Volume 8, No. 2, Art. 15 – Mai 2007

Diskurs im Alltag – Alltag im Diskurs: Ein Beitrag zu einer empirisch begründeten Methodologie sozialwissenschaftlicher Diskursforschung

Anne Waldschmidt, Anne Klein, Miguel Tamayo Korte & Sibel Dalman-Eken

Zusammenfassung: Wie kann man Alltagswissen diskursanalytisch untersuchen? Die empirische Studie zum Internetforum "1000 Fragen zur Bioethik", einem diskursiven Ereignis im Interdiskurs, bietet einen guten Ausgangspunkt für eine methodologische Reflexion des Zusammenhangs von Alltag und Diskurs. Anhand einer Typologie werden zunächst "Spezialdiskurs", "Interdiskurs" und "Elementardiskurs" differenziert. Anschließend wird ein Beitrag zur Konzeptionalisierung des Alltagsdiskurses geleistet. Zu diesem Zweck werden Anschlüsse an die Wissenssoziologie nach BERGER und LUCKMANN hergestellt und diese wird einer an FOUCAULT orientierten strukturtheoretischen Lesart unterzogen. Dabei werden Strukturiertheit und Eigensinnigkeit des "Sprechens der Leute" wie auch die Bedeutung von Legitimierung und Subjektivierung für das Alltagswissen herausgearbeitet. Zum Schluss werden eigene Analyseergebnisse zum Verhältnis von Spezial- und Alltagswissen vorgestellt.

Keywords: Wissenssoziologie, Diskursanalyse, Spezialdiskurs, Interdiskurs, Elementardiskurs, Alltagsdiskurs, Diskursereignis, diskursives Thema, Alltag, Subjekt, Subjektivierung, Legitimation, Erfahrung, Internet, Bioethik

Inhaltsverzeichnis

1. Der Forschungsgegenstand

2. Das methodologische Problem

3. Diskursanalytische Einordnung: "diskursives Ereignis" und "diskursives Thema"

4. Drei Typen des Diskursiven

4.1 Diskurs als "Spezialdiskurs"

4.2 Diskurs als "Interdiskurs"

4.3 Diskurs als "elementarer Interdiskurs"

5. Diskurs im Alltag – Alltag im Diskurs: Eine "Leerstelle" in Diskursanalysen

5.1 "Alltagswissen": Die Konstruktion legitimer Wirklichkeiten

5.2 "Alltagswissen": Subjektivierung und Kreativ-Zyklus

6. Spezialwissen und Alltagswissen im Online-Forum "1000fragen.de"

7. Resümee

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autorinnen und zum Autor

Zitation

 

1. Der Forschungsgegenstand

Diskurstheoretisch betrachtet hatte sich die private Förderorganisation Aktion Mensch vorgenommen, dem gesellschaftlichen Diskurs seine "Ereignishaftigkeit" (FOUCAULT 1974, S.84) zurückzugeben, als sie die Website "www.1000fragen.de" einrichtete und damit "das Sprechen der Leute" (ebd.)1) anreizte – d.h. "Betroffene", Laien, Interessierte, kurz: "uns alle" aufforderte, sich in die biopolitische Diskussion einzumischen. Begleitet von professionell aufgemachten Großflächenplakaten, Kinospots sowie Anzeigen in der Tages- und Wochenpresse, die mit Beispielthemen2) und appellativen Frageaufforderungen3) arbeiteten, wurde die barrierefreie Onlineplattform im Oktober 2002 eröffnet. Fast vier Jahre lang konnten an dieser Stelle persönliche Fragen zu allen möglichen Aspekten der Bioethik eingegeben werden; gleichzeitig gab es die Möglichkeit, zu Fragen Anderer eigene Kommentare zu formulieren.4) [1]

Dieses in Konzeption und Reichweite innovative, die Möglichkeiten der virtuellen Kommunikation gezielt nutzende Diskussionsangebot stieß auf erstaunliche Resonanz: Hatte man zunächst befürchtet, noch nicht einmal die anvisierten 1.000 Fragen zu erreichen,5) so waren bis Ende Mai 2004 über 10.000 Fragen und 35.000 Kommentare in das Internetportal eingegeben worden.6) In Gang gehalten wurde der Zuspruch nicht nur durch Kontextereignisse wie die Nachricht von den angeblich geglückten Klonexperimenten an menschlichen Embryonen7), sondern vor allem auch durch die begleitende Öffentlichkeitsarbeit des Projektträgers. Im März 2003 wurden Hunderte der bereits eingegebenen Fragen wiederum auf Plakaten, Kinospots und Zeitungsanzeigen veröffentlicht und so eine neue Eingabewelle induziert; im September 2003 wurden die bis dahin gesammelten rund 8.500 Fragen unter dem Titel "Was wollen wir, wenn alles möglich ist?" in Buchform publiziert und im Rahmen einer "Nacht der 1000 Fragen" Experten aus Politik, Forschung und Wirtschaft überreicht. Zum gleichen Zeitpunkt fand in Berlin als vorläufiger Höhepunkt des "1000 Fragen"-Projekts ein mehrtägiges, Politik, Wissenschaft, Kunst und Theater kombinierendes Veranstaltungsprogramm statt. Ab Herbst 2004 ließ man die Nutzer(innen) der Internetplattform 78 Fragen, für die prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Patenschaften8) übernommen hatten, in moderierten Foren diskutieren. Unterdessen hielt die Resonanz unvermindert an: Im September 2005 wurden rund 12.000 Fragen und mehr als 50.000 Kommentare registriert; bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Webseite mehr als 1.500.000 Zugriffe (AKTION MENSCH 2005, S.84). [2]

Das in dem Internetforum "1000 Fragen zur Bioethik" gesammelte empirische Material bildet einen einzigartigen Datenkorpus, der wie kaum ein Anderer geeignet ist, einen Einblick in die zivilgesellschaftliche Debatte zu Bio- und Gentechnologie, Reproduktions- und Intensivmedizin zu vermitteln. In unserem von dem Projektträger geförderten Forschungsprojekt geht es darum, die archivierten Fragen und Kommentare anhand partizipationstheoretischer und wissenssoziologischer Fragestellungen mit dem Instrumentarium quantitativer und qualitativer Sozialforschung zu untersuchen. Auch wenn das Internetforum, das nach Angaben der Initiatoren eine öffentliche Verständigung über Bioethik fördern sollte (AKTION MENSCH 2004, S.10), eine Analyse auf der Basis von diskursethischen9) Prämissen nahe zu legen schien, stellte sich bereits nach einer ersten Sichtung des Datenkorpus heraus, dass – wie an anderer Stelle ausführlich dargelegt (WALDSCHMIDT, KLEIN, TAMAYO KORTE & DALMAN 2006) – eine derartige Herangehensweise nicht sinnvoll sein würde. Durch die mediale Rahmung existierten klar definierte und von den Usern nicht eigenständig veränderbare Vorgaben; die innerhalb dieser Vorgaben gestellten "Fragen" und "Kommentare" wiederum waren äußerst heterogen und entsprachen nicht den diskursethischen Prämissen. In anderen Worten, das Online-Forum wurde nicht im Sinne einer rationalen, auf Konsens ausgerichteten Debatte genutzt. [3]

Vor allem aus diesem Grund bot sich ein an FOUCAULT angelehntes, diskursanalytisches Vorgehen an, das darauf abzielte zu erfassen, welches Wissen über Bioethik im Alltag vorhanden ist und mit welchen Mechanismen und Strategien dieses (stark wissenschaftlich vorgeprägte) Wissen in einem Internetforum eingesetzt wird. Wir vermuteten, dass bei einer alltagsnahen Rahmung qualitativ anderes Wissen produziert wird als in Expertendiskursen. Da davon auszugehen war, dass komplette Wissensordnungen im diskurstheoretischen Sinne – d.h. vierdimensionale Korrelationen von Begriffen, Gegenständen, Äußerungsmodalitäten und Strategien – sich in dem empirischen Material nur schwer nachweisen lassen würden, richteten wir unsere Untersuchung darauf aus, eine den verschiedenen Diskursebenen entsprechende Typologie von Wissensformen zu entwickeln. Unser Erkenntnisinteresse lässt sich mit diesen Fragen auf den Punkt bringen: Wie wird über Bioethik im Alltag gesprochen? Welche Wissensformen treten auf? Und: Wird in dieser öffentlichen Rede neues, überraschendes oder ungewöhnliches Wissen produziert? [4]

Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen stießen wir auf methodologische Probleme, die offensichtlich nicht nur aus der Eigenart des Forschungsgegenstandes resultieren, sondern auch auf allgemeine Leerstellen der an FOUCAULT orientierten Diskurstheorie und -analyse hinweisen. Im Rahmen dieses Beitrags möchten wir daher eine Methodologie entwickeln, die an FOUCAULT orientierte Überlegungen und Instrumente zur Verfügung stellt, um den "Diskurs im Alltag" zu untersuchen. Im Folgenden werden wir zunächst das methodologische Problem (Abschnitt 2) näher umreißen und eine diskursanalytische Verortung (Abschnitt 3) vornehmen. Anschließend geht es um die Entwicklung eines dem empirischen Material angemessenen methodologischen Zugangs (Abschnitt 4). Anhand des Modells einer in sich geschichteten diskursiven Landschaft nehmen wir eine Unterscheidung in Spezialdiskurs (Abschnitt 4.1), Interdiskurs (Abschnitt 4.2) und Elementardiskurs (Abschnitt 4.3) vor, bevor wir uns in Abschnitt 5 der Frage des Alltagdiskurses widmen. Zu diesem Zweck werden wir die handlungstheoretische Konstruktion des Alltagswissens nach BERGER und LUCKMANN (Abschnitt 5.1) einer an FOUCAULT orientierten strukturtheoretischen Lesart unterziehen (Abschnitt 5.2). Die Anwendung des methodologischen Konzeptes erfolgt in Abschnitt 6. Zunächst wird eine Operationalisierung von Spezialwissen und Alltagswissen vorgenommen; danach werden einige Analyseergebnisse zum Verhältnis dieser beiden Wissensformen vorgestellt. Abschließend erfolgt ein Resümee (Abschnitt 7). [5]

2. Das methodologische Problem

Bei der Onlineplattform "1000 Fragen zur Bioethik" haben wir es mit einem für Diskursanalysen ungewöhnlichen Fall zu tun: Dieser Korpus bietet die Möglichkeit, eine zwar nicht statistisch repräsentative, aber in Umfang und Vielfältigkeit einzigartige Landkarte des zivilgesellschaftlichen Wissens zu Bioethik und Biopolitik in Deutschland zu erstellen. Allerdings erweist sich der Forschungsgegenstand in methodologischer Hinsicht als sperrig. Bei dem untersuchten Datenkorpus handelt es sich nämlich nicht um eine auf den ersten Blick ungeordnete Masse von sehr unterschiedlichen Texten, welche im Ergebnis der rekonstruierenden Analyse als Fragmente eines Diskurses zu bestimmen wären. Im Gegenteil, es liegt ein klar abgrenzbares empirisches Material vor: Es handelt sich um eine genau identifizierbare Anzahl von während eines bestimmten Zeitraums in eine einzelne Onlineplattform eingegebenen Fragen plus den dazu gehörenden Kommentaren.10) [6]

Die Eindeutigkeit, man könnte auch sagen: Konsistenz des Korpus in formal-institutioneller Hinsicht kontrastiert jedoch in augenfälliger Weise mit einer großen Heterogenität auf der Ebene der Diskursinhalte und der Wissensformen. Im Unterschied zu den üblichen Untersuchungsobjekten von Diskursanalysen (vgl. für einen Überblick KELLER, HIRSELAND, SCHNEIDER & VIEHÖVER 2004) zeichnet sich nämlich das Internetforum dadurch aus, dass in dem virtuellen Raum eine Vielzahl von Diskurselementen aufeinander trifft und zugleich der Alltagsdiskurs in hohem Maße präsent ist. Für eine empirische Untersuchung, die sich die Analyse des im "Interdiskurs" (vgl. Abschnitt 4.2.) artikulierten Alltagswissens zum Ziel gesetzt hat, stellt sich die Frage, ob es prinzipiell möglich ist, im "unaufhörlichen und ordnungslosen Rauschen des Diskurses" (FOUCAULT 1974, S.35) eine Ordnung zu rekonstruieren. Kann dieses "ordnungslose Rauschen" überhaupt lesbar gemacht werden oder entzieht es sich nicht eher jeglichem analytischen Zugriff? [7]

