Volume 8, No. 2, Art. 27 – Mai 2007

Rezension:

Andreas Hirseland

Margarete Jäger & Siegfried Jäger (2007). Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse. Wiesbaden: VS-Verlag. 320 Seiten, ISBN 978-3-531-15072-7, € 34,90

Zusammenfassung: Das Buch gibt einen Einblick in die diskurstheoretischen Grundlagen und Begründung der "Kritischen Diskursanalyse" sowie in deren empirische Anwendung auf dem Gebiet der Analyse von Medien- und Alltagsdiskursen, insbesondere zu den Themenbereichen Einwanderung, Rassismus und Biopolitik. Die Rezension diskutiert vor allem die Frage der theoretischen Begründung eines diskurskritischen Vorgehens und dessen methodischer Umsetzung. Kritisiert wird der Versuch, normative Geltungsansprüche einer diskurskritischen Position vor allem aus der Diskurstheorie FOUCAULTs zu begründen. Hinsichtlich des methodischen Vorgehens stellt sich die Frage nach angemessenen Gütekriterien für die Dateninterpretation, ein Problem, das in der diskursanalytischen Methodendiskussion bislang insgesamt noch nicht befriedigend beantwortet ist.

Keywords: Kritische Diskursanalyse, Kollektivsymbolik, Dispositivanalyse, Foucault, DISS

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Diskursanalyse und Kritik

2. Zum Buch selbst

2.1 Grundlagen kritischer Diskursanalyse

2.2 Projekte und Analysen

3. Zum Schluss ein kurzes Fazit

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung: Diskursanalyse und Kritik

Seit Mitte/Ende der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts finden auch in Deutschland diskursanalytische Verfahren in den Sozial- und Geisteswissenschaften ein gesteigertes Interesse. Darin ist sicherlich ein Effekt der von Jürgen HABERMAS zu Beginn der 1980er Jahre vorgelegten "Theorie kommunikativen Handelns" zu sehen. HABERMAS verstand es, in einer eindrucksvollen und nach wie vor lesenswerten tour de force durch die Theoriebestände der Sozialwissenschaften teilsystemspezifische Rationalitäten einer funktional differenzierten Gesellschaft auszuarbeiten, ohne dabei aus dem Blick zu verlieren, dass gesellschaftliche Erfahrung zumeist kommunikativ vermittelt und in lebensweltliche Bezüge von Subjekten eingebettet ist. Aus dem darin angelegten Spannungsverhältnis zwischen einer systemischen, auf Effizienz angelegten und einer kommunikativen, verständigungsorientiert-normativen Rationalität resultieren für HABERMAS jene Aporien und Pathologien der Moderne, die er in Fortsetzung der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule diskutiert. Hierzu freilich bedarf es theoriearchitektonisch eines Fluchtpunkts, den er in der kontrafaktischen normativen Figur eines herrschaftsfreien Diskurses findet. Angestrebt wird eine Verständigungsleistung zwischen Subjekten, in welcher sich der zwanglose Zwang des jeweils begründungsfähigeren Arguments, der allgemein zustimmungsfähigen, universalisierbaren Einsicht durchsetzt. Gesellschaftliche Verhältnisse werden so aus einer Perspektive kommunikativer Geltungsansprüche kritisierbar, die (nicht nur) in der Moderne durch systemisch verzerrte, offen oder latent strategische, eben nicht an Konsensfähigkeit ausgerichtete Kommunikationsstrukturen/-verhältnisse unterlaufen werden. [1]

