Volume 8, No. 2, Art. 22 – Mai 2007

Rezension:

Silke Schneider

Martin Nonhoff (2006). Politischer Diskurs und Hegemonie. Das Projekt "Soziale Marktwirtschaft". Bielefeld: Transkript Verlag. 422 Seiten, ISBN 3-89942-424-7. Euro 29,80

Zusammenfassung: Im Anschluss an die Hegemonietheorie von LACLAU und MOUFFE nimmt NONHOFF Hegemonie und hegemoniale Strategien als diskursive Phänomene in den Blick. Dabei definiert er das Spezifische des politischen Diskurses. Es werden "Kernstrategeme" identifiziert, die zur Hegemonie politischer Projekte führen. Diese Kernstrategeme werden anschließend anhand zentraler programmatischer Texte zur "Sozialen Marktwirtschaft" empirisch nachvollzogen. Insgesamt überzeugend, insbesondere im theoretischen Schwerpunkt der Arbeit, entwickelt NONHOFF ein anschlussfähiges Analysekonzept für diskursanalytische Hegemoniestudien in der Politikwissenschaft.

Keywords: Hegemonietheorie, Diskurstheorie, politische Diskursanalyse

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau und Inhalt der Arbeit

3. Einordnung/Kommentar

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Die Herstellung und Steuerung politischer Vorherrschaft ist ein zentraler Gegenstand politikwissenschaftlicher Analysen. Der explizite Bezug auf und die Verwendung von Diskursbegriffen spielt dabei erst in jüngster Zeit eine größere Rolle und ist vorrangig im Teilgebiet der politischen Theorie verortet. Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler galten lange Zeit eher als "Methodenmuffel"; methodologisch reflektiertes Vorgehen, wie es qualitativ angelegte Diskursanalysen erfordern, macht eine politikwissenschaftliche Untersuchung wie die vorliegende in dieser Hinsicht deshalb besonders interessant. Die Rolle politisch prägender "Sprach- und Denkmuster" nimmt die Arbeit NONHOFFs am Beispiel der Rede von der "Sozialen Marktwirtschaft" in den Blick. Die Untersuchung zielt damit auf einen der zentralen Gegenstände der deutschen Politikwissenschaft: die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung des (neuen) Staates, für die nach 1945 die Weichen gestellt werden sollten. Mit der Formel "Soziale Marktwirtschaft" hatte diese Ordnung ihre über Jahrzehnte gültige Formulierung gefunden. Wenige grundsätzliche Entscheidungen über die Ausrichtung der Bundesrepublik sind so zentral und nachhaltig verfolgt worden und nach dem Umbruch 1989/90 zu neuer und bestätigter Bedeutung gelangt. Martin NONHOFF nimmt diese hegemoniale Position der Ordnungsvorstellung "Soziale Marktwirtschaft" in den Blick. In seiner Arbeit geht es in erster Linie darum, ein geeignetes theoretisches Instrumentarium für die Analyse solcher hegemonialen "Projekte" zu entwickeln: auf welche Weise etablieren sich Hegemonien wie die der "sozialen Marktwirtschaft" und wie funktionieren hegemoniale Praxen im Einzelnen? Wie wird ein politisches Projekt zum sinnhaften und gesellschaftlich wirksamen Projekt? Die entwickelten Thesen werden dann in einem zweiten, diskursanalytischen Schritt an empirisches Material herangetragen. [1]

2. Aufbau und Inhalt der Arbeit

Der theoretische Ausgangspunkt der Analyse hegemonial gewordener politischer Programmatik steht somit im Mittelpunkt der Arbeit. Fokussiert wird dabei die sprachliche und kommunikative Dimension, gefragt wird nach der Konstituierung von Sinn im politischen Prozess. [2]

Die auf die Begrifflichkeiten Antonio GRAMSCIs zurückgehende Hegemonietheorie modifizierte bekanntlich die marxistische Basis-Überbau Vorstellung und räumte kulturellen und politisch-ideologischen Faktoren eine entscheidende Stellung bei der Herstellung politischer Hegemonie ein. Hegemonie und hegemoniale Strategien, so im Anschluss der Ausgangspunkt NONHOFFs, seien somit als "diskursive Phänomene" in den Blick zu nehmen. Daher wird nach dem einleitenden 1. im 2. Kapitel der Arbeit zunächst die Schnittmenge von "Diskurswissenschaft" und Politikwissenschaft überprüft. Ziel ist es, den Zugriff politikwissenschaftlicher Forschung um eine diskursanalytische Perspektive zu erweitern. NONHOFF sieht den Gewinn diskurstheoretischen Zugriffs für die Politikwissenschaft in erster Linie darin, dass er mit der Erfassung des – gesellschaftlich oder durch politische Kräfte – produzierten Sinns politischen Geschehens dieses erst verständlich mache: die diskursive Dimension politischer Phänomene gilt somit als zentral für das Verständnis dieser Phänomene überhaupt. Die Diskurswissenschaft könne wiederum von der Politikwissenschaft insofern profitieren, als die Definition eines politischen Diskurses mit den Maßstäben der politischen Theorie präzisiert werden könne. Die theoretisch fundierte Definition dessen, was einen politischen Diskurs ausmacht, ist entscheidend für NONHOFFs Analyse politischer Hegemonie. [3]