Bemüht man sich darum, die Diskurslandschaft auszubuchstabieren, trifft man auf eine noch zu füllende Leerstelle in der diskurstheoretischen Methodologie: Sieht man von einem kurzen Abschnitt in KELLER (2005, S.261f.) ab, hat sich die Diskursanalyse bislang noch nicht eingehend mit Wissen im Alltag beschäftigt. Auch bei der Diskursforschung nach Siegfried JÄGER (1999) fällt auf, dass trotz einer häufigen Verwendung von "Alltagsdiskurs" (JÄGER 1999, S.51, 64, 151, 164) als einer "Diskursebene" (JÄGER 1999, S.163) weder eine genaue Begriffsdefinition erfolgt noch Aspekte des Alltagswissens thematisiert werden.11) Dagegen können die Überlegungen von LINK (2005) zum "Elementardiskurs" (vgl. Abschnitt 4.3) als Grundlage unserer diskursanalytischen Überlegungen dienen. Unsere Idee ist, ergänzend dazu eine strukturtheoretische Lesart der von BERGER und LUCKMANN (2000) begründeten Wissenssoziologie (Abschnitt 5) auszuarbeiten und damit einen Beitrag zu einer "Diskurstheorie des Alltagswissens" zu leisten. Dass eine solche theoretische Reflexion notwendig ist, zeigte sich bei der ersten Sichtung des Materials. Die nachfolgenden Ausführungen sind also empiriegeleitet; der Wechsel zwischen Empirie und Theorie soll helfen, ein adäquates Handwerkszeug zu entwickeln, um das "Sprechen der Leute" bzw. den "Raum eines wilden Außen" (FOUCAULT 1974, S.25) besser zu verstehen. [8]

3. Diskursanalytische Einordnung: "diskursives Ereignis" und "diskursives Thema"

Die institutionell-mediale Verortung der untersuchten Kommunikation, also Öffentlichkeitskampagne und Internet, diente uns als zentraler Orientierungspunkt für eine diskursanalytische Einordnung des Forschungsgegenstandes. Bereits für FOUCAULT war wichtig, dass Diskurse durch sehr unterschiedliche Prozeduren kontrolliert und charakterisiert werden; neben der Regelhaftigkeit (die insbesondere für die Wissenschaften kennzeichnend ist) sind dies der Zufall oder eben auch "das Ereignis" (FOUCAULT 1974, S.16).12) Der Ereignischarakter des massenmedial inszenierten "Events" bot sich somit als Ausgangspunkt für die methodologische Bestimmung des 1000 Fragen-Forums an. [9]

Während FOUCAULT diskursive Ereignisse zwar im Blick hat, sie jedoch nicht in das Zentrum seiner Überlegungen stellt, greift LINK die Ereignishaftigkeit des Diskurses in systematisierender Absicht auf. Er unterscheidet zwischen diskursiven Mikroereignissen (einfachen Aussagen) und diskursiven Makroereignissen (großen Umbrüchen); für eine diskursanalytische Bearbeitung sei es grundlegend, den "Grad an 'Ereignishaftigkeit' zwischen Mikro- und Makroereignis" zu bestimmen (LINK 1999, S.151). Bei konkreten Debatten – und um eine solche handelt es sich ja im Fall des 1000 Fragen-Forums – habe man es "mit diskursiven Ereignissen sozusagen mittlerer Reichweite zu tun" (LINK 1999, S.150). "Diskurse der 'Öffentlichkeit', häufig in Gestalt bedeutender diskursiver Ereignisse", so schlussfolgert LINK unter Bezugnahme auf FOUCAULT, sind demnach "keine eigenen Diskurse, sondern [eben] diskursive Ereignisse (in der Regel Mega-Ereignisse) innerhalb eines Diskurses." (LINK 2005, S.84, 85) [10]

Begreift man "1000 Fragen zur Bioethik" nicht als eigenen Diskurs, sondern "nur" als diskursives Ereignis, wird die Reichweite der Untersuchung bescheidener – zugleich aber auch präziser. Ein ähnlicher Effekt entsteht, wenn man danach fragt, welchen Stellenwert der in dem Diskursereignis konstruierte Gegenstand hat: Wenn "1000 Fragen" kein Diskurs ist, handelt es dann bei "Bioethik" um einen solchen? Wie wir an anderer Stelle ausgeführt haben (WALDSCHMIDT u.a. 2006), erweist es sich für die eigene Heuristik als sinnvoll, Bioethik im Kontext unserer Untersuchung lediglich als "Thema" anzusehen. Das diskurstheoretische Konzept des "Themas" beschreibt LINK so:

"In einem 'Thema' muss so etwas wie 'diskursive Energie' stecken, die sich nicht zuletzt als polemische Energie auswirken kann: Ein 'Thema' besitzt eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sich an ihm entgegengesetzte diskursive Positionen (z.B. in Form von Debatten) konfrontieren. Die 'diskursive Energie' manifestiert sich zweitens darin, dass ein 'Thema' nach der Art eines Magneten sehr viele Aussagen um sich zu kumulieren scheint, und zwar nicht bloß über kurze Zeit (diskursives Ereignis), sondern über mittlere oder sogar lange Zeit." (LINK 1999, S.152f.) [11]

In diesem Sinne betrachten wir "Bioethik" also nicht als Diskurs, sondern als einen Katalysator, der bewirkt, dass sich Äußerungen, die ansonsten unbemerkt und wirkungslos in verschiedenen Kontexten im Alltag aufgetreten und wieder verschwunden oder gänzlich ungesagt geblieben wären, in einem diskursiven Ereignis konzentrieren. So hat das Internetforum Fragen und Kommentare zu Bioethik "magnetisch" angezogen und es ist eine Zusammenballung von Äußerungen entstanden, die es ohne das Forum nicht gegeben hätte. Mit der institutionell, nämlich durch den Projektträger unterstützten Konzentration der Beiträge und ihrer technischen Materialisierung im Internet wurde ein Diskursfeld öffentlich sichtbar gemacht. Die Beiträge "leihen" sich sozusagen das Prestige von Aktion Mensch; die Teilnahme an der Internetdebatte wird als Akt der Teilhabe verstanden, und die Stimmen werden öffentlich "hörbar" – und insofern auch legitim, im Unterschied zu ähnlichen oder gleichen Äußerungen, die außerhalb eines solchen Rahmens auftreten. Das Gesagte hat die Chance erhalten, Machtwirkungen zu entfalten. Gegenstand unserer Untersuchung ist also nicht die Bioethik, sondern das 1000 Fragen-Forum als diskursives Ereignis im Interdiskurs. [12]

4. Drei Typen des Diskursiven

Wie bereits erwähnt, ist für die diskursive Struktur des 1000 Fragen-Forums die alltagsweltliche Prägung charakteristisch. Damit ist ein wesentlicher Unterschied zur Wissenschaftskommunikation und auch zu anderen Formen öffentlicher Rede beschrieben. Es erweist sich als sinnvoll, von der mittlerweile geläufigen Unterscheidung in "Spezialdiskurs" (FOUCAULT), "Interdiskurs" (FOUCAULT, PÊCHEUX, LINK) und "Elementardiskurs" (LINK)13) auszugehen. Die entscheidende Frage, die wir für unseren Untersuchungsgegenstand klären mussten, lautet: Welchem Diskurstypus lässt sich das Internetforum "1000fragen.de" zuordnen? [13]

4.1 Diskurs als "Spezialdiskurs"

Im Überblick über FOUCAULTs Werk kann man konstatieren, dass es ihm unter der Bezeichnung "Diskurs" insbesondere um eine Beschreibung und Analyse der machtvollen Ordnungsmuster geht, die den Wissenschaften zu Grunde liegen. In "Die Ordnung des Diskurses", der Antrittsvorlesung am Collège de France, skizziert FOUCAULT Prozeduren diskursiver Ausschließung, "deren Aufgabe es ist, die Kräfte und Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbares Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen" (FOUCAULT 1974, S.7). Als Ausschließungssysteme benennt er neben dem Verbot und der Grenzziehung zwischen Vernunft und Wahnsinn – in anderen Worten: der Tabuisierung, des Nicht-Sichtbarwerdens und des "Beschweigens" – die Konstruktion des Gegensatzes zwischen "dem Wahren" und "dem Falschen" (FOUCAULT 1974, S.10ff.). Damit Aus- und Einschlüsse funktionieren, bedarf es der Legitimationen, die nicht per se existieren; vielmehr werden sie erzeugt durch spezielle Praktiken, z.B. indem autorisierte Subjekte feststellen, was – auf der Basis akzeptierter Methoden14) – als Wahrheitsanspruch zu gelten hat (FOUCAULT 1974, S.25). In seiner Arbeitsweise bzw. Erkenntnisproduktion ist das wissenschaftliche Wissen von diesen Merkmalen geprägt: Theoretisierung, Modellbildung, Experimentation, Laborsituation. Qualitative und quantitative Untersuchungen erhalten wissenschaftlichen Status dann, wenn sie das Subjekt – in seiner zufälligen, historischen, individuellen Subjektivität – nach bestimmten Regeln "verobjektivieren". Wie Teilungspraktiken und das Erstellen von Taxonomien funktionieren und einer Disziplin zugeordnet werden, hat FOUCAULT (1990b) insbesondere am Beispiel der Humanwissenschaften herausgearbeitet. Nach LINK (2005, S.86) zielt die "Logik der Wissensspezialisierung [...] tendenziell auf Eindeutigkeit, spezielle Definition der Begriffe, Dominanz der Denotation und möglichst Beseitigung aller Uneindeutigkeiten und Konnotationen mit dem Idealtyp der mathematischen Formel". [14]

4.2 Diskurs als "Interdiskurs"

Allerdings lässt sich Wissen nicht auf Spezialdiskurse reduzieren; die "Wissensgesellschaft" (KELLER 2005, S.86ff.; MAASEN 1999, S.59ff.; STEHR 2003, S.24) ist bereits sprichwörtlich: In unserem lebensweltlichen Handeln rekurrieren wir ständig auf Wissensbestände, deren Quellen sich zwar meist auf Spezialdiskurse zurückführen lassen, die sich jedoch mit verschiedenen populären Wissensformen und -elementen verbinden. LINK (2005, S.86) glaubt daher, dass sich "in seiner kulturellen Gesamtheit betrachtet, der Prozess der diskursiven Produktion und Reproduktion [von Wissen] keineswegs allein von der Tendenz zur Spezialisierung her begreifen" lässt. Und weiter: "Offensichtlich können moderne differenziert-spezialistische Kulturen sich nicht ausschließlich auf spezielle Wissensbereiche beschränken, sondern benötigen zu ihrer Reproduktion zusätzlich umgekehrt als eine Art Korrelat bzw. Kompensation immer auch reintegrierende Wissensbereiche, die zwischen den Spezialitäten vermitteln und 'Brücken schlagen'." (LINK 2005, S. 87) [15]

Gleichzeitig zur funktionalen Ausdifferenzierung von Wissensbeständen lässt sich eine Diffundierung von spezialisiertem Wissen in den Alltag hinein beobachten. Um diese gesellschaftlichen Bereiche der Macht-/Wissensproduktion zu kennzeichnen, bietet sich die Bezeichnung "Interdiskurs"15) an. LINK definiert den Interdiskurs als Ensemble von "Diskurse[n], deren Spezialität sozusagen die Nicht-Spezialität ist" (LINK 2005, S.87), nämlich die Popularisierung von Elementen des Spezialdiskurses. Zum Interdiskurs gehören ein ganzes "Gewimmel interdiskursiver (z.B. symbolischer) Parzellen in allen Diskursarten […] und darüber hinaus eigens institutionalisierte 'Interdiskurse' wie Populärreligion, 'Ideologien', Populärwissenschaft" (LINK & LINK-HEER 2002, S.11) ebenso wie die "dominant interdiskursiv fundierten Wissenschaften" (LINK 1999, S.155). Im Unterschied zu Spezialdiskursen sind Interdiskurse typischerweise durch Mehrdeutigkeit und Konnotation gekennzeichnet. Zu ihren Elementen gehören insbesondere Metaphern und Kollektivsymbole, denen "eine normbildende bzw. normalisierende Funktion" zukommt, da sie die Fähigkeit haben, gesellschaftliche Teilbereiche "rein imaginär ('bildlich') [zu] totalisieren" und dadurch scheinbare Widersprüche und Polyvalenzen zu integrieren (LINK 1982, S.66). Bei dem Interdiskurs handelt sich es also um einen wenig konturierten, eher (re-) integrierenden und komplexen Diskurstypus, der folgende Merkmale aufweist: Bedeutungsaufladung und Polyvalenz, unscharfe Grenzziehungen, Hybridität und Bildhaftigkeit. [16]

