Volume 8, No. 2, Art. 19 – Mai 2007

Diskurse und Dispositive analysieren. Die Wissenssoziologische Diskursanalyse als Beitrag zu einer wissensanalytischen Profilierung der Diskursforschung

Reiner Keller

Zusammenfassung: Der Beitrag geht von aktuellen Vorschlägen aus, Michel FOUCAULTs Überlegungen zum Diskursbegriff für die empirische Diskursforschung zu nutzen. Diese Bemühungen befördern jedoch einen sprachanalytischen Bias der Diskursanalyse, der dem FOUCAULTschen Anliegen einer Analyse von Macht/Wissen-Komplexen nicht ausreichend Rechnung trägt. Stattdessen und dagegen wird für einen Anschluss der Diskurstheorie und -forschung an die (Hermeneutische) Wissenssoziologie plädiert. Dazu präsentiert der Beitrag methodisch-konzeptionelle Vorschläge zum hermeneutisch-interpretativen Vorgehen, zur Analyse von Wissensbausteinen (Deutungsmuster, Klassifikationen, Phänomenstruktur, narrative Struktur) und, angelehnt an die Grounded Theory sowie Traditionen der Sequenzanalyse, zu konkreten Arbeitsschritten der empirischen Diskursforschung. Betont wird zugleich, dass Diskursanalyse nicht auf Textanalyse reduziert wird, sondern auch Materialitäten – bspw. in Gestalt von Dispositiven – erfasst.

Keywords: Foucault, Macht/Wissen, Wissenssoziologie, Diskurs, Interpretation, Text, Grounded Theory, Sequenzanalyse, Deutungsmuster, Dispositiv

Inhaltsverzeichnis

1. Es gibt keine FOUCAULTsche Diskursanalyse

2. Abhandlung über die Methode(n)

2.1 Wissen oder Sprache?

2.2 Plädoyer für die Interpretation

3. Kategorien der Wissensanalyse

3.1 Deutungsmuster

3.2 Klassifikationen

3.3 Phänomenstruktur

3.4 Narrative Strukturen

4. Vorgehensweisen

5. Diskurse und Dispositive in der Wissenssoziologischen Diskursanalyse

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Es gibt keine FOUCAULTsche Diskursanalyse

Die gegenwärtige Konjunktur der sozialwissenschaftlichen Diskursforschung geht zwar nicht ausschließlich, aber doch in wesentlichen Teilen auf den Diskursbegriff zurück, den Michel FOUCAULT Ende der 1960er Jahre in seiner "Archäologie des Wissens" entwickelt hatte (FOUCAULT 1988). In Auseinandersetzung insbesondere mit der herkömmlichen Ideengeschichte entwarf FOUCAULT Konturen und heuristische Begrifflichkeiten einer Analyse "diskursiver Formationen", in der Diskurse als materiale und geregelte Praktiken des Sprachgebrauchs bestimmt wurden. Die Einführung des Diskursbegriffs zielte auf die Analyse der diskursiven Konstitution von Wissen bzw., auch wenn das hier noch nicht explizit wurde, auf Macht/Wissen-Regime. Als "Wissen" begreift FOUCAULT die

"Menge von einer diskursiven Praxis regelmäßig gebildeten und für die Konstitution einer Wissenschaft unerläßlichen Elementen (...). Ein Wissen ist das, wovon man in einer diskursiven Praxis sprechen kann, die dadurch spezifiziert wird: der durch die verschiedenen Gegenstände, die ein wissenschaftliches Statut erhalten werden oder nicht, konstituierte Bereich (…); ein Wissen ist auch der Raum, in dem das Subjekt die Stellung einnehmen kann, um von Gegenständen zu sprechen, mit denen es in seinem Diskurs zu tun hat (...); ein Wissen ist auch das Feld von Koordination und Subordination der Aussagen, wo die Begriffe erscheinen, bestimmt, angewandt und verändert werden (...); schließlich definiert sich ein Wissen durch die Möglichkeiten der Benutzung und der Aneignung, die vom Diskurs geboten werden. (...) jede diskursive Praxis kann durch das Wissen bestimmt werden, das sie formiert." (FOUCAULT 1988, S.259f.) [1]

Die "Archäologie des Wissens" formulierte eine allgemeine theoretisch-methodologische Position, die den Begriff des Diskurses in den Mittelpunkt rückte. FOUCAULT gelang es damit in eindrucksvoller Weise, Diskurse als Gegenstandsbereich einer historischen Wissensanalyse zu konturieren. Im Unterschied zur Ideengeschichte sollte wissensbezogen auf jegliche Unterstellung von Fortschrittslogiken verzichtet werden. In Absetzung von sprachwissenschaftlichen Ansätzen interessierte ihn weder die Analyse der Wandlungen des Sprachgebrauchs noch das allgemeine System der Sprache oder die Passung zwischen Sprache und Welt. Stattdessen formulierte FOUCAULT die Annahme, dass der Sprachgebrauch in diskursiven Praktiken die Gegenstände, von denen er handelt, als Wissen konstituiert. Diskurse bestehen vor allem aus Aussagen. Damit ist eine Ebene des Typischen benannt, das in der konkreten Gestalt einer Vielzahl von historisch-sozial situierten Äußerungen material in Erscheinung treten kann. Die Aussagen und die entsprechende Aussagepraxis bilden einen Diskurs, wenn sie nach ein- und demselben "Formationsprinzip" gebildet werden. [2]

Die von FOUCAULT in der "Archäologie des Wissens" skizzierte Diskursperspektive bezog sich auf vergleichsweise abstrakte Einheiten diskursiver Formationen. Entgegen seinen eigenen früheren und späteren Vorgehensweisen verführte sie zu einer "Illusion des autonomen Diskurses" (DREYFUS & RABINOW 1987), d.h. zu einer verdinglichenden und zugleich metaphysischen Rede von dem oder den Diskurs(en), die dieses oder jenes tun. Erst mit der "Genealogie", d.h. mit der in seiner Antrittsvorlesung über "Die Ordnung des Diskurses" am Collège de France ansetzenden Hinwendung zur Analyse der historisch-praktischen Verläufe und Abfolgen von Wissen/Macht-Konfigurationen als "Kämpfe" oder "Spiele der Wahrheit" kamen konflikthaltige Auseinandersetzungen innerhalb und zwischen Diskursen bzw. sozialen Akteursfigurationen in den Blick, die mit der Durchsetzung von Wahrheiten verbundenen Prozesse der Ausgrenzung und des Nicht-Wissens, die Konkurrenz von Wissensansprüchen. So formulierte er wenige Jahre nach der Veröffentlichung der "Archäologie":

"Heute ist es aber an der Zeit, diese Diskursphänomene nicht mehr nur unter sprachlichem Aspekt zu betrachten, sondern – ich lasse mich hier von anglo-amerikanischen Forschungen anregen – als Spiele, als games, als strategische Spiele aus Handlungen und Reaktionen, Fragen und Antworten, Beherrschungsversuchen und Ausweichmanövern, das heißt als Kampf. Der Diskurs ist jenes regelmäßige Ensemble, das auf einer Ebene aus sprachlichen Phänomenen und auf einer anderen aus Polemik und Strategien besteht. Diese Analyse des Diskurses als strategisches und polemisches Spiel bildet die zweite Achse der Untersuchung." (FOUCAULT 2002a, S.670f.; vgl. bspw. auch FOUCAULT 2002b) [3]

Durch eine solche Akzentuierung gewinnt der Diskursbegriff an Attraktivität für die Soziologie. Noch deutlicher wird dies in einigen materialen Analysen FOUCAULTs, bspw. in der von ihm herausgegebenen Dokumentensammlung zum spektakulären historischen Mordfall "Pierre Rivière". Hier richtet sich das diskurstheoretische Interesse nicht länger auf die allgemeine Genese von historischen Wissensfeldern, sondern mit gleichsam mikroskopischem Blick auf den Definitionswettkampf zwischen unterschiedlich historisch-institutionell situierten Diskursen im Hinblick auf ein – in diesem Fall aus Gründen der Straffestsetzung – interpretationsbedürftiges Ereignis. Einleitend heißt es dort, gerade der Affärencharakter, das Aufeinandertreffen konkurrierender Diskurse, das hier en detail beobachtet werden könne, mache den wissenschaftlichen Reiz dieses Falles aus:

"(…) der Diskurs des Friedensrichters, der des Staatsanwalts, des Schwurgerichtspräsidenten, des Justizministers; der des Landarztes und der Esquirols; der der Dorfbewohner mit ihrem Bürgermeister und ihrem Pfarrer; schließlich der des Mörders selbst. Sie alle sprechen – zumindest scheinbar – von derselben Sache: jedenfalls beziehen sich alle Diskurse auf das Ereignis vom 3. Juni. Aber durch eine Zusammenstellung werden diese heterogenen Diskurse weder zu einem Werk noch zu einem Text; sie stellen einen sonderbaren Kampf dar, eine Auseinandersetzung, einen Kräftevergleich, ein Gefecht um Worte und mittels Worten; und von einem Gefecht zu reden genügt noch nicht: es werden gleichzeitig mehrere sich überlagernde Schlachten geschlagen. (...). Ich glaube, daß wir uns deshalb zur Veröffentlichung all dieser Dokumente entschlossen haben, um gleichsam die Struktur dieser verschiedenen Dokumente zu klären, um diese Auseinandersetzungen und Schlachten zu rekonstruieren, das Zusammenspiel dieser aufeinandertreffenden Diskurse aufzuspüren, die als Instrumente eingesetzt waren, als Angriffs- und Verteidigungswaffen in den Beziehungen der Macht und des Wissens." (FOUCAULT 1975, S.9f.) [4]

 FOUCAULT schreibt weiter:

"(...) b) Dokumente wie die über den Fall Rivière erlauben es, die Bildung und den Fluß eines Wissens (wie das Wissen der Medizin, der Psychiatrie, der Psychopathologie) in ihren Beziehungen mit den Institutionen und den Rollen, die dort gespielt werden müssen (Gericht, Gutachter, Angeklagter, Krimineller/Wahnsinniger usw.) zu analysieren.

c) Sie ermöglichen eine Aufschlüsselung der Macht-, Herrschafts- und Kampfverhältnisse, in deren Rahmen sich die Diskurse abspielen; sie ermöglichen also eine Analyse des Diskurses (und sogar wissenschaftlicher Diskurse), die zugleich Tatsachenanalyse und politische, also strategische, Analyse ist.

d) Schließlich läßt sich an diesem Beispiel die Verwirrung ermessen, die ein Diskurs wie der Rivières stiftet; es lassen sich all die Taktiken aufzeigen, mit denen man versucht, ihn zuzuschütten, ihn einzuordnen, ihn als Diskurs eines Wahnsinnigen oder eines Kriminellen zu qualifizieren." (FOUCAULT 1975, S.9f.) [5]

Sehr allgemein lässt sich FOUCAULTs Vorgehensweise bei der Durchführung seiner philosophisch-historischen Untersuchungen durch folgende Merkmale beschreiben: Den Ausgangspunkt bildet die Suche nach "Problematisierungen", d.h. historischen Umbrüchen in gesellschaftlichen Praxisfeldern, wie etwa das Verschwinden der öffentlichen Martern und Hinrichtungen, an deren Stelle die Disziplinaranstalt des Gefängnisses trat (FOUCAULT 1977). FOUCAULT vermied es, solche "Ereignisse" im Interpretationsrahmen einer allgemeinen Idee gesellschaftlicher Entwicklung – bspw. einer marxistischen Geschichtsauffassung – zu deuten. Stattdessen betrachtete er historische Einschnitte als nicht-intendierte Effekte einer Vielzahl gesellschaftlicher Praktiken und der sich dort vollziehenden Wandlungsprozesse. Dazu zählt auch die Forderung, die Suchbewegung nach Ursachen in möglichst viele Richtungen auszudehnen, statt sie vorschnell auf wenige Erklärungsfaktoren zu konzentrieren. Der so ansetzende analytische Blick folgte der Frage nach der "Geschichte der Gegenwart". Deswegen bezog er seine Untersuchungen auf aktuelle Fragestellungen und Gesellschaftsprozesse und entwickelte dazu theoretisch-konzeptionelle Verallgemeinerungen, bspw. in der Auseinandersetzung mit der "Repressionshypothese" (FOUCAULT 1989) oder der Diagnose der "Disziplinargesellschaft" (FOUCAULT 1977). [6]