Diese nicht nur in Deutschland populäre Perspektive auf das diskursive Geschehen in den demokratischen Nachkriegsgesellschaften, ihrem Selbstverständnis nach an den Idealen der Meinungsfreiheit, Partizipation und demokratischen Willensbildung orientiert, erwies sich im Gefolge der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen aus Sicht vieler als praktisch kaum einlösbar. Nicht nur, dass sich daran geknüpfte Partizipationshoffnungen nicht erfüllten, auch zeigte sich, dass verständigungsorientierte Verfahren allein nicht hinreichend sind, um zu einer Aufklärung der Inhalte dessen beizutragen, was gesellschaftlich als jeweils verhandlungsrelevant und verhandelbar gilt. Eine Aufklärung der Frage, weswegen sich z.B. xenophobe Ressentiments oder Geschlechterstereotype gegen alle in Anspruch genommene argumentative Rationalität als persistent erweisen, weswegen die gesteigerte Produktion wissenschaftlichen Wissens nicht zugleich zu mehr Aufklärung und Emanzipation aus Herrschaftsverhältnissen führte, konnte eine an HABERMAS anschließende diskurspragmatische Perspektive für viele jedenfalls nicht erbringen. [2]

Dieser gebrochene (politische) Fortschrittsglaube bzw. die damit einhergehende Fortschrittsskepsis dürfte mit dazu beigetragen haben, die Frage der Wissensproduktion und damit die jeweiligen diskursiven Inhalte selbst als gesellschaftliche Tatbestände zum Gegenstand der kritischen Analyse zu machen. Und hier setzt das in den deutschen Sozialwissenschaften zunächst zögerlich, in den vergangenen Jahren jedoch vermehrt aufgegriffene Theorieangebot Michel FOUCAULTs an. Die Frage nach dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments, bei HABERMAS im Zentrum stehend, rückt in den Hintergrund und schwindet, sobald man mit FOUCAULT einen "archäologischen Blick" einnimmt. Dieser zielt darauf ab, jene verschütteten Sinnfundamente freizulegen, die jedem Diskurs unterlegt sind und dessen Infrastrukturen zu bestimmen. Aus der Perspektive eines derartigen Forschungsprogramms sollen die jeweiligen diskursspezifischen Regeln der Sinnkonstitution erkenntlich gemacht werden, die festlegen, was innerhalb eines Diskurses als wahr oder falsch zu gelten hat und damit "Wissen" – nunmehr als durch Diskurse zugleich bedingtes wie ermöglichtes Für-Wahr-Halten – generieren. Eben deswegen können Diskurse nicht nur als Orte und Medien der Wissensproduktion und -distribution gelten, sondern gleichermaßen als Arenen einer i.w.S. wissenspolitischen Auseinandersetzung darüber, welches Wissen zu einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation Gültigkeit und Geltung beansprucht, welche Probleme wie und unter welchen Vorzeichen auf die soziale und politische Agenda gesetzt werden. [3]

Es ist ein Verdienst des von der Autorin und dem Autor des hier zu besprechenden Buches geführten Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS), mit zur Verbreitung dieser Forschungsperspektive im deutschen Sprachraum beigetragen und zugleich die notwendige Trans- bzw. Interdisziplinarität diskursanalytischen Arbeitens in der Folge FOUCAULTs gefördert zu haben – konkret: einen Anschluss der Sprachwissenschaften an sozial- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen herzustellen. Nicht zuletzt mag der hier zu besprechende Band als Zeugnis hierfür gelten. [4]

2. Zum Buch selbst

Mit dem im März diesen Jahres erschienenen Band "Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse" legen Margarete und Siegfried JÄGER eine gut 300-seitige Zwischenbilanz ihrer seit zwei Jahrzehnten am DISS durchgeführten Arbeiten vor und bieten damit zugleich eine Einführung in den von ihnen verfolgten Ansatz einer Kritischen Diskursanalyse. Entsprechend werden deren Grundlagen zunächst anhand dreier Beiträge im ersten Teil des Buches entfaltet (S.15-69). In einem zweiten, umfangreicheren Teil wird unter der Überschrift "Projekte und Analysen" Einblick in die praktische Forschungsarbeit des Autorenpaars gewährt (S.73-292). Insgesamt umfasst der Band neben Ein- und Ausleitung 13 Beiträge, von denen acht bereits andernorts veröffentlicht wurden und die nun in jeweils überarbeiteter Fassung Eingang in diese Publikation gefunden haben. Eine solche Publikationsstrategie mag den Band für diejenigen, die mit den Arbeiten von Margarete und Siegfried JÄGER bereits vertraut sind, zwar weniger attraktiv machen, lässt ihn jedoch gerade deswegen wiederum als Einstieg in die Kritische Diskursanalyse geeignet erscheinen. Unter diesem Aspekt soll er im Folgenden auch diskutiert werden, wobei der Schwerpunkt auf dem ersten Teil liegt. [5]

