Volume 8, No. 3, Art. 32 – September 2007

Bin ich drin? – Methodologische Reflektionen zur ethnografischen Forschung in einem plurilokalen, computervermittelten Feld1)

Heike Mónika Greschke

Zusammenfassung: In diesem Beitrag wird ein "fremdes Volk" vorgestellt, das gemeinsam einen virtuellen Raum im World Wide Web (WWW) bewohnt, während sich die physisch-lokal situierten lebensweltlichen Kontexte der einzelnen Protagonist/innen voneinander unterscheiden. Diese soziale Formation ist in ihrer (geografischen) Reichweite potenziell global und konstituiert sich durch die Verknüpfung virtuell-globaler mit physisch-lokalen Dimensionen der Lebenswelt sowie durch die kombinierte Nutzung medialer und kopräsenter Formen der Kommunikation. Die ethnografische Forschung in einem solchen plurilokalen, computervermittelten Feld eröffnet Probleme, die sorgsam reflektiert und für die kreative Lösungen gefunden werden wollen: Wo fängt das Feld an, wo hört es auf? Was bedeutet "dort sein" in diesem Fall? Bin ich schon da, wenn ich von meinem Schreibtisch aus die entsprechende Seite im WWW öffne und – unbemerkt von den aktiven Teilnehmer/innen – deren kommunikative Aktivitäten beobachte? Oder impliziert im Feld sein, dass ich präsent bin und mich an den Aktivitäten beteilige, gleichsam eine Weile mit dem "fremden Volk" zusammenlebe? Und was heißt in dem Fall überhaupt "Zusammenleben"? Erfahre ich genug über mein Feld, wenn ich mich nur an den virtuellen Aktivitäten beteilige oder sind auch die physisch-lokalen Kontexte der Nutzer/innen zu berücksichtigen? Insbesondere der Eintritt ins Feld und das Im-Feld-Sein in einem plurilokalen und computervermittelten Forschungskontext wirft in der Praxis Fragen auf, die in diesem Beitrag anhand der Erfahrungen im Rahmen einer kürzlich abgeschlossenen ethnografischen Fallstudie diskutiert werden.

Keywords: Ethnografie, Ethnomethodologie, transnationale Migration, Internet

Inhaltsverzeichnis

1. Neulich in www.cibervalle.com – Einblicke in den Alltag einer globalen Lebenswelt

2. Per Mausklick ins Forschungsfeld? – Ethnografie in der Internetforschung

2.1 Alltag im Internet: Virtuelle Ethnografie

2.2 Internet im Alltag: Ethnografie der lebensweltlich kontextualisierten Internetnutzung

2.3 Die Bedeutung des Internets für transnationale Populationen

2.4 Von Trinidad zum Internet

2.5 Beobachten ohne Teilnahme? – Anmerkungen zur Praktik des Lurkens in der virtuellen Ethnografie

2.6 Exkurs: Ethnomethodologische Anmerkungen zur Ethnografie

3. Konstruktion einer globalen Lebenswelt: Einblicke in die ethnografische Praxis in einem plurilokalen computervermittelten Feld

3.1 Fallzentrierte Konstruktion des Forschungsfeldes

3.2 Ein- und Aussteigen in einem plurilokalen, computervermittelten Forschungsfeld

3.3 "Hier und dort sein" – "hier oder dort sein": Wohin führt mobile (virtuelle) Ethnografie?

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Neulich in www.cibervalle.com – Einblicke2) in den Alltag einer globalen Lebenswelt

Es ist Montagmorgen, 8:00h. In einer kleinen Stadt in Kalifornien steht die Paraguayerin Angela gerade auf. Auf dem Weg ins Bad fährt sie ihren Computer im Schlafzimmer hoch, putzt sich die Zähne, geht dann zurück ins Schlafzimmer und loggt sich in den Messenger3) ein. Sie schaut, wer von ihren Kontakten online ist, startet dann ihren Browser, um direkt die Hauptseite des paraguayischen Online-Forums Cibervalle4) zu öffnen, das sie mit ihrem Heimatland und mit Landsleuten auf der ganzen Welt verbindet. Nacheinander öffnet sie einige der Tópicos5) – in denen sie sich am Abend zuvor mit ihren Freund/innen ausgetauscht hatte – um zu sehen, was sich in der Nacht in Cibervalle ereignet hat. Dann weckt sie die Kinder, zieht sie an und bereitet ihnen das Frühstück. Als sie das vertraute Signal hört, mit dem sie benachrichtigt wird, wenn einer ihrer Kontakte sie im Messenger anspricht, geht sie zurück an den Computer. Ein privates Konversationsfenster hat sich geöffnet, in dem ihr Bruder sie begrüßt. Er ist seit kurzer Zeit in Spanien und kann es kaum abwarten, ihr zu erzählen, dass er den Job bei der Baufirma bekommen hat, bei der er sich am Morgen vorgestellt hatte. Sie chattet kurz mit ihm, muss dann aber die Konversation beenden, weil die beiden Kinder sich in der Küche streiten.

In einem Büro in Paraguays Hauptstadt Asunción macht es sich Eduardo unterdessen mit seinem Mittagessen vor dem Computer bequem und schaut sich die aktuell diskutierten Tópicos im selben Forum an. Nach einem arbeitsreichen Vormittag nutzt er nun die Mittagspause, um sich mit der diesjährigen Spendenkampagne zu beschäftigen, die zu Weihnachten von den Cibervaller@s üblicherweise organisiert wird. Da begrüßt ihn Angela im Messenger. Ihre Kinder sind gerade im Kinderzimmer in ihr Spiel vertieft, so nutzt sie die Gelegenheit, um ihre Online-Kontakte zu pflegen. Sie fragt ihn nach dem Stand der Organisation der Spendenkampagne, die in diesem Jahr einem privaten Wohnheim für Straßenkinder in Asunción zugute kommen soll. Eduardo erzählt ihr, dass er mit einigen anderen Forumsmitgliedern gestern das Heim besucht habe, um die dort lebenden Kinder und die Betreuerin kennenzulernen und um sich ein Bild darüber zu machen, was am Nötigsten gebraucht wird. Über das Fenster ihrer Messenger-Konversation schickt er ihr den Link des Tópicos, den er gerade eröffnet hat. Angela schaut sich die Fotos darin an, die Eduardo während des Besuchs im Kinderheim gemacht hat und geht die Liste der dringend benötigten Sachen durch, die unter den Fotos platziert ist. Sie klärt mit Eduardo noch einige Details und macht ein paar Anschaffungsvorschläge, die er dann der Liste hinzufügt. Sie lässt sich seine Kontonummer geben, verspricht, sich mit einem kleinen Geldbetrag an der Kampagne zu beteiligen und bedauert, dass sie nicht vor Ort bei der Organisation behilflich sein kann.

Zur gleichen Zeit öffnet auch Irén in Asunción ihren Messenger und wartet darauf, dass sich ihr Freund Tomás in New York einloggt. Sie verbringen für gewöhnlich die Mittagspause zusammen. Die zeitliche Koordination ist für die beiden unproblematisch, da sich die beiden Städte in derselben Zeitzone befinden. Während sie auf ihn wartet, sieht sie im Forum die aktuellen Tópicos durch, trägt sich in Eduardos Tópico in die Liste der Helfer/innen der Spendenaktion ein und stellt dann verwundert fest, dass die letzten Diskussionsbeiträge ihres Freundes mit der IP6) des Servers versehen sind, den er zuhause benutzt. Ist er womöglich heute gar nicht zur Arbeit gegangen? Sie schickt ihm schnell eine Nachricht über den Messenger an sein Handy, über das er immer mit dem Messenger verbunden bleibt, wenn er unterwegs ist. Kurz darauf klingelt ihr Handy. Tomás teilt ihr mit, dass er gerade von einem Arzttermin kommt, letzte Nacht sei er mit furchtbaren Magenschmerzen aufgewacht, die einfach nicht aufhören wollten, so dass er heute Morgen nicht zur Arbeit habe gehen können. Sie unterhalten sich noch kurz, sie empfiehlt ihm eine bestimmte Sorte der Yuyos7) zu trinken, die sie ihm kürzlich für seinen Tereré8) per Post zugeschickt hatte, dann verabreden sie sich für den Abend zur gewohnten Zeit zum Chatten. Bevor sie wieder an die Arbeit geht, eröffnet sie noch einen Tópico im Forum, in dem sie ihrem Freund gute Besserung wünscht. Der Tópico füllt sich schnell mit Genesungswünschen von anderen Mitgliedern der Forumsgemeinschaft. Dann wird sie von Rafael aus der Schweiz im Messenger angesprochen. Er hat den Tópico gelesen und macht sich Sorgen um Tomás. Sie erzählt ihm, was sie weiß und verspricht, ihn auf dem Laufenden zu halten. Sie loggt sich schnell aus ihrem Messenger aus, bezahlt an der Kasse den geforderten Betrag und verlässt eilig das Internetcafé, um nicht zu spät an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Als sie am Abend von der Arbeit nach Hause kommt, geht sie sofort in ihr Zimmer und fährt den Computer hoch. Tomás wartet schon auf sie. Er liegt im Bett, mit dem Computer in Reichweite und hat die Webcam so eingestellt, dass sie ihn gut sehen kann. Auch sie schaltet ihre Webcam ein. Sie tauschen Neuigkeiten aus und sprechen kurz über die aktuellen Themen im Forum. Es gibt mal wieder Streit mit einem "neuen" Nick9). Man vermutet, dass es sich bei dem vermeintlich "Neuen" um einen Clon10) eines anderen Forumsteilnehmers handelt, der durch die Tópicos zieht, um die anderen zu provozieren. Tómas schickt Irén den Link eines Tópicos durch den Messenger und schreibt dazu: "Cibervalle hat ein neues Liebespaar!" Offenbar haben sich Anastasia und Perrito während des Treffens ineinander verliebt, das gestern von der Gruppe in Ciudad del Este veranstaltet wurde. Neugierig klickt Irén auf den Link und landet direkt in dem Tópico, das von der gestrigen Zusammenkunft berichtet. Das Treffen war anlässlich des Besuchs von Perrito veranstaltet worden, der in New York lebt und nun die Ferien in seiner Heimatstadt verbringt. Sie schaut sich die Fotos an und schmunzelt, als sie Anastasia und Perrito zusammen sieht. "Na so eine Überraschung" tippt sie in das Konversationsfenster, in dem sie sich mit Tomás unterhält und markiert die Ironie ihrer Äußerung mit einem zwinkernden Smiley. Schon seit längerem war ihr der rege Kontakt zwischen Anastasia und Perrito aufgefallen. In welchem Tópico auch immer die eine auftauchte, brauchte man auf den anderen nicht lange zu warten. Tomás unterbricht Iréns Gedanken, als er sie zu einer Partie Schach herausfordert. Mit der neuesten Version des Messengers lassen sich verschiedene Spiele benutzen, unter anderen gibt es auch ein Schachspiel. Am Ende gewinnt Irén und schaut triumphierend in die Kamera. Tomás lacht und zwinkert ihr zu. Morgen – so kündigt er an – wird sie keine Chance gegen ihn haben. Sie wünschen sich eine gute Nacht, Irén loggt sich aus, fährt den Computer herunter und schaltet das Licht aus.