Seine wesentliche Funktion besteht – wiederum im Unterschied zum Spezialdiskurs – "in selektiv-symbolischen, exemplarisch-symbolischen, also immer ganz fragmentarischen und stark imaginären Brückenschlägen über Spezialgrenzen hinweg für die Subjekte" (LINK 2005, S.87). Entscheidend für das Funktionieren ist das Durchsetzen von Sinnschemata, gekoppelt an Diskurselemente, die zwischen mehreren Diskursen übereinstimmen, um Widersprüche auszublenden und mögliche Konflikte bereits im Vorfeld zu beseitigen.16) Indem der Interdiskurs "bestimmte Wissensmengen des sich ständig erweiternden Fächers von Spezialitäten derartig synthetisiert, dass sie von Subjektivitäten aufgenommen und assimiliert werden können", erfüllt er in modernen Gesellschaften mit "'funktionaler Ausdifferenzierung' und Diskursspezialisierung eine fundamentale und unersetzliche Funktion" (LINK & LINK-HEER 2002, S.11). [17]

Während der Spezialdiskurs auf Ent-Subjektivierung, nämlich die Anhäufung "objektiven" und "wahren" Wissens aus ist, geht es im Interdiskurs vor allem um die "(Subjekt-) Applikation" (LINK & LINK-HEER 2002, S.11), um "Allgemeinbildung" (LINK 2005, S.90) ebenso wie um Identitätsentwürfe, Verhaltensempfehlungen, Interpretations- und Deutungsmuster, kurz, um Folien der Subjektivierung. Interdiskurse ermöglichen somit die Ankopplung von Spezialwissen an alltagsweltliche Handlungsbezüge. Damit stellen sie zugleich einen Raum für Entwicklung her, ein Spannungsfeld, das Antagonismen und Widersprüche zulässt, möglicherweise auch ein widerständiges Potenzial: Die "Sehnsucht der Individuen nach Verwandlung ihrer Subjektivität wie ihrer As-Sociation" ist vor allem auf "den Umsturz oder Umbau der Interdiskurse" angewiesen (LINK 2003, S.23). [18]

Dass sich das untersuchte Internetforum als ein diskursives Ereignis im Interdiskurs einordnen lässt, ist auf der Basis dieser Ausführungen leicht nachzuvollziehen. Als öffentlicher Kommunikationsraum für die Zivilgesellschaft konzipiert, treffen hier die unterschiedlichsten Diskurselemente aufeinander: spezialdiskursive Puzzleteile, populäres, historisches, literarisches und medial vermitteltes Wissen ebenso wie Mythen und Ideologien, normative Bewertungen und Handlungsempfehlungen, Alltagsethiken und eben auch subjektive Erfahrungen. Allerdings erweist sich – im Vergleich zu den elaborierten Interdiskursen, wie sie etwa in den Massenmedien stattfinden – die Internetkommunikation als näher am Alltag: Hier "sprechen" die "Leute" und hier kann man ihnen – in einem ganz elementaren Sinne – zuhören; ihre vielfältigen Stimmen gelangen an die Öffentlichkeit und finden Gehör. [19]

4.3 Diskurs als "elementarer Interdiskurs"

Eine der wichtigsten Funktionen interdiskursiver Praxis ist die Generierung selektiven Wissens aus den Spezialdiskursen zum Zwecke der kulturellen Integration der Subjekte. Dieser Prozess verläuft nicht einseitig, sondern stellt sich als ein wechselseitiges Geschehen dar: "Es entspricht der Subjektivierungsfunktion der modernen Interdiskurse, daß sie nicht bloß von 'oben', vom professionellen Wissen der Spezialdiskurse gespeist werden, sondern gleichzeitig immer auch von 'unten', vom sogenannten Alltagswissen, dem Elementardiskurs." (LINK 2003, S.15) [20]

Zusätzlich zum Spezialdiskurs und als Teil des Interdiskurses lässt sich somit ein dritter Diskurstypus ausmachen, der "Elementardiskurs". Auf dieser Ebene nimmt LINK17) eine Dreiteilung vor; er unterscheidet den hegemonialen ("populären") Elementardiskurs von nicht-hegemonialen diskursiven Positionen innerhalb des hegemonialen Elementardiskurses und von nicht-hegemonialen Elementardiskursen ("Subkulturen"). Allerdings muss man feststellen: In den LINKschen Schriften bleibt der Elementardiskurs – im Unterschied etwa zum Interdiskurs – merkwürdig blass. Weder werden Elementardiskurs und Elementarkultur explizit unterschieden (LINK 2005, S.90), noch verschiedene Wissensbestände und -formen genauer herausgearbeitet. Der Elementardiskurs scheint vorzugsweise "elementarer" Bestandteil des Interdiskurses zu sein – nicht mehr und nicht weniger. Spannend wird es jedoch, wenn man nach dem Stellenwert des Elementardiskurses für Alltagswelt und Subjektivität fragt. Denn in der Elementarkultur kombiniert sich LINK (2005, S.91) zufolge "das stark komplexitätsreduzierte historisch-spezifische Wissen (seit geraumer Zeit vor allem von den naturwissenschaftlichen Diskursen und Praktiken gespeist) mit dem sogenannt anthropologischen Alltagswissen (über allgemeinste Lebensstrategien, Liebe, Familie, rudimentäre as-sociative Solidaritäten und Kollisionen usw.)." [21]

An anderer Stelle heißt es: Das elementardiskursive Wissen zeichne sich "durch höchste Subjektivität und höchste Intensität (geringe Distanz) aus" (LINK 2003, S.15). Und: Die Elementarkultur fungiere vor allem als eine "Kultur intensivster Subjektivierung des Wissens" (LINK 2005, S.90). Aus diesen Bemerkungen lässt sich schlussfolgern, dass zumindest in der Frage der Subjektivierung durchaus ein Unterschied zwischen Interdiskurs und Elementardiskurs zu bestehen scheint: Während ersterer Subjektivierungsangebote bereit stellt, die für Einzelne in unterschiedlicher Weise verbindlich sein können, stellt der Elementardiskurs den Typus dar, der darüber entscheidet, welche Subjektivierungsweisen tatsächlich übernommen (oder auch zurückgewiesen) und somit für Alltagsmenschen handlungsrelevant werden. [22]

Den Begriff des Alltags verwendet LINK eher beiläufig zur Markierung eines nicht näher bestimmten Feldes, in dem sich die Subjekte bewegen. Aus unserer Sicht bietet es sich jedoch an, den unspezifischen Begriff "Elementardiskurs" um den des Alltagsdiskurses zu erweitern. Sicherlich, Alltag als analytische Kategorie ist vieldeutig, schillernd und wird oft genug in wertender Absicht gebraucht (ELIAS 1978, S.22). Auch ist die Soziologie des Alltags eher von (inter-) subjektivistischen Ansätzen geprägt (vgl. HAMMERICH & KLEIN 1978; weiterführend in kritischer Absicht SOEFFNER 2004, S.15ff.). Dennoch erscheint es uns lohnend, einen spezifischen Wissenstypus herauszuarbeiten, der Anschlüsse an alltags- und wissenssoziologische Konzepte ermöglicht. Vor diesem Hintergrund lautet die nächste Frage: Was eigentlich ist – diskurstheoretisch betrachtet – unter Alltagswissen zu verstehen? [23]

5. Diskurs im Alltag – Alltag im Diskurs: Eine "Leerstelle" in Diskursanalysen

Einerseits haben sich Diskurstheorie und -analyse bisher nur ansatzweise mit Alltagsdiskursen beschäftigt, und zwar ganz offensichtlich deshalb, weil der Alltagsdiskurs nicht als bedeutungsvolle, d.h. auch mächtige und einflussreiche Diskursformation gilt.18) Auf der anderen Seite berücksichtigt die interaktionistisch orientierte Soziologie des Alltagswissens den Machtwillen im alltäglichen Handeln immer noch zu wenig (für einen Überblick vgl. KNOBLAUCH 2005; kritisch: CHAUDHARY 2004). Um unseren Untersuchungsgegenstand – ein von spezialdiskursiven Fragmenten durchsetztes, vorrangig jedoch von alltagsdiskursiven Äußerungen geprägtes interdiskursives Ereignis – angemessen analysieren zu können, haben wir uns dafür entschieden, diese beiden Stränge im Sinne einer an FOUCAULT orientierten, wissenssoziologisch ausgerichteten Diskursanalyse zusammen zu bringen. Mit diesem Vorhaben schließen wir an den von Reiner KELLER (2005) formulierten Vorschlag einer methodisch abgesicherten wissenssoziologischen Diskursanalyse an, die zum einen handlungstheoretisch fundiert ist und Anschlüsse an BERGER und LUCKMANN (2000) zulässt, und sich zum anderen auf FOUCAULT bezieht, der die "realitätsprägende" Wirkung von Diskursen betont hat. Um der medialen Rahmung des Materials gerecht zu werden, möchten wir im Unterschied zu KELLER den Versuch unternehmen, die Wissenssoziologie einer strukturtheoretischen Lesart zu unterziehen, anstatt die Diskurstheorie quasi interaktionistisch zu "untertunneln" (vgl. für eine entsprechende Kritik LINK 2005). [24]

5.1 "Alltagswissen": Die Konstruktion legitimer Wirklichkeiten

Die 1966 erstmalig erschienene Studie "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" von Peter L. BERGER und Thomas LUCKMANN (2000) gilt als das Grundlagenwerk der modernen Wissenssoziologie und zugleich als handlungstheoretische Sozialtheorie. Bei einer genaueren Lektüre wird man feststellen, dass das Autorenpaar in augenfälliger Weise strukturtheoretische Anschlüsse herstellt. BERGER und LUCKMANN fragen danach, auf welche Weise Gesellschaft in sozialen Interaktionen immer wieder neu (re-) produziert und als äußere Wirklichkeit erfahren wird. Zu ergründen sei, "wie es vor sich geht, daß gesellschaftlich entwickeltes, vermitteltes und bewahrtes Wissen für den Mann auf der Straße zu außer Frage stehender 'Wirklichkeit' gerinnt" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.3). Zwar wird in der Studie auch das wissenschaftliche Wissen, das so genannte "Spezialwissen" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.82, 86) erwähnt. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht jedoch das Alltagswissen, dem drei Merkmale zugeschrieben werden: Rezeptcharakter, Typisierungstendenz und individuelle Relevanzstrukturen. Da erstens "Zweckmäßigkeitsmotive die Alltagswelt leiten, steht Rezeptwissen, das sich auf Routineverrichtungen beschränkt, im gesellschaftlichen Wissensvorrat an hervorragender Stelle" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.44, vgl. auch 70f.). Zweitens zeichnet sich das Alltagswissen durch Typisierungen aus: Routinemäßig werden von den Gesellschaftsmitgliedern ständig Taxonomien gebildet, die es ermöglichen, die Flut an alltäglichen Ereignissen einzuordnen und in bereits vorhandene subjektive Wissensvorräte zu integrieren (BERGER & LUCKMANN 2000, S.60). Drittens weist das Alltagswissen "Relevanzstrukturen" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.46ff.) auf; sie helfen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Prioritäten und Präferenzen zu setzen, zu Werturteilen zu gelangen und – vor allem – handeln zu können. [25]

