiträge verknüpften das Sein des Qualitativen mit einem Sollen, sprachen von möglichen, von unvermeidlichen oder wünschenswerten Zukünften. Ich will im Folgenden aus den erläuterten Diagnosen nur einen Stichpunkt aufgreifen. Dabei handelt es sich um den Prozess der institutionellen Strukturierung der Lehre qualitativer und interpretativer Methoden. Daran anschließend diskutiere ich einen aktuellen Repositionierungsversuch im oder vielmehr zum Feld des Qualitativen, der sich seinerseits bereits im angloamerikanischen Kontext als Antwort auf die von Rainer WINTER noch geforderte Politisierung begreifen lässt. Hier geht es um die Frage nach den Implikationen und Problemen einer "post-qualitativen Forschung" (so lautet der aktuelle Titel eines im Juli 2013 erschienen Schwerpunktheftes des International Journal of Qualitative Studies in Education, hrsg. von Elisabeth ST. PIERRE und Patti LATHER). [15]

3. Qualitativ-interpretative Vorgehensweisen lehren oder leeren?

Im Jahre 2008 wurde das "Memorandum für eine fundierte Methodenausbildung in den Human- und Sozialwissenschaften" veröffentlicht, von den meisten Akteur_innen der Berliner Methodentreffen gestützt und von zwanzig Fachgesellschaften unterzeichnet.5) Darin sind umfangreiche inhaltliche und institutionelle Vorschläge zur universitären Vermittlung qualitativer und interpretativer Vorgehensweisen zu finden. Wäre es nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre nun nicht an der Zeit, dazu eine "Gegenposition" zu formulieren? Vielleicht sollten wir die universitäre Lehre qualitativer und interpretativer Vorgehensweisen einstellen und zu den klassischen Vermittlungsmethoden in Projekt- und Atelierkontexten zurückkehren. Diese Überlegung ist nicht wirklich ernst gemeint, sie will nur die Probleme verdeutlichen, die zwischenzeitlich gerade aus dem Erfolg und der Vielfalt des qualitativen und interpretativen Forschens resultieren:

  • die strukturelle Überkomplexität des Marktes der Möglichkeiten;

  • die selektive Kanonisierung "bereinigter" Vorgehensweisen;

  • die Diskrepanz zwischen Programmatik und pragmatischer Anwendung;

  • die Re-Positivierung durch methodenintegrative Lehre. [16]

Wenn ich dies so festhalte, dann geht es nicht um Vorwürfe, sondern um die Einschätzung der Effekte von Strukturierungsprozessen der Vermittlung qualitativen Forschens, wie sie aus deren tatsächlicher Institutionalisierung resultieren – die wohl in den seltensten Fällen so vollzogen wurde und wird, wie sie das Memorandum forderte.6) Ich möchte diesen Punkten kurz nachgehen. [17]

3.1 Strukturelle Überkomplexität des Marktes der Möglichkeiten

Die Vielfalt qualitativer und interpretativer Vorgehensweisen im Zusammenhang einer massenbetrieblichen qualitativen Sozialforschung ist für die Praxis ihrer Vermittlung sicherlich ein zentrales Problem. Gerade der Erfolg qualitativer Ansätze hat dazu beigetragen, dass diese schon seit Längerem nicht mehr in klassischen Forschungssettings gleichsam im gemeinsamen Mit-Tun angeeignet werden. Denn darin ist ein Vielfaltsgenerator eingebaut, der über lokale Kompetenzen beim besten Willen nicht eingeholt werden kann: Vor Ort sind niemals alle Methoden erfahrungsbasiert verfügbar. Damit entsteht eine Kluft zwischen prinzipiell Möglichem und nur bedingt konkret Zugänglichem. Das erklärt nicht nur die Nachfrage am Berliner Methodentreffen, sondern sehr viel breiter die erfolgreiche Kultur der Workshops und Forschungswerkstätten, die sich im letzten Jahrzehnt etabliert haben. Damit wird es denjenigen, die über finanzielle Ressourcen verfügen (wie Graduiertenkollegs), ermöglicht, sich spezifische Expertisen auf kurze Zeit einzukaufen. Lokale Betreuungen sind gleichzeitig strukturell überfordert, auf eine breite studentische Nachfrage einzugehen, die allseitige Anleitung einfordert. [18]

