Volume 15, No. 3, Art. 9 – September 2014

Tagungsbericht:

Nils Matzner & Lisa-Marian Schmidt

Das Projekt "Zeitschrift für Diskursforschung" und die Perspektiven disziplinärer, inter- und transdisziplinärer Kooperation. Universität Augsburg, 28.3.2014, Organisatoren: Reiner Keller, Werner Schneider, Willy Viehöfer

Zusammenfassung: Anlässlich des nun mehr als einjährigen Bestehens der Zeitschrift für Diskursforschung (ZfD) wurde im Rahmen eines Symposiums der ZfD die Standortbestimmung der deutschsprachigen Diskursforschung diskutiert. Da diese Forschungsrichtung seit ihren Anfängen durch eine breite Interdisziplinarität gekennzeichnet ist, wurden fruchtbare Anschlüsse, Herausforderungen und Grenzen der Interdisziplinarität hinsichtlich forschungspraktischer wie auch hinsichtlich methodischer und theoretischer Aspekte ausgelotet. Neben zwei Podiumsdiskussionen wurden in vier Vorträgen spezifische Fragen der Interdisziplinarität vertieft. Unter Berücksichtigung des schwierigen Institutionalisierungsprozesses der Diskursforschung in den 1990er Jahren lässt sich nunmehr feststellen, dass eine vielfältige und überaus produktive Forschungslandschaft entstanden ist, die bei aller Interdisziplinarität einen spezifischen Denkstil markiert.

Keywords: Diskurs; Diskursforschung; Dispositiv; Denkkollektiv; ZfD; Interdisziplinarität; Transdisziplinarität

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Zeitschriften zur Diskursforschung

2. Diskursforschung als diversifiziertes Denkkollektiv

3. Interdisziplinarität diskursiv

4. Ausblick für die Diskursforschung

Danksagung

Literatur

Zum Autor und zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung: Zeitschriften zur Diskursforschung

Vor mehr als 40 Jahren hat FOUCAULT mit seiner "Archäologie des Wissens" (1981 [1969]) einen Grundstein für mittlerweile weit verbreitete Diskurstheorien gelegt. Mit verschiedentlichen Anreicherungen aus dem symbolischen Interaktionismus, der Theorie der "gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit", Ideen aus den Cultural Studies, theoretischen und methodologischen Einsichten der Sprachforschung und weiteren Einflüssen entstanden seit den 1990er Jahren diskursanalytische Forschungsperspektiven. [1]

Als disziplinübergreifendes Projekt versteht sich die Zeitschrift für Diskursforschung (ZfD), die im Dezember 2012 ihre erste Ausgabe veröffentlichte. Der in Augsburg beheimatete Herausgeberkreis, bestehend aus Reiner KELLER, Werner SCHNEIDER und Willy VIEHÖVER, identifizierte im Editorial die Interdisziplinarität als "Kennzeichen der Diskussion und Entwicklung der Diskursforschung" (2013, S.I). [2]

Das interdisziplinäre Symposium der ZfD war auf einen kleinen Teilnehmer_innenkreis ausgelegt. Die ca. 40 Teilnehmer_innen setzten sich aus dem wissenschaftlichen Beirat der ZfD, Teilnehmer_innen der zuvor abgehaltenen dreitägigen Augsburger Spring School zur wissenssoziologischen Diskursforschung und weiteren Interessierten zusammen. Auf dem Programm standen vier Vorträge und zwei Podiumsdiskussionen. [3]

2. Diskursforschung als diversifiziertes Denkkollektiv

Zur Einleitung rekapitulierte Reiner KELLER (Augsburg) die Entwicklung und Etablierung der deutschsprachigen Diskursforschung und erinnerte an die Anfänge der Forschung, in denen diskurstheoretische Perspektiven skeptisch zur Kenntnis genommen wurden. Mit Blick auf die derzeit fachinternen Debatten kritisierte KELLER polemische Abgrenzungen einzelner Vertreter_innen spezifischer diskursanalytischer Richtungen und machte darauf aufmerksam, dass es um eine fruchtbare Auseinandersetzung gehen solle, in der die Schärfung von Argumenten vorangetrieben werde. Bei diesem Symposium sollte es zudem um eine gemeinsame Standortbestimmung innerhalb eines heterogenen Forschungsfeldes gehen. Dabei sollten vielfältige Zugänge genutzt werden. [4]

