Volume 8, No. 2, Art. 7 – Mai 2007

In der Falle der Synthetisierung von Diskursanalyse und soziologischer Feldtheorie

Siegfried Jäger

Review Essay:

Oliver Geden (2006). Diskursstrategien im Rechtspopulismus. Freiheitliche Partei Österreichs und Schweizerische Volkspartei zwischen Opposition und Regierungsbeteiligung. Wiesbaden: VS Verlag, 246 Seiten, ISBN 978-3-531-15127-4, EUR 34,90

Zusammenfassung: Oliver GEDEN analysiert in einer wissenssoziologisch orientierten diskursanalytischen Untersuchung, bei der er die FOUCAULTsche Diskurstheorie mit der Kapital- und Feldtheorie Pierre BOURDIEUs verschränkt, Deutungsangebote zweier rechtspopulistischer Parteien, nämlich der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und der Schweizerischen Volkspartei (SVP) zu den Themen Einwanderung und Geschlecht/Familie. Dabei interessiert ihn insbesondere die (sehr unterschiedliche) Reaktion der beiden Parteien auf den Übergang von der Opposition zur eigenen Regierungsbeteiligung. Indem er die unterschiedlichen politischen Felder in Österreich und der Schweiz kontextualisiert, gelingt es ihm, diese unterschiedlichen Reaktionen – keinerlei Abstriche vom rechtspopulistischen Kurs bei der stabil bleibenden SVP, "Verhausschweinung", Abstieg und Verlust der Wählergunst bei der FPÖ und Spaltung der Partei – soziologisch zu erklären. Darüber hinaus gelingt es ihm, die Affinitäten der Deutungsangebote rechtspopulistischer Parteien und des common-sense-Wissens in der Bevölkerung aufzuspüren.

Das angewandte Analyseverfahren und seine theoretische Rückkopplung stellt eine der zur Zeit gängigen Varianten der Diskursanalyse dar, die 1. das Problem des Verhältnisses von Diskurs und Wirklichkeit letztlich nicht diskurstheoretisch im FOUCAULTschen Sinne angeht, sondern unter Bezugnahme auf BOURDIEU, und 2. explizit und m.E. nicht immer mit Gewinn davon ausgeht, dass die Diskursanalyse lange Zeit von sprachwissenschaftlichen Verfahrensweisen dominiert worden sei. Auf linguistische Instrumente in der "Werkzeugkiste" ist jedoch nicht zu verzichten, wie dies auch GEDEN nicht kann ("semantische Bedeutungsgehalte", "Themen", "Inhalte", "Stil", "Rhetorik" etc.). Es wäre daher auch vorzuziehen, die diskursanalytisch bedeutsamen Erkenntnisse verschiedener Disziplinen zusammenzuführen und nicht vorschnell konkurrierend gegen einander zu stellen. Gleichwohl dürfte auch dieser Versuch einer empirischen Analyse dazu beitragen, das Konzept "Diskursanalyse" für die Kulturwissenschaften weiter ausdifferenzieren zu helfen.

Keywords: Rechtspopulismus, Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), Schweizerische Volkspartei (SVP), Diskurs, wissenssoziologische Diskursanalyse, Diskursstrategien, Foucault, Bourdieu, politische Feldtheorie, Interview, Medien, common sense, Einwanderung, Geschlecht, Familie

Inhaltsverzeichnis

1. Es geht nicht um die Ideologie zweier rechtspopulistischer Parteien, sondern um deren Beteiligung an der Regierungsverantwortung und deren Folgen

2. Rechtspopulismus und völkischer Nationalismus

3. Diskurs und Wirklichkeit und Diskursstrategie

3.1 Diskurs und Wirklichkeit – mit BOURDIEU oder FOUCAULT

3.2 Diskursstrategien – Diskursstrategien oder Strategie der Diskurse?

4. Das Forschungsdesign

4.1 Das Korpus – auf der Suche nach "Schlüsseltexten"

4.2 Zeiträume – vor und nach Wahlen

4.3 Korpus und Methode eher intuitiv

4.4 Kontextualisierende und vergleichende Interpretation

5. Die empirische Untersuchung

5.1 Deutungsangebote in der Einwanderungs- und Geschlechterpolitik vor und nach der Regierungsbeteiligung – Erfassung der Phänomene

5.1.1 Die FPÖ und der Einwanderungsdiskurs

5.1.2 Versachlichung nach der Regierungsbeteiligung

5.1.3 Die FPÖ und der Geschlechterdiskurs

5.1.4 Die SVP und der Einwanderungsdiskurs

5.1.5 Die SVP und der Geschlechterdiskurs

5.2 Analyse der Diskursproduktion

5.3 Feinanalysen – etwas grob

6. Strategische Ausrichtung auf den common sense

6.1 Fragile Überzeugungskraft

6.2 Angebot und Nachfrage

6.3 ... und der irritierte common sense

7. Resümee – in der Falle der Synthetisierung

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Es geht nicht um die Ideologie zweier rechtspopulistischer Parteien, sondern um deren Beteiligung an der Regierungsverantwortung und deren Folgen