Allerdings enthalten weder die "Archäologie des Wissens" noch die anderen Veröffentlichungen FOUCAULTs genauere Angaben über sein methodisches Arbeiten an einzelnen Texten. Gewiss formulierte er Fragen, denen eine Diskursanalyse nachgehen könne (FOUCAULT 2001a, b), oder er betonte, die konkrete Vorgehensweise erfordere eine genaue und akribische Arbeit am einzelnen Dokument und Datum, ganz so, wie dies für Historiker und Historikerinnen sonst gelte, auch wenn sich seine Art, dies zu tun, von anderen unterscheide (FOUCAULT 2005). Aber gleichzeitig erläuterte er in Bezug auf die "Archäologie des Wissens":

"Für mich war die Archéologie weder vollständig theoretisch noch vollständig methodologisch. (...) Es handelt sich insofern nicht um eine Theorie, als ich zum Beispiel die Beziehungen zwischen den diskursiven und den sozialen und ökonomischen Formationen, deren Bedeutung der Marxismus unabweisbar nachgewiesen hat, nicht systematisch gefasst habe. Diese Beziehungen habe ich im Dunkeln gelassen. (...) Außerdem habe ich in der Archéologie die rein methodologischen Probleme beiseite gelassen. Etwa die Fragen: Wie soll man mit diesen Instrumenten arbeiten? Ist es möglich, die Diskursformationen zu analysieren? Hat die Semantik irgendeinen Nutzen? Kann man mit den bei Historikern gebräuchlichen quantitativen Analysen etwas anfangen? Dann können wir uns fragen, was denn die Archéologie ist, wenn sie weder eine Theorie noch eine Methode darstellt. Meine Antwort lautet: Sie bezeichnet gleichsam ein Objekt; sie versucht, die Ebene zu bestimmen, auf die ich mich begeben muss, damit die Objekte sichtbar werden, mit denen ich schon lange umgegangen bin, ohne überhaupt zu wissen, dass es sie gibt, so dass ich sie auch nicht benennen konnte." (FOUCAULT 2002b, S.191f.) [7]

FOUCAULT selbst beschreibt hier offene Fragen, die auch in seinen materialen Studien unbeantwortet bleiben: Wie die historischen Quellen von ihm behandelt werden, darüber erfährt man wenig, außer: es handele sich, wie erwähnt, auf der Ebene seiner eigenen Arbeitspraxis um klassisch-historische und genaue Quellenarbeit. Auch das Insistieren auf dem "Werkzeugcharakter" seiner Konzepte liefert dazu keine weiteren Präzisierungen. Die seit den Arbeiten FOUCAULTs mit unterschiedlicher Intensität in den Sprach-, Politik- und Geschichtswissenschaften oder auch in der Soziologie betriebenen Bemühungen, an den FOUCAULTschen Diskursbegriff anzuschließen und ihn für je eigene und unterschiedliche Forschungsfragen in empirische Vorgehensweisen umzusetzen, haben deswegen sehr verschiedene Auslegungen und methodische Umsetzungen der Diskursperspektive vorgenommen. Man kann sie nur gewaltsam unter das Etikett einer "FOUCAULTschen Diskursanalyse" (vgl. etwa DIAZ-BONE 2005) zwingen, unter etwas also, über das FOUCAULT geschwiegen hat. Deswegen sollte auf den Begriff verzichtet werden. In den nachfolgenden Abschnitten werde ich Vorgehensweisen der Wissenssoziologischen Diskursanalyse erläutern. Da die theoretische Grundlegung dieses Ansatzes an anderer Stelle erfolgt ist (KELLER 2005a, 2006), konzentriere ich mich hier auf Methodenfragen (vgl. dazu KELLER 2004, 2007; KELLER 1998 als Anwendung; CHRISTMANN 2004; TRUSCHKAT 2007 und BECHMANN 2007 als weitere Anwendungsbeispiele). Dabei steht zunächst die hermeneutisch-interpretative Grundperspektive im Vordergrund; daran anschließend diskutiere ich einige methodisch-konzeptionelle Vorschläge und ihre konkrete Umsetzung in der Forschungspraxis. Abschließend gehe ich auf das Verhältnis von Diskurs- und Dispositivanalyse ein. [8]

2. Abhandlung über die Methode(n)

2.1 Wissen oder Sprache?

Die Vorschläge zur Behebung des Methodendefizits, das bei der Übersetzung von Diskurstheorie in Diskursforschung augenfällig wird, sind äußerst heterogen und können hier nicht in aller Breite diskutiert werden (vgl. KELLER, HIRSELAND, SCHNEIDER & VIEHÖVER 2004, 2006). WETHERELL (1998) oder JØRGENSEN und PHILIPPS (2002) haben dafür plädiert, die in methodischer Hinsicht elaborierte, konversationsanalytisch geprägte Discourse Analysis durch Anschlüsse an die Diskurstheorien von FOUCAULT oder Ernesto LACLAU und Chantal MOUFFE zu ergänzen und dadurch wechselseitige Synergieeffekte zu erzeugen. Ähnliches schlagen LANDWEHR (2001) im Rückgriff auf die Arbeiten Teun van DIJKS für die historische Diskursforschung oder BARKER und GALASINSKI (2001) für die Cultural Studies vor. Allerdings mündet eine solche Lösung geradewegs in neue Probleme – die Reduktion der Diskursforschung auf die Analyse des interaktiven Vollzugs von Gesprächen, die formalen Strukturen von Rede- bzw. Textgattungen, den Einsatz sprachlicher Gestaltungsmittel oder die Analyse ideologischen Sprachgebrauchs. Dies lässt sich für den letzten Fall deutlich an den Spielarten der Kritischen Diskursanalyse (JÄGER 1999) bzw. der Critical Discourse Analysis (FAIRCLOUGH 1995) beobachten. Dort wird ja gerade die geforderte Verknüpfung einer diskurstheoretischen Fundierung mit methodischen Prinzipien der Sprachwissenschaften seit längerem verfolgt. Doch dabei geraten die "FOUCAULTschen" Fragen nach dem Macht/Wissen, der historischen Genese, Transformation und den Folgen von Wissensfeldern aus dem Blick. Aus diesem Grund plädiere ich für eine wissensanalytisch ausgerichtete Anbindung der Diskursperspektive an die Hermeneutische Wissenssoziologie (KELLER 1997, 2005a, 2006). Letztere hat sich im Kontext der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung seit den 1980er Jahren als Theorie-Paradigma entwickelt, das beansprucht, die von Peter L. BERGER und Thomas LUCKMANN (1980) in ihrem Klassiker "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" entworfene "Theorie der Wissenssoziologie" in eine methodisch (hermeneutisch) reflektierte empirische Wissensforschung zu überführen (HITZLER, REICHERTZ & SCHRÖER 1999). Die Hermeneutische Wissenssoziologie setzt daran an, dass soziale Akteure sinnorientiert bzw. unter Bezug auf Sinnstrukturierungen, also sinnhaft-deutend agieren. Sie bezieht sich damit in der Tradition der Analysen von Alfred SCHÜTZ (1971, 1974) auf entsprechende Konstitutionsprozesse im Bewusstsein bzw. der Praxis der Handelnden. Zugleich betont sie, wie SCHÜTZ, die soziale Genese oder "Konstruktion" der Deutungsschemata, die in Bewusstseinsprozessen zum Einsatz kommen und ein einfaches sinnliches "Erleben" erst in reflektierte, sinnhafte "Erfahrung" verwandeln. Wissenssoziologisch zugänglich ist dann nicht die Intentionalität, das Erleben oder die Erfahrungsqualität im Einzelbewusstsein. Behauptet wird auch keineswegs der originale "Ursprung" der erwähnten Deutungsschemata im individuellen Bewusstsein – ganz im Gegenteil: Die Hermeneutische Wissenssoziologie interessiert sich für den "sozialen Sinn", die sozialen Erzeugungsprozesse und Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Wissensvorräte. [9]

Trotz vereinzelter Flirts mit dem Diskursbegriff (etwa bei KNOBLAUCH 1995) haben sich die im Rahmen der Hermeneutischen Wissenssoziologie bislang durchgeführten Studien in erster Linie auf die alltagspragmatischen und professionellen Wissensbestände der "Akteure des Alltags" bezogen: auf das polizeiliche Gespür für Täter, die "kleinen Lebenswelten" (Benita LUCKMANN) der Heimwerker, der Wünschelrutengänger, der Techno-Szenen, der Punks, auf Identitätsprobleme von Studierenden, Probleme der Interkulturalität u.a.m. Methodische Zugänge waren dabei neben sozialphänomenologischen Vorgehensweisen vor allem ethnographisches Arbeiten, aber auch die Durchführung von Interviews und die Analyse "natürlicher" Daten. Trotz je nach konkreter Fragestellung und Datenlage unterschiedlichen Strategien der Materialauswertung präferiert die Hermeneutische Wissenssoziologie eine sequenzanalytisch angelegte Feininterpretation der Daten, wie sie exemplarisch Hans-Georg SOEFFNER an einer kurzen Interviewpassage verdeutlichte (SOEFFNER 1989). Die Einführung der Diskursperspektive in dieses Theorieparadigma korrigiert den erwähnten "mikroanalytischen Bias" und öffnet es hin zur gesellschaftlichen Meso- und Makroebene von Wissensverhältnissen und Wissenspolitiken, den Produktions- und Zirkulationsweisen gesellschaftlicher Wissensvorräte, die den Kontext für die alltagspragmatischen Deutungen bilden. Entsprechende Erweiterungen wurden von Hubert KNOBLAUCH (1995) oder auch Hans-Georg SOEFFNER (1999) wiederholt eingefordert:

"Noch seltener geht man in der praktischen Forschung daran, systematisch die strukturellen Konstitutionsbedingungen dieser Mythen zu untersuchen: die Genres und Erzählformen (...), Symbolisierungen und Bauelemente (...), historischen Argumentations- und Zitierlinien ('Diskurse'), die Verfahren der Perspektiven-, Erwartungs- und Konsenskonstruktionen. Wenn es aber um das Beschreiben, das auslegende Verstehen und Erklären sozialer Orientierung, sozialen Handelns und sozialer Handlungsprodukte gehen soll, wird man um diese grundlegenden Analysen nicht herumkommen – es sei denn, man selbst fühle sich in den jeweiligen Mythen wohl." (SOEFFNER 1999, S.43) [10]

2.2 Plädoyer für die Interpretation

Im Zusammenhang der sozialwissenschaftlichen Hermeneutik bezieht sich der Begriff der Hermeneutik als "Haltung und Handlung" (SOEFFNER & HITZLER 1994) auf das "Verstehen des Verstehens", d.h. eine Methodologie des (qualitativen) Forschens, die zum einen die Position der Interpretin/des Interpreten reflektiert, zum anderen Strategien der Dateninterpretation entwickelt, die auf Nachvollziehbarkeit und soziale Objektivierung der Interpretationsschritte gerichtet sind. Dies kann im Rahmen von sehr unterschiedlichen Forschungsinteressen und methodisch-qualitativen Zugängen der Sozialforschung geschehen (HITZLER & HONER 1997). Immer geht es jedoch darum, das gleichsam "naive" Verstehen zu problematisieren. Ronald HITZLER und Anne HONER haben diese Position prägnant formuliert:

"Das reflexive Grundproblem des sozialwissenschaftlichen Interpreten besteht also darin, für sich selbst und für andere durchsichtig zu machen, wie er das versteht, was er zu verstehen glaubt, und wie er das weiß, was er zu wissen meint. (...) Methodologisch ausgedrückt: Die Ansätze Sozialwissenschaftlicher Hermeneutik bauen dezidiert Zweifel in den Prozeß des Verstehens ein: Zweifel an den Vor-Urteilen des Interpreten, Zweifel an subsumptiven Gewißheiten in Alltag und Wissenschaft und Zweifel schließlich auch an reduktionistischen Erklärungen. (...) Alle Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, was immer sie sonst noch tut, problematisiert grundsätzlich die Annahme, man wisse, wie etwas 'wirklich' sei, ohne daß man einsichtig machen könnte, wie man solches überhaupt wissen kann. (...) Ihr Anspruch besteht (...) darin, die Grundoperationen sozialwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung schlechthin ihrer epistemologischen Naivität zu entkleiden, sie zu rekonstruieren und zu erhellen." (HITZLER & HONER 1997a, S.23ff.) [11]