3.2 Selektive Kanonisierung "bereinigter" Vorgehensweisen

Methodenlehrbücher versprechen Orientierung angesichts schwindelerregender Unterschiedlichkeit, sie funktionieren als Kommentare, welche die Spreu vom Weizen trennen. Sie sind zur Auswahl gezwungen und zudem auch dazu, Ansätze, Methoden, Begriffe, Techniken als de-kontextualisierte reine Lehren vorzustellen. Damit werden Vorgehensweisen aus dem konkreten Forschungs- oder Gegenstandsbezug herausgeschält, aus dem sie entstanden sind und in dem sie Verwendung fanden. Das legt notwendig eine Rezeption in Richtung kontextlos beliebiger Einsetzbarkeit nahe. Dies wird vielleicht am deutlichsten in der Vermischung von komplexen Grundlegungen, Methoden und Techniken, etwa dann, wenn Biografieforschung oder Grounded-Theory-Methodologie als bloße Verfahren etikettiert und auf beliebige Gegenstände bezogen werden. [19]

3.3 Diskrepanz zwischen Programmatik und pragmatischer Anwendung

Sowohl in Studiengängen wie auch in Forschungen sind Personal und Zeit knappe Ressourcen, aufseiten der Lehrenden wie aufseiten der Studierenden. Qualitative Sozialforschung nährt sich jedoch gerade von der verfügbaren Zeit. Dies spiegelt sich nach wie vor in den paradigmatischen Grundlegungen verschiedener Ansätze – sie implizieren häufig eine zeitlose Zeit der Reflexion, die weder in dreimonatigen BA-Abschlussarbeiten noch in vielen anderen Forschungskontexten verfügbar ist. Exemplarisch dafür stehen sicherlich sequenzielle Interpretationsverfahren, zumal, wenn sie auch noch als Gruppenprozesse konzipiert sind. Die Diskrepanz zwischen den an idealen Ressourcenbedingungen orientierten Vorstellungen von Forschungsparadigmen und ihrem Einsatz unter konkreten Arbeitsbedingungen führt nicht nur zur Verzweiflung von Lehrenden und Studierenden. Sie begünstigt auch standardisierte qualitative Forschung – etwa inhaltsanalytische Auswertungen, die als schnell handhabbare Arbeitstechniken erscheinen. [20]

Die Lehrbücher der qualitativen Forschung sind bemüht, die Komplexität der Ansätze und ihrer Vorgehensweisen in vollständigen Schrittfolgen abzubilden, um dadurch Hilfestellung zu geben. Solche Kondensierungen werden jedoch im Lehreinsatz sehr schnell als Bedienungsanleitungen für korrektes Forschen rezipiert, weil sich die Aufmerksamkeitsökonomie weniger auf das jeweilige Gegenstandsverständnis und die damit verbundenen Fragestellungen als vielmehr auf das Rezeptwissen verlagert. Die Einhaltung der Schrittfolge ist Selbstzweck, der die Zuverlässigkeit und Bedeutung der Ergebnisse begründet, garantiert. Mit Niklas LUHMANN (2001 [1969]) lässt sich hier von der "Legitimation durch Verfahren" sprechen. Je besser sich Ansätze qualitativen Forschens in solche Arbeitsschritte übersetzen und als Bedienungsanleitungen rezipieren lassen, desto stärker werden sie nachgefragt. Aufwendige Sequenzanalysen sind vielleicht die Dinosaurier des qualitativen Forschens – zum Aussterben verurteilt. [21]