www.cibervalle.com ist ein öffentlich zugängliches Diskussionsforum im Internet, das für Paraguayer/innen11) aus nahezu allen Teilen der Welt einen virtuellen Treffpunkt bietet. Aufgrund der andauernden Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation des südamerikanischen Landes ist Paraguay seit geraumer Zeit von anhaltenden Migrationsbewegungen, insbesondere in das Nachbarland Argentinien, aber auch in die Länder Nordamerikas und Europas, hier vor allem Spanien betroffen. Für die in der Migration lebenden Nutzer/innen bietet nun das Forum eine Möglichkeit, mit ihrer imaginierten Heimat verbunden zu bleiben oder sich ihr erneut anzunähern. Über die Diskussionen innerhalb des Forums bekommt man tagesaktuelle Informationen aus der Herkunftsregion und kann sich mit Landsleuten in der vertrauten Sprache über Themen austauschen, die aus einem gemeinsamen Erfahrungsschatz resultieren. Auf dem Hintergrund der Lebenssituation in der Migration, die meist von Umbrüchen, Isolation und Risiken geprägt ist, bietet Cibervalle – oft bezeichnet als "Fenster nach Paraguay" – für seine Nutzer/innen kulturelle Kontinuität, soziale Gemeinschaft und gegenseitige Solidarität12). Für die Nutzer/innen, die in Paraguay leben, hat das Forum die Funktion eines "Fensters zur Welt", durch das sie Einblicke in fremde Lebenswelten bekommen, ihr Wissen und ihren Horizont erweitern, aber auch mögliche Migrationsvorhaben vorbereiten können. [1]

Neben dem Blick durch das virtuelle Fenster nach bzw. aus Paraguay bietet das elektronische Netzwerk auch die Möglichkeit, Landsleute zu lokalisieren, die in der Nähe des eigenen Wohnortes leben und sie persönlich kennenzulernen. Die Face-to-face-Kontakte, die mit Hilfe des Forums ermöglicht werden, ersetzen allerdings keineswegs die virtuellen Beziehungen. Die Analyse der Daten zeigt vielmehr, dass die Verknüpfung von physisch-lokal situierten Ereignissen und Beziehungen mit der virtuellen Ebene zu den konstitutiven Merkmalen Cibervalles gehört. Das heißt, in den jeweiligen Lebensorten der Cibervaller@s werden regelmäßige lokale Treffen veranstaltet, die zunächst über das Forum angekündigt und im Anschluss mit Hilfe von Fotos im Forum medial neu erzeugt und mit der globalen Gemeinschaft geteilt werden. [2]

Das Überraschende an Cibervalle ist nicht nur, dass die meisten seiner Mitglieder sich nicht persönlich kannten, bevor sie sich im Cibervalle-Forum begegneten. Erstaunlich ist auch, dass die Nutzer/innen auf das elektronische Netzwerk zugreifen, nicht nur um aktuelle Informationen aus der Heimat zu bekommen, ihr Migrationsvorhaben zu organisieren, politische, kulturelle oder soziale Anliegen zu diskutieren, sondern auch und vor allem, um ihren Alltag miteinander zu teilen. Wie eingangs dargestellt, sind die virtuellen Aktivitäten der Nutzer/innen nicht nur fester Bestandteil des Alltags am jeweiligen Lebensort der Akteur/innen, vielmehr konstruieren die Cibervaller@s kommunikativ einen virtuellen Sozialraum, den sie gemeinsam "bewohnen" und der ihnen erlaubt, jeglicher geografischer Entfernung zum Trotz zusammenzuleben. Auf diese Weise hat sich das anonyme sozio-elektronische Netzwerk im Laufe seines mehrjährigen Bestehens in eine globale Lebensgemeinschaft transformiert. [3]

Gleichwohl hat Cibervalle, je nach lebensweltlichem Kontext der Beteiligung, unterschiedliche Bedeutungen für seine Bewohner/innen, so wie sich, je nach individueller Lebenssituation, auch die soziale Bedeutung der lokalen Treffen und ihre Relation zu den nachträglichen Erzählungen auf der Forumsebene voneinander unterscheiden. Für manche ist Cibervalle ein Experimentierfeld, in dem etwa alternative Identitätsentwürfe ausprobiert werden können. Andere, vor allem die in der Migration lebenden Cibervaller@s, leben einen wesentlichen Teil ihrer sozialen Beziehungen darin, so dass Cibervalle auch zum Zentrum der eigenen Lebenswelt werden kann. Für die außerhalb ihres Herkunftslandes lebenden Teilnehmer/innen weisen die lokalen Treffen einen situativen sozialen Eigensinn auf, weil sie Möglichkeiten eröffnen, gemeinsam mit Landsleuten die Verbundenheit zur Herkunftskultur zu pflegen und "Momente wie in Paraguay miteinander zu teilen"13). Die in Paraguay veranstalteten Treffen hingegen erhalten ihre soziale Bedeutung vor allem über ihre mediale Neuerzeugung im Cibervalle-Forum, weil sie sich sehr stark an den körperlich abwesenden Mitglieder orientieren. Wie die einleitende Erzählung zeigt, werden in Paraguay nicht nur Treffen veranstaltet, um Mitglieder zu begrüßen, die das Land besuchen; es kann beispielsweise auch der Geburtstag eines abwesenden Mitglieds Anlass für eine Zusammenkunft sein. Die Fotos der lokalen Geburtstagsfeier werden dann zeitnah im Forum veröffentlicht. Seine soziale Bedeutung gewinnt das lokale Ereignis erst im Zuge seiner virtuellen Neuerzeugung, bei der nun auch die körperlich abwesenden Protagonist/innen des Festes und alle übrigen Mitglieder "dabei" sein können. In welchem Verhältnis die einzelnen Akteur/innen die physisch-lokalen und virtuell-globalen Dimensionen ihrer sozialen Wirklichkeit auch immer deuten mögen, in jedem Fall muss die gleichzeitige Anwesenheit im virtuellen und im physischen Raum von ihnen koordiniert werden. [4]

Die einleitende "faktive" Erzählung und die kurze Zusammenfassung einiger zentraler Forschungsergebnisse sollen an dieser Stelle genügen, um den Lesenden eine grobe Vorstellung der sozialen Wirklichkeit zu vermitteln, die sich hinter dem Pseudonym Cibervalle verbirgt. Wie aber lässt sich eine solch eigentümliche soziale Formation, die sich sowohl im Cyberspace, gleichzeitig aber auch an unterschiedlichen physisch situierten Lokalitäten abspielt, die in ihrer Ausdehnung potenziell global, praktisch aber in lokale Handlungszusammenhänge eingebettet ist, überhaupt ethnografisch erfassen?14) Welchen Herausforderungen sehen sich die Ethnografie als Forschungsprogramm im Allgemeinen und Ethnograf/innen im Besonderen gegenüber bei dem Versuch, virtuelle Sozialräume und computervermittelte Beziehungsformen sozialwissenschaftlich zu erkunden? [5]

Während im ersten Abschnitt der Versuch unternommen wurde, eine soziale Formation auf der Grundlage von bereits vorhandenen Forschungsergebnissen zu "ethnografieren", wird es im Folgenden darum gehen, den Forschungsprozess methodologisch zu reflektieren, der diese Ergebnisse hervorgebracht hat. Nun ist das Internet zwar noch eine recht junge Technologie, gleichwohl ist die Konstruktion des Cyberspace als Kulturraum und seine Besiedlung bereits weit genug fortgeschritten, um das Interesse vieler Ethnograf/innen auf sich zu ziehen. Zunächst werden deshalb verschiedene ethnografische Zugänge zum Internet vorgestellt, die im Rahmen sozialwissenschaftlicher Internetforschung angewendet werden und im Hinblick auf einige Fragen und Probleme diskutiert, die sich im Kontext der hier vorgestellten Fallstudie ergeben haben. [6]

2. Per Mausklick ins Forschungsfeld? – Ethnografie in der Internetforschung

Zunächst sei betont, dass es die Internetforschung nicht gibt. Vielmehr hat sich im Zuge der weltweiten und massenhaften Verbreitung des Internets auch das sozialwissenschaftliche Interesse an seiner Bedeutung und Nutzung in verschiedenen Disziplinen unabhängig voneinander entwickelt und stetig gesteigert. Verfolgt man nun die Entwicklung zentraler methodologischer und erkenntnistheoretischer Fragestellungen, lässt sich gewissermaßen die Verbreitungs- und Nutzungsgeschichte der neuen Technologien aus dieser Diskussion ablesen. Seit der Inbetriebnahme des ARPANET, eines dezentralen Netzwerkes, das im Auftrag der US-Luftwaffe entwickelt wurde, um auch im kriegsbedingten Ausfall verschiedener Knotenpunkte (militärische) Kommunikation zu ermöglichen, hat die weltweite Vernetzung von Computern zur elektronischen Kommunikation und zum Austausch von Informationen nicht nur die Arbeits- und Kommunikationspraktiken von Angehörigen wissenschaftlicher oder militärischer Einrichtungen verändert. Die Entwicklung des Internets, das aus dem ARPANET hervorging und zunächst zur kommunikativen Vernetzung wissenschaftlicher Einrichtungen diente und das Anfang der 1990er Jahre mit dem World Wide Web auch die kommerzielle und private Nutzung ermöglichte, beschleunigte die weltweite Verbreitung von Internetzugängen rapide und setzte einen noch immer anhaltenden Prozess in Gang, der das Internet für immer mehr Menschen auf dem gesamten Globus zu einem Alltagsinstrument werden lässt. [7]

Verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen haben in den 1990er Jahren das Internet als ethnografisches Forschungsfeld entdeckt. Das Hauptinteresse galt zunächst der Exploration des Cyberspace. In zahlreichen Einzelfallstudien wurden kulturelle Formationen, Gemeinschaftstypen, kommunikative Gattungen, Muster der Identitätsbildung etc. im Cyberspace untersucht. In dem Maße, wie sich das Internet als Alltags- und Massenmedium etablierte, veränderten sich auch die Forschungsinteressen, sodass nun die Praktiken der Aneignung der neuen Technologien und deren Integration in den Alltag der Nutzer/innen im Vordergrund standen. [8]

