Volume 19, No. 2, Art. 11 – Mai 2018



Tagungsbericht:

Oliver Berli, Daniel Bischur, Stefan Nicolae & Hilmar Schäfer

Kulturen der Bewertung

veranstaltet in Kooperation zwischen der Sektion Kultursoziologie und dem Arbeitskreis "Soziologie des (Be)Wertens" der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie am 9. und 10. November 2017 in Köln, gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung und den Sektionen, organisiert von Oliver Berli, Stefan Nicolae und Hilmar Schäfer

Zusammenfassung: Bewertungen sind ein Phänomen, das alle Bereiche des Sozialen durchzieht – von ästhetischen Urteilen im Alltag über die Vergabe von Schulnoten bis hin zu komplexen Evaluationsprozessen. Die Tagung nahm die gegenwärtige thematische Konjunktur einer sich etablierenden Soziologie der Bewertung (LAMONT 2012) zum Anlass, um ausgewählte Phänomene aus einer dezidiert kultur- und wissenssoziologischen Perspektive zu beleuchten. Als "Kulturen der Bewertung" wurden spezifische gesellschaftliche Wertigkeitsphänomene in ihren Gemeinsamkeiten und Differenzen vergleichend betrachtet. Ein thematischer Schwerpunkt lag darauf, die Eigenlogiken von Bewertungen in unterschiedlichen sozialen Sphären und deren gesellschaftliche Effekte herauszuarbeiten. Der gemeinsame Gegenstand der Bewertung diente zudem dem Austausch über eingespielte thematische Profile hinaus. Neben dem inhaltlichen wurde auch das gegenwärtige methodische Profil dieses Forschungsfeldes deutlich, welches von interpretativen Ansätzen dominiert wird.

Keywords: Bewertung; Kultursoziologie; Wissenssoziologie; Evaluation; Kultur; Wissenschaft; Wirtschaft; Sport; interpretative Sozialforschung; Ethnografie; Praxeografie; Interview

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kulturen der Bewertung: Thematische Fokussierungen der Beiträge

2.1 Bewertungskulturen und Digitalisierung

2.2 Bewertungskulturen in der Wissenschaft

2.3 Bewertungskulturen in Kunst und Kultur

2.4 Bewertungskulturen: gesellschaftsanalytische Aspekte

2.5 Bewertungskulturen: internationale Perspektiven

2.6 Bewertungskulturen: Sport

3. Schlussdiskussion und Ausblick

Anmerkung

Literatur

Zu den Autoren

Zitation

 

1. Einleitung

Bewertungen sind allgegenwärtig. Als soziologisch relevantes Phänomen lassen sie sich in unterschiedlichen Feldern und an vielfältigen Beispielen untersuchen. In historischer Perspektive erscheint das aktuell wahrnehmbare Interesse an Praktiken des Wertens und Bewertens keineswegs als Innovation, denn es gehört genuin zum erkenntnistheoretischen Profil der Soziologie (CEFAÏ, ZIMMERMANN, NICOLAE & ENDRESS 2015). Dennoch gibt es Themenbereiche, die gegenwärtig stark profiliert sind. Zu diesen Bereichen gehören Kultur (z.B. BERLI 2014; DIAZ-BONE 2010; VELTHUIS 2005), Wirtschaft (z.B. KARPIK 2011; STARK 2009), Bildung (z.B. BREIDENSTEIN 2012; KALTHOFF 2013; ZABOROWSKI, MEIER & BREIDENSTEIN 2011) und Wissenschaft (z.B. HAMANN 2016; HIRSCHAUER 2015; LAMONT 2009; REINHART 2012). Der soziologischen Fantasie sind hier jedoch kaum Grenzen gesetzt. Die thematische Vielfalt der gegenwärtigen Forschung in diesem Feld dokumentierte auch das Programm der Tagung "Kulturen der Bewertung", die am 8. und 9. November 2017 in den Räumen der Fritz Thyssen Stiftung in Köln stattgefunden hat. Diese Tagung wurde gemeinsam von der Sektion Kultursoziologie sowie dem Arbeitskreis Soziologie des Be/Wertens der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie veranstaltet, von beiden Sektionen unterstützt und durch die Fritz Thyssen Stiftung gefördert. [1]