3.4 Re-Positivierung durch methodenintegrative Lehre

Man kann wohl auch von einem Trend zur Re-Positivierung qualitativen Forschens sprechen, der sich aus spezifischen institutionell-organisatorischen Arrangements ergibt. Dazu zählen sicherlich viele aktuelle Studiengänge, die vergleichsweise geringe Anteile an qualitativer Methodenvermittlung aufweisen, insbesondere dann, wenn sie integrativ gelehrt, d.h. im Kontext einer primär quantitativ ausgerichteten Methodenlehre mitübernommen werden. Qualitative Forschung wird hier in ein mildes positivistisches Forschungsverständnis eingebettet und dessen Kriterien unterworfen: schnell, zuverlässig, reliabel, valide. Prozesse und Prozeduren müssen klar angegeben werden können, sind zügig und zweifelsfrei umzusetzen, und sollten unabhängig von ihren Protagonist_innen zum gleichen Ergebnis führen. Steht am Horizont der Entwicklungen qualitativer Forschung also die Wiedereinführung des Objektivismus? Ich möchte mich im Folgenden einer Position zuwenden, die dies entschieden bestreitet und dagegen eine neue Form des Theorismus in Stellung bringt. [22]

4. Post-qualitative Forschung und neuer Theorismus

Soziologie ist eine Geschichten erzählende Disziplin. Sie unterscheidet sich von ihrer literarischen Schwester durch die Art und Weise, wie sie in ihren Geschichten auf Wirklichkeit referiert. Sie ist zudem in der Lage, unterschiedliche Geschichten über eine scheinbar gleiche Wirklichkeit hervorzubringen: eine Gender-Geschichte, eine Interaktionsgeschichte, eine Habitusgeschichte usw. (vgl. dazu VAN MAANEN 2011). Und soziologische Wissenskultur lebt, wie alle Wissenskulturen, vom Wechsel zwischen Vorder- und Hinterbühnen. Gary Alan FINE (1993) bspw. hat vor zwanzig Jahren "zehn Lügen der Ethnografie" zusammengefasst. Er vergleicht das mit der Wurstmacherei: Die Herstellung wohlschmeckender Dinge ist ein gar schmutziges Geschäft. Ethnograf_innen sind hiernach

  • ... immer höflich-sympathisierend zu allen,

  • ... immer freundlich,

  • ... immer ehrlich und aufrichtig,

  • ... in ihren Beobachtungen präzise,

  • ... immer am Beobachten,

  • ... nicht beeinflussend, wenn sie beobachten,

  • ... unvoreingenommen, d.h. sie halten sich aus ihren Beobachtungen heraus,

  • ... ohne Sexualität bzw. sexuelle Beziehungen im Feld,

  • ... fair gegenüber allen,

  • ... kompetent, was sie erforschen, angemessen in Text zu übertragen. [23]

Das mag so ähnlich nicht nur für Ethnografie, sondern ebenfalls für alle anderen empirisch orientierten Vorgehensweisen gelten. Forschung ist harte Arbeit, Spaß und Leiden, Emotion, Argument und Langeweile. Donna HARAWAY (2007) sprach vom situierten Wissen und von situierter Erkenntnis, die an die Stelle des außerweltlichen Gottesstandpunktes trete. Doch sollte man daraus die Unmöglichkeit qualitativen Forschens schlussfolgern?7) [24]

Ich möchte hier die weiter oben bereits bei Rainer WINTER angedeutete Frage aufgreifen, ob wir uns gegenwärtig auf die Phase der "post-qualitativen Forschung" (LATHER & ST. PIERRE 2013) zubewegen. WINTER hatte darauf hingewiesen, dass im Anschluss an Teile der US-amerikanischen Poststrukturalismusrezeption die Relativierung des Objektivitätsanspruchs wissenschaftlichen Forschens im Bereich qualitativer und interpretativer Vorgehensweisen mit der Forderung nach einer entschiedenen Politisierung verknüpft wurde. Wo Validität und Reliabilität keine wissenschaftsimmanenten Gültigkeitskriterien mehr sind, sollen das Interesse, Handeln und Urteil der "Betroffenen" der sozialen Validierung einer explizit politisch agierenden Sozialforschung gelten. Eine andere Reaktion auf die gleiche poststrukturalistisch begründete Ausgangsannahme – das Nichtzutreffen der herkömmlichen Gültigkeitskriterien – wendet sich jedoch zugleich gegen diese in ihren Augen "naive" Politisierung – denn warum sollte "den Betroffenen selbst" eine höhere Validierungsfunktion zugesprochen werden? [25]

