Volume 18, No. 2, Art. 5 – Mai 2017



Die Denkstilanalyse nach Ludwik Fleck als Methode der qualitativen Sozialforschung – Theorie und Anwendung

Katja Sabisch

Zusammenfassung: Bislang fanden die methodischen Überlegungen des polnischen Mediziners und Soziologen Ludwik FLECK vor allem in wissenschaftshistorischen Studien Anwendung. In diesem Beitrag schlage ich vor, seine zentralen Begriffe des Denkstils und des Denkkollektivs in eine sozialwissenschaftliche Methode zu übersetzen. Hierzu wird zunächst die FLECKsche Terminologie anhand von Beispielen aus der Geschlechter- und Wissenschaftsforschung vorgestellt. Danach wird das denkstilanalytische Vorgehen auf die Auswertung von Expert_inneninterviews nach MEUSER und NAGEL übertragen. Das daraus resultierende Konzept einer qualitativen Denkstilanalyse wird im letzten Teil des Beitrages kritisch reflektiert.

Keywords: Denkstilanalyse; Ludwik Fleck; Konstruktivismus; Wissenschaftsforschung; Wissenssoziologie; Expert_inneninterviews

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Ludwik FLECK als Wegbereiter wissenssoziologischer Analysen

2. Denkstilanalyse als historiografische Wissenssoziologie: Begriffe und Anwendung

2.1 Denkstilanalysen am Beispiel der "gefährlichen Frau"

3. ExpertInneninterviews als denkstilanalytisches Material

3.1 Denkstilanalyse von Expert_inneninterviews: Das Denkkollektiv "DSD"

3.1.1 Paraphrasierung des Materials: Identifizierung der spezifischen Wissensbestände

3.1.2 Thematischer Vergleich: Gegenüberstellung der stilgemäßen Aussagen

3.1.3 Soziologische Konzeptualisierung: denkstilanalytische Verdichtung

3.1.4 Theoretische Generalisierung: Identifikation des Denkstils

4. Schlussfolgerung und Ausblick

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung: Ludwik FLECK als Wegbereiter wissenssoziologischer Analysen

Ludwik FLECKs (1896-1961) Monografie "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv" (1980 [1935]) gilt mittlerweile als Schlüsselwerk des Konstruktivismus (EGLOFF 2011). Da der Mediziner und Serologe als Jude verfolgt wurde und mit seiner Familie nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald nach Israel immigrierte, geriet seine Studie bis in die 1960er Jahre in Vergessenheit. Durch die Nennung von FLECKs Buch als zentralem Ideengeber für seine wissenssoziologischen Auseinandersetzungen in "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" (2007 [1967]) verhalf Thomas S. KUHN der Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv zu einer Renaissance. Dennoch begann die Rezeption des Werks erst in den 1980er Jahren, als Lothar SCHÄFER und Thomas SCHNELLE (1980) das Buch neu editierten. Mit dem practical turn1) innerhalb der Wissenschaftsforschung wurden die FLECKschen Begriffe fester Bestandteil wissenssoziologischer und epistemologischer Debatten, da sie sich als wegweisend für die aktuelle interdisziplinäre Wissenschaftsforschung erwiesen haben (WERNER & ZITTEL 2011). So ist mittlerweile unumstritten, dass FLECK mit seiner Monografie nichts Geringeres als den soziologisch orientierten Konstruktivismus innerhalb der Wissenschaftsforschung begründete (LÖWY 1990; SCHÜTZEICHEL 2007). Denn wissenschaftliches Wissen sei kulturell und sozial bedingt, so der FLECKsche Wortlaut – wohlgemerkt in den 1930er Jahren, in der Blütezeit des Wiener Kreises und des Logischen Empirismus, welche sich zum Ziel gesetzt hatten, die Philosophie nach wissenschaftlichen und objektiven Kriterien zu erneuern (WERNER 2014). Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass FLECK die soziale Konstruktion wissenschaftlicher Tatsachen auch für die Naturwissenschaften postulierte. Diesbezüglich merkt er an, dass "alle diese soziologisch und humanistisch gebildeten Denker – so fördernd ihre Gedanken sind – einen charakteristischen Fehler [begehen]: sie haben allzu großen Respekt, eine Art religiöser Hochachtung vor naturwissenschaftlichen Tatsachen" (1980 [1935], S.65). Er illustriert dies in seiner Studie über die von 1906 bis 1932 entstandene "Tatsache, dass die sogenannte Wassermann-Reaktion2) zur Syphilis Beziehung hat" (S.2) und zeigt anhand dieses Beispiels aus der Serologie, wie tradierte Metaphern der "Lustseuche" die Entwicklung des Wassermann-Tests beeinflussten. Indem er eine vergleichende Analyse von Handbüchern und wissenschaftlichen Zeitschriftenaufsätzen vornahm, zeichnete er den holprigen Weg nach, der nach vielen Diskussionen, Verwerfungen und Auseinandersetzungen letztendlich in klar definierte Konzepte und Begriffe mündete. Von Interesse ist also, wie der "Umwandlungsprozess der persönlichen und vorläufigen Zeitschriftwissenschaft in kollektive, allgemeingültige Handbuchwissenschaft" (S.158) vollzogen wird. Denn während die Handbuchwissenschaft den geordneten Denkstil einer Wissensgemeinde präsentiere, verweise die Zeitschriftwissenschaft auf das "Gepräge des Vorläufigen und Persönlichen" (S.156). [1]