Es geht Oliver GEDEN in seiner diskursanalytischen Studie um die Untersuchung von Diskursstrategien und von Deutungsangeboten zweier rechtspopulistischer Parteien, der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und der Schweizer Volkspartei (SVP). Dabei konzentriert GEDEN sich auf den Einwanderungs- und den Geschlechterdiskurs. Damit erfasst er nur einen Ausschnitt aus der Programmatik bzw. Politik dieser "rechtspopulistischen" Parteien. Das mag verwundern, da die Literatur zum Rechtspopulismus und – wie ich präzisieren möchte – zum völkischen Nationalismus Legion ist, insbesondere auch zu weiteren Aspekten wie Nationalismus, Militarismus, (starker) Staat, Heroisierung des "Volksgenossen", biopolitisches Verständnis des "Volkskörpers" etc. (vgl. dazu z.B. KELLERSHOHN 1994 und VIRCHOW 2006, S.57-89).1) Insbesondere der Einwanderungsdiskurs der FPÖ ist intensiv analysiert worden, auch aus diskursanalytischer Perspektive.2) Das gilt weniger für den Geschlechter- und Familiendiskurs und – insgesamt – weniger für die Ideologie der SVP.3) [1]

Diese Beschränkung auf zwei wichtige Diskursstränge verweist bereits auf das eigentliche Interesse GEDENs: Es geht ihm nicht darum, die Ideologie zweier populistischer Parteien zu beschreiben und zu kritisieren, sondern um die Beantwortung der Frage, wie es dazu kommt, dass eine dieser rechtspopulistischen Parteien in der Regierungsverantwortung sehr schnell verschlissen und völlig instabil wird und an Wählergunst verliert (FPÖ), während eine andere, die SVP, – mit durchaus vergleichbaren Angeboten politischer Deutungsmuster – davon unbeeindruckt bleibt. Das Hauptaugenmerk GEDENS gilt denn auch der Frage, ob die Ursache für diesen Unterschied etwas mit den von diesen Parteien verwendeten Diskursstrategien zu tun hat. Es spricht daher auch nichts dagegen, sich zur Erreichung dieses Ziels exemplarisch auf einige wenige Diskursstränge zu beschränken bzw. zu konzentrieren. [2]

Angemerkt sei zudem, dass die Erzeugung eines Wissens darüber, weshalb eine undemokratische Partei stabil bleibt, eine andere, vergleichbare dagegen nicht, auch von einigem politischen Interesse ist, wenn es darum geht, undemokratische politische Konzepte zurückzudrängen und zu bekämpfen. [3]

2. Rechtspopulismus und völkischer Nationalismus

Freilich ist GEDENs Definition des "Rechtspopulismus" wenig differenziert. Doch, wie gesagt, das entspricht durchaus dem Erkenntnisinteresse GEDENs, dem es nicht im Kern um eine Differenzierung dieses Begriffes geht, der sich zudem in der Forschung, wie viele andere Begriffe auch, durch große und variantenreiche Unbestimmtheit auszeichnet.4) Für den hier verfolgten Zweck reicht demnach die Arbeitsdefinition, die GEDEN verwendet, vollkommen aus: Unter Verweis auf DUBIEL (1986, S.7) heißt es "Populismus könnte ... somit zunächst als spezifische Art und Weise verstanden werden, in der 'sich Politiker, Parteien und andere politische Formationen zu dem umworbenen >Volk< in Beziehung setzen' " (S.19). Dies geschehe bei den beiden Parteien insbesondere durch die Entgegensetzung von "Volk" und herrschenden "korrupten" Eliten, durch starken Wertkonservatismus und xenophobe Ressentiments. [4]

3. Diskurs und Wirklichkeit und Diskursstrategie

Die Arbeit stellt eine typische sozialwissenschaftliche Analyse dar, die sich insbesondere auf BOURDIEU stützt. Sie orientiert sich zudem ausdrücklich "an jüngeren diskurstheoretischen Ansätzen ..., wie sie im Rückgriff auf Michel Foucault innerhalb der Wissens- sowie der politischen Soziologie entwickelt wurden" (S.31). Damit erwähnt GEDEN zwar FOUCAULT (ohne dass er auch nur im Literaturverzeichnis erschiene) und bemüht sodann einen Diskursbegriff von Reiner KELLER (1998, S.34), der sich auch in neueren Arbeiten auf FOUCAULT bezieht. An dieser Stelle tun sich die zur Zeit auch bei der sich explizit an FOUCAULT orientierten Diskursanalyse immer noch vielfach umstrittenen Fragen auf, nämlich die nach dem Verhältnis von Diskurs, Äußerung und Aussage, Diskursstrategie, Dispositiv, Subjekt, Handeln, Macht, Ethik usw. Aus diesen Fragen möchte ich nur zwei, für diese Arbeit wichtige, hervorheben, weil sie das Grundverständnis der vorliegenden Dissertation betreffen, nämlich die nach dem Verhältnis von Diskurs und Wirklichkeit und die nach dem Verständnis von "Strategie". [5]