Der weitaus größere Teil der insgesamt knapp 400 Seiten der Studie ist denn auch der Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten und Perspektiven verschiedener Richtungen der politischen Theorie gewidmet, die an den Punkten Hegemonie- und Diskursbegriff fokussiert und diskutiert werden. Eine exemplarische Analyse zentraler programmatischer Texte aus den 1950er Jahren zur "Sozialen Marktwirtschaft" schließt sich an und dient zur Identifizierung und Überprüfung der zuvor entwickelten theoretischen Prämissen. [4]

Das 3. Kapitel "Das Politische als diskursiver Raum der Hegemonie" ist für Anschlüsse an die von NONHOFF formulierte Position besonders interessant. Bei aller im Feld der sozialwissenschaftlichen Diskursforschung herrschenden produktiven Interdisziplinarität scheint eine Umgrenzung des Untersuchungsfeldes politikwissenschaftlicher Diskursanalysen plausibel: schließlich unterscheiden sich zusätzlich die verschiedenen Diskursbegriffe und die mit ihnen verbundenen politischen Theorien. Die Zuordnung der heute in der Politikwissenschaft verwendeten Diskursbegriffe zu den klassischen Ausrichtungen der Disziplin, wie sie Brigitte KERCHNER (2006) in einem Forschungsüberblick vornimmt, zeigt mindestens drei unterschiedliche Diskursbegriffe auf. Einen normativ-kritischen im Anschluss an die Diskursethik von Jürgen HABERMAS, einen analytisch-pragmatischen im Anschluss an die handlungstheoretisch orientierte Discourse Analysis, wie er in Policy-Analysen zugrunde gelegt wird, und schließlich einen genealogisch-kritischen ausgehend von strukturalistischen Theorieentwürfen im Anschluss an die Arbeiten Michel FOUCAULTs. [5]

In dem Band von NONHOFF wird der (geglückte) Versuch unternommen zu definieren, wie denn das Politische an politischen Diskursen zu fassen sei: wann ist ein Diskurs ein politischer Diskurs und somit Gegenstand für politikwissenschaftliche Analysen? Ein Diskurs wird nun NONHOFF zufolge zum politischen Diskurs, wenn er sich vor einem "Hintergrundmuster des Politischen" konstituiert. Um dieses Hintergrundmuster zu identifizieren, greift er auf die klassischen Politikdefinitionen der politischen Theorie zurück: der Bezug auf das Gemeinsame – das Allgemeinwohl – und der Bezug auf die Konkurrenz verschiedener politischer Ziele – die Konflikthaftigkeit von Politik – sind hier zentral. In Auseinandersetzung mit den Politikbegriffen Hannah ARENDTs und Carl SCHMITTs werden diese beiden Elemente eines Bereichs des Politischen erörtert, um dann in die Perspektiven von LACLAU und anderen integriert zu werden. Demnach, so die Schlussfolgerung, sei

"das Politische zu begreifen als jene dynamische Logik, im Rahmen derer im Raum des Symbolischen/des Diskurses über die partikulare Besetzung des leeren Ortes des Allgemeinen in konflikthafter Weise verhandelt wird […] Ein Diskurs ist nur dann ein politischer Diskurs, wenn in ihm das allgemeine – bzw. ein spezifisches Allgemeines – konflikthaft verhandelt wird" (S.124). [6]

Die "Soziale Marktwirtschaft", so NONHOFF in Anlehnung an das LACLAUsche Theorem des "leeren Signifikanten", habe die "leere Stelle des Allgemeinen" ausgefüllt. Die Begrifflichkeit der "Sozialen Marktwirtschaft" sei, obwohl konflikthaft verhandelt, inhaltlich so unbestimmt, dass sie als gemeinsamer Nenner eines wirtschafts- und sozialpolitischen Diskurses funktionieren konnte. Dass dies in einer stabilen Hegemonie resultiert, liege an der "Nicht-Fixiertheit von Bedeutung" der Formel "Soziale Marktwirtschaft", die es erlaubt habe, kontroverse politische Positionen zur Wirtschaftsordnung zusammenzufassen. [7]