2.1 Alltag im Internet: Virtuelle Ethnografie

Die sozialwissenschaftliche Forscher/innen, deren Feld sich über das Internet konstituiert, müssen sich – so scheint es auf den ersten Blick – über den Feldzugang keine Sorgen machen. Ohne ihren Schreibtisch zu verlassen, tun sie nichts weiter, als den Browser ihres Computers zu starten, und schon können sie bequem von ihrem Lehnstuhl aus fremde Welten erkunden. Zahllose öffentlich zugängliche Diskussionsforen, E-Mail-Listen, Personal Homepages, Weblogs15), MUDs16), Chats etc. eröffnen Einblicke in die schöne neue Welt des Cyberspace. Ethnograf/innen können, ohne ihren eigenen Einfluss auf das Feld reflektieren zu müssen, aus der sicheren Position des Lurkers17) Online-Communities nicht-teilnehmend dabei beobachten, wie sie politische Themen oder Fernsehserien diskutieren, Rezepte austauschen, ihr Familienleben oder Eindrücke aus dem letzten Urlaub darstellen, in virtuellen Welten phantastische Identitäten kreieren, sich in Selbsthilfegruppen gegenseitig Trost und Unterstützung geben und vieles mehr. [9]

Tatsächlich war die erste Dekade der sozialwissenschaftlichen Internetforschung von der Vorstellung geleitet, mit dem Cyberspace eröffne sich eine zusätzliche Realitätsebene, die ungeachtet der lebensweltlichen Kontexte der Akteur/innen eine Eigendynamik entfalte und sich zu einem Experimentierfeld für multiple Identitätsentwürfe, Gemeinschafts- und Kommunikationsformen entwickele (JONES 1995; TURKLE 1995). Mit dem Argument "that on-line communications can be analysed in their own terms for the forms of meaning, the shared values and the specific contextual ways of being which emerge in on-line environments" (HINE 1998) beschränkt sich die Online-Ethnografie folglich auf die Exploration des Cyberspaces als eigenständigen Kultur- bzw. Sozialraum. Das Problem der Feldkonstruktion wird hier in der Regel durch die Auswahl einzelner E-Mail-Listen, Chats oder Diskussionsforen gelöst. Die Feldforschung beschränkt sich dann entweder auf die anonyme Beobachtung und textanalytische Untersuchung der öffentlich zugänglichen Kommunikationsplattformen oder Forschende erwerben zeitweise die Mitgliedschaft im Forschungsfeld, nehmen dadurch eine Innenperspektive ein und vertiefen ihr Wissen in der Interaktion mit den Internetakteur/innen und dadurch, dass sie selbst die Praktiken des Feldes erlernen. [10]

2.2 Internet im Alltag: Ethnografie der lebensweltlich kontextualisierten Internetnutzung

Anders als in der ersten Dekade der Internetforschung prognostiziert, hat das Internet weniger zur Entstehung von virtuellen Welten geführt, die – von den realen Lebenssituationen, Biografien und Körpern der Nutzer/innen – unabhängige Identitätsentwürfe und Lebensweisen hervorbringen. Vielmehr sind sowohl die Gestaltung des Cyberspace als auch seine sinnhafte Auslegung unvermeidlich mit der physischen, lebensweltlichen Situation der Einzelnen verknüpft, so wie auch die virtuellen Aktivitäten in deren Alltag hineinwirken. Mit der Feststellung "people do not exist as ethereal creatures" lenken BOASE, CHEN, WELLMAN und PRIJATELJ (2002, S.1) den Blick auf die physisch-kontextuellen Bezüge und Rahmungen der sozialen Aktivitäten im und mit dem Internet. Der Ort des Internetzugangs beeinflusst ihres Erachtens nicht nur das Nutzungsverhalten, "the place where people use the Internet also affects who will be online and with what sort of facilities" (ebd., S.1). [11]

Die zweite Dekade der Internetforschung spiegelt denn auch den Prozess der Veralltäglichung des Internets wider. "Where the first age of the internet was a period of exploration, hope and uncertainty, the second age of the internet has been one of routinization, diffusion and development" (WELLMAN & HOGAN 2004, S.5). Die zweite Dekade der Internetforschung wird also weniger von Hoffnungen, Fiktionen und Utopien in Bezug auf den Cyberspace als eine zusätzliche virtuelle Realitätsebene bestimmt, vielmehr wird vom Standort der Nutzer/innen danach gefragt, wie das Internet in deren Alltag integriert wird (BAKARDJIEVA & FRASER 2001; WELLMAN & HAYTHORNTHWAITE 2002). KENDALL (1999) plädiert folglich für die Methode der teilnehmenden Beobachtung in der Internetforschung, die neben dem Geschehen im virtuellen Raum auch die Situation vor dem Computer bzw. den Kontext der Nutzer/innen zu erfassen in der Lage ist. KLEMM und GRANER fokussieren die kommunikativen Praktiken der Aneignung der neuen Technologien und konzentrieren sich auf das kommunikative Geschehen vor dem Bildschirm, denn auch das Sprechen über die technologischen Artefakte ist eine wichtige Quelle zur "Erforschung der sprachlich-kommunikativen Konstruktion des Mediums Computer aus der Perspektive des Alltags und aus der Perspektive der Nutzer(gruppen)" (2000, S.159). [12]

2.3 Die Bedeutung des Internets für transnationale Populationen

Dieser lebensweltorientierte Zugang, der das sozialwissenschaftliche Verständnis des Internets als Alltagsmedium widerspiegelt, bleibt allerdings bisher weitgehend auf (kulturell und geografisch) westlich situierte Nutzungsgruppen beschränkt. Zwar wird auch in der transnationalen Migrationsforschung die Bedeutung des Internets zunehmend erkannt, im Vergleich zu westlich situierten, "sesshaften" Populationen werden die Internetakteur/innen in der transnationalen Forschung allerdings nur marginal als Alltagshandelnde wahrgenommen. Stattdessen richtet sich hier das Forschungsinteresse bislang hauptsächlich auf politisch bzw. ethnisch relevante Themen. Wo das Internet für sesshafte Populationen als Alltagsmedium konzipiert wird, bleibt bei den transnationalen Studien der lebensweltliche Kontext der Nutzer/innen methodologisch ausgespart. Der Cyberspace wird hier zu einem Ort der Aushandlung ethnischer bzw. nationaler Identität (ADAMS 2004) oder zu einer Plattform zur politischen Einflussnahme im Heimatland (UIMONEN 2004), auf der sich "virtuelle Diasporas" konstituieren (KARIM 2003). [13]

Dieser Zugang impliziert erstens, dass der Cyberspace abermals als eine vom realen Leben unabhängige – nun ethnisch strukturierte – Realitätsebene konzipiert wird. Zudem wird im Vergleich zu "sesshaften" Populationen ein verzerrtes Bild von migrationserfahrenen Akteur/innen konstruiert, das "Migrant/innen" in erster Linie als politisch Handelnde darstellt, deren Identität vor allem ethnisch bestimmt sei. Nun ist zu vermuten, dass der Alltag der meisten migrationserfahrenen Menschen, ebenso wie der Alltag anderer Menschen, weniger von politischem Aktivismus als von lebenspraktischen Fragen und der Pflege privater Beziehungen bestimmt ist. Diese erstrecken sich in transnationalen Populationen allerdings oft über weite geografische Entfernungen, weshalb die gesellschaftlichen Auswirkungen des alltäglichen Gebrauchs globaler Kommunikationstechnologien in Migrationskontexten sozialwissenschaftlich von höchster Relevanz sind. [14]

2.4 Von Trinidad zum Internet

Eine der wenigen Ausnahmen bildet hier die Studie von MILLER und SLATER, die sich der alltäglichen Bedeutung des Internets und des Cyberspace aus der Perspektive Trinidads nähern. In Abgrenzung zu der methodologischen Mystifizierung des Virtuellen empfehlen sie: "if you want to get to the Internet don't start from there" (2000, S.5). Virtualität sollte nach Ansicht der Autoren nicht als Eigenschaft des Internets vorausgesetzt werden. Die Beobachtung, dass internetbasierte soziale Beziehungen in bestimmten Situationen von den Akteur/innen selbst als eine zusätzliche, von der physisch begründeten Lebenswelt abgetrennte Realitätsebene interpretiert werden, wird deshalb von den Autoren zum Gegenstand der Forschung gemacht, statt sie als unhinterfragten Ausgangspunkt der Untersuchung hinzunehmen. Am empirischen Beispiel Trinidad untersuchen sie die vielfältigen Praktiken der Internetnutzung vor Ort und ihre Einbettung in den Alltag der Menschen sowie deren Rückwirkungen auf die soziale Situation Trinidads. Gleichzeitig nehmen sie aber auch die digitalen Appräsentationen in den Blick. [15]

MILLER und SLATER selbst problematisieren ihren – in anthropologischer Tradition auf eine Insel begrenzten – Begriff von Lokalität. Ihnen geht es darum zu verstehen, wie Internettechnologien in einem bestimmten örtlichen Kontext genutzt und integriert werden (2000, S.1). Sie räumen aber gleichzeitig ein, dass die Bedeutung des Lokalen in Trinidad weit über die Insel hinausreiche "because Trinidad stretches diasporically over much of the world" (ebd.). Tatsächlich ist die mediale Gestaltung transnationaler Beziehungen im Alltag der Trinidader/innen ein zentraler Aspekt der Studie, allerdings in erster Linie aus der Sicht derer, die auf der Insel verblieben sind. Hinsichtlich der Empfehlung der Autoren, man solle nicht im Internet beginnen, wenn man zum Internet gelangen wolle, kann man nun fragen, welche Implikationen ein Feldzugang über das Internet in diesem Fall gehabt hätte. Möglicherweise wären MILLER und SLATER zu dem Ergebnis gekommen, dass das Trinidad'sche Internet in weitaus stärkerem Maße von außerhalb der Insel geprägt wird. Diese Feststellung hätte womöglich dazu geführt, bei der Planung der Feldforschung weitere Lokalitäten mit einzubeziehen und sich die Bedeutung und Integration des Internets in den Alltag der Internetakteur/innen in der Migration anzusehen. [16]

2.5 Beobachten ohne Teilnahme? – Anmerkungen zur Praktik des Lurkens in der virtuellen Ethnografie

In der virtuellen Ethnografie wird teilnehmende von nicht-teilnehmender Beobachtung unterschieden. Diese Unterscheidung erscheint mir ebenso problematisch wie die Entscheidung für oder gegen nur eine dieser Formen der Beobachtung. Ethnografische Forschung hat das Ziel, soziale Formationen aus der Perspektive der Akteur/innen selbst zu verstehen. Da das Lurken eine etablierte soziale Praktik in öffentlich zugänglichen internetbasierten Kontexten ist, erlaubt die nicht-teilnehmende Beobachtung Zugang zu den Dimensionen des computervermittelten sozialen Lebens, die sich einem Lurker eröffnen, und die in gewisser Weise auch an ihn adressiert sind. Das heißt, lurken ist eine Praktik des Feldes selbst, die deshalb auch von den Forschenden praktiziert werden kann. Allerdings stellt sich hier die Frage, ob überhaupt von nicht-teilnehmender Beobachtung gesprochen werden kann, wenn die Rolle des anonymen Beobachtens im Feld vorgesehen ist. [17]

