Volume 19, No. 3, Art. 16 – September 2018



"Orte, an denen man wachsen kann" – Empirische Rekonstruktionen von Sinnzuschreibungen im Zusammenhang mit der Eröffnung zweier norwegischer Gedenkstätten

Claudia Lenz & Peter Schröder

Zusammenfassung: Der vorliegende Artikel ist das Resultat eines kleinen interdisziplinären Projekts zu Geschichtsbewusstsein, in dem wir Verfahren und Denkweisen von "Memory Research" – selbst ein interdisziplinäres Unterfangen – und Gesprächsforschung als linguistische und soziologische Disziplin kombiniert haben. Basis für die empirische Arbeit waren Interviews mit BesucherInnen der Eröffnungszeremonien für das Center for Studies of Holocaust and Religious Minorities (HL-Zentrum) in Oslo und das Falstad-Zentrum nördlich von Trondheim, Gedenkstätte eines ehemaligen SS-Strafgefangenenlagers und Menschenrechtszentrum. Der Artikel ist gleichzeitig ein programmatischer Versuch zu zeigen, dass Geschichtsbewusstsein am verlässlichsten in der Rekonstruktion von konkreter sprachlicher Interaktion zugänglich wird.

Im ersten Teil des Artikels beleuchten wir die öffentliche Erinnerungskultur im Zusammenhang mit dem Holocaust und der deutschen Besatzung in Norwegen und reflektieren über die Funktion von Erinnerungsstätten. Dieser Teil bildet den Rahmen für die folgenden mikroanalytischen Rekonstruktionen zweier Gesprächsausschnitte, in denen wir die Brechungen zwischen offizieller Erinnerungskultur und privaten Sinngebungsprozessen und Orientierungsbedürfnissen sichtbar machen.

Keywords: Erinnerungskultur; Erinnerungspolitik; Geschichtsbewusstsein; interkulturelle Kommunikation; Gesprächsanalyse; Konversationsanalyse; soziale Interaktion; Positionierung im Gespräch; Umgang mit Kooperation im Gespräch; Umgang mit Identität; Interview

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Besatzungsgeschichte und ihre Deutungen – "nationale Grunderzählung" und kritische Revisionen

3. Orte der Geschichtsvermittlung und das Ringen um Deutungshegemonie

4. Gedenkstätteneröffnungen als geschichtspolitische Ereignisse

5. Schuldeingeständnis und außenpolitisches Mandat

6. Von Falstad zum Balkan – lokale Kriegsgeschichte und ein außenpolitisches Narrativ

7. Mikroanalysen von Sinnherstellung in der konkreten Interaktion

7.1 Zum besseren Verständnis der Mikroanalysen

7.2 Die "ganzen Menschen": Analyse eines Ausschnitts aus der Anfangsphase des Interviews "Kari 1" mit dem Ehepaar Berit und Knut S. anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte Falstad

7.3 Auf der "falschen Seite": Analyse eines Ausschnitts aus dem Interview "S2a" mit Carl T. anlässlich der Eröffnung des Holocaust-Zentrums in Oslo

8. Abschließende Betrachtungen

Anhang 1: Legende zur Transkription

Anhang 2: norwegische Versionen

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin und zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Mehr als siebzig Jahre sind vergangen seit dem Ende des 2. Weltkrieges, eines Krieges, während dessen viele Länder Europas unter deutsche Besatzung gerieten, darunter von 1940-45 auch Norwegen. Diese Besatzungen wurden nach 1945 zum prägenden Bestandteil nationaler Erinnerungskulturen, ja zu zentralen Referenzpunkten nationaler Identitätsbildung (FLACKE 2004; für Norwegen: CORELL 2011; ERIKSEN 1995; LENZ 2003). Eine zentrale Bedeutung hatten dabei zunächst die Widerstandsbewegungen, die sich der deutschen Herrschaft und ihren KollaborateurInnen widersetzt hatten. Diese nationalen Narrative waren auf der einen Seite extrem identitätsstiftend und für große Teile der Bevölkerungen anschlussfähig, produzierten jedoch auf der anderen Seite über lange Zeit wirksame Ausschlüsse: Diejenigen, die sich "auf der falschen Seite" befunden hatten (z.B. die sogenannten "Deutschenmädchen", die Beziehungen mit deutschen Soldaten eingegangen waren) und teilweise noch deren Kinder waren sozial stigmatisiert und nicht Teil des im Geschichtskonsens verankerten Nationalgefühls (ERICSSON & SIMONSEN 2005). [1]

Etwa ab den späten 1970er Jahren fand ein anderer Aspekt der Naziherrschaft Eingang in die öffentliche Erinnerung und die damit verbundenen nationalen Selbstbilder: die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerungen in den besetzten Ländern, an denen, wenngleich ohne den Kontext der deutschen Besatzung nicht denkbar, auch nationale Akteurinnen und Akteure beteiligt waren (BANKE 2010; REITAN 2011). LEVY und SZNAIDER (2002) haben darauf hingewiesen, dass der Fokus auf den Holocaust nicht nur zu einer Erweiterung der nationalen Erinnerungskulturen beigetragen hat, sondern auch zu einer generellen Verschiebung des Deutungshorizontes in Richtung einer Universalisierung. Dies bedeutet, dass historische Ereignisse nicht nur als bedeutsam für das "Wir" der Nation erachtet werden, sondern in einem Kontext der gesamten Menschheit bzw. Humanität. Eine Konsequenz dieser Verschiebung sind Deutungen, in denen vergangenes Unrecht mit heutigen Menschenrechtsfragen verbunden werden (BECK, LEVY & SZNAIDER 2009). LENZ (2014) hat aufgezeigt, dass diese Verschiebung von einem ausschließlich nationalen zu einem sowohl nationale als auch universalistische Elemente enthaltenden Deutungsrahmen auch für die Erinnerungskultur an die deutsche Besatzung Norwegens zu konstatieren ist. Sie hat dies speziell an zwei eng verbundenen erinnerungskulturellen Ereignissen der letzten Jahre aufgezeigt: der Eröffnung zweier Institutionen, die der Erinnerung und dem Gedenken an die deutsche Besatzung und den Holocaust gewidmet sind, des Center for Studies of Holocaust and Religious Minorities (HL-Zentrum) in Oslo und des Falstad-Zentrums nahe Trondheim. [2]

Der vorliegende Artikel basiert auf der Wiederauswertung von empirischem Datenmaterial, das bei einer kleinen Studie anlässlich der Eröffnungen des HL-Zentrums und des Falstad-Zentrums 2006 erhoben wurde, und an der Studierende der Universität Oslo bzw. der Norwegian University for Science and Technology (NTNU) in Trondheim als InterviewerInnen mitwirkten. In eintägigen Schulungen waren die Studierenden mit dem theoretischen Hintergrund und dem methodologischen Ansatz der Studie vertraut gemacht worden. Mithilfe leitfadengesteuerter Interviews (N=24 für Falstad; N=40 für das HL-Zentrum) sollte untersucht werden, mit welchen Vorabdeutungen und Erwartungen die BesucherInnen am Eröffnungstag beiden Institutionen begegneten. Die InterviewerInnen waren somit instruiert, persönliche Zugänge und Motivationen für den Gedenkstättenbesuch zu erfragen und nicht das Vorwissen der Interviewten über die historischen Hintergründe der Gedenkstätten. Die Interviews waren in der Regel kurz, kaum eines währte länger als fünf Minuten. In einem weiteren Schritt wurden die Interviews mit Deutungen im öffentlichen Diskurs über die Eröffnungen abgeglichen.1) Dabei wurde das Material mithilfe eines theoretisch angelegten und induktiv weiter entwickelten Systems codiert und analysiert. Aus der Analyse des Materials sind mehrere Publikationen zu dem Zusammenspiel von öffentlichem Erinnerungsdiskurs und individuellen Deutungsmustern sowie auch zu generationenspezifischen Deutungsmustern hervorgegangen (LENZ 2011, 2014). [3]

Bei der Analyse wurde jedoch auch deutlich, dass eine weitere Dynamik in Rechnung zu stellen wäre: das Zusammenwirken von Interviewer/in und Interviewten, bei dem bestimmte Deutungsmuster aktiviert oder aber modifiziert werden können (beispielsweise in Form von Einlenken oder Abschwächung). Mit anderen Worten: Geschichtsbewusstsein manifestiert sich in sozialen Situationen in seinem Prozesscharakter. Diese Perspektive greifen wir im vorliegenden Artikel auf, wobei es unser Ziel ist, die interaktive Herstellung und Prozessierung von Vergangenheitsdeutungen im Zusammenspiel zwischen InterviewerInnen und Interviewten mikroanalytisch (d.h. mit Methoden der Gesprächsanalyse2)) nachzuzeichnen.3) In dieser Weise wird es möglich, einen differenzierteren Zugang dazu zu eröffnen, wie in der intersubjektiven Kommunikation individuelles, biografisch geprägtes Geschichtsbewusstsein der beteiligten Personen mit erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Deutungsmustern verhandelt wird. [4]

In einer Vielzahl von Analysesitzungen haben wir das Verfahren an einer Reihe von Interviews aus dem Interviewkorpus ausprobiert. Über den Weg des mikroanalytischen Rekonstruierens der interaktiven Prozesse gelang es uns nicht selten, intuitive Eindrücke, die wir von den Deutungen der Beteiligten hatten, zu plausibilisieren oder sogar neue Einsichten hervorzubringen. Wir meinen deshalb, dass es Sinn macht, den gewählten Zugang zum Material – bisher im Kontext von Memory Research u.E. nicht benutzt – in diesem Artikel exemplarisch an zwei Beispielen vorzuführen. Wir haben jeweils einen Ausschnitt aus einem Interview zur Eröffnung des Falstad-Zentrums und aus einem Interview zur Eröffnung des HL-Zentrums ausgewählt. Bei dieser Auswahl geht es nicht um eine Repräsentativität in Bezug auf den Gesamtkorpus des Materials, sondern um die beispielhafte Exploration des methodischen Zugangs, also der detaillierten Analyse der subjektiven Positionierungen der beteiligten SprecherInnen im Zuge der intersubjektiven Aushandlung. Unter diesem Gesichtspunkt waren folgende Kriterien maßgeblich für die Auswahl der analysierten Interviews: In beiden Fällen besteht zwischen Interviewerinnen und Interviewten ein deutlicher generationeller Abstand (die Interviewerinnen waren ca. 20, die Interviewten zwischen 60 und 75 Jahre alt). Die jeweiligen generationellen Deutungen und Positionierungen prägen deutlich die Dynamik der Interaktion, und diese Dimension ist in der Analyse mitberücksichtigt. Ein anderes Kriterium ist jedoch ein kontrastierendes: Während im Falle des Interviews "Kari 1" (siehe Abschnitt 7.2) zur Eröffnung des Falstad-Zentrums eine starke Identifikation der Interviewten mit den universalistischen Deutungsangeboten der besuchten Gedenkstätte festzustellen war, fasste der Interviewte im Falle des Interviews "S2a" zur Eröffnung des Holocaust-Zentrums in Oslo (siehe Abschnitt 7.3) die Deutungsangebote der Gedenkstätte als bedrohlich für sein Selbstverständnis auf und setzte im Interview alles daran, diese offiziellen Deutungsangebote zu hinterfragen. Mithilfe von gesprächsanalytischen Rekonstruktionen werden die teilweise sehr subtilen Weichenstellungen freigelegt, mit denen sich InterviewerInnen und Interviewte einerseits der Zustimmung und des Verstandenwerdens durch das Gegenüber vergewisserten, diese zuweilen aber auch verfehlten. [5]

Wir meinen, dass hierdurch eine methodologische Möglichkeit aufgezeigt wird, mit der neben der Dynamik von öffentlichem/kollektivem und privatem Erinnern auch die situative Verhandlung von Geschichtsbewusstsein und Erinnern analytisch ergründet werden kann. Zwei wesentliche Prämissen für dieses Unterfangen müssen eingeführt werden:

  • Gedenkstätten und Geschichtsvermittlungsinstitutionen sind – von der Gründungsphase bis hin zum tatsächlichen "Betrieb" – Arenen, in denen sich zuweilen konkurrierende, zuweilen kanonisierte Geschichtsauffassungen, geschichtspolitische Programmatiken und geschichtsdidaktische Vermittlungsintentionen in ihrem Aufeinandertreffen mit den Rezeptions- und Aneignungsweisen der BesucherInnen studieren lassen (BJERG, KÖRBER, LENZ & VON WROCHEM 2014).

  • Die Eröffnungen solcher Institutionen wiederum stellen einen Sonderfall dar, bei dem in der Regel eine kanonisierte Präsentation der "offiziellen" Programmatik an die Öffentlichkeit gelangt und dort mit den – oftmals erwartungsgeladenen – Einstellungen der BesucherInnen aufeinandertrifft. So heftig das Ringen um die Bestimmung und Ausgestaltung eines Gedenkortes auch gewesen sein mag, am Tag der Eröffnung findet in der Regel eine temporäre "Schließung" statt, bei der die beteiligten Akteurinnen und Akteure den Konsens über die Deutungen und Bedeutungen des jeweiligen Ortes und seiner Geschichte betonen. Die hier zu untersuchende Frage besteht also darin, ob die BesucherInnen des Gedenkortes sich dieses autorisierte Narrativ, das den Ort "zwischen Vergangenheit und Zukunft" platziert, zu eigen machten, es in eigene Deutungsmuster integrierten, oder ob sie, der offiziellen Lesart ungeachtet, bei ihren Lese- und Gebrauchsweisen der dort repräsentierten Vergangenheit blieben. [6]

Das Geschichtsbewusstsein von Individuen speist sich aus einer Vielzahl von Einflüssen und Quellen, Erinnerungen und medialen Repräsentationen (WELZER 2001). Diese gehen in den ständigen Prozess der deutenden, sinnbildenden Neu-Anordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft innerhalb lebensweltlicher Orientierungen und Identitätsbildungen ein – der sich wiederum im Raum sozialer Interaktionen abspielt. Zudem gehört jeder Mensch einer Vielzahl von Erinnerungsgemeinschaften an, mit ihren jeweiligen (teilweise überlappenden und konvergierenden, teilweise konkurrierenden und kollidierenden) Narrativen und Deutungsmustern. Auf diesem dynamischen Zusammenspiel von kulturellen Einflüssen, sozialer Interaktion und individueller (Um-) Deutung basieren Vorstellungen von Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen und deren gemeinsamen Werten. Diese Vielschichtigkeit von Bezugssystemen kann Individuen zuweilen vor die Herausforderung stellen, widersprüchliche Vergangenheitsdeutungen in Einklang zu bringen. Sie liefert auf der anderen Seite jedoch auch ein Repertoire von Deutungsmöglichkeiten, das, wie später zu zeigen sein wird, dazu eingesetzt werden kann, Vergangenheitsdeutungen in Kontext-abhängiger Weise zu aktualisieren. [7]

Wie aber sehen die dominierenden Deutungen der Besatzungszeit aus, und wie sind sie in die offiziellen Gedenknarrative eingeschrieben, denen wir bei der Eröffnung der hier in Zentrum stehenden Gedenkinstitutionen begegnen? Im Folgenden werden wir zunächst einen kurzen Überblick über die dominierenden Deutungen der deutschen Besatzung in der norwegischen Erinnerungskultur sowie deren Entwicklung geben. Die zwei hier im Zentrum der Analyse stehenden Institutionen, das Falstad-Zentrum und das HL-Zentrum, werden in diesen erinnerungskulturellen Kontext eingebettet, und drei Reden des norwegischen Außenministers Jonas GAHR STØRE anlässlich der beiden Eröffnungen in Oslo und Falstad werden als Beispiele geschichtspolitischer Aktualisierung dieser Narrative und Deutungen analysiert. Zusammengenommen bieten diese Abschnitte dann die Grundlage für die mikroanalytische Rekonstruktion der beiden Ausschnitte aus Interviews mit BesucherInnen der Eröffnungen der beiden Zentren. [8]

2. Die Besatzungsgeschichte und ihre Deutungen – "nationale Grunderzählung" und kritische Revisionen

Die Spezifik der deutschen Besatzung Norwegens liegt unter anderem darin, dass König und Regierung zu Beginn der Besatzung aus Norwegen fliehen und ins englische Exil gelangen konnten (vgl. LENZ 2003). Eine Besatzungsherrschaft unter Einbindung der RepräsentantInnen der bestehenden politischen Ordnung, wie sie in Dänemark installiert wurde, war damit unmöglich geworden. Die Besatzungsmacht richtete daraufhin ein Reichskommissariat unter der Führung des HITLER direkt unterstellten Josef TERBOVEN ein. Ab September 1940 war die Partei der norwegischen NationalsozialistInnen, Nasjonal Samling, die einzige zugelassene Partei. Ihr Führer Vidkun QUISLING wurde 1942 zum Regierungschef ernannt. Die damit einhergehende nationalsozialistische Gleichschaltung der gesellschaftlichen Institutionen wurde allerdings von großen Teilen der Bevölkerung abgelehnt und rief unterschiedlichste Formen des zivilen Widerstandes hervor. Auch wurde mit englischer Hilfe eine militärische Widerstandsbewegung (Milorg) aufgebaut, die jedoch nie einen Partisanenkampf gegen die Deutschen führte. Trotz der Aufrufe vonseiten der Widerstandsbewegung, die Besatzungsmacht und ihre norwegischen Helferinnen und Helfer zu boykottieren, bestanden zwischen Widerstand und Kollaboration vielfältige Formen der Anpassung und des Zusammenlebens mit den zeitweilig bis zu 400.000 im Land stationierten Besatzungssoldaten. [9]

Wie bereits gesagt, setzte sich in Norwegen nach 1945 eine heroisierende, auf den Widerstand gegen die deutschen Besatzer und die Befreiung fokussierte Sicht der Besatzungsgeschichte durch, die mit der Vorstellung der Besatzungszeit als nationaler Bewährungsprobe einherging. Die Integrationsfähigkeit der Erzählung von der "Nation im Widerstand" umfasste jedoch nicht diejenigen, die als VerräterInnen gebrandmarkt wurden. Wer sich in den Jahren 1940-45 "unnorwegisch" verhalten hatte, konnte auch nach 1945 kein vollwertiges Mitglied der norwegischen (Erinnerungs-) Gemeinschaft sein. Dieses Verdikt traf nicht nur die politisch überzeugten Kollaborateurinnen und Kollaborateure, sondern z.B. auch die Frauen, die Liebesverhältnisse mit deutschen Soldaten eingegangen waren. Der Zeit der deutschen Okkupation kam nach 1945 eine Identität stiftende Bedeutung zu. Anne ERIKSEN (1995, S.63) geht so weit zu sagen, dass die kollektive Erinnerung an die Besatzungszeit einen "Schöpfungsmythos des modernen Norwegens" darstelle. [10]

Die Geschichtsschreibung und mit ihr die öffentliche Erinnerungskultur geriet in Bewegung, als eine jüngere Generation von Historikerinnen und Historikern Ende der 1960er Jahre begann, diese "Basiserzählung" kritisch zu hinterfragen. Formen und Ausmaß der Kollaboration wurden untersucht, das heroische und maskuline Widerstandsverständnis wurde einer Revision unterzogen, vor allem aber wurden verschiedene Gruppen in den Blick genommen, die in der nationalen Erinnerung bis dahin keinen Platz hatten – die ermordeten norwegischen Jüdinnen und Juden, die sogenannten "Deutschenkinder" und ihre Mütter oder auch die Kinder der KollaborateurInnen, die nach 1945 unter sozialer Ausgrenzung gelitten hatten.4) Zwar wurde auf diese Weise die Geschichtsschreibung facettenreicher; man kann aber behaupten, dass bis heute die grundlegende Unterscheidung zwischen "guten NorwegerInnen" und "VerräterInnen" in vielen Debatten über die Kriegsgeschichte weiter mitschwingt. [11]

Die Ermordung von zirka 40 Prozent der 1942 in Norwegen lebenden Jüdinnen und Juden und die Rolle norwegischer Akteurinnen und Akteure darin war bis Ende der 1990er Jahre weitestgehend eine Leerstelle der Geschichtsschreibung – in jedem Fall jedoch ein blinder Fleck des öffentlichen Bewusstseins und der Geschichtskultur (LENZ 2008). [12]

3. Orte der Geschichtsvermittlung und das Ringen um Deutungshegemonie

Nun sollen die beiden im Zentrum der Untersuchung stehenden Institutionen vorgestellt werden. Das Center for Studies of Holocaust and Religious Minorities in Oslo ist eine Forschungs- und Vermittlungsinstitution, deren Mandat zum einen in der Erforschung und Erinnerung an die Geschichte der Verfolgung der norwegischen Jüdinnen und Juden während der deutschen Besatzung Norwegens besteht, sich jedoch, wie der Name bereits andeutet, nicht auf diesen thematischen Fokus beschränkt. In der Internet-Präsentation der Institution heißt es über die Ambitionen, welche die Gründung des HL-Zentrums begleiteten:

"Das HL-Zentrum sollte ein Forschungs-, Dokumentations- und Vermittlungs-Zentrum sein, das seine Aktivitäten auf die Forschung über den Holocaust, andere Völkermorde, Rassismus, Antisemitismus und massive Menschenrechtsverletzungen auf der einen Seite aufbauen sollte, und jene über die Lebensbedingungen von Minderheiten in modernen Gesellschaften auf der anderen."5) [13]

Das Zentrum selbst ist ein Ergebnis geschichtspolitischer Prozesse und Auseinandersetzungen. Es wurde im Jahre 2001 aufgrund des Ergebnisses einer parlamentarischen Untersuchungskommission zum Verbleib des während der Besatzungszeit vom norwegischen Staat konfiszierten jüdischen Eigentums gegründet. Diese Kommission hatte 1996/97 gearbeitet und für erhebliche öffentliche Diskussion gesorgt. Es ist somit deutlich, dass das Zentrum bereits bei seiner Gründung einen durchaus politisierten Hintergrund hatte. Indem die Frage der norwegischen (Mit-) Täterschaft an der Verfolgung und Ermordung eines Teils der jüdischen Bevölkerung thematisiert wird, stellt die Errichtung des HL-Zentrums weiterhin eine nicht unwesentliche "Korrektur" tradierter Narrative über Krieg und Besatzung in Norwegen dar. [14]

Die zweite hier behandelte Institution ist das "Falstad-Zentrum", das etwa 80 Kilometer nördlich von Trondheim gelegen ist. Bei dieser Einrichtung handelt es sich um die Gedenkstätte des zweitgrößten, von der deutschen Besatzungsmacht auf norwegischem Boden errichteten SS-Gefangenenlagers. Hier wurden norwegische politische Häftlinge und zivile Geiseln, weibliche und männliche, für einen kurzen Zeitraum norwegische Jüdinnen und Juden sowie jugoslawische und sowjetische Kriegsgefangene festgehalten (letztere zumeist vor ihrer Exekution). Ein zirka 1 Kilometer vom Gebäude entferntes Waldstück, in dem Massenhinrichtungen, vor allem an russischen und jugoslawischen Kriegsgefangenen, durchgeführt wurden, ist Teil des Gedenkortes.6) [15]

Das Mandat des Falstad-Zentrums umfasst die Aufgabenfelder sowohl einer Gedenkstätte als auch eines Menschenrechtszentrums. Hierin liegt die gegenwartsbezogene Ausrichtung der Institution. Die Errichtung des Falstad-Zentrums war von teilweise aggressiv aufgeladenen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen begleitet, die sich vor allem darum drehten, ob auch die Vorgeschichte des Konzentrationslagers in die Dokumentation integriert werden sollte, in der das Gebäude als Heim für "schwer erziehbare" Jugendliche verwendet wurde, die körperlich und psychisch massiv misshandelt wurden (siehe hierzu auch SEM 2009). Hier setzte sich am Ende die stark von den Überlebenden des Konzentrationslagers forcierte Beschränkung auf die Dokumentation dieses historischen Ausschnittes durch. Zum Zeitpunkt der Eröffnung beider Institutionen lagen diese Debatten jedoch bereits eine Weile zurück. Dennoch ist es interessant zu beleuchten, ob und in welcher Weise die Debatten in den Reden der offiziellen VertreterInnen am Tag der Eröffnung noch nachwirkten. [16]

4. Gedenkstätteneröffnungen als geschichtspolitische Ereignisse

Die Eröffnung beider Institutionen hatte das Gepräge offizieller Geschichtspolitik innerhalb eines lokalen, nationalen und internationalen Bezugsrahmens. In Oslo waren am 24.9.2006 Kronprinzessin METTE-MARIT und Königin SONJA zugegen, wobei Letztere das HL-Zentrum symbolisch eröffnete, und Außenminister Jonas GAHR STØRE hielt als Vertreter der norwegischen Regierung eine Rede. Zudem nahm der stellvertretende Bundestagspräsident Wolfgang THIERSE als offizieller Repräsentant Deutschlands an der Veranstaltung teil. Daneben waren VertreterInnen unterschiedlicher nationaler, ethnischer, religiöser und sexueller Minderheiten geladen, Grußworte zu sprechen. Wenn ein muslimischer Imam und die Sprecherin des norwegischen Lesben- und Schwulenverbandes gleichermaßen die neu eröffnete Institution als Anwältin ihrer identitäts- und geschichtspolitischen Anliegen begrüßten, so war dies selbstverständlich nur um den Preis extrem pauschaler und zustimmungsfähiger Gedenk- und Erinnerungsformeln zu haben. Wie diese diskursiven Versatzstücke aussahen, hinter denen bestehende Spannungen und potenzielle Interessenkonflikte zurücktreten konnten, wird später anhand der Reden des Außenministers GAHR STØRE veranschaulicht.7) [17]

Die Eröffnungszeremonie in Falstad am 7. Oktober 2006 war nicht in der gleichen Weise mit hochkarätigen nationalen und internationalen RepräsentantInnen besetzt wie jene in Oslo, sondern in weitaus stärkerem Maße von lokalen AkteurInnen bestimmt. Allerdings war auch bei dieser Eröffnung der Außenminister zugegen und hielt zwei Reden8), auf die wir ebenfalls zurückkommen werden. [18]

Das Vorliegen gleich dreier Reden des Außenministers Jonas GAHR STØRE versetzt uns in die günstige Lage, untersuchen zu können, welche Elemente in den Reden wiederkehren, wo die Reden aneinander anknüpfen und wo unterschiedliche geschichtspolitische Aspekte und Akzente auftauchen. Die Reden des Außenministers sollen hier nicht mit einem geschichtspolitischen Kanon gleichgesetzt werden. Ein Blick auf die Reden von Minderheiten-RepräsentantInnen im Falle des HL-Zentrums oder von LokalpolitikerInnen und AktivistInnen von Gedenkinitiativen im Falle des Falstad-Zentrums würde sicher Nuancen ans Licht bringen, ebenso ein Blick in die Medienberichterstattung über beide Ereignisse. Allerdings lassen sich an den Reden GAHR STØREs besonders gut die bereits angedeuteten Verschiebungen von einem rein nationalen zu einem universalistischen Deutungsrahmen untersuchen und wie dieser zum einen auf die jeweilige Gedenkstätte, zum anderen auf ein außenpolitisches Programm bezogen wird. Insofern schienen uns diese Reden besonders geeignet als Folie, vor der die späteren Gesprächsanalysen vorgenommen werden. [19]

5. Schuldeingeständnis und außenpolitisches Mandat

Die Eröffnung des Holocaust-Zentrums stellte den Außenminister vor die Herausforderung, den negativen Aspekt norwegischer (Mit-) Täterschaft in einen geschichtspolitischen Diskurs zu integrieren, der eine positive nationale Bezugnahme ermöglichen könnte. In seiner auch an die internationalen Gäste der Eröffnung gerichteten und auf Englisch gehaltenen Rede gelang dies GAHR STØRE durch die Verknüpfung des Eingeständnisses eines national aufzuarbeitenden "dunklen Kapitels" der Geschichte auf der einen Seite mit der Perspektive der moralischen Legitimierung aktueller norwegischer Außenpolitik auf der anderen. Zunächst galt es also, eine Sprache für die "eigene" norwegische Beteiligung am Holocaust zu finden:

"The Holocaust was not a natural disaster. It was an atrocity created by people. And its horrors were perpetrated in our country as well, by ordinary people with ordinary lives.

This was under German occupation. But the people who deported the Jews, who drew up the lists, who kept them in line, and who drove them to the quayside – they were all Norwegians.

And these were not isolated actions. They arose from motives found at a deeper level – in the people themselves, in the culture, in history, in the spirit of the time" (GAHR STØRE 2006a, o.P.). [20]

Mit dieser Ausdruckswahl "ordinary people" wird der Holocaust als ein Phänomen anerkannt, das mit "normalen NorwegerInnen" zu tun hatte, nicht etwa nur mit ideologisch überzeugten KollaborateurInnen oder gar monströsen PsychopathInnen. Zugleich wird jedoch auch Distanz zu dem Phänomen geschaffen, indem auf seine Zeitgebundenheit verwiesen wird. Die Beteiligung von Norwegerinnen und Norwegern an der Judenverfolgung wird mit dem damaligen "Zeitgeist" in Verbindung gebracht – womit eine Ausgangslage geschaffen ist, von heute aus mit einem distanzierten Blick darauf zu schauen. Die implizite Aussage ist, dass der heutige Zeitgeist ein anderer ist und dass dieser Zeitgeist genau in der Anerkennung vergangener Schuld sowie der Gegenwartsverantwortung zum Ausdruck kommt, die daraus abgeleitet wird. Diese gegenwärtige Verantwortung jedoch richtet sich in GAHR STØREs Rede weniger auf die eigene Gesellschaft als auf globale Probleme – zu deren Lösung Norwegen, auch kraft seiner aufgearbeiteten Vergangenheit, beitragen könne. [21]

Der außenpolitische Gegenwartsbezug kommt folgendermaßen zum Ausdruck:

"The currents that led to the Holocaust have not gone away. They raise their head and find expression; they rise up in new forms and in new places. New place names have been added to a dark list: Srebrenica, Rwanda, Darfur.

A head of state has publicly denied that the Holocaust took place. Minorities are openly being discriminated against and persecuted – sometimes to death. Behind the scenes, prejudices are growing that will find expression in the public arena.

It is in these grey zones that the fight must be fought – against anti-semitism, against all ideologies that exclude groups of people and spread hatred" (GAHR STØRE, 2006a, o.P.). [22]

Hier kommt das norwegische außenpolitische Selbstbild als "moralische Weltmacht" in aller Deutlichkeit zum Tragen. TäterInnenaspekte werden in das nationale Geschichts- und Selbstbild integriert, um eben daraus die moralische Autorität für die bestehende Ausrichtung nationaler Außenpolitik abzuleiten. In ähnlicher Weise, wie es Elazar BARKAN (2000) in seinem Buch "Guilt of Nations" beschreibt, ist die Logik von GAHR STØREs Rede von der Idee geprägt, dass Anerkennung von Schuld (sowie nicht zuletzt die materielle Konsequenz der Entschädigungszahlungen, deren manifestes Symbol das HL-Zentrum ist) eine Art von Eintrittskarte in die Gemeinschaft der moralisch integren Nationen-Subjekte darstellt. [23]

Schauen wir uns nun an, wie der Außenminister Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einige Wochen später in Falstad innerhalb einer geschichtspolitischen Programmatik verknüpfte. [24]

6. Von Falstad zum Balkan – lokale Kriegsgeschichte und ein außenpolitisches Narrativ

Auch bei der Eröffnung der Gedenkstätte in Falstad stellte Jonas GAHR STØRE eine Verknüpfung der erinnerten Vergangenheit und gegenwärtiger außenpolitischer Positionen her. Allerdings war der Referenzrahmen in Falstad nicht in erster Linie der Holocaust, sondern es war das Schicksal der – vor allem jugoslawischen – Kriegsgefangenen. Die folgende Passage verdeutlicht die Verknüpfung von lokaler und privater Kriegsgeschichte und nationaler Außenpolitik:

"Die jugoslawischen Kriegsgefangenen durchlebten in Norwegen großes Leid. Aber viele erhielten auch Hilfe von norwegischen Bürgern – nicht zuletzt hier aus der Nähe, von Nachbarn – und es entwickelte sich Freundschaft zwischen den Kriegsgefangenen und den Norwegern, die ihnen halfen.

Dies war der Ausgangspunkt für norwegisch-jugoslawische Freundschaftsbeziehungen und Städtepartnerschaften. Viele dieser Freundschaftsbeziehungen bestehen weiterhin. [...]

Die engen Bande haben dazu beigetragen, dass eine enge Freundschaft zwischen Norwegen und Jugoslawien entstand.

Dies wird mit den Ländern, die jetzt den West-Balkan ausmachen, weitergeführt. Die norwegische Regierung legt großen Wert auf das gute Verhältnis zu diesen Ländern – und die Geschichte gibt dem aktiven humanitären Engagement, das wir weiterhin in dieser Region haben, eine ganz spezifische Dimension" (GAHR STØRE 2006b, o.P.). [25]

Hier verbindet GAHR STØRE in gekonnter Weise Lokalgeschichte und "große Politik" und konstruiert eine Kontinuitätslinie über historische Brüche hinweg: Wo Bürgerkrieg und Systemwechsel stattgefunden haben, dominiert in dieser Sichtweise die Beständigkeit eines guten, von norwegischer Solidarität und Unterstützung geprägten norwegisch-jugoslawischen Verhältnisses. Aber in ähnlicher Weise wie in Oslo wird der politische Gegenwartsbezug auch hier an die Anerkennung negativer Aspekte der Vergangenheit geknüpft:

"Grausamkeit und Rohheit folgen keinem Muster von Nationalität, Ethnizität, Religion, Geschlecht oder Alter. Die sogenannten Serbenlager in Nord-Norwegen erinnern uns daran. Die Gefangenenwärter waren Norweger. Menschen wurden erniedrigt und gefoltert. Die Todesrate gehört zu den höchsten in allen Gefangenenlagern in Norwegen.

Und genau daran müssen wir uns gegenseitig erinnern. Es geschah während der deutschen Nazi-Besatzung. Aber Norweger waren nicht passiv. Norweger waren eifrig und gut darin, norwegische Juden während des Krieges aufzuspüren und fortzuschicken. Und unter den Angestellten hier in Falstad gab es Norweger. [...]

Die internationalen und nationalen Standards und Garantien der Rechtssicherheit sind über lange Zeit genau dazu entwickelt worden, um gegen willkürliche Behandlung zu beschützen, und um das menschliche Leben, die Gesundheit und die Würde zu beschützen, unabhängig davon, welcher abscheulicher Verbrechen eine Person verdächtigt werden mag.

Darum arbeitet die norwegische Regierung auch daran, dass diejenigen, die Untaten begangen haben, zur Verantwortung gezogen werden. Viele von denen, die hinter den Verbrechen in Srebrenica und Ruanda standen, stehen unter Anklage. Viele sitzen jetzt im Gefängnis und verbüßen ihre Strafe.

Hierzu hat Norwegen zusammen mit vielen anderen Ländern beigetragen" (a.a.O.). [26]

GAHR STØRE argumentiert hier ähnlich wie in seiner Rede zur Eröffnung des HL-Zentrums in Oslo: Norwegens Engagement in Sachen internationaler Strafverfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhält seine Glaubwürdigkeit und moralische Legitimität durch das Eingeständnis und die Aufarbeitung eigener historischer Täteranteile. Damit wird der lokale Gedenkort zum Verankerungspunkt eines nationalen Selbstbildes als "moralische Supermacht". [27]

GAHR STØRE scheut sich nicht, die Konflikte rund um die Gedenkstätten-Gestaltung in Falstad zu thematisieren:

"Viele verbinden starke Symbole mit Falstad. Auch diejenigen, die ihren Aufenthalt hier verbrachten, als es eine Anstalt für 'schwer erziehbare Jungen' war, wie es hieß. Darum sind Repräsentanten der 'Stiftelsen for taperne' [Betroffenenorganisation] heute hier.

Ich erinnere mich daran, dass ich Falstad besuchte, als es zur Hälfte renoviert war. Ich konnte Zeichnungen von Jungs an den Wänden einiger Räume erkennen. Auch die haben zu uns gesprochen" (a.a.O.). [28]

Indirekt plädiert GAHR STØRE hier dafür, sich den unterschiedlichen Erinnerungsschichten und den damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen zu stellen, was innerhalb des universalistischen Deutungsrahmens konsequent ist. [29]

Abschließend lässt sich festhalten, dass der Außenminister in seinen Eröffnungsreden ein weites Spektrum gegenwärtiger geschichtspolitischer Rhetorik abdeckte, indem er lokale, nationale und internationale Bezugsrahmen der Erinnerung in Verbindung brachte. Überdies benannte er, statt reiner Betonung positiver, heroischer Aspekte der Vergangenheit, auch ehemals "blinde Flecken" und integrierte diese in identifikationsfähige Deutungen. [30]

Nachdem wir mithilfe von GAHR STØREs Eröffnungsreden den offiziellen erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Kontext für die beiden Gedenkstätten, das Falstad-Zentrum und das HL-Zentrum, erläutert haben, wollen wir nun im folgenden Abschnitt 7 an zwei Interviewausschnitten vorführen, wie Geschichtsbewusstsein im Brechungsfeld zwischen den Deutungsmustern und Topoi dieser offiziellen Erinnerungskultur auf der einen und den persönlichen Geschichtsbildern und Orientierungsbedürfnissen auf der anderen Seite interaktiv hergestellt und prozessiert wird, und wie die Interviewten in einer Art Aneignungsprozess interaktiv mit diesen Brechungen umgehen. [31]

7. Mikroanalysen von Sinnherstellung in der konkreten Interaktion

7.1 Zum besseren Verständnis der Mikroanalysen

Zum besseren Verständnis der in den Abschnitten 7.2 und 7.3 vorgestellten Mikroanalysen schicken wir einleitend eine knappe Erläuterung des für diesen Artikel gewählten Verschriftlichungsverfahrens voraus und sagen etwas zur für dieses kleine Projekt gewählten Form der Gesprächsanalyse. [32]

Neben der Herstellung von Ton- und auch Videokonserven ist das Anfertigen von Verschriftlichungen mündlicher Situationen eine unverzichtbare Voraussetzung für deren gesprächsanalytische Rekonstruktion. Erst die beliebig häufige Reproduzierbarkeit des interaktiven Geschehens durch Ton- und gegebenenfalls auch Videoaufnahme und vor allem die zeitlich beliebig ausdehnbare quasi mikroskopische Draufsicht auf Details des Interaktionsverlaufs mithilfe der Transkription machen es möglich, die von den Interagierenden hergestellte Ordnung im oft eher chaotisch und ungeordnet anmutenden kommunikativen Geschehen zu entdecken. Die von uns für die beiden zu analysierenden Interviewausschnitte benutzten Konventionen für die Verschriftlichung lehnen sich an die im Institut für deutsche Sprache Mannheim in einem großen gesprächsanalytischen Projekt benutzten Transkriptionskonventionen an.9) Wir haben diese Konventionen hier nicht systematisch angewendet, also keine konsequente gesprächsanalytische Transkription angefertigt, sondern z.B. nur die intonatorischen Ereignisse markiert, die uns in besonderer Weise bedeutungsrelevant erschienen und für unsere Analysen eine Rolle spielten. [33]

Wie in einer Musikpartitur hat jeder Sprecher/jede Sprecherin eine eigene Zeile; außerdem wurden K-Zeilen (Kommentarzeilen) eingefügt mit Informationen zur besonderen Tonqualität des Gesprochenen; Doppelkreuze markieren den Geltungsbereich dieser Kommentare oder Informationen. Dazu wurden durch eine Reihe von Zeichen (verschiedene Pfeile, Bindestrich, Stern, Doppelpunkt, Apostroph, Gleichheitszeichen usw.) solche intonatorischen Ereignisse markiert, die eine besondere Relevanz für die Vermittlung von Sinn haben. Artikulationen, die nicht im Lexikon stehen ("hm", "eh"), wurden mit Mitteln des Alphabets wiedergegeben; siehe dazu die "Legende zur Transkription" in Anhang 1. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass SprecherInnen ihre mündlichen Produktionen mit intonatorischen Mitteln ordnen und gliedern und natürlich mithilfe von grammatischen Konstruktionen, nicht aber durch Interpunktion, Absätze, Überschriften usw. wie in der geschriebenen Sprache. LeserInnen dieses Beitrags sollen dadurch auch ständig daran erinnert werden, dass es sich hier um spontan hergestellte und flüchtige Mündlichkeit handelt, nicht um wohlüberlegte schriftliche Produktion. Würden wir uns in unserer Wiedergabe an schriftsprachliche Konventionen anpassen, könnte das leicht vergessen werden. Außerdem könnte bei den LeserInnen dann leicht der Eindruck "schlechter" Sprache entstehen, weil unbewusst schriftsprachliche Bewertungsmaßstäbe zugrunde gelegt werden, ein Eindruck, der eine unvoreingenommene Rezeption der beiden Gesprächsausschnitte zumindest erschweren kann. [34]