Die ZfD sei der Diskurs- und Dispositivforschung insgesamt sowie angrenzenden Perspektiven verpflichtet, aber nicht einzelnen Paradigmen, so Reiner KELLER. Die prinzipielle Offenheit der Diskursforschung schlage sich im wissenschaftlichen Beirat der ZfD nieder, zu dem Adele CLARKE (als Begründerin der situational analysis) und Ruth WODAK (als wichtige Vertreterin der critical discourse analysis) sowie Vertreter_innen der hegemonietheoretischen Diskursanalyse nach LACLAU/MOUFFE und weitere Exponent_innen der Diskursforschung gehören. Diese Vielfalt verschiedener, an Diskusforschung orientierten Zugänge war jedoch nicht vollständig auf dem Symposium präsent. Inhaltliche Oppositionen zwischen den genannten Ansätzen kamen so kaum zum Tragen. [5]

Inga TRUSCHKAT (Hildesheim) widmete sich im anschließenden Vortrag der Frage der Interdisziplinarität der Diskursforschung in den Erziehungswissenschaften. Sie unterschied drei Analyseebenen der Diskursforschung: Transformation des Sozialen, Subjektivierungsweisen und disziplinäre Selbstreflexion. Möglichkeiten, mithilfe der Diskursforschung über die Erziehungswissenschaften hinauszugehen und transdisziplinär zu arbeiten, würden jedoch kaum genutzt. Transdisziplinarität könne in zwei Ausprägungen auftreten: Zum einen gehen Forscher_innen über die eigene Disziplin hinaus, zum anderen bildet die transdisziplinäre Arbeit einen dritten Standpunkt jenseits der beteiligten Disziplinen. TRUSCHKAT schlug vor, Diskursforschung als ein Denkkollektiv im Sinne von Ludwik FLECK (1980 [1935]) zu verstehen: Es seien vor allem die analytische Perspektive auf die Untersuchungsgegenstände, die Betonung der Kontingenz und Machtförmigkeit des Sozialen und ein spezifischer Stil, die die Diskursforschung als Denkkollektiv im Kern auszeichneten. In der Diskussion des Vortrages wurde betont, dass Disziplinen gar nicht scharf abgrenzbar seien und ein "Positivismus der Disziplinarität" fehlgeleitet wäre. Diskursforschung als Denkstil ist, so TRUSCHKAT, nur in einer disziplinar übergeordneten Diskussion vorstellbar. [6]

Thomas LEMKE (Frankfurt/Main) beschäftigte sich in seinem Vortrag kritisch mit der Forschungsrichtung des new materialism (exemplarisch z.B. BARAD 2007; BENNETT 2010). Die innerhalb des keineswegs geschlossenen Projektes des new materialism geäußerte Kritik an FOUCAULTs Diskurstheorie kontrastierte LEMKE mit der Bedeutung von Artefakten in FOUCAULTs Gouvernementalitäts-Vorlesungen (2004a [1978], 2004b [1979]). [7]

Der new materialism, wie er dezidiert in den Schriften von Karen BARAD (2007) vertreten wird, kritisiert vornehmlich den Sprachfokus der Sozialwissenschaften nach dem linguistic turn. Aus Sicht dieser Kritik ist der sprachlich gerahmte Sozialkonstruktivismus und Anthropozentrismus FOUCAULTs unzureichend; für BARAD enthält die Diskurstheorie von FOUCAULT keine ausreichende Konzeptualisierung der Dinge. Die Produktivität von Macht ist bei FOUCAULT, so BARAD, auf den Bereich des Sozialen und die Materialität von Artefakten auf Passivität reduziert. Dementgegen müsse auch den Dingen Handlungsfähigkeit in einem agential realism zugestanden werden. [8]