Des Weiteren ist zu beachten, dass die Position des Lurkers nur eine von vielen ist, aus denen sich ein soziales Feld im virtuellen öffentlichen Raum zusammensetzt. Wenn sich Ethnograf/innen nur auf diese eine Perspektive einlassen, wird ihr Verständnis der Bedeutungsstrukturen des von ihnen gewählten sozialen Zusammenhangs entsprechend begrenzt bleiben. Was aber sieht und versteht man nicht, wenn die medialen Appräsentationen sozialer Aktivitäten aus der Anonymität heraus auf dem Bildschirm verfolgt werden? BEAULIEU betont in diesem Zusammenhang: "Like in more conventional fieldwork, knowledge comes from engagement and interaction, always both purposive and incidental" (2004, S.150). Auch MANN und STEWART betonen die Erkenntnisgrenzen des Lurkens, indem sie auf die "hidden areas" internetbasierter Kommunikationsräume verweisen, die nicht durch bloße passive Beobachtung zu erreichen sind. "It is only researchers who both 'find' these secret places, and who then negotiate access, who begin to grasp the boundaries of the community" (2000, S.90). [18]

Es stellt sich also heraus, dass schon die virtuellen Dimensionen eines computervermittelten Forschungsfeldes höchst komplex sind und verschiedene Rollen und Grade an Involvierung beinhalten, die in einer ethnografischen Forschung berücksichtigt werden sollten. Verfolgt nun eine Ethnografie nicht nur das Ziel, die kulturellen Eigenarten eines virtuellen Sozialraums zu verstehen, ist sie vielmehr, wie im hier diskutierten Fall, auch an dessen Bedeutung aus den Akteursperspektiven interessiert und will sie darüber hinaus die spezifischen Praktiken der Aneignung und die Integration der Technologien in den Alltag der Akteur/innen ergründen, kommen Forschende nicht umhin, sich auch in die physisch-lokalen Kontexte der Nutzer/innen zu begeben. [19]

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Ethnografie durchaus Möglichkeiten des Zugangs sowohl zu den kulturellen Eigenarten virtueller Sozialräume als auch zu den Deutungsmustern der Akteur/innen und den spezifischen Praktiken der Domestizierung neuer Technologien bietet, vorausgesetzt, sie lässt sich auf den "Eigensinn" der Phänomene ein, die sie untersuchen will, und passt ihr methodisches und konzeptionelles Vorgehen den Eigenarten des Feldes an. Bei dem Versuch, diese Herausforderung zu bewältigen, kann sich die Ethnografie von einigen ethnomethodologischen Prämissen und Prinzipien inspirieren lassen. [20]

2.6 Exkurs: Ethnomethodologische Anmerkungen zur Ethnografie

2.6.1 Das "unique adequacy requirement" der Ethnomethodologie

Unter der Prämisse, dass nur soviel über einen Forschungsgegenstand zu erfahren ist, wie die Methoden, die angewendet werden, über ihn "verraten", formuliert die Ethnomethodologie durch ihren Begründer Harold GARFINKEL das radikale methodologische Postulat des "unique adequacy requirement" (GARFINKEL & WIEDER 1992): Um die Spezifik eines Forschungsgegenstandes erfassen zu können, müssen die Methoden und Begriffe, mit denen sich Forschende ihrem Gegenstand nähern, sich diesem in einzigartiger Weise anpassen. Statt sich im Vorhinein auf eine Methode festzulegen, die dann wie eine statische Form über den Forschungsgegenstand gestülpt wird, muss das "Methodenkostüm" also maßgeschneidert werden, um die individuelle Gestalt des zu untersuchenden Gegenstandes abbilden zu können (vgl. BERGMANN 1993). Ähnliches gilt für den Umgang mit theoretischem Vorwissen. Auch hier sind Forschende zu Zurückhaltung bzw. einem heuristischen Umgang mit Begriffen aufgefordert. Wollen sie den "Eigensinn" der Phänomene zulassen, dürfen sie "einen beobachteten Sachverhalt nicht in vorgegebenen Konzepten beschreiben, sondern [müssen] die Konzepte der Beschreibung aus der Beobachtung des Sachverhaltes selbst ... gewinnen" (BERGMANN 2006, S.19). Nun wäre es naiv zu denken, theoretisches und methodisches Vorwissen könne einfach eliminiert, gewissermaßen wie ein Mantel am Eingang zu einem Forschungsfeld abgelegt werden. Ebenso falsch wäre, davon auszugehen, ethnomethodologische Sozialforscher/innen könnten auf Theorie- und Methodenausbildung gänzlich verzichten. Im Gegenteil: so wichtig eine breit angelegte Methodenausbildung zur Genese eines gegenstandsadäquaten Methodenkorpus ist, so unverzichtbar ist ein Repertoire an alltagstheoretischen und soziologischen Konzepten, um soziale Phänomene überhaupt begreifen und sinnvoll interpretieren zu können. Wie aber kann dieses Paradoxon gelöst werden, dass sich einerseits soziale Phänomene nur über den eigenen kommunikativen Haushalt erschließen, andererseits der Eigensinn der Phänomene hinter den Begriffen der Forschenden unsichtbar zu bleiben droht? Anders gefragt: wie beschreibt man etwas und kommt dabei "dem Neuen" auf die Spur, ohne altbekannte Begriffe zu benutzen? [21]

2.6.2 "Becoming member" als methodologisches Prinzip

Eine Möglichkeit, Zugang zu den Deutungsmustern und Praktiken der Akteur/innen zu bekommen, die sowohl in der Ethnografie als auch in der Ethnomethodologie praktiziert wird, ist die der temporären Mitgliedschaft der Forschenden in dem von ihnen untersuchten Feld. Für die Ethnografie, insbesondere im Rahmen der Lebensweltanalyse, ist das Erlernen der Praktiken des Feldes eine Möglichkeit, das grundsätzliche Dilemma zu kompensieren, dass das subjektive Wissen anderer nicht direkt zugänglich ist. Der Forscher bzw. die Forscherin nimmt eine Innenperspektive ein und versucht, "mit der zu erforschenden Welt hochgradig vertraut zu werden. ... die Welt gleichsam durch die Augen eines idealen Typs (irgend-) einer Normalität hindurchsehend zu rekonstruieren (HONER 2003, S.198). Die Ethnografie zielt also darauf ab, die subjektiven Sinnstrukturen der Akteur/innen zu rekonstruieren und empfiehlt den Forschenden, zu diesem Zweck die Praktiken des Untersuchungsfeldes zu lernen. [22]

Schaut man sich nun die Forschungspraxis näher an, so ist feststellbar, dass meist rekonstruierende Verfahren der Datengenerierung und -analyse verwendet werden (BERGMANN 1985). Die sozialwissenschaftliche Praxis unterscheidet sich insofern nicht von der Alltagspraxis, als dass sie sich soziale Wirklichkeit rekonstruierend aneignet, indem sie vergangenen Ereignissen nachträglich Kohärenz und Sinn verleiht. Das geschieht entweder in der Interaktion mit den Forschungssubjekten, etwa in Form von narrativen oder biografischen Interviews oder in Eigenregie der Forschenden, beispielsweise durch die Anfertigung von Beobachtungs- oder Erinnerungsprotokollen. Um aber eine Biografie oder ein Ereignis rekonstruierend zu verstehen, sind Forschende zuallererst auf ihre eigenen alltagsweltlichen und wissenschaftlichen Deutungsmuster und Relevanzstrukturen angewiesen. Mit anderen Worten: auch wenn sie sich intensiv auf ihr Feld einlassen und versuchen, eine Innenperspektive einzunehmen, sind es letztlich doch ihre eigenen – wenngleich in der Interaktion mit dem Feld veränderten – Deutungsmuster und Relevanzstrukturen, mit denen sie die soziale Wirklichkeit ihres Forschungsfeldes begreifen. Die angewandten Methoden und Begriffe, die Fragen, die gestellt werden, die Selektion und Beschreibung dessen, was beobachtet und als relevant erachtet wird oder die sinnhafte Rekonstruktion von Ereignissen, die während der Feldforschung miterlebt werden, tragen allesamt in entscheidendem Maße zur Konstruktion des Forschungsfeldes bei: "Der Forscher hat also an dem, was er als Daten vor sich hat, wesentlichen Anteil, mit der Folge, dass er sich in seinen Daten immer auch selbst begegnet" (BERGMANN 2006, S.22f.). [23]

Aus ethnomethodologischer Perspektive hingegen ist das "becoming member" weniger auf die Rekonstruktion von subjektivem Sinn gerichtet, als vielmehr auf die Rekonstruktion der sozialen Ordnung, die für die jeweilige soziale Situation kennzeichnend ist. Anknüpfend an den Gedanken von SCHÜTZ, dass die soziale Welt sinnhaft strukturiert und geordnet sei, schlägt die Ethnomethodologie vor, auf das Wie der Herstellung sozialer Ordnung zu fokussieren, um Zugang zu den Eigenstrukturen des Forschungsgegenstandes zu bekommen. Dabei grenzt sie sich vom strukturfunktionalistischen Ansatz PARSONS ab, der soziale Ordnung durch die Internalisierung eines unabhängig von den einzelnen Mitgliedern einer Gesellschaft existierenden, kulturellen Wertesystems erklärt (HERITAGE 1984; BERGMANN 1988). Die Ethnomethodologie hingegen setzt soziale Ordnung nicht als gegeben voraus und verlagert den Blick von der Makro- auf die Mikroebene der situativen Erzeugung sozialer Ordnung in der Interaktion der Akteur/innen. Kulturelle Werte und Normen im Sinne einer intersubjektiv geteilten Deutungspraxis können demnach nicht in ausreichendem Maße über Sozialisation vermittelt werden. Vielmehr ist hier die kommunikative Kompetenz der Akteur/innen gefragt, kulturelle Werte und Normen situationsadäquat zu interpretieren. Die Akteur/innen entscheiden interaktiv, wie die jeweilige Situation zu deuten ist und welche Handlungsoptionen ihr angemessen sind. Mit anderen Worten: ein soziales Ereignis wird erst im Handlungsvollzug definiert. Dabei verwenden die Akteur/innen alltagspraktische Verfahren, sogenannte Ethnomethoden. [24]

Das leitende Erkenntnisinteresse der Ethnomethodologie liegt folglich darin zu untersuchen, "wie die Welt als eine sinnhaft strukturierte, geordnete, in ihren Ereignisabläufen erwartbare, zugleich jedoch oftmals unwägbare Welt im alltäglichen Handeln erfahren, beschrieben, erklärt und sichtbar gemacht wird" (BERGMANN 1988, S.21). Sie fokussiert also auf den interaktiven Prozess der Herstellung sozialer Wirklichkeit und versucht, an ihm die immanenten Ordnungsmuster des jeweiligen Ausschnitts der Sozialwelt zu identifizieren. Dabei macht sie sich folgende Prämisse sozialer Interaktion zunutze:

"Mutual intelligibility is only made possible in and through the enactment of recognizably recurrent local orders of shared enacted practices. ... If the individuals are to achieve mutual intelligibility in their endeavors they must produce practices that others recognize the meaning of" (RAWLS 2002, S.25). [25]