Die hermeneutisch reflektierte interpretative Analyse von empirischen Daten, die in Textform vorliegen bzw. darin übersetzt werden können, stellt einen zugleich rekonstruktiven und konstruktiven Prozess dar. Rekonstruktiv kann die Interpretation genannt werden, weil sie sich auf Daten bezieht, über deren Zusammenhang und Eigenheiten (wie enthaltene Deutungsschemata, Sinnstrukturierungen etc.) sie etwas aussagen will. Auch jede Diskursforschung verfährt in diesem allgemeinen Sinne notwendig rekonstruktiv. Konstruktiv verfahren solche Analysen (einschließlich denjenigen der Diskursforschung) deswegen, weil sie aus den Daten heraus Interpretationen, kategoriale Schemata usw. und damit Aussageformen generieren, die so in den Daten selbst nicht enthalten waren und nicht enthalten sein können. Denn der Konstruktionsprozess richtet sich zuallererst nach den Relevanzen – also den Fragen, Analysebegriffen und -strategien – der sozialwissenschaftlichen Analyse, auch dann, wenn diese darauf gerichtet sind, den "Eigen-Relevanzen des Feldes" eine Chance zu geben. Dabei besteht, wie SOEFFNER im Anschluss an Alfred SCHÜTZ herausgearbeitet hat, ein komplexes Wechselverhältnis zwischen monothetischen Schließungen von Deutungsfiguren (bspw. bezogen auf Interviews: der Herausarbeitung einer "egologisch" stimmigen Position) und der polythetischen, aus der "kritischen" Analysehaltung eines Beobachters oder Zuhörers vornehmbaren Aufsplitterung von oberflächlichen Sinneinheiten (SOEFFNER 1989). [12]

DREYFUS und RABINOW (1987) hatten in ihrem einflussreichen Buch über FOUCAULT dessen Position als "Interpretative Analytik" bezeichnet, die zwar Elemente aus Strukturalismus und Hermeneutik aufgreife, aber letztlich beide Ansätze überwinde. Dabei unterscheiden sie zwischen der "disziplinierten konkreten" Materialanalyse und den weitreichenden gegenwartsdiagnostischen Deutungen oder Schlussfolgerungen, die FOUCAULT mitunter formulierte – das nennen sie dann "Interpretation":

"Während die Analyse unserer gegenwärtigen Praktiken und deren historischer Entwicklung eine disziplinierte, konkrete Sache ist, auf die man ein Forschungsprogramm gründen könnte, läßt sich die Diagnose, die zunehmende Organisierung von allem und jedem sei das zentrale Problem unserer Zeit, auf keinerlei Weise empirisch nachweisen, sondern tritt eher als Interpretation auf. Die Interpretation erwächst aus pragmatischen Anliegen und hat pragmatische Absichten, und genau aus diesem Grund kann sie von anderen Interpretationen, die aus anderen Interessen erwachsen, angefochten werden." (DREYFUS & RABINOW 1987, S.23) [13]

Damit wird der Interpretationsbegriff auf das bezogen, was man mit anderen Worten als "theoretische Generalisierung" oder Schlussfolgerung der Analyse bezeichnen könnte, nicht aber auf die forschungspraktischen Schritte des Umgangs mit Daten, Quellen, Archiven und deren Auswertung. Weiter oben wurde bereits darauf hingewiesen, dass FOUCAULT keinen Einblick in seine Quellen-Werkstatt gegeben hatte. Ein Durchgang durch seine Studien bis hin zu den letzten Bänden von "Sexualität und Wahrheit", wo das vielleicht besonders deutlich wird, zeigt jedoch, dass es sich vielfach keineswegs um die "Positivität reiner Beschreibung", sondern um eine "interpretierende und schlussfolgernde Lektüre" handelt, die auch nicht darauf verzichtet, von Texten auf reale Praktiken zu schließen, also nicht nur die Quellen als Praxis zu behandeln. Dass FOUCAULT sich zwar von Traditionen der philosophischen und literaturwissenschaftlichen Hermeneutik absetzte, aber dennoch keine absoluten Vorbehalte gegen interpretierende Vorgehensweisen hatte, lässt sich auch anhand seiner in Zusammenarbeit mit der Historikerin Arlette FARGE entstandenen Editionsarbeit über "Familiäre Konflikte" belegen, in der FARGE und FOUCAULT textbezogen Kategorienbildungen vornehmen, die auch eine Grounded Theory wohl nicht anders anlegen würde (vgl. FARGE & FOUCAULT 1989). [14]

Die bisherige FOUCAULT-Rezeption neigt dazu, insbesondere den Aspekt der "Analytik" aufzugreifen und die Frage nach den interpretierenden Momenten, verstanden als Frage nach der konkreten Arbeit an den Daten, auszublenden bzw. eine allgemeine Haltung "against interpretation" (Susan SONNTAG 1966) einzunehmen. Dies führt zwischen den angelsächsischen, französischen und deutschen Wissenschaftstraditionen vielfach zu den erwähnten Missverständnissen über die Referenz des Begriffs der Interpretation: Bezieht er sich auf allgemeine, bzw. zeitdiagnostische Schlussfolgerungen? Oder auf die konkrete analytische Arbeit am Datenmaterial? Weiter oben habe ich schon ausgeführt, dass aus der Sicht der Hermeneutischen Wissenssoziologie jede Bezugnahme auf ein "empirisches Datum" (also Datenzusammenstellung ebenso wie Datenauswertung) reflektierter Schritte der Interpretation bedarf. Wenn im Weiteren von "Interpretation" die Rede ist, dann im Sinne des sozialwissenschaftlichen interpretativen Paradigmas bzw. der Hermeneutischen Wissenssoziologie: Die in Diskursen prozessierten Deutungen der Welt lassen sich nur deutend erschließen. Damit diese sozialwissenschaftliche Alltagspraxis der Interpretation zu einem wissenschaftlichen Unternehmen wird, sind methodische Vorkehrungen notwendig, die den Interpretationsprozess reflektierend begleiten – wobei keineswegs "endgültige Wahrheit" die Leitidee der Analyse darstellt, sondern eher die Vorstellung von nachvollziehbaren "guten Gründen" für soziohistorisch situierte Auslegungsarbeit. Entsprechende Interpretationsschritte können sich auf die in Praktiken, Akteuren und Dispositiven manifeste Materialität der Diskurse einerseits, auf die verschiedenen inhaltlichen Momente der wissensbezogenen (symbolischen) Strukturierung von Aussagen und Ordnungen der Welt andererseits richten. Von interpretativer Analytik spreche ich, um zu betonen, dass Diskursforschung unterschiedliche Datenformate und Auswertungsschritte zueinander in Beziehung setzt, also bspw. eher klassische soziologische Strategien der Einzelfallanalyse oder Fallstudie kombiniert mit detaillierten Feinanalysen textförmiger Daten. Von interpretativer Analytik spreche ich auch deswegen, weil sich die Wissenssoziologische Diskursanalyse im Unterschied zu anderen Ansätzen qualitativer Sozialforschung nicht per se für die "Bedeutungseinheit" eines einzelnen Dokuments (etwa eines Textes) interessiert, sondern davon ausgeht, das ein solches Datum nur Bruchstücke oder "Fragmente" (Siegfried JÄGER 1999) eines oder mehrerer Diskurse artikuliert. Deswegen bricht sie die materiale Oberflächeneinheit der Texte auf und rechnet die Ergebnisse der analytischen Zergliederung und interpretierenden Feinanalyse mitunter verschiedenen Diskursen zu. Daraus entsteht stufenweise das Mosaik des untersuchten Diskurses oder der untersuchten Diskurse – gewiss eine der wichtigsten Modifikationen der üblichen qualitativen Sozialforschung (vgl. KELLER 2007, S.61ff.; KELLER 2005b). [15]

3. Kategorien der Wissensanalyse

Jede wissensanalytisch profilierte Diskursperspektive benötigt sondierende Konzepte zur Analyse gesellschaftlicher Wissensverhältnisse und Wissenspolitiken. Für die Wissenssoziologische Diskursanalyse bieten sich dazu einige Ideen der wissenssoziologischen Tradition als heuristische Werkzeuge an, bspw. die Unterscheidung von Deutungsmustern, Klassifikationen, Phänomenstrukturen und narrativen Strukturen. Dabei handelt es sich um allgemeine Konzepte, die aus der wissenssoziologischen Tradition stammen bzw. darin eingepasst werden können. Sie eignen sich gleichzeitig in besonderer Weise als Brückenkonzepte, wenn es darum geht, die Auseinandersetzung mit Diskursen in gesellschaftlichen Praxisfeldern bis hin zur Ebene der "privaten Lebensführung" zu untersuchen. Als in Diskursen spezifisch prozessierte Strukturierungselemente bilden sie das diskurstypische Interpretationsrepertoire (vgl. KELLER 1998). [16]

3.1 Deutungsmuster

Die neuere deutschsprachige Diskussion über das Konzept des Deutungsmusters setzte mit einem Text von Ulrich OEVERMANN aus dem Jahre 1973 ein. OEVERMANN (2001a, b) begreift Deutungsmuster als verinnerlichte kognitive Gebilde, die für soziale Kollektive gelten und die Angemessenheitsurteile von Individuen als eine Art "tacit knowledge" bzw. "mentale Disposition" leiten. Deutungsmuster entwickeln sich – so OEVERMANN – aus der handlungspraktischen Bewältigung wiederkehrender Handlungsprobleme der Alltagspraxis, etwa Fragen der Kindererziehung, des Umgangs zwischen Lebenspartnern u.a.: "Deutungsmustern wird die Funktion zugerechnet, für die alltägliche Bewältigung dieser Problemstellungen verbindliche Routinen zur Verfügung zu stellen und damit das Leben angesichts dieser Problemstellungen praktikabel und erträglich zu machen." (OEVERMANN 2001c, S.539) [17]

Die von OEVERMANN vorgenommene Verknüpfung mit "objektiv" bestehenden Deutungs- und Handlungsproblemen der Alltagspraxis als Voraussetzung und Grundlage der Entstehung von Deutungsmustern schränkt ihr Verständnis jedoch (bewusst) stark ein. Deutungsmuster werden dann anderen Wissensproduktionen – etwa wissenschaftlichem Wissen – gegenübergestellt, um danach zu fragen, wie solche Wissensformen die Deutungsmuster (als "naturwüchsige Alltagstheorien") modifizieren bzw. von diesen gefiltert und adaptiert werden. Diese Engführung des Deutungsmusterbegriffs auf "alltagspraktisch" generierte Deutungs- und Handlungsschemata ist jedoch in zweierlei Hinsicht problematisch: Zwar geht sie davon aus, dass die angesprochenen Probleme der Alltagspraxis insoweit kollektiven Charakter haben, als sie alle Mitglieder eines sozialen Kollektivs betreffen und die individuelle Bearbeitung auf tradierte Deutungsmuster zurückgreift, d.h. diese nicht selbst erfinden, wohl aber zur Anwendung bringen muss. Doch wie schon die Beispiele deutlich machen, liegt dem ein auf lebensweltliche Reproduktionsprozesse reduziertes Verständnis von Alltagspraxis zugrunde, das weder berufliches Handeln noch Handlungs- und Deutungsprobleme der kollektiven Ebene sozialer Gruppen berücksichtigt. Darüber hinaus ist fraglich, ob angesichts der Dauerbeobachtung und Reformierung von Handeln durch Expertensysteme (GIDDENS 1991) von stabilen kollektiven Deutungstraditionen im Sinne OEVERMANNs überhaupt noch ausgegangen werden kann (vgl. zur Kritik auch PLAß & SCHETSCHE 2001). [18]

LÜDERS und MEUSER (1997) unterscheiden zwischen einer "strukturtheoretischen" und einer "wissenssoziologischen" Perspektive auf Deutungsmuster. Zur ersteren zählen sie als "harte" Variante die OEVERMANNsche Fassung des Begriffs. Als "weiche" Variante innerhalb der strukturtheoretischen Konzeption bezeichnen sie den Deutungsmusteransatz im Rahmen des Symbolischen Interaktionismus und der Hermeneutischen Wissenssoziologie:

"Deutungsmuster in diesem Sinne werden als historisch, in Interaktionen ausgebildete Interpretationsmuster der Weltdeutung und Problemlösung begriffen. Im Gegensatz zur ('harten', Anm. d. Verf.) strukturalen Position wird dabei die generierende und gestaltende Rolle handlungsfähiger Subjekte betont (...). Bezogen auf das Konzept des Deutungsmusters bedeutet dies, daß diese den einzelnen Subjekten gegenüber zwar gesellschaftlich insofern vorgängig sind, als das einzelne Subjekt in ein bereits vorhandenes, historisch ausgebildetes, sprachlich repräsentiertes System von Regelstrukturen, Wissensbeständen und gesellschaftlicher Praxis hineingeboren und sozialisiert wird; doch diese sozialen Strukturen existieren weder unabhängig von den Handlungen der Subjekte noch führen sie ein Eigenleben (...)." (LÜDERS & MEUSER 1997, S.62f,) [19]