3.1 Diskurs und Wirklichkeit – mit BOURDIEU oder FOUCAULT

Bei der Frage nach dem Bezug von Diskurs und Realität kommt der Einbezug der Kapital- und Habitustheorie BOURDIEUs begründet ins Spiel. Dieser wird offenbar für erforderlich gehalten, weil die FOUCAULTsche Diskurstheorie zu diesem Verhältnis angeblich nicht oder nicht ausreichend Auskunft gibt. So wird – nicht nur in dieser Arbeit – Zuflucht gesucht zu etwas Handfesterem, zu einem sozialwissenschaftlichen Erklärungsansatz, der die wirkliche Wirklichkeit zu ihrem Recht kommen lässt. Solche Synthetisierungen scheinen mir zur Zeit in Mode zu kommen, um angeblich vorhandene Lücken der FOUCAULTschen Methoden schließen zu können. Solche Synthetisierungen kritisch zu hinterfragen bedeutet keineswegs, – an dem vorliegenden Beispiel – den Ansatz BOURDIEUs als solchen gering zu schätzen. Dieser steht in einer nicht-marxistischen kapitalismus-kritischen Tradition, was man ja durchaus begrüßen kann. Doch vielleicht geschieht ein solcher Synthetisierungsversuch etwas vorschnell, was mir dann der Fall zu sein scheint, wenn die Möglichkeiten FOUCAULTscher Diskurstheorie nicht ausgeschöpft sind. Den positiven Nachweis kann ich im Rahmen einer Rezension nicht in aller Ausführlichkeit begründen und muss deshalb auf andernorts erschienene Ausführungen verweisen.5) Deshalb sei in aller gebotenen Kürze dargelegt, wie ich den Zusammenhang von Diskurs und Wirklichkeit auf Grundlage der FOUCAULTschen Texte verstehe: Diskurse vermitteln ein (immer nur jeweils gültiges) Wissen, das in den Subjekten und tendenziell in ganzen Gesellschaften zur Entstehung bestimmter Handlungsdispositionen führt, die je nach bestimmten diskursiven Bedingungen bzw. diskursiven Kontexten und bereits vorliegenden Wissensvorräten zur Hervorbringung von Tätigkeiten/Handlungen führen (können), die die individuelle und kollektive Gestaltung von Wirklichkeiten (an-)leiten und damit zur Gestaltung von (zumeist bereits gestalteter natürlicher und gesellschaftlicher) Wirklichkeit führen. Diskurs – Handeln – Wirklichkeit stehen also in einem dichten Real-Zusammenhang. Ich brauche keinerlei Synthetisierung mit anderen Ansätzen, wenn sich – was hier der Fall ist – ein solcher Zusammenhang aus einer vorhandenen in sich (relativ) geschlossenen Theorie entwickeln lässt. FOUCAULT hat niemals gesagt, wie ihm manchmal auch heute noch vorgeworfen wird, dass der Diskurs sprachlich sei. Es ging ihm immer um das Wissen, das sich über mannigfache rekurrente Äußerungen (die nicht der Diskurs sind) vermittelt, zu Aussagen verdichtet, die sich als "Atome des Diskurses" darstellen lassen.6) [6]

3.2 Diskursstrategien – Diskursstrategien oder Strategie der Diskurse?

Wieso und in welcher Weise es in dieser Arbeit um Diskursstrategien im Sinne FOUCAULTs geht, ist mir auch nicht so richtig klar. Nach FOUCAULT hat der Diskurs als solcher ein strategisches Potenzial. Gemeint sind bei GEDEN jedoch Strategien der Akteure, nicht strategische Impulse, nicht die strategische Macht der Diskurse selbst. Es scheint mir bei GEDEN eine Vereinseitigung auf diskurstüchtige bzw. diskursmächtige Institutionen (Parteien, Medien, Personen) vorzuliegen, die es natürlich auch gibt, aber das Strategische im Diskurs selbst, als solches, wird nicht gesehen. Bei GEDEN scheint mir das Problem der Durchsetzung und Gestaltung der Diskurse ausschließlich eine Frage des Zugangs zu den Massenmedien, von ökonomischem Kapital und der Verfügung über staatlich administrative Machtmittel zu sein. Doch Diskurse (als Bestandteil von Dispositiven7), und das sind sie immer) haben als solche einen strategischen Lauf, den man zwar zu beeinflussen versuchen kann, den man (wie in totalitären Systemen) massiv diktieren kann, ohne ihn auch dann restlos beherrschen zu können.8) Diskurse können Effekte haben, die "im vorhinein absolut nicht vorgesehen" waren, die "nichts zu schaffen ... [haben] mit der strategischen List irgendeines meta- oder transhistorischen Subjekts, das ihn geahnt oder gewollt hätte". Das meint jedenfalls FOUCAULT.9) [7]

Einfach gefragt: Was ist mit den Diskursen der Erziehung, des Alltags, der Wissenschaft? Was ist, wenn die Leute nicht mitmachen (Streik, Revolte, Ablehnung von Krieg)? Dies scheint mir ausgeblendet zu bleiben, wenn man die Macht der Diskurse auf die Macht über die Diskurse reduziert. Immer mögliche gesellschaftliche Veränderungen gegen den Willen der Eliten bleiben so z.B. unbeachtet. Ein solcher Zugang hat Folgen, wenn es wie in dieser Arbeit z.B. darum geht, Erfolge oder Misserfolge von Parteien durch das unterschiedliche real-politische Feld, in dem agiert wird, zu erklären. Darauf wird zurückzukommen sein. [8]

4. Das Forschungsdesign

4.1 Das Korpus – auf der Suche nach "Schlüsseltexten"

In seinem Forschungsdesign orientiert sich GEDEN etwas knapp und auch etwas mechanisch an Reiner KELLERs Einführung in die Diskursforschung für SozialwissenschaftlerInnen (2004). Er setzt sein Untersuchungskorpus zusammen aus