Wenn also als Voraussetzung einer gelingenden Interaktion gilt, dass die von den Akteur/innen benutzten Verfahren zur Definition eines sozialen Tatbestandes wechselseitig beobachtbar und erkennbar sein müssen, dann sind sie auch für Forschende beobachtbar und erkennbar. Die methodologischen Prinzipien "unique adequacy requirement" und "becoming member" sind hier eng verknüpft, weil das Erlernen der Ethnomethoden als eine wesentliche Voraussetzung gilt, die immanente soziale Ordnung überhaupt erkennen und in den Begriffen des Feldes beschreiben zu können. Gleichzeitig steckt im "becoming member" eine weitere Ressource, die sich die Ethnomethodologie zunutze macht. Wenn Außenseiter/innen das Feld betreten, wird die soziale Ordnung des Feldes gestört, weil diese die Regeln und Praktiken zu ihrer Aufrechterhaltung noch nicht kennen. Die für die kompetenten Mitglieder selbstverständlichen Ethnomethoden werden in einem solchen Fall expliziert, das neue Mitglied an sie herangeführt und die soziale Ordnung wird wieder hergestellt. Dasselbe gilt für den Umgang mit Störenfrieden, also Mitgliedern, die sich den impliziten Regeln widersetzen und damit die soziale Ordnung bedrohen, was wiederum Anlass zur Explizierung der Regeln gibt. Der Eintritt ins Feld (LINDNER 1981; WOLFF 2003) und der Prozess des "becoming member" können somit als wichtige Datenquellen behandelt werden, um die soziale Ordnung des Feldes zu studieren, wobei weitere Krisensituationen, also der Umgang mit neuen Mitgliedern sowie mit Störenfrieden, herangezogen werden können, um die Ergebnisse zu validieren. [26]

Das methodische Konzept, das im Folgenden vorgestellt wird, greift Anregungen sowohl der Multi-sited-Ethnography (MARCUS 1996) als auch der Ethnomethodologie auf. Es verknüpft ethnomethodologische mit ethnografischen Aspekten des "becoming member", um einerseits Zugang zu den Eigenstrukturen der Interaktionsfelder zu bekommen und andererseits die Bedeutung des untersuchten techno-sozialen Zusammenhangs aus den jeweiligen Akteursperspektiven, eingebettet in deren lebensweltlichen Kontexten zu verstehen. Die aufgeworfenen Fragen zur Feldkonstruktion in einem plurilokalen und computervermittelten Feld aufgreifend, wird zudem eine Möglichkeit der Feldkonstruktion vorgeschlagen, die – frei nach MILLER und SLATER mit der Empfehlung einhergeht: "if you want to get to the Internet start from there but don't stop there." [27]

3. Konstruktion einer globalen Lebenswelt: Einblicke in die ethnografische Praxis in einem plurilokalen computervermittelten Feld

Die Fallstudie über Cibervalle basiert auf ethnografischer Feldforschung, die ich in der Zeit von August 2003 bis Dezember 2005 im Internet und in der Zeit von November 2004 bis April 2005 an einigen Lebensorten der Angehörigen der Untersuchungsgruppe in Paraguay, Argentinien, Kalifornien und Deutschland durchgeführt habe. Das empirische Material, auf das sich die Fallstudie stützt, setzt sich aus unterschiedlichen Datenformaten zusammen, die einerseits auf rekonstruierenden und andererseits auf registrierenden Verfahren beruhen. Das heißt, während ein Teil der Daten durch teilnehmende Beobachtung generiert wurde, handelt es sich bei dem anderen Teil der Daten um archivierte Kopien der Kommunikationen, die in Cibervalle geführt wurden, Daten also "die insofern als 'natürlich' gelten können, als sie in ihrem originären Habitat belassen werden und auch ohne den Sozialforscher und sein Aufzeichnungsgerät abgelaufen wären" (BERGMANN 2003, 531). [28]

Eine erste Annäherung an das Feld erfolgte zunächst online, das heißt durch systematische Beobachtung der kommunikativen Aktivitäten innerhalb des Cibervalle-Forums. Da ich untersuchen wollte, welche sozialen Praktiken durch die alltägliche Nutzung des Internets in Migrationskontexten entstehen, ergab sich die Notwendigkeit, weitere mediale und physisch-lokale Kommunikationsräume in den ethnografischen Fokus einzubeziehen, schon aufgrund der Forschungsinteressen. Sie konkretisierte sich zudem anhand der im Forum beobachteten kommunikativen Praktiken. Denn schon im Zuge der Online-Beobachtung des Diskussionsforums stellte sich heraus, dass das soziale Leben in Cibervalle in besonderer Weise durch die Verknüpfung der divergenten lokalen, lebensweltlichen Kontexte der Nutzer/innen in einem gemeinsam geteilten globalen Kommunikationsraum geprägt ist. [29]

Der ethnomethodologischen Prämisse des "unique adequacy requirement" folgend, erfolgte die Methodengenese dann sukzessive in Anpassung an die Praktiken und die soziale Ordnung im Feld. Dabei wurde das Konzept der "multi-sited Ethnography" praktisch umgesetzt, um erstens das Forschungsfeld sinnvoll einzugrenzen und die relevanten Dimensionen, Lokalitäten, Akteur/innen und (medialen) Praktiken zu bestimmen. Zweitens wurden konkrete Möglichkeiten des multi-sitings angewendet, um die verschiedenen Dimensionen des Feldes miteinander in Beziehung zu setzen. Einige Eckpfeiler des methodischen Konzepts werden nun kurz erläutert und die Forschungserfahrungen in der Fallstudie Cibervalle auf die Frage des Feldeintritts und des "Im-Feld-Seins" hin reflektiert. [30]

3.1 Fallzentrierte Konstruktion des Forschungsfeldes

Die Begrenzung des Feldes und die Identifizierung relevanter Dimensionen, sozialer Beziehungen und Rollen, Praktiken und Lokalitäten werden hier als fallzentrierte Konstruktion des Forschungsfeldes bezeichnet. Damit ist gemeint, dass ein bestimmtes Ereignis fokussiert und die Aktivitäten, die rund um dieses Ereignis stattfinden, systematisch beobachtet werden. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt vor allem darin begründet, dass zeitliche, örtliche und soziale Relevanzen durch das Ereignis selbst produziert und nicht von mir als Forscherin willkürlich festgelegt werden. Bei dem Ereignis, das der Feldkonstruktion der Cibervalle-Studie zugrunde liegt, handelt es sich um einen Brand in einem Supermarkt in der Hauptstadt Paraguays, der mehr als 400 Menschen das Leben kostete. Bei Ausbruch des Feuers hatte der Besitzer des Supermarktes angeordnet, die Türen des Gebäudes zu verschließen, um zu verhindern, dass die Kund/innen das Gebäude verließen, ohne ihre Einkäufe zu bezahlen. Tatsächlich erreichte er mit diesem unfassbaren Verhalten, dass Paraguay für kurze Zeit im Interesse der globalen Öffentlichkeit stand. Der Brand ereignete sich während der ersten Phase der Online-Beobachtung im Cibervalle-Forum. Für etwa eine Woche waren die Forumsaktivitäten von der Katastrophe dominiert, danach verschwand das Thema beinahe so abrupt von der Tagesordnung, wie es erschienen war. Ich kopierte und archivierte alle Tópicos im Cibervalle-Forum, die rund um das Ereignis produziert wurden. Mit Hilfe eines Programms zur Bearbeitung qualitativer Daten (Atlas.ti), ließen sich dann erste Kategorisierungen vornehmen und die weitere Feldforschung planen18). [31]

In diesem ersten Analyseschritt konnten relevante Orte, Beteiligungsstatus, soziale Positionen, Praktiken und Dimensionen sozialer Formierung identifiziert werden. Es wurde deutlich, dass sich die soziale Formation Cibervalle – je nach dem Grad der Involvierung der einzelnen Nutzer/innen – in einem Kontinuum zwischen globalem Netzwerk und globaler Lebensgemeinschaft bewegt. In seiner geografischen Reichweite potenziell global, hat Cibervalle dennoch eine klare geografische Zugehörigkeitsreferenz (Paraguay) und konstituiert sich zudem in lokalen Subgemeinschaften, insbesondere in Paraguay, Argentinien, USA und Europa. Die Formierung lokaler Subgemeinschaften und ihr Verhältnis zueinander schien wiederum in erster Linie auf den lokalen Treffen und ihrer nachträglichen Dokumentation im Cibervalle-Forum zu basieren. Schließlich stellte sich in der Analyse heraus, dass Öffentlichkeit als Strukturmerkmal das soziale Geschehen in Cibervalle entscheidend beeinflusst. Die Kommunikationsstruktur Cibervalles war folglich als Triade zu beschreiben, zu der neben den aktiv Kommunizierenden auch das Publikum gehört. In der weiteren Feldforschung sollten nun die physisch-lokalen Kontexte der Mitglieder und ihre kommunikativen Praktiken näher beleuchtet werden. Zu diesem Zweck wurde eine Forschungsreise mit Aufenthalten an einigen der Lebensorte in Paraguay, Argentinien und Kalifornien durchgeführt. Zentrale Bestandteile dieser Forschungsreise waren die Teilnahme an den Aktivitäten der lokalen Subgemeinschaften sowie die Begleitung des Alltags einzelner Mitglieder. [32]

3.2 Ein- und Aussteigen in einem plurilokalen, computervermittelten Forschungsfeld

Der Prozess des "becoming member" kann, wie gesagt, eine wichtige Datenquelle sein, weil der Eintritt ins Feld "Irritationen" verursacht, die gleichsam vom Feld durch die Explizierung der sozialen Ordnung beseitigt werden. Im Kontext der Cibervalle-Forschung kam es durch die Plurilokalität und Mehrdimensionalität des Feldes immer wieder zu Eintritten in neue Interaktionsfelder, die über je eigene soziale Ordnungen verfügen und über die geteilte globale Ebene des Online-Diskussionsforums miteinander in Verbindung stehen. Mitglied werden in einem so komplexen Feld bedeutet, dass ich als Forscherin verschiedene Dimensionen, soziale Positionen und Lokalitäten des Feldes durchlaufen habe und so die soziale Realität des Feldes aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten konnte. Wie die meisten Angehörigen der Untersuchungsgruppe habe ich mich zunächst in die Position der anonymen Leserin des öffentlich zugänglichen Diskussionsforums begeben und mich so mit den Themen und kommunikativen Praktiken vertraut gemacht, bevor ich mich der Gruppe zu erkennen gab und mich als aktives, neues Mitglied registrierte. [33]

