Volume 8, No. 3, Art. 12 – September 2007

Rezension:

Daniela Jauk

Ralf Bohnsack, Aglaja Przyborski & Burkhart Schäffer (Hrsg.) (2006). Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis. Opladen: Barbara Budrich, 304 Seiten, ISBN 3-938094-41-9, Preis € 24,90

Zusammenfassung: Der Sammelband von BOHNSACK, PRZYBORSKI und SCHÄFFER verspricht Einblick zu geben in konkrete Anwendungen von Gruppendiskussionen in ausgewählten Forschungsfeldern (Kindheit, Jugend, Handlungspraxis im organisatorischen und gesellschaftlichen Kontext). Darüber hinaus offeriert er neue und weiterführende methodische Reflexionen. Zwar gewähren die meisten AutorInnen anhand von Transkriptauszügen Einblicke in die Forschungspraxis – konkreter in die Forschungspraxis rekonstruktiver Sozialforschung. Insgesamt eröffnet das Buch jedoch vor allem den Blick auf jene deutschsprachigen Forschenden, die sich dem Mitherausgebers Ralf BOHNSACK bzw. seiner dokumentarischen Methode verpflichtet fühlen und hinterlässt in Ermangelung historischer Kontextualisierung mitunter den schalen Geschmack der Selbstreferentialität. Der Umstand, dass großteils aus noch laufenden Forschungsprojekten berichtet wird, bedingt möglicherweise die oft sehr gut gelungene Explikation und metatheoretische Begründung des methodischen Vorgehens, lässt aber an mancher Stelle jene enttäuscht zurück, die sich mehr Inhalt zur Form wünschen.

Keywords: Methodologie, rekonstruktive Sozialforschung, Gruppendiskussion, dokumentarische Methode, Fokusgruppen, Forschungspraxis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgewählte Felder der Forschungspraxis

2.1 Kindheit: Handlungspraxis in Ritual und Spiel

2.2 Politische, ästhetische und berufliche Orientierungen

2.3 Handlungspraxis und Legitimation im organisatorischen und gesellschaftlichen Kontext

3. Methodische Reflexionen

4. Resümee

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Die meisten der in den letzten beiden Jahrzehnten erschienenen Bücher über Gruppendiskussionen beginnen mit der Feststellung, dass diese Technik sich zunehmender Beliebtheit erfreue. Auch der vorliegende Band fällt hier nicht aus der Reihe: Die Herausgebenden beabsichtigen, mit dem Buch die zunehmende Popularität von Gruppendiskussionen in der empirischen Sozialforschung zu dokumentieren. Darüber hinaus sollen den Lesenden aber auch methodische und methodologische Weiterentwicklungen des Gruppendiskussionsverfahrens, das sich zum "Standardinstrument qualitativer Sozialforschung" (S.7) entwickelt habe, näher gebracht werden. Nicht aus dem Titel, aber in der Einleitung wird bald klar, dass alle hier versammelten Aufsätze sich der rekonstruktiven Sozialforschung zurechnen, oder noch genauer: der dokumentarischen Methode und damit dem Mitherausgeber BOHNSACK verpflichtet sind. Dieser (BOHNSACK 2007, 1. Auflage 1991)1) hat gemeinsam mit LOOS und SCHÄFFER (2001)2) im deutschsprachigen Raum die Methode der Gruppendiskussion als Methode zur Ermittlung kollektiver (milieuspezifischer) Orientierungsmuster methodologisch neu begründet (vgl. auch LAMNEK 1998 und 2005, S.429), welche hier einleitend noch einmal kurz erläutert sei. [1]