Diesen makrosoziologischen Ansatz, der aus heutiger Perspektive einige Merkmale einer wissenssoziologischen Diskursanalyse aufweist (KELLER 2011), ergänzt FLECK durch eine zentrale mikrosoziologische bzw. gemeinschaftszentrierte Einsicht: "Das Erkennen und insbesondere die Beobachtung ist eine Funktion mit drei Gliedern: Neben dem sogenannten Subjekt und dem sogenannten Objekt hat an der Beobachtung die jeweils gegebene Gemeinschaft Anteil, die ich als Denkkollektiv bezeichne" (2011 [1948], S.534). Wissenschaftliches Wissen und die Produktion von Wirklichkeiten sind demzufolge das Ergebnis eines kollektiven Denkverkehrs, wobei dieser jeweils durch spezifische Stile gekennzeichnet ist. Denn Denkkollektive sind FLECK zufolge "Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles" (1980 [1935], S.54f.). Während der Begriff des Denkstils also durchaus Elemente des FOUCAULTschen Diskursbegriffs aufweist – der Denkstil als das, was "nicht anders gedacht werden kann" (FLECK 1980 [1935], S.130) bzw. als wissensbasierte Voraussetzung für Deuten, Bewerten, Verstehen; der Diskurs als das Sagbare einer Zeit, welches das Wissen um die Welt strukturiert und kontrolliert (FOUCAULT 1973, 1977) – kann mit dem FLECKschen Begriff des Denkkollektivs ein zentrales Desiderat gefüllt werden. Denn die auf FOUCAULTs Theoremen basierende sozialwissenschaftliche Diskursanalyse (BÜHRMANN et al. 2007; JÄGER 2015; KELLER, HIRSELAND, SCHNEIDER & VIEHÖFER 2001), die auch in der Wissenschaftsforschung Anwendung findet (z.B. DIEKÄMPER 2011; RÖDEL 2014; BOCK VON WÜLFINGEN 2007), spart die Akteur_innenperspektive weitestgehend aus. FLECK hingegen bindet das wissensgenerierende Subjekt systematisch und egalitär in seine Analysen ein und betont so die gemeinschaftszentrierte Perspektive der Wissensproduktion. Wissen, oder besser: der Wahrheitsgehalt von Wissen, wird kollektiv erschaffen. [2]

Damit wird die Zusammenführung von Stil und Kollektiv der Historizität und Sozialität wissenschaftlichen Tuns gerecht. Allerdings wurden die gemeinschaftszentrierte Perspektive bzw. die Verhandlungen innerhalb eines wissenschaftlichen Denkkollektivs bislang kaum methodisch ausbuchstabiert. FLECKs Begriffe wurden vor allem für die systematisch-vergleichende Analyse von Handbuch- und Zeitschriftwissenschaft benutzt (LIPPHARDT 2005; SABISCH 2016), um dem Werden einer wissenschaftlichen Tatsache auf die Spur zu kommen – die Anwendung der Denkstilanalyse findet damit vor allem im Rahmen von wissenschaftshistorischen Untersuchungen statt. [3]

Im Folgenden soll vorgeschlagen werden, die Denkstilanalyse auch auf die Träger_innen des kollektiven (wissenschaftlichen) Wissens auszuweiten. Das bedeutet, dass das denkstilanalytische Material, welches sich bislang auf Handbücher und Zeitschriften beschränkt, um die Analyse von Expert_inneninterviews ergänzt werden soll. Bevor die stilgemäße Untersuchung von Interviews an einem medizinsoziologischen Beispiel vorgestellt wird (3. Abschnitt), wird zunächst ein kurzer Blick auf die von FLECK in Anschlag gebrachten Begriffe geworfen, um sie für die sozialwissenschaftliche Methodenlehre handhabbar zu machen (2. Abschnitt). Zum Schluss folgt ein Ausblick, der die Möglichkeiten und Grenzen der Denkstilanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung auslotet und kritisch diskutiert (4. Abschnitt). [4]

2. Denkstilanalyse als historiografische Wissenssoziologie: Begriffe und Anwendung

Die FLECKsche Denkstilanalyse kann als eine historiografische Wissenssoziologie beschrieben werden, da sie diachrone und synchrone Untersuchungen von wissenschaftlichen Texten systematisiert (SABISCH 2016). Zentral ist dabei der Begriff der wissenschaftlichen Tatsache. Sie wird als etwas Feststehendes und Bewiesenes verstanden, was demnach ausschließlich in "Handbüchern" zu finden ist – denn dort sind sie bereits "zu Fleisch geworden" (FLECK 1980 [1935], S.164). Eine genauere Betrachtung der Handbücher gibt daher Aufschluss über den stilgemäßen Denkzwang einer Disziplin, da Handbücher dem Denkkollektiv vermitteln, welches Wissen als wahr gilt. Eine Untersuchung der "Zeitschriftwissenschaft" erlaubt dagegen wesentliche Einblicke in die Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Zeitschriftenarbeiten sind vorläufig, da sie eine "spezifische Vorsicht" aufweisen: Formulierungen wie "ich habe nachzuweisen versucht" oder "es scheint möglich zu sein, dass ..." zeugen davon, dass über das "wissenschaftlichste Allerheiligste, nämlich das Urteilen über Existenz oder Nichtexistenz einer Erscheinung" (S.157), noch nicht und vor allem: nicht ohne das Kollektiv entschieden werden kann. Zeitschriftenarbeiten sind zudem persönlich, da der Text unweigerlich mit den Verfasser_innen verknüpft ist: Die Auswahl der Worte, der Experimente, der Instrumente, der Materialien ist einzigartig und auf das Engste mit den Forschenden verwoben. Zugleich ist die Zeitschriftwissenschaft der Ort, an dem der kollektive Denkstil seiner Reinheit überführt werden kann: Anhand von undisziplinierten Parenthesen, Fußnoten oder Anekdoten lässt sich auf das nicht-wissenschaftliche "exoterische Wissen" (S.138) der Forschenden schließen. [5]

Demzufolge ist die vergleichende Analyse von Zeitschriftarbeiten und Handbucheinträgen in zweifacher Hinsicht gewinnbringend: Zum einen ermöglicht sie es, die Entstehung einer wissenschaftlichen Tatsache nachzuvollziehen (diachrone Analyse); zum anderen können die Charakteristika eines spezifischen wissenschaftlichen Denkstils untersucht werden (synchrone Analyse). Beide Herangehensweisen sollen im Folgenden anhand von Beispielen aus der Geschlechterforschung illustriert werden. [6]