3.2.1 "What's going on here?" – Annäherungen an Cibervalle

In der Zeit von September 2003 bis August 2004 versuchte ich also, mich den Themen und Praktiken des Cibervalle-Forums aus der Perspektive der anonymen Leserin anzunähern. Das Forum gliederte sich in neun thematische Sektionen, in denen permanent neue Tópicos eröffnet und über Gott und die Welt diskutiert wurde. Cibervalle hatte zu diesem Zeitpunkt etwa eintausend registrierte, mehr oder weniger aktive Mitglieder, die sich in verschiedenen Zeitzonen befanden. Es gab also kaum thematische oder zeitliche Beschränkungen, sodass im Forum ständig neue Textbeiträge produziert wurden. Zunächst las ich einmal täglich etwa zwei Stunden lang, doch die Fülle der täglichen Textbeiträge war so kaum zu bewältigen. Da mein Hauptinteresse der Internetnutzung in der Migration galt, konzentrierte ich mich also auf die Sektion, die sich an Paraguayer/innen in der Migration richtet. [34]

3.2.2 Positionswechsel vom Lurker zum Member

Die Entscheidung, mich nach einer Zeit der anonymen Beobachtung als aktive Teilnehmerin in Cibervalle einzubringen, war mit einem gewissen Risiko verbunden und wollte wohl überlegt sein. Bis dahin war mein Feldzugang zwar begrenzt, aber potenziell für alle erlaubt, so dass ich mir weder Gedanken über meine Rolle noch über meine Akzeptanz im Feld machen musste. Andererseits hatte ich schon Zeit und Arbeit in die Forschung investiert, die ich durch die Möglichkeit des Scheiterns bei aktivem Feldeintritt bzw. der Ablehnung durch die Angehörigen des Feldes bedroht sah. Selbst nachdem die Kontaktaufnahme zur Moderatorin sich problemlos gestaltete und ich mir der Unterstützung der "Gatekeeperin" des Feldes (vgl. WOLFF 2003) sicher sein konnte, dauerte es doch eine geraume Zeit, bis ich mich zur aktiven Teilnahme entschließen konnte. Die Frage, wie ich mich vorstellen und wie viel ich von meinen wahren Absichten preisgeben sollte, ohne lügen zu müssen, aber auch ohne das Feld unnötig aufzuschrecken, ließ mich zögern. [35]

LINDNER (1981) zufolge ist die Angst vor dem Eintritt ins Feld Ausdruck der Metaperspektive der Forschenden, bei der diese sich das Bild vorstellen, das sich ein Feld von ihnen macht. Diese Angst verweist seiner Ansicht nach auf die wechselseitige Beobachtung und damit auf die Symmetrie der Beziehung zwischen Forschenden und "Beforschten". LINDNER kritisiert dabei die in der Literatur empfohlene instrumentelle Übernahme einer sozialen Rolle des Feldes als Vorspiegelung von Symmetrie in einer als asymmetrisch gedachten und gehandhabten Situation. Die Instrumentalisierung der sozialen Rolle, der Kommunikation und der interaktiven Situation, um Zugang zum Feld und Informationen zu bekommen, "verweist auf die Logik der empirischen Sozialforschung, die soziale Rolle als bloßes Funktionsrequisit der wissenschaftlichen Rolle zu begreifen" (1981, S.56). Diese Erst-Dann-Logik verhindere aber gerade, dass sich Forschende auf den situationalen Kontext einlassen, den sie ja gerade verstehen wollen. LINDNER empfiehlt stattdessen, die primären Einschätzungen der Forschenden durch das Feld als Daten zu behandeln, da sich in ihnen soziale und kulturelle Erfahrungsgehalte ausdrücken. [36]

Die Moderatorin des Forums, die ich in meine Überlegungen eingeweiht und um Rat gefragt hatte, empfahl mir nun, mich als neue Teilnehmerin zu präsentieren, um dann Tópicos zu eröffnen, in denen ich alle Fragen stellen könnte, die ich in Bezug auf meine Forschung habe, ohne dass ich mich als Forscherin zu erkennen geben müsse: Viele der Teilnehmer/innen würden in ihren Tópicos Fragen stellen ohne zu forschen. Zudem sei das Forum öffentlich zugänglich und ich könne mit dem, was ich dort lese, im Prinzip tun, was ich wollte. Die Gatekeeperin, die zunächst meinen Zugang zum Feld kontrolliert, aber auch ermöglicht hatte, erwies sich gleichzeitig als hilfreiche "Ko-Forscherin"19). Mit ihrem Wissen über die soziale Ordnung im Feld half sie mir, eine Rolle und Position zu finden, die im Feld vorkommt und die mir gleichzeitig erlaubte, meine Forschungsinteressen zu verfolgen. Sie verdeutlichte mir gleichzeitig, dass die anonyme Öffentlichkeit struktureller Teil des sozialen Geschehens in Cibervalle ist und dass den Mitgliedern diese Grundbedingung durchaus bewusst ist. Schließlich wählte ich eine Form der Neuvorstellung, die im Forum üblich ist: Ich eröffnete meinen Beitrag mit einem herzlichen Gruß an die gesamte Gemeinschaft, outete mich als Lurker, klärte meine Beziehung zu Paraguay und erwähnte schließlich mein sozialwissenschaftliches Interesse an den Forumsdiskussionen, ohne aber konkret darauf einzugehen, dass das Forum Teil meines Forschungsfeldes war.



Forumskommunikation Beispiel 1: "Begrüßungstópico Mafalda"20) [37]

Mein erster Tópico füllte sich schnell mit zahlreichen Antworten. Ich wurde allerdings nicht nur überschwänglich begrüßt, von den älteren Mitgliedern wurde ich auch darauf vorbereitet, was auf mich zukommt und was von mir als Cibervallera erwartet wird. Mit anderen Worten, ich wurde über die soziale Ordnung in Cibervalle aufgeklärt. Als Mitglied Cibervalles versuchte ich nun all das zu tun, was die übrigen Mitglieder auch taten. Ich eröffnete eigene Tópicos, las die Tópicos anderer Teilnehmer/innen und beteiligte mich mit eigenen Beiträgen an laufenden Diskussionen. Ich benutzte dasselbe Messengerprogramm wie die anderen und unterhielt mich mit einzelnen Cibervaller@s über dies und das und vor allem über das aktuelle Geschehen im Cibervalle-Forum. Ich kündigte meinen Besuch in Buenos Aires und später in Paraguay an, nahm an den lokalen Treffen teil, zu denen ich dort eingeladen wurde und kommentierte die Fotos dieser Treffen, die danach im Forum veröffentlicht wurden. [38]

Sowohl meine schriftlichen Beiträge als auch meine Teilnahme an den lokalen Treffen, sofern diese an die Forumsebene rückgebunden wurden, lieferten Informationen über mich, ohne dass ich direkt mit jemandem interagiert hätte. Durch meine rege Teilnahme an den lokalen Treffen unterschiedlicher Gruppen in Paraguay und Argentinien erhöhte sich kurzfristig mein Bekanntheitsgrad in der globalen Forumsgemeinschaft drastisch, was mir wiederum Vertrauen und einen leichteren Zugang zu den einzelnen Akteur/innen ermöglichte, selbst wenn sie mich nicht persönlich kannten. In Paraguay wurde ich gar an einem Busbahnhof von einem mir gänzlich unbekannten Mann angesprochen, der mich mit den Worten "Du bist Mafalda?" ansprach und sich als Teilnehmer des Cibervalle-Forums zu erkennen gab, der in Texas lebte und gerade seine Familie in Paraguay besuchte. Er kannte mich von den Fotos der lokalen Treffen, an denen ich teilgenommen hatte. Ich konnte ihn hingegen nicht kennen, weil er zwar die Aktivitäten im Forum kontinuierlich verfolgte, sich aber nur sehr selten mit eigenen Beiträgen einbrachte und nie an lokalen Treffen teilnahm, weshalb es keine Fotos von ihm im Forum gab. [39]

LINDNER (1981) empfiehlt, die Reziprozität der Beobachtungssituation im Feld als Ausgangspunkt zur Reflektion der sozialen Beziehungen zu nehmen und folgert daraus als Norm der Feldforschung die gleichwertige und gegenseitige Kommunikation. Wie sich zeigt, ist die Beobachtungssituation in einem Feld wie dem hier vorgestellten weitaus komplexer als in physisch-lokalen, auf Kopräsenz basierenden Beobachtungsverhältnissen. Reziprozität bedeutet in einem öffentlich zugänglichen computervermittelten Kommunikationsraum nicht notwendigerweise wechselseitige Beobachtung, da man als Lurker die aktiv Beteiligten an einer Forumsdiskussion beobachten kann, ohne beobachtet oder gar bemerkt zu werden. Die Reziprozität der Beobachtungssituation bezieht sich vielmehr auf die Wechselseitigkeit einseitiger Beobachtungsverhältnisse. Das heißt, so wie die Forscherin ihr Feld nicht-teilnehmend beobachten kann, ohne von den Akteur/innen im Feld bemerkt zu werden, kann auch die Forscherin von ihnen beobachtet werden, ohne es zu merken. [40]

3.3 "Hier und dort sein" – "hier oder dort sein": Wohin führt mobile (virtuelle) Ethnografie?

Die Plurilokalität und Mehrdimensionalität des Feldes bedingt, dass sich die gesamte Feldforschung in wiederholte Ein- und Austritte gliedert, sich annähern und distanzieren bedeutet. Die Vorstellung und Begrüßung im Cibervalle-Forum, sowie die jeweils ersten Treffen mit den einzelnen Subgruppen vor Ort waren wichtige Datenquellen, um die lokale soziale Ordnung zu eruieren und mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Ebenen zu erfassen. Die systematische Reflexion dieser Art mobiler Ethnografie, der Positionswechsel im Feld und der teils irritierenden Beobachtungen, die ich in diesem Zusammenhang gemacht habe, haben entscheidend dazu beigetragen, die Eigenarten des Feldes zu verstehen. [41]

Meine Lesart der Forumskommunikationen verdichtete sich zusehends, während ich die verschiedenen Dimensionen und Beteiligungsstatus durchlief, aus denen sich Cibervalle zusammensetzt. Ich lernte, dass viele Kommunikationen im Forum nur im Zusammenhang mit den parallel geführten Kommunikationen im Messenger bzw. den lokalen Face-to-Face-Aktivitäten nachvollziehbar sind. Ich verstand plötzlich vieles von dem, was für mich vorher als Lurkerin überhaupt keinen Sinn ergeben hatte. War ich zu Beginn der Forschung Teil des Informationsnetzwerks Cibervalle, auf das ich zugriff, um Einblicke in die Themen zu bekommen, die Paraguayer/innen in der Migration beschäftigen, wurde ich nun Teil der Lebensgemeinschaft Cibervalle, mit der ich einen wesentlichen Teil meines Alltags verbrachte. Wie die anderen Mitglieder der Lebensgemeinschaft orientierte mich nicht mehr an den einzelnen thematischen Sektionen, sondern an der Rubrik der "Recientes", also der aktuell diskutierten Tópicos, anhand derer sich das andauernde soziale Leben in Cibervalle beobachten ließ. Sobald ich die Forumsseite öffnete, loggte ich mich auch in den Instant-Messenger ein und kommunizierte damit meine Anwesenheit und Erreichbarkeit. Die privaten Konversationen im Messenger drehten sich oft um das aktuelle Geschehen im Forum, man navigierte gemeinsam durch die Tópicos, diskutierte deren Inhalt oder besprach eigene Beiträge, bevor man sie der Öffentlichkeit preisgab. [42]