In Abgrenzung zu "Focus Groups", die ab 1950 bis 1980 vor allem in der Markt- und Medienforschung populär waren (vgl. MORGAN 1998, S.39, LITTIG & WALLACE 1997, S.1) und in Weiterentwicklung des Modells der "informellen Gruppenmeinung" von MANGOLD (1960) – mit dem BOHNSACK in den 1980er Jahren auch zusammenarbeitete – war und ist Anliegen von BOHNSACK (und damit auch Ziel des hier besprochenen Buches) eine metatheoretische Fundierung und Aufwertung der Gruppendiskussion explizit für die Sozialwissenschaften. BOHNSACK prägte den Begriff der "praxeologischen Wissenssoziologie", welche den Hintergrund zum Auswertungsmodus von Gruppendiskussionen bildet: der dokumentarischen Methode. Die Suche nach kollektiven Erfahrungen und Orientierungsmustern stellt dabei das zentrale Erkenntnisinteresse der dokumentarisch Forschenden dar, das auf die Konzeption des "konjunktiven Erfahrungsraumes" bei MANNHEIM aufbaut. Ein derartiger verbindender Erfahrungsraum basiert demnach auf kollektivbiographischen strukturidentischen Erfahrungszusammenhängen (etwa generationenspezifische Erfahrungen), die in der BOHNSACKschen Weiterentwicklung und methodischen Operationalisierung des Gedankens in einer Gruppendiskussion repräsentiert und damit erforschbar werden. [2]

In der Tradition der dokumentarischen Methode ist die Gruppendiskussion folglich mehr als nur exploratives Addendum im Forschungsprozess: sie ist ein prädestiniertes Instrument, Milieuanalyse zu betreiben und kollektive Orientierungen von Akteuren zu erheben, welche als milieu- und kulturspezifisches Orientierungswissen innerhalb und außerhalb von Institutionen die Handlungspraxis von Menschen konstituieren. Die Auswertung des Materials und die Textinterpretation erfolgt hierbei in vier Schritten, die BOHNSACK (2007) in seinem Hauptwerk ausführt: formulierende Interpretation (Rekonstruktion der thematischen Gliederung), reflektierende Interpretation (Rekonstruktion des Orientierungsrahmens), Fall- bzw. Diskursbeschreibung (Charakterisierung der Gesamtgestalt des Falles/Diskurses) und Typenbildung (Herausarbeiten von Bezügen zwischen Erfahrungshintergrund und aktivierten Orientierungen in der Gruppendiskussion). Übersichtliche Zusammenfassungen der Arbeitsschritte der Textinterpretation bieten darüber hinaus LAMNEK (2005, S.457) und etwas ausführlicher auch LOOS und SCHÄFFER (2001, S.59-74). [3]

Bei der Interpretation kommt insbesondere der Analyse der "Diskursorganisation" Bedeutung zu – der auch ein eigenes Kapitel gewidmet ist –, wobei hier das Augenmerk auf die Formalstruktur und interaktiv intensive Sequenzen der Diskussion gerichtet wird. Als "Fokussierungsmetaphern" werden jene (Text-) Sequenzen bezeichnet, die aufgrund ihrer interaktiven und metaphorischen Dichte kollektive Orientierungen der Gruppe bzw. des jeweiligen Milieus besonders prägnant, lebhaft oder elaboriert zum Ausdruck bringen (vgl. BOHNSACK 2007, S.123f.). [4]

2. Ausgewählte Felder der Forschungspraxis

Die Herausgebenden organisieren die Beiträge der insgesamt 19 AutorInnen anhand von drei zentralen Forschungsfeldern (Kindheit, Jugend und Institutionen) und schließen mit methodologischen Reflexionen und Vorschlägen zur Weiterentwicklung der dokumentarischen Methode. Sympathischerweise finden wir ausgeglichen weibliche und männliche Autor/innen sowie Beiträge von wissenschaftlichem Nachwuchs in dem Buch, was auch ein Hinweis auf die zunehmende Wichtigkeit, Akzeptanz und Dissemination der dokumentarischen Methode ist. [5]

2.1 Kindheit: Handlungspraxis in Ritual und Spiel

Videografie und ein neues Interesse an Ritualen in den Erziehungswissenschaften spielen in den beiden Beiträgen zu Handlungspraxen der Kindheit eine Rolle. Iris NENTWIG-GESEMANN befasst sich dabei mit Verständigungs-, Abstimmungs- und Gemeinschaftsbildungsprozessen im Spielen, das den Kindern während der Diskussion ausdrücklich erlaubt ist ("Spielbegegnung", S.30) und ihnen eine Teilnahme an der Gruppendiskussion erleichtert. Auf Basis des empirischen Materials gelingt der Autorin zweierlei: Einerseits rekonstruiert sie kollektive Spielpraxis (hier am Beispiel des Pokèmon-Spielens) und leistet damit einen Beitrag zur Klassifikation der Spielpraxis, wenn sie diese in "regelgeleitete, habituelle und aktionistische Spielpraxis" strukturiert. Die Videodokumentation eröffnet darüber hinaus neue methodologische Möglichkeiten und Fragen: so ist es zusätzlich zu den bereits erwähnten dramaturgischen Höhepunkten des Gesprächs – den Fokussierungsmetaphern – auch möglich, "Fokussierungsakte" ins Zentrum der Analyse und damit die konjunktiven habitualisierten kulturellen Neuschöpfungen von Kindern (im Kontrast zur Frage nach Sozialisationswerten von Spielen) in den Vordergrund zu rücken. [6]