In dem vorliegenden Bericht legen wir den Fokus auf die thematischen Schwerpunkte der Tagung. Dabei orientieren wir uns stark an der Chronologie der Beiträge und weichen nur davon ab, wenn inhaltliche Gründe dafür sprechen. Abschließend erfolgt ein Einblick in die Themen der Schlussdiskussion, in deren Rahmen unter anderem das methodische Profil der aktuellen Bewertungsforschung sowie einige weiterführende Gedanken hinsichtlich möglicher Dimensionen für systematische Vergleiche von Bewertungskulturen angesprochen wurden. [2]

2. Kulturen der Bewertung: Thematische Fokussierungen der Beiträge

Die Tagung hat die gegenwärtige thematische Konjunktur einer sich etablierenden Soziologie der Bewertung (LAMONT 2012) zum Anlass genommen, um ausgewählte Phänomene aus einer dezidiert kultur- und wissenssoziologischen Perspektive zu beleuchten. Als "Kulturen der Bewertung" sollten spezifische gesellschaftliche Wertigkeitsphänomene in ihren Gemeinsamkeiten und Differenzen vergleichend und auf der Grundlage empirischer Forschung in den Blick genommen werden. Ein thematischer Schwerpunkt lag darauf, die Eigenlogiken von Bewertungen in unterschiedlichen sozialen Sphären und deren gesellschaftliche Effekte am erhobenen Material herauszuarbeiten. Der gemeinsame Gegenstand der Bewertung diente darüber hinaus auch dem Austausch über die Grenzen soziologischer Binnendifferenzierungen hinweg. [3]

Der Eröffnungsvortrag von Michael HUTTER (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) bereitete das Feld für konzeptionelle Diskussionen, indem er auf dominante Theoriebezüge in der aktuellen Debatte zu Bewertungsphänomenen hinwies und eine eigenständige Position ausbuchstabierte. Leitend für seine Argumentation erwiesen sich das Umstellen von einer am Feldbegriff orientierten Perspektive auf eine konsequente Anwendung des Spielbegriffs sowie die durchgängige Einbeziehung der pragmatistischen Tradition, wobei HUTTER insbesondere John DEWEY als Impulsgeber hervorhob. Dieser hatte mit seiner "Theory of Valuation" (DEWEY 1939) begriffliche und perspektivische Weichenstellungen vorgeschlagen, an die auch gegenwärtig gewinnbringend angeschlossen werden kann. Zu diesen Vorschlägen gehört, eine konsequent prozessuale Perspektive einzunehmen, anstatt Bewertungen isoliert zu betrachten. Der Eröffnungsvortrag bereitete ebenfalls die Reflexion methodologischer Grundlagen der Soziologie der Bewertung vor. [4]