Für die Mikroanalysen benutzten wir eine in der Linguistik entwickelte und verwendete Variante von Konversationsanalyse, die auf GARFINKELs "Studies in Ethnomethodology" (1967) und die amerikanische Soziologie zurückgeht: "Der Terminus Ethnomethodologie bezeichnet die Untersuchung der 'Methoden', mit deren Hilfe die Mitglieder einer Gesellschaft (darauf verweist das Präfix ethno-) ihre sozialen Aktivitäten geordnet und für andere erkennbar ausführen" (GÜLICH & MONDADA 2008, S.13). Wir sprechen hier von (linguistischer) Gesprächsforschung10) oder auch Gesprächsanalyse. Die von uns benutzte Annäherungsweise orientiert sich dabei vor allem an KALLMEYER und SCHÜTZE (1976, 1977) und an BERGMANN (1981) und wurde in den zwei großen interaktionsanalytischen Projekten des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, "Beratungsgespräche"11) und "Schlichtung", benutzt12) (von ca. 1978 bis 1993, vgl. NOTHDURFT 1995; NOTHDURFT, REITEMEIER & SCHRÖDER 1994; SCHRÖDER 1997). [35]

Zur Rezeption der Konversationsanalyse in der Linguistik schreiben GÜLICH und MONDADA (2008, S.25):

"Aus unserer Sicht ist festzuhalten, dass die linguistische Rezeption in der ethnomethodologischen KA [Konversationsanalyse] zu einer stärkeren Berücksichtigung sprachlicher Phänomene geführt hat. Mit anderen Worten: Es ist eine 'linguistischere' KA entstanden, die durchaus auch ein systematisches Interesse an Sprache und an Grammatik entwickelt." [36]

Ergänzen würden wir gerne: ... "und an Alltagsrhetorik". Wir möchten aber vor allem unterstreichen, dass die von den Interagierenden benutzten sprachlichen Ausdrucksmittel einschließlich der rhetorischen Figuren in unseren Analysen niemals Erkenntnisziel waren; vielmehr benutzen wir verfügbares sprachliches, rhetorisches und grammatisches Wissen, von einer interaktionsorientierten Vorstellung von Grammatik ausgehend,13) um die Verfahren, derer sich die Interagierenden zur Bedeutungsherstellung bedienen, adäquater beschreiben und benennen zu können. In allgemeinster Weise wird in der Gesprächsanalyse die interaktive Herstellung sozialer Bedeutung in konkreten Interaktionssituationen rekonstruiert. In diesen Rekonstruktionen ist man primär prozessorientiert, d.h., folgt zunächst dem Prozess der Bedeutungsherstellung in der Zeit, ehe man dann auch nach übergeordneten Strukturen und systematischen Zusammenhängen in der Interaktion sucht. In der Gesprächsanalyse vollzieht man die Herstellung von Bedeutung aus der Perspektive der Beteiligten nach, d.h., beschreibt das Verständnis, das die Interaktionsbeteiligten selbst vom interaktiven Geschehen entwickeln (von den eigenen und den Beiträgen der anderen Beteiligten und von der gemeinsam hergestellten interaktiven Wirklichkeit) sowie die Verfahren, mit denen diese sich ihr Verständnis wechselseitig verdeutlichen. In einem Projekt, in dem wir zeigen wollen, wie Geschichtsbewusstsein im konkreten sozialen Kontext faktisch aktualisiert und prozessiert wird, erschien uns eine solche alltagsweltsoziologische bzw. ethnomethodologische Annäherungsweise besonders naheliegend. Dabei wollen wir in unserer Rekonstruktion von zwei Gesprächsausschnitten mehr auf die inhaltliche Seite der hergestellten sozialen Bedeutungen konzentrieren als auf die Verfahren ihrer Herstellung und Verdeutlichung, also die "technische" Seite. Seit KALLMEYER und SCHÜTZE (1976, 1977) und z.B. BERGMANN (1981), auf die wir uns oben berufen haben, ist eine Fülle von Literatur zur Konversations- bzw. Gesprächsanalyse erschienen. Verweisen wollen wir hier (für eine Einführung in eine linguistisch orientierte Gesprächsforschung) auf DEPPERMANN (2008 [1999]), GÜLICH und MONDADA (2008) und vor allem auf CLIFT (2016), eine umfangreiche, detaillierte und empirisch reiche Einführung in die Konversationsanalyse aus linguistischer Sicht. Auch wenn in der neueren Literatur immer wieder zusätzliche Aspekte der Konversationsanalyse problematisiert und ausdifferenziert werden (wie z.B. das Konzept des Kontextes und der Kontextualisierung14) oder etwa Fragen von epistemic stance, epistemic status, affiliation und alignment15)), gelten die Grundprinzipien unverändert. Diese zentralen methodologischen Prinzipien fassen wir noch einmal zusammen; dazu zitieren wir Reinhard FIEHLER (1996, o.P.):

"Überall Ordnung

Die Analyse geht – bis zum Beweis des Gegenteils – davon aus, dass Gespräche und Interaktionen geordnete, d.h. auf der Grundlage von Regeln produzierte Aktivitäten der Beteiligten sind. Es wird unterstellt, dass – auch in scheinbar 'chaotischen' Sequenzen – Ordnung besteht, wobei die zugrundeliegenden ordnungsstiftenden Regeln zu explizieren sind. Der Genauigkeit und Beharrlichkeit, die dieses Prinzip erzeugt, verdankt die Gesprächsanalyse viele ihrer Ergebnisse, z.B. die Regeln für Reparaturen, für Lachen in Gesprächen etc. Viele Phänomene, die dem Vorverständnis nach spontan und ungeregelt sind, haben sich so bei genauerer Betrachtung als geregelt erwiesen.

Perspektive der Beteiligten

Wichtiger Bestandteil der Analyse ist die Rekonstruktion der Perspektive der Beteiligten. Dies heißt u.a., dass der Analysand bei der Interpretation nichts heranziehen darf, was im Gespräch zwar geschehen wird, aber für die Beteiligten zum betreffenden Stand der Interaktion noch in der Zukunft liegt. Hieraus ergibt sich dann auch das folgende Prinzip:

Sequentielle Analyse

Die Analyse hat immer einen sequentiellen Teil, in dem die Gesprächsbeiträge strikt in der Reihenfolge ihres Auftretens untersucht werden ('turn by turn'-Analyse). Erst wenn ein Gespräch so durchgearbeitet ist, kann sich eine systematische Analyse unter speziellen Fragestellungen anschließen.

Alternativen explizieren statt festlegen

Die Analyse sucht zunächst nach möglichst vielen alternativen Interpretationen eines Gesprächsbeitrags bzw. eines Phänomens und entfaltet so das Spektrum der Verstehensmöglichkeiten. Vorschnellen Festlegungen auf eine Interpretation wird durch diese systematische Suche entgegengewirkt. Ein Spezialfall dieses Prinzips ist, nach jedem Gesprächsbeitrag das Spektrum der alternativen Fortsetzungsmöglichkeiten zu bestimmen. Auf diesem Hintergrund erschließt sich die Spezifik und Charakteristik der faktisch gewählten Fortsetzung des Gesprächs besonders deutlich.

Entwicklung von Fragestellungen und Analysekategorien aus dem empirischen Material

Die Gesprächsanalyse ist bestrebt, sowohl die Untersuchungsfragestellungen wie die Analysekategorien nicht 'von außen' an Gespräche heranzutragen, sondern aus der Beschäftigung mit ihnen zu entwickeln. Dies ist Teil des Bemühens, das Gesprächsmaterial 'für sich' sprechen zu lassen." [37]

7.2 Die "ganzen Menschen": Analyse eines Ausschnitts aus der Anfangsphase des Interviews "Kari 1" mit dem Ehepaar Berit und Knut S. anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte Falstad16)

Wie bereits angedeutet, haben wir als erstes Beispiel ein in der Gedenkstätte Falstad durchgeführtes Interview ausgewählt, das sich durch die starke Identifikation mit und Einschreibung in den universalistischen Deutungsrahmen durch die Interviewten auszeichnet. Hier nun der Ausschnitt, dessen exemplarische Analyse wir vorstellen wollen. Es geht darin um die "persönliche Motivation" der beiden Interviewten, einem älteren Ehepaar Berit und Knut S., für ihre Anwesenheit bei der Falstad-Eröffnung. Die deutlich dominierende Berit S. versucht, sich und ihren Mann Knut im Kontext offizieller (harmonisierter) Erinnerungskultur (wie sie etwa in der zuvor analysierten Rede von GAHR STØRE für den Anlass aktualisiert wurde) und der eigenen Biografie zu positionieren:

1

Kari:

können wir am anfang ein bisschen über ihre persönlichen gründe

 

Berit S.:

 

2

Kari:

für den besuch hier heute reden….also dass sie mir erzählen

 

Berit S.:

…………………………....…...……ja

3

Kari:

was ihr persönlicher grund ist * heute hierher nach Falstad zu

 

Berit S.:

 

4

Kari:

Kommen *

 

Berit S.:

……………#ja- # * das sind eigentlich 'viele gründe * das sind

 

K:

……………#ZÖGERND/ETWAS GEQUÄLT#

5

Kari:

 

 

Berit S.:

sowohl persönliche als auch− * eh:: was soll ich sagen * das ist

6

Kari:

 

 

Berit S.:

ja=eh: etwas was wir am eigenen leib gespürt haben=eh: der krieg *

7

Kari:

 

 

Berit S.:

eh:− da denkt man ja dran was passiert ist mit einzelnen * ich hab

8

Kari:

 

 

Berit S.:

selbst n onkel gehabt hier * eh: aber ich glaub auch dass es wichtig

9

Kari:

 

 

Berit S.:

ist dass wir * darüber nachdenken was dieser ort bedeutet hat=eh

10

Kari:

hm−

 

Berit S.:

….. eh:− das ist wichtig dass diese gedanken weiterleben für was wir/ *

11

Kari:

……………………………………………………………………………hm− *

 

Berit S.:

eh:− #wie wir sein solln:#...............#'sein sollen als menschen#

 

K:

…….#LANGSAMER/ZÖGERND# #SCHNELLER/MEHR TONDRUCK#

12

Kari:

 

 

Berit S.:

denn heute gibt=s so viel gleichgültigkeit * zum glück gibt=s so viele

13

Kari:

 

 

Berit S.:

feine menschen * das sieht man ja nicht zuletzt 'hier* #eh: aber eh:

 

K:

………………………………………………………………..#LANGSAMER#

14

Kari:

 

 

Berit S.:

vieles ist−# eh:− das ist so oberflächlich↑* und so wenig engagement−*

15

Kari:

 

 

Berit S.:

das sehn/ wir haben ein gutes beispiel in Trondheim haben wir also

16

Kari:

 

 

Berit S.:

einen fantastischen (…) platz * in Trondheim neben dem Royal

17

Kari:

 

 

Berit S.:

Garden gleich an der Blomsterbro * un:d da steht eine statue *

18

Kari:

 

 

Berit S.:

für die gefallnen * oder die ihr leben auf see verloren haben *

19

Kari:

 

 

Berit S.:

und dafür fehlt jeder respekt in der stadt eh:− und in der

20

Kari:

 

 

Berit S.:

stadtverwaltung * ich meine (...) dass die verantwortlichen und

21

Kari:

 

 

Berit S.:

die menschen in der stadt * etwas mehr re'spekt haben sollten eh:−

22

Kari:

 

 

Berit S.:

für diesen ort * stattdessen ist das also ein=eh: reiner marktplatz

23

Kari:

 

 

Berit S.:

geworden * man kann nicht alles haben * und dieser

24

Kari:

 

 

Berit S.:

ort hier 'hilft uns dabei * dass wir=eh ein wenig wachsen können

25

Kari:

 

 

Berit S.:

und verstehen * was solche stätten=eh: wir müssen ein paar

26

Kari:

 

 

Berit S.:

gedanken im kopf haben * die uns weiter bringen also * sonst bleibt

27

Kari:

 

 

Berit S.:

ein solcher ort ja quasi im standby-modus hängen

Interviewausschnitt 117) [38]

Es folgte nun die streng sequenziell vorgehende Rekonstruktion der einzelnen Turns und Turnkonstruktionseinheiten:

1

Kari:

können wir am anfang ein bisschen über ihre persönlichen gründe

 

Berit S.:

 …..............................................................................................................

2

Kari:

für den besuch hier heute reden…..also dass sie mir erzählen

 

Berit S.:

………………………………………ja

3

Kari:

was ihr persönlicher grund ist * heute hierher nach Falstad zu

 

Berit S.:

 

4

Kari:

kommen * [39]

Kari eröffnet das Interview mit der Aufforderung an das interviewte Ehepaar Berit und Knut S., etwas zu ihrer persönlichen Motivation für ihre Anwesenheit bei der Falstad-Eröffnung zu sagen. Sie vollzieht diese Aufforderung in zwei mit einem "also" (Z.2) als Paraphrase voneinander markierten Teilhandlungen. Es ist Berit, die mit einer HörerInnenrückmeldung ("ja"; Z.2) signalisiert, dass sie versteht und der Aufforderungshandlung folgt. Berit übernimmt dann auch die Antwort – und markiert damit sofort die Rollenverteilung zwischen sich und ihrem Mann Knut für das Interview. Sie führt das Wort:

4

Kari:

 …..............................................................................................................

 

Berit S.:

……………#ja- # * das sind eigentlich 'viele gründe *

 

K:

……………#ZÖGERND/ETWAS GEQUÄLT# [40]

Sie beginnt den Antwort-Turn mit einem deutlich zögernden und etwas gequält klingenden "ja", mit dem sie zu verstehen gibt, dass sie mit dem von Kari etablierten thematischen Fokus für ihre Antwort, nämlich persönliche Motivation, nur bedingt bzw. nicht ohne Vorbehalt einverstanden ist. Das "ja" geht auf diese Weise mit Karis Aufforderung um und kündigt gleichzeitig eine Fokusveränderung an, die sie dann auch – in allgemeinster Weise – unmittelbar folgen lässt (" 'viele gründe"). Mit dieser Fokuskorrektur und -erweiterung etabliert sie – vorausgreifend – den Rahmen für ihren Umgang mit Karis Aufforderung. Die persönliche Motivation sei nur eine unter einer Reihe von anderen Motiven, und mit dem Tondruck18) auf " 'viele" unterstreicht sie, dass ihre Motivation weit über das Persönliche hinausgeht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Berit Kari hier missverstanden hat, d.h., dass Karis Aufforderung – offen für alle möglichen Motivationen – nur die Frage war nach den Motivationen, die Berit und Knut S. als Privatpersonen veranlasst haben, zur Eröffnung zu kommen, und nicht nach einer rein auf das Persönliche begrenzten Motivation, was immer das sein kann. Da in Berits Fokuskorrektur auch die implizite Mitteilung liegt, dass das rein Persönliche für sie und Knut weniger relevant ist, liegt die Vermutung nahe, dass sie hier auch mit ihrer eigenen Positionierung im Gespräch umgeht, also eine Selbstdarstellungsagenda verfolgt. [41]

In einem nächsten Schritt versucht Berit S. dann – ebenfalls noch ihre Antwort vorausgreifend strukturierend – mithilfe des binären Musters "sowohl ... als auch" die vielen Motivationen zu ordnen und zu kategorisieren:

4

Kari:

 …..............................................................................................................

 

Berit S.:

…………………………………………………………..das sind

 

K:

 

5

Kari:

 

 

Berit S.:

sowohl persönliche als auch− * eh:: was soll ich sagen * [42]

Als erste Kategorie nennt sie also dann schon die persönlichen Motive ("sowohl persönliche"; Z.5). Nach dem "als auch" aber bricht sie das Muster ab (das verzögernde langgezogene "eh::" markiert diese Selbstunterbrechung), und sie macht für die anderen am Interview Beteiligten deutlich, dass sie Schwierigkeiten hat, für diesen "als-auch"-Bereich, also die nicht-persönlichen oder über das nur Persönliche hinausgehenden Motivationen eine Formulierung bzw. eine passende Kategorie zu finden ("was soll ich sagen"). Aber schon nach einem kurzen Absetzen (" * "; Z.5) macht sie sich an eine Lösung des Problems der fehlenden Kategorie:

5

Kari:

 …..............................................................................................................

 

Berit S.:

…………………………………………………………………das ist

6

Kari:

 

 

Berit S.:

ja=eh: etwas was wir am eigenen leib gespürt haben=eh: der krieg *

7

Kari:

 

 

Berit S.:

eh:− da denkt man ja dran was passiert ist mit einzelnen * [43]

Die Lösung ist also eine periphrastische (d.h. umschreibende) Annäherung. Die bzw. eine nicht-persönliche oder über das Persönliche hinausgehende Motivation für ihr Kommen zur Eröffnung ist, dass sie als Angehörige der Generation, die den Krieg erlebt haben19) (wohl im Gegensatz zu anderen?) ein besonderes Interesse daran haben, wie es anderen im Krieg ergangen ist. Sie nennt dann schließlich auch noch ein konkretes Beispiel dafür, was es bedeuten kann, "den Krieg am eigenen Leib gespürt zu haben":

7

Kari:

 …..............................................................................................................

 

Berit S.:

……………………………………………………………ich hab

8

Kari:

 

 

Berit S.:

selbst n onkel gehabt hier *20) [44]

Es deutet sich damit an, dass Berit S. hier nicht nur mit Karis Aufforderung umgeht, etwas zur Motivation für den Falstad-Besuch zu sagen, sondern auch mit der Etablierung eines spezifischen Selbstkonzepts im Gespräch, nämlich durch die Abgrenzungsarbeit gegenüber anderen, die sich nicht solche Gedanken machen. Denkbar ist darüber hinaus, dass Berit sich und ihren Mann Knut gegenüber der studentischen Interviewerin als VertreterInnen der gegenwärtigen jungen Generation positionieren will.21) Einen weiteren Grund für ihr und Knuts Kommen schließt sie adversativ22) an ("aber", Z.8):

8

Kari:

 …..............................................................................................................

 

Berit S.:

…………………………………..eh: aber ich glaub auch dass es wichtig

9

Kari:

 

 

Berit S.:

ist dass wir * darüber nachdenken was dieser ort bedeutet hat=eh

10

Kari:

hm−

 

Berit S.:

….. eh:− das ist wichtig dass diese gedanken weiterleben für was wir/ *

11

Kari:

…………………………………………………………………………..hm− *

 

Berit S.:

eh:− #wie wir sein solln:#.............. #'sein sollen als menschen#

 

K:

…….#LANGSAMER/ZÖGERND# #SCHNELLER/MEHR TONDRUCK# [45]

Durch den adversativen Anschluss und durch das zweimalige "dass es wichtig ist" / "das ist wichtig" (Z.8f. und Z.10) markiert sie die besondere Relevanz dieses weiteren Grundes für ihr und Knuts Kommen, nämlich die (historische) Bedeutung des Ortes Falstad ("dass es wichtig ist dass wir * darüber nachdenken was dieser Ort bedeutet hat=eh" ; Z.8f.) sowie die Notwendigkeit, diese Erinnerung wachzuhalten in der Verpflichtung für das Bewahren menschlicher Werte in der Zukunft ("eh:− das ist wichtig dass diese gedanken weiterleben für was wir/ * eh:− wie wir sein solln: 'sein sollen als menschen" ; Z.10f.). Bezeichnend für Berit ist, dass sie hier – wie in allen ähnlichen Situationen im Interview – sehr vage bleibt in der Vermittlung ihrer humanistischen Grundhaltung: Sie benennt die Bedeutung des Ortes Falstad nicht konkret, und sie nimmt nicht Bezug auf einen bestimmten Abschnitt der Geschichte des Ortes und damit seine verschiedenen Funktionen etwa vor dem Krieg, im Krieg oder nach dem Krieg. [46]

Die Frage nach dem Grund für ihr Kommen benutzt Berit S. also, um sich und ihren Mann Knut als humanistischen Grundwerten verpflichtete Menschen zu positionieren, die diese Verpflichtung aus bewusster Bearbeitung von Vergangenheit ableiten. Um zu markieren, wie existenziell bedeutsam dieses Menschsein und Menschwerden für sie und Knut sind, betreibt Berit einigen rhetorischen Aufwand: Zunächst nimmt sie für die erste Formulierung des Kerns ihrer humanistischen Grundverpflichtung Intensität und Tempo deutlich zurück ("* eh:− wie wir sein solln: * "; Z.10f.). Eine so markierte Rücknahme hat in der Regel eine aufmerksamkeitssteigernde Wirkung bei den GesprächspartnerInnen, hier für die direkt mit starkem Tondruck und gesteigertem Tempo artikulierte und angeschlossene Reformulierung (im Wortlaut) und Präzisierung ("als menschen") der Grundverpflichtung: "sein sollen als menschen" (Z.11).23) Das sind deutliche Parallelen zu GAHR STØREs Eröffnungsrede, in der er sagte: "Heute markieren wir, dass Falstad ein Ort ist, der nicht vergessen werden soll, ein Ort, um zu lernen, ein Ort, von dem aus wir weitergehen können. Klüger – dürfen wir hoffen – mit mehr Engagement, besser gewappnet" (2006c, o.P.). [47]

Ob sie hier von GAHR STØRE inspiriert ist und sich und Knut bewusst als ProtagonistInnen der vom Außenminister beschworenen Erinnerungskultur etablieren will, oder ob es sich eher um eine Koinzidenz von quasi kanonisierter erinnerungskultureller und -politischer Vision und persönlich praktizierter Erinnerungskultur handelt, ist an dieser Stelle24) letztlich nicht zu entscheiden. In jedem Fall ist die Parallelität auffällig. [48]

Insgesamt stellte sich bei uns vor allem auch vor dem Hintergrund des gesamten Gesprächsverlaufs der Eindruck ein, dass die durchgehende Vagheit, mit der Berit S. die Bedeutung des Ortes Falstad beschwört, und die Vagheit, mit der sie aus dieser Bedeutung eine gegenwärtige Verpflichtung auf menschliche Grundwerte ableitet, Momente einer Inszenierung sind – bewusst oder unbewusst – , deren Ziel die Überhöhung und Verklärung der eigenen Position ist. Nach einem Aufmerksamkeit signalisierenden und aktivitätsunterstützenden "hm– *" (Z.11) der Interviewerin Kari entwirft Berit S. nun explizit das Bild einer negativen Gegenwelt, gegenüber der sie sich und Knut zuvor implizit abgegrenzt hatte:

12

Kari:

 …..............................................................................................................