Aus der "Geschichte der Gouvernementalität" (z.B. FOUCAULT 2004a [1978], S.145-147, 2004b [1979], S.42-43) rekonstruierte LEMKE eine "Regierung der Dinge", in der spezifische Materialitäten und Macht bereits kombiniert seien und eben nicht die von BARAD kritisierte Grenzziehung erfolge. LEMKE führte aus, Regierung werde hierbei als "die richtige Anordnung der Dinge, derer man sich annimmt, um sie zu einem angemessenen Ziel zu führen" (FOUCAULT 2004a [1978], S.145), konzeptualisiert. Es gelte, die "Produktionsbedingungen des Lebens" aufzudecken und dabei z.B. Sozialstatistiken, medizinisches Gerät und Überwachungstechnologien mit in die Analyse von Diskursen einzubeziehen. [9]

Die Kritik der unter dem "strategischen Label" new materialism versammelten Positionen sei im Hinblick auf die von FOUCAULT formulierte Regierung der Dinge, in der Körper und Artefakte als produktive Kräfte miteinbezogen sind, nicht nachvollziehbar. In der folgenden Diskussion wurde auf die verschiedenen Anschlüsse in FOUCAULTs Arbeiten verwiesen, in denen Aspekte der Produktivität und auch Widerständigkeit des Materiellen thematisiert werden. Zentral ist hier sicherlich das Dispositivkonzept, auf das auch KELLER hinwies und das eindrücklich ebenso in "Überwachen und Strafen" (FOUCAULT 1997 [1977]) ausgeführt ist. [10]

Peter KRAUS (Augsburg) führte mit seinem Vortrag eine genaue Bestandsaufnahme und Analyse des ersten Jahrgangs der ZfD durch. Zur Diversität der ZfD-Autor_innen merkte er an, dass (aus publikationstechnischen Gründen) zunächst starke Schwerpunkte in deutschsprachigen Artikeln aus der Soziologie festzustellen seien. Dennoch seien Sprach- und Politikwissenschaften, Pädagogik und andere Disziplinen ökumenisch in der ZfD vereint, sodass von einem "wissenschaftlichen Trotzkismus" nicht die Rede sein könne. Auch andere Ansätze und Disziplinen (wie die Geschichtswissenschaft) seien mehrfach angefragt worden, hätten aber aus Zeitgründen bislang keine Beiträge eingereicht; diese Bemühungen um Vielfalt würden fortgesetzt und gehörten ausdrücklich zum Programm der Zeitschrift, wie KELLER in der Diskussion erläuterte. [11]

Neben großem Lob für das Zeitschriftenprojekt brachte KRAUS einen konkreten Kritikpunkt vor: Es gebe einen Wildwuchs neuer Begrifflichkeiten, der keinem Mangel an theoretischen Konzepten entspringe, sondern eher auf mangelnde Lektüre der Klassiker_innen zurückzuführen sei. An manchen Punkten seien alte Konzepte aus der Wissenssoziologie wie etwa von MANNHEIM oder GRAMSCI fruchtbarer als manche Neukreation. Das traditionelle Konzept der Ideologiekritik wurde jedoch von vielen Teilnehmer_innen als weniger passend für komplexe Konstellationen bezeichnet. Im Vortrag und der anschließenden Diskussion wurde die "vorauseilende" Ideologiekritik einiger Ansätze in der Diskursforschung kritisiert und darauf verwiesen, dass das Operieren mit einer "Hermeneutik des Verdachts" (RICOEUR 1973 [1969]) für eine ergebnisoffene Diskursforschung zu eng gedacht sei: Bei der Ideologiekritik sei der Verdacht, das notwendig falsche Bewusstsein der Subjekte zu entlarven, forschungsleitend, während eine offenere Diskursforschung die vielgestaltigen diskursiven Praxen rekonstruieren möchte. [12]