2.1 Grundlagen kritischer Diskursanalyse

Der Kritischen Diskursanalyse geht es programmatisch darum, jene Selbstverständlichkeiten hinterfragbar zu machen, die sowohl in der alltäglichen Auseinandersetzung wie auch in Wissenschaft und Politik dazu führen, Wirklichkeit als scheinbar gegeben, als "wahr" oder "falsch" erkannte, als evidente zu begreifen und so nicht nur das Reden, sondern auch das Handeln zu orientieren, worin sich aus diskurstheoretischer Perspektive die Wirkmächtigkeit von Diskursen zeigt. So man Diskurse mit FOUCAULT als "Ketten" regelhaft produzierter Aussagen begreift, die, wechselseitig aufeinander verweisend, ihre je eigenen Wirklichkeiten als Bedeutungszusammenhänge erst hervorbringen, zeigt sich ihre Wirkmächtigkeit darin, dass sie spezifische "Sagbarkeitsfelder" eröffnen – d.h. worüber, was, wie und von wem gesagt werden kann und soll. Insofern kann es der Kritischen Diskursanalyse nicht darum gehen, selbst eine privilegierte Position für die Produktion "objektiver Wahrheiten" zu reklamieren. Vielmehr kann einer kritischen Position nur daran gelegen sein, sich ihrer eigenen Einbettung in bestimmte Diskurse ebenso bewusst zu werden, wie auf die diskursive Konstituiertheit von (hegemonialem) Wissen zu verweisen und dieses damit in seiner Interessengebundenheit und in seinen Machteffekten begreiflich zu machen. Von daher ist Wissenschaft nach Auffassung der Kritischen Diskursanalyse unhintergehbar "politisch", denn sie ist unauflöslich in jene Wissenspolitiken eingebunden, welche das Fundament für die im engeren Sinne "politischen" Deutungen der Wirklichkeit und "politischen Entscheidungen" sowie die ihnen zugrunde liegenden Deutungskämpfe bilden. [6]

Auf dieser Grundlage bestimmt sich die Kritische Diskursanalyse nicht nur als politisch, sondern – mit Blick auf ihren Gegenstandsbereich – als "transdisziplinär", da sich ihre Inhalte ebenso auf Themen der Wissenschaft wie der Medien, der Politik aber auch des Alltags erstrecken und ihr diskursanalytisches Vorgehen darauf angelegt ist, Diskurse nicht als sprach-, sondern als kulturwissenschaftliches Objekt zu begreifen, d.h. in ihrer Funktion, Träger von "Wissen" zu sein. Damit wird nicht nur eine Erweiterung der sprachwissenschaftlichen Forschung vorangetrieben, sondern im gleichen Zuge eine Öffnung hin zu einem sozialwissenschaftlichen Verständnis sprachlicher Gegenstände vollzogen, die Anschlussfähigkeit zu analogen Entwicklungen etwa der Soziologie im Gefolge des "linguistic turn" herstellt. [7]

Der erste Beitrag des Bandes (S.15-37) greift diese Fragestellung auf und entfaltet das oben skizzierte Verständnis von Diskursen als einer überindividuellen, institutionalisierten, regelhaften und an Handlungen gekoppelten Form gesellschaftlicher Praxis, die den "Fluss des Wissens durch die Zeit" organisiert. Im Gegensatz zu der in der qualitativen Sozialforschung weitverbreiteten Ausrichtung an einer hermeneutischen Rekonstruktion einzelner Akteurssichten zielt ein diskursanalytisches Vorgehen demnach auf die Rekonstruktion jener, der einzelnen Akteurssicht vorausgehenden, immer auch historischen Wissens- und Bewussteinsformation, durch welche eine subjektive Sicht der Welt erst ermöglicht und in sozialen und kulturellen Kontexten positioniert wird. Der Diskurs als Teil der gesellschaftlichen Praxis und damit als Materialität ist sowohl Ort wie auch Medium von Subjektivität, wie umgekehrt das Tätigwerden von Subjekten innerhalb von Diskursen die diskursive Konstruktion und Reproduktion von Bedeutungen vorantreibt. Damit distanziert sich das Autorenpaar einerseits von sprachidealistischen Vorstellungen, andererseits von der Idee eines ahistorisch als autonom gefassten Subjekts als letztgültiger Erkenntnisinstanz. [8]