Unter dem Etikett einer "wissenssoziologischen Perspektive" verhandeln LÜDERS und MEUSER (1997, S.64) schließlich die Verortung von Deutungsmustern auf der Ebene des gesellschaftlichen Wissensvorrates bzw. kollektiver kultureller Konstrukte. Sie illustrieren dies am Beispiel einer von Yvonne SCHÜTZE durchgeführten kulturgeschichtlichen Untersuchung über das Deutungsmuster "Mutterliebe", dessen Entstehung und Entwicklung von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. SCHÜTZE (1992)

"entlarvt den 'Mutterinstinkt' als kulturelles Konstrukt, das sich im Zuge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse mit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft herausbildet. (...) In der Deutung der Mutterliebe als natürlicher Eigenschaft der Frau ist mehreres vereint: normative Aufforderung, soziale Platzierung, Legitimierung der Geschlechterordnung und Identitätsentwurf. In dem Maße, in dem Mütter ihre Situation im Rahmen dieses Deutungsmusters wahrnehmen und entsprechend dessen normativem Gehalt handeln, erzeugen sie genau die Wirklichkeit, welche die Gültigkeit des Musters bestätigt." (LÜDERS & MEUSER 1997, S.65f.) [20]

Ein anderes, vergleichbares Beispiel bildet das von Claudia HONEGGER u.a. analysierte soziokulturelle Deutungsmuster der "Hexen" (HONEGGER 1978). Die von LÜDERS und MEUSER vorgeschlagene Sortierung des Deutungsmusterbegriffs ist allerdings irreführend. Gewiss hat OEVERMANN eine spezifische Definition von Deutungsmustern entwickelt. Doch bei den beiden anderen unterschiedenen Positionen handelt es sich letztlich um das gleiche Deutungsmusterkonzept. Demnach ist ein Deutungsmuster ein Ergebnis der "sozialen Konstruktion von Wirklichkeit", d.h. ein historisch-interaktiv entstandenes, mehr oder weniger komplexes Interpretationsmuster für weltliche Phänomene, in dem Interpretamente mit Handlungsorientierungen, Regeln u.a. verbunden werden. Das Beispiel der "Mutterliebe" verweist so auf die gesellschaftlichen bzw. kollektiven Konstruktionsleistungen bei der Genese entsprechender Deutungsmuster. Solche Konstruktionsprozesse finden in öffentlichen Arenen, aber auch in direkten Interaktionen statt. Deutungsmuster werden dann Bestandteile kollektiver Wissensvorräte, die bspw. in den Massenmedien zirkulieren; sie können auch zur Grundlage institutioneller Strukturierungen von Handlungspraxis werden (vgl. auch die allerdings ihrerseits problematische Bestimmung von medialen Deutungsmustern bei SCHETSCHE 2000). Soziale Akteure eignen sie sich in Sozialisationsprozessen und in Auseinandersetzung mit medialen Wissensangeboten an und orientieren ihr eigenes Deuten und Handeln daran. Das kann sowohl bewusste wie unbewusste, affirmative, kritische, ablehnende und kreative Bezugnahmen einschließen. Zugleich wird daran deutlich, dass die Idee des "Musters" auf den Aspekt des Typischen verweist – es handelt sich um allgemeine Deutungsfiguren, die in unterschiedlicher sprachlich-materialer Gestalt manifest werden, und in denen durchaus verschiedene Wissens- bzw. Deutungselemente und bewertende Bestandteile verknüpft werden. In Diskursen werden unterschiedliche Deutungsmuster für weltliche Referenzphänomene miteinander in spezifischer Weise verknüpft. Das ist ein erstes Element der "Wissensgestalt" von Diskursen. Deutungsmuster lassen sich in sequenzanalytischen Vorgehensweisen konturieren, wie sie vielfach im Rahmen von Interviewauswertungen zum Einsatz kommen (vgl. etwa BECKER u.a. 1987; GIEGEL, FRANK & BILLERBECK 1988; als Anwendung in der Diskursforschung: KELLER 1998). [21]

3.2 Klassifikationen

Eine zweite, das Konzept der Deutungsmusteranalyse ergänzende inhaltliche Erschließung von Diskursen besteht in der Untersuchung der Klassifikationen (und dadurch: der Qualifikationen) von Phänomenen, die in ihnen und durch sie vorgenommen werden. Klassifikationen sind mehr oder weniger ausgearbeitete, formalisierte und institutionell stabilisierte Formen sozialer Typisierungsprozesse. Sie ordnen nicht – im Sinne einer Repräsentationsperspektive – vorgefundene Wirklichkeit in adäquate Kategorien ein, sondern sie schaffen die Erfahrung dieser Wirklichkeit. Die Sprache selbst ist letztlich nichts anderes als ein sozial objektiviertes Bedeutungs-"System typisierender Erfahrungsschemata" (ebd.), ein sozial-historisch vorgegebenes Typisierungsraster, das den Einzelnen bzw. die Einzelne "von selbständiger Typenbildung entlastet" (SCHÜTZ & LUCKMANN 1979, S.277ff.; vgl. auch ebd., 174ff.). Der normale Vollzug unserer deutungs- und handlungspraktischen Alltagsroutinen besteht in einem ununterbrochenen Prozess des Klassifizierens im Rückgriff auf angeeignete Elemente kollektiver Wissensvorräte. In der Diskursforschung hatte Michel FOUCAULT mit dem Hinweis auf die Bedeutung von Klassifikationen schon eines seiner wichtigsten Werke eröffnet: In der "Ordnung der Dinge" erwähnt er einleitend, ein Zitat von Jorge Louis BORGES habe ihn zunächst zum Lachen gebracht und dann zu seinem Unternehmen angeregt (vgl. KELLER 1997). Dieses Zitat lautet folgendermaßen:

"In einer 'gewissen chinesischen Enzyklopädie' heißt es, daß 'die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen." (Jorge Louis BORGES, zit. nach FOUCAULT 1974a, S.17) [22]

Die von FOUCAULT in seiner Studie zur "Ordnung der Dinge" herausgearbeiteten "episteme" sind unterscheidbare Klassifikationsregime, die für spezifische historische Abschnitte einem je besonderen Modell der Klassifikation folgen, bspw. demjenigen der Ähnlichkeit und Analogiebildung zwischen Mikro- und Makrokosmos. Schon seine zuvor erschienenen Untersuchungen über die "Geburt der Klinik" (FOUCAULT 1972 [1963]) oder die Beziehungen zwischen "Wahnsinn und Gesellschaft" (FOUCAULT 1973 [1961]) beschäftigen sich mit den diskursiv-praktischen Klassifikationen, die Gesundes von Krankem, Nicht-Medizinisches von Medizinischem, den Wahnsinn von der Vernunft unterscheiden. [23]

Wie jeder Sprachgebrauch klassifiziert auch die Sprachverwendung in Diskursen die Welt, teilt sie in bestimmte Kategorien auf, die ihrer Erfahrung, Deutung und Behandlung zugrunde liegen. Zwischen Diskursen finden Wettstreite um solche Klassifikationen statt, bspw. darüber, wie (potenzielle) technische Katastrophen zu interpretieren sind, welche Identitätsangebote als legitim gelten können, was korrektes und verwerfliches Verhalten ist, ob – man denke an den "Fall Rivière" – Täter(innen) zurechnungsfähig sind oder nicht usw. Damit sind je spezifische handlungspraktische Konsequenzen verbunden. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang nicht nur die Kontingenz und Strukturierungsleistung von Klassifikationen, sondern auch ihre performative Wirkung, etwa dann, wenn administrative ethnische Kategorisierungen zur Grundlage von Selbstbeschreibung und Identitätspolitik ethnischer Gruppen werden bzw. solche Gruppen erst durch den Klassifikationsprozess herstellen, wie dies unter anderem in Untersuchungen zur "Identitätspolitik" beschrieben wurde (vgl. KELLER 2005, S.239ff.; BOWKER & LEIGH-STAR 2000). [24]

3.3 Phänomenstruktur

Neben Deutungsmustern und Klassifikationen ermöglicht das Konzept der Phänomenstruktur einen dritten und komplementären Zugang zur Ebene der inhaltlichen Strukturierung von Diskursen. Bereits in der konstituierenden Phase der Wissenssoziologie hatte Karl MANNHEIM den Begriff der "Aspektstruktur" eingeführt, um die Art und Weise der Konstruktion von Sachverhalten zu benennen, also das, was in Bezug auf ein Phänomen erfasst wird. Bestandteile einer solchen Aspektstruktur sind – so MANNHEIM – die benutzten Begriffe einschließlich ihrer Bedeutungsdifferenz zu anderen möglichen Begriffen, der Zusammenhang dieser Begriffe, Kausalschemata, die "vorausgesetzte Ontologie" u.a. (MANNHEIM 1969, S.234). [25]

Bspw. erfordert die Konstruktion eines Themas als Problem auf der öffentlichen Agenda die Behandlung verschiedener Dimensionen durch die Protagonisten und im Rückgriff auf argumentative, dramatisierende und bewertende Aussagen: die Bestimmung der Art des Problems oder des Themas einer Aussageeinheit, die Benennung von Merkmalen, kausalen Zusammenhängen (Ursache-Wirkung) und ihre Verknüpfung mit Zuständigkeiten (Verantwortung), Problemdimensionen, Wertimplikationen, moralischen und ästhetischen Wertungen, Folgen, Handlungsmöglichkeiten u.a. Vor allem die Untersuchungen der öffentlichen Karriere sozialer Probleme im Kontext des Symbolischen Interaktionismus haben entsprechende Dimensionen benannt und sehen in ihrer "gelingenden" Konstruktion ein wesentliches Merkmal erfolgreicher Mobilisierung von Zustimmung (GUSFIELD 1981; GERHARDS 1992; SCHETSCHE 1996). Ich schlage allerdings vor, statt von "Problemdimensionen" von Phänomenstrukturen zu sprechen, um eine begriffliche Fokussierung auf umstrittene gesellschaftlich-politische "Probleme" zu vermeiden (vgl. dazu auch den Begriff des "Kodier-Paradigmas" in der Grounded Theory bei STRAUSS & CORBIN 1996, S.75ff.). Die durch Phänomenstrukturen konstituierten Phänomene müssen keineswegs als "Problem" erscheinen, selbst wenn es sich in sehr allgemeiner Hinsicht gewiss immer auch um "Deutungs- und Handlungsprobleme" handelt – aber eben keineswegs notwendig um "soziale" Probleme. Aus der bisherigen Diskursforschung lassen sich einige wichtige Elemente solcher Phänomenstrukturen gewinnen. Von zentraler Bedeutung sind bspw. die Subjektpositionen, die ein Diskurs konstituiert, und die in verschiedener Hinsicht differenziert werden können. So nehmen Diskurse Positionierungen von sozialen Akteur(inn)en als Held(inn)en, Retter(inn)en, Problemfälle, vernünftig und verantwortungsvoll Handelnde, Bösewichte etc. vor. Dies erfolgt jedoch nicht nur im Hinblick auf die "Agent(inn)en" der angebotenen Erzählung, sondern auch in Bezug auf die verschiedenen Adressaten eines Diskurses. Dazu zählen auch diskursgenerierte Modellpraktiken, welche für die durch einen Diskurs definierten Handlungsprobleme Handlungsanweisungen zur Verfügung stellen. [26]

Das Konzept der Phänomenstruktur greift solche Überlegungen auf und bezieht sie darauf, dass Diskurse in der Konstitution ihres referentiellen Bezuges (also ihres "Themas") unterschiedliche Elemente oder Dimensionen ihres Gegenstandes benennen und zu einer spezifischen Gestalt, einer Phänomenkonstellation, verbinden. Damit sind keine Wesensqualitäten eines Diskurs-Gegenstandes bezeichnet, sondern die entsprechenden diskursiven Zuschreibungen. Die analytische Rekonstruktion der Phänomenstruktur richtet sich auf zwei Aspekte: Die dimensionale Erschließung bezieht sich auf die allgemeine Zusammensetzung der Phänomengestalt. Die Dimensionen, aus denen ein Phänomen diskursiv konstituiert wird, können sich in einem diskursiven Feld zwischen verschiedenen, miteinander konkurrierenden Diskursen mehr oder weniger stark gleichen bzw. unterscheiden. Die inhaltliche Ausführung der im ersten Schritt rekonstruierten Dimensionen kann nach dem situativen Anlass eines diskursiven Ereignisses und auch zwischen Diskursen erheblich variieren. Die Wissenssoziologische Diskursanalyse zielt hier auf eine Typisierung der Gehalte, auf die Regeln oder Prinzipien dessen, was als Inhalt in Frage kommt und wie dies geschieht, nicht auf die summarische Zusammenstellung all dessen, was in "Originalzitaten" – die durchaus für Darstellungs- und Illustrationszwecke benutzt werden können – gesagt wurde. Die tatsächlichen Bausteine der Phänomenstruktur eines Diskurses müssen also aus den Daten erschlossen werden. Einzelne Diskursfragmente enthalten dazu in der Regel nur partielle Elemente. Die folgende Tabelle illustriert den Gedanken der Phänomenstruktur am Beispiel meiner Analyse öffentlicher Auseinandersetzungen über das Hausmüllproblem, bezogen auf den französischen hegemonialen Abfalldiskurs (KELLER 1998, S.232):