2.1 Bewertungskulturen und Digitalisierung

Digitalisierung und die verstärkte Integration mobiler Medien in die Alltagspraxis stellen ein aktuelles und gesellschaftlich relevantes Phänomen dar, das sich auch mit Blick auf die verbundenen Veränderungen von Bewertungspraktiken diskutieren lässt. Durch die Nutzung von Plattformen wie TripAdvisor, Uber, Airbnb oder Datingportalen verändern sich gegenwärtig nicht nur Bewertungskulturen, sondern auch Alltagspraktiken. Jonathan KROPF und Stefan LASER (Universität Kassel) sprachen sich in ihrem Vortrag zu digitalen Bewertungspraktiken für eine Umstellung der analytischen Perspektive der Bewertungsforschung aus. Entgegen der häufigen Betonung des analytischen Nutzens von Vergleichen sprachen sie sich für eine Untersuchung von Grenzräumen bzw. Kontaktzonen aus.1) Dabei griffen sie auf etablierte begriffliche Vorschläge wie boundary objects (STAR & GRIESEMER 1989), boundary work (z.B. LAMONT & MOLNÁR 2002) und infrastructure (z.B. STAR 1999) zurück, um anschließend ihre Heuristik an Pinterest und WhatsApp zu erläutern. Mit Airbnb wurde ein weiteres empirisches Beispiel im Bereich der digitalen Bewertungskulturen von Thomas FRISCH (Universität Hamburg) eingeführt. Die vorgestellten Einsichten in die Bewertungskultur von Airbnb sind Teil eines DFG-geförderten Forschungsprojekts mit dem Titel "Tourismus 2.0 – Zwischen medialer Vermittlung und digitaler Entnetzung". Die Besonderheiten der medialen Bewertungskultur dieser Plattform wurden besonders deutlich im Zuge der Präsentation der dort dominierenden Bewertungsimperative. So sind beispielsweise alle NutzerInnen angehalten zu bewerten. Dies hat zur Folge, dass die Verweigerung von Bewertung als Hinweis auf negative Erfahrungen gedeutet werden kann. Hinsichtlich der Bewertungsobjekte sind bei digitalen Bewertungspraktiken keine Grenzen gesetzt, wie der Beitrag von Thorsten PEETZ (Universität Bremen) deutlich machte. Er behandelte die Dating-App Tinder, um der Frage nachzugehen, inwiefern sich ein Wandel von Intimbeziehungen und insbesondere der in ihnen stattfindenden Bewertungen konstatieren lässt. Zeitdiagnostisch schloss PEETZ dabei an die Arbeiten zum Wandel von Intimbeziehungen von Eva ILLOUZ (z.B. 2011) an. Hierbei wurde die Ambivalenz einer sowohl intimen als auch auf einen spezifischen Markt bezogenen Bewertungskonstellation hervorgehoben, die im Rahmen einer digitalen Infrastruktur und einer durch Algorithmen vermittelten wechselseitigen Bewertung die Bewertenden einer zu hinterfragenden Ökonomisierung unterwerfe. [5]

2.2 Bewertungskulturen in der Wissenschaft

Wissenschaftliche Bewertungskulturen sind als Thema der Soziologie des Wertens und Bewertens etabliert (z.B. HAMANN 2016; HIRSCHAUER 2015; LAMONT 2009; REINHART 2012). Im Rahmen der Tagung "Kulturen der Bewertung" widmeten sich drei Vorträge diesem Themenfeld. Lars ALBERTH, Matthias HAHN und Gabriele WAGNER (Leibniz Universität Hannover) nahmen – basierend auf einem qualitativen Forschungsprojekt zur leistungsorientierten Mittelvergabe an deutschen Universitäten – die justification work (JAGD 2011) der Verwaltungsangehörigen in den Blick. Methodisch an der dokumentarischen Methode orientiert, zeigten sie detailliert unterschiedliche Rechtfertigungsstrategien von Verwaltungsangestellten gegenüber Forschenden auf. Grundsätzlich unterschieden sie dabei zwischen einem defensiven und einem offensiven Rechtfertigungsrahmen, thematisierten die verbundenen Konventionen (z.B. Autonomie von Wissenschaft) und wiesen auf mögliche paradoxen Folgen der Rechtfertigungsarbeit hin (vgl. ALBERT, HAHN & WAGNER 2018). Anschließend ging Martina FRANZEN (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) in ihrem Vortrag auf Fragen einer sich wandelnden Werteordnung in der Wissenschaft ein. Dabei nahm sie zunächst auf deren Elementarwährung – Publikationen – Bezug. Im Durchschreiten historischer wie aktueller Formen des Peer Review wurde deutlich, wie unterschiedlich hierdurch Vertrauen und Qualität hergestellt würden. Besonders eindrücklich ist in dieser Hinsicht auch die Einbeziehung wissenschaftsexterner Bewertungskriterien im Rahmen des Research Excellence Framework in Großbritannien. In sogenannten Impact Case Studies wird nun auch der gesellschaftliche Mehrwert von Forschung evaluiert. [6]