3. Interdisziplinarität diskursiv

In der ersten Podiumsdiskussion "Living Apart Together" wurden die Geschichte der Interdisziplinarität der Diskursforschung sowie deren Problematiken rekapituliert. [13]

Ingo WARNKE (Bremen) führte in seiner Reflexion der Interdisziplinarität in der Linguistik aus, dass auf der Ebene der Theorie eine klare interdisziplinäre Ausrichtung bestehe. In der konkreten Forschungsarbeit sei Interdisziplinarität hingegen weniger ausgeprägt; interdisziplinäre Projekte seien kaum vorhanden. Notwendig sei es in jedem Fall, disziplinäre Forschungsergebnisse in das interdisziplinäre Feld der Diskursforschung zurückzuspielen. Die These, dass Diskursforschung bzw. der Diskursbegriff zu einem Modekonzept avanciert sei, lehnte er ab und führte die verschiedenen Facetten des Diskurskonzepts und dessen grundlegende Bedeutung in der Linguistik aus. [14]

Willy VIEHÖVER (Augsburg) skizzierte verschiedene Wege zur Interdisziplinarität. Er betonte im Rückblick auf die Geschichte des Augsburger Arbeitskreises "Sozialwissenschaftliche Diskursforschung" (siehe Projektbericht KELLER & SCHNEIDER 2007), dass dieser von Beginn an ein interdisziplinäres Projekt darstellte, was nach wie vor an den verschiedenen Aktivitäten, wie dem Erscheinen der ZfD, sichtbar werde. VIEHÖVER plädierte für einen Erinnerungsdiskurs innerhalb der Diskursforschung, da immer wieder die Tendenz zu synchronem Denken in interdisziplinären Zusammenhängen festzustellen sei, was durch Publikationszwänge verstärkt würde. Die fruchtbare Rezeption von Klassiker_innen oder auch die Auseinandersetzung mit einzelnen Konzepten würden aus diesen Gründen vernachlässigt und vorschnell neue Begriffe und Konzepte entworfen. [15]

Auf die divergenten disziplinären Rezeptionslinien der Arbeiten FOUCAULTs in den letzten Jahrzehnten wies Rolf PARR (Duisburg-Essen) hin. Anhand der fachspezifischen Anreicherungen der Foucaultschen Grundlagen sei mittlerweile ein weites Feld an Diskursforschungen entstanden. Als Bezugspunkt sei FOUCAULT in der Verständigung über die Disziplingrenzen hinweg relativ unproblematisch und somit ein Common Ground. Allerdings sei die darüber hinausgehende Auseinandersetzung und Zusammenarbeit schwieriger. PARRs Einschätzung nach stellen die disziplinspezifischen Entwicklungslinien die zentrale Herausforderung in der Forcierung fruchtbarer Interdisziplinarität dar, die zunächst sichtbar gemacht werden müssten. Ein systematischer Vergleich der verschiedenen disziplinären Ansätze sei sicherlich lohnend und auch notwendig, um die Kompatibilitäten der theoretischen Ansätze und Methoden zu klären. Die aktuelle Kartierung der Diskursforschungslandschaft im ZfD-Beitrag von Dominik SCHRAGE (2013) sei hierfür ein erster nützlicher Ansatzpunkt. Dies müsse auch in Hinblick auf die Vermittlung diskurstheoretischer Perspektiven in der Lehre systematisch weiter ausgearbeitet werden, so PARR. [16]