Neben dieser, in enger Anlehnung an FOUCAULT entwickelten Grundlegung des Erkenntnis- und Forschungsprogramms der Kritischen Diskursanalyse geben Margarete und Siegfried JÄGER eine kurze und instruktive Einführung in die Analysekategorien, welche die praktische Durchführung von Diskursanalysen anleiten und ermöglichen sollen. Dies ist umso bedeutsamer, als den allgemeinen diskurstheoretischen Überlegungen und dem entsprechenden beobachtungssprachlichen Konstrukt "Diskurs" eine Wirklichkeit entspricht, in welcher verschiedene Diskurse eng miteinander verflochten oder verschränkt sind, d.h. sich nicht ohne Weiteres voneinander abgrenzen und trennen lassen. In der empirischen Forschung zu und über Diskurse erweist sich der eigentliche Untersuchungsgegenstand deshalb rasch als flüchtig und nur vage bestimmbar. Schnell stellt sich die Frage, wo ein bestimmter Diskurs in zeitlicher wie inhaltlicher Hinsicht "anfängt" und wo er "aufhört", an welcher Stelle die Analyse ansetzen soll und wann eine Analyse als abgeschlossen gelten kann. Wenngleich nicht alle der hier skizzierten methodologischen und methodischen Fragen durch den vorliegenden Band beantwortet werden, so bieten die von Margarete und Siegfried JÄGER vorgenommen Konzeptualisierungen des Forschungsgegenstandes doch einen hilfreichen Einstieg. Vorgeschlagen wird ein Strukturmodell von Diskursen (vgl. S.25ff.), welches unterscheidet zwischen einzelnen, thematisch einheitlichen Diskurssträngen, Diskursfragmenten als jenen Texten oder Textteilen, in denen sich ein Diskurs dokumentiert und diskursiven Ereignissen, welche die Entwicklung eines Diskursstrangs beeinflussen. Die sozialen Orte, an denen Diskurse aufgegriffen, reproduziert oder verändert werden, von denen aus gesprochen und geschrieben wird, bezeichnen die Autorin/der Autor als – häufig interagierende – Diskursebenen (z.B. Medien, Wissenschaft, Politik), den i.w.S. politischen Standort – sei es als Affirmation, Distanzierung oder Widerstand gegen die in einem Diskurs formierten Wirklichkeitsdeutungen – als Diskursposition. Für Gruppen, die durch Anerkennung relativ homogener Aussagensysteme, etwa Doktrinen, zusammengehalten werden, schlagen sie den Begriff Diskursgemeinschaft vor. Insoweit das diskursanalytische Vorgehen auf die Rekonstruktion der Diskursinhalte (und nicht etwa der diskursiven Praxen) zielt, versucht es, diese in Form von Aussagensystemen als dem gemeinsamen inhaltlich-gedanklichen Nenner des untersuchten Diskurses zu beschreiben und zu analysieren. Auf Ebene der zu dieser Analyse herangezogenen Texte und Äußerungen jedoch zeigt sich zumeist, dass Diskursfragmente (Aussageeinheiten) aus mehreren Diskurssträngen bestehen können, mithin eine Diskurs(strang)verschränkung vorliegt. [9]