  • wissenschaftlicher Literatur und journalistischen Darstellungen,

  • sondierenden Interviews mit "externen" Experten und Expertinnen für FPÖ bzw. SVP (Wissenschaftler, Journalisten, ehemalige Politiker von FPÖ bzw. SVP, Politiker von mit FPÖ bzw. SVP konkurrierenden Parteien),

  • Beobachtungen bei öffentlichen Veranstaltungen der beiden Parteien,

  • wiederholten mehrwöchigen Aufenthalten in Österreich und der Schweiz, bevorzugt in Wahlkampfzeiten,

  • Online-Diensten der Tageszeitungen Der Standard und Neue Züricher Zeitung, bei wichtigen Ereignissen auch von 3Sat,

  • Materialien der Parteien (Partei- und Wahlprogramme, Positionspapiere, Pressemitteilungen, Newsletter, Internetauftritte). [9]

Wichtig sind zudem die Parteiorgane: Neue Freiheitliche Zeitung (FPÖ) und der Zürcher Bote und SVPja (SVP). (GEDEN, S.55f.) [10]

Diese Materialien, die nicht im Einzelnen spezifiziert werden, sind die Grundlage für "Sondierungen" in für die beiden Parteien unterschiedlichen Zeiträumen. Im strengeren Sinne kann von einem Korpus, das die systematische Grundlage für eine Diskursanalyse abgeben könnte, nicht die Rede sein. [11]

4.2 Zeiträume – vor und nach Wahlen

Da GEDEN besonders die Veränderungen bzw. Kontinuitäten der Parteien mit der Regierungsbeteiligung interessiert, sind die gewählten Untersuchungszeiträume sinnvoller Weise verschieden. Für die FPÖ ist der Untersuchungszeitraum 1999-2003 (die FPÖ kommt mit an die Regierung), für die SVP 1999-2004 (Christoph BLOCHER wird Regierungsmitglied; Bundesrat). [12]

4.3 Korpus und Methode eher intuitiv

Die gefundenen Materialien werden auf Schlüsseltexte reduziert, die dann feinanalysiert werden sollen. Die Instrumente der Feinanalyse sind:

  • Themen,

  • Aussagen (ohne diesen Begriff im FOUCAULTschen Sinne zu definieren),

  • Intensität und Formen der Thematisierung (Strategien). [13]

Die Reduzierung des Korpus auf Schlüsseltexte erfolgt eher etwas intuitiv. Sie geht nicht irgendwie systematisch vor, obwohl sie beansprucht, kriteriengeleitet zu verfahren. GEDENs Kriterien beschränken sich im Wesentlichen auf "Orientierungsfragen" und den Einsatz des Theoretical Sampling, ohne dass näher erläutert würde, was darunter zu verstehen sei. [14]

4.4 Kontextualisierende und vergleichende Interpretation

Die Rekonstruktion der jeweiligen Diskurs(sträng)e, also die des Einwanderungs- und des Geschlechterdiskurses, verfährt "text- bzw. diskursimmanent" und begreift sich primär als verstehend. Man müsse die Texte verstehen, um sie zu einem Gesamtbild zusammenstellen zu können (= Diskursrekonstruktion). Die Interpretation ist vergleichend und möchte erklären. Man müsse letzten Endes die Aussagen ermitteln (= Interpretation unter Beachtung der Kontexte). Hier beruft GEDEN sich ganz auf KELLER (2005), ohne selbst zu explizieren, was damit gemeint ist. Es geht um subjektive Deutungen, unter Einbezug von Kontextwissen und Hinzuziehung weiteren Materials aus Interviews mit rechtspopulistischen Politikern. [15]

5. Die empirische Untersuchung

Die empirische Untersuchung der Diskursstränge erfolgt jeweils in den folgenden Schritten:

  • Darstellung der Phänomenstruktur des Diskursstrangs,

  • Bestimmung der Intensität und Formen der Thematisierung,

  • Herausarbeitung der zentralen Deutungsmuster. [16]

5.1 Deutungsangebote in der Einwanderungs- und Geschlechterpolitik vor und nach der Regierungsbeteiligung – Erfassung der Phänomene

5.1.1 Die FPÖ und der Einwanderungsdiskurs

Sehr knapp auf drei Seiten wird zunächst die Entwicklung der FPÖ seit ihrer Gründung referiert. Darauf folgt die Beschreibung des Einwanderungsdiskurses und seiner Schwerpunkte in der Opposition, sowie die darin verwendeten zentralen Deutungsmuster. Diese sind die in der Rechtsextremismusforschung sattsam bekannten: die Hierarchisierung von Eigengruppe und Fremdgruppe, die Betonung von Normalität und Abweichung, die Verurteilung der "Gutmenschen" etc. Das wird durch einige Zitate (ausschließlich solchen aus Medien) illustriert. [17]

5.1.2 Versachlichung nach der Regierungsbeteiligung

In der Phase der Regierungsbeteiligung seien diese Deutungsmuster durchaus ähnlich, obwohl etwas diskontinuierlicher. Politischer Handlungsbedarf werde stärker betont, besonders nach dem 11.9.2001; die Parolen der Partei seien nicht mehr so drastisch wie in der Opposition. Es sei eine gewisse Versachlichung zu beobachten. Auch die zentralen Deutungsmuster blieben ähnlich, bewegten sich aber stärker in Richtung einer gemeinwohlorientierten Regierungspolitik und damit etwas stärker im Sinne "Einklang mit der Linie der EU" (S.79). Um das zu belegen, zieht GEDEN einige Medienzitate herbei. [18]