2.1 Denkstilanalysen am Beispiel der "gefährlichen Frau"

Die Analyse von venerologischen und dermatologischen Zeitschriften und Handbüchern aus dem 19. Jahrhundert hat gezeigt, wie der Frauenkörper innerhalb von wenigen Jahrzehnten als unrein und infektiös figuriert wurde (SABISCH 2007). Nach der allgemeinen Pathologisierung der Frau, wie sie von HONEGGER (1991) für das 18. Jahrhundert anhand von Lehrbüchern über die "Sonderanthropologie des Weibes" (S.145) beschrieben wurde, fand eine Pathogenisierung statt, die das Kranke stilgemäß – also auf den neuesten Erkenntnissen der noch jungen Disziplinen Bakteriologie und Venerologie fußend – durch das Gefährliche ergänzte. Frauen galten damit spätestens seit Phillippe RICORDs Handbuch "Briefe über Syphilis" (1851) als ansteckend; sie seien allesamt als "Infectionsherde" (S.51) zu betrachten, und selbst die "Tugendhaften" trügen das Übel in sich. Die nunmehr unumstößliche oder, um es mit FLECK zu formulieren, zu Fleisch gewordene wissenschaftliche Tatsache, dass die Frau Beziehungen zur Syphilis unterhält, wurde dabei von einschlägigen Zeitschriftenveröffentlichungen vorbereitet und flankiert. [7]

Anhand der wissenschaftshistorischen Studie über die Pathogenisierung der Frau wird aber vor allem deutlich, wie der wissenschaftliche Denkstil über kranke und gefährliche Frauenkörper "interkollektive Verbreitung" (FLECK 1980 [1935], S.140) fand und sich nicht nur Mediziner, Venerologen und Hygieniker, sondern auch das Denkkollektiv der Psychologen mit ihm beschäftigten. Anschaulich wird dies anhand eines Kreises von sechs Psychiatern, welche sich von 1908 bis 1916 in verschiedenen Zeitschriften über die "irre Infizierte" (SABISCH 2007, S.161f.) stritten. Dass später auch einige Venerologen an der Zeitschriftendebatte teilnahmen, illustriert, dass sich "[u]m jedes Denkgebilde, sei es ein Glaubensdogma, eine wissenschaftliche Idee, ein künstlerischer Gedanke" ein "kleiner esoterischer und ein größerer exoterischer Kreis der Denkkollektivteilnehmer" (FLECK 1980 [1935], S.138) bildet. Dadurch, dass die Denkkollektivteilnehmenden in der Regel mehreren exoterischen, also auch nicht-wissenschaftlichen Kreisen angehören, kann es so zu "Denkstilumwandlungen" (S.122) kommen: Neue Perspektiven und Ideen erhalten Einzug in den "intrakollektiven Denkverkehr" (S.140) und können – ebenso wie empirische Entdeckungen – das stilgemäße Wissen ergänzen und verändern. [8]

Interessant ist nun, dass die "Uridee" (S.35) der infizierten Frau sich auch in aktuellen Debatten wiederfindet. Als Prä- oder Uridee bezeichnet FLECK "entwicklungsgeschichtliche Anlagen neuzeitiger Theorien" (S.37); ihr Wert liege "nicht in ihrem logischen und 'sachlichen' Inhalte, sondern einzig in ihrer heuristischen Bedeutung" (S.37f.). So zeigt eine Analyse der von 2006 bis 2011 öffentlich ausgefochtenen Debatte über die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV)3), dass allein Mädchen und junge Frauen als Trägerinnen des Virus figuriert wurden (SABISCH 2009). Dieses geschlechtsspezifische "Gepräge" (FLECK 1980 [1935], S.156) offenbart, dass es vor allem der weibliche Körper ist, der einer weitreichenden Medikalisierung unterworfen ist (KOLIP 2000). Im Zentrum des öffentlichen Interesses und der medizinischen Bemühungen steht im Falle der Debatte über die "Impfung gegen Krebs" das Mädchen, welches hier als behandlungsbedürftig konstituiert wird – und dies, obwohl auch Jungen und Männer (Über-) Träger des krebsauslösenden HP-Virus sind. Dennoch wird die Verantwortung für die "Sex-Viren" (EVERS 2007, o.P.) allein dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben. Denn immerhin seien über "die Hälfte der Frauen fünf Jahre nach dem ersten Geschlechtsverkehr infiziert" (LENZEN-SCHULTE 2008, o.P.); ihre "Durchseuchung" (PAUL-EHRLICH-INSTITUT 2009, o.P.) sei omnipräsent. [9]

Die "Denkgewohnheit" (FLECK 1980 [1935], S.140) des gefährdeten und gefährlichen Mädchens fußt demnach auf der Uridee der infizierten Frau, welche im 19. Jahrhundert zu einer wissenschaftlichen Tatsache avancierte. Bemerkenswert ist dabei, dass die Uridee nicht nur innerhalb des esoterischen Kreises des medizinischen Denkkollektivs wirksam ist, sondern dass sich auch die öffentliche Debatte ihrer bedient. Damit veranschaulicht dieses Beispiel, dass mittels der begrifflichen Errungenschaften Ludwik FLECKs scheinbar in Vergessenheit geratene wissenschaftliche Denkstile und Urideen identifiziert werden können, die weiterhin das forscherische Handeln und Denken beeinflussen. Es liegt also nahe, die FLECKsche Methode auch auf wissenschaftliche Aussagen zu beziehen, die sich nicht in Handbüchern, Zeitschriften oder Zeitungsartikeln befinden, sondern z.B. in Interviews getätigt werden. [10]

3. ExpertInneninterviews als denkstilanalytisches Material

Die deutschsprachige Debatte zum Expert_inneninterview ist stark wissenssoziologisch geprägt und konzentriert sich vornehmlich auf theoriegenerierende Erhebungen (BOGNER, LITTIG & MENZ 2014). Dennoch ist zu bemerken, dass die Bandbreite dessen, was unter dem Begriff des Expert_inneninterviews gefasst wird, sehr groß ist: Von standardisierten Verfahren über informationsgenerierende Erhebungen (GLÄSER & LAUDEL 2004) bis hin zu dezidiert qualitativen Ansätzen wie dem von MEUSER und NAGEL (1991, 1997, 2005, 2009), welcher im Folgenden als Folie für eine denkstilanalytische Vorgehensweise dienen wird. Allerdings ist oftmals unklar, wer Expert_in ist. Für den theoriegenerierenden Ansatz, zu dem auch die Denkstilanalyse zählt, kann zusammenfassend festgestellt werden, dass Expert_innen über eine "institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit" (HITZLER, HONER & MAEDER 1994) verfügen und so das jeweilige Handlungsfeld durch ihre Deutungen nachhaltig strukturieren und definieren. Aus diesem Grund steht hier nicht die Erhebung von Fakten im Vordergrund, sondern die Rekonstruktion subjektiver Relevanzen und Erklärungsmuster, welche dem "Deutungswissen" (BOGNER et al., 2014, S.18) der Expert_innen entsprechen. Zentral ist dabei, dass das Deutungswissen auch die "normativen Dispositionen" der Expert_innen umfasst, welche in der Regel kollektiv geteilt werden und daher handlungsleitend sind (S.19). Um das Deutungswissen rekonstruieren zu können, bedarf es demnach einer dezidiert qualitativen Vorgehensweise, welche theoriegenerierend, d.h. "in analytischer und interpretativer Auseinandersetzung mit dem empirischen Material" (S.25) Zusammenhänge identifizieren und generalisieren kann. MEUSER und NAGEL (1991) lösen dies ein, indem sie eine Auswertungsstrategie vorschlagen, welche darauf zielt, das "Überindividuell-Gemeinsame" (S.452) an Deutungen und Relevanzen herauszuarbeiten. [11]