Das Bindeglied, welches derartige Diskursverschränkungen ermöglicht und die jeweiligen Inhalte des Diskurses symbolisch in die kulturellen Rezeptionsweisen einer Gesellschaft integriert, bildet die Kollektivsymbolik, welcher der zweite Beitrag gewidmet ist (S.39-59). Indem Kollektivsymbole – hier folgt das Autorenpaar den grundlegenden Arbeiten der Forschungsgruppe um Jürgen LINK – bildhaft sind, haben sie die Eigenschaft, innerhalb von Diskurssträngen mehrdeutige, indirekte Bedeutungszuweisungen zu ermöglichen und in Form von Analogieschlüssen weitere Assoziationsketten zu evozieren. Ihre Funktion besteht darin, interdiskursive Brücken herzustellen – etwa eine Verknüpfung des Einwanderungsdiskurses mit einem Gefährdungsdiskurs, was durch die von JÄGER und JÄGER diskutierte Metapher des "vollen Bootes" im Zusammenhang mit der politischen Diskussion um Zuwanderungsbewegungen illustriert wird (vgl. S.44f.). Den Referenzrahmen für die Analyse derartiger Diskursstrangverschränkungen durch den Gebrauch von Kollektivsymbolik bildet ein von DISSELNKÖTTER und PARR entwickeltes topisches Modell der Kollektivsymbolik, das eine typische Ordnung des diskursiven Raumes moderner westlicher Industriegesellschaften – zumindest hinsichtlich des Mediendiskurses – entlang der Achsen "oben/unten", "links/rechts", "Fortschritt/Rückschritt" behauptet (vgl. S.40ff.). Die Wirkung des Gebrauchs von Kollektivsymbolik innerhalb dieses Raums möglicher Diskurspositionen besteht demzufolge einerseits in der Aufrechterhaltung von Grenzen des durch dieses Modell charakterisierten sozialen Systems – z.B. wie viel Fortschritt systemkonform artikulierbar ist oder wo die politischen Extremismusgrenzen gezogen werden – andererseits darin, entsprechende Verhaltens- und Rezeptionsweisen zu regulieren (so suggeriert ein Kollektivsymbol wie das "volle Boot" Handlungsbedarf). [10]

Der dritte Beitrag zu den Grundlagen der Kritischen Diskursanalysen fügt der von dem Autorenpaar so bezeichneten diskursanalytischen "Werkzeugkiste" als weitere Kategorie das ebenfalls auf Jürgen LINK zurückgehende Konzept des "Normalismus" hinzu (S.61-69). In Abgrenzung zu präskriptiven normativen bzw. protonormalistischen Formen der Handlungssteuerung ist die Moderne durch das spezifische Dispositiv des "flexiblen Normalismus" und seiner, am Modell des (statistischen) Durchschnitts, der durchschnittlichen Abweichungen und prognostizierbaren Wachstumserwartungen ausgerichteten Strategien der Erzeugung flexibler Normalitätsvorstellungen gekennzeichnet. Dieses zielt auf die Erzeugung eines kollektiven Gefühls von Normalität angesichts der für die Moderne charakteristischen Dynamik gesellschaftlichen und sozialen Wandels und der damit einhergehenden Irritationen und Ängste – LINK spricht in diesem Zusammenhang von Denormalisierungsängsten. Nach Auffassung des Autorenpaars kommt insbesondere den Massenmedien die Funktion zu, Normalisierungen und Denormalisierungen gesellschaftlicher Entwicklungen und daran anknüpfender Handlungsoptionen in der Öffentlichkeit durchzusetzen, wobei der jeweils hegemonialen Diskurstypik – proto- oder flexibel normalistisch – spezifische Subjektivitätstypen korrespondieren, die durch mehr oder weniger rigide bzw. flexible Toleranzen in Bezug auf die Wahrnehmung und Akzeptanz gesellschaftlicher Veränderungen gekennzeichnet sind, was vor allem am Einwanderungsdiskurs aufgezeigt wird (vgl. S.64f.). [11]

Komplettiert wird diese kurze Einführung in das theoretische und methodologische Gerüst der Kritischen Diskursanalyse durch eine "Handreichung zur Diskursanalyse" im Anhang des Buches (S.297-301). Bei dieser handelt es sich um eine knappe, skizzenhafte Anleitung für die Durchführung von – wie das Autorenpaar selbst schreibt: "einfachen" – Diskursanalysen, einschließlich der Beschreibung von Schritten für eine detaillierte Materialaufbereitung und die Feinanalyse von Diskursfragmenten, deren Ergebnisse in die Gesamtanalyse als Bestimmung der regelhaften Aussagen des untersuchten Diskursstranges einfließen. [12]