5.1.3 Die FPÖ und der Geschlechterdiskurs

Der Geschlechterdiskurs in der Opposition bezieht sich auf freiheitliche Familien-, Frauen und Kinderpolitik, wobei die üblichen völkischen Vorstellungen zu finden sind. Dieser Diskursstrang sei eher unaufgeregt und ziemlich konkret (Kinderscheck, Kinderschutz). Die zentralen Deutungsmuster seien: hohe Funktionalität der Familie für das nationale Kollektiv und folglich die Förderung der Familie. Festgehalten werde an geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. Anderen Parteien werde der Vorwurf gemacht, sie verrieten die Familie. [19]

Auch nach der Regierungsbeteiligung ändere sich in dieser Hinsicht kaum etwas. Zu beobachten sei eine schwächere Thematisierung geschlechterpolitischer Themen, aber eine Zunahme der Betonung der Funktionalität der Familie. [20]

5.1.4 Die SVP und der Einwanderungsdiskurs

Entsprechend knapp erfolgt die Darstellung der Schweizerischen Volkspartei. Nach der Regierungsbeteiligung seien keine größeren Veränderungen vorzufinden; deshalb finden auch keine Analysen in Phasen wie bei der FPÖ statt. Der Einwanderungsdiskurs wird anhand von Medienzitaten aus dem Zürcher Boten illustriert. Christoph BLOCHER, faktisch der wichtigste Repräsentant der SVP, mäßige sich nach der Regierungsbeteiligung etwas, die Partei hetze weiter wie eh und je. Auch hier erfolge die bekannte Hierarchisierung von Eigengruppe und Fremdgruppe. Massiv würden die "Kulturfremden" abgelehnt und diskriminiert. Auch das Klischee von Normalität und Abweichung werde stereotyp bemüht, wobei biologischer und kultureller Rassismus reproduziert würden10). Es gehe um die Bedrohung der inneren Sicherheit und die Gefährdung kultureller Identität. [21]

5.1.5 Die SVP und der Geschlechterdiskurs

Am Geschlechterdiskurs der SVP werde deutlich, dass die Partei eine Frauen- und Gleichstellungspolitik für völlig überflüssig halte. Betont werde ausschließlich die Bedeutung der Mutter und eine hohe Funktionalität der Familie für das nationale Kollektiv, sowie die (natürliche) geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Insgesamt sei der Geschlechterdiskurs nur schwach ausgeprägt. [22]

Soweit die Erfassung der Phänomene, die eher etwas bieder und langweilig daherkommt. Referiert wird der sattsam bekannte völkische Unsinn der beiden populistischen Parteien. Man darf also gespannt sein, welches Ziel GEDEN verfolgt und wie er es zu erreichen versucht. [23]

5.2 Analyse der Diskursproduktion

Im weiteren Verlauf der Analyse geht es GEDEN um die Diskursproduktion der beiden Parteien zwischen Opposition und Regierungsbeteiligung. Dabei werden die rekonstruierten Diskurse einer kontextualisierenden und vergleichenden Interpretation unterzogen. [24]

Die Analyse geht der Frage nach, "in welcher Weise die Diskursivierung von Identitäten, Wertvorstellungen und Lebensweisen – entgegen der Authentizitätsbehauptung des Rechtspopulismus – mit den Erfordernissen strategiegeleiteter politischer Kommunikation verknüpft sind, die wiederum stark von den Strukturen und Dynamiken des jeweiligen politischen Feldes beeinflusst werden" (S.117). Dabei fokussiert GEDEN besonders den Regierungseintritt. [25]

GEDEN beginnt mit der Darstellung der FPÖ im politischen Feld Österreichs. Auf dem Hintergrund der Beschreibung der politischen Gesamtlandschaft Österreichs werde deutlich, dass die FPÖ zunehmend in die Defensive gerate. [26]

Für die SVP wird sodann konstatiert, dass eine deutliche Arbeitsteilung zwischen BLOCHER und der SVP entstehe. Der Partei gelinge es, ihre Linie zu halten, während BLOCHER als an der Regierung Beteiligter sich eher zurückhalte, wo es opportun sei. Das sei ein wichtiger Unterschied zur FPÖ, die ihre rechtspopulistische Linie verlasse. Daher ziehe sich auch HAIDER auf eine neue eigene rechtspopulistische Partei zurück. Das bedeute insgesamt eine Schwächung der FPÖ. [27]

Im Folgenden werden die Handlungskontexte von FPÖ und SVP miteinander verglichen. Sie seien erheblich unterschiedlich: Die SVP agiere in einem anderen politischen Feld. BLOCHER löse sich von der Partei, die die alte bleibe, und verhalte sich "angemessen". Das politische Umfeld in Österreich lasse nicht zu, dass die FPÖ weiter Oppositionspolitik betreibe. [28]

5.3 Feinanalysen – etwas grob

Es folgen die Feinanalysen, zunächst zur Produktion von Deutungsangeboten in der Einwanderungspolitik der FPÖ. Betrieben werde "Das Geschäft mit der Angst" (GEDEN, S.44). Dabei wird aus Interviews mit Politikern der FPÖ zitiert. Das Kapitel bringt wenig Neues gegenüber den vorangegangenen Beschreibungen. Entsprechendes gilt für die Darstellung der SVP. Der Vergleich von FPÖ und SVP zeigt große Ähnlichkeit. Bei der FPÖ finde jedoch nach der Regierungsbeteiligung ein Bruch statt. Die FPÖ werde in eine gemeinwohlorientierte Regierungspolitik integriert. Auch diese Beobachtung GEDENs fördert bis dahin keine neuen Erkenntnisse zu Tage. [29]