Indem der gesellschaftliche Wissensvorrat nicht in seinem vollen Umfang, sondern als "Fertigware" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.47) zur Kenntnis genommen wird, wird Komplexität reduziert und Alltag lebbar gemacht. Allerdings darf die Betonung der Notwendigkeit von subjektiven Aneignungsprozessen nicht dahingehend missverstanden werden, als könnten die Individuen über ihre Wissensaneignung und -verwendung frei verfügen. Vielmehr steht immer schon ein gesellschaftlicher Wissensvorrat (ein "Warenlager") bereit, den die Einzelnen zum "Zusammenbasteln" ihrer subjektiven Wissensbestände nutzen, der im Hintergrund individuelles Handeln strukturiert, und der das soziohistorische a priori subjektiver Deutungen und intersubjektiver Beziehungen darstellt (vgl. KELLER 2005, S.41). Nicht nur Sinngebung und Interaktion, Typisierung und Habitualisierung, sondern gerade auch die Bedeutung der Objektivation durch die Bildung sozialer Institutionen (z.B. "Religion" oder "Mutterschaft") haben BERGER und LUCKMANN immer wieder betont. Gesellschaft ist eben nicht nur "subjektive", sondern immer auch "objektive Wirklichkeit", wie in einem eigenen Kapitel herausgearbeitet wird (BERGER & LUCKMANN 2000, S.49ff.): "Der Vorgang, durch den die Produkte tätiger menschlicher Selbstentäußerung objektiven Charakter gewinnen, ist Objektivation, das heißt Vergegenständlichung." (BERGER & LUCKMANN 2000, S.65) Legitimation erklärt "die institutionale Ordnung dadurch, dass sie ihrem objektivierten Sinn kognitive Gültigkeit zuschreibt. Sie rechtfertigt die institutionale Ordnung dadurch, daß sie ihren pragmatischen Imperativen die Würde des Normativen verleiht" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.100).19) Sollen soziale Institutionen also zeitlichen Bestand haben und bei den Subjekten Akzeptanz finden, benötigen sie Begründungszusammenhänge, die ihre Existenz rechtfertigen, das heißt, sie müssen sich in irgendeiner Art und Weise bewähren, als sinnvoll und nützlich anerkannt werden oder Autorität beweisen, indem sie glaubhaft und glaubwürdig erscheinen, kurz: sie bedürfen der Legitimation. Dies gilt insbesondere für die erste Phase der Herausbildung neuer Ordnungsmuster; zudem können bestehende Legitimationen – wenn die Umstände es erfordern – in Frage gestellt bzw. brüchig werden. [26]

Vier hierarchisch in sich geschachtelte Ebenen der Legitimation lassen sich BERGER und LUCKMANN (2000, S.100ff.) zufolge unterscheiden: Die erste Ebene ist die Begriffsbildung, d.h. die Ausformung eines sprachlichen Vokabulars zur Beschreibung eines Sachverhalts (z.B. "Behinderung") und seine erfolgreiche Verankerung in der Alltagssprache ("Du bist behindert"). Mittels Wiederholung und Habitualisierung gerinnt das in den Begriffen verankerte Wissen zur "Gewissheit" und generiert Haltungen wie: "So ist das eben". Auf der zweiten Legitimationsebene findet man "theoretische Postulate in rudimentärer Form", d.h. pragmatische und praktische "Schemata, die objektive Sinngefüge miteinander verknüpfen" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.101). Hierzu gehören Lebensweisheiten und Narrative, die Deutungsmuster und Handlungsanweisungen vermitteln (z.B. "Jeder ist seines Glückes Schmied"). Drittens rechtfertigen "explizite Legitimationstheorien [...] einen institutionalen Ausschnitt an Hand eines differenzierten Wissensbestandes" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.101). Für bestimmte, klar definierte Lebensbereiche (z.B. Sterbebegleitung) gibt es entsprechende Wissensbestände, die häufig einem besonderen Personenkreis zur Weitergabe anvertraut sind und "professionell" weiter vermittelt werden. Explizite Legitimationstheorien tendieren dazu, sich zu verallgemeinern und ein gewisses Maß an Autonomie zu erreichen; sie können zur Basis von Wissenschaften und zum Ausgangspunkt neuer Institutionalisierungen werden (z.B. Palliativmedizin). Und viertens schließlich wirken "symbolische Sinnwelten" (z.B. christlicher Glaube) legitimierend, da sie umfassende Systeme zum Weltverständnis und zur Weltdeutung anbieten, verschiedene Deutungsbereiche integrieren und als Synopsen "die institutionale Ordnung als symbolische Totalität überhöhen" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.102). [27]

Die Lektüre des wissenssoziologischen Klassikers macht deutlich, dass es sich beim Alltagswissen um eine vielschichtige Kategorie handelt. Aus strukturtheoretischer Perspektive sollen drei Punkte dieser Sozialtheorie festgehalten werden: Erstens zeigt sich Alltagswissen als eine Wissensform, die durch strukturierende Elemente wie Routine, Typenbildung und Relevanz gekennzeichnet ist. Damit befinden wir uns gewissermaßen im "Vorhof der Institutionalisierung" (BERGER & LUCKMANN 2000, S.60). Zweitens kann subjektives Wissen im Alltag nicht getrennt von Prozessen fortschreitender Strukturierung, d.h. sozialen Institutionen und übergreifenden gesellschaftlichen Ordnungsmustern, betrachtet werden. Drittens spielt die Legitimierung als ein Prozess, der ebenfalls auf einer strukturellen Vorstellung von Wissen basiert und bei dem durch explizite Legitimationstheorien eine enge Verbindung zu den Wissenschaften herstellt wird, sowohl für die subjektive wie auch objektive Wirklichkeit von Gesellschaft eine zentrale Rolle. [28]

BERGER und LUCKMANN haben also durchaus die Strukturiertheit der gesellschaftlichen Wirklichkeit – und damit auch des Wissens – im Blick. Unserer Studie haben sie mit ihren Ausführungen zur Legitimierung von Wissen wichtige Anregungen geliefert, denen wir bei der Analyse des Alltagswissens nachgegangen sind (vgl. Abschnitt 6). Dennoch muss kritisch angemerkt werden, dass BERGER und LUCKMANN die für FOUCAULT zentrale Frage der Macht eher ausblenden, bzw. diese auf die Akzeptanzfrage reduzieren. Sicherlich, bereits Max WEBER (1980, S.16ff., 122ff.) hat auf die legitimierende Rolle von Akzeptanz im Machtgeschehen hingewiesen. Aber BERGER und LUCKMANN heben u.E. zu sehr auf die Konstruktion von Begründungsmustern und Sinnzusammenhängen ab, mit deren Hilfe sich die Subjekte in den "Gang der Dinge" einfügen, kompatibel werden für das Funktionieren in der "Normalität". Aus Sicht des zivilgesellschaftlichen Interdiskurses ist es aber auch wichtig zu fragen: Wo finden sich hegemoniale Diskurswirkungen im Alltag, welche typischen Wissensformen zeigen sich, und lässt sich so etwas wie potenzielle Widerständigkeit des Alltagsdiskurses ausmachen? An dieser Stelle sollen nun wieder FOUCAULT und LINK zu Rate gezogen werden. [29]

5.2 "Alltagswissen": Subjektivierung und Kreativ-Zyklus

FOUCAULT interessiert sich zwar vorrangig für Macht/Wissen, sein eigentliches Anliegen formuliert er jedoch folgendermaßen: Es gehe ihm darum, "eine Geschichte der verschiedenen Verfahren zu entwerfen, durch die in unserer Kultur Menschen zu Subjekten gemacht werden" (FOUCAULT 1999, S.243). In dieser Wendung zum Subjekt wird der Alltag mit gedacht: Das machtvolle Wissen der Spezialdiskurse "wird im unmittelbaren Alltagsleben spürbar, welches das Individuum in Kategorien einteilt, ihm seine Individualität aufprägt, es an seine Identität fesselt, ihm sein Gesetz der Wahrheit auferlegt, das es anerkennen muß und das andere in ihm anerkennen müssen" (FOUCAULT 1999, S.246). Der Alltag wird durch Machtwirkungen vorstrukturiert; die Praktiken der Subjektkonstitution werden in bestimmte Bahnen gelenkt. In einem Interview formuliert FOUCAULT: "Das Subjekt bildet sich nicht einfach im Spiel der Symbole. Es bildet sich in realen und historisch analysierbaren Praktiken. Es gibt Technologien der Selbstkonstitution, die symbolische Systeme durchschneiden, während sie sie gebrauchen." (vgl. DREYFUS & RABINOW 1994, S.289) Allerdings geht FOUCAULT diesem Doppelaspekt – dem Unterworfenwerden durch Macht und der Subjektwerdung durch Macht – nicht weiter nach (BUTLER 2001, S.8) und konzentriert sich stattdessen darauf, "den gesellschaftlichen Hintergrund des Subjekts, nämlich die Bedingungen seiner Möglichkeit zu untersuchen" (WALDSCHMIDT 1996, S.47f.). Er gibt jedoch einen Hinweis darauf, wie Macht für das Subjekt zum Tragen kommt und demzufolge auch analysiert werden kann: Macht im Alltag tritt vor allem in Form von "Kämpfen" oder "Oppositionen", "durch den Gegensatz der Strategien" zu Tage (FOUCAULT 1994, S.245). [30]

Kombiniert man diese Aspekte der Machtanalyse FOUCAULTs mit der Frage der Institutionalisierung bei BERGER und LUCKMANN und der These vom Alltag als "Kultur intensivster Subjektivierung des Wissens" (LINK 2005, S.90), erweist sich der Alltagsdiskurs als die entscheidende gesellschaftliche Institution zur strukturellen Verkopplung von Subjekt, Wissen und Macht. Während BERGER und LUCKMANN uns auf die Legitimierung von Wissen aufmerksam gemacht haben, hat uns die Lektüre von FOUCAULT und LINK dazu angeregt, uns mit dem Verhältnis von Subjekt und Macht zu beschäftigen. Für unsere empirische Untersuchung resultieren daraus folgende Fragen: In welcher Form treffen Spezialdiskurs und Alltagswissen aufeinander? Welches Wissen erscheint legitim? Welchen Stellenwert hat das Subjekt? [31]

Als ein möglicherweise im 1000 Fragen-Forum zu Tage tretender und für den Interdiskurs typischer, ja, zentraler strategischer Gegensatz kann das Verhältnis von Spezialwissen und Alltagswissen angenommen werden. Während das Spezialwissen relativ klar definiert und daher für die empirische Untersuchung einfach zu operationalisieren ist, muss es noch als Desiderat gelten, die Merkmale des Alltagswissens herauszuarbeiten (vgl. Abschnitt 6). Die für unsere Empirie zentrale Frage lautet also: Welche Aspekte zeichnen das Alltagswissen aus, welche Beziehung unterhält es zu anderen Wissenstypen? [32]

In Abschnitt 4.3. haben wir gesehen, dass die elementardiskursive Ebene keine bloße Reproduktions- und Reflexionsfläche von Spezialwissen darstellt, sondern vor allem als "Kultur intensivster Subjektivierung des Wissens" (LINK 2005, S.90) verstanden werden kann. Die oben eingeführte LINKsche Dreiteilung in den hegemonialen ("populären") Elementardiskurs, in nicht-hegemoniale diskursive Positionen innerhalb des hegemonialen Elementardiskurses und in nicht-hegemoniale Elementardiskurse ("Subkulturen") legt eine zusätzliche Differenzierungsmöglichkeit nahe. Hier ist ein dynamisches Element zu entdecken, das LINK folgendermaßen beschreibt: Im Spannungsfeld zwischen hegemonialem Interdiskurs und nicht-elaboriertem Elementardiskurs findet

"ein ständiger generativer Kreislauf in beiden Richtungen [statt], der neues Wissen 'abwärts' in die Elementarkultur leitet und umgekehrt subjektive und sozial alternative Akzentuierungen und Identifizierungen 'aufwärts' in die elaborierten Interdiskurse projiziert, was dort womöglich zu Konflikten und weiterer Wissensproduktion führt. Dieser kulturkonstitutive Kreislauf lässt sich als 'Kreativzyklus von elementarer und elaborierter Kultur' bezeichnen." (LINK 2005, S.91f.) [33]