Im 4. Kapitel der Arbeit folgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Varianten der Hegemonietheorie und der für die Politikwissenschaft insbesondere interessanten Fragen nach den Abläufen von Subjektivierungsprozessen sowie deren Übertragbarkeit auf kollektive und institutionelle Subjekte/Akteure. Anschließend werden im 5. Kapitel auf der Grundlage der vorhergehenden theoretischen Erörterungen verschiedene "Strategeme" hegemonialer Strategien formuliert. NONHOFF unterscheidet dabei zunächst drei "Kernstrategeme" (am Allgemeinen orientierte Forderungen, die Zweiteilung des öffentlichen Raums und die Repräsentation). Dann folgen ein "Grundlagenstrategem" (superdifferenzielle Grenzziehung) und "ergänzende hegemoniale Strategeme" (Interpretationsoffenheit in Bezug auf das Allgemeine, Schaffung von Subjektpositionen und punktuelles Durchbrechen der Zweiteilung). [8]

Diese Strategeme sind als theoretische Thesen formuliert und werden dann im letzten Kapitel der Arbeit in ausgewählten programmatischen Texten zur "Sozialen Marktwirtschaft" aufgefunden bzw. an diesen überprüft. NONHOFFs Begriff von methodischem Vorgehen ist dabei eng mit den diskurstheoretischen Diskussionen und Definitionsvorschlägen verknüpft. Diese "Integration von Diskurstheorie und Diskursanalyse" (S.242) sieht er im Charakter von Diskursen als unabgeschlossen und dynamisch begründet: dieser dynamische Charakter erfordere eine Wechselwirkung zwischen Empirie und Theorie. Der Autor teilt außerdem ausdrücklich die Grundsätze dessen, was er in Anlehnung an Reiner KELLER als methodologische Basis sozialwissenschaftlicher Diskursforschung formuliert (S.245). Als Forschungsgegenstand gelten "Sinnformationen", die sich nicht in einzelnen Texten oder Aussagen erschöpfen, sondern über diese hinausgehen; Diskurse werden als "performativ" angesehen, d.h. sie gelten nicht als Spiegel der Wirklichkeit, sondern spielen bei der Herstellung und Wahrnehmung derselben eine zentrale Rolle; Diskurse werden "rekonstruktiv-deskriptiv" durch die Analyse erfasst. [9]

Sein spezifisches Erkenntnisinteresse richtet NONHOFF auf die diskursiven Mechanismen, die zur Herausbildung von Hegemonie führen. Diese Mechanismen sind zuvor auf der theoretischen Ebene als die genannten Strategeme definiert worden. Außerdem soll die Analyse das spezifisch Politische im politischen Diskurs deutlich machen und zeigen, wie im Zusammenspiel von Konflikt und Allgemeinbezug hegemoniale Projekte entstehen. Das methodische Vorgehen im Einzelnen wird als Aufspüren der theoretisch formulierten Hypothesen in ausgewähltem Material beschrieben (S.248f.). Sein Vorgehen am Text bezeichnet NONHOFF dabei als strukturalistisch bzw. poststrukturalistisch inspiriert. Das bedeutet, dass die Strategeme auf differenzierten textlichen Analyseebenen rekonstruiert werden, nämlich Texten, Textteilen sowie dem Bezug der Texte untereinander. Als Textkorpus wurden Texte zentraler wirtschafts- und sozialpolitischer Akteure ausgewählt. Da es in der Analyse darum geht, der diskursiven Herausbildung politischer Hegemonie auf die Spur zu kommen, gelten hier Texte von solchen Personen und Organisationen als repräsentativ, die als "politisch-gesellschaftliche Kraft" bezeichnet werden können. Entsprechend sind programmatische Texte des Nationalökonomen und Politikers Alfred MÜLLER-ARMACK, auf den der Begriff der "Sozialen Marktwirtschaft" zurückgeführt wird, Gegenstand der Analyse, ebenso Texte des CDU-Politikers und ersten Wirtschaftsministers der Bundesrepublik Ludwig ERHARDT und die wirtschaftspolitischen Leitsätze der CDU. [10]

