Volume 19, No. 2, Art. 22 – Mai 2018



Transdisziplinarität: Versuch einer Kartografierung des Feldes

Andrea D. Bührmann & Yvonne Franke

Sammelbesprechung:

Krainer, Larissa & Lerchster, Ruth E. (Hrsg.) (2012). Interventionsforschung. Paradigmen, Methoden, Reflexionen. Wiesbaden: Springer; 329 Seiten; ISBN: 978-3-531-18553-8; 42,99 €

Lerchster, Ruth E. & Krainer, Larissa (Hrsg.) (2016). Interventionsforschung. Anliegen, Potentiale und Grenzen transdisziplinärer Wissenschaft. Wiesbaden: Springer; 310 Seiten; ISBN: 978-3-658-12154-9; 39,99 €

Berger, Wilhelm; Dressel, Gert; Heimerl, Katharina & Winiwarter, Verena (Hrsg.) (2014). Interdisziplinär und transdisziplinär forschen. Praktiken und Methoden. Bielefeld: transcript; 366 Seiten; ISBN: 978-3-8376-2484-7; 34,99 €

Defila, Rico & Di Giulio, Antonietta (Hrsg.) (2016). Transdisziplinär forschen – zwischen Ideal und gelebter Praxis. Hotspots, Geschichte, Wirkungen. Frankfurt/M.: Campus; 344 Seiten; ISBN: 978-3-593-50556-5; 34,95 €

Zusammenfassung: Transdisziplinäre Ansätze haben derzeit Konjunktur in der deutschsprachigen Forschungslandschaft. Wir möchten vier ausgewählte Sammelbände zum Thema präsentieren und so das Feld aus der Perspektive der qualitativen Forschung "vermessen". Die Sammelbände dokumentieren das weite Spektrum der gegenwärtigen transdisziplinären Forschung. Mit zwei Bänden zur Klagenfurter Interventionsforschung wird ein wichtiger Ansatz vorgestellt, der ein grundlegend qualitatives Methodenverständnis verfolgt. Der Band "Interdisziplinär und transdisziplinär forschen. Praktiken und Methoden" präsentiert im Vergleich dazu ein weiteres und stark anwendungsbezogenes Methodenspektrum und fokussiert auf die transdisziplinäre Forschungspraxis selbst. Abschließend stellen wir "Transdisziplinar Forschen – zwischen Ideal und gelebter Praxis" vor. Nicht als Sammelband mit klassischen Vollbeiträgen aufbereitet, werden in verschiedenen wissenschaftlichen Formaten (bspw. durch Story Telling) transdisziplinäre Forschungsprojekte begleitet und evaluiert. Die Diskussion der versammelten Arbeiten bildet die Grundlage, um über die Rolle von qualitativ-interpretativer Sozialforschung in transdisziplinären Forschungszyklen zu reflektieren. Neben einer methodisch qualitativ orientierten Begleitforschung als Instrument zur Weiterentwicklung transdisziplinärer Forschungsdesigns ist es unseres Erachtens zielführend, eine qualitativ-rekonstruktive Bestimmung des Untersuchungsfeldes, der relevanten Akteur*innen sowie ihrer Interessen und der zugrundeliegenden Macht- und Herrschaftsrelationen vorzunehmen.

Keywords: Transdisziplinarität; Modus 2; Wissensproduktion; Situationsanalyse; Begleitforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Zum Entstehungshintergrund transdisziplinärer Wissensproduktion

2. Interventionsforschung als Spielart der transdisziplinären Forschung

3. Offene Inter- und Transdisziplinarität

4. Von Hotspots und gemeinsamen Wegen der akteur*innenorientierten Transdisziplinaritätsforschung

5. Qualitative Methoden als integraler Bestandteil transdisziplinärer Forschung

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autorinnen

Zitation

 