In dem bereits als klassisch zu bezeichnenden Aufsatz "ExpertInneninterviews – vielfach erprobt, wenig bedacht" von 1991 stehen daher organisatorische und institutionelle Zusammenhänge der Expert_innenkultur im Vordergrund. Der Begriff Expert_in wird dabei zwar als relational begriffen; Bedingung ist jedoch, dass er oder sie Teil des zu untersuchenden Handlungsfeldes ist. Oder, um es mit FLECK zu formulieren: Sie oder er sollte Teil des Denkkollektivs oder des esoterischen Kreises sein, dessen Denkstil von Interesse ist. Expert_inneninterviews bieten demnach die Gelegenheit, Denkkollektivteilnehmende als Repräsentant_innen bestimmter Denkstile zu befragen, um so zum Beispiel den Denkgewohnheiten oder dem Denkzwang einer Disziplin auf die Spur zu kommen. Im Vordergrund stehen damit nicht das von MEUSER und NAGEL in Anschlag gebrachte "Betriebswissen" und "Kontextwissen" einer Person (1991, S.446), sondern die denkmäßigen Voraussetzungen, auf denen die Expert_innen bzw. Repräsentant_innen des Denkkollektivs ihre Wissensgebäude aufbauen. [12]

Expert_innen werden in der Regel mittels eines Interviewleitfadens befragt. Diese teilstandardisierte Vorgehensweise entspricht dem thematisch begrenzten Interesse der Forschenden, ermöglicht aber gleichzeitig durch offen formulierte Fragen Raum für Neues und Unerwartetes. Die Auswertung der erhobenen Daten erfolgt in der Regel rekonstruktiv (MEUSER & NAGEL 1991, S.452) oder inhaltsanalytisch (MAYRING 2000), indem das Repräsentative des Expert_innenwissens kategorisiert wird. Es geht also nicht darum, den Text als "individuell-besonderen Ausdruck seiner allgemeinen Struktur zu behandeln" (MEUSER & NAGEL 1991, S.452), sondern darum, geteilte bzw. kollektive Relevanzstrukturen herauszuarbeiten. Der Vergleich des Überindividuell-Gemeinsamen bzw. des gemeinsam geteilten Denkstils wird durch zweierlei ermöglicht: zum einen durch den gemeinsam geteilten Wissenskontext der befragten Personen eines Denkkollektivs, zum anderen durch die leitfadenorientierte Gesprächsführung. Dem interpretativen Paradigma folgend schlagen MEUSER und NAGEL (1991) vor, die Texte nach thematischen Einheiten zu sequenzieren, um die "Gesprächsinhalte der Reihe nach wiederzugeben und den proportionalen Gehalt der Äußerungen zu einem Thema explizit zu machen" (S.456). Dieses kleinschrittige Verdichten des Textmaterials geschieht ohne "voreiliges Klassifizieren" oder "eiliges Themenraffen" (S.457), um dem Gütekriterium der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit gerecht zu werden. Es folgt eine weitere Abstraktion bzw. Reduzierung des Materials, indem den einzelnen paraphrasierten Abschnitten Überschriften zugeordnet und Passagen, die ähnliche Inhalte aufweisen, thematisch zusammengestellt werden. Eine solche Vorgehensweise ermöglicht es, stilgemäße Aussagen über einen bestimmten Gegenstand zu identifizieren und vergleichend zu analysieren. Der "thematische Vergleich" (S.449) aller Interviews führt zu einer Kategorisierung des Gesagten, welche die Relevanzstrukturen des Textes bzw. die inhärenten Denkgewohnheiten und Denkzwänge sichtbar werden lässt. Durch die darauffolgende "soziologische Konzeptualisierung" (S.462) wird eine empirische Generalisierung vorgenommen, die in einem letzten Schritt theoretisch ausbuchstabiert wird. Ziel ist es demnach, das Expert_innenwissen in soziologische Theorien zu übersetzen und für den eigenen disziplinären Kontext handhabbar zu machen. [13]

3.1 Denkstilanalyse von Expert_inneninterviews: Das Denkkollektiv "DSD"

Als Beispiel für die denkstilanalytische Auswertung von Expert_inneninterviews wird im Folgenden eine medizinsoziologische Studie vorgestellt, die geschlechtersoziologische Fragen mit sich führt. Im Rahmen des Forschungsprojektes Intersexualität in NRW über die Versorgungssituation von zwischengeschlechtlich geborenen Kindern wurden im Jahr 2015 vier Interviews mit Mediziner_innen aus Nordrhein-Westfalen geführt, deren Handlungsfeld explizit die Diagnose "DSD" (Disorders bzw. Differences of Sex Development; dt. Störungen bzw. Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung) einschließt und die als führende Expert_innen auf diesem Gebiet gelten. Die Diagnose DSD bzw. Intersex* wird gestellt, wenn Menschen anatomisch, genetisch oder hormonell nicht eindeutig als männlich oder weiblich klassifiziert werden können (DEUTSCHER ETHIKRAT 2012; SCHWEIZER & RICHTER-APPELT 2012). Aufgrund der Komplexität des Phänomens beschäftigt sich eine Vielzahl von medizinischen Fachbereichen mit DSD, darunter Endokrinologie, Chirurgie, Urologie, Pädiatrie, Radiologie oder Gynäkologie. Da es jedoch nur wenige Mediziner_innen gibt, die sich vornehmlich mit DSD beschäftigen, kann hier von einem esoterischen Kreis des Denkkollektivs DSD ausgegangen werden – auch wenn es sich um unterschiedliche medizinische Disziplinen handelt. [14]