Soweit ich sehe, argumentiert die von Patti LATHER und vor allem von Elisabeth ST. PIERRE formulierte Position der post-qualitativen Forschung also in mehrfacher Hinsicht von der "Unmöglichkeit" qualitativen Forschens aus. Diese Unmöglichkeit liege wesentlich in der allgegenwärtigen Partikularität, Subjektivität und Selektivität der Forschenden, in einer radikalisierten Lesart des situierten Wissens, doch sie könne nicht durch betroffene Subjekte geheilt werden: So wie die Beforschten sich über die Gründe ihres Tuns und Erlebens nur täuschen könnten und als voice unbrauchbar seien, so wie jeder Versuch, soziale Phänomene empirisch aus sich selbst heraus zu erkunden, angesichts der immer subjektiven Perspektivität der Forschenden zum Scheitern verurteilt sei, so unmöglich sei qualitative Forschung. Sie produziere nichts anderes als Artefakte, die wissenschaftlichen Karrierezwecken genügen oder nicht, aber sie habe keinen privilegierten oder Erkenntnis fördernden Zugang zur Wirklichkeit. Deswegen gelte es, mit dem Mythos des Forschens und der Wissenschaftlichkeit zu brechen, auch und gerade in qualitativen Kontexten (vgl. ST. PIERRE & LATHER 2013). [26]

Stattdessen wird angeboten: Forschung durch Theorie zu ersetzen: "Thinking with Theory in Qualitative Research" (JACKSON & MAZZEI 2012). An die Stelle einer abduktiven Exploration des Datenmaterials solle eine theoretische Analytik treten, ein analytisches Lesen, das sich aus poststrukturalistischer Theoriebildung speist. Nicht die Daten sprechen demnach, sondern die poststrukturalistische, dekonstruktivistische, postkoloniale, queere, feministische Theorie – namentlich DERRIDA, SPIVAK, BUTLER, FOUCAULT, DELEUZE u.a. – liefere Konzepte und Fragerichtungen, die auf die Daten projektiert werden, als Suchscheinwerfer dienen müssten, um gehaltvolle Aussagen zu treffen und die beliebigen Interpretationen zu ersetzen. [27]

Im erwähnten Band von JACKSON und MAZZEI wird dies illustriert: Interviews werden zu Fund- bzw. Belegstellen der Theoriekonzepte, und je nach theoretischen Einstellungen finden sich andere Belege in einem Text, mit denen das Zutreffen, die Eignung einer theoretischen Kategorie bewiesen und die Wirklichkeit über ihre Eigentlichkeit in Kenntnis gesetzt wird. Die Frage ist, was damit gewonnen ist – außer der Bestätigung der Theoriesprache. [28]

Eine solche, in Gestalt des "post" attraktiv erscheinende Position des neuen postqualitativen Theorismus, die aus dem Unbehagen an einer a-theoretisch operierenden Forschung resultiert, enthüllt sich jedoch als eine überraschende Wendung ins Bekannte, ein Rollback in Zeiten, als Daten noch der Illustration von Theorie dienten. Denn was die Theorie nicht vor-sieht, gerät nicht mehr in den Blick. Forschen wird dann wieder ein Zeitvertreib zur Veranschaulichung des theoretischen Vokabulars. Damit dies nicht missverstanden wird: Ich plädiere mit dieser Einschätzung keineswegs gegen die erwähnten (und andere) Theorierichtungen und die durch sie eröffneten Sensibilisierungen für Problemzusammenhänge und Fragestellungen, sondern gegen die spezifische Relationierung zwischen Theorie und Empirie, die gegenwärtig in diesen Diskussionen vorgeschlagen wird. [29]