Durch den Vortrag von Anne K. KRÜGER (Humboldt-Universität zu Berlin & Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung) und Felicitas HESSELMANN (ebenfalls DZHW), der Sichtbarkeitsverhältnisse in Bewertungsprozessen diskutierte, wurde der thematische Block zu wissenschaftlichen Bewertungspraktiken abgerundet. Als spezifisches Beispiel wählten sie das Peer Review in wissenschaftlichen Zeitschriften. Grundsätzlich zeigten sie auf, inwiefern Anerkennung (sehen und gesehen werden), Kontrolle (beobachten und beobachtet werden) und Singularität (sehen wollen und gesehen werden wollen) als Effekte von Sichtbarkeitskonstellationen verstanden werden können und sich solche Konstellationen im Verlauf von Bewertungsprozessen wandeln können. Sie verdeutlichten dies detailliert an einem Beispiel. So ist für Einreichende außer den EditorInnen niemand der am Begutachtungsprozess Beteiligten sichtbar. Die EditorInnen behalten im fortlaufenden Prozess eine zentrale Stellung bei, während andere Redaktionsmitglieder immer nur partiell in den Blick geraten. [7]

2.3 Bewertungskulturen in Kunst und Kultur

Neben der Wissenschaft bietet das kulturelle Feld vielfältige Beispiele für Bewertungsphänomene. Désirée WAIBEL (Universität Bremen) stellte Ergebnisse ihrer Studie zur Figur des Amateurs bzw. Amateurin in gegenwärtigen Bewertungskonstellationen vor und interessierte sich vor allem für die Frage, wie AmateurInnen ein institutionalisierter Status zugeschrieben wird. Dabei verglich sie den Status von Amateur-LiteraturkritikerInnen auf der Internetplattform Amazon mit der Arbeit von Amateur-PastorInnen evangelikaler Kirchen in den USA. Im Anschluss an die eingehende Analyse ausgewählter Online-Kritiken auf Amazon, die durch das Zusammenspiel von Textkommentaren, Diskussionen sowie algorithmenbasierten Bewertungen gekennzeichnet sind, arbeitete sie auf der Grundlage ethnografisch erhobener Daten zu Gatekeeping-Phänomenen in der Gemeindearbeit heraus, dass religiösen AmateurInnen stärker auf die Konsekration durch professionelle AkteurInnen angewiesen seien, während sich im Bereich der digitalen Kritiken eine Professionalisierung der AmateurInnen selbst verzeichnen lasse. Tasos ZEMBYLAS (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) präsentierte eine konzeptionell ausgerichtete Analyse struktureller Probleme kulturpolitischer Evaluationsstudien entlang institutioneller Konfliktlinien zwischen Auftraggebenden, EvaluatorInnen und Betroffenen. Hierbei seien vor allem divergierende oder unklare Bewertungslogiken identifizierbar, deren Überwindung als Governance-Problem gedeutet werden könne. Als solches verstanden, sollten – so ZEMBYLAS – auf dem Hintergrund variierender Bewertungskonstellationen, -gegenstände und Rhetoriken sowohl Betroffene als auch die Stakeholder einbezogen werden. Rosa REITSAMER und Rainer PROKOP (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) untersuchten die Bewertung von BewerberInnen zur Aufnahme an Musikuniversitäten. Dazu griffen sie auf ethnografisches Datenmaterial zurück, das in teilnehmender Beobachtung von Jurysitzungen gewonnen wurde. Typische Selektionskriterien seien Instrumentenbeherrschung, Alter, musikalisches Potenzial, Persönlichkeit und Emotionsmanagement gewesen. Sie argumentierten überzeugend, dass die impliziten Auswahlkriterien für professionelle MusikerInnen im klassischen Genre an der Verinnerlichung der Leitidee eines männlichen Künstlergenies orientiert sind. Auch Jan GERWINSKI und Christine HRNCAL (Universität Siegen) präsentierten Analysen der Bewertung künstlerischer Produktion, indem sie "natürliche" Gespräche von Theaterbesuchenden, unmittelbar nach der Vorstellung aufgezeichnet, konversationsanalytisch untersuchten. Damit setzen sie empirisch einen Kontrapunkt zu Beiträgen, die stärker standardisierte Formen der Bewertung diskutierten und zeigten zugleich eindrucksvoll die Kompatibilität eines konversationsanalytischen Vorgehens mit anderen methodischen Zugängen auf, die auf der Tagung vertreten wurden. [8]