Der Leitfaden für die im Projekt analysierten Expert_inneninterviews konzentrierte sich vor allem auf die Versorgungssituation intersexueller Kinder, sodass in erster Linie Fragen nach dem Ablauf in den Krankenhäusern, den an der Diagnose beteiligten Disziplinen oder den Ansprechpartner_innen für Angehörige und Betroffene gestellt wurden. Nach einer ersten Durchsicht der Interviews fiel allerdings auf, dass die eher praxisorientierten Antworten durch eine Vielzahl von grundsätzlichen Aussagen über Geschlecht, Zweigeschlechtlichkeit oder Geschlechterordnungen gekennzeichnet waren. Aus diesem Grund wird im Folgenden eine Denkstilanalyse der Interviews skizziert, in deren Fokus der Begriff "Geschlecht" steht. [15]

Im Verlauf der Auswertung wurden in einem ersten Schritt alle Interviews thematisch sequenziert und paraphrasiert, um dann in einem zweiten Schritt die Passagen, in denen Geschlecht bzw. Geschlechtlichkeit gedeutet werden, vergleichend auszuwerten. Ziel war es, mittels der Interview-Aussagen den momentan gültigen medizinischen Denkstil über Geschlecht innerhalb des Denkkollektivs DSD zu identifizieren. [16]

Da alle interviewten Mediziner_innen täglich mit unterschiedlichsten Ausprägungen der geschlechtlichen Entwicklung konfrontiert sind, welche die wissenschaftliche Tatsache der biologischen Zweigeschlechtlichkeit (HIRSCHAUER 1989; KESSLER & McKENNA 1978; LAQUEUR 1992; VOß 2010) infrage stellen, ist die Fahndung nach dem spezifischen Denkstil über Geschlecht innerhalb des esoterischen Kreises des Denkkollektivs DSD besonders reizvoll. Denn der exoterische Kreis der Allgemeinen Medizin hält – anders als zum Beispiel Teile der Biologie, die Geschlechtlichkeit nicht mehr als binär, sondern als polar begreifen (AINSWORTH 2015) – an dem Zweigeschlechtermodell fest. Neuere Perspektiven wie die Gender Medicine zementieren diesen Denkstil, da auch sie von sich diametral gegenüberstehenden Geschlechtern ausgehen, indem sie die Geschlechterdifferenz zum Ausgangspunkt empirischer Analysen machen (OERTELT-PRIGIONE & REGITZ-ZAGROSEK 2012). [17]

3.1.1 Paraphrasierung des Materials: Identifizierung der spezifischen Wissensbestände

In einem ersten Schritt wurden die in den vier Expert_inneninterviews getätigten Aussagen über Geschlecht thematisch geordnet. Durch die darauffolgende Paraphrasierung des gewonnen Materials lassen sich bereits erste stilgemäße Aussagen identifizieren, die auf spezifische Wissensbestände hinweisen. [18]

So wird in dem Interview mit Mediziner_in A deutlich, dass DSD nicht als eine Varianz der geschlechtlichen Entwicklung, sondern vielmehr als eine "Fehlbildung" (Interview A, S.1) oder "Störung" (S.17) angesehen wird. Dementsprechend geht A von einem "Kerngeschlecht" (S.9) aus, welches von der "Anlage her" vorbestimmt sei. Das Leben mit einem "fehlgebildete[n] Genitale", welches nicht durch einen kosmetisch-chirurgischen Eingriff "normal" gemacht wurde, wird als "problematisch" (S.14) eingeschätzt. Zur Illustration werden "Sportunterricht" und "Klassenfahrt" genannt (S.6). Dennoch wird die Frage nach einem "dritten Geschlecht" vorsichtig bejaht: Aufgrund von "erblichen Erkrankungen" sei es durchaus möglich, dass ein Mensch tatsächlich "zweigeschlechtlich" sein könne – und daher sollte auch der Gesetzgeber die Möglichkeit eines solchen Personenstandes einräumen (S.15). Dass es jedoch "überwiegend zwei Geschlechter" gibt, steht für A außer Frage – auch wenn einschränkend bemerkt wird, dass es etwas geben könnte, was "über das Medizinische hinausgeht" (S.15). Mediziner_in A weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die "ganze Diskussion" (S.18) über geschlechtszuweisende Eingriffe im Säuglingsalter in den Niederlanden bereits seit den 1990er Jahren diskutiert werde – anders als in Deutschland, wo die Debatte erst in den letzten Jahren aufgekommen sei. [19]

In der Eingangssequenz des Interviews, in welcher vor allem der berufliche Werdegang der Interviewten erfragt wurde, benutzt auch Mediziner_in B den Begriff der "Störungen der Geschlechtsentwicklungen" (Interview B, S.1). Im Laufe des Gesprächs wird jedoch von "Varianz" und "Varianten" (S.28) gesprochen. Die Ausschließlichkeit der Geschlechterbinarität wird während des Interviews mehrfach betont (S.9, 29). Allerdings begründet B die Geschlechterdifferenz nicht anatomisch: "Ein Penis macht keinen Mann", das "äußere Genitale" sei "überhaupt nicht relevant" (S.20). Vielmehr sei das "binäre[s] System" durch "Gesellschaft" und "Rollen" (S.27) vorgegeben. Interessant ist dabei, dass Körperlichkeit als etwas Wandelbares angesehen wird, was im Interview durch das Phänomen der Transsexualität illustriert wird. Allerdings sei diese Wandelbarkeit durch die Gesellschaft begrenzt: Es könne kein "kein Geschlecht" geben (a.a.O.). Dies entspricht der im Interview geäußerten Vorstellung von "Identität": Menschen hätten zwar die "freie Wahl" (S.3), allerdings nur zwischen männlich und weiblich. Folglich lehnt B den Begriff des "dritten Geschlechts" oder den des "Zwitters" (S.27) ab. Eine Festlegung innerhalb des binären Systems sei erforderlich, da man ansonsten "stigmatisiert" (S.9) werde. Auch hier werden "Sport" oder "Schwimmunterricht" (S.25) als Beispiele genannt. So steht für B außer Frage, dass im Falle von DSD ein Geschlecht festgelegt werden sollte – "wohlwissend, dass das nicht final ist" (S.9). B kam schon früh in Kontakt mit verschiedenen Selbsthilfegruppen und beteiligt sich an der öffentlichen Debatte über DSD (S.5). [20]