5. Post-Positivistische Spielräume

Tatsächlich scheint mir die Navigation des qualitativen Forschens in post-positivistischen bzw. "post-empiristischen" (POFERL 1999) Gewässern, zwischen einem neo-positivistischen Objektivismus und ihrer im Neo-Theorismus behaupteten post-qualitativen Unmöglichkeit, ein schwieriges, aber ertragreiches Unterfangen, das nach wie vor der Reflexion und Stärkung bedarf. Statt ein altes Spiel wiederzubeleben und erneut "Theorie" gegen "Empirie" auszuspielen, mag es sich als ertragreicher erweisen, in experimenteller Haltung den "Kick am Gegenstand" (a.a.O.) zu suchen, und daraus Anregungen für revidierbare Theoretisierungen zu gewinnen – eingedenk des komplexen Verhältnisses von Theoriebildung und qualitativer empirischer Forschung, auf das Stefan HIRSCHAUER (2008) vor einigen Jahren hingewiesen hat. Was wären mögliche Hilfestellungen, um das Potenzial dessen weiter zu entfalten, was qualitatives und interpretatives Forschen sein könnte?

  • Erstens könnte qualitatives Forschen wieder stärker als Arbeit mit Theorie-Methoden-Programmen verstanden werden. Das meint nicht nur, aus Theoriekontexten Fragestellungen und konzeptuelle Erträge zu gewinnen. Das meint viel mehr eine frühzeitige Reflexion darauf, welche Theorien der Gegenstandskonstitution ihnen zugrunde liegen, auf welche Gegenstandsfelder diese bezogen werden können – und auf welche eben nicht. Es geht also darum, nicht quasi-automatisch "etablierte Verfahren anzuwenden", sondern den Einsatz solcher Theorie-Methoden-Pakete in jedem Einzelfall stärker zu reflektieren, als dies gegenwärtige Praxis zu sein scheint.

  • Bekömmlich erscheint mir zweitens die Gratwanderung entlang der Etablierung von theoretisch-begrifflichen und methodischen Heuristiken, die zwischen standardisiertem Rezeptwissen einerseits, der freien Inspiration andererseits situiert sind. Jeder Absturz nach einer dieser Seiten hat seine Probleme – die Spannung bleibt, daran führt kein Weg vorbei, und gerade das macht doch das Abenteuer und Interesse am qualitativen und interpretativen Forschen aus. Eine solche wissenschaftliche Gratwanderung setzt freilich Verständigungen über Begriffe und Vorgehensweisen voraus, um sicheren Tritt zu fassen, und eine Empirie, die tatsächliche Fragen formuliert und darauf auch neue Antworten zulässt.

  • Drittens schließlich funktioniert im sozialwissenschaftlichen Geschichtenerzählen Wirklichkeit als Problem, Widerstand und Grenze der Interpretation. Auch qualitative Sozialforschung ist Wirklichkeitswissenschaft. Und obwohl ihre Annäherung an Wirklichkeit zweifellos eine perspektivische Re-Konstruktion entlang diskursiver Strukturierungen und Modellierungen darstellt, so ist sie doch nicht beliebig. Vielmehr setzt die Wirklichkeit "Grenzen der Interpretation" (um eine Formulierung von Umberto ECO [2004] aufzugreifen), sie fungiert als Widerstand der Auslegung, als Irritation, als Bezugsproblem und Grenze des Denkens (OLIVIER DE SARDAN 2008) – wenn das zugelassen wird. Aus der Einsicht des THOMAS-Theorems, dass Menschen Situationen in folgenreicher Weise als real definieren, können wir unser eigenes Forschen, das immer Situationsdefinition ist, nicht ausnehmen. Doch ganz ebenso wie im wirklichen Leben gilt auch hier, dass es Elemente, Indizien, Mittel der Konvergenz und Stabilisierung von Situationsdefinitionen gibt, die unserer Definitionsmacht mehr oder weniger schmerzlich Grenzen setzen. Qualitative und interpretative Sozialforschung können solche Elemente in instruierender Weise nutzen, solange sie sich als Teil eines kollektiven Erkenntnis-Unternehmens und nicht nur als Spielwiesen personalisierter, partikularisierter Be- und Vergnügungen begreifen. Das Erkenntnispotenzial qualitativer und interpretativer Vorgehensweisen entfaltet sich gerade in dem Maße, wie sie in der Lage sind, Komplexität, Re-Konstruktion und Widerständigkeit der Phänomene gleichermaßen zu entfalten. [30]