2.4 Bewertungskulturen: gesellschaftsanalytische Aspekte

Den Abschluss des ersten Tages bildete ein Abendvortrag von Steffen MAU (Humboldt-Universität zu Berlin) über seine aktuelle Monografie "Das metrische Wir" (2017). In seinem beispielreichen Buch, das auch außerhalb des Fachdiskurses viel Beachtung erfährt, entfaltet er eine zeitdiagnostische Perspektive, die eindringlich auf die gegenwärtig zunehmende quantitative Durchdringung vieler Lebensbereiche hinweist. MAU zufolge ist diese Entwicklung häufig gepaart mit einer fortschreitenden Digitalisierung des Sozialen, dem Wirken eines komparativen Dispositivs sowie einer kompetitiven Logik. Bewertungskulturen und -praktiken würden dabei vor allem im Hinblick auf ihren Beitrag zur Produktion sozialer Ungleichheit untersucht. In der anschließenden Diskussion wurde u.a. deutlich, dass hier ein wichtiges Debattenfeld für die Bewertungsforschung vorliegt. [9]

2.5 Bewertungskulturen: internationale Perspektiven

Den Auftakt des zweitens Tagungstages bildete der Vortrag von Claes-Fredrik HELGESSON (Linköpings Universitet, Schweden). In einer engen Verflechtung der Thematisierung seines individuellen Forschungsprogramms und der Gründungsgeschichte der Open-Access-Zeitschrift "Valuation Studies", die mittlerweile eine wichtige Referenz im englischsprachigen Diskurs darstellt, wurden die vielfältigen theoretischen und methodischen Zugänge und die mannigfaltigen Erscheinungsformen des Wertens und Bewertens in der Sozialwelt angesprochen. Entsprechend plädierte HELGESSON zudem für die Notwendigkeit eines interdisziplinären Zuschnitts des Feldes und verwies auf die aktuellen Leerstellen für zukünftige Forschung. Zu diesen Leerstellen zählte er beispielsweise die Untersuchung von Bewertungen in Bildungskontexten, die affektiven Komponenten von Bewertungen sowie die Dramaturgie von "Bewertungsspektakeln" (vgl. MUNIESA & HELGESSON 2013), wie sie regelmäßig in Fernsehshows präsentiert würden. Im Anschluss berichtete Stefan BELJEAN (Harvard University, Cambridge, MA, USA) aus einer Studie mit Schülerinnen und Schülern aus der gehobenen Mittelklasse an US-amerikanischen High Schools. Die Datengrundlage bildeten Interviews mit SchülerInnen und PädagogInnen aus drei weiterführenden Schulen, um an diesem Material die Bildungsaspirationen, Selbstentwürfe und adaptiven Strategien dieser SchülerInnen im Kontext eines auf Wettbewerb abgestellten Bildungssystems herauszuarbeiten. Der Beitrag von Christian HUBER, Nathalie Iloga BALEP, Jacob REILLEY, Tobias SCHEYTT (alle Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) und Andrea MENNICKEN (London School of Economics and Political Science, UK) ist im Kontext des sowohl länder- als auch feldvergleichenden Forschungsprojekts "Quantification, Administrative Capacity and Democracy" (QUAD) verortet, das sich "kalkulativen Infrastrukturen" (MENNICKEN, MILLER & SAMIOLO 2008) widmet. Der Fokus des Vortrags lag auf Forschungsarbeiten in britischen und deutschen Krankenhäusern und Gefängnissen, und es wurden die grundsätzliche Analytik sowie erste Befunde vorgestellt. Den englischsprachigen Block schloss Laura CENTEMERI (Centre d'Etudes des Mouvements Sociaux – Institut Marcel Mauss, Paris, Frankreich) mit einem Beitrag zu den Besonderheiten der sog. Permaculture-Bewegung ab, die sie ethnografisch untersucht. Zunächst stellte sie die Geschichte dieser Bewegung und ihren Zugang dar. Daran anknüpfend diskutierte CENTEMERI unter Rückbezug auf Vorarbeiten von Laurent THÈVENOT unterschiedliche Modi der Bewertung insbesondere von Natur, wobei sich mindestens drei unterschieden ließen: erstens eine universelle (universal), zweitens eine zielorientierte (goal oriented) sowie drittens eine eingelagerte (emplaced) Art und Weise, Natur Wert zuzuschreiben. Während die beiden erstgenannten einfach mit Sinn zu füllen seien, beziehe sich der dritte Modus auf in verkörperter Erfahrung wahrgenommenen Wert. Zu denken sei hierbei an Naturerlebnisse. [10]