Monika WAGNER WILLI trianguliert Videodokumentation, teilnehmende Beobachtung und Gruppendiskussionen, um Übergangsritualen von SchülerInnen und LehrerInnen von der Hofpause zum Klassenunterricht auf die Spur zu kommen und damit "Mikrorituale einer alltäglichen Schwellenphase" aufzudecken. WAGNER WILLI ortet vier verschiedene rituelle Muster des "liminalen Herumtobens", von denen die "Peer Group im Klassenraum" exemplarisch näher behandelt wird. Damit ist die Situation gemeint, in der die SchülerInnen – bereits im Klassenraum angekommen – sich noch immer auf die konjunktive Erfahrung des gemeinsamen Spielens in der Pause beziehen, und es in der Folge zu rituellen Schemata der Disziplinierung durch das pädagogische Personal kommt. Interessant ist, dass durch die Gegenüberstellung von Video- und Kommunikationsdokumentation eine Analyse von Handlungs- und Kommunikationspraxen gelingen kann. Ein dergestalt einleuchtendes Plädoyer für die Triangulation im Rahmen des rekonstruktiven Paradigmas ist ein Trost für die Lesenden angesichts des dünnen theoretischen Erkenntnisgewinns: denn wir erfahren eigentlich nicht mehr, als dass die Schwellenphase vom Spannungsfeld der Vorder- und Hinterbühne, von Peer Group und Unterrichtssozialität bestimmt ist, und dass so auch der schulische Alltag von konjunktiven kommunikativen Ritualisierungen geprägt wird (vgl. S.54). [7]

2.2 Politische, ästhetische und berufliche Orientierungen

Es ist aus mehreren Gründen nicht verwunderlich, dass der zweite Teil des Buches über politische, berufliche und ästhetische Orientierungen von Jugendlichen die meisten Beiträge versammelt. Das steht grundsätzlich in Zusammenhang mit der zentralen Bedeutung von Gruppenbildungen (Peer Groups) in der Jugendphase, für die die Gruppendiskussion eine naheliegende Methode darstellt. Paul WILLIS hat sich diesen Umstand in seiner mittlerweile klassischen Untersuchung "Learning to Labour" (1977) zunutze und damit die "Group Discussion" auch für Cultural Studies fruchtbar gemacht. Er ortet in seiner Studie eine "Gegenschulkultur" von Arbeiterjugendlichen, die ein wenig meritokratisches System antizipieren und ihre Identität im Widerstand zum kapitalistischen Erziehungssystem herausbilden. Er ist es auch, der neben MANGOLD und POLLOCK der einzige "Riese" ist, auf dessen Schultern die rekonstruktiv Forschenden dieses Bandes zu stehen beanspruchen und dessen Arbeit sie daher als "bahnbrechend" beurteilen (S.10). Zudem hat auch BOHNSACK selbst sich im Feld der Jugendforschung habilitiert (BOHNSACK 1998) und dabei die Entwicklung des Gruppendiskussionsverfahrens im deutschsprachigen Raum entscheidend vorangetrieben (vgl. S.14). [8]

Ethnozentristische Orientierungen an Schulen im Stadt-Land Vergleich (Heinz Hermann KRÜGER und Nicole PFAFF), Lernen von globalen Zusammenhängen (Barbara ASBRAND), Statuspassagen junger Migrantinnen im Übergang von Schule und Beruf (Karin SCHITTENHELM) und Computernutzung an der Schnittstelle von Medien- und Sozialpädagogik (Stefan WELLING) stellen dabei Forschungsfragen in den Mittelpunkt, die an eine breitere wissenschaftliche Debatte anschließen, aber dennoch Detailaspekte ausführlicher erhellen können. [9]