Mediziner_in C befürwortet ebenfalls die Bezeichnung "Varianten der Geschlechtsentwicklung" (Interview C, S.19). Nichtsdestotrotz wird immer wieder der Begriff der "Krankheit" (S.5, 44) verwendet. So wird zwar das "dritte Geschlecht" als eine weitere Kategorie – neben "eindeutig weiblich und eindeutig männlich", was ja "einigermaßen definiert" sei – befürwortet, allerdings sei diese "dritte Kategorie" eine "heterogene", "uneinheitliche" Gruppe, da diese "unterschiedliche Grunderkrankungen" aufweise (S.56). Allerdings betont C, dass sich die öffentliche Debatte über DSD bzw. der daraus resultierende "gesellschaftliche Prozess" durch "Toleranz und Offenheit" (S.45) auszeichnen sollte. Denn das "Wichtigste, was wir lernen müssen", sei, dass "man nicht nur in Kategorien denkt", sondern dass die "Welt bunt ist" (S.55). Ein Schritt in die richtige Richtung sei die Debatte über das "dritte Geschlecht", welche sie scherzhaft als "eine Art Übergangsregierung" (S.56) betitelt. [21]

Mediziner_in D unterscheidet klar die medizinische und die gesellschaftliche Perspektive auf Geschlecht. Geschlechtliche Binarität sei "Natur". Aus diesem Grund könne es "natürlich" auch Varianten geben (zum Beispiel gäbe es auch Menschen "mit sechs Fingern"); es existierten aber "Normen", und das sei von der Natur "auch nicht so ganz dumm" (Interview D, S.8). So geht auch Mediziner_in D weiterhin von zwei biologischen Geschlechtern aus. Allerdings räumt sie/er ein, dass die "Geschlechtsidentität" für "jeden Menschen unterschiedlich" (S.9) sein könne. Außerdem sei die Gesellschaft im Umgang mit Geschlechtlichkeit "viel offener geworden". Als Beispiel wird angeführt, dass "Geschlecht nicht mehr sofort im Stammbuch eingetragen werden muss", und verweist auf "konkrete politische Dinge" bzw. Diskussionen, wobei vor allem die "Reflexion über die [geschlechtszuweisenden] Operationen" (S.8) angeführt wird. Denn auch unter Ärzt_innen habe ein "deutliches Umdenken" (S.8) stattgefunden – dass zum Beispiel ein Mann ohne "richtigen Penis" nicht glücklich sein könne, müsse "beileibe nicht so sein" (S.4). Dennoch wird auch hier auf einen gesellschaftlichen Druck verwiesen, der dazu führe, Kindern ein Geschlecht zuweisen zu müssen. Demzufolge neigt auch die/der Interviewte dazu, "frühzeitig operativ tätig zu werden". Auch hier werden als Gründe eine mögliche Stigmatisierung und die daraus resultierenden "psychische[n] Probleme" im "Kindergarten" (S.3) angeführt. [22]

3.1.2 Thematischer Vergleich: Gegenüberstellung der stilgemäßen Aussagen

Aus der vergleichenden Analyse der oben vorgestellten thematischen Einheiten ergaben sich insgesamt drei Kategorien, in welchen der Denkstil über Geschlecht im esoterischen Kreis des Denkkollektivs DSD sichtbar wird. Die erste Kategorie "Verwendete Begriffe" bezieht sich auf die terminologische Spannbreite, mit der die Diagnose DSD beschrieben wird, nämlich: Fehlbildung, Störung, Krankheit, Varianz und Varianten. Bemerkenswert ist dabei, dass auch die Mediziner_innen, die eine pathologisierende Sprache ablehnen (B und C), Begriffe wie "Störung" und "Krankheit" weiterhin verwenden. Ähnlich heterogen gestaltet sich die zweite Kategorie "Drittes Geschlecht". Während sich A aufgrund der diagnostizierten körperlichen Vielfalt vorsichtig für eine solche ausspricht und C argumentiert, dass eine dritte Kategorie vor allem die von der Gesellschaft akzeptierten vielfältigen Geschlechtsidentitäten widerspiegeln könne, lehnen B und D eine dritte Kategorie ab. Als Gründe hierfür werden angegeben, dass die Gesellschaft ein drittes Geschlecht nicht zulassen (B) und dass ein drittes Geschlecht der Natur widersprechen würde (D). Die dritte Kategorie "Soziales Umfeld" subsumiert die von allen interviewten Mediziner_innen in Anschlag gebrachten Verweise auf die vermutete gesellschaftliche Diskriminierung von intersexuellen Kindern. So wurden in drei Interviews Kindergärten, Schulen oder Klassenfahrten als soziale Räume benannt, in denen Kinder mit uneindeutigem Genitale stigmatisiert werden könnten. [23]

3.1.3 Soziologische Konzeptualisierung: denkstilanalytische Verdichtung

Die nun folgende Verdichtung des Materials übersetzte die identifizierten Kategorien in denkstilanalytische Konzepte. Zunächst soll im Folgenden die Kategorie "verwendete Begriffe" näher betrachtet werden. Nach FLECK (1983 [1936], S.121) beruht die "spezifische Kraft wissenschaftlicher technischer Termini [...] in hohem Maße darauf, das, was sie bedeuten, von der erkennenden Person abzutrennen, also darauf, eine 'objektive' Bedeutung festzulegen". Die Verwendung von Begriffen wie Fehlbildung oder Krankheit weist darauf hin, dass – trotz der alltäglich wahrgenommen Vielfalt geschlechtlicher Entwicklungen – der pathologisierende Denkstil omnipräsent ist. DSD wird von dem esoterischen Kreis der interviewten Mediziner_innen als eine Störung benannt, die es zu diagnostizieren und zu behandeln gilt. Daher scheint die objektive Bedeutung von DSD die einer Krankheit zu sein, was dem Denkstil der Allgemeinen Medizin entspricht und so interkollektiv anschlussfähig ist. Allerdings werden in allen Interviews die pathologisierenden Begriffe reflektiert und zum Teil auch revidiert. Dies deutet auf eine intrakollektive Denkstilumwandlung hin: Innerhalb des Denkkollektivs DSD kommen vermehrt Begriffe wie Varianz oder Varianzen zum Tragen, die zwar eine Abweichung von der Norm kennzeichnen, diese jedoch nicht mehr ausnahmslos als Störung klassifizieren. [24]