 

Berit S.:

denn heute gibt=s so viel gleichgültigkeit * zum glück gibt=s so viele

13

Kari:

 

 

Berit S.:

feine menschen * das sieht man ja nicht zuletzt 'hier * #eh: aber eh:

 

K:

……………………………… ……………………………….#LANGSAMER#

14

Kari:

 

 

Berit S.:

vieles ist−# eh:− das ist so oberflächlich↑* und so wenig engagement− * [49]

Diesen Entwurf beginnt sie mit einer starken Generalisierung, dem Stereotyp von der Gleichgültigkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft ("denn heute gibt=s so viel gleichgültigkeit *"; Z12). Mit dem rahmenden "denn" (Z.12) verdeutlicht sie, dass ihre Intention hier Abgrenzung ist und gleichzeitig Begründung für und Relevanzhochstufung des eigenen Engagements für menschliche Grundwerte, also Stützung der eigenen Position. Schon mit dem nächsten Schritt nimmt Berit diese Generalisierung allerdings partiell wieder zurück, schränkt ihre Geltung ein – eine Form von Selbstkorrektur bzw. von Realitätsorientierung des generalisierenden Urteils über die gegenwärtige Gesellschaft angesichts der konkreten Situation, der Eröffnung des Menschenrechtszentrums Falstad mit einer Fülle an offiziellen und privaten BesucherInnen ("zum glück gibt=s so viele feine menschen * das sieht man ja nicht zuletzt hier"; Z.12f.). Nach dieser Konzession an den konkreten situativen Kontext (und an die Interviewerin Kari) setzt Berit aber ihren Entwurf von einer gegenwärtigen Gesellschaft des Werteverfalls und der Oberflächlichkeit als negativer Gegenwelt zur Welt menschlicher Grundwerte fort: Mit dem adversativen "eh: aber eh:" (Z.13) macht sie klar, dass noch so viele "feine Menschen" bei der Falstad-Eröffnung ihr Urteil über die Gleichgültigkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht erschüttern können, und sie spezifiziert dann auch unmittelbar diese Gleichgültigkeit mit den Attributen "oberflächlich" und "so wenig engagement" (Z.14). [50]

Danach exemplifiziert und stützt sie ihr Urteil über die Gleichgültigkeit und das fehlende Engagement in der Gesellschaft mit einem Beispiel aus Trondheim:

15

Kari:

 …..............................................................................................................

 

Berit S.:

das sehn/ wir haben ein gutes beispiel in Trondheim haben wir also

16

Kari:

 

 

Berit S.:

einen fantastischen (…) platz * in Trondheim neben dem Royal

17

Kari:

 

 

Berit S.:

Garden gleich an der Blomsterbro * un:d da steht eine statue *

18

Kari:

 

 

Berit S.:

für die gefallnen * oder die ihr leben auf see verloren haben *

19

Kari:

 

 

Berit S.:

und dafür fehlt jeder respekt in der stadt eh:− und in der

20

Kari:

 

 

Berit S.:

stadtverwaltung * ich meine (...) dass die verantwortlichen und

21

Kari:

 

 

Berit S.:

die menschen in der stadt * etwas mehr re'spekt haben sollten eh:−

22

Kari:

 

 

Berit S.:

für diesen ort * stattdessen ist das also ein=eh: reiner marktplatz

23

Kari:

 

 

Berit S.:

geworden * man kann nicht alles haben * [51]

Es geht um den "Krigsseilerplass", ein Platz in Trondheim, auf dem eine Statue zur Erinnerung an diejenigen errichtet wurde, die im Krieg ihr Leben auf See gelassen haben. Nachdem sie diesen anderen Gedenkort mit seiner Lage und Funktion grob skizziert und für ihre GesprächspartnerInnen im Gespräch etabliert hat (Z.15-18), vermittelt sie ihr Urteil bzw. ihre Klage: "und dafür fehlt jeder respekt in der stadt eh:− und in der stadtverwaltung" (Z.19f.). Indem Berit S. von kollektiver Respektlosigkeit spricht ("... in der stadt"; Z.19), versucht sie, auch den generellen Geltungsanspruch der eingangs konstatierten Gleichgültigkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft zu stützen. Sie reformuliert dann ihr negatives Urteil über die Einstellung von Trondheim zum "Krigsseilerplassen" in Form einer Erwartung an die Stadt Trondheim und ihre BürgerInnen, um diese Erwartung ("etwas mehr re'spekt"; Z.21) in einem nächsten Schritt noch einmal mit einer pauschalen Kennzeichnung des gegenwärtigen Zustands auf dem "Krigsseilerplassen" zu konfrontieren: "also ein=eh: reiner marktplatz" (Z.22). Sie schließt dieses Beispiel ("Krigsseilerplassen in Trondheim") für die Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit und das fehlende Engagement in der gegenwärtigen Gesellschaft mit einer generellen Regel, einem Gemeinplatz, ab: "man kann nicht alles haben"25) (Z.23). Damit markiert sie erneut den Widerspruch zwischen Aufgabe bzw. Sinn der Gedenkstätte und gegenwärtiger Nutzung. Die Formulierung hat die Funktion einer Konklusion, und mit dem Gemeinplatz beschwört sie den gesunden Menschenverstand. Auf diese Weise versucht Berit S., ihrer Mitteilung suggestive Kraft zu vermitteln und möglichem Widerspruch vorzubeugen. Nachdem Berit S. nun ihrer negativen Gegenwelt erste konkrete Züge verliehen hat, kehrt sie zur aktuellen Situation zurück, der Eröffnung des Falstad-Zentrums:

23

Kari:

 …..............................................................................................................

 

Berit S.:

……………………………………………………………...und dieser

24

Kari:

 

 

Berit S.:

ort hier 'hilft uns dabei * dass wir=eh ein wenig wachsen können

25

Kari:

 

 

Berit S.:

und verstehen * was solche stätten=eh: wir müssen ein paar

26

Kari:

 

 

Berit S.:

gedanken im kopf haben * die uns weiter bringen also * sonst bleibt

27

Kari:

 

 

Berit S.:

ein solcher ort ja quasi im standby-modus hängen [52]

Vor dem Hintergrund des negativen Gegenbeispiels "Krigsseilerplassen" in Trondheim als symptomatisch für die Gleichgültigkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft schreibt sie zunächst der Gedenkstätte Falstad die Funktion eines Katalysators, einer Kraftquelle für menschliches Wachsen, zu26) ("und dieser ort hier hilft uns dabei * dass wir=eh ein wenig wachsen können"; Z.23f.). Und sie beginnt, diesem ersten Aspekt der Funktion der Gedenkstätte einen zweiten hinzuzufügen, der davon handeln soll, welche Einsichten "solche stätten" (Z.25) generell vermitteln können: "und verstehen * was solche stätten=eh:" (Z.25). Die Formulierung dieses zweiten Aspekts aber bricht Berit ab, die Selbstunterbrechung bzw. -korrektur mit einem langgezogenen "eh:" (Z.25) markierend. Ein Grund für diese Reparaturaktivität wird nicht deutlich – ähnliche Muster hat sie im Gespräch bereits benutzt (z.B. in Z.8f.: "* äh: aber ich glaub auch dass es wichtig ist dass wir * darüber nachdenken was dieser Ort bedeutet hat=eh"). Eine entsprechende Komplettierung (etwa mit "bedeuten") hätte sich hier ebenfalls angeboten und wird möglicherweise von ihren GesprächspartnerInnen bereits antizipiert und damit faktisch vollzogen. Möglicherweise handelt es sich sogar um eine sog. Aposiopese, d.h. eine Form von bewusstem Einsatz einer fragmentarischen Äußerung (eines sog. Anakoluths), deren Komplettierung durch die GesprächspartnerInnen stillschweigend vorausgesetzt wird. Denkbar ist aber auch, dass sie den Formulierungsansatz ganz einfach verwirft. Im Neuansatz nach der abgebrochenen Formulierung wählt Berit dann einen programmatischen Formulierungsduktus27) für etwas, was inhaltlich durchaus die Position des abgebrochenen Musters einnehmen könnte: "wir müssen ein paar gedanken im kopf haben * die uns weiter bringen also" (Z.25f.). Dass sie diese Teiläußerung als Reformulierung von Vorausgehendem verstanden haben möchte, markiert sie mit dem nachgestellten "also" (Z.26), wobei offenbleibt, ob nur das abgebrochene Muster den Referenzrahmen für die Reformulierung bildet oder die gesamte komplexe Aktivität zu Falstad an dieser Stelle des Interviews (Z.23-25). Wir halten Letztes für wahrscheinlicher, nimmt sie doch in ihrer Reformulierung sowohl das menschliche Wachsen ("uns weiterbringen"; Z.26) als auch das "verstehen" ("ein paar Gedanken im Kopf"; Z.25f.) wieder auf. [53]

Insgesamt ist dies die programmatische Wiederholung der Vision von Vergangenheitsbewusstheit und -bewahrung als Voraussetzung für menschliches Wachsen, die sie dann später in die Formel vom "ganzen Menschen" fasst. Der programmatische Duktus dieser Äußerung verleiht ihr gleichzeitig den Charakter einer abschließenden, Gestalt schließenden Konklusion im Rahmen von Berits Umgang mit der Aufforderung Karis, etwas zum Grund für ihr und Knuts Kommen zu sagen. Das fallende Grenztonmuster28) des "also" unterstützt diese Wirkung. [54]

Nach einem kurzen Absetzen (" * ") schließt sie dann ihre Antwort mit dem mahnenden "sonst bleibt ein solcher ort ja quasi im standby-modus hängen" (Z.26f.) ab. Zwar warnt sie auf diese Weise noch einmal davor, solche Gedenkstätten unbeachtet oder unbenutzt zur Seite zu legen ("standby"). Doch hat sich hier der Duktus, mit dem sie ihrer Sorge Ausdruck verleiht, verändert. Die Formulierung mit dem Bild des "standby-modus" erscheint uns deutlich weniger schwergewichtig als das direkte Benennen und Anprangern von Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit und fehlendem Respekt zuvor. Es ist nicht auszuschließen, dass sie hier abschließend für sich und ihre GesprächspartnerInnen für eine Entlastung vom Situationsdruck sorgen will, den sie selbst durch den Ernst und das Gewicht ihrer Formulierungen hergestellt hatte. Bandaufnahme und Transkription enthalten allerdings keinen Hinweis darauf, dass das – wenn es denn Absicht gewesen sein sollte – bei den anderen Situationsbeteiligten angekommen ist. [55]

Soweit die Analyse des Gesprächsausschnitts. In unseren abschließenden Bemerkungen zur Analyse des ersten Interviewausschnitts wollen wir darauf eingehen, wie sich dieser Ausschnitt zum gesamten Interview verhält. Darüber hinaus wollen wir die Besonderheiten der Interaktionsbeziehungen zwischen Interviewerin und den Interviewten, insbesondere Berit S., thematisieren und sie aus konversationsanalytischer Sicht einschätzen. [56]

Wie im von uns ausgewählten Ausschnitt aus der Anfangsphase des Interviews ist durchgängige Intention der tonangebenden Berit im gesamten Interview, die Gedenkstätte Falstad als Verkörperung humanistischer Grundwerte in einer Welt von Identitäts- und Erinnerungsverlust und Gleichgültigkeit zu positionieren.29) Sie eignet sich diesen universalistisch-humanistischen Deutungsrahmen an und macht ihn zum Attribut der eigenen persönlichen Einstellung. Die "bewahrte Vergangenheit" wird darin zur Vorbedingung der Realisierung menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten (auf persönlicher und kollektiver Ebene). Der im Interview wiederkehrende Ausdruck hierfür ist der des "ganzen Menschen". Insofern wird die für die norwegische Gesellschaft konstatierte Tendenz zum "Egoismus" und zur "Oberflächlichkeit" in einer direkten Verbindung mit dem acht- und respektlosen Umgang mit der Erinnerung gesehen. Der Gedenkstätte Falstad kommt in Berits Deutungsrahmen die Funktion eines Gegenortes zu, der dieser Verfallstendenz entgegensteht. Auf die Parallelität zwischen der zuvor analysierten Eröffnungsrede Jonas GAHR STØREs bzw. den darin enthaltenen Deutungsmustern der öffentlichen Erinnerung (2006c) und Berits Positionierungen haben wir oben im Vollzug der exemplarischen Analyse schon hingewiesen. Es musste letztlich offenbleiben, ob es sich schon hier zu Beginn des Interviews um einen bewusst hergestellten Anschluss handelt (Autorisierung/Aufwertung der eigenen Position/Anpassungsarbeit gegenüber der Interviewerin als Repräsentantin offizieller Erinnerungskultur?), auch wenn vieles dafürspricht, oder ob beide – also GAHR STØRE und Berit – jeweils den übergeordneten Kontext einer harmonisierten Erinnerungskultur aufrufen. Einher mit Berits metaphorischer Aufladung und Verklärung der Gedenkstätte geht ein auffälliges Unwissen im Zusammenhang mit konkreten Details der Erinnerungsstätte Falstad. So zeigte sich z.B., dass die Interviewte über die konkrete Ausgestaltung der Gedenkstätte und die vorhergehenden Kontroversen nicht orientiert war. Dabei ging es in diesen Auseinandersetzungen ständig darum, welche Aspekte der Vergangenheit erinnerungswürdig sind und wie sie erinnert werden sollten. Die im Verlauf des Interviews auf diese Aspekte gerichteten Fragen der Interviewerin übergeht die Interviewte weitestgehend und verbleibt auf einer diffusen Deutungsebene, wonach allein die Tatsache, dass hier erinnert wird, dem Ort schon seine Würde verleiht. Es drängt sich der Eindruck auf, dass für Berit S. jede Form von Konkretisierung oder Detaillierung ihre Praxis der idealisierenden Verklärung der Gedenkstätte30) zu einem quasi "sakralen Ort" (im Sinne von REEMTSMA 2010) gefährden würde. "Der sakrale Ort ist nicht unser Objekt, sondern wir sind seines; nicht er muss seine Existenz vor uns rechtfertigen, sondern wir unsere Lebensmodalitäten vor ihm" (S.3). In den Aussagen von Berit S. klingt diese sakralisierende Dimension mit. Sie zeichnet das Bild einer Schwarz-Weiß-Welt, in der das Gute mit dem Bösen ringt. Sie und ihr Mann scheinen fraglos auf der Seite der guten (der "ganzen") und moralisch überlegenen Menschen ihren Platz zu haben, und von dieser Position aus deutet sie die neu eröffnete Gedenkstätte. Allerdings geht diese sinnmäßige Überhöhung auf Kosten der historischen Faktengenauigkeit, Und Ignoranz im Umgang mit der Vergangenheit ist ja genau das, was sie bei ihren oberflächlichen ZeitgenossInnen anprangert. [57]

Eine Besonderheit des Gesprächsausschnitts wie auch des gesamten Interviews ist die Art der Interaktionsbeziehungen zwischen der Interviewerin und den Interviewten. Dies gilt vor allem für die Art und Weise, wie Kari ihre Rolle als Interviewerin gegenüber Berit S. wahrnimmt. In dem analysierten Ausschnitt konnten wir plausibel machen, dass Berit S. die Frage nach "dem persönlichen Grund" fürs Kommen möglicherweise missverstanden hatte als Frage nach rein persönlichen Motiven. Ob Kari diese Fokusverschiebung bemerkt hat oder sie – aus welchem Grund auch immer – einfach nur übergeht, ist nicht zu entscheiden. In jedem Fall greift sie nicht verständnissichernd oder korrigierend ein und lässt auf diese Weise Berit S. mit ihrer Etablierung des Konzepts von Erinnerung und Verpflichtung auf humanistische Grundwerte gewähren. Diese weitgehend fehlende Handlungskoordination ist dann charakteristisch für das gesamte Interview. Berit S. versteht entweder konkrete Fragen nicht (bzw. will sie nicht verstehen) oder übergeht sie (selbst in einem Fall, als Kari die nicht beantwortete Frage faktisch im Wortlaut wiederholt) und nutzt die durch die Fragen eröffneten "Slots", um an der Etablierung ihres Selbstkonzepts als "ganzer Mensch" zu arbeiten. Das heißt aber keineswegs, dass die auf diese Weise im Gespräch etablierten Bedeutungen (also – auf eine knappe Formel gebracht – das Konzept einer dichotomischen Welt von Gut und Böse) nicht auch (im Sinne konversationsanalytischer Grundannahmen) interaktiv hergestellt sind. Indem Kari all dies ohne jeden Eingriff von ihrer Seite, also ohne die geringste Reparaturaktivität oder Korrektur, geschehen lässt, gewährt sie Berit S. bis zu einem gewissen Grad die Möglichkeit, sie als Interviewerin (und partiell damit auch die Institution Gedenkstätte "Falstad", die sie als Interviewerin repräsentiert) mit ihren idealisierenden Verklärungen zu vereinnahmen. [58]

7.3 Auf der "falschen Seite": Analyse eines Ausschnitts aus dem Interview "S2a" mit Carl T. anlässlich der Eröffnung des Holocaust-Zentrums in Oslo

Für eine ganz andere Form von interaktiver Aushandlung von Bedeutung steht das Interview mit Carl T. anlässlich der Eröffnung des Holocaust-Zentrums in Oslo, aus dem der jetzt im Folgenden zu analysierende Ausschnitt stammt. Erlebte im Falle des ersten Interviews die Interviewte die Gedenkstätte Falstad als Verkörperung humanistischer Grundwerte in einer Welt von Werteverfall und Gleichgültigkeit (Verklärung der Gedenkstätte), so hat in diesem Interview die Gedenkstätte – welche in der historisch symbolträchtigen31) Villa Grande auf der Halbinsel Bygdøy in Oslo gelegen ist – für den Interviewten eine überaus ambivalente Symbolkraft: einerseits als Ort positiver Kindheitserinnerungen (er ist in direkter Nachbarschaft aufgewachsen), andererseits aber als Verkörperung des von ihm als ungerecht empfundenen Nachkriegsnorwegens. Carl T., ein älterer Herr, wurde von Svjetlana, einer Studentin, interviewt, die in den 1990er Jahren mit ihrer Familie aus Bosnien nach Norwegen geflüchtet ist. Carl T. kommt im Interview sehr schnell auf das Leitmotiv seines persönlichen Narrativs zu sprechen, das im Folgenden auch alles strukturiert, was er in Bezug auf das neu eröffnete Zentrum bzw. das Thema der norwegischen Judenverfolgung zu sagen hat: Seine älteren Brüder hatten sich als Freiwillige in die Waffen-SS gemeldet und auf deutscher Seite an der Ostfront gekämpft, was dazu führte, dass die Familie nach dem Krieg auf der "falschen Seite" positioniert wurde und das Stigma des Verrats trug. Dies empfindet der Interviewte als empörend, und er gibt dieser Haltung implizit und explizit Ausdruck. Der familiäre Entlastungsdiskurs führt an einigen Stellen zur Relativierung der Tragweite des norwegischen Holocaust, auch wenn Carl T. – im deutlichen Bemühen, eine gemeinsame Ebene mit der Interviewerin als Repräsentantin des Holocaust-Zentrums herzustellen – quasi politisch korrekt die Notwendigkeit der Aufarbeitung und der neu eröffneten Institution betont. [59]

Der folgende Ausschnitt führt direkt in die Dynamik des Interviews:

1

Carl T.:

 …............................................................................................................