Ekkehard FELDER (Heidelberg) führte verschiedene Herausforderungen interdisziplinärer Kooperationen an Beispielen theoretischer (In-) Kompatibilität aus. Die Kunst interdisziplinärer Zusammenarbeit liege auch im Aushalten ihr innewohnender Schwierigkeiten. Neben den Besonderheiten linguistischer Diskursforschung bestimmte FELDER das wünschenswerte Verhältnis von Disziplinarität und Interdisziplinarität: Seines Erachtens sollten die Wurzeln der Diskursforschung erhalten bleiben und disziplinspezifische Beiträge in dieses Feld eingebracht werden. Zuletzt führte FELDER verschiedene Positionen hinsichtlich des politischen Anspruchs der Diskursforschung aus. Auch er lehnte eine verdachtshermeneutische Position ab und plädierte für offene Fragestellungen und Vorgehensweisen. Seinem Verständnis nach ist die "deskriptive" Linguistik durch die Analyse von Machtstrukturen und damit deren Sichtbarmachung inhärent politisch und leiste auf diese Weise einen aufklärerischen Beitrag, ohne dabei "parteipolitisch" zu agieren. [17]

In seinem Beitrag markierte Johannes ANGERMÜLLER (Warwick/Paris) eingangs zwei Aspekte, die implizit in Interdisziplinaritätsdebatten enthalten seien. So werde häufig von den Annahmen einer Wertigkeit von Wissensformen und von spezifischem Wissen der Disziplinen ausgegangen. Beide Annahmen stellte er infrage und kontextualisierte das Podiumsthema im nicht-diskursiven Zusammenhang der Wissensproduktion des Universitätsbetriebs. ANGERMÜLLER hob hervor, dass Disziplinen auch imaginäre Arbeitsmärkte seien. Entsprechend seien Fragen der Akkumulation von Ressourcen, Zuschreibungen an Personen, Reputationsfragen und politische Positionierungen zentrale Elemente der Wissensproduktion, die in der Debatte um Interdisziplinarität berücksichtigt werden müssten. Spezifische Ideen und Theorietraditionen seien eben auch an Personen gebunden, die auf diesen "Märkten" agieren. Mit Blick auf die generellen Mechanismen der Wissensproduktion sei die beständige Herausforderung, eine Balance zu finden zwischen der Produktion von Neuem, die das Verlassen bestehender disziplinärer Pfade bspw. in interdisziplinären Kooperationen beinhalte und der Bewahrung einer gewissen Nähe zur eigenen Disziplin. Es bestehe also fortwährend ein inhärentes Spannungsverhältnis von Disziplinarität und Interdisziplinarität. Von Fördereinrichtungen werde zumeist Interdisziplinarität gefordert, während wissenschaftliche Akteur_innen diese nicht immer befürworteten. [18]

In der nachfolgenden Diskussion wurden weitere Herausforderungen interdisziplinärer Zusammenarbeit entfaltet wie etwa die Paradoxie, dass trotz der von Mittelgeber_innen geforderten Interdisziplinarität interdisziplinäre Projektentwürfe letztlich an disziplinären Begutachtungsstrukturen scheiterten. Die generelle Vorstrukturierung und die Macht-Wissens-Verhältnisse in Auswahl- und Begutachtungsprozessen waren ebenso Gegenstand der Diskussion. Sowohl in den Redebeiträgen auf dem Podium als auch aus den Wortmeldungen aus dem Publikum wurde deutlich, dass obligatorische Interdisziplinarität problematisch sein könnte. [19]

Die zweite Podiumsdiskussion widmete sich der Frage: "Braucht die Diskursforschung zukünftig (mehr oder weniger) Interdisziplinarität?" und setzte die Diskussion um Nutzen und Nachteil dieser Arbeitsform fort. In dieser Stoßrichtung eröffnete Werner SCHNEIDER (Augsburg) das Podium: Für ihn gelte das Leitmotiv: "Möglichst wenig Interdisziplinarität, wenn es um Inhalte geht und möglichst viel, wenn es ums Geld geht". Nicht gleichermaßen pessimistisch, aber auch pragmatisch äußerte sich Franz EDER (Wien) als Historiker. Da in der Geschichtswissenschaft kein fester Methodenkanon bestehe, sei man auf Interdisziplinarität für methodischen Austausch angewiesen. Insbesondere die Diskursforschung biete nützliche Forschungswerkzeuge. [20]