2.2 Projekte und Analysen

Ein Hauptinteresse der angewandten Kritischen Diskursanalyse gilt dem Medien- und Alltagsdiskurs in Deutschland. Im Rahmen der hier besprochenen Einführung wird Einblick gewährt in abgeschlossene und teils noch laufende Projekte seit Mitte der 1990er Jahre, wobei das thematische Spektrum seinen Schwerpunkt in den Themen (Alltags-) Rassismus, Einwanderung und kulturelle Differenz hat. Diese diskursanalytischen Arbeiten sind – ganz im Sinne der Programmatik Kritischer Diskursanalyse – weniger an der (diachronen) Aufarbeitung der Genealogie von Diskursen ausgerichtet, sondern finden ihren Bezugspunkt vielmehr in den die aktuellen öffentlichen Debatten bestimmenden (synchronen) Diskursverschränkungen, etwa in der nach wie vor virulenten sog. "Kopftuchdebatte" (S.109-129), der medialen Ver- und Bearbeitung des sog. "Karikaturenstreits" (S.131-160) oder des Interventionskrieges der NATO gegen Jugoslawien von 1999 (S.215-234). Erweitert wird dieses thematische Spektrum durch einen Beitrag zur Analyse des biopolitischen Diskurses in deutschen Printmedien (S.253-274) und durch ein Beispiel dafür, wie angewandte Diskursanalysen im Zusammenhang mit einem Projekt zur Stadtteilsanierung eingesetzt werden können, um die sozialen Spannungen und Konfliktlinien des lokalen Kontextes sichtbar zu machen und Wege zu deren Überwindung aufzuzeigen (S.275-291). [13]

An dem zuletzt genannten Forschungsgegenstand diskutieren JÄGER und JÄGER die Grenzen einer rein diskursanalytischen, letztlich sprachbezogenen Vorgehensweise, in der nichtdiskursive Praxen und Handlungsweisen sowie Institutionen und Vergegenständlichungen als Bestandteile der (Lebens-) Wirklichkeit ausgeklammert werden. Gerade um die Chancen und Beschränkungen der Transformation eines von Verelendung bedrohten Stadtteils deutlich zu machen, bedürfe es der Erweiterung einer diskursanalytischen hin zu einer dispositivanalytischen Forschungsperspektive. Erst durch einen derartigen Rückgriff auf diese von FOUCAULT als Dispositiv bezeichnete spezifische Verschränkung von Sprache, Tätigkeit und Gegenständlichkeit als Strategie der Bewältigung konkreter gesellschaftlicher Handlungsprobleme können letztlich die Stabilitäten und Instabilitäten der sozialen Situationen als Machtwirkungen des Dispositivs kenntlich gemacht werden. Veränderung bedürfte dann nicht lediglich einer Veränderung der Perspektive der in die unterschiedlichen Diskurse einbezogenen Akteure, sondern wäre letztlich nur als Änderung institutioneller und materieller Gegebenheiten durch Praxis denkbar. Entsprechend richtet sich die Erwartung des Autorenpaars darauf, mit dem Konzept der Dispositivanalyse einen "Brückenschlag zwischen den Sozialwissenschaften und der Diskurstheorie" (S.291) ermöglichen zu können. Wenngleich in diesem als "Arbeitsbericht" gekennzeichneten Beitrag dieses Desiderat nicht eingelöst werden sollte, so wird doch ein Ausblick gegeben, welche Richtung ein solches Vorhaben forschungspraktisch einschlagen könnte. [14]