Bei meiner Teilnahme an den lokalen Treffen stellte ich fest, dass diese unter dem Einfluss ihrer nachträglichen Veröffentlichung im Forum standen. Es wurde ständig fotografiert und immer wieder wurde die Situation im Hinblick auf die antizipierten Reaktionen der nicht anwesenden Mitglieder kommentiert. Gleichwohl konnten sich die Deutungen der Fotos, die nachträglich im Forum veröffentlicht wurden, gravierend von der lokalen Situation unterscheiden. Ergab sich etwa bei der Online-Beobachtung der Eindruck, die lokalen Treffen in Asunción wären im Vergleich mit den Treffen in Buenos Aires besser organisiert, abwechslungsreicher und anregender gestaltet, kehrte sich dieser Eindruck durch die Teilnahme an den Treffen vor Ort nahezu in sein Gegenteil. Im Gegensatz zu ihren medialen Rekonstruktionen im Forum erschienen mir und den Besucher/innen, die ich dorthin begleitete, die Treffen in Asunción inhaltsleer, die Teilnehmer/innen erstaunlich wenig aufeinander und auf den gemeinsamen Moment bezogen. Die Treffen in Buenos Aires waren im Gegenteil zu ihren medialen Rekonstruktionen sehr lebendig, kommunikativ und emotional sehr dicht, und die Teilnehmer/innen schienen sehr stark aufeinander und auf den gemeinsamen Moment bezogen zu sein. [43]

Irritationen solcher Art dienten mir als wichtige Wegweiser in der Analyse. Durch die vergleichende Analyse der Daten, die ich an den verschiedenen Stationen der Feldforschung generiert habe, ließen sich die beschriebenen divergenten Eindrücke in Zusammenhang mit der jeweiligen lebensweltlichen Situation der Akteur/innen erklären. Wie eingangs geschildert, haben die lokalen Treffen für die Paraguayer/innen in der Migration eine ganz andere Bedeutung als für die in Paraguay lebenden Mitglieder. Während für die einen die lokale Situation und der Moment des Zusammenseins im Vordergrund stehen, ergibt sich für die anderen die soziale Bedeutung der lokalen Situation erst zu einem späteren Zeitpunkt, dann nämlich, wenn die körperlich abwesenden Mitglieder an ihrer virtuellen Neuerzeugung teilhaben können. [44]

Meine Erfahrungen mit Cibervalle zeigen, wie komplex und überraschend die Forschung in einem plurilokalen computervermittelten Forschungsfeld sein kann, wenn Forschende sich auf die Diversität und den Eigensinn der Phänomene einlassen. Schließen möchte ich diesen Beitrag mit einer weiteren irritierenden Entdeckung, die ich auf meiner Reise durch Cibervalle machte. Der folgende Kommentar, den ich während meines Aufenthaltes in Paraguay im Cibervalle-Forum verfasste, verdeutlicht einmal mehr die Herausforderungen, die computervermittelte transnationale Lebensformen an sozialwissenschaftliches Denken und Tun stellen. Kategorien wie Raum, Lokalität und Mobilität, deren Bedeutung und Verhältnis zueinander einst eindeutig zu sein schienen, werden angesichts der in diesem Beitrag beschriebenen Erfahrungen fragwürdig. Zu dem Problem, das "dort sein" in einem plurilokalen computervermittelten Feld zu bestimmen, gesellt sich nun noch eine weitere Frage: Ist es möglich gleichzeitig hier und dort zu sein?



Forumskommunikation Beispiel 2: "Definir lo virtual" [45]

Anmerkungen

1) Die Fallstudie, auf die sich dieser Beitrag bezieht, bildet die Grundlage der Dissertation "Daheim in www.cibervalle.com – Ethnographie einer globalen Lebenswelt", die im Juli 2007 an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld eingereicht wurde (GRESCHKE 2007). Die Dissertation untersucht "globale Mikrostrukturen" (vgl. KNORR CETINA & BRUEGGER 2002), die durch die alltägliche Nutzung des Internets in Migrationskontexten entstehen. <zurück>

2) Es handelt sich hier selbstverständlich nicht um "Einblicke" im Sinne einer Beschreibung eines tatsächlichen Tagesablaufs in Cibervalle. Die Erzählform, die hier gewählt wurde, um den Lesenden eine bildhafte Vorstellung des alltäglichen computervermittelten Zusammenlebens in Cibervalle zu ermöglichen, ist dem literarischen Genre "Faction" sehr ähnlich. So wie etwa CAPOTEs Kriminalroman "In cold blood" (1965) auf sorgfältig recherchierten Fakten über ein tatsächlich verübtes Verbrechen beruht und diese mit fiktiven Erzählelementen zu einem spannenden Roman verdichtet, basiert die Beschreibung des Alltags in Cibervalle auf Praktiken und Ereignissen, die ich an den verschiedenen Lebensorten der Cibervaller@s in Paraguay, Kalifornien, Argentinien, Deutschland und im Cyberspace teilnehmend beobachtet habe. Fiktiv ist die Erzählung insofern, als sie auf der Grundlage empirischer Daten typische Praktiken und Figuren konstruiert und eine fiktive Situation aus verschiedenen örtlichen Perspektiven gleichzeitig erzählt. <zurück>

3) Programm zur schriftlichen Sofortkommunikation, das ermöglicht, sogenannte Buddy-Listen zu erstellen. Dabei werden die Adressen von anderen Teilnehmer/innen gespeichert und es wird gemeldet, sobald diese im Internet sind und ebenfalls den Messenger nutzen. Die Kommunikation ist privat und i.d.R. auf zwei Personen beschränkt, allerdings kann auch weiteren Teilnehmer/innen der Zugang zu einer Konversation gestattet werden. Neben dem Chatten erlauben neuere Versionen des Programms auch den Einsatz von Webcams, Voice-Chats (einer Art Internet-Telefon), den Austausch von Dateien und das Benutzen von Online-Spielen. <zurück>

4) Die Namen des Forums und seiner Nutzer/innen wurden geändert. Cibervalle [θieberbaλe] ist ein Pseudonym für das Diskussionsforum, mit dessen Namen die Nutzer/innen auch ihre Gemeinschaft und sich selbst (Cibervaller@s) bezeichnen. Cibervalle setzt sich aus der hispanisierten Form der englischen Vorsilbe "Cyber-" und dem Wort "valle" [guar.: zuhause] zusammen. <zurück>

5) Tópico [span.: Thema] bezeichnet in Cibervalle den einzelnen Diskussionsstrang innerhalb des Forums. <zurück>

6) Mit Hilfe der IP (Internet-Protocol-Adresse) lassen sich Computer adressieren und geographisch lokalisieren, die in einem elektronischen Netzwerk miteinander verbunden sind. Die IP in einem Computernetzwerk ist gewissermaßen das funktionale Äquivalent zur Telefonnummer in einem Telefonnetz. <zurück>

7) Paraguayische Heilkräuter <zurück>

8) Paraguayisches Nationalgetränk <zurück>

9) Nick = Name, mit dem man sich zur aktiven Teilnahme an den Forumsdiskussionen registrieren lässt. <zurück>

10) Eine übliche Praktik bei der Forumskommunikation ist die parallele Nutzung verschiedener Nicks, die i.d.R. auch mit unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen ausgestattet sind, wobei es meist einen Hauptnick gibt, mit dem sich der/die Teilnehmer/in auch öffentlich identifiziert. Die zusätzlichen Nicks werden insbesondere zur Beteiligung an Diskussionen von "Tabu-Themen" oder zum Ausagieren von sozial unerwünschtem Verhalten benutzt, wobei meist ungeklärt bleibt, welche Person hinter dem Clon steckt. <zurück>

11) Das Cibervalle-Forum ist Teil der interaktiven Kommunikationsumgebung eines spanischsprachigen, paraguayischen Web-Portals. Auch wenn das Diskussionsforum potenziell global zugänglich ist, ist seine reale soziale Reichweite doch begrenzt. Man muss es zunächst einmal in den Tiefen des WWW finden. Aufgrund der Verlinkungslogik des WWW ist die Wahrscheinlichkeit, auf das Cibervalle-Forum zu treffen, dann am größten, wenn Informationen über Paraguay gesucht werden. Des Weiteren muss man der spanischen Sprache mächtig sein, um sich sinnvoll an den Kommunikationen beteiligen zu können. Trotz seiner globalen Zugänglichkeit wird das Cibervalle-Forum deshalb faktisch in erster Linie von Paraguayer/innen genutzt. <zurück>

12) Viele Paraguayer/innen realisieren ihr Migrationsvorhaben an den staatlichen Autoritäten vorbei, oftmals mit Hilfe von informellen Reiseagenturen, so dass sie oft ohne legale Aufenthaltserlaubnis im jeweiligen Land leben. Ihre Lebenssituation ist insofern prekär und von Risiken geprägt, als sie von den Staatsbürgerschaftsrechten am Aufenthaltsort ausgeschlossen sind und sie gleichzeitig die Erfahrung machen, dass sie kaum ausreichenden Schutz durch die staatlichen Autoritäten ihres Herkunftslandes erfahren (vgl. LUNA NUEVA 2005; GRESCHKE 2005). <zurück>

13) Zitat eines Forumsnutzers <zurück>

14) Angesichts fortschreitender Globalisierungsprozesse sieht sich nicht nur die ethnografische Internetforschung mit diesen Fragen konfrontiert. Seit geraumer Zeit wird die Ethnografie im Kontext von Globalisierungsbedingungen unter Stichworten wie "Multi-sited-Ethnography" (MARCUS 1996) und "Global Ethnography" (BURAWOY et al. 2000; GILLE & O'RIAIN 2002) diskutiert (vgl. GRESCHKE 2007). <zurück>

15) Eine Art digitales Journal bzw. Internettagebuch, das einzeln oder gemeinsam mit anderen genutzt werden kann, um persönliche Gedanken, Meinungen, Erlebnisse, etc. im WWW zu veröffentlichen. <zurück>

16) Abkürzung für "Multi-User-Dungeon", eine Bezeichnung für (meist textbasierte) interaktive Rollenspiele im Internet. <zurück>

17) Begriff aus dem Internetjargon, der die Position der anonymen Leser/innen in Diskussionsforen, Chaträumen, News-Groups oder Mailinglisten beschreibt. <zurück>

18) Atlas.ti operiert auf der Basis der Grounded Theory, das heißt, es ermöglicht nicht nur systematisches Kodieren von Datenmaterial, sondern es können auch Relationen zwischen den verschiedenen Kodes hergestellt und Memos erstellt und mit den entsprechenden Stellen im Datenmaterial bzw. den entsprechenden Kodes und anderen Memos verknüpft werden. Auch wenn man nicht mit der Grounded Theory arbeitet, lässt sich Atlas.ti. daher sinnvoll einsetzen, um das Datenmaterial zu ordnen und erste Kategorisierungen vorzunehmen. Atlas.ti hat sich im ersten Analyseschritt der fallzentrierten Konstruktion des Forschungsfeldes, also bei der Organisation des Datenmaterials und der Analyse der Kommunikationen, die in Cibervalle im Kontext des Brandereignisses stattfanden, als arbeitserleichternde Unterstützung erwiesen. <zurück>