Jürgen LINK (Dortmund) entfaltete acht Thesen zur Interdisziplinarität und zu Interdiskursen. Neben der "Ursachenforschung" für das Gelingen und Scheitern der Konvertibilität von Theorien über die Disziplingrenzen hinweg und grundlegenden theoretischen Inkompatibilitäten führte er die Möglichkeiten aktueller Gesellschaftsbeschreibungen aus. In seinen Thesen verhandelte LINK sowohl eigene Theoriekonzepte (vgl. LINK 2013), als auch seine Redaktionstätigkeit bei der kultuRRevolution (hierzu LINK & PARR 2007):

  • Zum Konzept der ZfD gehöre es, ein Forum für alle Spielarten der Diskursforschung zu bieten. Die kultuRRevolution verfolge den gleichen Pluralismus. Viele der vermeintlichen Inkompatibilitäten beruhten vor allem auf terminologischen und identitären Abgrenzungen. Entscheidend sei es, gravierende theoretische Unterschiede zu diskutieren.

  • Die disziplinären Grenzen seien das größte Hindernis für jede Kompatibilisierung, aber auch für jede innovative Weiterentwicklung des Foucaultschen Denkens.

  • Die Interdiskurstheorie erweitere FOUCAULTs Theorie um Spezialdiskurse (etwa Expert_innendiskurse) und Interdiskurse (z.B. populäre Diskurse, in denen verschiedene Kollektivsymboliken zirkulieren).

  • Bei FOUCAULT gingen interdiskursive Elemente in den Dispositivbegriff ein, ohne dass systematisch zwischen horizontaler Wissensteilung und vertikaler Machtteilung unterschieden werde.

  • Der Beitrag der Interdiskurstheorie zur Inter- und Transdisziplinarität lasse sich exemplarisch am interdiskursiven Rahmen von Spezialdiskursen skizzieren. Die Zwei-Kulturen-Theorie, welche zwischen Natur- und Geisteswissenschaften differenziert, baue auf einer interdiskursiven Grundlage auf.

  • Der Interdiskurs des populären Psychiatriediskurses beinhalte einen Komplex des Normalismus, der sowohl Normalisierungen der Medizin als auch gesellschaftliche Ein- und Ausschlüsse umfasse.

  • Die horizontale Wissensteilung (ähnlich der Arbeitsteilung bei SPENCER 1969 [1897]) und die vertikale Machtteilung (siehe hierzu MARX 1969 [1867]) müssten zusammen gedacht werden.

  • Die Aushandlung dieser Theoreme, die LINK kritisch sieht, sei selbst ein interdiskursives Kollektivsymbol. Damit spielte er auf die Diskurstheoretiker_innen als Teilnehmer_innen eines interdisziplinären Diskurses an, die er nicht als vordiskursive Subjekte verstanden wissen wollte: Diskurstheorie werde immer auch selbst durch spezifische diskursive Praktiken hervorgebracht. [21]

Wie Marcus LLANQUE (Augsburg) im Anschluss herausstellte, gelte für seine Profession, die politikwissenschaftliche Ideengeschichte, ein produktiver Bezug auf das Überschreiten von Fächergrenzen. Ideengeschichte könnte dabei (bei aller Kritik an diesem Terminus) selbst als eine diskursive Strategie verschiedener Disziplinen verstanden werden. Humanwissenschaftliche Disziplinen würden um die Eingemeindung einiger Autor_innen und Grundlagentexte in den eigenen Kreisen ringen. Im Zuge dessen wurde daran erinnert, wie wenig Disziplingrenzen, sondern vielmehr die spezifische Forschungsperspektive Relevanz für FOUCAULTs Arbeiten gehabt hätten. Martin WENGLER (Trier) lenkte den Blick auf aktuelle Forschungspraktiken bspw. in dem Forschungsnetzwerk "Sprache und Wissen", dem Tagungsnetzwerk "Diskurs – Interdisziplinär" (siehe, auch KÄMPER 2012) oder dem virtuellen Forschungsportal "diskursanalyse.net". In manchen Foren würden trotz des "Interdisziplinaritätsgebotes" die Disziplinen eher nebeneinander als miteinander arbeiten. Auf der anderen Seite werde die Sprachwissenschaft punktuell mit soziologischen Konzepten "kolonisiert", ohne dass vorab sprachwissenschaftliche Konzepte auf ihre Wirksamkeit geprüft würden. Solche negativen Beispiele der Zusammenarbeit gelten wahrscheinlich für mehrere Disziplinen, seien aber nicht die Regel. WENGLERs Einschätzung nach werden "lobenswerte Projekte" betrieben, es gebe aber noch weiteren Handlungsbedarf. [22]