 

Svet.:

das wäre sehr spannend sie zu interviewen nachdem sie uns besucht

2

Carl T.:

 

 

Svet.:

haben also ich hab den eindruck sie haben− *

3

Carl T.:

ja ich hab/…………………...…………ich hab/ * denk dran ich

 

Svet.:

n haufen ahnung von all dem hier LACHT >hm<

4

Carl T.:

ich war fünfzehn als der Krieg kam− *…….#das war nich so einfach−#

 

K:

…………………………………………………#LEISER / SCHNELLER#

 

Svet.:

……………………………………………hm:

5

Carl T.:

da=oben in Ilebu da saßen 'zweihundert'fünfzig− * s/ jungs− *

 

Svet.:

>hm<

6

Carl T.:

'drinnen− * * s=gab nich einen der über 'zwanzig war− *

 

Svet.:

…………………………………………………………..……hm−

7

Carl T.:

'zweihundertfünfzig jungs * und man kann sich denken was für eine

 

Svet.:

…………………………..…………hm−

8

Carl T.:

auffassung− * 'die * 'zweihundertfünfzig jungs−/ * und das war nur

 

Svet.:

 

9

Carl T.:

'dort in Ilebu draußen in 'Bærum− * wenn man sich vorstellt wie

 

Svet.:

…………………………………………>hm<

10

Carl T.:

'viele das waren im ganzen land die im lager saßen− *……..naja

 

Svet.:

…………………………………………………….………..hm−

11

Carl T.:

hunderttausend− * aber da ist alles ein/ einbegriffen− *……..also

 

Svet.:

……………………...……hm−……………………………...hm−

12

Carl T.:

leider− * das war n großer 'fehler damals *……….das−/ * 'ja:

 

Svet.:

…………………………………………………..# ja−#

 

K:

…………………………………………………..#LEISE/ZÖGERND#

13

Carl T.:

sagen sie aber sie meinen das nicht……………………..nein:−

 

Svet.:

………………………………………….ich weiß zu wenig davon leider

14

Carl T.:

…………….nein:− #v=wo# kommen sie−…………………..…...ja

 

K:

……………………….#VERSCHLUCKT DAS "VON" FAST#

 

Svet.:

LACHT KURZ…………………………………woher ich komme…..ich

15

Carl T.:

……………………………………..#Bosnien− * ist das wahr#

 

K:

……………………........................#ERSTAUNT#

 

Svet.:

komm aus Bosnien ursprünglich……………..hm−…………..weit

16

Carl T.:

……………………….das muss lange her sein ich mein sie sprechen

 

Svet.:

weg von (…) LACHT

17

Carl T.:

so gut norwegisch

 

Svet.:

…………………….#ja:# ich hab hier (...) länger gelebt als in

 

K:

…………………….#KLINGT GEZIERT#

18

Carl T.:

………..#Bosnien…………….(...) Bosnien-Herzegovalja#

 

K:

………..#ZÖGERND/NACHDENKLICH#

 

Svet.:

Bosnien………… LACHT hm−………………………………..hmhm↑ *4*

19

Carl T.:

ja:− mein mittlerer bruder der− * war bei/ * aber die meisten von

 

Svet.:

 

20

Carl T.:

denen die haben sich freiwillig gemeldet die dachten ja an Finnland *

 

Svet.:

 

21

Carl T.:

und zuhause in Norwegen da saßen ja alte weiber und strickten *

 

Svet.:

 

22

Carl T.:

mütz/ * finnenmützen die man über den kopf ziehen konnte

 

Svet.:

 

23

Carl T.:

………...das war ihr einsatz nich wahr * und die wurden dann

 

Svet.:

#ja=he#................................hm−

 

 K:

#LACHEND#

24

Carl T.:

verteilt * * können sie verstehen dass das irgendwie auch sinn

 

Svet.:

 

25

Carl T.:

gemacht hat * un=wir re/ reden hier um das mit * über 672 * juden

 

Svet.:

 

26

Carl T.:

die * verhaftet wurden und nach Deutschland geschickt und dann

 

Svet.:

 

27

Carl T.:

kommen fünfzehn sechzehn davon zurück * das ist schon unheimlich

 

Svet.:

 

28

Carl T.:

schlimm wenn man daran denkt aber wenn man daran denkt *2*

 

Svet.:

 

29

Carl T.:

#da unten im Irak da erwischt es genauso so viele an einem einzigen

 

K:

#SPRICHT MEHR UND MEHR LACHEND / KLINGT GEKÜNSTELT#

 

Svet.:

 

30

Carl T.:

tag# * * nein−…….ich weiß nicht *

 

Svet.:

………...das is=eh…………………….das=s auch was woran man

31

Carl T.:

……………….ja das is auch was woran man denken sollte

 

Svet.:

denken sollte

Interviewausschnitt 2 [60]

Carl T. hat gerade (also unmittelbar vor diesem Gesprächsausschnitt) einen Aspekt seines Rechtfertigungsdiskurses abgeschlossen, in dem er behauptet, dass keiner derer, die im Krieg auf der "falschen Seite", also auf der Seite der "Nationalen Sammlung", standen, wirklich etwas von der Judenverfolgung gewusst habe und dass nach dem Krieg die Falschen bestraft worden seien.32) Svjetlana honoriert seine Ausführung hier nun nicht nur mit einem knappen "hm" oder einer weiterführenden Frage, sondern sie wählt eine ausgebaute Form der Honorierung:

1

Carl T.:

 …............................................................................................................

 

Svet.:

das wäre sehr spannend sie zu interviewen nachdem sie uns besucht

2

Carl T.:

 

 

Svet.:

haben also ich hab den eindruck sie haben− *

3

Carl T.:

ja ich hab/……………………………...ich hab/ * denk dran ich

 

Svet.:

n haufen ahnung von all dem hier LACHT >hm<

4

Carl T.:

ich war fünfzehn als der Krieg kam− *…….#das war nich so einfach−#

 

K:

…………………………………………………#LEISER / SCHNELLER#

 

Svet.:

……………………………………………hm: [61]

Dabei hält sie sich mit ihrem eigenen Standpunkt offensichtlich bewusst zurück und bleibt neutral und vage: "das wäre sehr spannend" (Z.1), und als explizites abschließendes Lob und als Begründung für ihr Interesse an ihm fügt sie hinzu: "ich hab den eindruck sie haben− * n haufen ahnung von all dem hier LACHT >hm<" (Z.2f.) Nicht nur, dass Svjetlana durch ihre Wortwahl sich jeder wertenden Stellungnahme enthält zu dem, was Carl T. an Rechtfertigungen und Anklagen hervorbringt, sie distanziert sich darüber hinaus auch noch durch das eine zu große Verbindlichkeit aufhebende Lachen von ihrer eigenen Honorierung, um dann mit dem direkt angeschlossenen ">hm<" (Z.3) die Honorierung teilweise wieder zu bekräftigen. Dies ist ein deutlicher Ausdruck dafür, wie vorsichtig und abwägend Svetlana mit der schwierigen Balance mit dem ungleichen Interviewpartner umgeht. In jedem Fall wirkt Svjetlanas Honorierung stimulierend auf Carl T.: Zunächst quittiert er dankbar und selbstbewusst Svjetlanas Kompetenzzuschreibung: "ja ich hab/ ich hab/ *" (Z.3), wobei das einleitende "ja ich hab/" der Honorierung Svjetlanas – diese vorausahnend – faktisch zuvorkommt. Er hatte auch schon zuvor im Interview sehr deutlich markiert, dass er hier zu Hause ist – und dies bezieht sich auf Bygdøy, die Villa Grande und alles, was damit zusammenhängt, vor allem die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Annahme, dass Svjetlana diesem Selbstkonzept Carl T.s ganz bewusst entgegenkommt, ihm in die Karten spielt, um ihn quasi bei Laune zu halten, ohne dass sie dabei eigene inhaltliche Positionen preisgeben muss, ist nicht ganz abwegig. Carl T. schiebt dann noch eine Begründung für seine Kompetenz in diesen Fragen nach: Bei Kriegsanfang sei er ja schon fünfzehn Jahre gewesen (Z.3f.), ein Zusatz, den Svjetlana mit einem längeren verstehenden und fast empathischen "hm:" (Z.4) ratifiziert. Mit einem leisen und schnell artikulierten "das war nich so einfach−" (Z.4) schließt Carl T. einerseits diese Episode zu seiner Kompetenz ab, an Verständnis für seine schwierige Biografie appellierend. Andererseits aber leitet er mit dem "das war nich so einfach−" über zu den Folgeaktivitäten, mit denen er auf das Grundthema seines Narrativs "erlittenes Unrecht" zurückkommt; dass das "das war nich so einfach−" auch diese projektive (also ankündigende) Funktion hat, markiert Carl T. durch das schwebende Grenztonmuster ("einfach−"):

 5

Carl T.:

da=oben in Ilebu da saßen 'zweihundert'fünfzig− * s/ jungs− *

 

Svet.:

>hm<

6

Carl T.:

'drinnen− * * s=gab nich einen der über 'zwanzig war− *

 

Svet.:

……………………………………………………………..…hm−

7

Carl T.:

'zweihundertfünfzig jungs * und man kann sich denken was für eine

 

Svet.:

………………………………….….hm−

8

Carl T.:

auffassung− * 'die * 'zweihundertfünfzig jungs−/ * und das war nur

 

Svet.:

 …............................................................................................................

9

Carl T.:

'dort in Ilebu draußen in 'Bærum− * wenn man sich vorstellt wie

 

Svet.:

……………………...…………………>hm<

10

Carl T.:

'viele das waren im ganzen land die im lager saßen− *…….naja

 

Svet.:

………………………………………………………………hm−

11

Carl T.:

hunderttausend− * aber da ist alles ein/ einbegriffen− *……..also

 

Svet.:

…………………...………hm−…………………………….hm−

12

Carl T.:

leider− * das war n großer 'fehler damals *

 

Svet.:

…………………………………………………...# ja−#

 

K:

…………………………………………………...#LEISE/ZÖGERND# [62]

Carl T. hatte schon direkt zuvor im Interview erwähnt, dass nicht nur sein Vater und seine Brüder zu insgesamt zehn Jahren Haft verurteilt worden waren, sondern auch er – ohne Verhör – fünf Monate ins Lager musste wegen Landesverrat, obwohl er niemals etwas Schlechtes oder Falsches getan habe. Den Tränen nahe erklärte er, dass er das mit ins Grab nehmen werde. Er verlieh damit seiner Empörung über das – aus seiner Sicht – erlittene Unrecht Ausdruck, aber auch einer Art von Resignation aus der Einsicht heraus, dass sich daran innerhalb seiner Lebenszeit wohl nichts mehr ändern wird. Im zuvor zitierten Ausschnitt konkretisiert er seine eigene Inhaftierung, indem er auf das Internierungslager Ilebu in der nahe Oslo gelegenen Gemeinde Bærum zu sprechen kommt, in dem er zusammen mit über 250 anderen Jugendlichen (20 Jahre oder jünger) eingesessen hat (Z.5ff.). Damit hat er offensichtlich die Hauptursache für sein Gefühl, bitteres Unrecht erfahren zu haben, genannt. Carl T. artikuliert nun dieses tiefe Unrechtsgefühl an dieser Stelle nicht explizit, sondern ruft es mit einer nicht abgeschlossenen Formulierung auf (einem Anakoluth) ("und man kann sich denken was für eine auffassung− * die * zweihundertfünfzig jungs−/"; Z.7f.), für die es aber nur die eine selbstverständliche Komplettierung gibt, die der von ihm selbst hergestellte Kontext (für die Interviewerin Svjetlana) zwingend nahelegt. Es handelt sich um ein sehr suggestives Formulierungsverfahren und ist gleichzeitig Ausdruck für Carl T.s Bemühen, Svjetlana nicht durch zu große Explizitheit zu einer Stellungnahme zu veranlassen, die die hergestellte Allianz und Balance gefährden könnte. Das rhetorische Prinzip, dessen er sich bedient, ist: "deutlich machen ohne direktes Benennen". Um der Empörung noch Nachdruck zu verleihen, bezieht Carl T. in einem nächsten Schritt alle in Straflagern internierten LandesverräterInnen im Nachkriegsnorwegen mit ein: insgesamt wohl 100.000 Personen (Z.9ff.). Svjetlana signalisiert wieder mit mehreren "hm"s, dass sie zuhört, und ermuntert Carl T. auf diese Weise zum Weitersprechen. Und so leitet Carl T. über zu einem diesmal explizit wertenden Fazit oder Resümee zu diesem Narrativ, das er mit einem "also leider− *" markiert und rahmt: "also leider− * das war n großer fehler damals * " (Z.11f.). Dass das "also leider− * " als Rahmung für die folgende Wertung zu verstehen ist, macht Carl T. mit intonatorischen Mitteln deutlich: ein leichtes Absetzen ( * ) zusammen mit einem schwebenden Grenztonmuster33). Damit ist das "also leider− *" eine Redeeinleitung, hat also metakommunikative Funktion und bedeutet so viel wie "leider muss ich sagen". Solche toposartigen Alltagsfloskeln (eine andere oft gebrauchte ist z.B. "ehrlich gesagt") markieren eine Haltung oder Einstellung des oder der Sprechenden zur folgenden Aussage und haben eine stark suggestive Wirkung, hier: "Alles, was ich hierzu weiß und gesagt habe, zwingt mich zu dem folgenden Urteil", wobei das "also" quasi auf das gesamte komplexe Narrativ zur ungerechten Bestrafung referiert – oder: "ich kann nicht anders als sagen". Die intendierte rhetorische Wirkung ist jeweils Hochstufung des Geltungsanspruchs der folgenden Aussage oder des folgenden Urteils, in diesem Fall: "das war n großer 'fehler damals * ". Es scheint, als gehe diese suggestive Absicht nicht ganz an Svjetlana vorbei, denn nach ihren vielen offenbar bewusst nicht wertenden Rückmeldungen mit "hm" reagiert sie hier mit einem deutlichen "ja−" (Z.12), zwar leise und zögernd artikuliert, aber doch – und so versteht das scheinbar Carl T. – eine Form von positiver Ratifizierung seines Urteils: Die Internierung war ein großer Fehler. Das "ja−" könnte darüber hinaus von Carl T. auch als Ausdruck einer partiellen Identifizierung mit seinem Urteil verstanden werden, die Falschen seien bestraft worden.34) [63]

Das von Svjetlana zurückhaltend platzierte "ja−" wird nun das gesamte Gespräch gefährden; es setzt die sorgsam bewahrte Balance im Gespräch aufs Spiel und droht, die Allianz der GesprächspartnerInnen zu sprengen. Die Gründe hierfür wollen wir in der Fortsetzung einer streng sequenziellen Analyse Schritt für Schritt am Interaktionsverlauf aufzeigen. Die folgenden Versuche einer detaillierten Gesprächsrekonstruktion dieser Episode sind nicht unproblematisch. Wir benutzen Information, die nicht durch das Interviewgeschehen selbst vermittelt werden, und wir benutzen eine Reihe von Interpolationen, um das, was die beiden miteinander tun, sinnvoll, d.h. widerspruchsfrei – so glauben wir – aufzulösen.

12

Carl T.:

…………………………………………………………….das−/ * 'ja:

 

Svet.:

 

 

K:

 …............................................................................................................

13

Carl T.:

sagen sie aber sie meinen das nicht

 

Svet.:

 [64]

Carl T. ist in seinen verbalen Planungen schon mit der Fortsetzung seiner wertenden Aktivitäten beschäftigt und im Begriff, diese Planungen konkret umzusetzen in der Fortführung seines Beitrags ("das−/ * "; Z.12); aber dann stutzt er und bricht das begonnene Muster ab35), sich offenbar der Tragweite des "ja−" bewusst werdend. Nach diesem Selbstabbruch nimmt er – Svetlana explizit zitierend – ihr "ja−" unmittelbar wieder auf (" 'ja sagen sie") und sucht die direkte Konfrontation mit der Feststellung: "aber sie meinen das nicht" (Z.13). Mit anderen Worten: Er konfrontiert Svjetlana damit, dass sie nicht aufrichtig ist, und das bedeutet, dass sie gegen eine der grundlegenden Konversationsmaximen oder Konversationspostulate verstößt, von denen die TeilnehmerInnen an einem Gespräch stillschweigend ausgehen, dass sie befolgt werden, wenn Kommunikation gelingen soll: das der "Qualität" oder "Wahrheit" (GRICE 1993 [1975], S.249f.). Warum reagiert Carl T. so scharf auf Svjetlanas "ja" an dieser Stelle? Eine plausible Antwort auf diese Frage liefert ein Vergleich dieses "ja" mit ihren voraufgehenden "ja"s und "hm"s, besser: ein Vergleich zwischen den Dingen, Zuständen oder Aussagen, die mit diesen Rückmeldungen ratifiziert wurden, und der referenziellen Leistung dieses letzten "ja"s. Die voraufgehenden "ja"s und "hm"s bezogen sich ausnahmslos auf unstrittige Sachverhalte (wobei sich Svjetlana offensichtlich jeweils bemühte, die oft von Carl T. mit diesen Sachverhalten verbundenen Wertungen aus dem Referenzbereich der "ja"s und "hm"s auszuklammern). Oder Svjetlana ratifizierte mit ihren Rückmeldungen vage Mitteilungen Carl T.s wie die, dass das alles nicht leicht war. Hier jedoch geht es um eine ganz spezifische Wertung, die Carl T. ins Gespräch einführt, dass nämlich die rechtliche Aufarbeitung von Landesverrat nach 1945 insgesamt ein großer Fehler gewesen sei. Das wenig verbindliche und fast verärgert klingende "aber sie meinen das nicht" zeigt auch, dass ihm Aufrichtigkeit im Gespräch wichtiger ist als eine Honorierung seines Standpunktes durch Svjetlana. Was ist passiert, und was bricht hier schlaglichtartig an die Oberfläche? Um dem auf die Spur zu kommen, schließen wir eine knappe Skizzierung der wechselseitigen Erwartungshaltungen an, von denen sich Carl T. und Svjetlana in diesem Interview leiten lassen. Svjetlanas "ja" an dieser Stelle und der Konflikt im Gespräch, den dieses "ja" auslöst, hatte eine Schlüsselrolle für die Rekonstruktion dieser Erwartungshaltungen gespielt und half uns, den spezifischen Charakter der Kooperation im Gespräch zwischen den beiden besser zu verstehen. Hinter der von beiden bis zu diesem Punkt des Gesprächs und dann später wieder sorgsam gehegten interaktiven Balance nehmen wir eine von beiden in stillschweigender Übereinstimmung hergestellte äußerst fragile Konstruktion von reziproken Erwartungshaltungen an, die sich folgendermaßen formulieren lassen: Ich, Svjetlana, weiß, dass du, Carl T., weißt, dass ich als Interviewerin im Auftrag des Holocaust-Zentrums die offiziell sanktionierte Erinnerungskultur vertrete, dass ich aber meinen entsprechenden Standpunkt in unserem Gespräch nicht (zu) explizit mache und dir damit eine Plattform für deine Geschichte schaffe. Für Carl T. lässt sich das so formulieren: Ich, Carl T., weiß, dass du, Svjetlana, weißt, dass ich, obwohl ich "im anderen Lager stehe", dir mit minimalen Honorierungen der offiziellen Erinnerungskultur, des politisch Korrekten, so weit entgegenkomme, dass du dich mit deiner Position zurückhalten und das Interview durchführen kannst. Ausgerechnet Svjetlanas positive Rückmeldung ("ja−") zu Carl T.s wertendem Fazit gefährdet also diese interaktive Allianz und damit das gesamte Gespräch. Vor dem Hintergrund dieser Allianz verbietet es sich, dass Svjetlana seinen Standpunkt zur rechtlichen und politischen Aufarbeitung von Landesverrat während der Okkupation uneingeschränkt und pauschal teilt. Darauf reagiert Carl T. Im Übrigen erwies sich unsere Annahme zu dieser speziellen Form von interaktiver Allianz zwischen den Gesprächsbeteiligten als überaus hilfreich beim widerspruchsfreien Aufschlüsseln anderer Episoden im Interview.36) [65]