Neuland betritt Claudia STREBLOW, wenn sie die Gruppendiskussion als Methode der Evaluationsforschung am Beispiel von Schulsozialarbeit nutzt. STREBLOW kann – ebenfalls unter Verwendung von Videografie – zeigen, dass Gruppendiskussionen in der Evaluationsforschung den analytischen Zugriff auf explizite Bewertungen und den diesen zugrunde liegende Werthaltungen erlauben, und kommt zu überraschenden Ergebnissen: In den Gruppendiskussionen mit den jugendlichen "Usern" der Schulstation tritt klar die entspannende "integrative Zwischenstellung" einer solchen Methode zu Tage, in der sich die SchülerInnen auch vom Aktionismus und der Anspannung des Schulalltags erholen können. Das Personal der Schulstation wiederum fokussiert eher auf die individualspezifischen und familiären Gründe für ein ("Fehl"-) Verhalten in der Schule, welches dem Besuch in der Schulstation oft vorausgeht, und lenkt damit eigentlich von innerschulischen Phänomenen, etwa dem Verhalten des Lehrkörpers, ab (was m.E. ähnlich bedeutsam ist wie die Ergebnisse von WILLIS seinerzeit). [10]

Wivian WELLERs interkulturell vergleichende Studie zu Hip-Hop Kulturen wirft interessante Fragen zur methodischen Kontrolle interkulturellen Fremdverstehens auf. Sie verwendet Gruppendiskussionen als Teil eines Methodenmix, wobei sie in Sao Paolo schwarze Jugendliche und in Berlin türkische Jugendliche in den Blick nimmt, dabei auch in unterschiedlichen Sprachen agierte und eine Forschungswerkstatt zur methodischen Kontrolle der Interpretation eingerichtet hat. (Wie bei SCHITTENHELM liegt dabei das Augenmerk auf der Explikation der Methoden und nicht auf den Inhalten der Studie, deren Vermittlung KRÜGER & PFAFF, ASBRAND und STREBLOW besser gelingt.) Die sehr unterschiedlichen Fragestellungen treffen sich teils im Vergleich bildungsnaher und bildungferner Milieus (ASBRAND, WELLING), wobei im Fall von WELLING auch die Vernetzung der rekonstruktiven Forschung in Deutschland deutlich wird, da er seine Studie als Vergleichsstudie zu einer Studie des Mitherausgebers SCHÄFFER (2003) konzipierte. [11]

2.3 Handlungspraxis und Legitimation im organisatorischen und gesellschaftlichen Kontext

In den Beiträgen zu Handlungspraxis und Legitimation im organisatorischen und gesellschaftlichen Kontext eröffnet sich schließlich eine größere Vielfalt der "Reize", die als Startimpuls für die Gruppendiskussionen eingesetzt werden (eigentlich ganz in der Tradition des "Focussed Interview" bzw. des "Group Interview" bei MERTON, FISKE und KENDALL 1956). So dienen etwa Arbeitssituationsbeschreibungen – Fallvignetten – als Impuls zur Erforschung moralischen Entscheidungsverhaltens in Jugendhilfeverbänden (Nadja KUTSCHER) oder in ein dreistufiges Diskussionsdesign eingebettete fiktive Kurzbiographien zur Belichtung des Leistungsprinzips als Rechtfertigungskriterium sozialer Statuszuweisung (DRÖGE, NECKEL, SOMM). Auch hier stehen die Erträge des methodischen Zuganges im Zentrum der Texte. ERNST und MENSCHING präsentieren Auszüge aus größeren Forschungsprojekten, in denen auch repräsentative Fragebogenerhebungen und ergänzend zu den Gruppendiskussionen Leitfadeninterviews durchgeführt wurden, wobei sie sich in ihren Ausführungen jedoch ganz im Sinne des Buchtitels auf die Gruppendiskussionen konzentrieren. Anja MENSCHING gelingt es, die Forschungspraxis von natürlichen Gruppen (im Unterschied zu künstlich zusammengestellten Gruppen für Gruppendiskussionen) sinnvoll zu erweitern, wenn sie am Beispiel der niedersächsischen Polizei gelebte Hierarchie mittels natürlicher Diskussionsgruppen rekonstruiert, wobei hierarchie-homogene und hierarchie-heterogene Gruppen kontrastiert werden. Frank ERNST nimmt sich der gewerkschaftsnahen Freiwilligenarbeit an und bearbeitet auf Basis gut verständlicher Begriffsdefinitionen die Bedeutung des Begriffes "neues Ehrenamt" in gewerkschaftsnahen Organisationen. Ausgangspunkt der Untersuchung war die rückläufige Engagementquote in Verbänden, die im Widerspruch zum gesamtgesellschaftlichen Anstieg des Ehrenamtes steht. In der Tat findet er – außer bei den SeniorInnen – kollektive Orientierungen der ehrenamtlich tätigen AkteurInnen vor, die sich als "selbstentfaltungsorientiertes Engagement" (S.185) darstellen und sich damit auch vom betriebsorientierten "alten" Ehrenamt im Sinne persönlicher Betroffenheit und sozialer Gesinnung emanzipiert haben, worauf gewerkschaftliche Verbände nun auch reagieren müssten. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die klassische Frage nach dem Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und ehrenamtlichem Engagement (die auch schon Motor der Marienthalstudie in den 1930er Jahren war): Wenngleich als Motivation die Perspektive auf Erwerbsarbeit und die Kompensationsfunktion von Ehrenamt aus den Gruppendiskussionen mit Erwerbslosen rekonstruiert werden kann, zeigt sich empirisch ein nüchterneres Bild. Erwerbslose engagieren sich dann ehrenamtlich – so der Autor – wenn sie schon während ihrer Erwerbstätigkeit bürgerschaftlich tätig waren, und geben auch häufig ihr Engagement in der Erwerbslosigkeit auf. [12]