19) Im Anhang der berühmten Studie "Die Street Corner Society", einer Ethnografie über ein italienisches Viertel in Boston, die im Jahr 1943 erstmals veröffentlicht wurde, beschreibt WHYTE ausführlich die Schwierigkeiten des Feldzugangs und die Bedeutung der Informant/innen im Feld. WHYTE schildert, wie sich die Beziehung zu Doc, einem Bewohner des Viertels, im Laufe der Forschung änderte. "Anfangs war er einfach ein besonders wichtiger Informant – und auch mein Beschützer. Als wir mehr Zeit miteinander verbrachten, hörte ich auf, ihn als passiven Informanten zu behandeln. Ich diskutierte mit ihm ganz offen, was ich zu tun beabsichtigte, wo ich vor Schwierigkeiten stand und so weiter. Einen großen Teil unserer Zeit verbrachten wir mit solchen Diskussionen über Ideen und Beobachtungen, so daß Doc im ganz buchstäblichen Sinne ein Mitarbeiter bei meinen Forschungen wurde" (1996, S.302). Insofern ich mit den einzelnen Gruppen und Individuen, die Cibervalle konstituieren, in persönlichen Kontakt kam, wurden sie von mir über die Forschung informiert und nach ihrer Mitwirkungsbereitschaft gefragt. Dabei stellte ich immer wieder fest, dass der Unterschied zwischen "Informant/in" und "Ko-Forscher/in" ein recht künstlicher ist. Erstaunt hat mich die Offenheit und das Vertrauen, mit dem die Cibervaller@s mir Einblicke in ihren Alltag und ihre privaten Lebensräume erlaubt haben. Erfreut hat mich aber auch ihre Neugierde und ihr Interesse, an meiner Forschung mitzuwirken. Die vielen hilfreichen Hinweise, Anregungen und Fragen ihrerseits haben meinen Blick auf die Phänomene geschärft. Ich hatte dabei oft den Eindruck, dass mein Forschungsinteresse bei den Cibervaller@s auf fruchtbaren Boden gefallen war, wo es sich an den lebensweltlichen Erfahrungen und Fragen meiner Gesprächspartner/innen nähren konnte. Vielleicht weil die virtuelle Sozialwelt Cibervalles noch relativ jung ist, haben auch ihre Bewohner/innen ein großes Interesse an ihrer Erkundung. Jedenfalls geben die zahlreichen Diskussionen Anlass zu dieser Vermutung, die nicht nur auf meine Initiative hin über ihre Bedeutung geführt wurden. <zurück>

20) Buena onda [span.] bedeutet wörtlich übersetzt in etwa "gute Welle". Onda bezeichnet umgangssprachlich die Ausstrahlung einer Person, die Atmosphäre oder die Stimmung einer Situation bzw. innerhalb einer Gruppe. In Cibervalle wird der Ausdruck buena onda sehr häufig verwendet. Damit werden gleichermaßen die positive Grundstimmung innerhalb der Gemeinschaft als auch die guten Absichten ihrer Mitglieder betont. <zurück>

Literatur

Adams, Angel Parham (2004). Diaspora, community and communication: Internet use in transnational Haiti. Global Networks, 4(2), 199-217.

Bakardjieva, Maria & Fraser, Simon (2001). The Internet in everyday life. Computer networking from the standpoint of the domestic user. New Media and Society, 3(1), 67-83.

Beaulieu, Anne (2004). Mediating ethnography: Objectivity and the making of ethnographies of the internet. Social Epistemology, 18(2-3), 139-163.

Bergmann, Jörg R. (1985). Flüchtigkeit und methodische Fixierung sozialer Wirklichkeit. Aufzeichnungen als Daten der interpretativen Soziologie. In Wolfgang Bonß & Heinz Hartmann (Hrsg.), Entzauberte Wissenschaft: Zur Relativität und Geltung soziologischer Forschung. Sonderband 3 der Zeitschrift Soziale Welt (S.299-320). Göttingen: Schwartz.

Bergmann, Jörg R. (1988). Ethnomethodologie und Konversationsanalyse, Studienbriefe (1-2). Hagen: Fernuniversität.

Bergmann, Jörg R. (1993). Alarmiertes Verstehen: Kommunikation in Feuerwehrnotrufen. In Thomas Jung & Stefan Müller-Doohm (Hrsg.), Wirklichkeit im Deutungsprozeß. Verstehen und Methoden in den Kultur- und Sozialwissenschaften (S.283-328). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Bergmann, Jörg R. (2003). Konversationsanalyse. In Uwe Flick, Ernst von Kardoff & Ines Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S.524-537). Reinbek: Rowohlt.

Bergmann, Jörg R. (2006). Qualitative Methoden der Medienforschung – Einleitung und Rahmung. In Ruth Ayaß & Jörg R. Bergmann (Hrsg.), Qualitative Methoden der Medienforschung (S.13-41). Reinbek: Rowohlt.

Boase, Jeffrey; Chen, Wenhong; Wellman, Barry & Prijatelj, Monica (2002). Is there a place in cyberspace: The uses and users of public internet terminals, http://www.chass.utoronto.ca/~wellman/publications/index.html [Datum des Zugriffs: 27.07.2004].

Burawoy, Michael; Blum, Joseph A.; George, Sheba; Gille, Zsuzsa; Gowan, Teresa; Haney, Lynne; Klawiter, Maren; Lopez, Steven H.; Ó Riain, Seán & Thayer, Millie (2000). Global ethnography: Forces, connections, and imaginations in a postmodern world. Berkeley: University of California Press.

Capote, Truman (1965). In cold blood. A true account of a multiple murder and its consequences. New York: The New American Library.

Garfinkel, Harold & Wieder, Lawrence D. (1992). Two incommensurable asymmetrically alternate technologies of social analysis. In Graham Watson & Robert Seiler (Hrsg.), Text in context: Contributions to ethnomethodology (S.175-206). London: Sage.

Gille, Zsuzsa & O'Riain, Sean (2002). Global ethnography. Annual Review of Sociology, 28, 271-295.

Greschke, Heike M. (2005). Nicht zuständig. Tod einer Paraguayerin mobilisiert die globale Community. Ila, Schwerpunktheft Grenzerfahrungen/283, 16-17.

Greschke, Heike M. (2007). Daheim in www.cibervalle.com – Ethnographie einer globalen Lebenswelt. MS Dissertationsschrift (eingereicht). Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld.

Heritage, John (1984). Garfinkel and ethnomethodology. Cambridge: Polity Press.

Hine, Christine (1998). Virtual ethnography, http://www.intute.ac.uk/socialsciences/archive/iriss/papers/proceed.html [Datum des Zugriffs: 23.04.2006].

Honer, Anne (2003). Lebensweltanalyse in der Ethnographie. In Uwe Flick, Ernst von Kardoff & Ines Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S.194-204). Reinbek: Rowohlt.

Jones, Steven G. (1995). Cybersociety: Computer-mediated communication and community. London: Sage.

Karim, Karim H. (Hrsg.) (2003). The media of diaspora. Mapping the globe. Oxford: Routledge.

Kendall, Lori (1999). Recontextualizing cyberspace methodological considerations for online research. In Steven Jones G. (Hrsg.), Doing Internet research: Critical issues and methods for examining the net (S.57-75). Thousand Oaks: Sage.

Klemm, Michael & Graner, Lutz (2000). Chatten vor dem Bildschirm: Nutzerkommunikation als Fenster zur alltäglichen Computerkultur. In Caja Thimm (Hrsg.), Soziales im Netz. Sprache, Beziehungen und Kommunikationskulturen im Internet (S.156-179). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Knorr-Cetina, Karin & Bruegger, Urs (2002). Global microstructures. The virtual societies of financial markets. American Journal of Sociology, 107(4), 905-950.

Lindner, Rolf (1981). Die Angst des Forschers vor dem Feld. Überlegungen zur teilnehmenden Beobachtung als Interaktionsprozess. Zeitschrift für Volkskunde, 77, 51-66.

Luna Nueva (2005). La trata de personas en el Paraguay. Diagnóstico exploratorio sobre el tráfico y/o trata de personas con fines de explotación sexual, http://www.oimconosur.org/documentos/buscador.php?tipo=unico&documento=340&categoria=1 [Datum des Zugriffs: 11.10.2005].

Mann, Chris & Stewart, Fiona (2000). Internet communication and qualitative research. A handbook for researching online. London: Sage.

Marcus, George E. (1996). Ethnography in/of the world system: The emergence of multi-sited ethnography. Annual Review of Anthropology, 24, 95-117.

Miller, Daniel & Slater, Don (2000). The Internet An ethnographic approach. Oxford: Berg.

Rawls, Anne Warfield (2002). Editor's introduction. In Harold Garfinkel, Ethnomethodology's program: Working out Durkheims aphorism (S.1-64). Lanham: Rowman & Littlefield.

Turkle, Sherry (1995). Life on the screen: Identity in the age of the internet. New York: Simon & Schuster.

Uimonen, Paula (2003). Mediated management of meaning. Online-nationbuilding in Malaysia. Global Networks, 3(3), 299-314.

Wellman, Barry & Haythornthwaite, Caroline (Hrsg.) (2002). The Internet in everyday life. Oxford: Blackwell.

Wellman, Barry & Hogan, Bernie (2004). The immanent Internet. In Johnston McKay (Hrsg.), Netting citizens: Exploring citizenship in a digital age (S.54-80). St. Andrews: University of St. Andrews Press.

Whyte, William, F. (1996/1943). Die Street Corner Society. Die Sozialstruktur eines Italienerviertels. Berlin: de Gruyter.

Wolff, Stephan (2003). Wege ins Feld und ihre Varianten. In Uwe Flick, Ernst von Kardoff & Ines Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S.334-349). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Zur Autorin

Heike Mónika GRESCHKE ist Diplom-Sozialpädagogin und promoviert als Mitglied des Graduiertenkollegs "Die Herstellung und Repräsentation von Globalität" an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Im Rahmen des Bundesmodellprogramms "Wirkungsorientierte Jugendhilfe" ist sie zur Zeit außerdem mit der ethnografischen und gesprächsanalytischen Erhebung und Auswertung von Hilfeplangesprächen betraut.

Kontakt:

Heike Mónika Greschke

Institut für Weltgesellschaft
Graduiertenkolleg
Fakultät für Soziologie
Universität Bielefeld
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld
Deutschland

E-Mail: heike.greschke@uni-bielefeld.de

Zitation

Greschke, Heike Mónika (2007). Bin ich drin? – Methodologische Reflektionen zur ethnografischen Forschung in einem plurilokalen, computervermittelten Feld [45 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(3), Art. 32, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0703321.



Copyright (c) 2007 Heike Mónika Greschke

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.