2.6 Bewertungskulturen: Sport

Zwei Vorträge aus dem empirischen Untersuchungsfeld Sport erlaubten weitere Vergleichsperspektiven. Im Fokus des Vortrags von Franziska HODEK (Katholische Universität Eichstädt-Ingolstadt) stand die Untersuchung der Praktiken des Analysierens und Bewertens von professionellem Fußball, die auf teilnehmenden Beobachtungen beruht. Konkret verglich HODEK im Rahmen einer praxeografischen multi-sited ethnography (MARCUS 1995) sowie unter Rückgriff auf Verfahren des mappings (CLARKE 2012 [2005]) die Arbeit in einem Spielanalyseunternehmen mit den Bewertungspraktiken in einer Firma, die eine Fußballsimulation herstellt. Ein Fokus lag dabei auf Praktiken des Kritisierens. In beiden untersuchten Fällen machte sie sich dafür stark, die beobachteten Praktiken als accounting (HODEK 2017) zu verstehen, mit dem einerseits auf der Grundlage festgelegter Eventkataloge das beobachtete Fußballgeschehen in quantifizierte Daten verwandelt würde und andererseits Profi-FußballerInnen einem Rating unterzogen würden, das wiederum als Basis der Zuschreibung von Avatar-Fähigkeiten herangezogen werde. In ihrer abschließenden methodologischen Reflexion hob sie die Leistung der praxeologischen Perspektive bei der Erfassung der praktischen Logik, und hier insbesondere der Zeitlichkeit des Sozialen, hervor. Alexandra JANETZKO (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) widmete sich in ihrem Vortrag, ebenfalls aus praxeografischer Perspektive, Bewertungsphänomenen im Leistungssport. Ihr empirischer Gegenstand waren Praktiken der Talentsichtung in Leitathletik und lateinamerikanischem Tanz, die sie ethnografisch beobachtet hat. In inhaltlicher Hinsicht wurde insbesondere die Ambivalenz der konkreten Auffassungen von "Talent" zwischen dem Besitz und dem Potenzial des Erwerbs von spezifischen Fertigkeiten am Material herausgearbeitet. [11]