Dimensionen

Inhaltliche Ausführung (Beispiel: administrativer Abfalldiskurs)

Ursachen

Abfall als "Sauberkeitsproblem"; Diskrepanz zwischen Mengenaufkommen und Entsorgungs- bzw. Verwertungsinfrastruktur:

  • Wohlstandswachstum, ökonomischer und technischer Fortschritt, Konsumbedürfnisse der Verbraucher(innen) -> Anstieg des Abfallaufkommens

  • Abfall als Problem defizitärer Müllentsorgung auf Deponien

  • Abfall als Problem mangelnder staatsbürgerlicher Verantwortung und Disziplin

  • Abfall als Problem nationaler Zahlungsbilanz/Rohstoffnutzung

  • Abfall als Problem internationaler Wettbewerbsbedingungen

Verantwortung

(Zuständigkeit)

  • Politik/staatliche Administration (muss in Abstimmung mit der Wirtschaft Rahmenprogramme der Abfallpolitik erarbeiten und durchsetzen)

  • Gebietskörperschaften, Wirtschaft (eigenverantwortliche Umsetzung der politischen Vorgaben)

  • Bürger(innen)/Gesellschaft (Aufgabe irrationaler Ängste, egoistischer Ablehnungen; Übernahme von Verantwortung für die Abfälle und Akzeptanz der Technologien)

Handlungsbedarf/

Problemlösung

Niedriges Problemlevel; technische Beherrschung der Abfallsituation ist möglich durch Verwertung und Beseitigung; Maßnahmen:

  • großtechnischer Ausbau und Optimierung der Entsorgungs- und der Verwertungsinfrastruktur

  • Akzeptanzschaffung für Entsorgungsinfrastruktur durch Kommunikation und Partizipation

  • umfassende Mobilisierung staatsbürgerlicher Verantwortung (Kommunen, Wirtschaft, Verbraucher)

Selbstpositionierung

  • Vertreter(innen) der wissenschaftlich-technischen, ökonomischen und pragmatischen Vernunft, des zivilisatorischen (soziokulturellen/-technischen) Fortschritts

  • Staat als Wahrnehmer des Kollektivinteresses

Fremdpositionierung

  • zivilgesellschaftliche Akteure (Gebietskörperschaften, Wirtschaft, Bürger[innen]) zeigen mangelndes Verantwortungsbewusstsein, irrationale Ängste und Verdrängung

  • Irrationalismus und Fundamentalismus der deutschen Abfallpolitik, Tarnmantel für Wirtschaftsprotektionismus

Dingkultur/ Wohlstandsmodell

Kein Gegenstand der Abfalldiskussion; folgt unverfügbaren Modernisierungsdynamiken und Marktrationalitäten; materielles Wohlstandsmodell; Freiheit der Bedürfnisse (Produktion und Konsum)

Wertbezug

  • Staat sichert Kollektivinteresse (Wohlstand, Fortschritt, Modernität)

  • (Faktische und moralische) Sauberkeit des öffentlichen Raumes

  • Natur als (national knappe) Ressource, deren Nutzung optimiert werden kann

  • Identität von derzeitiger Gesellschaftsform und "gutem Leben"

Tabelle 1: Beispiel für die Erfassung einer Phänomenstruktur [27]

3.4 Narrative Strukturen

Ein letztes Moment der inhaltlichen Gestalt von Diskursen ist an dieser Stelle zu benennen: Als narrative Strukturen können diejenigen strukturierenden Momente von Aussagen und Diskursen bezeichnet werden, durch die verschiedene Deutungsmuster, Klassifikationen und Dimensionen der Phänomenstruktur (z.B. Akteur(inn)en, Problemdefinitionen) zueinander in spezifischer Weise in Beziehung gesetzt werden. Narrative Strukturen sind nicht einfach nur Techniken der Verknüpfung sprachlicher Elemente, sondern als "mise en intrigue" (Paul RICŒUR 1983), als konfigurativer Akt der Verknüpfung disparater Zeichen und Aussagen in Gestalt von Erzählungen ein Grundmodus der menschlichen Ordnung von Welterfahrung (vgl. vor allem RICŒUR 1988, S.57, 1998). Als Aussagen haben sie performativen Charakter: sie konstituieren (bestreitbare) Weltzustände als Erzählungen, in denen es handelnde Akteur(inn)en, Ereignisse, Herausforderungen, Erfolge und Niederlagen, "Gute" und "Böse" etc. gibt. Von "story lines", plots usw. ist seit Anfang der 1990er Jahre in der Diskursforschung, aber auch in der sonstigen qualitativen Sozialforschung zunehmend die Rede (vgl. etwa GAMSON 1988; STONE 1989; HAJER 1995; POFERL 1997; KELLER 1998; VIEHÖVER 2004, 2006; auch die Idee des "roten Fadens der Geschichte" bei STRAUSS & CORBIN 1996, S.94ff.). [28]

Die im Diskurs erzeugten oder benutzten Wissens-Bausteine werden in der diskursspezifischen Aussagepraxis zu einer besonderen "Erzählung" zusammengeführt, über einen roten Faden, eine story line integriert. Narrative Strukturen umfassen abgrenzbare Episoden, Prozesse, das Personal bzw. die Aktanten und ihre spezifischen Positionierungen, die Raum- und Zeitstrukturen sowie die Dramaturgie (den plot) einer "Handlung" (VIEHÖVER 2006). In synchroner Hinsicht verknüpfen sie die unterschiedlichen Deutungselemente eines Diskurses zu einem zusammenhängenden, darstell- und erzählbaren Gebilde. In diachroner Perspektive werden dadurch die Aktualisierungen und Veränderungen der Diskurse im Zeitverlauf verbunden. Sie liefern das Handlungsschema für die Erzählung, mit der sich der Diskurs erst an ein Publikum wenden kann (POFERL 1997) und mit der er seine eigene Kohärenz im Zeitverlauf konstruiert. Durch den Rückgriff auf eine story line können Akteur(inn)en diskursive Kategorien sehr heterogener Herkunft in einem mehr oder weniger kohärenten Zusammenhang aktualisieren. Dadurch entsteht der für öffentliche Diskurse typische Hybridcharakter. Von Bedeutung ist dabei insbesondere die Herstellung von Kausalzusammenhängen durch "causal stories" (STONE 1989) und die Betonung von Handlungsdringlichkeiten im Rahmen von Dramen und Moralgeschichten. Kollektive Akteure aus unterschiedlichen Kontexten (z.B. aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft) koalieren bei der Auseinandersetzung um öffentliche Problemdefinitionen durch die Benutzung einer gemeinsamen Grunderzählung, in der spezifische Vorstellungen von kausaler und politischer Verantwortung, Problemdringlichkeit, Problemlösung, Opfern und Schuldigen formuliert werden. Probleme lassen sich (ent-) dramatisieren, versachlichen, moralisieren, politisieren oder ästhetisieren. Akteure werden aufgewertet, ignoriert oder denunziert. Sagbares trennt sich vom Nicht-Sagbaren. [29]

Mit den erwähnten Begriffen des Deutungsmusters, der Klassifikationen, der Phänomenstruktur und der narrativen Struktur sind zunächst – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – konzeptuelle Anhaltspunkte der Wissensanalyse für die sozialwissenschaftliche Diskursforschung benannt. Doch wie kann man sich die konkrete Arbeit am Datenmaterial vorstellen? Bezogen auf die Erstellung und die Bearbeitung eines Datenkorpus im Rahmen empirischer Diskursforschung bieten mehrere von der Grounded Theory vorgeschlagen Arbeitsstrategien hilfreiche Anleitungen. Diese beziehen sich auf die Auswahl von Daten für die Feinanalyse ebenso wie auf die analytische Kombinatorik von Einzelergebnissen. Das möchte ich im folgenden Punkt erläutern. [30]

4. Vorgehensweisen

In der hier verfolgten Perspektive unterscheidet sich der allgemeine Forschungsprozess in der Diskursforschung nicht von der üblichen (qualitativen) Sozialforschung (KELLER 2007). Im Anschluss an die Formulierung der Fragestellungen und die Sichtung einschlägiger wissenschaftlicher Literatur erfolgt in der Regel eine an heuristischen Kriterien orientierte Zusammenstellung des Datenkorpus. Diese kann gegebenenfalls im Fortgang der Analyse korrigiert, also bspw. erweitert werden. Die dann anschließende Datenauswahl einzelner Dokumente zur Feinanalyse ist ein offener, kriteriengeleiteter Suchprozess, der nicht vorschnell zur Bildung eines definitiven Teilkorpus innerhalb des Gesamtkorpus führen sollte, sondern sukzessive die Bandbreite des gesamten Datenmaterials durchschreitet und erfasst. Nach Maßgabe einzelner durchgeführter Detailanalysen ergeben sich möglicherweise neue Kriterien für die weitere Auswahl. Für diese aufeinander folgenden und bezogenen Auswahlschritte bietet sich eine Orientierung an der Grounded Theory (STRAUSS & CORBIN 1996) und – bezogen auf die konkrete forschungspraktische Umsetzung – (gegebenenfalls) eine Verwendung der daran orientierten Textanalysesoftware (Atlas.ti; MaxQDA) an. Damit ist keineswegs eine Gleichsetzung von Grounded Theory und Diskursforschung anvisiert, und auch die Unterschiedlichkeit der jeweils verfolgten Forschungsinteressen und Anwendungsfelder soll nicht geleugnet werden. Doch innerhalb der Methodologie der qualitativen Sozialforschung bietet die Grounded Theory einige nützliche Reflexionen und Hilfestellungen zur Vorgehensweise, die sich auf unterschiedlichste Forschungsinteressen und -methoden beziehen lassen. Davon kann auch die Diskursforschung profitieren. [31]

Zunächst spielen aus der Grounded Theory vor allem das theorieorientierte Sampling und die Prinzipien der minimalem bzw. maximalen Kontrastierung eine wichtige Rolle. Dabei geht es darum, die Auswahl der für die Feinanalyse heranzuziehenden Dokumente aus dem Forschungsprozess und den damit verfolgten Fragestellungen heraus zu begründen. "Theorieorientiertes Sampling" bedeutet, dass die Auswahl von Daten (bspw. Textpassagen) zur Analyse nicht zufällig erfolgt und auch nicht an statistischer Repräsentativität orientiert ist, sondern sich an Kriterien der Forschungsfragen orientiert. Man beginnt mit einem "bedeutsam erscheinenden" Dokument, analysiert es und sucht dann innerhalb des Datenkorpus nach einem dazu stark unterschiedlichen (maximale Kontrastierung) oder vergleichsweise ähnlichen (minimale Kontrastierung) Aussageereignis, etwa mit dem Ziel, die gesamte Bandbreite der Aussageereignisse eines Diskurses im typisierenden Zugriff zu erschließen. Die "Bedeutsamkeit" eines Dokumentes kann sich aus verschiedenen Kriterien ergeben. Möglicherweise handelt es sich um einen Text, auf den häufig referiert wird, der von einer wichtigen institutionellen Position heraus verbreitet wird, der durch seine dezidierte inhaltliche Profilierung auffällt oder der ganz "intuitiv" als wichtig für das verfolgte Frageinteresse erscheint. In jedem Fall ist es nützlich, sich die Kriterien einer solchen Auswahl zu vergegenwärtigen und danach zu fragen, inwieweit sie mit der zugrunde gelegten Diskursperspektive in Einklang sind. Ist ein solches erstes Dokument analysiert, so kann die Auswahl des nächsten Dokumentes sich daran orientieren, ein dazu innerhalb des Korpus möglichst unterschiedliches Aussageereignis zu analysieren. Kriterien dafür sind u.a. Eindrücke über inhaltliche Positionen oder unterschiedliche Träger der Aussageereignisse. [32]

