Volume 8, No. 2 – Mai 2007

Editorial FQS 8(2): Von Michel Foucaults Diskurstheorie zur empirischen Diskursforschung

Andrea D. Bührmann, Rainer Diaz-Bone, Encarnación Gutiérrez-Rodríguez, Werner Schneider, Gavin Kendall & Francisco Tirado

Diese Schwerpunktausgabe beschäftigt sich mit den Grundlagen und dem aktuellen Stand der FOUCAULTschen Diskursanalyse. Die einzelnen Beiträge geben Einblicke in die verschiedenen theoretischen und methodologischen Aspekte des FOUCAULTschen Diskurskonzeptes, in die forschungspraktische diskursanalytische Arbeit sowie in aktuelle Weiterentwicklungen in diesem Feld. Eine solche umfassende Auseinandersetzung erscheint zum jetzigen Zeitpunkt nicht zuletzt deshalb angemessen, weil die an FOUCAULT orientierte Diskursanalyse als (Bestand-) Teil der qualitativen empirischen Sozialforschung zunehmend an Bedeutung gewinnt und mit ihr die Verbindung zwischen einer strukturalistischen und praxeologischen Perspektive auf Gesellschaft zur Diskussion steht. [1]

Der FOUCAULTsche Diskursbegriff als kollektive Praxisform in sozialen Feldern oder gesellschaftlichen Bereichen zielt auf die Herstellung kollektiv geteilter Wissensordnungen als überindividuelle Wirklichkeit, wenngleich – wie bereits FOUCAULT selbst herausgestrichen hat – auch Individuen "als Subjekte" diskursiv hervorgebracht werden. Während also auf der einen Seite das FOUCAULTsche Diskurskonzept mit Blick auf eine Meso- oder Makro-Ebene diskutiert wird und von dort aus die diskursiven Einflüsse auf Interaktionen und Akteure problematisiert werden, richtet sich der diskursanalytische Blick auf der anderen Seite ebenso direkt auf die Mikro-Ebene sozialer Beziehungen. Im Zentrum stehen hier das Individuum und seine diskursive Hervorbringung sowie das Verhältnis zwischen diskursiven Praxen bzw. Diskursformationen und Subjektivierung/Subjektivation. In letzter Zeit gibt es vermehrt Versuche, diese beiden Perspektiven – z.B. entlang des FOUCAULTschen Dispositivbegriffs – miteinander ins Gespräch zu bringen. Vor diesem Hintergrund und darüber hinaus entwickelt sich aber auch eine lebhafte Diskussion um neuere methodologische Entwicklungen im Feld der FOUCAULTschen Diskursanalyse, die in einigen wichtigen Entwicklungssträngen in einzelnen Beiträgen diskutiert werden. [2]

Damit erscheint die FOUCAULTsche Diskursanalyse nicht (länger) "nur" als eine theoretisch informierte "Haltung" oder als eine andere "Perspektive" im Feld der qualitativen Sozialforschung. Viele Forscherinnen und Forscher haben in den letzten Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass die empirisch gesättigten sozio-historischen Studien FOUCAULTs und seine methodologischen Überlegungen zur Archäologie und Genealogie die Grundlage für ein neue, andere Form selbstreflexiver empirischer Forschung geschaffen haben. Daraus folgt jedoch, dass Diskursforschung die von FOUCAULT zugrunde gelegten Forschungspraxen, ihre Kohärenz sowie Prämissen zu reflektieren hat. In diesem Sinne sollten dann – wie einige der hier versammelten Beiträge verdeutlichen – spezifische Forschungsdesigns, Erklärungsstrategien, methodologische Standards sowie Qualitätskriterien entwickelt werden. Darüber hinaus verdeutlichen die in FQS 8(2) veröffentlichten Beiträge die anhaltende Relevanz und Virulenz der folgenden Fragen: Beinhaltet oder beschreibt die FOUCAULTsche Diskursanalyse bestimmte Forschungsmethoden, ‑konzeptionen oder ‑instrumente sowie deren praktische Handhabung im Forschungsprozess? Wie können andere Forschungsperspektiven oder ‑paradigmen mit der FOUCAULTschen Diskursanalyse kombiniert werden? Schließlich illustrieren die hier versammelten Beiträge jedoch auch, dass unterschiedliche Rezeptionsstränge einer an FOUCAULT orientierten Diskursanalyse existieren und dass nicht von einem Paradigma, aber von einem entstehenden Feld in der qualitativen Sozialforschung gesprochen werden kann. [3]

Neben den verschiedenen inhaltlichen Beiträgen versammelt der Band eine Reihe von Forschungsberichten zu verschiedenen Forschungsgruppen, die zu der, mit der und über die FOUCAULTsche Diskursanalyse arbeiten – insbesondere mit Fokus auf Deutschland, aber auch u.a. mit Berichten zu Frankreich und Spanien. Damit soll ein knapper, exemplarischer Überblick zu einzelnen Forschungsorganisationen/‑initiativen und institutionalisierten Forschungsaktivitäten gegeben werden, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit und lediglich mit deskriptiv-informativer Intention (also ohne Bewertung der jeweiligen Bedeutung). Jedoch sind verschiedene der hier vorgestellten Forschungsgruppen seit einiger Zeit in einen fruchtbaren Dialog eingetreten (die Herausgabe dieses Themenschwerpunktes ist selbst ein Resultat der internationalen Zusammenarbeit) und haben dabei gemeinsame methodologische Problemstellungen identifizieren können. An dieser Stelle sind exemplarisch Konzepte wie "Interdiskurs", "Dispositiv", "Materialisierung" (z.B. von Techniken, Körpern, Bildmaterialien oder Medien) und "Ereignis" oder andere Praxisformen bzw. Performanzen zu nennen, die wiederum Fragen nach den (Aus-) Wirkungen der Formen diskursiver Praxis und nach dem angemessenen methodologischen Umgang mit ihnen implizieren. [4]

So bleibt zu hoffen, dass diese Schwerpunktausgabe einen Beitrag leistet zur aktuellen Bestandsaufnahme und Internationalisierung der an FOUCAULT orientierten Diskursforschung, wie sie derzeit in der empirischen Sozialforschung diskutiert wird. Eine ausführliche Darstellung des internationalen Feldes der FOUCAULTschen Diskursanalyse sowie einen Überblick über die in dieser Ausgabe versammelten Beiträge geben die Herausgeberinnen und Herausgeber in ihrem einleitenden Beitrag Das Feld der Foucaultschen Diskursanalyse. Strukturen, Entwicklungen und Perspektiven. [5]

Zitation

Bührmann, Andrea D.; Diaz-Bone, Rainer; Gutiérrez-Rodríguez, Encarnación; Schneider, Werner; Kendall, Gavin & Tirado, Francisco (2007). Editorial FQS 8(2): Von Michel Foucaults Diskurstheorie zur empirischen Diskursforschung. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0702E10.



Copyright (c) 2007 Andrea D. Bührmann, Rainer Diaz-Bone, Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Werner Schneider, Gavin Kendall, Francisco Tirado

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