3. Schlussdiskussion und Ausblick

Die Tagung "Kulturen der Bewertung" lässt sich in der Nachbetrachtung nicht allein durch die einzelnen, meist auf empirische Einzelstudien bezogenen Präsentationen charakterisieren. Vielmehr sind darüber hinaus Querbezüge, Parallelen und strukturelle Ähnlichkeiten über verschiedene Anwendungsfelder einer Soziologie des Wertens und Bewertens deutlich geworden und häufig in den angeregten und konstruktiven Diskussionen – auch über mitunter recht unterschiedliche methodische und theoretische Positionen hinweg – weiter verfolgt worden. So behandelte eine Reihe von Beiträgen Formalisierungs- und Professionalisierungstendenzen von Bewertungsprozessen. Neben dem Aufweis der Ökonomisierung und Rationalisierung von Bewertungen wurden jedoch auch die Grenzen der Formalisierbarkeit von Bewertungskriterien insbesondere in kulturellen Feldern und bei stark personenzentrierten Formaten wie etwa Jurys deutlich. Hier zeigte sich die Leistungsfähigkeit interpretativer, ethnografisch oder interviewzentriert verfahrender Studien besonders stark. [12]

In der Abschlussdiskussion wurden offene Fragen der vorangegangenen Tage und mögliche Themenschwerpunkte für zukünftige Workshops und Tagungen unter methodischer und konzeptioneller Perspektive behandelt. Im Hinblick auf die Methoden der Bewertungsforschung ist gegenwärtig – auch im Rahmen der Tagung – eine Dominanz qualitativer Ansätze, insbesondere ethnografischer und interviewzentrierter Vorgehensweisen zu konstatieren. In der methodologischen Reflexion wurde die Leistung interpretativer Ansätze zur Erfassung konkreter Bewertungsprozesse, -praktiken oder -konstellationen hervorgehoben. Die Tagung bot somit auch die Gelegenheit, das Methodeninstrumentarium zur Analyse von Bewertungen zu inventarisieren. Das Fehlen quantitativer Beiträge wurde teilweise bedauert, zumal es gelungene Beispiele für die Kombination von bewertungsanalytischer Perspektive und quantitativer Methodik gibt. Zu denken wäre hierbei an Studien wie die von VAN VENROOIJ und SCHMUTZ (2010) zu Plattenkritiken in US-amerikanischen, niederländischen und deutschen Zeitungen: Die Autoren nutzten einen größeren Textkorpus, um nationale Unterschiede in der Anwendung von hochkulturellen Kriterien auf Popularmusik aufzuzeigen. Mixed-Methods-Designs bilden dagegen ein aktuelles Desiderat der Soziologie der Bewertung. In konzeptioneller Hinsicht wurde vielfach die weitere Konsolidierung und Ausarbeitung eines offenen, adaptiven Forschungsprogramms für die Soziologie des Wertens und Bewertens angeregt. [13]

Eine konzeptionelle Weiterentwicklung der hier präsentierten Perspektive lässt sich unserer Meinung nach vor allem über den Vergleich von spezifischen Bewertungskulturen und die resultierenden Irritationen realisieren. So zeigt sich primär im Vergleich, dass Bewertungen im unterschiedlichen Maße normiert sind. Am Beispiel von kulturellen Bewertungen lässt sich dies verdeutlichen: Die Bandbreite reicht hier von Bewertungen der AlltagsakteurInnen bis hin zu standardisierten, mehrstufigen ExpertInnenevaluationen. Neben alltäglichen ästhetischen Urteilen über Musik (BERLI 2014; PARZER 2011) lassen sich auch professionelle Kritiken von literarischen oder musikalischen Werken als eine stärker normierte Form von Kulturbewertung (CHONG 2011; SCHMUTZ & FAUPEL 2010) untersuchen. Eine weitere Steigerung des Normierungsgrads stellt in dieser Reihe von Beispielen die Aufnahme in das Register des UNESCO-Welterbes (SCHÄFER 2016) dar. Neben dem kulturellen Feld sind andere gesellschaftliche Sphären ebenfalls von Bewertungsphänomenen durchzogen, die sich hinsichtlich ihrer Normierung sowie ihrer institutionellen Einbettung unterscheiden lassen. Zu denken wäre hierbei an Bildung (Vergabe von Schulnoten), Wissenschaft (Peer Review, Universitätsrankings) oder auch Sport. Inwiefern der Grad der Normierung sowie die Komplexität der Bewertungsinstrumente folgenreich für die Konsequenzen von Bewertungen sind und welche gesellschaftlichen Auswirkungen dies hat, ist eine offene empirische Frage. [14]