Zugleich relativiert dieser am Ende des Bandes gegebene Ausblick den in den vorangestellten diskursanalytischen Fallstudien manchenorts (so z.B. S.120) anklingenden Eindruck, es bestehe ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen diskursiv erzeugtem Wissen und (nichtdiskursivem) Handeln, etwa dem massenmedialen Einwanderungsdiskurs und fremdenfeindlich motivierter Gewalt. Hier schlägt die Dispositivperspektive, die auch im Beitrag zum "Dispositiv des Institutionellen Rassismus" (S.95-108) entfaltet wird, in der Unterscheidung zwischen diskursiv erzeugtem und vermitteltem Wissen, praktischem Handeln und dessen Vergegenständlichungen eine differenzierende Blickrichtung ein. Hinsichtlich einer (sozialwissenschaftlichen) Erklärung, warum welche Ereignisse an welchem Ort und zu welcher Zeit auftreten oder nicht, weshalb es z.B. dort zu gewalttätigen Übergriffen kommt und andernorts nicht, wie Makrofundierung und konkrete Ereignisebene zusammenhängen, bedarf es meines Erachtens jedoch weiterer theoretischer und empirischer Feinarbeit. [15]

Methodisch interessierten, auf dem Feld der Diskursanalysen eher unerfahrenen Lesenden führen diese Fallbeispiele vor Augen, dass die Untersuchung von Diskurssträngen ein komplexes Unterfangen ist. Es erfordert einerseits in strukturanalytischer Hinsicht die Bearbeitung (meist) großer Textkorpora und ist andererseits zur Erschließung jener bedeutungsgenerierenden Aussagen, durch welche diskursspezifisches Wissen vermittelt wird, angewiesen auf die detailanalytische Interpretation einzelner Diskursfragmente. Auch hierfür bieten sich in den Beiträgen des Bandes zahlreiche Beispiele der Text- und – für eine Medienanalyse fast unhintergehbar – Bildanalyse. Gerade für letztere jedoch fehlt im Rahmen der in diesem Band versammelten Beiträge eine methodische Fundierung. So nachvollziehbar mir als Leser die einzelnen Interpretationen der für die Feinanalysen herangezogenen Beispiele meist auch erscheinen, wenig ausgewiesen ist in den Einzelbeiträgen das genaue methodische Vorgehen, das sich am ehesten als inhaltsanalytisch begreifen lässt. Mit Blick auf die analyseleitenden Kategorien hätte hier eine Begründung ihrer Herleitung aus dem in den Grundlagen beschriebenen Referenzrahmen des Systems der Kollektivsymbolik mehr Klarheit schaffen können, ebenso auch eine inhaltliche Explikation dieser Kategorien selbst und eine systematischere Ausarbeitung der – diskurstheoretisch geforderten – Systematizität bzw. inneren Konsistenz des zu rekonstruierenden Aussagenzusammenhangs. [16]

Dies verweist zugleich auf ein Problem, das nicht nur für die Diskursanalyse, sondern für die Präsentation qualitativer Daten und Forschungsergebnisse allgemein gilt: eine Balance zu finden zwischen der auf Nachvollziehbarkeit gerichteten Darstellung des Untersuchungsmaterials und den daran anknüpfenden Analysen, sowie der Ebene generalisierender Schlussfolgerungen, durch welche erst der Diskurs als solcher, d.h. als ein die einzelnen Aussagen übergreifendes geregeltes Aussagensystem begreiflich wird. [17]

3. Zum Schluss ein kurzes Fazit

Was bleibt nun nach der Lektüre der gut 300 Seiten? Das hängt sicherlich von den Erwartungen ab, mit denen man sich dem Band nähert. Wer einen Einstieg in die Arbeiten des DISS und der von Margarete und Siegfried JÄGER vertretenen Kritischen Diskursanalyse sucht, kann sicherlich einen guten Einblick in deren theoretische Grundlagen und Arbeitsweise sowie reichhaltige Anregungen für die Durchführung eigener Diskursanalysen gewinnen. Insgesamt geben die in diesem Band vorgestellten diskursanalytischen Arbeiten einen umfänglichen Einblick in die am DISS geleistete Auseinandersetzung mit dem Mediendiskurs und darin, wie der Einsatz von Kollektivsymbolik dazu beiträgt, Sachverhalte und Ereignisse mit (politisch relevanter) Bedeutung aufzuladen und so zu (de-) normalisieren. In diesem Sinne sind die versammelten Beiträge als ein Stück kritischer Aufklärung über die Generierung jener diskursiven Sagbarkeitsfelder zu verstehen, welche die medienöffentlichen Debatten samt ihrer Gegendiskurse bestimmen und so zumindest Teile des Alltagsdiskurses durchziehen. [18]