Methodisch geht NONHOFF in sechs Schritten vor. Zunächst beleuchtet er erstens den historischen Kontext des jeweiligen Textes. Dann definiert er zweitens die Sprecherposition des Autors, d.h. seine Biographie und Rolle im politischen Prozess, und gibt drittens eine Inhaltsangabe des Textes. Diese Analyseschritte sollen die eigentliche Textarbeit vorbereiten und rahmen. Dann werden anschließend viertens die hegemonialen Kernstrategeme, fünftens die Grundlagenstrategeme und ergänzenden hegemonialen Strategeme rekonstruiert. Der sechste Analyseschritt ist dem "sonstigen" vorbehalten (S.250), sprich, es werden besonders interessante Aspekte der einzelnen Texte hervorgehoben, die sich nur schwerlich den theoretischen Hypothesen zuordnen lassen. Im Falle MÜLLER-ARMACKs ist dies z.B. die zeitgenössische Einordnung der Debatte und Reflexion des Autors. [11]

Die Einzelanalysen werden anschließend in einer Überblicksanalyse zusammengefasst und mit der Analyse weiterer Texte zentraler politischer Akteure der Bundesrepublik der 1950er Jahre ergänzt und kontrastiert, so z.B. mit einem Text des Sozialwissenschaftlers und katholischen Theologen Oswald von NELL-BREUNING, der maßgeblich an der Entwicklung der katholischen Soziallehre beteiligt war und dem wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft angehörte; außerdem u.a. das wirtschaftspolitische Programm der FDP sowie die Grundsatzprogramme der SPD und des DGB. [12]

Die Ergebnisse werden dann insbesondere im Hinblick auf die Anschlussmöglichkeiten für weitere Forschungen, etwa im Bereich der Policy-Analyse, formuliert. Hegemonien, so das Ergebnis der theoretischen Überlegungen und der empirischen Analyse, sind als Formierungen gesellschaftlichen Sinns zu bezeichnen, die das gesamte Spektrum möglicher politischer Positionen abstecken. Wer sich außerhalb dieses Konsenses stellt, läuft Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Für die Hegemonie des Bezugspunktes der "Sozialen Marktwirtschaft" im Rahmen der frühen bundesdeutschen Wirtschaftspolitik bestätigt die Analyse der Texte diesen Befund. Als typisch für hegemoniale Projekte wie die "Soziale Marktwirtschaft" gilt daher, dass es gelingt, die Forderungen der politischen Gegner mit einzubeziehen, sie "einzuverleiben" (S.381). Die theoretisch formulierten Strategeme im Einzelnen werden in den Texten aufgefunden und gelten somit als überprüft. Der Anspruch an dieses Vorgehen ist allerdings nicht so hermetisch, wie es zunächst scheinen mag. Ausdrücklich wird die Studie als "Auftakt eines politikwissenschaftlichen Forschungsprogramms der Hegemonieanalyse" (S.385) verortet. [13]

3. Einordnung/Kommentar

Den überzeugenden Ausführungen NONHOFFs zu den analytischen Potenzialen der Hegemonietheorie lässt sich gut folgen. Die gezielte Ergänzung der hegemonietheoretischen Überlegungen mit verschiedenen diskurstheoretischen Perspektiven, die auf die Analyse politischer Programmatik am Beispiel der "Sozialen Marktwirtschaft" zugeschnitten werden, stellt eine Perspektivenerweiterung für politiktheoretische Überlegungen dar. Obgleich die Verbindung des Hegemoniekonzepts der politischen Diskurstheorie von LACLAU und MOUFFE mit den Politikbegriffen von Hannah ARENDT und Carl SCHMITT für die Argumentation des Buches und die Betonung der Relevanz einer politiktheoretisch überzeugenden Hegemonieanalyse nicht zwingend notwendig erscheint, eröffnet gerade dieser Abschnitt interessante Lesarten der Verbindung von klassischer und poststrukturalistischer politischer Theorie. Insbesondere der Vorschlag, politische Diskurse abzugrenzen (letztlich als Streit um die "gute Ordnung"), bietet vielfältige Anschlussmöglichkeiten für weitere Diskursanalysen. Dieser Eindruck wird auch durch die folgenden kritischen Anmerkungen kaum geschmälert. [14]