Anmerkung

1) Der Begriff des Vergleichs ist innerhalb der Soziologie des Wertens und Bewertens von zentraler Bedeutung. So lässt er sich einerseits als Strategie zur Steigerung des theoretischen Abstraktionsniveaus begreifen, wie dies beispielsweise LAMONT in ihrem viel zitierten Beitrag "Toward a Comparative Sociology of Valuation and Evaluation" (2012) tut. Andererseits lassen sich Vergleiche aber auch als Praktiken verstehen, die elementare Bausteine von Bewertungen darstellen, wie sich im Anschluss an Bettina HEINTZ (2010, 2016) argumentieren lässt. <zurück>

Literatur

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Zaborowski, Katrin Ulrike; Meier, Michael & Breidenstein, Georg (2011). Leistungsbewertung und Unterricht. Ethnographische Studien zur Bewertungspraxis in Gymnasium und Sekundarschule. Wiesbaden: VS.

Zu den Autoren

Oliver BERLI ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Erziehungs- und Kultursoziologie der Universität zu Köln. Er forscht u.a. zu Wissenschaftskarrieren, Distinktionspraktiken sowie zur Soziologie des Bewertens.

Kontakt:

Dr. Oliver Berli

Professur für Erziehungs- und Kultursoziologie
Department für Erziehungs- und Sozialwissenschaften
Universität zu Köln
Gronewaldstr. 2
50931 Köln

Tel.: +49 (0)221-4397349

E-Mail: oberli@uni-koeln.de
URL: http://www.hf.uni-koeln.de/35520

 

Daniel BISCHUR ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Soziologie der Universität Trier. Er forscht u.a. zu Wissenschaftspraktiken, Soziologie der Moral, sowie zur Soziologie des Bewertens.

Kontakt:

Dr. Daniel Bischur

Fachbereich IV, Soziologie
Universität Trier
Universitätsring 15
54286 Trier

Tel.: +49 (0)651-201-2707

E-Mail: bischur@uni-trier.de
URL: https://www.uni-trier.de/index.php?id=50793

 

Stefan NICOLAE ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Allgemeine Soziologie der Universität Trier. Er forscht u.a. zur Soziologie des Bewertens, Soziologie der Kritik und Moralsoziologie

Kontakt:

Dr. Stefan Nicolae

Professur für Allgemeine Soziologie
Universität Trier
Fachbereich IV, Soziologie
Universitätsring 15
54286 Trier

Tel.: +49 (0)651-201-2699
Fax: +49 (0)651-201-3933

E-Mail: nicolae@uni-trier.de
URL: https://www.uni-trier.de/index.php?id=64505

 

Hilmar SCHÄFER vertritt z.Zt. die Professur für Soziologie mit Schwerpunkt Allgemeiner Gesellschaftsvergleich an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er forscht u.a. in den Bereichen soziologische Theorie, Kultursoziologie und Soziologie des Bewertens.

Kontakt:

Dr. Hilmar Schäfer

Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut für Soziologie
Professur für Allgemeinen Gesellschaftsvergleich
Karl-Glöckner-Str. 21E
35394 Gießen

Tel.: +49 (0)641-99-23300
Fax: +49 (0)641-99-23309

E-Mail: hilmar.schaefer@sowi.uni-giessen.de
URL: https://www.uni-giessen.de/fbz/fb03/institute/ifs/prof/allggesell/teamalle

Zitation

Berli, Oliver; Bischur, Daniel; Nicolae, Stefan & Schäfer, Hilmar (2018). Tagungsbericht: Kulturen der Bewertung [14 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 19(2), Art. 11, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-19.2.2992.



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