Entsprechendes gilt für Geschlechterpolitik. Der von GEDEN vorgenommene Vergleich der beiden Parteien zeigt keine gravierenden Unterschiede. Allenfalls seien deren Wege zur Umsetzung verschieden: Die FPÖ setze auf Sozialpolitik; die SVP auf Eigenverantwortung. Die Geschlechterpolitik habe bei der SVP weniger Gewicht als bei der FPÖ. [30]

Im Grunde wird hier alles noch einmal wiederholt. Im Zentrum steht der unterschiedliche Einfluss der Regierungsbeteiligung, der aufgrund des unterschiedlichen politischen Umfeldes für die SVP einfacher sei. Da nur BLOCHER an der Regierung beteiligt sei, könne die Partei weiterhin "oppositionell" sein. Hinzu kämen andere Faktoren, wie etwa die größere Unabhängigkeit der SVP von finanziellen Zuwendungen und damit verbundene Querelen etc. [31]

Wirkt diese Untersuchung bis zu diesem Punkt eher etwas schematisch und daher langweilig, wird der Leser/die Leserin durch ein spannendes Schlusskapitel entschädigt. [32]

6. Strategische Ausrichtung auf den common sense

6.1 Fragile Überzeugungskraft

Hier geht es nun zentral und zusammenfassend um "Diskursstrategien des Rechtspopulismus", die strategische Ausrichtung der Diskursproduktion "in der für rechtspopulistische Parteien letztlich entscheidenden Perspektive ..." (S.207). GEDEN fragt: "Auf welche Nachfragestruktur treffen die Deutungsangebote des kulturalistisch geprägten, westeuropäischen Rechtspopulismus?" (a.a.O.) Und weiter:

"Auf welche wählerseitigen Dispositionen treffen die Deutungsangebote ..., unter welchen Bedingungen werden diese als 'authentische' und 'glaubwürdige' Anbieter wahrgenommen? Warum erscheint das von rechtspopulistischen Akteuren angebotene Wissen seinen Sympathisanten zunächst ausgesprochen evident – und warum kann sich diese Überzeugungskraft so schnell als eine ausgesprochen fragile erweisen?" (a.a.O.) [33]

6.2 Angebot und Nachfrage

Die Deutungsangebote hat GEDEN dem Anspruch nach in dieser Arbeit ausgebreitet, für die Nachfrage hat GEDEN leider keine eigenen Erhebungen durchgeführt und stützt seine "Einschätzungen" auf Studien aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, und in theoretischer Hinsicht auf wissenssoziologische und -anthropologische Ansätze und auf Arbeiten Pierre BOURDIEUs (Anm. 194). Ob diese Zuflucht zu nicht diskurstheoretischen und nicht diskursanalytischen Ansätzen erforderlich ist, mag bezweifelt werden. Sie ist in jedem Falle ein Behelf, zumal die Themen "Diskurs und Wirklichkeit" und "Diskurs und diskursiver Kontext" essenzielle, wenn auch durchaus umstrittene Bestandteile FOUCAULTscher Diskurstheorie sind. Eine Auseinandersetzung damit wäre m.E. in jedem Falle wünschenswert gewesen.11) [34]

6.3 ... und der irritierte common sense

Wie versuchen diese rechtspopulistischen Parteien nach GEDEN nun, Wähler und Wählerinnen von sich und ihren Deutungsangeboten zu überzeugen? Die Parteien, so GEDEN, zielen auf den Alltagsverstand der Sympathisanten und suggerierten ihnen, die Probleme, mit denen sie sich belastet fühlen, habe es früher nicht gegeben. Daher fordern sie eine Re-Orientierung an den Sichtweisen und Wertvorstellungen des "mit beiden Beinen im Leben stehenden" Volkes. Verwerfungen der Spätmoderne (Pluralisierung, Individualisierung, Enttraditionalisierung, ökonomische Krisen, Transformation des Wohlfahrtstaates und Terrorismus) spielen bei den Wählern und Wählerinnen eine erhebliche Rolle, und die Rechtspopulisten nähren den Eindruck, sie hätten darauf teilweise durchaus attraktive Antworten. Insgesamt versuchten Rechtspopulisten die Infragestellung einstmals doxischer Wissensbestände und die Entstehung fragmentierter Identitäten aufgrund eines permanenten "Sinn-Überschusses" für sich zu nutzen. [35]

Und auf die alte Frage "Wie wollen wir leben?" gebe, so GEDENs Analyse, der Rechtspopulismus eine spezifische Antwort: So wie es sich seit jeher bewährt hat! Dabei stützen sich Rechtspopulisten nicht auf Theorien etc., wie das religiöse Institutionen und Bewegungen oder auch christlich-konservative Parteien (teilweise) tun, sondern auf den gesunden Menschenverstand. Sie werden damit zu Repräsentanten der schweigenden Mehrheit. Doch diese Position hat eine für den Bestand rechtspopulistischer Parteien gefährliche Kehrseite. Wenn solche Parteien an der Regierung beteiligt werden und sich damit auf komplexe Probleme einlassen müssen, dann geraten sie in Schwierigkeiten und werden unglaubwürdig. [36]

Das verführerische Angebot des Rechtspopulismus bestehe darin, dass es, so GEDENs zusammenfassende Analyse, das in den öffentlichen Diskursen kaum noch repräsentierte (doxische) Wissen repolitisiere:

  • Der Rechtspopulismus opponiere gegen die spätmoderne Tendenz zur kulturellen Pluralisierung und Öffnung.