Die diskursanalytisch angelegte Untersuchung zentraler programmatischer Texte zur sozialen Marktwirtschaft, die die Arbeit NONHOFFs abschließt, hat eher einen exemplarischen und illustrativen Charakter. Der Autor betont dementsprechend, dass es ihm vorrangig um die Ausarbeitung des theoretischen Instrumentariums, um die Herleitung theoretisch fundierter Hypothesen über die diskursive Formierung von Hegemonie gegangen sei (S.16f., S.248). Allerdings resultiert die enge Verzahnung von Diskurstheorie und methodischen Fragen der Diskursanalyse in einem letztlich verkürzt erscheinenden Methodenverständnis. "Diskursanalytische Methode" heißt im Falle dieser Arbeit, theoretisch begründete Hypothesen aufzustellen, um sie anschließend "im Material zu rekonstruieren" (S.249). Es wird also nicht vom Material ausgehend die Formierung eines Diskurses oder Teildiskurses anhand von Aussagen umrissen, die gerade nicht auf den ersten Blick erkennbar sind und möglicherweise quer zum vom Autor intendierten Inhalt des Textes liegen mögen. Der Unterschied sowohl zu strukturalistisch orientierten Verfahren der Diskursanalyse, bei denen große Textmengen in kleinere Einheiten zerlegt werden, um der Anordnung der Aussagen auf die Spur zu kommen, als auch zu historisch-genealogisch orientierten Verfahren ist somit beträchtlich. Das "zeitliche Erkenntnisinteresse" (S.247) ist für NONHOFF zwar hegemonie- und damit hier diskursanalytischem Vorgehen inhärent – schließlich geht es um die Herausbildung von Hegemonien. Aber die zeitliche Dimension wird doch von der funktionalen – d.h. wie Hegemonie zu einem bestimmten Moment, also zeitlich auf einer vertikalen Ebene, genau funktioniert – getrennt gesehen. Weniger grundsätzlich ist die zweite Anmerkung: Bedauerlich für Lesende, die an den an FOUCAULT orientierten empirischen Diskursanalysen interessiert sind ist, dass die Arbeit einer interessanten Vergleichsmöglichkeit nicht nachgeht. Auch FOUCAULT (2004) hatte die Texte der Ordo-Liberalen in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität der Analyse zugrunde gelegt; diese Texte zieht NONHOFF heran, um die von ihm aufgestellten Strategeme aufzufinden (u.a. Alfred MÜLLER-ARMACK, Ludwig ERHARD). Eine Gegenüberstellung der Lesarten würde unter Umständen das analytische Vorgehen FOUCAULTs weiter beleuchten können, das mitunter – trotz Schriften wie "Die Ordnung des Diskurses" (FOUCAULT 1997) und "Archäologie des Wissens" (FOUCAULT 1981) – als ungeordnet gilt. Unter Verweis auf das spezifische Verständnis "Sozialer Marktwirtschaft" im deutschen Sprachraum wird die FOUCAULTsche Perspektive als "Blick von außen" ausdrücklich nicht gesondert rezipiert (vgl. S.67). [15]

Der von NONHOFF vorgeschlagene hegemonie- und diskurstheoretische Ansatz verbindet die bisher in der Politikwissenschaft unverbunden nebeneinander stehenden Richtungen der analytisch-pragmatischen und der genealogisch-kritischen Diskurstheorie. Das Potenzial dieser Symbiose für Politikanalysen wird sich sicher, ganz im Sinne des Autors, in weiteren empirischen Studien erweisen. [16]

Literatur

Foucault, Michel (1981 [1969]). Archäologie des Wissens. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag.

Foucault, Michel (1997 [1972]). Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt/M.: Fischer Verlag.

Foucault, Michel (2004). Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag.

Kerchner, Brigitte (2006). Diskursanalyse in der Politikwissenschaft. In Brigitte Kerchner & Silke Schneider (Hrsg.), Foucault: Diskursanalyse der Politik. Eine Einführung (S.33-67). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Zur Autorin

Silke SCHNEIDER, Dipl. Pol., ist z.Zt. wissenschaftliche Mitarbeiterin (i.V.) am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin; Mitherausgeberin der "Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politik-Wissenschaft". Arbeitsschwerpunkte: Historische Grundlagen der Politik, insbesondere NS-Forschung; Diskursanalyse; Geschlechter- und Migrationsforschung.

Kontakt:

Silke Schneider

Historische Grundlagen der Politik
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Ihnestr. 22
D-14195 Berlin

Tel.: 030-838550451

E-Mail: sischn@zedat.fu-berlin.de

Zitation

Schneider, Silke (2007). Rezension zu: Martin Nonhoff (2006). Politischer Diskurs und Hegemonie. Das Projekt "Soziale Marktwirtschaft" [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(2), Art. 22, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0702225.



Copyright (c) 2007 Silke Schneider

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