3. Methodische Reflexionen

In den abschließenden allgemeinen methodischen Reflexionen liefert Burkhard MICHEL in seiner Bildrezeptionsforschung nicht nur einen Beitrag zur dokumentarischen Methode, sondern auch zur visuellen Soziologie und gibt den Blick frei auf Interpretationsprozesse und milieuspezifische Sinnbildungsprozesse beim Betrachten von Bildern. Ralf BOHNSACK und Iris NENTWIG-GESEMANN beschäftigen sich mit Gruppendiskussionen in der Evaluationsforschung (allerdings ohne Bezugnahme auf den im Band präsentierten Beitrag von STREBLOW zum Thema). Fragestellungen der interkulturellen Kommunikation (Arnd-Michael NOHL) und das Analyseverfahren der "Diskursorganisation" (Ralf BOHNSACK und Aglaja PRZYBORSKI) werden mit hoher verbaler Komplexität ausbuchstabiert. Der Beitrag zur Diskursorganisation bietet eine interessante methodische Weiterentwicklung des Gruppendiskussionsverfahrens, denn:

"In diesem zirkulären Wechselspiel von formaler Diskursorganisation und inhaltlicher Semantik im Vollzug der dokumentarischen Interpretation von Gruppendiskussionen lag der Fokus zumeist auf der Explikation des inhaltlichen, semantischen, dokumentarischen Sinngehaltes. Die Rekonstruktion der (formalen) Diskursorganisation bleibt als Mittel zum Zweck auf ihren instrumentellen Charakter reduziert" (S.235f.). [13]

PRZYBORSKI hat hier bereits Vorarbeit geleistet, diese Lücke zu füllen, und sie stellt mit BOHNSACK drei Modi der Diskursorganisation vor, mit denen sich in der Auswertung von Gruppendiskussionen ebenfalls konjunktive Erfahrungsräume und deren Grenzen ausmachen lassen. Der univoke Modus ("Einer für alle, alle für einen"), der antithetische Modus ("Wer weiß es besser?") und der divergente Modus ("Mind the gap") werden dabei zu Analyseinstrumenten von Milieus, die einen rekonstruktiven Zugang zum Forschungsfeld ermöglichen, da – die Diskursorganisation fokussierend – die forschungsleitenden Hypothesen bei der Interpretation nicht unterstellt werden müssen. [14]

Einen speziell für Lehrende interessanten Beitrag liefert Burkhard SCHÄFFER, wenn er eine "rekonstruktive Didaktik qualitativer Forschung" (vgl. S.290) entwickelt. Im rekonstruktiven Paradigma qualitativer Forschung kann die Praxis der Lehre nicht von der Forschungspraxis getrennt werden; insofern bedeutet die Interpretationskompetenz auch die Ausbildung eines entsprechenden Habitus auf Seiten der Studierenden. SCHÄFFER benutzt hier die bewährte Differenzierung von theoretisch-explizitem und handlungspraktisch-implizitem, d.h. habituellem Wissen und stellt fest:

"Um eine Gruppendiskussion interpretieren zu können (und nicht nur prinzipiell theoretisch zu wissen wie das geht), bedarf es des zweiten Typus handlungspraktischen Wissens oder anders formuliert: Es bedarf der Entwicklung von handlungspraktischem Wissen, das sich in Interpretationskompetenz niederschlägt, die sich dann in entsprechender Interpretationsperformanz bzw. angemessenem Interpretationshandeln dokumentiert" (S.289). [15]

SCHÄFFER lässt sich als Lehrender insofern selbst über die Schulter schauen und wählt selbsterfahrungsbezogene praktische Zugänge zum Thema Gruppendiskussion, was in der Explikation eines Seminarverlaufs aus der eigenen Lehrpraxis deutlich wird. Es geht ihm um die Etablierung einer Interpretationskultur ("forschungspraktischer Habitus", S.289), in der sich ein rekonstruktiver Blick auf den jeweiligen Text entwickeln kann, und der in der Lage ist, vor allem die Ebene des Impliziten in Gruppendiskussionen herauszuarbeiten. [16]

4. Resümee

Das Buch besticht durchaus durch die beispielhafte Einbeziehung von Transkriptdaten in jedem Beitrag, die die Vorgehensweise und Interpretationsleistung der Forschenden transparent machen und die teils sperrige Terminologie und hohe sprachliche Komplexität der dokumentarischen Methode veranschaulichen (wenngleich die Beigabe von Transkriptionsregeln im Anhang etwas seltsam anmutet, da sie in der überwiegenden Anzahl an Fällen nicht mit den in den Aufsätzen verwendeten Transkriptionsregeln korrespondieren). [17]

In vielen Beiträgen wird die methodische Vorgehensweise erfreulicherweise besonders deutlich, wenn die AutorInnen im Sinne einer formulierenden Interpretation die Ausschnitte aus der Empirie zuerst thematisch zusammenfassen und erst dann zu reflektierender Interpretation übergehen. Im Sinne dieser Forschungspraxisnähe und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse ist die Publikation ein echter Gewinn für Lehrende und Studierende. [18]

Das Faktum, dass im vorliegenden Band auch aus laufenden Forschungsprojekten berichtet wird, hat allerdings zur Folge, dass in einigen Beiträgen eine Verknüpfung der Methodenexplikation mit Inhalten und Ergebnissen nur unzureichend gelingt, wenngleich die verschiedenen Ansätze zur Triangulation quantitativer und qualitativer Daten als gleichwertige Erhebungsschritte (z.B. KRÜGER & PFAFF oder ERNST) oder auch die Einbeziehung von Bildinterpretation (wie sie ja auch in BOHNSACK 2007, Kapitel 9 gefordert wird) eine Bereicherung der deutschsprachigen Forschungsliteratur darstellen. [19]

Insgesamt macht sich allerdings von der ersten bis zur letzten Seite ein schaler Beigeschmack bemerkbar, den eine einfache Zitationsanalyse greifbarer macht: Von allen in den Beiträgen genannten Literaturverweisen bezieht sich rund ein Fünftel auf den Mitherausgeber Ralf BOHNSACK; alle AutorInnen des Bandes machen ein ganzes Drittel der genannten Literaturangaben aus (33%). Das ist einerseits eine klare Positionierung, andererseits kann aber eine breitere historische Einbettung der Methode "Gruppendiskussion" im internationalen Kontext der Sozialwissenschaft nicht gelingen bzw. wurde hier offenbar nicht intendiert. So fehlen beispielsweise Hinweise auf die amerikanische Marktforschung der 1920er Jahre (vgl. LITTIG & WALLACE 1997, S.1) oder auf Kurt LEWIN, der bereits in den 1930er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Methode im Zusammenhang mit sozialpsychologischen Kleingruppenexperimenten in die Sozialwissenschaft einführte (vgl. LAMNEK 2005, S.409), und auf Robert K. MERTON (mit FISKE & KENDALL 1956, 1987). Die Rezeption von international bedeutsamen früheren Ansätzen bleibt auf die Arbeiten von WILLIS beschränkt. [20]