Werden sich solche post-positivistischen Spielräume gestalten und erhalten lassen? Die zukünftige Geschichtsschreibung der Sozialwissenschaften wird eine, oder wahrscheinlicher mehrere, hoffentlich jedoch nicht beliebige Geschichten davon erzählen, wie es "seinerzeit" gewesen war oder zumindest hätte sein können. [31]

Anmerkungen

1) Der Beitrag geht zurück auf die Closing Lecture beim 9. Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung im Juli 2013. Auf deren Internetpräsenz ist der ursprüngliche Vortrag als Videoaufzeichnung unter http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/video/closinglecture_2013/ frei abrufbar. Ich danke Angelika POFERL für hilfreiche Kommentare. <zurück>

2) Auch der Eröffnungsvortrag von Hans-Georg SOEFFNER während des Berliner Methodentreffens 2013 berührte das Thema; dieser ist wie alle anderen Vorträge als Videodokumentation abrufbar unter:http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/video/. <zurück>

3) KNOBLAUCH hat kürzlich eine veränderte Fassung seines Beitrages veröffentlicht (KNOBLAUCH 2013) und dabei auch Überlegungen und Konzepte aus meiner Closing Lecture aufgegriffen. In der Neufassung ist unter anderem der Hinweis auf die Nichtnotwendigkeit der Entscheidung durch eine andere Schlusspassage ersetzt worden. <zurück>

4) Auf weitere diskutierte Themen wie Offenheit, Mixed Methods, Triangulation oder die Konjunktur von Ansätzen, Beweggründen sowie Ursachen der Dynamik – Veralltäglichung des Charismas, vom Reputationsmarkt zum ökonomischen Markt, Abschied von Therapie und Kritik – gehe ich hier nicht ein (vgl. dazu auch die Debatte in Erwägen – Wissen – Ethik 2007). <zurück>

5) Das Memorandum entstand ausgehend von den Symposien "Zur Lehr-/Lernbarkeit qualitativer Forschung" und "Qualitative Forschung in der Praxis" der Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung 2006 und 2007; vgl. http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/memorandum/. <zurück>

6) Deswegen bleiben die dort formulierten Positionen sicherlich ungebrochen gültig. <zurück>

7) FINE, der selbst zahlreiche Ethnografien veröffentlicht hat, sieht dieses "Menscheln" als unumgänglich und als durchgehend verheimlicht. Er leitet daraus jedoch keineswegs die Unmöglichkeit der Ethnografie ab. <zurück>

Literatur

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Zum Autor

Reiner KELLER, Jahrgang 1962. Studium der Soziologie, Sozialplanung und Verwaltungswissenschaft. Promotion zur "Gesellschaftlichen Konstruktion des Wertvollen. Öffentliche Debatten über Hausmüll in Deutschland und Frankreich" (TU München, 1997). Habilitation zum Thema "Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms" (Universität Augsburg, 2004). Von Oktober 2006 bis September 2011 Professor für Soziologie an der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau). Seit Oktober 2011 Ordinarius für Soziologie an der Universität Augsburg. Arbeitsschwerpunkte: Wissenssoziologie, Diskursforschung, soziologische Theorie, qualitative Methoden, Risikosoziologie, französische Soziologie

Kontakt:

Prof. Dr. Reiner Keller

PhilSo-Fakultät
Universität Augsburg
86135 Augsburg

Tel: +49 (0)821 - 598 4095

E-Mail: reiner.keller@phil.uni-augsburg.de
URL: http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/soziologie/sozio6/

Zitation

Keller, Reiner (2014). Zukünfte der qualitativen Sozialforschung [31 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 15(1), Art. 16,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1401165.



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