Wie genau funktioniert nun dieser "Kreativzyklus"? Just an dieser Stelle kommt das Alltagswissen ins Spiel. Unseres Erachtens lässt sich nämlich der von LINK beschriebene Mechanismus am besten nachvollziehen, wenn man den Blick auf die Wissenselemente richtet, deren Ensemble man Alltagswissen nennen kann. Unser empirisches Material liefert Hinweise darauf, dass nicht nur die Elementarkultur um die Kategorie des Alltags erweitert und konkretisiert werden sollte (Abschnitt 5.1), sondern es auch sinnvoll ist, einen spezifischen Wissenstypus dem Alltagsdiskurs zuzuordnen. Um Alltagswissen als eigenen Wissenstypus entdecken zu können, haben sich unsere verschiedenen Lektüren (vgl. Abschnitte 3, 4, 5) als hilfreich erwiesen: Als charakteristisch für diese Wissensform wird ausgewiesen, dass sie sich auf der Grundlage subjektiver Erfahrungen im Alltag herausbildet; gleichzeitig ist sie durch sowohl strukturierende Merkmale (Rezeptcharakter, Typisierung) als auch durch das "Wuchern des Diskurses" ("Ereignis", "Zufall") gekennzeichnet. Subjektive Erfahrungen basieren auf "gelebter Wirklichkeit", sie sind höchst persönlich und ihr "Wert" wird nicht durch den wissenschaftlichen Code von "wahr/falsch", sondern durch individuelle Relevanzstrukturen bestimmt. Sie sind auch nicht generalisierbar, sondern bringen ein Wissen hervor, das im Raum des "objektiven" bzw. "wahren" Wissens unsagbar geblieben wäre. Während der Erfahrungshorizont des Spezialdiskurses also entsubjektivierend ist, hat das Alltagswissen als subjektives Erfahrungswissen eine eigene Legitimationskraft: Dem Verweis auf eigene Erfahrungen – ob "am eigenen Leibe" oder als Erzählung "aus zweiter Hand" – wohnt im Alltagsdiskurs eine hohe Glaubwürdigkeit inne. [34]

Für den erwähnten Kreativzyklus hat diese Wissensform insofern Bedeutung, als sie – im Sinne einer "bottom up"-Bewegung – in ihn eingespeist wird und auf die anderen Wissensformen einwirkt; gleichzeitig ist diese Wissensform für "top down"-Prozesse von strategischer Bedeutung, denn mit ihr und in ihr entscheidet sich, welche Subjektivierungsweisen tatsächlich übernommen (oder auch zurückgewiesen) und somit für Alltagsmenschen handlungsrelevant werden. Wenn zum Beispiel angebotene Folien der Subjektivierung im Widerspruch zu den Erfahrungen des Alltags stehen, kann dies verschiedene Reaktionen hervorrufen: Zurückweisung bzw. Abwendung, Widerstand, Anpassung oder – als vierte Möglichkeit – ein kreatives Potenzial (LINK 2003, S.23). Alltagswissen stellt also eine wichtige Ressource für den Kreativzyklus des gesellschaftlichen Wissens dar, den LINK (2005, S.92) als "kulturkonstitutiv" bezeichnet hat. [35]

Zusammenfassend: Auf der Basis unserer theoretischen Überlegungen lassen sich diese sechs Dimensionen des Wissens identifizieren, auf die beim empirischen Vorgehen zu achten sein wird:

  • Grad der Spezialisierung, da sie die Leitdimension des interdiskursiven Wissens nach LINK darstellt;

  • Stellenwert des Subjekts, da nach LINK die intensive Subjektivierung das Alltagswissen von den anderen Wissensformen unterscheidet;

  • Handlungsorientierung, da sie nach BERGER und LUCKMANN prägend für das Alltagswissen ist;

  • Logiken, da nach BERGER und LUCKMANN und LINK im Alltag die pragmatische Logik und in den Spezialdiskursen die Formallogik gilt;

  • sprachliche Konstruktionen, auf deren Bedeutung für das interdiskursive Wissen vor allem LINK hingewiesen hat;

  • mögliche Sprecherpositionen, da sie den Anschluss an FOUCAULTs Perspektive von Macht/Wissen erlauben. [36]

Auf methodischer Ebene stellt sich somit die Frage: Wie manifestieren sich diese Merkmale im empirischen Material des 1000 Fragen-Forums? Im letzten Abschnitt dieses Beitrags werden die vorgenommenen Operationalisierungen anhand von zwei Wissensformen expliziert und es werden einige Ergebnisse der Textanalyse vorgestellt. Zur besseren Kontrastierung beziehen wir uns dabei hauptsächlich auf Alltags- und Spezialwissen. Interdiskursives Wissen als eine mögliche dritte Wissensform, die im Rahmen unseres Theoriekonzepts ebenfalls relevant ist, wird nur beiläufig eingebracht; ihre genaue Untersuchung bleibt weiteren Forschungsschritten vorbehalten. [37]

6. Spezialwissen und Alltagswissen im Online-Forum "1000fragen.de"

Diskursanalyse kann als eine Art Typisierungsprozess aufgefasst werden, der die Ordnung(en) einer bestimmten Ansammlung von Äußerungen zum Vorschein bringt. Im Unterschied zu Forschungsprojekten, deren Ziel die Rekonstruktion eines inhaltlich im Vorhinein bestimmten Diskurses ist, mussten wir auf Grund der Ereignishaftigkeit und Interdiskursivität des untersuchten Internetforums davon ausgehen, dass wir auf eine Vielfalt von Gegenständen, Sprechweisen und anderen Ordnungen treffen würden. Aus diesem Grund verfolgte die empirische Arbeit eine Strategie größtmöglicher Offenheit. Wir nahmen an, dass der Typisierungsprozess eine Wissensoberfläche hervorbringen würde, die nicht kohärent sein, sondern Brüche bzw. Teilstrukturen unterschiedlicher Ordnungen enthalten würde. Einen Überblick darüber, welche Methoden bezogen auf welchen Teil des Materials angewandt wurden, gibt der Auswertungsplan der qualitativen Phase in Abb 1.



Abb.1: Auswertungsplan der qualitativen Phase [38]

Die Orientierung an einem offenen Methodendesign legte induktive Verfahrensweisen nahe. Die ersten Schritte der Untersuchung, die im Rahmen dieses Beitrags nicht näher betrachtet werden, waren deshalb einfache Häufigkeitsauszählungen von Begriffen und externen Variablen wie die Länge der Threads (Diskussionsstränge) und ihre Einordnung in vorgegebene Themenbereiche. Die quantitativen Analysen verwiesen auf grobe Regelmäßigkeiten in der unübersichtlichen Menge der Äußerungen. Diese erste Untersuchungsphase diente außerdem dazu, mit dem Untersuchungsmaterial vertraut zu werden und die qualitativ angelegte Phase vorzubereiten, in der die Äußerungen typisiert, kategorisiert und somit zu Bündelungen oder Aussagenformationen verdichtet wurden. Ab dieser zweiten Phase stellte die grounded theory (GLASER & STRAUSS 1998) für die Auswahl von Stichproben und die Kategorisierung des Materials mit Hilfe unterschiedlicher Kodierstrategien erprobte und nachvollziehbare Vorgehensweisen zur Verfügung. So wurde eine Stichprobe I gebildet, die aus 414 Threads mittlerer Länge bestand. Konkret ging es darum, durch offenes Kodieren die Äußerungen des Internetforums in ein Kategoriensystem zu überführen.20) Im Ergebnis lieferte ein Kodebaum einen Überblick über die Oberflächenstruktur des Diskursereignisses. [39]

Zwar konnte auf dieser Ebene nicht auf eine Tiefenstruktur eines Diskurses geschlossen werden; jedoch wurden durch die Kategorisierung verschiedene Diskursstränge und Diskurslogiken sichtbar. Die Komplexitätsreduktion mittels des Kodebaums ergab einerseits Serien, Wiederholungen, Regelmäßigkeiten; andererseits wurde deutlich, dass in unserem Material die unterschiedlichsten diskursiven Strukturelemente vorhanden waren. Im laufenden Forschungsprozess musste deshalb entschieden werden, ob die Logik der Diskursanalyse, die die Ordnung eines Diskurses zu rekonstruieren versucht, weiter verfolgt werden sollte, oder ob sich im Material Hinweise auf Schlüsselkategorien finden ließen, die, wie es die grounded theory nahe legt, durch weitere empirische Schritte zum Kristallisationspunkt theoretischer Überlegungen ausgebaut werden konnten. Auf der Basis einer vertieften diskurstheoretischen Reflexion, deren Ergebnisse wir zu Beginn dieses Beitrags präsentiert haben, entschieden wir uns für ein schrittweises Vorgehen, das beide Ansätze beinhaltete: Aufgrund unseres Erkenntnisinteresses, die Besonderheiten des Alltagsdiskurses nachzuvollziehen, wählten wir mit "Wissensformen" eine formal definierte Schlüsselkategorie für weitere Kodierarbeiten aus.21) Im Kodebaum hatte diese Kategorie die Ausprägungen "Spezialwissen" und "Alltagswissen". [40]

Um eine Differenzierung der Äußerungen auf der Grundlage empirisch messbarer Merkmale von Wissensformen zu ermöglichen, wurde eine neue Stichprobe (II) benötigt. Für das Auffinden von Textstellen zum Alltagswissen beschränkten wir uns aus praktischen Gründen auf die Subjektivierung als Leitdimension, d.h. Alltagswissen sollte als "subjektives Erfahrungswissen" erfasst werden. Zwar konnte durch diese Einschränkung die Wissensform des Alltags nicht in ihrer ganzen Komplexität widergespiegelt werden, die Dimension des subjektiven Erfahrungswissens ermöglichte jedoch eine schnelle und wirksame Suchstrategie für aussagekräftige Textstellen. Außerdem gingen wir davon aus, dass in den Textstellen zum subjektiven Erfahrungswissen dank der Interdependenzen zwischen den oben dargestellten Dimensionen der Wissensformen neben dem Stellenwert des Subjekts (2.) gleichzeitig auch der Grad der Spezialisierung (1.), die Handlungsorientierung (3.), Logiken (4.), sprachliche Konstruktionen (5.) und mögliche Sprecherpositionen (6.) zu erkennen sein würden (vgl. auch Tab. 1). Um Textstellen zum Spezialwissen ausfindig zu machen, wurde ebenfalls auf wenige prägnante Suchbegriffe zurückgegriffen. Es wurden solche Begriffe verwendet, die eindeutig mit dem wissenschaftlichen Erkenntnisstil verknüpft sind, z.B. "Wissenschaft", "Theorie/theoretisch" oder "Definition/definieren". [41]

Die Auswahl der Textstellen für die Stichprobe II erfolgte nach dem Prinzip der theoretischen Stichprobe (SEIPEL & RIECKER 2003, S.112f.). Zum Auffinden von relevanten Texten wurde die automatische Suchfunktion des Analyseprogramms MaxQDA2 benutzt. Die Suchstrategie folgte einem Ähnlichkeitsprinzip: Beim subjektiven Erfahrungswissen wurden z.B. im ersten Schritt theoretisch abgeleitete Begriffe ("persönliche Erfahrung", "selbst betroffen" usw.) sowie Wörter, die in den Fundstellen der Stichprobe I als charakteristisch aufgefallen waren (z.B. "bei mir selbst", "mein Kind"), als Suchbegriffe verwendet. Innerhalb dieses Suchergebnisses fanden sich wiederum weitere Suchwörter zur Vervollständigung der Suchstrategie. Der erste Durchlauf enthielt 3.090 Beiträge, die insgesamt in Frage kamen. Eine Sichtung und Überprüfung durch die Kodierer(innen) reduzierte das Material auf 23 Threads mit einer Textlänge zwischen 56 und 28.928 Wörtern. Das Ergebnis dieses Arbeitsschrittes wurde nochmals auf Tauglichkeit für die empirische Analyse überprüft. Dafür wurde eine weitere Stichprobe (III) gebildet, in der verschiedene Kodierer(innen) unabhängig voneinander die nunmehr ausgereifte Kodierstrategie umsetzten. Für diesen Arbeitsschritt stellten wir eine Zufallsauswahl der Threads aus den Unterthemen "PID, PND, Wunschkinder" (n=111),22) "Sterbehilfe" (n=93) und "Eugenik" (n=40) zusammen. Die Auswahl der Beiträge nach dem Zufallsprinzip sollte mögliche Verzerrungen durch den Einfluss von Suchwörtern auf die Zusammenstellung des Teilkorpus ausschließen. Als Ergebnis des Systematischen Kodierens aus den Stichproben II und III (s. Abb.1) entstand ein Teilkorpus von Äußerungen, die entweder der einen oder der anderen Wissensform zugeordnet werden konnten. [42]

In Tab. 1 sind die Merkmale der Wissensformen zusammengefasst, die in dieser empirischen Phase untersucht wurden. Es sei daran erinnert, dass die Zusammenstellung der Stichprobe auf der Basis der automatischen Suchfunktion erfolgte; die benutzten Suchbegriffe bezogen sich beim Alltagswissen nur auf eine Dimension, nämlich den Stellenwert des Subjekts. Die anderen fünf Dimensionen wurden jedoch im Text-Retrieval mit erfasst. Insofern diente dieser Arbeitsschritt auch der Überprüfung der Vorannahme, dass die benutzten Dimensionen, die aus analytischen Gründen zu trennen waren, in der diskursiven Praxis starke Interdependenzen aufweisen.