Wir würden MERTON unrecht tun, würden wir ihn hier als "Vater" der Gruppendiskussion darstellen, der er selbst nie sein wollte. Wenn er (1987) die frühen Anfänge der Gruppendiskussion reflektiert, erzählt er im Gegenteil wie er 1941 von Paul LAZARSFELD in diese Methode eingeführt wurde und verweist auf die Arbeiten von Frank STANTON. MERTONs und LAZARSFELDs Verständnis der "Focus Group" ist zweifelsfrei an der quantitativen Datenauswertung interessiert; sie verwenden Gruppendiskussion als hypothesengenerierendes Instrument für weiterführende Surveyforschung. Diese Anwendung basiert insoweit auf einer anderen methodologische Begründung, von der sich die dokumentarische Methode abgrenzt. Es darf allerdings verwundern, dass wir in diesem Buch bei DRÖGE, NECKEL und SOMM in ihrem Bericht über ein DFG-Projekt des Instituts für Sozialforschung Frankfurt/Main erfahren, dass "die Methode der Gruppendiskussion ursprünglich am Institut für Sozialforschung entwickelt worden [ist]" (S.204). Es scheint hier etwas passiert zu sein, das MERTON (1987, S.564) zwar an anderer Stelle entwickelt, aber treffenderweise gerade auch im Kontext der Geschichte der Gruppendiskussion mit seinem Konzept der "Obliteration by incorporation" bezeichnet hat:

"For in the course of time, ideas which are taken up and utilized or developed become so much part of current knowledge, both explicit and tacit, that their sources and consequently the lines of intellectual continuity get increasingly lost to view … and since, in all innocence, many of us tend to attribute a significant idea, method, or formulation to the author who introduced us to it. The equally innocent transmitter becomes identified as the originator". [21]

Jedoch: Nicht nur die nicht-deutschen Urgroßeltern der Gruppendiskussion sind "durch die Literaturlisten" und somit auch aus dem Buch gefallen. Auch LEITHÄUSER und VOLMERG (1977, 1988), die sich zwar im Rahmen des interpretativen Paradigmas – von dessen Oberflächensemantik und Situationsspezifik sich die dokumentarische Methode abzugrenzen sucht – systematisch theoretisch und empirisch mit dem Gruppendiskussionsverfahren in Deutschland auseinandergesetzt haben, suchen wir in diesem Band vergeblich. Das ist letztlich aber wiederum verständlich, da in diesem Buch das Gruppendiskussionsverfahren in rekonstruktiver Forschungspraxis expliziert und weiterentwickelt werden soll, auch wenn in dieser Hinsicht der Titel andere Assoziationen wecken mag. [22]

Fazit: Wenn Sie …

… rekonstruktive Sozialforschende sind und mit Gruppendiskussionen arbeiten wollen, dann brauchen Sie dieses Buch.

… ein Buch suchen, das Sie über aktuelle deutschsprachige Forschungen in der Tradition der dokumentarischen Methode nach Ralf BOHNSACK informieren soll und das zwischen den Zeilen auch Auskunft über das damit zusammenhängende ForscherInnennetzwerk gibt; auch dann: Greifen Sie zu.

… sich für Kontext und Geschichte von Gruppendiskussionen in einem größeren Zusammenhang interessieren, werden Sie eher enttäuscht sein. [23]

Anmerkungen

1) Siehe die Rezensionen in FQS von KÖLBL (2001) sowie KREUZER (2001). <zurück>

2) In FQS rezensiert von FIEDLER (2002). <zurück>

Literatur

Bohnsack, Ralf (1989). Generation, Milieu und Geschlecht. Ergebnisse aus Gruppendiskussionen mit Jugendlichen. Opladen: Leske + Budrich.

Bohnsack, Ralf (2007). Rekonstruktive Sozialforschung (6. Auflage). Opladen: Barbara Budrich.

Fiedler, Anja (2002, August). Kollektives kollektiv erfassen – das Gruppendiskussionsverfahren in der Diskussion. Rezensionsaufsatz zu: Peter Loos & Burkhard Schäffer (2001). Das Gruppendiskussionsverfahren. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendung [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 3(4), Art. 29. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/4-02/4-02review-fiedler-d.htm [Datum des Zugriffs: 28.12.2006].