Die kommunikative Anforderung an Svjetlana ist an dieser Stelle, das wechselseitige Vertrauen wiederherzustellen, genauer: das Vertrauen Carl T.s zurückzugewinnen. Und es zeigt sich, dass sie sich dieser Anforderung, die u.a. auch damit zu tun hat, ihr Gesicht zu wahren, bewusst ist:

13

Carl T.:

………………………………………………………………..nein:−

 

Svet.:

………………………………………….ich weiß zu wenig davon leider

14

Carl T.:

……………….nein:− #v=wo# kommen sie−……………………...ja

 

K:

……………………….#VERSCHLUCKT DAS "VON" FAST#

 

Svet.:

LACHT KURZ…………………………………woher ich komme↑…...ich

15

Carl T.:

…………………………………….. #Bosnien− * ist das wahr#

 

K:

……………………........................ #ERSTAUNT#

 

Svet.:

komm aus Bosnien ursprünglich…………….. hm−…………..weit

16

Carl T.:

……………… …… das muss lange her sein ich meine sie sprechen

 

Svet.:

weg von (…) LACHT

17

Carl T.:

so gut norwegisch

 

Svet.:

…………………….#ja:# ich hab hier (...) länger gelebt als in

 

K:

…………………….#KLINGT GEZIERT#

18

Carl T.:

………...#Bosnien…………….(...) Bosnien-Herzegovalja#

 

K:

…………#ZÖGERND/NACHDENKLICH#

 

Svet.:

Bosnien…………..LACHT hm−…………………………….hmhm *4* [66]

Ihre Lösung ist: "ich weiß zu wenig davon leider" (Z.13), eine Formulierung, die sie selbst mit einem kurzen Lachen (Verlegenheit oder Entlastungsversuch?) quasi kommentiert. Svjetlana reagiert also nicht auf der Sachverhaltsebene (sie hätte z.B. mit einer Erläuterung antworten können, die ausformuliert, inwieweit sie Carl T.s Wertung teilen kann, inwieweit ihr bestätigendes "ja−" also seine Berechtigung hat und glaubwürdig ist). Stattdessen versucht sie sich mit dem Hinweis auf ihr fehlendes Wissen zu entlasten. Worauf sie hier rekurriert, ist zunächst offen. Grund für das fehlende Wissen kann ihr geringes Alter sein (also ihr Status als "Nicht-Zeitzeugin"); es kann aber auch sein, dass sie mit diesem Entlastungsversuch auf ihren Migrationshintergrund anspielt, der mangelnde Vertrautheit mit der norwegischen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte erklären könnte. Auch möglich wäre, dass sie (ohne jede Begründungsabsicht) auf faktisch fehlendes konkretes Wissen abhebt. [67]

Ehe wir uns mit dem responsiven Zug von Carl T. beschäftigen, der dann Aufschluss über die hier von den TeilnehmerInnen hergestellte Bedeutung gibt, wollen wir einen Moment mit einer Besonderheit von Svjetlanas Entlastungsversuch umgehen, und zwar mit der Art und Weise, wie sie auf die hier verhandelten historischen Zusammenhänge, also Verfolgung, Verhaftung und Deportation von jüdischen MitbürgerInnen in Norwegen, Kollaboration und Landesverrat in der Besatzungszeit und die Bestrafung von jugendlichen LandesverräterInnen nach dem Krieg, referiert: Sie benutzt dazu die Proform "davon", benennt also diese Zusammenhänge nicht explizit. Roland BARTHES (2016 [1957], S.289) nennt ein solches rhetorisches Verfahren "Ent-Nennung" [frz. dénomination]. Ent-Nennung ist ein in bürgerlicher Ideologie benutztes rhetorisches Prinzip im Rahmen von Mythenbildung, und Carl T. benutzt es durchgängig in seinen Narrativen. Ent-Nennung dient der Immunisierung eigener Positionen. Dass auch Svjetlana an dieser Stelle dieses rhetorische Prinzip verwendet, könnte damit zusammenhängen, dass sie Carl T. schonen will durch die bewusste Etablierung von Vagheit, zumal in einem Zusammenhang, in dem sie bemüht ist, Carl T. für eine Kooperation im Gespräch zurückzugewinnen. [68]

Nun aber zurück zur sequenziellen Rekonstruktion des Interviewausschnitts: Noch bevor Svjetlana ihr "ich weiß zu wenig davon leider" (Z.13) ausformuliert hat, signalisiert Carl T. Verständnis mit einem "nein:−", das er gleich noch einmal wiederholt; für beide "nein"s wählt Carl T. einen Ton, der etwas Jovial-Herablassendes an sich hat und die semantische Qualität von "selbstverständlich nicht/wie solltest du auch" vermittelt. Ohne Absetzen schließt Carl T. dann mit der Frage nach Svjetlanas Herkunft an (Z.14) und deutet damit ihren Entlastungsversuch unmittelbar als Rekurs auf ihren Migrationshintergrund. Während wir zuvor zunächst offengelassen hatten, wie Svjetlana ihren Entlastungsversuch verstanden haben wollte, interpretiert Carl T. ihn in seinem responsiven Zug ohne jedes Zögern als Rekurs auf ihr Fremdsein (anders macht seine Frage nach Svjetlanas Herkunft genau an dieser Stelle des Interviews keinen Sinn). Svjetlana schreibt diese Bedeutung fest, indem sie mit dieser Frage umgeht und Carl T. nicht korrigiert.37) Carl T.s Frage nehmen wir gleichzeitig als Indiz dafür, dass er bereits während des gesamten Interviews mit Svjetlanas Fremdsein umgegangen ist – "Fremdsein" in Carl T.s Augen. Wie oben schon erwähnt, ist ihr Fremdsein offenbar eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das Interview funktioniert und Carl T. seine Geschichte erzählt, und hier wird das explizit, indem Svjetlana ihren eigenen Migrationshintergrund als Ressource für die Wiederherstellung ihrer Glaubwürdigkeit einsetzt: Sie kann in dem geschichtspolitischen Konflikt gar nicht gegen ihren Interviewpartner Position beziehen, weil sie (mit ihrem Hintergrund – so versteht es auch Carl T.) zu wenig von den Zusammenhängen weiß. Mit der Frage nach Svjetlanas Herkunft bringt Carl T. gleichzeitig das Thema der Zugehörigkeit oder Identität Svjetlanas auf: Bereits die Frage grenzt sie als fremd oder nicht-einheimisch aus, unterstellt er doch damit, dass sie nicht aus Norwegen kommt. Nach einer kurzen Verständigungssicherung – Svjetlana prüft, ob sie die Frage richtig verstanden hat (Z.14) – antwortet sie: "ich komm aus Bosnien" (Z.14f.). Mit dem hinzugefügten qualifizierenden "ursprünglich" geht sie auf die Frage ihrer Identität ein und macht deutlich, dass sie dort nicht mehr hingehört – die Antwort auf die Frage nach der Herkunft ist also gleichzeitig eine Form der Identitätsbehauptung als Reaktion auf den Ausgrenzungsversuch Carl T.s. Er quittiert die Auskunft mit positivem Staunen: "Bosnien− * ist das wahr" (Z.15). Wie Svjetlana diesen Zugehörigkeitsdialog an dieser Stelle weiterführt, ist leider auf dem Band nicht zu identifizieren. In jedem Fall fährt Carl T. in gleicher Weise fort: "das muss lange her sein ich mein sie sprechen so gut norwegisch" (Z.16f.)38). Um Ausgrenzung handelt es sich bei diesem Lob, weil es absolut undenkbar wäre im Gespräch zwischen Menschen, die sich wechselseitig als einheimisch wahrnehmen, und Svjetlanas Reaktion auf Carl T.s Lob macht deutlich, dass sie sich der Zwiespältigkeit des Lobs bewusst ist. Sie gibt mit dem etwas gezierten "ja:" (Z.17) einerseits zu verstehen, dass sie weiß, dass sie gut Norwegisch spricht, andererseits macht sie deutlich, dass sie sich bei diesem Lob nicht wohl fühlt. Damit bekommt die angeschlossene Begründung für ihr gutes Norwegisch auch die Qualität einer Zugehörigkeitsbehauptung: "ich hab hier (...) länger gelebt als in Bosnien LACHT" (Z.17f.).39) [69]

Solche scheinbaren Komplimente werden in der Literatur als Mikroaggressionen40) bezeichnet und dienen der negativen Ausgrenzung ethnischer, sozialer oder religiöser Gruppen, wobei einzelne Angehörige einer entsprechenden Gruppe im konkreten Fall als (positive) Ausnahme markiert werden.41) Das abschließende Lachen Svjetlanas (Z.18) hat dann entlastende Funktion für eine Episode im Gespräch, die mit Carl T.s Ausgrenzungsaktivitäten und Svjetlanas Identitätsbehauptung reichlich Konfliktpotenzial enthält.42) [70]

Parallel zu Svjetlanas die Episode schließendem Lachen nimmt Carl T. (die Episode auf seine Weise beendend) nachdenklich-zögernd den ersten Teil des Namens des Landes, aus dem Svjetlana ursprünglich kommt, wieder auf ("Bosnien"; Z.18) und schickt dann nach Svjetlanas bestätigendem "hm−" in gleicher Tonlage und quasi wie zu sich selbst sprechend den vollen Namen für diesen Teil des Balkans hinterher (Z.18). Dass er dabei den zweiten Teil des Namens, "Herzegovina", in "Herzegovalja" verwandelt, hat keine Folgen: Svjetlana ratifiziert Carl T.s abschließenden Zug mit einem (im Verhältnis zum ersten "hm−") etwas markierteren "hmhm" (Z.18), ohne den Versprecher (?) zu korrigieren. Indem Carl T. und Svjetlana jetzt eine längere Pause (vier Sekunden) entstehen lassen, verdeutlichen sie sich wechselseitig, dass diese kritische Gesprächsphase abgeschlossen ist. [71]

Damit kann Carl T. zu seiner Geschichte zurückkommen, die er selbst mit der Thematisierung von Svjetlanas Glaubwürdigkeit unterbrochen hatte:

19

Carl T.:

ja:− mein mittlerer bruder der− * war bei/ * aber die meisten von

 

Svet.:

 …............................................................................................................

20

Carl T.:

denen die haben sich freiwillig gemeldet die dachten ja an Finnland *

 

Svet.:

 

21

Carl T.:

und zuhause in Norwegen da saßen ja alte weiber und strickten *

 

Svet.:

 

22

Carl T.:

mütz/ * finnenmützen die man über den kopf ziehen konnte

 

Svet.:

 

23

Carl T.:

………...das war ihr einsatz nich wahr * und die wurden dann

 

Svet.:

#ja=he#................................hm−

 

 K:

#LACHEND#

24

Carl T.:

verteilt * * können sie verstehen dass das irgendwie auch sinn

 

Svet.:

 

25

Carl T.:

gemacht hat *

 

Svet.:

 [72]

Mit dem langgezogenen "ja:−" (Z.19) stellt er einen assoziativen Zusammenhang zwischen Bosnien-Herzegowina und seinem mittleren Bruder her, der offenbar am Balkankrieg teilgenommen hatte ("ja:− mein mittlerer bruder der− * war bei/ * "; Z.19). Das "ja:−" hat damit überleitende Funktion oder Gelenkfunktion. Die Formulierung zu seinem Bruder bricht er dann aber ab, um mit einem logisch nur schwer nachvollziehbaren "aber" (Z.19) zurückzufinden zu einem seiner Hauptpunkte in seinem Rechtfertigungsdiskurs, dem Kampf vieler NorwegerInnen gegen die "kommunistische Bedrohung" bzw. um die "skandinavische Brüderschaft", ob es sich nun um aktive und freiwillige Beteiligung am Finnischen Winterkrieg handelte oder um norwegische Frauen, die zu Hause saßen und sog. Finnenmützen für die Frontsoldaten strickten: "aber die meisten von denen die haben sich freiwillig gemeldet die dachten ja an Finnland * und zuhause in Norwegen da saßen ja alte weiber und strickten * mütz/ * finnenmützen die man über den kopf ziehen konnte" (Z.19-22). Svjetlana quittiert dieses Bild der strickenden älteren Frauen an der Heimatfront unmittelbar mit einem lachend artikulierten "ja=he" (Z.23), das Carl T. damit ganz isoliert nur als Kommentierung dieser Schilderung verstehen kann, keinesfalls aber als irgendeine Form von Rückmeldung zu seinen übergeordneten Rechtfertigungsabsichten. [73]

Carl T. schließt die Episode mit einer Honorierung dieser Art des des Engagements gegen die sowjetische Bedrohung und mit einem Appell ("nich wahr"; Z.23) an Svjetlana um Verständnis dafür: "das war ihr einsatz nich wahr * "; (Z.23). Auf seinen Appell reagiert Svjetlana nicht, sondern sie kehrt zu ihren wertneutralen Rückmeldungen ("hm:"; Z.23) zurück. Und Carl T. verstärkt den Appell um Anerkennung des Einsatzes der Kriegsfreiwilligen und der Frauen an der Heimatfront. Es sieht fast so aus, als würde er, beflügelt von Svjetlanas Eingeständnis, "zu wenig von all dem zu wissen", hier versuchen, Druck auf sie auszuüben: "können sie verstehen dass das irgendwie auch sinn gemacht hat" (Z.24f.). Svjetlana reagiert nicht, nicht einmal mit einer formalen bzw. neutralen Rückmeldung. Möglicherweise wirkt hier der vorausgegangene Konflikt nach, und sie will mit einer Kooperation markierenden formalen Rückmeldung nicht missverstanden werden; oder sie weiß nicht, wie sie mit einem sich deutlich offensiver positionierenden Carl T. umgehen soll. Was sie letztlich dazu veranlasst, vom zuvor im Interview praktizierten Verfahren abzuweichen, ist nicht zu entscheiden. [74]

Carl T. legt nach (auch weil Svjetlana eine Reaktion schuldig bleibt?), indem er zu einem anderen zentralen Punkt seines Rechtfertigungsdiskurses übergeht, dem Versuch, die Tragweite des norwegischen Holocaust zu relativieren:

25

Carl T.:

………………un=wir re/ reden hier um das mit * über 672 * juden

 

Svet.:

 …............................................................................................................

26

Carl T.:

die *verhaftet wurden und nach Deutschland geschickt und dann

 

Svet.:

 

27

Carl T.:

kommen fünfzehn sechzehn davon zurück * das ist schon unheimlich

 

Svet.:

 

28

Carl T.:

schlimm wenn man daran denkt aber wenn man daran denkt *2*

 

Svet.:

 

29

Carl T.:

#da unten im Irak da erwischt es genauso so viele an einem einzigen

 

K:

#SPRICHT MEHR UND MEHR LACHEND / KLINGT GEKÜNSTELT#

 

Svet.:

 

30

Carl T.:

tag# * * nein−…….ich weiß nicht *

 

Svet.:

………..das is=eh…………………… das=s auch was woran man

31

Carl T.:

……………….ja das is auch was woran man denken sollte

 

Svet.:

denken sollte [75]

Carl T. beginnt diesen nächsten Zug seiner Rechtfertigungsaktivitäten mit einer gewissen Konzession an die offizielle Erinnerungskultur, an die "politisch korrekte" Haltung in dieser Frage – Svjetlana als deren Repräsentantin damit in gewisser Weise entgegenkommend: "un=wir re/ reden hier um das mit * über 672 * juden die * verhaftet wurden und nach deutschland geschickt und dann kommen fünfzehn sechzehn davon zurück * das ist schon unheimlich schlimm wenn man daran denkt" (Z.25-28). [76]

Allerdings wird schon hier seine Absicht einer Relevanzrückstufung deutlich: Durch das exakte Nennen einer – im Verhältnis zu den in Holocaustzusammenhängen üblicherweise genannten Zahlen – sehr niedrigen Zahl versucht er, deren Unerheblichkeit zu markieren, auch wenn er diesen Zug mit einer eindeutigen Stellungnahme abschließt: "das ist schon unheimlich schlimm wenn man daran denkt". [77]

Dann aber schließt er unmittelbar ein adversatives "aber" (Z.28) an, nimmt zentrale Teile des Formulierungsmusters, das er gerade im Rahmen seiner Bewertung des Holocausts in Norwegen benutzt hat, wieder auf ("aber wenn man daran denkt"; Z.28) und kontrastiert die Zahl der norwegischen Holocaustopfer auf diese Weise mit der Zahl derer, die täglich im Irak umkommen43). Statt nun aber das begonnene "wenn-dann"-Muster zu komplettieren, unterbricht er sich selbst mit "nein− ich weiß nicht" (Z.30) und lässt so den zweiten Teil des Musters, in dem eine Bewertung des präsentierten Sachverhalts zu erwarten wäre, unformuliert. Er lässt also gezielt ein Äußerungsfragment entstehen, ein Anakoluth, wobei die Art bzw. die Tendenz der nicht artikulierten Bewertung durch den von Carl T. hergestellten Kontext allerdings zwingend nahegelegt wird. [78]

Schon in der Analyse des Ausschnitts aus dem Interview "Kari1" haben wir dieses Formulierungsverfahren erläutert, bei dem die einzig mögliche Komplettierung eines fragmentarischen Musters von allen an der Situation Beteiligten (hier nur Svjetlana und Carl T.) stillschweigend mitvollzogen wird: Es handelt sich wieder um das besonders suggestive und effektive rhetorische Prinzip der Aposiopese. Was Carl T. hier suggestiv nahe legt, ist die Einschätzung des Ausmaßes des norwegischen Holocaust als unerheblich angesichts eines Ereignisses wie dem Irakkrieg. Er unterlegt die Erwähnung des Irakkrieges und der hohen Opferzahl dort mit einem eher gewollt und gekünstelt klingenden Lachen; die Vermutung liegt nahe, dass er dadurch die Unangemessenheit des Vergleichs, also den Dimensionsunterschied, noch unterstreichen will. Es sieht fast so aus, als würde Svjetlana versuchen, die kleine Pause (" * * "; Z.30), die Carl T. nach der Erwähnung des Irakkrieges als Kontrast zum Holocaust in Norwegen entstehen lässt, zu nutzen, um seiner Bewertung mit einem eigenen Kommentar zuvorzukommen: "das is=eh" (Z.30). Sie unterbricht sich aber selbst mit dem "eh", offenbar weil Carl T. weiterspricht – schließlich hatte ja er das Rederecht, und mit ihrer Selbstunterbrechung respektiert sie das. Und so kann Carl T. den Abbruch des begonnenen "wenn-dann"-Musters organisieren, um die von ihm intendierte Wirkung zu erzielen. Svjetlana nimmt nun ihren abgebrochenen Ansatz wieder auf und komplettiert ihn: "das=s auch was woran man denken sollte" (Z.30f.). Sie nimmt damit gezielt (das vermittelt sie über das "auch") das von Carl T. für die Bewertung des norwegischen Holocausts benutzte Formulierungsmuster auf: "das ist schon unheimlich schlimm wenn man daran denkt" und wendet es auf den Irakkrieg und seine Opfer an. Wohl auch, um jede Konkurrenz um eine Bewertung der beiden Sachverhalte mit Carl T. zu umgehen, unterlässt sie jede explizit wertende Qualifizierung. Was ihr hier – ohne jede Konfrontation – gelingt, ist, seine Relativierung des norwegischen Holocaust umzuwandeln in ein "sowohl als auch": Der norwegische Holocaust und die Opfer des Irakkrieges sind etwas, "was woran man denken sollte". Beide, Interviewerin und Interviewter, können quasi ihr Gesicht wahren. Was ihr vorher im Gespräch mit dem spontanen "ja" auf Carl T.s Behauptung zum großen Fehler mit den Lagerstrafen für norwegische Kollaborateurinnen und Kollaborateure misslungen war, gelingt ihr hier auf überzeugende Weise: das Handtieren der überaus fragilen interaktiven Balance zwischen ihr und dem Interviewten. Dass auch er das so wahrnimmt, vermittelt er, indem er Svjetlanas Evaluation im Wortlaut spiegelt: "ja das is auch was woran man denken sollte" (Z.31). [79]