Dimension

Alltagswissen

Spezialwissen

1) Grad der Spezialisierung

"elementares" Wissen, wenig differenziert

hoch spezialisiertes, differenziertes Wissen

2) Stellenwert des Subjekts

intensive Subjektivierung

objektiv, neutral, wertfrei, Misstrauen gegenüber subjektiver Wahrnehmung

3) Handlungsorientierung

Pragmatik, Handlungsdruck

kein Handlungsdruck, keine unmittelbare Handlungsrelevanz

4) Logiken

pragmatische Logik: Rezeptwissen, Eindeutigkeit und Mehrdeutigkeit sind möglich

Formallogik: Eindeutigkeit, denotative Aussagen, spezielle Definitionen der Begriffe

5) sprachliche Konstruktionen

biographische Schilderungen, "Alltagsweisheiten", Ratschläge usw.

Verallgemeinerung, mathematische Formel, Deduktion, Induktion, Beweise usw.

6) mögliche Sprecherpositionen

der/die "Betroffene" mit subjektiver Erfahrung; tendenziell "Jedermanns-Wissen"

der/die "Experte/Expertin", Institutionen der Spezialdiskurse (Wissenschaften); Tendenz zur Monopolisierung von Wissen

Tab.1 Merkmalssystematik Alltags- und Spezialwissen [43]

1) Grad der Spezialisierung: Das von LINK (2005, S.86) vor allem für den Interdiskurs postulierte Merkmal "entdifferenzierende […] Wissensproduktion" war für die Kodierarbeit ein eher weiches Kriterium, das erst in Verbindung mit anderen Dimensionen deutlich an Kontur gewann. Ein Beispiel: Die Formulierung "Wer um Hilfe bittet, dem sollte auch geholfen werden" (Thread 3475) ist weder differenziert noch spezialisiert, also "elementar" im Sinne des Alltagsdiskurses. Sie könnte als "Alltagsweisheit" (vgl. Dimension 5) klassifiziert werden. Dem zitierten Satz stellte der User jedoch ein "Klares JA" zur Sterbehilfe unmittelbar voran. Aufgrund dieses Kontextes wurde die Aussage als alltagsdiskursives Rezeptwissen (vgl. Dimension 4) interpretiert. [44]

Wie eine differenzierte Äußerung zur gleichen Problematik aussehen kann, demonstriert folgende Textstelle: "Unter strengsten Sicherheitskriterien bin ich dafür, dass ein Mensch so er zurechnungsfähig ist über das Ende seines eigenen Lebens bestimmen dürfen sollte. Die Entscheidung sollte von einem (von den behandelnden Ärzten) unabhängigen Gremium überprüft werden müssen mit wenig überbordender Bürokratie." (Thread 3475) [45]

Die im Grunde mit der ersten Textstelle übereinstimmende Diskursposition (Ja zur Sterbehilfe) wird hier an Bedingungen und Verfahrensweisen geknüpft, die auf Spezialdiskurse verweisen, nämlich auf das juristische Konstrukt der Zurechnungsfähigkeit und standardisierte Entscheidungsabläufe in der Klinik. [46]

2) Stellenwert des Subjekts: Diese Dimension war bereits mit dem Merkmal "subjektives Erfahrungswissen" in die Suchstrategie für die Zusammenstellung der Stichprobe II eingegangen. In der diskursiven Praxis des Alltags äußerte sie sich vor allem in der Ich-Perspektive. Dem Stellenwert des Subjekts muss u.E. ein weitaus höherer Stellenwert beigemessen werden als dem Aspekt, dass alltägliches Wissen auf Erfahrung beruht, denn einen (ent-subjektivierten) Erfahrungsbezug hat auch das Spezialwissen, insbesondere die Naturwissenschaft. Die beim Kodieren vorgenommene Differenzierung verlief also entlang der Achse subjektives vs. objektives Wissen. [47]

Auf dieser Ebene kamen im 1000 Fragen-Forum zwei Aspekte des Spezialwissens zum Vorschein: Zum einen benutzten die User "objektiv" im Sinne von über-individuell bzw. intersubjektiv nachvollziehbar. Zum anderen konnte Objektivität aber auch als Neutralität gegenüber individuellen Interessen oder Wertfreiheit gedeutet werden. Diese Differenzierung führte zu der Interpretation, dass im Alltagswissen das explizite Einbringen von Gefühlen als legitimes Argument gilt, im Spezialwissen dagegen als unpassend gesehen oder gar sanktioniert wird. Anhand von zwei Ankerbeispielen soll die Operationalisierung dieser Dimension nachvollziehbar gemacht werden: [48]

Aufgrund der benutzten Ich-Perspektive könnte man die folgende Argumentation zunächst dem Alltagswissen zuordnen: "Nachdem ich mit ansehen musste, wie meine Mutter sterbenskrank 'am Leben erhalten' wurde, obwohl vollkommen klar war, dass sie innerhalb der nächsten 4 Wochen sterben würde, bin ich ein konsequenter Befürworter der Sterbehilfe." (Thread 3475) Die eigene Haltung zur nicht näher differenzierten bzw. definierten Sterbehilfe (vgl. Dimensionen 1 und 4)23) führte dieser User auf das Erleben oder treffender: Erleiden des Sterbens seiner Mutter zurück. Die Betonung einer konsequenten Einstellung lässt vermuten, dass kein Interesse an einem Austausch von "objektiven" oder "rationalen" Argumenten besteht, wie es etwa im Spezialdiskurs Bioethik üblich wäre. Subjektiviertes Wissen, d.h. das, was man "mit [eigenen Augen] ansehen" bzw. mit eigenen Sinnen erfassen kann, erhält eine Gewissheit, die durch subjektferne Argumente nicht mehr erschüttert werden kann. [49]

Auf eine für den Interdiskurs charakteristische Weise wird außerdem in dieser Textstelle das aus dem Alltagswissen stammende Erlebnis mit der öffentlichen Debatte zur Sterbehilfe verknüpft. Der Brückenschlag vom subjektiven Miterleben einer Sterbesituation hin zur typisierbaren Diskursposition als "konsequenter Befürworter der Sterbehilfe" stellt insofern eine interdiskursive Position dar, als sie Subjekt-Applikation anbietet und deshalb größere Chancen hat, von anderen akzeptiert zu werden, als eine nach den Regeln des Spezialdiskurses Bioethik formulierte Aussage.24) [50]

Im Unterschied erfordert der Erkenntnisstil des Spezialwissens bei einem Thema wie der Sterbehilfe mehr Reflexivität, eine distanziertere Haltung zum Subjekt. Im nächsten Beispiel ist trotz der Verwendung der Ich-Form ein solches Bemühen zu erkennen: "Wäre ich aber in der Lage, trotz meiner Anteilnahme objektiv zu denken, würde ich den Weg des geringsten Leidens des Meist-Leidenden wählen." (Thread 9264) Die Gegenüberstellung von "Anteilnahme" und "objektiv [...] denken" veranschaulicht überzeugend den niedrigen Stellenwert des Subjekts im Spezialwissen: Für die angestrebte Objektivität ist die Subjektivierung (hier: durch Emotionen) ein Störfaktor, den es zu überwinden gilt. Erst dann ist der Weg frei zur Formulierung von eindeutigen und allgemein gültigen Aussagen (vgl. Dimensionen 4 und 5). [51]

3) Handlungsorientierung: Die Bewältigung des Alltags erfordert ständig Entscheidungen, für die das Alltagswissen Lösungen anbieten muss. Diese Pragmatik (im Sinne von Handlungsorientierung) wurde in unserem Material an vielen Stellen in augenfälliger Weise deutlich: "Berate dich nicht mit Theoretikern, sondern frag Frauen, die im Rollstuhl sitzen oder solche Glasknochen wie du haben und selber Kinder gekriegt haben. Die können dir den besten, praktischsten Rat geben." (Thread 8887) Im Alltagswissen wird Theorie nicht unbedingt als eine Wissensform verstanden, die sich um Präzision, Widerspruchsfreiheit und Objektivität bemüht, sondern sie kann auch als praxisfern, abgehoben, als unerfahren, ja eigentlich "unwissend" abqualifiziert werden, wie ein weiteres Beispiel illustriert: "Die Meinung zu meiner Krankheit kann nur von jemandem stammen, der ein sehr theoretisches Wissen über die Krankheit hat." (Thread 9590) Im Kontrast dazu steht der "praktische Rat" (vgl. Dimension 5), der als Weitergabe subjektiver Erfahrungen formuliert wird. Dieser Erkenntnisstil ist deshalb der "beste", weil er Antworten auf die entscheidende Fragen geben kann: "Wie fühlt sich das an?" und: "Was soll ich in der konkreten Situation tun?". [52]

Spezialwissen ist dagegen ein Produkt der Ausdifferenzierung von Wissen. Es muss nicht dem Handlungsdruck des Alltags standhalten; vielmehr liegt, idealtypisch gedacht, seine Funktion darin, Fragen von theoretischer Relevanz zu lösen. Für die Handlungsdistanz des Spezialwissens ist diese Fundstelle ein gutes Beispiel: "Allgemein ist die Beziehung zwischen einem Forscher und seinen Handlungen zu komplex, als dass sie in einer gut formulierten Maxime zusammengefasst werden könnte. […] Doch selbst wenn man zustimmt, dass es Fälle gibt besonders in technischen Bereichen, die keine Nähe zu politischen und soziologischen Fragen aufweisen in denen theoretische Arbeit unabhängig von der Biografie oder sozialen Stellung einer Person stattfindet, folgt daraus nicht, dass eine solche Dichotomie im Werk eines jeden einzelnen Theoretikers vorhanden ist." (Thread 9443) [53]

4) Logiken: Als typisch für den Erkenntnisstil des Alltags hat sich in der Analyse herausgestellt, dass die Regeln der Formallogik nicht in dem Maße übernommen werden, wie es für das Spezialwissen vorausgesetzt wird. Äußerungen des Alltagswissens ließen oft mehrere Deutungen zu und benutzten vorzugsweise Begriffe, die beladen mit Konnotationen sind, wie z.B. Metaphern und bildhafte Vergleiche: "Hallo, vielleicht will Gott ja gar nicht das, was ihr so wollt. Ein 6er im Lotto macht auch nicht ewig glücklich!! Wer so denkt, ist meiner Meinung nach ein Esel! Und Gott liebt zwar die Menschen, aber ich denke, dass die Grenze der Liebe beim Klonen erreicht ist!!" (Thread 4526) [54]

Dagegen waren Äußerungen, die ihre Begriffe erst definieren, bevor sie Sätze mit ihnen bilden, fast immer dem Spezialwissen zuzuordnen. "Die Logik der Wissensspezialisierung zielt dabei tendenziell auf Eindeutigkeit, spezielle Definition der Begriffe, Dominanz der Denotation und möglichst Beseitigung aller Uneindeutigkeiten und Konnotationen" (LINK 2005, S.86). Folgendes Zitat ist ein gutes Beispiel für den wissenschaftlichen Erkenntnisstil: "Balancierte Translokation heißt ausgeglichener Stückaustausch. Wenn er tatsächlich ausgeglichen ist, bedeutet das für die persönliche Gesundheit in der Regel gar nichts. Informieren Sie sich am besten in einer genetischen Beratung. Adressen unter www.BVmedgen.de." (Thread 9523) Neben der Definition eines Fachbegriffes findet sich in dieser Textstelle mit der Wenn-Dann-Formulierung eine formallogische Konstruktion sowie zusätzlich ein ebenfalls typischer Verweis auf eine Expertenquelle (vgl. Dimension 6). [55]