Auf beiden Podien schien Inter- und Transdisziplinarität auf zwei Arten verstanden zu werden: zum einen als die disziplinübergreifende Perspektive einzelner Wissenschaftler_innen oder eines Kollektivs, zum anderen als die forschungspraktische Zusammenarbeit unterschiedlicher Forschungskulturen. In einzelnen Beiträgen, etwa bei WENGLER, wurde noch einmal auf die inhärente Vielfalt einzelner Disziplinen hingewiesen. Nur vereinzelt, etwa bei LINK, klang an, wie mit transdisziplinärer Arbeitsweise auch über die Wissenschaft hinausgegangen werden könne. Diese Praxis öffentlicher Beteiligung an Wissenschaft werde z.B. in der Nachhaltigkeitsforschung, der Interventionsforschung oder der Technik- und Wissenschaftsforschung schon länger erprobt (bspw. WEISZ, KARNER, GROSSMANN & HEINTEL 2014) und sei für die Diskursforschung eine Herausforderung. [23]

4. Ausblick für die Diskursforschung

Als mögliche zukünftige Arbeitsfelder der Diskursforschung wurden von den Diskutant_innen Fragen des Wandels, der Entstehung und Auflösung von Diskursen, der Einbezug bisher randständiger Traditionen der Diskursforschung und die stärkere Beschäftigung mit Bildern und Filmen als Datenmaterial formuliert. [24]

Bilanzieren lässt sich, dass das Symposium wichtige Fragen zum aktuellen Stand der deutschsprachigen Diskursforschung sowie den "Mechaniken" der Inter- und Transdisziplinarität verhandelt hat. Neben den vielen Anregungen und Einschätzungen, was zukünftige methodische und thematische Betätigungsfelder von Diskursforschungen sein könnten und sollten, wurde am Ende im Hinblick auf die Reflexion des eigenen Standorts auch thematisiert, inwiefern der ursprünglich kritischere Anspruch der Diskursforschung noch relevant für das eigene Selbstverständnis sei. Auch bleibt zu klären, wie die Unterrepräsentanz von Frauen in der Diskursforschung zu beheben ist. Die Frage, was Diskursforschung als Forschungsstil kennzeichnet und welche Methoden neben den sprachwissenschaftlichen zukünftig verstärkt Eingang finden könnten, bleibt weiterhin zu diskutieren und praktisch zu erproben. [25]

Insgesamt wurden im Verlauf des Symposiums die gemeinsamen Schnittpunkte und die Vielfalt der Diskursforschung ausgelotet, und es bleibt im Anschluss an Inga TRUSCHKATs Vorschlag, Diskursforschung als Denkkollektiv zu verstehen, die Frage für alle: Wie lässt sich interdisziplinäre oder auch transdisziplinäre Diskursforschung weiterhin produktiv ausgestalten? Symposien dieser Art liefern sicherlich einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Diskursforschung. [26]

Danksagung

Wir möchten Sasa BOSANCIC, Stefanie BAUER und Reiner KELLER für ihre hilfreichen Hinweise danken.

Literatur

Barad, Karen (2007). Meeting the universe halfway. Quantum physics and the entanglement of matter and meaning. Durham: Duke University Press.