Am Beispiel der Debatten über den Treibhauseffekt und Klimawandel könnte etwa ein alarmistisches Bedrohungsszenario den Ausgangspunkt bilden. Ein Beitrag, der die Vorzüge und Nützlichkeit des Klimawandels betont, würde dazu vergleichsweise stark kontrastieren. Wiederum kann die Auswahl des anschließenden Dokuments sich an einer erneuten Kontrastierung orientieren, bspw. von einem Aussagenträger politischer Couleur zu einer Gruppe von Wissenschaftler(inne)n übergehen. Die Orientierung an der maximalen Kontrastierung ermöglicht es, nach und nach das Gesamtspektrum des Diskurses oder der Diskurse innerhalb eines Korpus zu erfassen und dadurch mehrere Diskurse zu einem Thema oder innerhalb eines Diskurses seine heterogenen Bestandteile herauszuarbeiten. Die minimale Kontrastierung richtet sich darauf, den jeweils erfassten Teilbereich möglichst genau und vollständig zu rekonstruieren, bis seine Analyse schließlich als gesättigt erscheint. D.h., hier werden bewusst möglichst ähnliche Aussageereignisse zur Auswertung herangezogen. Da sich die Analyse einzelner Aussageereignisse auf typische Muster, Gehalte, Elemente usw. richtet und diese rekonstruiert, lassen sich in der Regel vergleichsweise schnell "Wiederholungen" finden – das ist ja tatsächlich eines der Kriterien, um überhaupt von der Zugehörigkeit zu ein- und demselben Diskurs zu sprechen. Nicht jedes Aussageereignis bildet den Diskurs insgesamt ab, aber die Variation ist doch begrenzt. Durchgehend sollte auf die Vergleichbarkeit bzw. Relationierung der ausgewählten Dokumente oder Teildokumente geachtet werden; erst dadurch sind konsistente Interpretationen möglich. Bspw. unterscheiden sich Flugblätter und Zeitungsberichte in verschiedener Hinsicht, etwa als Textgattungen, bezüglich der Adressat(inn)en und des inhaltlichen Aufbaus sowie der damit verfolgten Ziele. Eine Analyse dieser unterschiedlichen Datentypen muss dies berücksichtigen, damit keine Schräglage entsteht bzw. die unterschiedlichen Artikulationsweisen von Diskursen nicht unreflektiert vermischt werden. [33]

Der Auswahlprozess des Theoretical Sampling wird durchgeführt, bis zusätzliche Analysen keinen Erkenntnisgewinn über das Gesamtkorpus bzw. die daran gestellten Forschungsfragen mehr ergeben. Dies äußert sich im Untersuchungsprozess in der Feststellung von Wiederholungen: Weitere Analysen von Aussageereignissen liefern keine neuen Kategorien oder Ideen, sondern immer nur eine Bestätigung der bereits erarbeiteten Deutungsmuster, Phänomenstrukturen, Klassifikationen und narrativen Verknüpfungen. Gewiss kann bspw. der Treibhauseffekt mit unterschiedlichsten Worten, Beispielen und Bezügen zum Thema werden. Doch die allgemeinen Muster ihrer Verknüpfung zu einer Erzählung über Klimawandel, über die dafür zu übernehmende Verantwortung usw. sind relativ begrenzt. Von einer "Sättigung" der Analyse zu sprechen bedeutet hier also, auf dieser Ebene des Typischen den begründeten Eindruck formulieren zu können, alles Wichtige erfasst zu haben – auch dann, wenn jedermann weiß, dass die Zahl der empirischen Aussageereignisse zwar endlich, aber eben doch Legion ist. Bezogen auf das Konzept der Phänomenstruktur meint das bspw., dass weitere Einzelanalysen keine neuen Phänomenbausteine mehr zu Tage fördern. Vielleicht benennt ein Diskurs Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen eines Geschehens, aber keine Akteure, keine Verantwortlichkeiten, keine Werturteile, keinen Handlungsbedarf. In einem anderen Fall mag all dies als Baustein einer Phänomenstruktur vorhanden sein. Dies gilt vergleichbar im Hinblick auf die Untersuchung von Deutungsmustern, die in der Phänomenvorstellung eingesetzt werden oder bezogen auf die Klassifikationen, die das im Diskurs präferierte Ordnungsraster der Welt vorstellen. In der vergleichenden Untersuchung über die Hausmülldebatten in Deutschland und Frankreich (KELLER 1998) wurden bspw. für den französischen Diskurs sechs spezifische Deutungsmuster rekonstruiert, die seine Aussageereignisse strukturieren. Die Ergebnisse der Detailanalysen werden dann zu Gesamtaussagen über den oder die Diskurse, ihre story lines, Deutungsmuster, Klassifikationspraktiken und Phänomenstrukuren zusammengeführt. Die erwähnten Vorgehensweisen sind insoweit forschungsökonomisch, als vergleichsweise schnell datenbezogene Sättigungseffekte auftreten – die Zahl der Variationen ist begrenzt. So kann es genügen, bezogen auf eine bestimmte Forschungsfrage eine vergleichsweise geringe Datenmenge genau auszuwerten, um das Untersuchungsfeld hinreichend zu erfassen. Die vom einzelnen Diskursfragment abstrahierende Rekonstruktion der "Gesamteinheit" eines Diskurses bzw. mehrer untersuchter Diskurse erfolgt aus dem schrittweisen Vorgehen und Vorantasten durch eine mehr oder weniger große Zahl einzelner Feinanalysen. Dadurch lassen sich einerseits einzelne Diskurse möglichst genau charakterisieren, und andererseits lässt sich das Spektrum des Feldes, etwa die Anzahl vorhandener Diskurse, erfassen. So habe ich, bezogen auf die bereits erwähnte Untersuchung der Hausmülldebatten, für die französische Öffentlichkeit von einem einzigen hegemonialen Diskurs gesprochen, für die deutsche Öffentlichkeit von zwei konkurrierenden Diskursen (KELLER 1998). Das ist gewiss Ergebnis einer "Typenkonstruktion". Es sind unumgänglich die Interpret(inn)en, die entsprechende mehr oder weniger stilisierende Zurechnungen vornehmen und dabei zunehmend vom empirischen Ausgangsmaterial abstrahieren. [34]

Für die Durchführung von Feinanalysen einzelner Daten (bspw. Texte als "Aussageereignisse"), d.h. also im Hinblick auf die konkrete Rekonstruktion der Deutungsmuster, Bausteine von Phänomenstrukturen usw., sind weitere Vorschläge der Grounded Theory hilfreich. Dazu zählen die Konzepte des Kodierens, der Kommentare und der Memos. Da die Grounded Theory sich primär für eine forschungsbasierte Theoriebildung im Hinblick auf soziale Handlungs- bzw. Interaktionsfelder – bspw. den Umgang mit Sterbenden im Krankenhaus – interessiert, müssen ihre Konzepte für die Fragestellungen der Diskursforschung modifiziert bzw. auf deren Analyseinteressen (bspw. nach den Wissensbausteinen, deren Verknüpfungen und daraus ableitbaren "Regeln" der Aussagepraxis) bezogen werden. Bei Kommentaren handelt es sich letztlich um die Forderung, sich Notizen zu machen, etwa dafür, warum man bestimmte Textstellen einer spezifischen Kategorie zugeordnet hat. Als Memos werden mehr oder weniger umfangreiche Aufzeichnungen während des Untersuchungsprozesses bezeichnet, in denen festgehalten wird, was bezüglich einer spezifischen Textpassage oder einer Kodierung an weiteren Überlegungen, Ideen, Geistesblitzen und Hypothesen entsteht. Memos (und Kommentare) sind also Bestandteile eines forschungsbegleitenden Notizbuches. [35]

Etwas genauer möchte ich an dieser Stelle noch auf den Begriff der Kodierung eingehen. Damit bezeichnen einige Vertreter(innen) der Grounded Theory die analytisch-interpretative Gewinnung theoretischer Begriffe bzw. Kategorien aus dem empirischen Datenmaterial heraus (vgl. STRAUSS & CORBIN 1996 zur genauen Erläuterung). STRAUSS und CORBIN unterscheiden dabei zwischen dem offenen, dem axialen und dem selektiven Kodieren. Das offene Kodieren kommt zunächst in einer strengen feinanalytischen und sequenziellen Vorgehensweise zum Einsatz, bei der bspw. Texte (als Datengrundlage) Wort für Wort bzw. Satz für Satz einer extensiven Auslegungsarbeit unterzogen werden, die darauf zielt, allgemeine Kategorien dafür zu entwickeln, worum es in der untersuchten Passage geht. STRAUSS und CORBIN (1996, S.45ff.) illustrieren die Vorgehensweise am Beispiel einer Beobachtungssituation in einem Restaurant, wo eine "Dame in Rot" in der Küche agiert, offensichtlich, ohne zum Küchenpersonal zu gehören. Sie liest Zettel an der Wand, sie stellt dem hereinkommenden Kellner eine Frage, sie durchblättert ein Buch. STRAUSS und CORBIN bezeichnen diese Tätigkeiten zunächst mit dem Konzept der "Informationsgewinnung", das sie wiederum als Untertyp einer allgemeineren Kategorie ("Beurteilung und Aufrechterhaltung des Arbeitsflusses") und letztlich einer nochmals allgemeineren Kategorie für die Funktion der Person bzw. Position ("Speisedirigentin") zuordnen. Ein entsprechendes Verfahren lässt sich auch auf Interviews oder sonstige Textdokumente beziehen (vgl. bspw. STRAUSS & CORBIN 1996, S.58f., auch STRAUSS 1991, wo ausführliche Interpretationssitzungen dargestellt werden). Im Rahmen der Diskursforschung werden durch diesen Prozess Bausteine von Phänomenstrukturen und auch Benennungen für Deutungsmuster entwickelt. Im axialen Kodieren (STRAUSS & CORBIN 1996, S.75ff.) geht es darum, die gewonnenen Kategorien im Rahmen eines "Kodier-Paradigmas" zueinander in Beziehung zu setzen, das zwischen ursächlichen Bedingungen, intervenierenden Bedingungen, dem Kontext, den Handlungsstrategien zur Problembewältigung, den interaktionalen Strategien der Beteiligten und den Konsequenzen dieser Interventionen im Hinblick auf ein untersuchtes Phänomen unterscheidet. In den Begriffen der Wissenssoziologischen Diskursanalyse ist dies der Prozess, in dem die Ordnung einer Phänomengestalt konstruiert wird. Schließlich zielt das selektive Kodieren (STRAUSS & CORBIN 1996, S.94ff.) auf die Hierarchisierung und Verknüpfung der vorläufig geordneten Kategorien: Was kann als zentrale oder Kernkategorie benannt werden? Wie sieht der rote Faden aus, der die verschiedenen Kategorien zu einer Erzählung verknüpft? Wo nimmt die Erzählung ihren Ausgang, wohin bewegt sie sich? Im Rahmen der Wissenssoziologischen Diskursanalyse ist dies die story line, welche die verschiedenen typisierten Elemente, das Interpretationsrepertoire der Aussageereignisse miteinander zu einer spezifischen unverwechselbaren Erzählung verknüpft, durch die sich der betreffende Diskurs von anderen unterscheidet. [36]

Eine hervorgehobene Position kommt in dem Analyseprozess der erwähnten sequenziellen Feininterpretation der Daten zu, die auch in der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung in einigen Ansätzen (u.a. der Objektiven Hermeneutik und der Hermeneutischen Wissenssoziologie) eine zentrale Rolle spielt. Tatsächlich bietet die Grounded Theory mit ihren Überlegungen zur Kategorienbildung eine Lösung für Probleme, die sich in der deutschsprachigen Soziologie aus den Ende der 1970er Jahre formulierten Vorschlägen zur "sequenzanalytischen Vorgehensweise" ergeben hatten. Allgemein wurde diese Vorgehensweise dadurch beschrieben, dass sie zunächst ein möglichst breites Deutungsspektrum aufbaue, also einzelne Textbausteine möglichst extensiv und gegen alle Voreingenommenheiten der Interpret(inn)en ausdeuten solle und erst im Fortgang der Deutung anschließender Textelemente diese Deutungen sukzessive reduziere, bis eine Deutungshypothese gewonnen sei, die, etwa bei SOEFFNER (1989), für alle thematisch vergleichbaren Textstellen eine begründbare Deutung identifiziert oder mitunter, wie z.T. bei OEVERMANN, ALLERT, KONAU und KRAMBECK (1979) als umfassende (latente) Sinnstruktur einem "Fall" zugrunde läge. Obwohl diese Texte das Vorgehen deutlich machen, leiden sie doch darunter, dass es an jeweils wenigen Datenausschnitten illustriert und mit weitreichenden theoretischen Grundnannahmen verknüpft wurde, die suggerieren, es ließe sich nur auf sehr spezifische Fragestellungen und Bezugsprobleme anwenden; entsprechend standen Materialinterpretation und "genialische Deutungsfigur" vergleichsweise unvermittelt nebeneinander. Die Grounded Theory bietet mit ihrem Kodierverständnis nun genau eine allgemeinere Reflexion und übertragbare Systematisierung jener Zwischenschritte an, die es erlauben, die Interpretationsarbeit der Feinanalysen zur Gestalt einer "interpretativen Analytik" im weiter oben ausgeführten Sinne auszubauen und diskursbezogen Deutungsmuster, Klassifikationen, Phänomenstrukturen und narrative Strukturen zu (re-) konstruieren. Die Richtung oder das Ziel einer solchen Kodierung wird in der Diskursforschung durch die spezifischen Fragestellungen und damit verbundenen Konzepte vorgegeben (bspw. Bausteine bzw. kategoriale Elemente der Phänomenstruktur, Subjektpositionen, Praktiken, Deutungsmuster). Dies möchte ich an einem Beispiel aus einer Untersuchung von Rainer DIAZ-BONE (2003) illustrieren. Es handelt sich um eine Passage aus einem Artikel über eine Bremer Band:

"Wobei diesbezüglich von 'Spielerei' genauso wenig die Rede sein kann wie bei der aktuellen Produktion. Die Bremer 'Wölfe' stehen eh in dem Ruf, zur äußerst anspruchsvollen Spezies zu gehören. 'Was wir jetzt wieder an Eigenkritik und Härte gegen uns selbst veranstaltet haben, grenzt an Masochismus!' heult der Leitwolf. 'Wir konnten zwar bereits nach einer Woche die bisher besten Gitarrensounds fixieren, die wir je hatten, doch das hielt uns nicht von weiteren Experimenten ab. Manchmal türmte sich im Studio ein gutes Dutzend verschiedener Gitarren und ebenso vieler Verstärker der Preisklasse "finanzieller Selbstmord" (...) Und diese Geräte checkten wir erneut in allen möglichen und unmöglichen Variationen an, überspielten sogar immer wieder Aufnahmen, die eigentlich schon als "abgehakt" galten'." (Textpassage aus der Zeitschrift METAL HAMMER, zit. nach KELLER 2007, S.103) [37]

DIAZ-BONE hat für diesen Textauszug den Kode "Arbeitsethos" vergeben. In den Begriffen der von mir vorgeschlagenen Wissenssoziologischen Diskursanalyse handelt es sich um einen Baustein der Phänomenstruktur des medialen "Heavy-Metal"-Diskurses. Wie wird nun eine solcher Kode ermittelt? Unabhängig davon, wie DIAZ-BONE vorgegangen ist, lässt sich doch ein mögliches sequenzanalytisches Vorgehen wie folgt (und notgedrungen etwas knapp) erläutern (Probieren Sie es einmal im Seminar mit der Textpassage aus!): Im ersten Satz werden mit dem expliziten Begriff der "Spielerei" verschiedene Gegensätze aufgemacht, bspw. zwischen Spielerei und Ernsthaftigkeit, zwischen planlosem, vielleicht spaßigem Probieren und gezieltem Tun, zwischen zwecklosem Zeitvertreib und Arbeit, zwischen Leichtigkeit und Mühe, Freiheit und Pflicht, Hobby und Beruf bzw. Professionalität. Damit wird eine Klassifikation von (Musik-?) Praktiken vorgenommen, wobei die Protagonisten der Darstellung eindeutig dem nicht-spielerischen Feld zugeordnet werden. Im anschließenden Satz werden diese Protagonisten weiter kategorisiert, als zugehörig zu gefährlichen Wesen ("Spezies") eigener Art mit extremen Anspruchsniveaus bestimmt. Gleichzeitig tritt ein Textautor in Erscheinung, der sich als Experte outet ("stehen eh in dem Ruf"). Das dargestellte Handeln geht in seinem Perfektionismus bis an die Schmerzgrenze des Pathologischen. Nichts ist den Protagonisten gut genug, sie riskieren den ("finanziellen") Selbstmord usw. Dies ist die wesentliche Botschaft der zweiten Hälfte des Abschnitts. Darin wird nun auch präzisiert, dass es tatsächlich um Musik geht. [38]

Wie lässt sich nun mit einer analytischen Kategorie benennen, um was es in diesem Absatz geht? Zunächst kann man ausprobieren, welche allgemeine Kategorie am "passungsfähigsten" erscheint. Geht es um "Musikproduktion"? Um "Höchstleistung?" Um "Arbeitseinstellung?" Welche dieser Kategorien bzw. welcher dieser Kodes ist am ehesten geeignet, den Inhalt zu bezeichnen? "Musikproduktion" ist wohl eher das allgemeine Thema oder der Inhalt des Abschnitts und wenig aussagekräftig. "Höchstleistung" erscheint dagegen als Unterkategorie der "Arbeitseinstellung". Deswegen bietet sich der Kode der Arbeitseinstellung bzw. des "Arbeitsethos" für diese Passage an: er kann all die anderen Elemente (die Ernsthaftigkeit, die Professionalität, die Aufopferung für die Leistung) verbinden. Allerdings kann eine Analyse der Textpassage sich nicht damit begnügen, "Arbeitsethos" als Baustein der Phänomenstruktur des Heavy-Metal-Diskurses zu bestimmen. Gewiss mag es konkurrierende "Musikdiskurse" geben, die eher das "Spielerische", Unproduktive oder die künstlerische Genialität in den Vordergrund stellen (bspw. in Teilen des Jazz). Aber das "Arbeitsethos" wird auch in anderen Feldern der Musik eine wichtige Rolle spielen. Deswegen geht es weiter um die Frage der "inhaltlichen Ausführung", d.h. darum, welches Arbeitsethos hier benannt wird: die Selbstaufopferung im Dienst der Sache (und nicht etwa die "disziplinierte Verfolgung einer Aufgabe", was eine andere mögliche Deutungsfigur wäre). Mit anderen Worten: es muss einer Diskursanalyse auch darum gehen, welches allgemeine Deutungsmuster dann das Merkmal einer Phänomenstruktur inhaltlich ausführt. [39]

Angenommen, das Forschungsinteresse zielt, wie in vielen Untersuchungen von "Umweltdiskursen", auf die in einem Diskurs angebotene Phänomenstruktur des betreffenden "Umweltproblems". Zunächst kann im Sinne der sequenziell vorgehenden Kategoriengewinnung ermittelt werden, ob "Technik" (Natur, Verursachung, Verantwortung, Wertvorstellungen ...) in den zugrunde liegenden Daten überhaupt eine Rolle spielt, als Bestandteil der Phänomenstruktur ermittelt werden kann, und wenn ja, in welcher Form (bspw. als Problem, Hilfsmittel, Lösung?) dies geschieht. Dann werden ausgewählte Textpassagen einer vertiefenden Feinanalyse unterzogen, um zu spezifizieren, welches Deutungsmuster für "Technik" eine Aussage, ein Diskursfragment, mehrere zusammengehörige Sätze, Abschnitte, Kapitel oder vollständige Texte organisiert. Für die Fragestellungen der Diskursforschung bietet es sich an, nicht die Wort- oder Satzebene, sondern die Einheit von "Textabschnitten" als Grundlage für eine entsprechende Kategorienbildung zu nutzen. Das Prinzip der Sequenzanalyse besteht darin, im Hinblick auf die interessierenden Untersuchungsfragen dem Textfluss folgend zunächst möglichst viele Interpretationshypothesen zu entwerfen. Diese Interpretationshypothesen werden am unmittelbaren weiteren Textfortgang auf ihre Angemessenheit hin überprüft, verworfen oder beibehalten bzw. präzisiert. Idealerweise handelt es sich dabei um einen Gruppenprozess, in dessen Fortgang nach und nach bestimmte Interpretationen ausgeschlossen und eine einzige als "passend" sozial objektiviert werden kann. Das bedeutet, dass die gewonnene Hypothese bzw. das rekonstruierte Deutungsmuster gegenüber anderen Deutungsfiguren den Bedeutungsgehalt der betreffenden Textpassage und damit die Strukturierung des Äußerungsfragments am "überzeugendsten" bezeichnet. Gleichzeitig zielt die zunächst extensive Auslegungsarbeit darauf, die Projektion eigener Vorurteile auf einen Text zu vermeiden; es handelt sich also um eine Strategie methodischer Selbstkontrolle. Die Benennung der Deutungsmuster erfolgt durch den Forscher/ die Forscherin; dabei kann mitunter auf Begriffe aus den untersuchten Texten selbst zurückgegriffen werden. Bspw. liegt der folgenden Textpassage aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung, der sich u.a. mit Müllverbrennung befasste, das Deutungsmuster "Technik als Risiko" zugrunde, das auch in ganz anderen Anwendungsbereichen (etwa bezogen auf den Transrapid, die Gentechnologie usw.) zum Einsatz kommt (vgl. zur Gesamtanalyse KELLER 1998, 2004).

"Als modernstes Müllverbrennungswerk Deutschlands, wenn nicht sogar der Welt apostrophiert, wurde in Augsburg eine über 900 Millionen Mark teure Anlage im Herbst vergangenen Jahres 'warm' in Betrieb genommen. Letzte Woche kam der Probelauf zu einem plötzlichen Ende. Dabei fielen Worte, wie der Zeitungsleser sie nur in bezug auf Atommeiler kennt: Risse in einer Dampfdruckleitung, Lecks in Wasserleitungen, Schnellabschaltung. Und natürlich: Die gesetzlich zugelassenen Emissionsbelastungen der Umwelt wurden nicht überschritten. Man darf es nicht vergessen: Jede Technik ist störanfällig – je diffiziler sie ist, desto pannenträchtiger, eine Binsenweisheit." (SZ, 5.5.94, o.S.) [40]

Zuletzt möchte ich an dieser Stelle kurz die Frage der Klassifikationen ansprechen. Mit dem erwähnten Deutungsmuster von "Technik als Risiko" ist zugleich eine Klassifikation der Welt verbunden, in der es verantwortungsvolle Akteure gibt (die auf die Technik verzichten), und solche Akteure, die (aus Machtstreben, Profitgier, Leichtsinn usw.) ihren Einsatz betreiben; in der es technische Unsicherheit und nicht-technische Sicherheit usw. gibt. Solche Klassifikationen oder "Ordnungen der Dinge" lassen sich gewinnen, indem man die Differenzkategorien zu den rekonstruierten Deutungsmustern bildet bzw. sie entsprechend gruppiert. Dann stehen sich bspw. in der Ordnung des französischen hegemonialen Abfalldiskurses eine verantwortungsvolle Staatsverwaltung und eine widerspenstige Gemengelage von zivilgesellschaftlichen Akteuren gegenüber; die Abfallverwertung wird zum Gegenstand des nationalen Interesses, während die Abfall"verschwendung" zum aggressiven Akt gegen die Nation (nicht: die Natur!) avanciert. [41]

5. Diskurse und Dispositive in der Wissenssoziologischen Diskursanalyse

In jüngerer Zeit wurden verschiedene Vorschläge entwickelt, die "Dispositivanalyse" als gegenüber der Diskursforschung eigenständige und weiter reichende Forschungsperspektive zu konturieren. FOUCAULT hatte verschiedentlich den Dispositivbegriff benutzt, um aus gesellschaftlichen Praxisvollzügen entstehende, nicht intendierte, aber gleichwohl "strategische" Antworten auf gesellschaftliche "Notlagen" zu bezeichnen, die sich, wie etwa das moderne "Sexualitätsdispositiv", zu einer Art "Gesamtgefüge der Hervorbringung" verdichten. Mit der daran anschließenden Dispositivanalyse solle insbesondere FOUCAULTs Idee einer genealogischen Vorgehensweise – im Unterschied zur "archäologischen" der Diskursforschung – und der "Macht"-Seite des Konnexes von Macht/Wissen Rechnung getragen werden (SEIER 1999; BÜHRMANN 2004; SCHNEIDER & HIRSELAND 2005; vgl. auch JÄGER 2001, 2006). Bislang ist die entsprechende Diskussion und Einforderung einer eigenständigen Dispositivanalyse allerdings kaum über grundlegende Klärungsversuche und Forderungen hinausgekommen. So zielt bei JÄGER (2001, 2006) die Bezugnahme auf Dispositive auf die Berücksichtigung der "Sichtbarkeiten" und "Vergegenständlichungen" eines Diskurses. BÜHRMANN entfaltet eine systematische Perspektive auf die Kompatibilität und Parallelität von Diskurs- und Dispositiv-Idee, wobei erstere stärker das Wissen, letztere die "Machtstrategien" in den Blick nehme. SCHNEIDER und HIRSELAND schließlich plädieren für eine der Diskursanalyse überlegene Dispositivanalyse, die an die Institutionenperspektive der BERGER und LUCKMANN-Tradition anknüpfen solle und zu einer soziologischen Generalperspektive entwickelt wird:

"Insofern gilt es, die hier entlang des Dispositivkonzepts diskutierte Erweiterung des diskursanalytischen Blicks hin zu einer umfassenden Analyse der konkret erfahrbaren gesellschaftlichen Wirklichkeit, die sich den Akteuren nicht nur qua (diskursiv vermitteltem) Wissen und Kommunikation erschließt, sondern ihnen in den Objektivationen ihres Denkens und Handelns gegenübertritt und zum 'Gegen-Stand' wird, wissenssoziologisch-diskurstheoretisch wie methodisch-praktisch voranzutragen. Dispositivanalysen könnten dazu beitragen, eine für Machtphänomene sensible 'praxeologische Brücke' zwischen 'Reden' und 'Handeln' zu schlagen, indem sie uns die (historisch) unterschiedlichen Formen des 'In-der-Welt-Seins' begreiflich machen, die nicht nur eine Frage des (Nicht)Sagbaren, sondern immer auch der (Un)Sichtbarkeiten/(Un)erfahrbarkeiten sind." (SCHNEIDER & HIRSELAND 2005, S.272f.) [42]

Gewiss gibt es gute Gründe für einen solchen großformatigen Dispositivbegriff; ob er zur Anleitung einer eigenständigen Forschungsperspektive entwickelt werden kann, bleibt abzuwarten. Schon im angeführten Zitat wird freilich deutlich, dass Diskurs- und Dispositivperspektive kaum voneinander getrennt werden können, oder doch nur dann, wenn der Diskursbegriff auf das "Textförmige", also Gesprochenes und Geschriebenes reduziert wird. Dann lässt sich das "Außersprachliche" in Gestalt von "Praxen", "Vergegenständlichungen" und "Machtstrategien" als Mehrwert der Dispositivanalyse behaupten. Demgegenüber möchte ich daran festhalten, dass Diskursforschung selbst bereits "mehr als Textanalyse" ist (KELLER 2005a, S.271; 2007, S.76ff.) und bspw. sowohl die "Machtwirkungen von Diskursen" wie auch die materialen Infrastrukturen der Diskursproduktion oder die institutionellen Effekte und Praxiswirkungen von Diskursen in den Blick nimmt (KELLER 2005a, S.257ff.). Sie kann dazu über die in den vorangehenden Abschnitten erläuterten wissensanalytischen Kategorien hinausgehend an allgemeine methodische Vorgehensweisen soziologischer Fallstudien anschließen, wobei die Fragestellungen durch das jeweilige Interesse der Diskursforschung angeleitet werden. Das erwähnte "Mehr als Textanalyse" lässt sich im Rahmen der Wissenssoziologischen Diskursanalyse bspw. durch den Einbezug von sozialen Akteuren, verschiedenen Praxisformen und Dispositiven kategorial fassen. So sprechen Diskurse nicht für sich selbst, sondern werden erst durch soziale Akteure und deren Sprachakte in gesellschaftlichen Praxisfeldern und institutionellen Gefügen "lebendig". Solche Akteure "schaffen" (und "zerstören") die Dispositive, d.h. die materiellen, kognitiven und normativen Infrastrukturen eines Diskurses immer nur im kontextuellen und heterogenen Gefüge existierender institutioneller Strukturierungen. Sie orientieren sich in ihren (diskursiven) Praktiken an den Regeln der jeweiligen Diskursfelder, bspw. an den Publikationszwängen der Medienberichterstattung oder des wissenschaftlichen Diskurses. Sie agieren im Diskurs und aus dem Diskurs heraus. Sie tun dies in institutionell strukturierten Zusammenhängen wie Universitäten oder Parlamenten, aber auch am häuslichen Schreibtisch oder in den Massenmedien. Sie treten auf als Sprecher(innen) und Repräsentant(inn)en mehr oder weniger großer sozialer Gruppen (Expert[inn]en, Parteien, Protestgruppen, Professionen, Organisationen). Sprecherpositionen innerhalb von Diskursen bilden ein in vielerlei Hinsicht gegliedertes und mehr oder weniger hierarchisches Netz von institutionell konfigurierten Rollensets und damit einher gehenden "Chancen auf Gehör". [43]

Der Begriff der Praktiken bezeichnet sozial konventionalisierte Arten und Weisen des Handelns, also typisierte Routinemodelle für Handlungsvollzüge, die von unterschiedlichsten Akteuren mit mehr oder weniger kreativ-taktischen Anteilen aufgegriffen, "gelernt", habitualisiert und ausgeführt werden. Praktiken finden sich in allen gesellschaftlichen Handlungsfeldern und auf allen Ebenen des individuellen und kollektiven Handelns. Zunächst kann von Praktiken der Diskurs(re)produktion gesprochen werden, um die Regulierungen des Sprachgebrauchs und der Bedeutungszuweisung zu bezeichnen, die diskursiven Ereignissen zugrunde liegen. Es handelt sich um Muster legitimer Äußerungsformen und Handlungsweisen im Diskurs, die seine Realität konstituieren: etwa (Regeln für) die Verfassung wissenschaftlicher Texte, legitime Vortragsstile, den Einsatz visueller Zeichenformate, Kleidungsstile, Anredeweisen u.a., auch die Schrift- oder Sprach-Genres bzw. kommunikative Gattungen auf institutionell-organisatorischer Ebene. Solche Praktiken sind gesellschaftlich mehr oder weniger allgemein verfügbar. Sie können für einzelne Diskurse oder ganze Diskursfelder spezifischen Charakter haben (etwa wissenschaftliche Diskurse, Protestdiskurse, öffentliche Diskurse). Eine zweite, davon unterschiedene Form der Praktiken wird in Diskursen im Rahmen der inhaltlichen Strukturierung ihrer Gegenstandsbereiche als Modelle für die adressierten diskursexternen Praxisfelder konstituiert. Ich bezeichne solche Praktiken als diskursgenerierte Modellpraktiken. Diese Muster des Handelns können sich sowohl auf Kommunikationsprozesse wie auf nicht-sprachliche oder nicht-zeichenbezogene Handlungsvollzüge richten. Ein Beispiel für den ersten Fall ist die Beichte als spezifische religiöse Praxis des kommunikativen Kontaktes zwischen Priestern als Vertretern eines Diskurses und den adressierten Gläubigen. Für den zweiten Fall kann exemplarisch auf die Formen der Müllsortierung verwiesen werden, die in den deutschen Abfalldiskursen der 1980er Jahre konzipiert und dann durch die Vermittlung gesetzlicher Verordnungen implementiert wurden. Dabei wird zugleich deutlich, dass die diskursiv generierten Modelle ihren praktischen Vollzug zwar anleiten, aber nicht völlig determinieren. Es bestehen also Freiheitsgrade im tatsächlichen Vollzug solcher Modellpraktiken. Eine letzte Ebene von Praktiken bilden schließlich die in gesellschaftlichen Praxisbereichen tradierten Arten und Weisen, etwas zu tun. Zwischen Verharrung und beständiger Veränderung bilden sie zunächst eine von Diskursen unabhängige Ebene der Handlungsvollzüge und umfassen ebenfalls sowohl sprachliche wie nicht-sprachliche Handlungsweisen. Diese Praktiken bezeichne ich als diskursexterne Praktiken. Dazu zählen bspw. die eher heterogenen Praktiken des Gehens, Kochens, Wohnens, Lesens, oder der Führung von Klatsch- und Tischgesprächen, aber auch diejenigen des Überwachens und Strafens, sofern sie sich gleichsam durch Erfahrungsbildung in entsprechenden Handlungskontexten und Berufstraditionen entwickelt haben und nicht Resultat diskursbasierter Modellkonstruktionen sind. Allerdings ist gerade die Unterscheidung zwischen den beiden letztgenannten Praxisformen nicht leicht zu treffen bzw. befindet sich im Prozess der Aufhebung, da die Enttraditionalisierung und die Dauerbeobachtung durch Expertensysteme sich mittlerweile auf alle gesellschaftlichen Praxisbereiche bezieht. [44]

Die sozialen Akteure, die einen Diskurs artikulieren, schaffen eine entsprechende Infrastruktur der Diskursproduktion und Problembearbeitung, die mit dem Begriff des Dispositivs bezeichnet werden kann. Dispositive sind die tatsächlichen Mittel der Machtwirkungen eines Diskurses. Dispositive vermitteln als "Instanzen" der Diskurse zwischen Diskursen und Praxisfeldern (Praktiken). Ein Dispositiv ist der institutionelle Unterbau, das Gesamt der materiellen, handlungspraktischen, personellen, kognitiven und normativen Infrastruktur der Produktion eines Diskurses und der Umsetzung seiner angebotenen "Problemlösung" in einem spezifischen Praxisfeld. Dazu zählen bspw. die rechtliche Fixierung von Zuständigkeiten, formalisierte Vorgehensweisen, spezifische (etwa sakrale) Objekte, Technologien, Sanktionsinstanzen, Ausbildungsgänge u.a. Diese Maßnahmenkomplexe sind einerseits Grundlagen und Bestandteile der (Re-) Produktion eines Diskurses, andererseits die Mittel und Wege, durch die ein Diskurs in der Welt interveniert. [45]

Gewiss handelt es sich dabei selten um völlige Neukonstruktionen; eher um eine permanente "bricolage" oder einen permanenten Umbau existierender "Vergegenständlichungen": Gesetze werde um Paragraphen erweitert, andere werden gestrichen. Kirchen werden von Reliquien "befreit", Administrationen um Abteilungen erweitert usw. Und selbstverständlich werden dabei Kompromisse bzw. Verbindungen mit anderen Diskurslinien eingegangen: Der kühne Entwurf eines neuen Hauptbahnhofs muss in seiner Umsetzung die Statik beachten, aber er wird auch der Logik der Finanzhaushalte unterworfen, der Passagierbewegungen, der feuerpolizeilichen Verordnungen usw. Deswegen sind unterschiedliche Entstehungsverhältnisse als Wechselwirkungen zwischen Diskursen (als gesellschaftlicher Praxis) und Vergegenständlichungen (als gesellschaftlicher Praxis) anzunehmen: So entstehen, wie FOUCAULT zeigte, aus ganz und gar praktischen Problematisierungen von Strafformen neue Begründungen, Argumente, Strategien und schließlich Diskurse (etwa über "humanen Strafvollzug). So folgen aus Diskursen spezifische Neuordnungen von "Praxisfeldern", wie etwa am Beispiel der Psychoanalyse oder der Klimadiskurse gezeigt werden kann. Es handelt sich immer um sich überkreuzende Ordnungen der Praxis bzw. entsprechende Ordnungsprozesse und -bemühungen, deren tatsächliche Reichweite vermutlich selten den diskursiv projektierten Modellen entsprechen, und die alle mehr oder weniger transitorischer Natur sind (KENDALL & WICKHAM 2001; LAW 1994). Die situative Realisierung der Ordnung von Praktiken innerhalb eines Praxisfeldes kann als kreative, selektive und taktische Aneignung bzw. Ablehnung von diskursiv prozessierten Mustern verstanden werden. Wissenssoziologische Diskursanalyse ist, indem sie die Idee der Materialität der Diskurse ernst nimmt, nicht nur Kommunikations-, Text- oder Bildforschung, sondern Diskurs- und Dispositivanalyse, also Fallstudie, Beobachtung, sogar ethnographische Verdichtung, die den Zusammenhang von Aussageereignissen, Praktiken, Akteuren, organisatorischen Arrangements und Materialitäten als mehr oder weniger weit historisch und sozial-räumlich ausgreifende Prozesse in den Blick nimmt. Inwieweit ihr dies in konkreten Einzelanalysen gelingt, ist freilich eine Frage, die von vielen Faktoren abhängt. [46]

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Zum Autor

Reiner KELLER ist Professor für Soziologie an der Universität Koblenz-Landau. Arbeitsgebiete: Diskursforschung, Wissens- und Kultursoziologie, Gesellschaftstheorie, qualitative Sozialforschung u.a.

Kontakt:

Prof. Dr. Reiner Keller

Universität Koblenz-Landau (Campus Landau)
FB 6: Kultur- und Sozialwissenschaften
Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Soziologie
Thomas-Nast-Str. 44
D-76829 Landau

Tel.: (06341) 990-126
Fax: (06341) 990-242

E-Mail: keller@uni-landau.de
URL: http://www.uni-landau-soziologie.de/

Zitation

Keller, Reiner (2007). Diskurse und Dispositive analysieren. Die Wissenssoziologische Diskursanalyse als Beitrag zu einer wissensanalytischen Profilierung der Diskursforschung [46 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), Art. 19, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0702198.



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