  • Er beschuldige und exkludiere die Einwanderer und Einwandererinnen und die sie protegierenden Eliten.

  • Er spreche sich für ein relativ traditional gestaltetes Familienleben aus. [37]

Dabei gebe der Rechtspopulismus der Verteidigung der "bewährten" Deutungsmuster eine politische Form:

  • Seine Argumentation sei vage und trotzdem überzeugend.

  • Sie sei widerstandsfähig, weil sie betone, sie habe sich ja (in der Vergangenheit) bewährt.

  • Sie erscheine als selbstverständlich.

  • Das Alltagswissen selbst sei unsystematisch, werde aber kollektiv geteilt, weshalb die rechtspopulistische Ansprache auch massenwirksam werden könne. Daher auch die Affekte gegen Intellektuelle. [38]

Entsprechend seien, so die Schlussfolgerung GEDENs, die rechtspopulistischen Angebote ausgelegt. Bei einer Regierungsbeteiligung "verhausschweinen" die Rechtspopulisten, werden unglaubhaft und stürzen ab in der Wählergunst.12) [39]

GEDENs Fazit lautet: Bei einer Regierungsbeteiligung könne die SVP bleiben wie sie war, weil sie angesichts des spezifischen schweizerischen politischen Feldes als Partei selbständig weiteragieren könne; die FPÖ habe es mit einem politischen Feld zu tun, das völlig anders aussehe und zur Anpassung an die spezifische Form des österreichischen Parlamentarismus zwinge. [40]

7. Resümee – in der Falle der Synthetisierung

Ich habe versucht, GEDENs Arbeit für eine Rezension zu lesen und für den Leser/die Leserin nachvollziehbar zu machen, in gewisser Weise zu rekonstruieren. Dabei war es nicht zu umgehen, dass meine Rekonstruktion zumindest ansatzweise zugleich eine Dekonstruktion im Sinne DERRIDAs wurde, die auch die Schwächen und Inkonsistenzen beim Namen nannte, ohne die Ergebnisse, die zum Weiterdenken einladen, zu unterschlagen. Die Schwächen dieser Arbeit haben m.E. Gründe auch in der schematischen und etwas mechanischen Anwendung eines diskursanalytischen Konzeptes, das selbst noch und angesichts ihrer jungen Geschichte verständlicherweise mancherlei Widersprüchlichkeiten und Disparitäten aufweist (Korpus, Wirkung der Diskurse auf Subjekte und Kollektive, Handlungsleitung etc. etc.). Dabei scheint mir insbesondere die Zuflucht bei nicht diskurstheoretisch begründeten Ansätzen fatal zu sein, und es wäre mein Vorschlag, vor allen Zuflüchten nach einem stringenten und einheitlicheren Methodendesign zu fahnden, das sich wirklich auf die Ideen Michel FOUCAULTs stützt, möglicherweise unter Hinzunahme dekonstruktivistischer Überlegungen, die vielleicht geeignet sind, das kritische Potenzial von Diskursanalyse weiter auszubauen. Dies wäre auch deshalb relativ leicht zu bewerkstelligen, weil es eine Reihe von kulturwissenschaftlichen und geschichtstheoretischen Ansätzen gibt, die die FOUCAULTsche Diskurstheorie wesentlich in sich geschlossener zur Kenntnis genommen haben als dies bisher in der sozialwissenschaftlichen Diskursanalyse der Fall zu sein scheint. Ich denke hierbei besonders an kulturwissenschaftliche Konzepte, wie sie etwa von Jürgen LINK und seinem Umfeld entwickelt und in einer Vielzahl von Untersuchungen angewendet worden sind.13) Ich denke dabei auch an Arbeiten derjenigen Diskurstheoretiker und -analytiker, die genealogisch operieren wie Ulrich BRIELER, Philipp SARASIN, Jürgen MARTSCHUKAT u.a. Die vorliegende Arbeit kommt zwar zu teils durchaus interessanten Ergebnissen, die allerdings auf Annahmen beruhen, die mit der FOUCAULTschen Diskursanalyse nur teilweise etwas zu tun haben und ihre Herkunft aus relativ traditionellen sozialwissenschaftlichen Theorien nicht verhehlen können. Sie nässen gleichsam in die Versuche hinein, Diskursanalyse zu entwickeln, kontaminieren diese aber, indem sie sie überlagern und dadurch entstellen. [41]

Daher ist es mir auch nur möglich, den tatsächlichen inhaltlichen Gehalt dieser Arbeit zu würdigen, ohne ihren Beitrag für eine Weiterentwicklung der Diskursanalyse weiter zu beachten. [42]