Grund für diese Denkstilumwandlung ist das exoterische Wissen der Denkkollektivteilnehmenden, welches sich aus der gesellschaftlichen Diskussion der letzten Jahre zu speisen scheint, an der alle Interviewten in unterschiedlicher Intensität teilnehmen. Denn seit den 1990er Jahren werden geschlechtszuweisende Operationen als Menschenrechtsverletzung kritisiert – zuerst durch Selbsthilfegruppen wie Intersexuelle Menschen e.V. oder zwischengeschlecht.org, später auch durch politische Akteur_innen wie dem DEUTSCHEN ETHIKRAT (2012). Letzterer stellte fest, dass irreversible medizinische Maßnahmen zur Geschlechtszuordnung einen Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit darstellen. Infolgedessen nahm sich die Politik auf vielfältige Weise der Problematik an: So fand am 25. Juni 2012 eine Öffentliche Anhörung zum Thema "Intersexualität" im Deutschen Bundestag statt, und am 28. Juni desselben Jahres sprach sich die Gesundheitsministerkonferenz der Länder dafür aus, die Empfehlungen des Deutschen Ethikrates zur Intersexualität aufzugreifen und geeignete Maßnahmen zu entwickeln, um die Diskriminierung und das damit verbundene schwere Leid der Betroffenen zu beenden. In diesem Zusammenhang ist auch die seit dem 1. November 2013 gültige neue Vorschrift im Personenstandsgesetz zu verorten: Erstmals kann der Geschlechtseintrag im Geburtsregister bei Neugeborenen mit uneindeutigem Geschlecht offen bleiben. Die damit einhergehenden Diskussionen führten zu einer Infragestellung der gängigen medizinischen Praxis (KRÄMER, SABISCH & WOWERIES 2016). Dies zeigt sich vor allem darin, dass an der Formulierung der neuen ärztlichen Behandlungsleitlinie, welche im Juli 2016 verabschiedet wurde und den Titel "Varianten der Geschlechtsentwicklung" trägt, unter anderem Mitglieder der Selbsthilfe beteiligt waren (AWMF 2016). So avancierte das, "was über das Medizinische hinausgeht" (Interview A, S.18), zum formalen Bestandteil einer medizinischen Institution. [25]

Die Denkstilumwandlung, welche auf dem exoterischen Wissen der Denkkollektivteilnehmenden gründet, spiegelt sich demzufolge nicht nur in den verwendeten Begriffen, sondern auch in der Kategorie "Drittes Geschlecht". Denn "diese Eingeweihten sind keineswegs unabhängig: sie sind mehr oder weniger – bewußt oder unbewußt [sic!] – von der 'öffentlichen Meinung', d.h. der Meinung des exoterischen Kreises abhängig" (FLECK 1980 [1935], S.139). Die in Abschnitt 3.1.2 dargestellte Heterogenität der Kategorie verweist allerdings darauf, dass ein stilgemäßes medizinisches Denken über das Dritte Geschlecht noch nicht formuliert werden kann. Zwar erscheint die binäre Denkgewohnheit von Geschlecht dem esoterischen Kreis nicht mehr zwingend; gleichzeitig mangelt es an einer kollektiv geteilten Denkweise. Diese Ungleichzeitigkeit kennzeichnet nach FLECK den Prozess einer Denkstilumwandlung: Eine "begriffebildende, stilumwandelnde" (S.123) Erfahrung bricht mit alten Denkgewohnheiten; das Kollektiv ist angehalten, den Denkstil zu ergänzen, zu entwickeln oder umzuwandeln. Denn wenn die wissenschaftliche Tatsache der Zweigeschlechtlichkeit durch exoterisches Wissen ungewiss wird, was ist dann wahr? Erforderlich erscheint demzufolge eine "Übergangsregierung" (Interview C, S.56), welche Altes und Neues stilgemäß vermitteln kann. So verweist auch die Verwendung interkollektiver pathologisierender Begriffe auf eine Denkstilumwandlung, da auch die "Beharrungstendenz der Meinungssysteme" (FLECK 1980 [1935], S.43) den Prozess einer Denkstilumwandlung kennzeichnet. [26]

Interessanterweise wird in der Kategorie "Soziales Umfeld" der Umkehrschluss gezogen. Hier dient das exoterische Wissen über Kindergärten, Sportunterricht und Schulen ausnahmslos dazu, den zweigeschlechtlichen Denkstil zu legitimieren. Das exoterische Argument, die Gesellschaft verhindere durch Stigmatisierung und Diskriminierung ein Drittes Geschlecht, wird so zur Absicherung des interkollektiven medizinischen Denkstils benutzt. Operative Eingriffe, die der Normalisierung der Genitale dienen, seien notwendig, um soziale Akzeptanz herzustellen. Dass diese These empirisch nicht haltbar ist, zeigt eine Studie, in der Eltern offen intersexuell lebender Kinder nach ihren Erfahrungen befragt wurden (SABISCH 2014). Alle Interviewten gaben an, dass ihre Kinder – die sich teils als Junge, teils als Mädchen oder als "ich bin beides" bezeichneten – in der Schule und im Kindergarten keine Diskriminierung erfahren hatten. [27]

Dass der medizinische Denkstil des esoterischen Denkkollektivs DSD ein gesellschaftliches Gepräge aufweist, zeigt sich demnach in zweifacher, vor allem aber in widersprüchlicher Weise: Zum einen ist das exoterische Wissen über das Geschlecht der Auslöser für eine intrakollektive Denkstilumwandlung – DSD wird nicht länger nur als Disorder of Sexual Development, sondern auch als Differences of Sexual Development begriffen; zum anderen dient das exoterische Wissen über vermutete Stigmatisierung und Diskriminierung dazu, den Begriff Disorder zu legitimieren. [28]