5) Sprachliche Konstruktionen: An den folgenden Beispielen lässt sich zeigen, wie unterschiedlich sich die beiden Erkenntnisstile manifestieren, und zwar auch dort, wo gleiche Begrifflichkeiten, z.B. "künstliche Befruchtung", verwendet werden. Die Wissensform des subjektiven Erfahrungswissens bediente sich vorzugsweise biographischer Schilderungen;25) es wurden Beispiele aufgezählt oder Analogien zu anderen Situationen (z.B. Adoption) hergestellt: "[B]evor ich den Weg der künstlichen Befruchtung wähle, würde ich eher ein Kind adoptieren und ihm ein schönes Leben bieten ... Es gibt mehr als 'genug' elternlose Kinder ... Ist aber schon immer eine sehr persönliche Entscheidung ..." (Thread 9505). Ebenfalls typisch war die Formulierung von Ratschlägen, die sich – hier in der Wendung "würde ich …" – mit den Dimensionen 2 und 3 verknüpfen lassen. [56]

Ganz anders müssen spezialdiskursive Aussagen über künstliche Befruchtung beschaffen sein: "[I]n Deutschland dürfen nur verheiratete Paare eine künstliche Befruchtung durchführen lassen, eine Auslands-Adoption für Alleinstehende ist in Deutschland nicht verboten." (Thread 5387) In dieser Fundstelle wird beispielsweise juristisches Spezialwissen artikuliert. Die Äußerung wird in eine Form gegossen, die eine Verallgemeinerung von Einzelfällen zulässt. [57]

Textstellen, die völlig vom Alltag abstrahieren, wurden ebenfalls dem Spezialwissen zugeordnet:"Theorien sind beweisbar, dann sind sie wahr, oder sie sind falsch, wenn das Gegenteil bewiesen ist. Alle anderen Fälle werden mit der nötigen Vorsicht bis zum Beweis als Hypothese behandelt. Bis auf eine Handvoll Axiome gibt es keine Gesetzmäßigkeiten, die prinzipiell nicht beweisbar sind." (Thread 9183) [58]

Nach dieser durchaus apodiktisch formulierten Einschätzung gibt es "wahres" und "falsches" Spezialwissen, das sich an der prinzipiell erfassbaren Realität "beweisen" muss. Auch wenn diese Sichtweise nur eine von mehreren Denkschulen aus dem Bereich der Wissenschaft repräsentiert, teilt sie mit ihr die Merkmale des systematischen und an Verallgemeinerung ausgerichteten Erkenntnisstils. Auf den Punkt gebracht: Im Alltagswissen steht der Einzelfall in seiner Komplexität an prominenter Stelle; das Spezialwissen dagegen versucht, über ihn hinaus zu gehen und zu abstrahieren. [59]

6) Sprecherpositionen: Zum Schluss soll noch ein Merkmal genannt werden, das den Machtaspekt der Wissensproduktion berührt: die Sprecherpositionen, die im Falle des Spezialwissens zumeist mit gesellschaftlichen Institutionen verbunden sind, während Alltagswissen per definitionem tendenziell "Jedermanns-Wissen" und durch geringe Institutionalisierung charakterisiert ist. Spezialwissen setzt die Herausbildung von Spezialdiskursen und Wissenschaftsinstitutionen voraus, also eigens ausgewiesene Orte, an denen Spezialwissen erzeugt und reproduziert wird. Letztere Wissensform tendiert zur Monopolisierung, da es für eine Einzelperson unmöglich ist, mehrere Spezialgebiete vollständig zu beherrschen.26) [60]

Geringe Institutionalisierung äußert sich im Alltagswissen beispielsweise in der Verwendung der Sprecherposition "Ich" (vgl. Dimension 1) oder eines allgemeinen "Wir", wie dieses Zitat zeigt: "Das, was andere schon ausprobiert haben, können wir beobachten und glauben dann, unser eigenes Risiko, emotional oder praktisch, minimieren zu können. Wie wir alle wissen, ist diese vermeintliche Sicherheit nur zu trügerisch" (Thread 5135) Dass im Kontrast Spezialwissen einen höheren Grad an Institutionalisierung voraussetzt, kommt in der folgenden Textstelle zum Ausdruck: "Nicht jeder kann sich über dieses Thema so viel wissen aneignen, wie die Leute die damit arbeiten, oder die es studieren bzw. erforschen!" (Thread 9777) Die Verben "arbeiten", "studieren" und "erforschen" verweisen auf die Institutionen Betrieb, Hochschule und Forschungseinrichtung27) – außerhalb dieser durch Arbeitsvertrag, Hochschulzugehörigkeit oder Forschungsauftrag eindeutig formell identifizierbaren Positionen ist der zitierten Äußerung zufolge das Spezialwissen nur schwer zugänglich. [61]

In den sehr häufig zu findenden biographischen Schilderungen (vgl. Dimension 5) stellt sich die Sprecherposition des Alltagswissens dar als die einer Person mit intensiver subjektiver Erfahrung: "Ich habe zwei Kinder, wovon das Älteste (mein Sohn wird am 22.12. 13 Jahre) zu 100% behindert ist. Wir lieben Matthias so, wie er ist, und solche Kinder brauchen doppelte Liebe und viel Kraft. Nichts ist schlimmer als eine Ablehnung." (Thread 1406) / "[I]ch kenne aber kein lebensfroheres Kind als meine Tochter, die mit einem Down-Syndrom geboren wurde!" (Thread 1406) / "Ich persönlich habe jedenfalls trotz täglicher Beschäftigung damit noch keinen Menschen kennen gelernt, der eine durch PID diagnostizierbare Genveränderung getragen hätte und sein eigenes Leben verneint." (Thread 9590) [62]

Neben persönlicher Erfahrung wurden auch Exempel genannt, die aus dem persönlichen Umfeld, der Verwandtschaft oder dem Bekanntenkreis stammten: "In unserer Vewandtschaft hat schon mal jemand eine Leber innerhalb kurzer Zeit benötigt und bekommen. Sie kann jetzt sehen, wie ihre Tochter aufwächst." (Thread 0513) / "Das war das Kind von Freunden meines Onkels. Er arbeitete damals in einem Kindergarten für behinderte Kinder." (Thread 9590) [63]

Das empirische Material ergab keine Hinweise auf ein formelles Mindestkriterium, das eine Sprecherposition erfüllen muss, um im Alltagsdiskurs mitreden zu dürfen. Dennoch kann angenommen werden, dass nicht alle "Ich"- und "Wir"-Aussagen gleiches Gewicht haben. Vermutlich weist die Position des oder der "Betroffenen" die höchste Legitimität auf; die Überzeugungskraft sinkt mit der Ferne zur "authentischen" subjektiven Erfahrung. Schilderungen aus der Familie würden sich demzufolge besser zur Legitimation eignen als Erlebnisse aus dem weiteren Bekanntenkreis; Gerüchte und Medienberichte hätten einen noch geringeren Stellenwert. [64]

Wenn im Internetforum nach den Quellen des Spezialwissens gefragt wurde, erschienen regelmäßig Sprecherpositionen wie Forscher, Universitäten, Fachliteratur, "seriöse" Medien etc. Nicht selten wurde die Möglichkeit genutzt, mit Hilfe der Hypertext-Funktion im Internetforum auf andere Webseiten zu verweisen, um die genannte Quelle zugänglich und überprüfbar zu machen: "Die ausführlichsten Quellen über PID liefert die Zeitschrift Human Reproduction, ESHRE-Reports von 1999 bis 2002. Daher habe ich meine Zahlen, ist allerdings auf Englisch und für Fachleute. Die Zahlen sind aber auch im Bericht der Enquete-Kommission 'Recht und Ethik der modernen Medizin' verwertet (Seite 90) unter http://www.bundestag.de/gremien/medi/index.html." (Thread 9755) [65]

Hier ist die Bezeichnung einer Sprecherposition besonders konkret. Implizit findet sich in diesem Zitat auch die Tendenz des Spezialwissens zur Monopolisierung ("allerdings auf Englisch und für Fachleute"). [66]

7. Resümee

Anliegen dieses Beitrags war es, den Alltag in seiner spezifischen Bedeutung für Wissenserwerb und Selbstkonstitution der Subjekte in die methodologische Debatte der Diskursanalyse einzubeziehen. Unseren Gegenstand definierten wir als ein diskursives Ereignis im Interdiskurs mit dem Thema Bioethik. Die Ausführungen zielten darauf ab, eine Leerstelle des Interdiskurses, nämlich dessen elementare Ebene zu spezifizieren und ergänzend den Begriff des Alltagsdiskurses einzuführen. Dies geschah in der Hoffnung, ein diskursanalytisches Instrumentarium auszuarbeiten, das nicht nur auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand, das Internetforum "1000 Fragen zur Bioethik", angewendet werden kann, sondern sich möglicherweise auch dann als hilfreich erweist, wenn ähnliche, vom alltagsweltlichen Sprechen bestimmte Datenkorpora wie Internetforen, Talkshows, Kontaktanzeigen, Ratgeber etc. analysiert werden sollen. Die empirische Untersuchung zeigt, dass die intensive Subjektivierung des Wissens, wie sie für den Alltagsdiskurs typisch ist, gerade bei einem spezialdiskursiv dominierten Thema (wie der Bioethik) eines alltagsnahen Rahmens (wie den eines Internetforums) bedarf, um sich öffentlich artikulieren zu können. [67]

Die Charakterisierung des subjektiven Erfahrungswissens als empirisch zu identifizierender Erkenntnisstil des Alltags wirft jedoch auch neue Fragen auf: Zum einen haben wir im Verlauf der Untersuchung festgestellt, dass viele, offensichtlich nicht spezialdiskursive Äußerungen dem subjektiven Erfahrungswissen nicht zugeordnet werden können; offenbar lässt sich in dem Material ein dritter, eigenständiger Wissenstypus auffinden, den man vor dem Hintergrund der interdiskursiven Rahmenbedingungen als "interdiskursives Wissen" bezeichnen kann. Zum anderen ist offen, welche Verknüpfungen zwischen den inhaltlichen und den formalen Formationen des untersuchten Diskursereignisses bestehen. Vorläufig können folgende Kopplungen zwischen der Art und Weise der Wissensproduktion (Spezial-/Alltagsdiskurs) und den diskursiv konstruierten Gegenständen festgestellt werden: Während etwa der Expertendiskurs keine Antwort weiß auf die Frage "Wie fühlt sich das an?", kann der Laiendiskurs ohne Scheu auch Gefühle, Vermutungen und widersprüchliche Wahrnehmungen thematisieren. Umgekehrt kann letzterer, insbesondere dann, wenn subjektives Erfahrungswissen ins Spiel gebracht wird, nur selten den Anspruch auf Allgemeingültigkeit vertreten. Dies bringt ihm einen strategischen Nachteil gegenüber dem Expertendiskurs ein, der Objektivitätsansprüche zum Teil vehement vertritt. [68]

Festzuhalten bleibt, dass die interdiskursive Praxis des Internetforums "1000fragen.de" auf Grund ihrer nicht-hegemonialen, potenziell widerständigen Anlage Chancen auf Teilhabe unterdrückter Wissensformen bietet. Dies ist insbesondere unter partizipationstheoretischen Gesichtspunkten interessant. So setzen die hohe Legitimität alltagsweltlichen Wissens und insbesondere der Stellenwert subjektiver Erfahrung einen neuen Akzent in der bioethischen Debatte; damit wird möglicherweise auch auf inhaltliche Verschiebungen in den zu Grunde liegenden Wissensordnungen hingewiesen. [69]

Danksagung

An dieser Stelle möchten wir uns bei Aktion Mensch für die großzügige Forschungsförderung bedanken. Unser Dank für gute und anregende Zusammenarbeit geht insbesondere an Heike ZIRDEN.