Das Buch ist jedoch auch in einem anderen Sinne "anregend", als es – gerade vor dem Hintergrund, dass "die Diskursanalyse" als normierte Methode (noch?) nicht existiert – auch Anlass zur kritischen Auseinandersetzung mit den gewählten methodischen Herangehensweisen und den theoretischen Grundlagen der Begründung einer sich als "kritisch" verstehenden Diskursanalytik gibt. Das betrifft die in meinen Augen manchmal etwas "schematisch" wirkende Einordnung der Sinngehalte untersuchter Texte, unabhängig davon, ob man den jeweiligen Sinnzuweisungen zuzustimmen geneigt ist oder nicht. Hier könnte das diskursanalytische Vorgehen durch Anleihen bei anderen, lesartenkritisch verfahrenden Methoden der qualitativen Forschung – z.B. der objektiven oder, weil der Gegenstand der Kritischen Diskursanalyse der "Fluss des Wissens durch die Zeit" ist, der wissenssoziologischen Hermeneutik – sicherlich an Überzeugungskraft gewinnen, auch wenn dies zugegeben einiger Vermittlungsarbeit bedarf. Dies beträfe vor allem das Verhältnis zwischen Struktur- und Feinanalyse bzw. die für Diskursanalysen grundlegende Frage eines eher "deduktiven" oder "induktiven" Vorgehens und damit nach den Brüchen zwischen einer Betrachtung des Diskurses als Aussagensystem und der situativen Sinnkonstruktion durch sprechende und handelnde Subjekte. Damit ist ein weiterer Punkt angesprochen – der Zusammenhang von Diskurs- und Subjektformation und die Frage der Überleitung von diskursiven Wissensfiguren in nichtdiskursives – im negativen Falle gewalttätiges – Handeln. Hier wäre – auch um den sozialtheoretischen Anspruch, der mit dem Bezug auf die FOUCAULTsche Diskurstheorie verbunden wird, zu untermauern – eine explizite Auseinandersetzung mit anderen subjekttheoretischen Positionen dem Anspruch des Brückenschlags zwischen Diskursanalyse und Sozialwissenschaft dienlich. Auch bleibt letztlich die normative Position, aus der heraus die "Kritische Diskursanalyse" Maßstäbe für die Kritik an den untersuchten Diskurssträngen formuliert, eher implizit. Vielleicht würde eine Begründung des als maßstäblich herangezogenen Ideals eines demokratischen oder demokratisierten Diskurses doch irgendwann dort enden, wo diese Rezension ihren Ausgangspunkt genommen hat? [19]

Zum Autor

Andreas HIRSELAND, Dr. rer. pol., geb. 1957, Sozialwissenschaftler, stellv. Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie wiss. Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich 536 "reflexive Modernisierung", Universität Augsburg; Mitglied der Arbeitskreises "Sozialwissenschaftliche Diskursforschung". Arbeitsschwerpunkte: Soziale Ungleichheit, Arbeitsmarktforschung, Geld- und Konsumsoziologie, Paarsoziologie, Diskurstheorie und -analyse, Wissenssoziologie, Methoden qualitativer Sozialforschung, Evaluationsforschung.

Kontakt:

Dr. Andreas Hirseland

Forschungsbereich "Erwerbslosigkeit und Teilhabe"
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
Regensburger Str. 104
D-90478 Nürnberg

Tel.: 0911-1795070
Fax: 0911-1795912

E-Mail: andreas.hirseland@iab.de

Zitation

Hirseland, Andreas (2007). Rezension zu: Margarete Jäger & Siegfried Jäger (2007). Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse [19 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), Art. 27, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0702274.



Copyright (c) 2007 Andreas Hirseland

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