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Fleck, Ludwik (1980 [1935]). Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1981 [1969]). Archäologie des Wissens. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1997 [1976]). Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

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Foucault, Michel (2004b [1979]). Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Kämper, Heidrun (2012). Tagungsnetzwerk "Diskurs – interdisziplinär". Zeitschrift für germanistische Linguistik, 40(3), 451-456.

Keller, Reiner & Schneider, Werner (2007). Projektbericht: Arbeitskreis "Sozialwissenschaftliche Diskursforschung". Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0702P57 [Zugriff: 14. Juli 2014].

Keller, Reiner; Schneider, Werner & Viehöver, Willy (2013). Editorial. Zeitschrift für Diskursforschung, 1(1), I-V.

Link, Jürgen (2013). Diskurs, Interdiskurs, Kollektivsymbolik. Zeitschrift für Diskursforschung, 1(1), 7-23.

Link, Jürgen & Parr, Rolf (2007). Projektbericht: diskurs-werkstatt und kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0702P19 [Zugriff: 14. Juli 2014].

Marx, Karl (1969 [1867]). Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Berlin: Dietz Verlag.

Ricoeur, Paul (1973 [1969]). Hermeneutik und Strukturalismus. Der Konflikt der Interpretation I. München: Kösler.

Schrage, Dominik (2013). Die Einheit der Diskursforschung und der Streit um den Methodenausweis – ein Kartierungsversuch. Zeitschrift für Diskursforschung, 1(3), 245-262.

Spencer, Herbert (1969 [1897]). Principles of sociology. London: Macmillan.

Weisz, Ulli; Karner, Sandra; Grossmann, Ralph & Heintel, Peter (2014). Zwischen den Welten. Transdisziplinäre Forschungsprozesse realisieren. In Gert Dressel, Wilhelm Berger, Katharina Heimerl & Verena Winiwarter (Hrsg.), Interdisziplinär und transdisziplinär forschen. Praktiken und Methoden (S.112-134). Bielefeld: Transcript.

Zum Autor und zur Autorin

Nils MATZNER studierte Politische Wissenschaft (Nebenfächer: Soziologie und Philosophie) an der RWTH Aachen und ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung in Klagenfurt. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Aachen für das Lehr- und Forschungsgebiet Gender Studies und anschließend im Bereich Arbeitssoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von April 2012 bis Dezember 2013 war er Mitarbeiter am Lehrstuhl für Zukunftsforschung an der RWTH Aachen. Seit Juni 2013 forscht und promoviert er im Rahmen des DFG-Projekt "How to Meet a Global Challenge? Climate Engineering at the Science-Policy Nexus: Contested Understandings of Responsible Research and Governance". Seit Januar 2014 setzt er die Projektarbeit an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt fort.

Kontakt:

Nils Matzner

Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung (STS)
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Lisa-Marian SCHMIDT studierte Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung an der Technischen Universität Berlin und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Nach dem Studium war sie zunächst für ein halbes Jahr Stipendiatin am Fachgebiet Allgemeine Soziologie der Technischen Universität Berlin. Im Anschluss arbeitete sie in einem wissenssoziologischen Forschungsprojekt der Alice Salomon Hochschule Berlin, in dem Unternehmensnachfolgen von KMUs untersucht wurden. Daneben war sie von Januar bis August 2011 Mitarbeiterin am Fachgebiet Wissenschafts- und Technikkulturen der HafenCity Universität Hamburg. Seit Oktober 2012 forscht und promoviert sie im Projekt "Übergänge erfolgreich gestalten: Übergangsmanagement zwischen Schule, Ausbildung und Beruf".

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Lisa-Marian Schmidt

Alice Salomon Hochschule Berlin
Projekt "Übergänge"
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Zitation

Matzner, Nils & Schmidt, Lisa-Marian (2014). Tagungsbericht: Das Projekt "Zeitschrift für Diskursforschung" und die Perspektiven disziplinärer, inter- und transdisziplinärer Kooperation [26 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 15(3), Art. 9,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs140390.



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