Anmerkungen

1) Wir beziehen uns mit diesen Formulierungen auf FOUCAULT, der in "Ordnung des Diskurses" schreibt: "Aber was ist denn so gefährlich an der Tatsache, daß die Leute sprechen …"; auf der gleichen Seite spricht er von "Prozeduren, deren Aufgabe es ist, […] sein [des Diskurses, d. Verf.] unberechenbar Ereignishaftes zu bändigen …" (FOUCAULT 1974, S.7; Hervorh. d. Verf.). <zurück>

2) Zum Beispiel: "Wird das Y-Chromosom überflüssig?" – "Designer-Baby soll Bruder retten". <zurück>

3) Zum Beispiel: "Schon gefragt?" – "Da fragt man sich doch?" – "Fragwürdig?" – "Noch Fragen?" <zurück>

4) Eine Moderation fand nur in reduzierter Form statt: Zum einen enthielt die Eingabemaske die Vorgabe, die eigene Frage in ein vorhandenes Themenraster einzuordnen; zum anderen wurden Beiträge mit beleidigendem oder offensichtlich irrelevantem Inhalt depubliziert. Neben dem Fragenforum bot die Internetseite Hintergrundinformationen zu bioethischen Themen und auch Möglichkeiten spielerischer Interaktion. <zurück>

5) Mündliche Aussage Heike ZIRDEN, Leiterin der Abteilung Aufklärung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Aktion Mensch. <zurück>

6) Bis zu diesem Zeitpunkt wurden rund 500.000 Zugriffe registriert. <zurück>

7) Im Februar 2003 meldete die italienische Tageszeitung "Il Tempo" unter Berufung auf den Gynäkologen Severino ANTINORI eine entsprechende Geburt in China (AKTUELL 18.02.2003). <zurück>

8) Die Paten und Patinnen, zu denen neben Einzelpersonen auch einige Gruppen (z.B. Philosophiekurs einer Schule) gehörten, hatten jeweils eine Frage aus dem Forum ausgesucht und diese kommentiert. <zurück>

 Hier beziehen wir uns auf die mit dem Namen Jürgen HABERMAS verknüpfte Diskursethik.

10) Konkret bedeutet dies als Datengrundlage unseres Forschungsprojekts, dass wir die 10.000 Fragen und die dazu gehörenden 34.611 Kommentare, die vom 9. Oktober 2002 bis 31. Mai 2004 gesammelt wurden, untersuchen. Insgesamt analysieren wir 44.611 Datensätze. <zurück>

11) "Alltag" ist für JÄGER (1999, S.164) eine "Diskursebene" neben der "akademischen Ebene", den "Politikern", den "Medien" und der "Erziehung". <zurück>

12) FOUCAULTs Beschäftigung mit den wissenschaftlichen Diskursformationen zielt u.a. darauf ab, die durch Spezialisierung erfolgte "Erstarrung" des Diskurses zu verdeutlichen und ihm auf diesem Weg seine Ereignishaftigkeit zurückzugeben. <zurück>

13) DIAZ-BONE (2002a, S.178; 2002b) hat mit dem "kulturhegemonialen Interdiskurs" und "distinktiven Diskurs" ein ähnliches Konzept vorgeschlagen, das hier allerdings nicht betrachtet wird. <zurück>

14) Diese Methoden müssen nach FOUCAULT einer Art institutionellem Test genügen, beispielsweise den Regeln der dialektischen Argumentation, des inquisitorischen Verhörs oder der empirischen Bestätigung. <zurück>

15) Mit diesem Begriff meint FOUCAULT, der in der "Archäologie des Wissens" (1990a, S.224f.) von "interdiskursiver Konfiguration" bzw. einer "Gesamtheit diskursiver Formationen" und der "Verzahnung von Interpositivitäten" spricht, vor allem die Verbindungen der Spezialdiskurse untereinander. Daran anknüpfend hat PÊCHEUX (1984) mit dem Interdiskurs ein Konzept entwickelt, das den Blick auf außerwissenschaftliche Produktionsformen von Macht und Wissen lenken soll. <zurück>

16) "Unter 'interdiskursiven' Komplexen, Formen, Verfahren und Kategorien sollen all jene verstanden werden, die mehreren Spezialdiskursen gemeinsam sind. Dazu gehören alle 'Querschnitt-Kategorien' (wie etwa 'Freiheit', 'Gleichheit', 'Fortschritt', 'Entwicklung', 'Charakter', heute etwa 'Normalität' und 'Fairneß'), alle Kollektivsymbole (wie etwa 'Maschine', 'Organismus', 'Gefängnis', 'Flut/Deich', 'Schiff', 'Kutsche', 'Eisenbahn', heute etwa 'Auto', 'Flugzeug', 'Computer'), alle Mythen und elementaren Narrative (wie etwa Geschichten von Aufstieg und Fall, Entwicklungsgeschichten, dialektische Geschichten)." (LINK 2003, S.14) Im Falle unseres empirischen Materials treffen wir beispielsweise auf die Querschnittskategorien "Fortschritt", "Selbstbestimmung" und "Normalität", auf Kollektivsymbole wie "Ersatzteillager" und "Klon" wie auch auf unzählige Mythen und elementare Narrative, von denen die "Evolutionstheorie" besonders hervorsticht. <zurück>

17) LINK (2005, S.91) differenziert auf der vertikalen Achse der Macht auch den hegemonial-elaborierten und nicht-hegemonialen, elementaren Interdiskurs. <zurück>

18) Unter Bezugnahme auf FOUCAULT hat Michel PÊCHEUX die Interdiskurstheorie weiterentwickelt. Von seinen methodischen Bemühungen ist vor allem seine "Analyse automatique du discours" (1969) bekannt, die auf die Systematisierung des alltäglichen Sprechens und des Alltagsdiskurses zielte, jedoch auf Grund praktisch-empirischer Probleme nicht in gleicher Weise entwickelt ist wie seine Theoriebildung. Gegenwärtig interessieren sich Vertreter(innen) der um Jürgen LINK und die Zeitschrift "KultuRRevolution" gruppierten Forschungsrichtung der Interdiskursanalyse für alltagsbezogene Diskurse. Analysiert werden beispielsweise Literatur, Medien, Lebensstile und kulturelle Ereignisse, allerdings ohne dabei den Begriff des 'Alltags' genauer herauszuarbeiten, <zurück>

19) Neben der normativen Seite haben Legitimationsprozesse immer auch eine kognitive Seite; es handelt sich keineswegs einfach um " 'Werte', sondern impliziert immer auch [um] 'Wissen'. […] Legitimation sagt dem Einzelnen nicht nur, warum er eine Handlung ausführen soll und die andere nicht ausführen darf. Sie sagt ihm auch, warum die Dinge sind, was sie sind. Mit anderen Worten: bei der Legitimierung von Institutionen geht das 'Wissen' den 'Werten' voraus." (BERGER & LUCKMANN 2000, S.100; Hervorh. dort) <zurück>

20) Für die Kodierarbeiten benutzten wir das Programm MaxQDA2, eine Software, die eine gewisse Affinität zur grounded theory zeigt, aber auch für Diskursanalysen eingesetzt werden kann (vgl. DIAZ-BONE & SCHNEIDER 2003). <zurück>

21) Insgesamt wurden im Kodebaum acht Hauptkategorien identifiziert: Subjekt, Ethik, Macht, Wissensformen, Wissensvorräte, Sprecherpositionen, Diskurskontrollen, Strategien. <zurück>

22) PID: Präimplantationsdiagnostik; PND: Pränataldiagnostik. <zurück>

23) Als Spezialwissen kodierte Aussagen hätten zumindest die Differenzierung aktive/passive Sterbehilfe vorgenommen oder problematisiert bzw. den Begriff "Sterbehilfe" definiert oder auf Spezialdiskurse verwiesen, die Definitionen anbieten. <zurück>

24) Natürlich braucht dies dem User selbst nicht bewusst zu sein. <zurück>

25) Vgl. hierzu auch das Textbeispiel zur Sterbehilfe. <zurück>

26) Zum Spezialwissen, das hier als Idealtypus dargestellt wird, ist noch einschränkend hinzuzufügen: Für "'generelle' (Inter-) Diskurse der 'öffentlichen Meinung'" (LINK 2005, S.92) gelten andere Regeln als für spezialdiskursive Aussagen, die im institutionellen Rahmen der Wissenschaften auftreten. Da das untersuchte Internetforum in formaler Hinsicht nur eine Sprecherposition ermöglichte, nämlich "den User", konnten meist nur Verweise auf Spezialwissen kodiert werden. <zurück>

27) In dieser Aufzählung gibt es natürlich Überschneidungen. Bei der Kodierung des Merkmals kommt es aber nicht auf eine eindeutige Zuweisung einer bestimmten Position an, sondern darauf, ob eine Institution notwendig vorausgesetzt werden muss. <zurück>

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Zu den Autorinnen und zum Autor

Anne WALDSCHMIDT, Dr. rer. pol., Professorin für Soziologie in der Heilpädagogik, Sozialpolitik und Sozialmanagement an der Universität zu Köln, Forschungsschwerpunkte: Soziologie der Behinderung und Rehabilitation, Bioethik/Biopolitik, Disability Studies, Diskurstheorie und -analyse

Kontakt:

Prof. Dr. Anne Waldschmidt

Universität zu Köln
Soziologie in der Heilpädagogik, Sozialpolitik und Sozialmanagement
Frangenheimstr. 4, D-50931 Köln

Tel.: 00 49 (0)221 470 6890/6891
Fax: 00 49 (0)221 470 7794

E-Mail: anne.waldschmidt@uni-koeln.de
URL: http://www.hrf.uni-koeln.de/de/sozbeh/

 

Anne KLEIN, Dr. phil., Erziehungswissenschaftlerin und Historikerin, wiss. Mitarbeiterin im Forschungsprojekt "1000fragen.de – Ein Online-Diskurs zur Bioethik", Forschungsschwerpunkte: Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Holocaustforschung, soziale Bewegungen, Biopolitik

Kontakt:

Dr. Anne Klein

Universität zu Köln
Soziologie in der Heilpädagogik, Sozialpolitik und Sozialmanagement
Frangenheimstr. 4, D-50931 Köln

Tel.: 00 49 (0)221 470 6618
Fax: 00 49 (0)221 470 7794

E-Mail: anne.klein@uni-koeln.de
URL: http://www.hrf.uni-koeln.de/bioethik.php

 

Miguel TAMAYO KORTE, Diplom-Soziologe, wiss. Mitarbeiter im Forschungsprojekt "1000fragen.de – Ein Online-Diskurs zur Bioethik", Forschungsschwerpunkte: Public Health, Migration, Betreuungsrecht, Soziale Gerontologie

Kontakt:

Dipl. Soz. Miguel Tamayo Korte

Universität zu Köln
Soziologie in der Heilpädagogik, Sozialpolitik und Sozialmanagement
Frangenheimstr. 4, D-50931 Köln

Tel.: 00 49 (0)221 470 6619
Fax: 00 49 (0)221 470 7794

E-Mail: miguel.tamayo@gmx.de
URL: http://www.hrf.uni-koeln.de/bioethik.php

 

Sibel DALMAN-EKEN, Diplom-Soziologin, wissenschaftliche Hilfskraft im Forschungsprojekt "1000fragen.de – Ein Online-Diskurs zur Bioethik", Forschungsschwerpunkte: Soziale Probleme und Problemintervention, Migrationsforschung, Bioethik/Biopolitik

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Dipl.Soz. Sibel Dalman-Eken

Universität zu Köln
Soziologie in der Heilpädagogik, Sozialpolitik und Sozialmanagement
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Fax: 00 49 (0)221 470 7794

E-Mail: sdalman@gmx.de
URL: http://www.hrf.uni-koeln.de/bioethik.php

Zitation

Waldschmidt, Anne; Klein, Anne; Tamayo Korte, Miguel & Dalman-Eken, Sibel (2007). Diskurs im Alltag – Alltag im Diskurs: Ein Beitrag zu einer empirisch begründeten Methodologie sozialwissenschaftlicher Diskursforschung [69 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), Art. 15, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0702156.

Revised 6/2007



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