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass vieles dafür spricht, dass Svjetlanas nicht-norwegische Herkunft, für die ihr Aussehen ein deutliches Indiz ist, eine wesentliche Rolle dabei spielt, dass Carl T. seine Geschichte von Krieg, Holocaust, Okkupation, Kollaboration und Nachkriegszeit so offen erzählt. Zu dieser Öffnung trägt Svjetlana darüber hinaus aktiv bei durch die Art und Weise, wie sie seine Beiträge ratifiziert: aufmunternd, nicht distanzierend und gezielt vage, was die eigene Position betrifft, also faktisch nicht wertend. Dadurch entsteht eine Art Allianz zwischen den beiden für die Dauer des Interviews, aus der das Interview einen großen Teil seiner Dynamik bezieht: Carl T. "darf" seine Wahrheit quasi öffentlich artikulieren, und Svjetlana bekommt ihr Interview – beide in dem Bewusstsein, dass der/die andere im "anderen Lager" steht, Svjetlana als wahrgenommene Repräsentantin des Holocaust-Zentrums und damit als Vertreterin der politisch korrekten Erinnerungskultur in Norwegen, Carl T. als jemand, der im Zuge der nationalen Aufarbeitung von Krieg und deutscher Besatzungszeit aus der Gesellschaft der "guten" NorwegerInnen ausgeschlossen wurde. Um diese Allianz für das Interview nicht zu gefährden oder aufzuheben, bedarf es jeweils einer minimalen Honorierung der Position des/der anderen, ohne dabei den eigenen Standpunkt zu verraten. Diese Allianz funktioniert über Teile des Interviews stillschweigend; der analysierte Ausschnitt zeigt jedoch, dass es sich dabei um ein äußerst empfindliches interaktives Gleichgewicht handelt. [80]

8. Abschließende Betrachtungen

Zunächst einmal möchten wir abschließend feststellen, dass wir das Zusammenführen von Verfahren und Denkweisen von Memory Research auf der einen und von linguistischer und soziologischer Gesprächsforschung auf der anderen Seite als geglückt und wechselseitig befruchtend erlebt haben. So war natürlich das Wissen um die Dynamik von Geschichtsbewusstsein und Geschichtsbildern nicht neu für die "Memory"-Forscherin, die sich gerade deshalb besonders schnell mit dem methodischen Instrumentarium der Gesprächsforschung anfreunden konnte, mit dem diese Dynamik im konkreten Fall aufgespürt und akribisch rekonstruiert werden kann. Andererseits war es für den Gesprächsforscher eine hilfreiche Erkenntnis zu erfahren, dass ihm viele Nuancen der interaktiven Verläufe in den analysierten Interviews ohne die erinnerungskulturelle Kompetenz der "Memory"-Forscherin verborgen geblieben wären. [81]

Was lässt sich zusammenfassend zu den Analysen der beiden Interviewausschnitte sagen? Wir konnten zeigen, dass und in welcher Weise Deutungsmuster und Narrative der nationalen Erinnerungskultur sowie aktuelle geschichtspolitische Diskurse einen gemeinsamen Referenzrahmen für die Interaktion der beteiligten SprecherInnen (also Interviewte und InterviewerInnen) darstellten. Im Fall des Interviews zur Eröffnung des HL-Zentrums war die Positionierung von "PatriotInnenen" und "VerräterInnen" der Nachkriegszeit in der Begegnung mit einer Holocaust-bezogenen Gedenkstätte noch nachhaltig wirksam. Über unsere gesprächsanalytische Rekonstruktion zeichneten wir darüber hinaus nach, wie die bosnische Herkunft der Interviewerin eine interaktive Dynamik auslöste, d.h. einen Prozess, in dessen Verlauf zunächst der Interviewte sie für seine Deutungen zu vereinnahmen versuchte, sie ihm jedoch umgehend die Grenzen dieser Deutungsgemeinschaft aufzeigte. Sie ließ sich auf keiner Seite der erinnerungskulturellen Konfliktlinien verorten. Im Interview zur Eröffnung des Falstad-Zentrums spielte das Verhältnis und Zusammenspiel von nationalen, lokalen und universalistischen Geschichtsdeutungen und -narrativen eine größere Rolle. Die Interviewte identifizierte die neu eröffnete Gedenkstätte als einen Gegenpol zu einer Welt, die von Gleichgültigkeit und allgemeinem Werteverfall geprägt ist. Sie positionierte sich selbst sowie (implizit deren Einverständnis mit den geäußerten Interpretationen voraussetzend) auch die Interviewerin auf dieser "richtigen" Seite eines angenommenen Ringens um menschliche Grundwerte. Wir konnten darüber hinaus auch Parallelen zu den oder Referenzen auf die geschichtspolitischen Deutungen nachweisen, die der norwegische Außenminister Jonas GAHR STØRE in seinen Eröffnungsreden angeboten hatte. In unseren Mikroanalysen haben wir dabei ebenfalls aufgezeigt, dass diese humanistische Überhöhung und Verklärung der Gedenkstätte zu einem quasi sakralen Ort mit einem Mangel an Kenntnis der konkreten Geschichte des historischen Ortes einherging. Anders als im Interview zur Eröffnung des HL-Zentrums ist es hier zwischen Interviewter und Interviewerin nicht zu einer expliziten Aushandlung von Bedeutungen gekommen. Die Interviewte entfaltete dabei ein gleichsam selbstreferenzielles Deutungssystem mit Versatzstücken aus erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Diskursen, die sie faktisch ohne substanziellen Rekurs auf die Interview-steuernden Aktivitäten der Interviewerin reproduzierte. [82]

An dieser Stelle der Schlussbetrachtungen bietet es sich an, ein paar grundsätzliche Überlegungen zu Fragen von Positionierung im Gespräch und der Rolle von Kontext in der Konversationsanalyse anzustellen. In beiden Interviewausschnitten ist es zentral auch um Selbst- und Fremdpositionierung im Gespräch gegangen: Berit S. arbeitete ständig daran, sich und ihren Mann Knut als "ganze Menschen" zu positionieren. Darüber hinaus positionierte sie sich und ihren Mann als Angehörige der Kriegsgeneration mit einer entsprechenden Erfahrung und Einstellung zum Erinnern, die ihnen eine Form von moralischer Autorität (wenn nicht gar Überlegenheit) gegenüber einer Gesellschaft mit ihrer Tendenz zu Oberflächlichkeit, Werteverfall und Gleichgültigkeit verleiht, so jedenfalls Berits Anspruch, wie er in ihrer Kritik an den gegenwärtigen Zuständen zum Ausdruck kommt. Im Interview mit Carl T. positionierte sich Carl T. als zu Unrecht Bestrafter und als jemand, der in der norwegischen Nachkriegsgesellschaft "auf der falschen Seite" stand. Die Interviewerin Svjetlana instrumentalisierte einerseits ihren Migrationshintergrund, um einen Konflikt im Gespräch zu lösen, andererseits aber "kämpfte" sie um ihre Zugehörigkeit in Norwegen, ihre norwegische Identität, und behauptete diese gegenüber Carl T. Alle beschriebenen Positionierungsaktivitäten führen jeweils ins Zentrum der Dynamik der beiden Gespräche. Fragen der Positionierung im Gespräch, wie sie in der Konversationsanalyse seit ca. Mitte der 1990er Jahre thematisiert werden, sind inspiriert von der Positioning Theory der diskursiven Psychologie.44) Die Fragen der Positionierung im Gespräch sind eng verknüpft mit der Rolle des Kontextes in der Interaktion. Die Kontextabhängigkeit bzw. Kontextsensitivität mündlicher Kommunikation (als eine der Grundannahmen jeder Beschäftigung mit ihr) haben wir bisher nicht eigens erwähnt. Hier aber wird das notwendig. Jeder Beitrag in einem Gespräch ist per se einerseits abhängig vom ganz spezifischen Kontext der jeweiligen Interaktionssituation (des Interaktionsverlaufs, der sozialen Situation, des geteilten Hintergrundwissens etc.). Kontext ist jedoch andererseits (anders als z.B. in frühen Arbeiten zur Soziolinguistik gefasst) keine stabile Größe, sondern er verändert sich im Vollzug der Interaktion, d.h., die Interagierenden selbst schaffen Kontext bzw. modifizieren ihn. Dazu schreiben GÜLICH und MONDADA (2008, S.14):

"[...] jede Handlung ist zwangsläufig 'indexikal', d.h. sie verweist grundsätzlich auf den unmittelbaren Kontext, in dem sie vollzogen wird. Zugleich definiert die Handlung aber auch den Kontext, denn sie orientiert sich an bestimmten Kontextfaktoren; das wird daran deutlich, dass sie diese relevant setzt. Die wechselseitige Anpassung der Handlung an den Kontext und des Kontexts an die Handlung wird als 'Reflexivität' bezeichnet [...]." [83]

SCHMITT (1993, S.328) spricht in prägnanter Weise von "kontextuelle[n] Einflüsse[n] auf das Interaktionsverhalten und [der] kontextstiftende[n] Qualität von Interaktion". Für GesprächsanalytikerInnen besteht dabei die Herausforderung des Zugangs zum Verständnis, das die Interaktionsbeteiligten selbst vom Kontext und seinem Einfluss auf ihr Handeln haben und von der Art und Weise, wie sie selbst im interaktiven Umgang miteinander mit dem Kontext umgehen und ihn verändern.45) Zu dieser Herausforderung äußert BERGMANN (1981, S.30): "Die Konversationsanalyse stellt sich [...] die Aufgabe, zu untersuchen, wie und wo die Interagierenden ihre Analyse und ihr Verstehen des Kontexts in ihren Äußerungen zum Ausdruck bringen und damit – reflexiv – den Kontext (re-) produzieren [...]."46)[84]

Diese Einsicht hat Bedeutung für unsere Versuche einer gesprächsanalytischen Annäherung an Geschichtsbewusstsein, also den aktuellen Vollzug von Geschichtsbewusstsein in den analysierten Interviews. Die erinnerungskulturellen Positionierungen der Beteiligten (gezielt und bewusst geteilt oder eher implizit bzw. indirekt im Vollzug einer Handlung vermittelt) sind untrennbar mit der jeweils spezifischen Interaktionssituation (hier der Interviewsituation anlässlich der Eröffnung einer Gedenkstätte) und ihren besonderen kontextuellen Gegebenheiten verbunden. Sie sind also prinzipiell partikulär, wenngleich auch nicht arbiträr, da der Rahmen für diese Positionierungen durch das jeweilige Sozialisierungs- und Biografie-bedingte Repertoire der Beteiligten vorgegeben ist. Dieser Befund relativiert einerseits die "Gültigkeit" bzw. Reichweite von in konkreten Interaktionskontexten "ausgehandelten" Geschichtsdeutungen; andererseits war eine der Grundannahmen unseres kleinen Projektes ja gerade, dass Geschichtsbewusstsein keine stabile Größe ist, sondern dynamische Qualität hat und im Vollzug von Interaktion Nuancierungen und Modifizierungen erfährt. Individuelle Geschichtsdeutungen und existierende erinnerungskulturelle und geschichtspolitische Deutungsrahmen stehen dabei in einem dynamischen Wechselverhältnis, welches in der konkreten Interaktion aktualisiert wird: Einerseits wirkt die Dynamik der Interaktion auf Geschichtsdeutungen ein, und andererseits macht Geschichtsbewusstsein einen großen Teil der interaktiven Dynamik in den Interviews aus. Im Brechungsfeld zwischen offizieller Erinnerungskultur und privaten Sinngebungsprozessen und Orientierungsbedürfnissen entwickelten sich kommunikative Strategien wie "Rechtfertigen", "Anklagen", "Sich-als-Opfer-Etablieren", "Um-Mitleid-Appellieren", "Sich-Verorten", "Andere-Verorten", "Vereinnahmen", "Selbst-Überhöhen" – bewusst oder unbewusst inszeniert und alle funktionalisiert im Rahmen von Selbstverständigung und Selbstdarstellung (GOFFMAN 2003 [1959]). [85]

Betonen wollen wir abschließend auch noch einmal, dass es sich um Einzelfallanalysen handelt und Generalisierungen (auch unter Einbeziehung anderer Verlaufsanalysen von Interviews der beiden Korpora) kaum möglich sind. Unser Hauptanliegen in diesem Beitrag war ein Verfahren zu demonstrieren, und wir glauben gezeigt zu haben, dass die gesprächsanalytischen Rekonstruktionen, im Zusammenspiel mit der Analyse von erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Diskursen, einen analytischen Gewinn bringen: Sie eröffnen den unmittelbaren Zugang zum prozessualen Charakter von Geschichtsbewusstsein in konkreter Interaktion. [86]

Anhang 1: Legende zur Transkription

.....(verstehen)

steigende Intonation (Ton geht nach oben)

….(also)

fallende Intonation (Ton geht nach unten)

….(engagiert−)

schwebende Intonation (gleichbleibende Tonhöhe)

* …..(also *)

kurze Pause (bis max. ½ Sekunde)

** ….(tag **)

etwas längere Pause (bis max. 1 Sekunde)

*2* ..(denkt *2*)

längere Pause mit Zeitangabe in Sekunden

' …...('viele)

Akzent (besonderer Tondruck)

…..(bin:− )

markiert besonders gedehnte(n) Laut/Silbe

(…)

unverständliche Sequenz

?..... (d?ja)

Alternativlautung (hier: nicht hörbar, ob "da" oder "ja")

# #

(Berit S.:……..#eh: aber=eh: vieles is:− # eh: −

 

K:…………….#LANGSAMER#)

 

markiert Extension eines Kommentars

> < ..(>hm− < )

deutlich leiser

Unterstreichung und

Carl T.:……………………......nein:−

Überlappung auf

Svjetlana: ich weiß zu wenig davon leider

der Partiturzeile

(simultane Äußerungen)

Anhang 2: norwegische Versionen der Gesprächsausschnitte

Interviewausschnitt 1 (Berit und Knut)

1

Kari:

skal vi begynne å snakke litt om personlig motivasjon for å være her i

 

Berit S.:

 …...............................................................................................................

2

Kari:

dagfor liksom dere kan si meg hva deres personlige motivasjon er *

 

Berit S.:

……ja

3

Kari:

for å komme hit til Falstad i dag*

 

Berit S.:

……………………………………..#ja* # * det er i grunnen 'mange

 

K:

……………………………………..#ZÖGERND/ETWAS GEQUÄLT#

4

Kari:

 

 

Berit S.:

motivasjoner * det er både personlige og− * æ:: hva skal jeg si *

5

Kari:

 

 

Berit S.:

det er jo=æ: noe som vi har gjennomlevd=æ: krigen * æ:− det gir jo

6

Kari:

 

 

Berit S.:

tanker for hva som har skjedd med enkelte * jeg har selv hatt en onkel

7

Kari:

 

 

Berit S.:

Her*æ: men også synes jeg at det er viktig at vi * tenker over hva dette

8

Kari:

……………………….………hm−

 

Berit S.:

stedet har=æ * æ:− betydd……..æ:− det er viktig at disse tankene

9

Kari:

 

 

Berit S.:

holdes levende fremover for hva vi/ * æ:− #hvordan vi skal:#

 

K:

………………………………………………..#LANGSAMER/ZÖGERND#

10

Kari:

…………………………..hm− *

 

Berit S.:

#'bli som mennesker#............for i dag så er det så mye likegyldighet *

 

K:

#SCHNELLER/MEHR TONDRUCK#

11

Kari:

 

 

Berit S.:

det er heldigvis så mye fine mennesker * det ser vi jo ikke minst 'her *

12

Kari:

 

 

Berit S.:

#æ: men=æ: mye er:−# æ:− det er så overfladisk↑* og lite engasjert− *

 

K:

#LANGSAMER#

13

Kari:

 

 

Berit S.:

det ser vi/ har et godt eksempel i Trondhjem vi har altså en fantastisk

14

Kari:

 

 

Berit S.:

(…) plass * i Trondhjem som ligger ved Royal Garden like ved

15

Kari:

 

 

Berit S.:

Blomsterbroen↑* o:g der står det en statue↑* over de falne* eller de som

16

Kari:

 

 

Berit S.:

æ mistet livet sitt på sjøen * og det blir ikke respektert av byen æ:− og

17

Kari:

 

 

Berit S.:

bystyret * jeg mener (…) det at kommunestyret og byens befolkning *

18

Kari:

 

 

Berit S.:

bør vise litt re'spekt æ: for dette stedet* instedet er det blitt altså et=æ:

19

Kari:

 

 

Berit S.:

sirkusområde * man kan ikke få i sekk og pose * og dette stedet er

20

Kari:

 

 

Berit S.:

'med * å skal=æ: la oss få vokse lite grann og forstå * hva slike

21

Kari:

 

 

Berit S.:

steder=æ: vi må ha noen tanker oppe i hodet * som fører oss videre

22

Kari:

 

 

Berit S.:

altså * ellers blir det på standby d?ja

Interviewausschnitt 2 (Carl T.)

1

Carl T.:

 …............................................................................................................

 

Svet.:

det ville ha vært veldig spennende å intervjue deg etter

2

Carl T.:

 

 

Svet.:

at du hadde vært å besøke oss altså det virker som du har− *

3

Carl T.:

ja jeg har/……………………………jeg har/ * husk jeg var femten

 

Svet.:

veldig mye peiling på dette her LACHT >hm<

4

Carl T.:

år når krigen kom− * #det var ikke så lett−# opp=på Ilebu så satt

 

K:

……………………….#LEISER UND SCHNELLER#

 

Svet.:

……………………….hm:………………………….>hm<

5

Carl T.:

det 'tohundre'femti − * s/ gutter− * 'inne− * * d=var=ikke en som var

 

Svet.:

 

6

Carl T.:

over tjue 'år− *…….'tohundrefemti gutter * og man kan tenke om hva

 

Svet.:

………………..hm−……………………………….hm−

7

Carl T.:

slags oppfatning− * 'de * 'tohundrefemti guttene−/ * og det var bare

 

Svet.:

 

8

Carl T.:

'der på Ilebu ut=i 'Bærum− * når du tenker på landssammensetningen

 

Svet.:

……………………………… >hm<

9

Carl T.:

hvor 'mange det var som satt inne− *…….a=ja hundretusen− * men

 

Svet.:

………………………………………….hm−

10

Carl T.:

det var med små/ smått og stort− *…….så dessverre− * det var gjort en

 

Svet.:

hm−................................................hm−

11

Carl T.:

stor 'feil den gangen *……….de:t−/ * 'ja: sier du men du mener det

 

Svet.:

………………………....# ja−#

 

K:

……………………..…..# LEISE/ZÖGERND#

12

Carl T.:

Ikke……………….…nei:–……...............................………..nei:–

 

Svet.:

……jeg vet ikke nok om det dessverre……..LACHT KURZ

13

Carl T.:

#hvor# kommer du−………………………… ja

 

K:

#WILL WOHL SAGEN "HVORFRA" UND VERSCHLUCKT 2. SILBE#

 

Svet.:

……………………… hvor jeg kommer fra…… jeg kommer fra

14

Carl T.:

………………………#Bosnia− * du verden#

 

K:

………………………#ERSTAUNT#

 

Svet.:

Bosnia opprinnelig…………….hm−………...langt fra (…) LACHT

15

Carl T.:

det er lenge siden du snakker så godt norsk du

 

Svet.:

………………………………………………………#ja:# jeg bodde her (…)

 

K:

………………………………………………………#KLINGT GEZIERT#

16

Carl T.:

 

 

Svet.:

lengre enn jeg bodde i Bosnia LACHT

17

Carl T.:

……………………………………………#Bosnia……..(…)

 

K:

……………………………………………#ZÖGERND/NACHDENKLICH#

 

Svet.:

………………………………………………………hm−

18

Carl T.:

Bosnia-Hercegovalja#....................ja:− min mellomste bror han− * 'var

 

Svet.:

…………………………hmhm *4*

19

Carl T.:

med/ * men de fleste av disse de meldte seg frivillig de tenkte jo på

 

Svet.:

 

20

Carl T.:

Finland * og hjemme i Norge så satt jo gamle kjerringer og * strikket

 

Svet.:

 

21

Carl T.:

hett/ * finlandshetter til å trekke over hodene………….det var deres

 

Svet.:

……………………………………………………#ja=he#

 

K:

……………………………………………………#LACHEND#

22

Carl T.:

innsats ikke sant * og det ble gitt ut/ * * kan du for'stå at det var noe

 

Svet.:

……….hm−

23

Carl T.:

'meningen i noe * o=vi snekk/ snakker om dette her med * over 672 *

 

Svet.:

 

24

Carl T.:

jøder som * ble arrestert og sendt til Tyskland og så kom det femten

 

Svet.:

 

25

Carl T.:

seisten stykker tilbake igjen av dem * det er jo helt forferdelig å tenke

 

Svet.:

 

26

Carl T.:

men når en tenker på at *2* #nede i Irak så går det like mange

 

K:

………………………………….....#SPRICHT MEHR UND MEHR

 

Svet.:

 

27

Carl T.:

da om dagen# * * nei−………jeg vet ikke *

 

K:

LACHEND/KLINGT GEKÜNSTELT#

 

Svet.:

………………..….det er=eh/………………… det er også noe å tenke

28

Carl T.:

…. ja det er også noe å tenke på

 

Svet.:

Anmerkungen

1) Hierbei wurde die mediale Berichterstattung über die Ereignisse herangezogen, aber auch die zahlreichen Reden offizieller VertreterInnen auf beiden Veranstaltungen. Von besonderem Interesse sind hierbei die Reden des Außenministers Jonas GAHR STØRE, der im Abstand einiger Wochen bei beiden Eröffnungen sprach. <zurück>

2) Eine kurze Erläuterung zur für dieses Projekt gewählten Form der Gesprächsanalyse und zu den für diesen Artikel gewählten Verschriftlichungskonventionen haben wir den beiden Fallanalysen vorangestellt (siehe Abschnitt 7.1), damit Analysemethode und Konventionen bei Einstieg in die Feinanalysen den Lesenden direkt präsent sind. <zurück>

3) Bei dieser Wiederauswertung betrachten wir die Interviews also nicht als "Texte", sondern als "soziale Interaktion"; vgl. dazu DEPPERMANN (2013, Abstract): "Nach dem Text-Verständnis werden Interviews unter inhaltlichen Gesichtspunkten analysiert und als Zugang zu einer vorgängigen sozialen oder psychischen Wirklichkeit angesehen. Das Interaktions-Verständnis versteht Interviews dagegen als situierte Praxis, in welcher im Hier und Jetzt von InterviewerInnen und Befragten gemeinsam soziale Sinnstrukturen hergestellt werden." <zurück>

4) In den letzten Jahren hat sich eine Reihe von Forschungsprojekten solcher "vergessener" Themen der Besatzungsgeschichte und -nachgeschichte (Deutschenkinder, juristische Aufarbeitung der Besatzungszeit, SS-Freiwillige) angenommen. Da diese Forschungsprojekte z.T. massive öffentliche Aufmerksamkeit erfahren haben, kann insofern auch nicht mehr von fehlender Bearbeitung dieser Aspekte gesprochen werden. Fraglich bleibt jedoch, ob dies zu einer generellen Verschiebung der öffentlichen Erinnerung führen wird. Vgl. hierzu JUSTIS- OG BEREDSKAPSDEPARTEMENTET (2004). <zurück>

5) Webseite des HL-Zentrums: http://www.hlsenteret.no/om/ [Zugriff: 13. November 2016]. Diese und alle folgenden Übersetzungen aus dem Norwegischen wurden von uns vorgenommen. <zurück>

6) Siehe http://falstadsenteret.no/historie/falstadskogen/ [Zugriff 20.Oktober 2016]. <zurück>

7) Es wäre lohnenswert, auch die übrigen Reden dahingehend zu analysieren, wie sich die einzelnen Akteurinnen und Akteure in den Diskurs konsensfähiger Thematisierung der Vergangenheit einschrieben. <zurück>

8) Bei der Einweihung eines Gedenksteins für exekutierte jugoslawischer und russische Zwangsarbeiter unweit der Gedenkstätte und bei der offiziellen Eröffnung der Gedenkstätte. <zurück>

9) Vgl. NOTHDURFT (1995) und SCHRÖDER (1997). Zum Transkriptionsverfahren, an dem wir uns hier orientiert haben, und zu einer ausführlicheren Erläuterung zum ontologischen Status von Transkriptionen vgl. SCHRÖDER (1997). Zu den im Institut für deutsche Sprache entwickelten Transkriptionskonventionen mit einer Übersicht über alle verwendeten Transkriptionszeichen vgl. auch FIEHLER, BARDEN, ELSTERMANN und KRAFT (2004). Diese Verschriftlichungskonventionen gingen ein in die im Institut für deutsche Sprache in den 1990er Jahren entwickelte Diskursdatenbank (DIDA), ein für das Archiv "Gesprochene Sprache" des Instituts für deutsche Sprache bis 2004 verwendetes Transkriptionssystem. Damit war eine Entwicklung abgeschlossen, die Mitte der 1960er Jahre im Zusammenhang mit der Erforschung der gesprochenen Sprache in der Forschungsstelle für gesprochene Sprache des Instituts für deutsche Sprache (zunächst in Kiel und dann später in Freiburg unter Leitung von Hugo STEGER) begonnen hatte. Peter SCHRÖDER war seit Ende der 1960er Jahre an dieser Entwicklung beteiligt. In der deutschen Linguistik spielte darüber hinaus vor allem das von EHLICH und REHBEIN (1976) entwickelte Transkriptionssystem HIAT (Halbinterpretative Arbeitstranskription) eine Rolle, während die von KALLMEYER und SCHÜTZE (1976) benutzten Konventionen vor allem in der deutschen Soziologie Berücksichtigung fanden (vgl. dazu DEPPERMANN 2008). Durchgesetzt aber hat sich das gesprächsanalytische Transkriptionssystem GAT, und zwar sowohl in der deutschen Soziologie als auch in der Linguistik (vgl. SELTING et al. 1998 und die aktualisierte und überarbeitete Version GAT 2 von SELTING et al. 2009). <zurück>

10) Vgl. GÜLICH und MONDADA (2008, S.21), die alternativ auch von "Interaktionslinguistik" sprechen. Wir wollen und können in diesem Rahmen keine ausführlichere Einführung in die Konversationsanalyse mit ihrer sehr komplexen und oft kontroversen Geschichte zwischen Soziologie und Linguistik geben; mit unseren Hinweisen an dieser Stelle wollen wir lediglich zu einer Lokalisierung der hier gewählten Methode in dieser komplexen Geschichte beitragen. <zurück>

11) Das Projekt wurde von Werner KALLMEYER geleitet. <zurück>

12) Peter SCHRÖDER war maßgeblich an beiden Projekten beteiligt. <zurück>

13) Peter SCHRÖDER war an der konzeptionellen Phase des Projekts "Eigenschaften gesprochener Sprache" beteiligt (vgl. FIEHLER et al. 2004) und hat mit Konzepten einer interaktionsorientierten Grammatik empirisch gearbeitet (vgl. SCHRÖDER 1998, 2006). <zurück>

14) Vgl. dazu z.B. SCHMITT (1993). <zurück>

15) Zu den Konzepten epistemic stance (also Haltungen/Einstellungen, wie sie Teilnehmende in der Interaktion gegenüber eigenem Wissen oder Wissen der anderen einnehmen) und epistemic status (also dem Wissensstatus, den sie aufgrund ihrer sozialen Rollen und Zugehörigkeiten – z.B. auch Generation bzw. Altersgruppe oder biografischer Hintergrund – quasi in die Situation einbringen oder der ihnen im Vollzug der Interaktion zugeschrieben wird) vgl. z.B. DEPPERMANN (2015) oder auch STIVERS, MONDADA und STEENSIG (2011). Zu Fragen von affiliation (also Zugehörigkeit) und alignment (also Phänomenen von Anpassung oder Kooperation und natürlich dem Gegenteil) vgl. vor allem STIVERS et al. (2011), siehe aber auch HERITAGE und RAYMOND (2005) und RAYMOND und HERITAGE (2006). <zurück>

16) Die Namen der Interviewerinnen und Interviewten wurden anonymisiert. <zurück>

17) Für die Interviewausschnitte haben wir deutsche "Interlinear"-Versionen der norwegischen Transkription erstellt; siehe zusätzlich die norwegische Version in Anhang 2. <zurück>

18) Gemeint ist eine mit phonetischen Mitteln erzeugte kommunikative Gewichtung. Das Konzept des "Tondrucks" wird vor allem in der Literatur zum Fremdsprachenerwerb verwendet. Die Bedeutung deckt sich dabei mit einer der möglichen Bedeutungen des Terminus "Akzent" als Hervorhebung; diese Wirkung kann mit einem ganzen Komplex von artikulatorischen Mitteln erzeugt werden. z.B. Intensität der Artikulation, Dehnung des Elements, Tonhöhe und Dynamik (vgl. dazu STAMMERJOHANN 1975). Der Ausdruck "Tondruck" scheint uns den komplexen Charakter dieses suprasegmentalen Phänomens angemessener wiederzugeben als der Begriff "Akzent". <zurück>

19) 2006 war Knut 80 und Berit 67 Jahre alt; sie haben den Krieg also als Kinder bzw. Jugendliche erlebt. <zurück>

20) Wann und aus welchem Grund erwähnt Berit nicht. <zurück>

21) Auf die Interaktionsbeziehungen und mögliche interaktive Vorgänge zwischen der Interviewerin Kari und der Interviewten Berit gehen wir in den abschließenden Bemerkungen zu dieser ersten Beispielanalyse ein. <zurück>

22) "Entgegensetzend"– hier mit einer Entgegensetzung markierenden Konjunktion. <zurück>

23) Dass die Art und Weise, wie Berit hier rhetorisch modelliert, kein Zufall ist, wird im weiteren Gesprächsverlauf dann sehr deutlich: Das Ideal von Vergangenheitsbewusstheit und der Verpflichtung auf menschliche Grundwerte in Gegenwart und Zukunft ist leitmotivisch in ihren Narrativen und verdichtet sich im Konzept des "ganzen Menschen". <zurück>

24) Wenig später im Interview (im Rahmen einer komplexen Aktivität, mit der sie ihre Idee vom "ganzen Menschen" zu entwickeln versucht) beruft sie sich explizit auf GAHR STØRE: "han utenriksministeren synes jeg sa det så godt" ["der außenminister meine ich hat das so gut ausgedrückt" ] – ein Hinweis, der es nahelegt, auch die hier analysierte Passage – quasi retrospektiv – als gezielte Referenz auf GAHR STØREs Eröffnungsrede zu interpretieren. <zurück>

25) Die norwegische Originalversion (vgl. Anhang 2, Z.19: " * man kan ikke få i sekk og pose↓" – "man kann nicht gleichzeitig etwas in einem sack und in einer tüte bekommen") hat – formal gesehen – viel stärkeren Gemeinplatzcharakter als unsere deutsche Übersetzung. Eine angemessenere Übersetzung wäre: "Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen"; diese Übersetzung aber schien uns für unsere Zwecke nicht knapp genug zu sein. <zurück>

26) Vgl. die Erläuterungen zum "sakralen Ort" weiter unten in diesem Abschnitt. <zurück>

27) Es kann durchaus sein, dass dies – also eine ihrer Auffassung nach zu große Beiläufigkeit in der Formulierungsweise – der eigentliche Grund für eine Selbstkorrektur war, für die ansonsten – und vor allem inhaltlich – kein erkennbarer Grund vorliegt. <zurück>

28) Grenztonmuster beschreiben den finalen Tonhöhenverlauf am Ende von intonatorischen Einheiten (progredient oder schwebend, steigend und fallend als Grundtypen); sie haben eine wichtige grammatische und kommunikative Funktion. Das Konzept des "Grenztonmusters" ersetzt faktisch das von VON ESSEN (1956) eingeführte Konzept der "Kadenz" und wird seit den 1970er Jahren bis heute von vielen VertreterInnen der funktionalen Pragmatik, der funktionalen Grammatik, der interaktionalen Linguistik, aber auch der Gesprächsforschung benutzt. Vgl. z.B. EHLICH und REHBEIN (1976), ZIFONUN, HOFFMANN und STRECKER (1997), SANDIG (2000) und SELTING et al. (1998), um nur einige herauszugreifen. <zurück>

29) Positionierungsaktivitäten (Fremd- und Selbstpositionierung) spielen auch im zweiten hier analysierten Interview-Ausschnitt (siehe Abschnitt 7.3) eine zentrale Rolle. Der Frage von Positionierung im Gespräch und der Rolle von Kontext in der Konversationsanalyse widmen wir in Abschnitt 8 ("Abschließende Betrachtungen") Aufmerksamkeit, in dem wir auch einen kritischen und theoretischen Rahmen für diese Phänomene herstellen. <zurück>

30) Dieser Eindruck vermittelt sich über immer wiederkehrende Äußerungen wie z.B.: "es steckt was in diesen mauern hier also das lässt dich nicht mehr los" [norw. Original: "det sitter noe i veggene her altså du blir stemt"] oder "aber der hat eine mission der ort also die hat der" [norw. Original: "men det har en misjon stedet, altså det har det"]. <zurück>

31) Das Gebäude wurde von 1942 bis zur Befreiung Norwegens im Mai 1945 von Vidkun QUISLING, dem Führer der norwegischen Kollaborationsregierung, als Privatdomizil genutzt. <zurück>

32) Dass Mitglieder der Nationalen Sammlung nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen wurden, auch wenn sie nicht direkt oder aktiv an der Verhaftung und Verschleppung der jüdischen Bevölkerung beteiligt waren, während Polizisten, die aktiv an der Verhaftung und Verschleppung norwegischer Juden und Jüdinnen mitgewirkt hatten, straffrei ausgingen, ist eine der bis heute nicht fertig bearbeiteten dunklen Seiten der norwegischen Nachkriegsgeschichte. Erst am 26. November 2012, als sich die Deportation von 532 jüdischen Kindern, Frauen und Männern nach Auschwitz mit der D/S Donau zum 70sten Mal jährte, hat sich der norwegische Polizeidirektor Odd Reidar HUMLEGÅRD öffentlich für die Beteiligung der norwegischen Polizei an Verhaftung und Deportation entschuldigt. Nur 9 der 532 Personen haben überlebt. <zurück>

33) Hier mit dem " − " markiert, d.h., der Ton geht weder deutlich nach oben noch deutlich nach unten, sondern bleibt etwa auf der gleichen Höhe – progredient oder schwebend. Auf diese Weise markieren SprecherInnen vor einem Absetzen im Artikulationsfluss ihre Fortsetzungsintention; man kann auch sagen: das schwebende Grenztonmuster hat eine projektive Leistung. <zurück>

34) Wie in Fußnote 32 ausführlicher erläutert, ist dieser Aspekt Teil von Carl T.s Narrativ, den er vor dem hier analysierten Ausschnitt erwähnt, und er spielt auf die Tatsache an, dass allein die Zugehörigkeit zur Nationalen Sammlung eine Lagerstrafe rechtfertigte, während Polizisten, die im Dienst aktiv an Inhaftierung und Verschleppung mitwirkten, straffrei ausgingen. <zurück>

35) In der Verschriftlichung mit dem Schrägstrich ( / ) und dem Zeichen für ein Absetzen oder eine Pause ( * ) markiert. <zurück>

36) Auch wenn wir damit gegen das Prinzip einer streng sequenziell vorgehenden Rekonstruktion verstoßen, möchten wir in diesem Zusammenhang auch auf den Schluss des hier gewählten Interviewausschnitts hinweisen, in dem die Beteiligten mit ihren jeweils unterschiedlichen Positionen umgehen müssen, was die Deportation von Juden und Jüdinnen aus Norwegen in der deutschen Besatzungszeit und einen Vergleich mit den täglichen Todesfällen im Irak-Krieg angeht. <zurück>

37) Die hier analysierte Aktivitätssequenz macht eine der Grundannahmen von Konversationsanalyse besonders augenscheinlich, die Annahme, dass kommunikativer Sinn interaktiv hergestellt bzw. ausgehandelt wird. <zurück>

38) Wir haben Svjetlanas Norwegisch von einem Muttersprachler beurteilen lassen und dabei nichts von ihrem Migrationshintergrund gesagt; das Urteil: Svjetlana ist Norwegerin und spricht akzentfreies Norwegisch. <zurück>

39) Es wirkt paradox, dass Svjetlana hier fast gleichzeitig einerseits ihren Migrationshintergrund als Ressource zur Wiederherstellung ihrer Glaubwürdigkeit einsetzt und andererseits einigen Aufwand betreibt, um ihre norwegische Identität zu behaupten. Thematisiert wird dieser Widerspruch im Gespräch nicht. <zurück>

40) Der Begriff wurde von PIERCE (1970) eingeführt, der damit eine typische Verhaltensweise Weißer im Rassismusdiskurs zwischen Weiß und Schwarz in den USA erfassen wollte. Komplizierend für die jeweilige soziale Situation wirkt sich die Tatsache aus, dass in der Regel die negativen Implikationen dieser "Komplimente" ihren BenutzerInnen nicht bewusst sind, so wohl auch hier in der Situation zwischen Svjetlana und Carl T. <zurück>

41) Brigitta BUZINSZKI (2016) hat zum "Lob der Sprache" und zu anderen Mikroaggressionen einen treffenden Artikel geschrieben. <zurück>

42) Die Dynamik dieser Episode hat sehr viel zu tun mit Konzepten, auf die wir bereits einleitend hingewiesen haben und die in gesprächsanalytischen Arbeiten der letzten zehn bis fünfzehn Jahre eine immer größere Rolle gespielt haben: epistemic stance, epistemic status, affiliation und alignment. (vgl. Fußnote 15). <zurück>

43) Für den gesamten Teilturn benutzt Carl T. – sicher unbewusst – ein rhetorisch äußerst wirksames Formulierungsprinzip, nämlich einen Chiasmus, d.h. ein Formulierungsmuster mit der Form "ABBA":

Sachverhalt A: Holocaustopfer in Norwegen
Bewertung B: "das ist schon unheimlich schlimm wenn man daran denkt"
Bewertung B: "aber wenn man daran denkt"
Sachverhalt A: tägliche Zahl der Opfer im Irak. <zurück>

44) Zur Begründung der Positioning Theory vgl. HARRÉ und LANGENHOVE (1999) sowie HOLLWAY (1984). Zum theoretischen und empirischen Umgang der Konversationsanalyse mit Fragen der Positionierung siehe z.B. LUCIUS-HOENE und DEPPERMANN (2004) oder WOLF (1999). <zurück>

45) In dem Zusammenhang erinnern wir an die Schwierigkeiten, die wir hatten, ohne entsprechende Hinweise in den Aktivitäten der Beteiligten zu entscheiden, ob Berit S. GAHR STØREs Rede in dem von uns analysierten Ausschnitt für ihre Aktivitäten instrumentalisierte, quasi Anleihen bei ihm machte, oder ob es sich um eine (zwar nicht zufällige – wegen des Anlasses) Parallelität handelte, in dem beide auf Bestandteile der öffentlichen Erinnerungskultur Norwegens zurückgriffen. <zurück>

46) BERGMANN beruft sich dabei u.a. auf SACKS, SCHEGLOFF und JEFFERSON (1974). <zurück>

47) Funkkolleg Sprache. Eine Einführung in die moderne Linguistik. Band II. (IV. Semantik und Pragmatik u. V. Soziolinguistik). Wissenschaftl. Leitung Klaus BAUMGÄRTNER und Hugo STEGER. Frankfurt/M., 1973 (8. Aufl. 1982): Fischer Taschenbuch. MitautorInnen von Band II waren Hans BÜHLER, Karl-Helge DEUTRICH, Gisbert KESELING, Utz MAAS, Roland POSNER, Gerhard SCHANK, Eva SCHÜTZ, Hugo STEGER, Herbert Ernst WIEGAND und Dieter WUNDERLICH. <zurück>

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Zur Autorin und zum Autor

Claudia LENZ (Prof. Dr. Phil.), derzeitige Positionen: Professorin an der Norwegian School of Theology und Research Professor am Center for Studies of Holocaust and Religious Minorities. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Geschichtsbewusstsein, Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, Geschichtsdidaktik, Demokratiepädagogik sowie Vorbeugung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der Schule. Neuere Publikation: mit Sanna BRATTLAND und Lise KVANDE (Hrsg.) (2016). Crossing Borders. Combining Human Rights Education and History Education. Berlin: Lit.

Kontakt:

Claudia Lenz

Norwegian School of Theology Postboks 5144 Majorstuen
0302 OSLO
Norwegen

Tel.: +47 98841521

E-Mail: claudia.lenz@mf.no
URL: http://www.mf.no/ansatte/13571

 

Peter SCHRÖDER (Prof. em. Dr. phil.) war langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Sprache Mannheim (bis Ende 1977 a.d. Universität Freiburg) und maßgeblich beteiligt an verschiedenen empirischen Projekten zur Grammatik der gesprochenen Sprache und zu institutioneller Kommunikation. In Norwegen war er zuletzt verantwortlich für ein "Hovedfag"-Studium (vergleichbar einem Masterstudium) zur deutschen Wirtschaftskommunikation. Er war auch Mitautor beim "Funk-Kolleg Sprache".47) Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit waren/sind Soziolinguistik, Grammatik der gesprochenen Sprache und Gesprächsanalyse.

Kontakt:

Peter Schröder

Voksenhagen 27
0770 Oslo
Norwegen

Tel.: +47 97643096

E-Mail: schrodpet@gmail.com

Zitation

Lenz, Claudia & Schröder, Peter (2018). "Orte, an denen man wachsen kann" – Empirische Rekonstruktionen von Sinnzuschreibungen im Zusammenhang mit der Eröffnung zweier norwegischer Gedenkstätten [86 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 19(3), Art. 16, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-19.3.2778.



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