Kölbl, Carlos (2001, Mai). Rekonstruktionen der Forschungspraxis – eine Antwort auf die Frage, was ein Einführungstext in qualitative Methoden bringen soll. Rezensionsaufsatz zu: Ralf Bohnsack (1999). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung [15 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 2(2), Art. 13. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-01/2-01review-koelbl-d.htm [Datum des Zugriffs: 28.12.2006].

Kreuzer, Michael (2001, Mai). Rezension zu: Ralf Bohnsack (2000). Rekonstruktive Sozialforschung – Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung [7 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 2(2), Art. 14. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-01/2-01review-kreuzer-d.htm [Datum des Zugriffs: 28.12.2006].

Lamnek, Siegfried (1998). Gruppendiskussion. Theorie und Praxis. Weinheim: Beltz.

Lamnek, Siegfried (2005). Qualitative Sozialforschung (4.Auflage). Weinheim: Beltz.

Leithäuser, Thomas & Volmerg, Birgit (1988). Psychoanalyse in der Sozialforschung. Eine Einführung am Beispiel einer Sozialpsychologie der Arbeit. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Leithäuser, Thomas; Volmerg, Birgit; Salje Gunter, Volmerg, Ute & Wutka, Bernhard (1977). Entwurf zu einer Empirie des Alltagsbewußtseins. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Littig, Beate & Wallace, Claire (1997). Möglichkeiten und Grenzen von Fokusgruppendiskussionen für die sozialwissenschaftliche Forschung. Wien: IHS, Reihe Soziologie Nr. 21. Verfügbar über: http://www.ihs.ac.at/publications/soc/rs21.pdf [Datum des Zugriffs: 15.12.2006].

Livingstone, Sonia M. & Lunt, Peter K. (1996). Rethinking the focus group in media and communications research. Journal of Communication, 46, 79-98.

Loos, Peter & Schäffer, Burkhard (2001). Das Gruppendiskussionsverfahren. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendung. Opladen: Leske + Budrich.

Mangold, Werner (1960). Gegenstand und Methode des Gruppendiskussionsverfahrens. Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt.

Merton, Robert K. (1987). The focussed interview and focus groups: Continuities and discontinuities. The Public Opinion Quarterly, 51(4), 550-566.

Merton, Robert K.; Fiske, Majorie & Kendall, Patricia L. (1956). The focussed interview. A manual of problems and procedures. New York: The Free Press.

Morgan, David L. & Scannell, Alice U. (1998). Planning focus groups. Focus Group Kit 2. Thousand Oaks, CA: Sage.

Schäffer, Burkhard. (2003). Generation – Medien – Bildung. Medienpraxiskulturen im Generationenvergleich. Opladen: Leske + Budrich.

Volmerg, Ute (1977). Kritik und Perspektiven des Gruppendiskussionsverfahrens in der Forschungspraxis. In Thomas Leithäuser, Birgit Volmerg, Gunther Salje, Ute Volmerg & Bernhard Wutka, Entwurf zu einer Empirie des Alltagsbewusstseins (S.184-217). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Willis, Paul (1977). Learning to labour: How working class kids get working class jobs. Farnborough: Saxon House.

Zur Autorin

Mag. Daniela JAUK, geb. 1974, ist Projektmitarbeiterin (http://www.anovasofie.net/) und Lehrbeauftragte am Institut für Soziologie Graz. Forschungsschwerpunkte sind Frauen- und Geschlechterforschung, qualitative Methoden, politische Soziologie und Berufssoziologie. Ein Fulbright-PhD Stipendium in den USA ab August 2007 und eine Dissertation ist im Bereich Soziologie zeitgenössischer Kunst & Gender Studies geplant.

Kontakt:

Mag. Daniela Jauk

Institut für Soziologie
Karl Franzens Universität Graz
Universitätsstrasse 15/G4
8010 Graz
Österreich

Tel.: 0043 316 380 7414
Fax: 0043 316 380 9515

E-Mail: dani.jauk@uni-graz.at
URL: http://www.divanova.net/

Zitation

Jauk, Daniela (2007). Rezension zu: Ralf Bohnsack, Aglaja Przyborski & Burkhart Schäffer (Hrsg.) (2006). Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis [23 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(3), Art. 12, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0703125.



Copyright (c) 2007 Daniela Jauk

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.