Hervorzuheben an der Untersuchung von Oliver GEDEN scheint mir die aufgezeigte Korrespondenz von rechtspopulistischer Ansprache und "gesundem Menschenverstand". Dies ist eine Beobachtung, die trotz der geringen Anzahl bisher vorliegender Analysen des Alltagsdiskurses einer diskursanalytischen Fragestellung erst einmal zuzuführen wäre. Dabei stellen sich Fragen ein, wie die nach dem Zustandekommen dieses wertekonservativen, denkfaulen und verführten Denkens, wobei sich bereits hier zeigt, wie sehr Diskursanalyse immer auch der historischen Rückbindung bedarf. Hat rechtspopulistisches Wissen denn gar nichts mit den diskursiven Nachwirkungen eines (sehr unterschiedlich) formierten Faschismus in Österreich und der Schweiz zu tun? Hat es nichts zu tun mit hegemonialen Mediendiskursen, die in den letzten Jahrzehnten, gerade was den Einwanderungsdiskurs angeht, erhebliche Mitverantwortung für die Reproduktion des Rassismus für sich beanspruchen können, mit all seinen fatalen Folgen für die Betroffenen? Hat dies nichts zu tun mit den Hetztiraden von Politikerinnen und Politikern der "Mitte", die glauben, das "Volk" nur dann zu erreichen, wenn sie sich einer sensationalisierenden Boulevardpresse andienen? Hat das nichts zu tun mit einer anderen Form des common sense der österreichischen Wählerschaft?14) Es ist ja doch bekannt, dass Diskurse nicht einfach (und nur selten) abbrechen, dass sie Teil eines rhizomartigen diskursiven Gewimmels sind, zyklisch und spiralförmig verlaufen können etc. etc. Gut, Diskursanalyse ist ein Konzept, das zur Zeit eine (stürmische) Entwicklung erfährt. Es wäre schade, wenn sie zur Mode erstarrte, ehe sie richtig zum Leben gekommen ist. [43]

Anmerkungen

1) Zur FPÖ vgl. z.B. JANUSCHEK (1992, 1994), PLASSER und ULRAM (2000), SCHARSACH (2000), TRIBUTSCH (1994), WODAK (2000), JÄGER (2000). <zurück>

2) Allgemein zum Einwanderungsdiskurs vgl. z.B. JÄGER (1996), JÄGER u.a. (1998) und besonders den Überblick über die Forschung bei GEIßLER und PÖTTKER (2005). Zu Österreich vgl. die Untersuchung von MATOUSCHEK, WODAK und JANUSCHEK (1995) und auch JÄGER (2000). <zurück>

3) Zur SVP vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schweizerische_Volkspartei; hier auch die Programmatik der Partei und weitere Literaturangaben, so z.B. auch Arbeiten von GEDEN zur FPÖ und zur SVP. <zurück>

4) Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Begriff im Rahmen einer diskursanalytischen Untersuchung von Talkshows findet sich bei TIESTE (2006, S.111-147). <zurück>

5) Vgl. z.B. JÄGER (2004), M. JÄGER und S. JÄGER (2007). <zurück>

6) FOUCAULT (1981, S.117). <zurück>

7) Zum Dispositiv vgl. z.B. Link (2007). <zurück>

8) Zum faschistischen Diskurs des Naziregimes, seiner Rigidität und den Möglichkeiten, sich ihm zu entziehen vgl. JÄGER (2001). <zurück>

9) Zur Bestimmung von Strategie bei FOUCAULT vgl. FOUCAULT (1978, S.121). <zurück>

10) GEDEN vermeidet den Begriff des Rassismus und spricht von Fremdenfeindlichkeit u.ä. Der beschriebene Tatbestand ist m.E. jedoch eindeutig als Rassismus zu bewerten. <zurück>

11) Vgl. dazu z.B. BUBLITZ (2006) sowie LINK (2006). <zurück>

12) Der Begriff der "Verhausschweinung" wurde von Lorenz FRITZ, Generalsekretär der Vereinigung österreichischer Industrieller, geprägt. <zurück>

13) Vgl. dazu PARR und THIELE (2005), die dieses umfangreiche Umfeld bibliographisch erfassen. <zurück>

14) Über das Wahlverhalten der FPÖ-Wähler schreiben aufgrund einer Analyse PLASSER und ULRAM (2000, S.128ff.), dass die Motive, die FPÖ zu wählen, vielfach nicht in deren Ideologie begründet liegen, sondern in ihrer Hoffnung, dass verkrustete Strukturen aufgebrochen und Antworten auf Fragen angeboten werden, die die anderen Parteien nicht geben können. <zurück>

Literatur

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Zum Autor

Siegfried JÄGER, Prof. Dr. phil. an der Universität Duisburg/Essen seit 1972, Leiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Neueste Veröffentlichung: Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse. Wiesbaden 2007 (VS Verlag) (zus. mit Margarete JÄGER). Arbeitsschwerpunkte: Diskurstheorie und Diskursanalyse, Rechtsextremismus, Rassismus, Medienanalyse, Analyse des Alltagsdiskurses. Veröffentlichungen: siehe http://www.diss-duisburg.de/.

Kontakt:

Prof. Dr. Siegfried Jäger

Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS)
Siegstr. 15
D-47051 Duisburg

E-Mail: s.jaeger@diss-duisburg.de
URL: http://www.diss-duisburg.de/

Zitation

Jäger, Siegfried (2007). In der Falle der Synthetisierung von Diskursanalyse und soziologischer Feldtheorie. Rezensionsaufsatz zu: Oliver Geden (2006). Diskursstrategien im Rechtspopulismus. Freiheitliche Partei Österreichs und Schweizerische Volkspartei zwischen Opposition und Regierungsbeteiligung [43 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), Art. 7, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs070278.



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