3.1.4 Theoretische Generalisierung: Identifikation des Denkstils

Die Denkstilanalyse der Expert_inneninterviews verdeutlicht, dass innerhalb des esoterischen Kreises des Denkkollektivs DSD eine Denkstilumwandlung stattfindet. Die Binarität von Geschlecht wird im intrakollektiven Denkverkehr hinterfragt. Grund hierfür sind jedoch nicht die empirischen Erkenntnisse über geschlechtliche Vielfalt, mit denen das Kollektiv alltäglich konfrontiert ist. Vielmehr beziehen sich die Denkkollektivteilnehmenden auf das exoterische Wissen über Geschlecht, welches vor allem durch politische Akteur_innen vermittelt wird. [29]

Gleichzeitig wird durch die Denkstilanalyse eine Beharrungstendenz sichtbar: Geschlecht wird im interkollektiven Denkverkehr mit der Allgemeinen Medizin weiterhin als binär benannt. Diese Beharrungstendenz zeigt sich jedoch nicht nur in Bezug auf interkollektives Wissen, sondern nimmt auch das exoterische Wissen in die Pflicht: Die Norm der Zweigeschlechtlichkeit sei gesellschaftlich wirksam und beeinflusse daher auch das medizinische Handeln. [30]

Diese Ungleichzeitigkeit zeugt von einer Denkstilumwandlung, welche sich nicht durch einen Widerspruch zwischen esoterisch-medizinisch geprägtem und exoterisch-gesellschaftlich geprägtem Wissen auszeichnet. Die Denkstilanalyse zeigt vielmehr, dass zwei exoterische Wissensbestände miteinander konkurrieren, welche Geschlecht zum einen als vielfältig, zum anderen als binär begreifen. Damit ist es das soziale Gepräge der Medizin, welches den Denkstil über Geschlecht innerhalb des esoterischen Kreises DSD bestimmt. [31]

4. Schlussfolgerung und Ausblick

Die Analyse der Expert_inneninterviews hat gezeigt, dass die methodischen Überlegungen Ludwik FLECKs nicht nur für wissenschaftshistorische Studien, sondern auch für die empirische Sozialforschung fruchtbar sind. Die Übersetzung der Methode in einzelne Analyseschritte – Identifizierung der spezifischen Wissensbestände (Abschnitt 3.1.1), Gegenüberstellung der stilgemäßen Aussagen (Abschnitt 3.1.2), denkstilanalytische Verdichtung (Abschnitt 3.1.3), Identifikation des Denkstils (Abschnitt 3.1.4) – ist dabei als ein Vorschlag zu begreifen, wie Expert_inneninterviews denkstilanalytisch ausgewertet werden können. [32]

Dass sich die Analyse von wissenschaftlichen Denkkollektiven insbesondere für eine denkstilanalytische Vorgehensweise eignet, ist der Grundlage des FLECKschen Denkstils geschuldet. Als Mediziner und Serologe entwarf FLECK eine Terminologie, in deren Fokus die Analyse (natur-) wissenschaftlicher Denkvoraussetzungen steht. Dennoch ist davon auszugehen, dass die FLECKsche Methode auf alle wissensbasierten Felder angewendet werden kann. Denkstile, -gewohnheiten, -zwänge, esoterische und exoterische Kreise, inter- und intrakollektiver Denkverkehr, politisches und soziales Gepräge – all diese Begriffe strukturieren nicht nur die Analyse von wissenschaftlichem Wissen, sondern können ebenso in der Organisations-, Geschlechter- oder Familiensoziologie Anwendung finden. [33]

Es bleibt zu fragen, ob und wie andere Interviewverfahren denkstilanalytisch genutzt werden können. Weniger standardisierte Erhebungen wie das narrative oder das problemzentrierte Interview (SCHÜTZE 1983; WITZEL 2000) scheinen dafür nur bedingt geeignet, wenn nur individuelle oder biografische Besonderheiten und nicht auch das Stilgemäße bzw. Repräsentative eines bestimmten Handlungsfeldes im Vordergrund des Erkenntnisinteresses stehen. Auch könnte erprobt werden, ob sich die Methode der Denkstilanalyse für die Untersuchung internetbasierter Daten eignet (SCHIRMER, SANDER & WENNINGER 2015). Dieses Desiderat der qualitativen Sozialforschung benötigt dringend neue konzeptuelle Vorschläge, um den gegenwärtigen Kommunikations- und Wissensformen gerecht zu werden. Fragen danach, was als gesichertes Wissen präsentiert wird, ob und wie dieses Wissen stilgemäß aufbereitet ist und welche Kollektive untereinander verbunden sind, geben erste Hinweise auf ein denkstilanalytisches Potenzial. [34]

Anmerkungen

1) Im Zuge des practical turn beschäftigte sich die Wissenschaftsforschung zunehmend mit den materiellen Aspekten der Wissenschaften wie Instrumente, Experimentalsysteme oder Repräsentationen. Als wichtigste Vertreter_innen des practical turn gelten u.a. Bruno LATOUR (1987), Andrew PICKERING (1984) und Karin KNORR-CETINA (1981). <zurück>

2) Als Wassermann-Reaktion wurde das im Jahr 1906 entwickelte erste diagnostische Testverfahren bezeichnet, mit der die Syphilis im Blut nachgewiesen werden konnte. <zurück>

3) Humane Papillomviren sind sexuell übertragbare Krankheitserreger, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. <zurück>

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Zur Autorin

Katja SABISCH, Dr. phil., Dipl.-Soz., geb. 1975, ist seit 2008 Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Sozialwissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der historischen Wissenschaftsforschung, Wissens- und Medizinsoziologie (insb. Intersexualität), Familie* und Geschlecht sowie der soziologischen Fußball- und Fanforschung.

Kontakt:

Prof. Dr. Katja Sabisch

Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Sozialwissenschaft
Universitätsstraße 150
44801 Bochum

E-Mail: katja.sabisch@rub.de
URL: http://www.sowi.rub.de/gender/index.html.de

Zitation

Sabisch, Katja (2017). Die Denkstilanalyse nach Ludwik Fleck als Methode der qualitativen Sozialforschung – Theorie und Anwendung [34 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 18(2), Art. 5,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs170258.



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