1. Zum Entstehungshintergrund transdisziplinärer Wissensproduktion

Seit einigen Jahren hat die Rede von der Transdisziplinarität diskursive Konjunktur. Die in den 1970er Jahren durch den Schweitzer Psychologen Jean PIAGET eingeführte und durch den austro-amerikanischen Astrophysiker Erich JANTSCH ausgearbeitete Begrifflichkeit diente zunächst der wissenschaftstheoretischen Verortung (BERNSTEIN 2015; BLÄTTEL-MINK, KASTENHOLZ, SCHNEIDER & SPURK 2003). JANTSCH verfolgte einen im weiteren Sinne systemtheoretischen Ansatz und schlug vor, ein neues Education/Innovation System zu entwickeln. Transdisziplinarität wird dabei eine zentrale Rolle zugewiesen als "[t]he coordination of all disciplines and interdisciplines in the education/innovation system on the basis of a generalized axiomatics (introduced from the purposive level) and an emerging epistemological pattern" (1972, S.16). Diese Grundidee und der Begriff selbst konnten sich jedoch zunächst nicht durchsetzen. Erst im Verlauf der 1990er Jahr wurde dem Konzept von transdisziplinärer Forschung erneut verstärkte Aufmerksamkeit vonseiten der wissenschaftlichen Gemeinschaft geschenkt. Den Auftakt hierzu machten GIBBONS et al. mit ihrem 1994 erschienenen schmalen Essayband "The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies". Hier stellten sie die These einer neuen, veränderten Rolle von Wissensproduktion ins Zentrum, die sie als Modus 2 bezeichneten. Dieser steht im Gegensatz zum hergebrachten Modus 1 und lässt sich wie folgt umschreiben:

"[I]n Mode 1 problems are set and solved in a context governed by the, largely academic, interests of a specific community. By contrast, Mode 2 knowledge is carried out in a context of application. Mode 1 is disciplinary while Mode 2 is transdisciplinary. [...] In comparison with Mode 1, Mode 2 is more socially accountable and reflexive. It includes a wider, more temporary and heterogeneous set of practitioners, collaborating on a problem defined in a specific and localized context" (S.3). [1]

Neben der Selbstverständigung darüber, welche Rolle der universitären Wissensproduktion zukäme, wurden zunehmend transdisziplinäre Ansätze in die Praxis umgesetzt. Beide Entwicklungen wurden maßgeblich durch die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1989 angetrieben. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes gewannen internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die Welthandelsorganisation als politische Arenen an Bedeutung. Zugleich veränderten soziale, ökonomische und kulturelle Globalisierungsphänomene die Rolle von Nichtregierungsorganisationen oder Unternehmen. Sie konnten verstärkt Einfluss auf gesellschaftliche Steuerungsprozesse nehmen. Drängende Fragen, wie beispielsweise zum Umgang mit globalen Umweltproblemen, waren scheinbar nicht mehr durch die klassische akademische Wissensproduktion und darauf aufbauende politische Strategien zu bewältigen. Die mit diesen Veränderungen einhergehenden Herausforderungen produktiv zu bearbeiten, war das Anliegen der in die Debatte um Transdisziplinarität involvierten Wissenschaftler*innen. Seitdem sind zum einen mehr und mehr theoretisch-konzeptionelle Studien entstanden, die die Rolle der universitären Wissensgenerierung adressieren, zum anderen wurde aber auch in zahlreichen Studien in Anspruch genommen, transdisziplinär vorzugehen (vgl. die im deutschsprachigen mittlerweile zum "Klassiker" avancierten HIRSCH HADORN & POHL 2006; für die Nachhaltigkeitswissenschaften BRAND 2000; international das Standardwerk "Handbook of Transdisciplinary Research" von HIRSCH HADORN et al. 2008). Die von uns ausgewählten Sammelbände illustrieren diesen Trend ebenso. Für die Entwicklungen lassen sich innerwissenschaftliche, aber auch außerwissenschaftliche Treiber ausmachen:

  • Forschungsgebiete, in denen transdisziplinare Ansätze von Beginn an aufgegriffen wurden, werden immer wichtiger. Umwelteinflüsse und ökonomische, ökologische und auch soziale Nachhaltigkeit werden zunehmend häufiger als relevant für künftige gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert. Aus diesem Grund fand die Diskussion um Transdisziplinarität ihren Widerhall in der sich etablierenden sozialökologischen Forschung. Im deutschsprachigen Raum sind wesentliche Beiträge zur Praxis transdisziplinärer Forschung an verschiedenen universitären Zentren und Instituten entstanden, die sich im weitesten Sinne einer interdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung verschrieben haben. Die von uns ausgewählten vier Sammelbände fassen daher die Debatten und Erfahrungen der vergangenen drei Dekaden vor allem in Deutschland und Österreich zusammen und repräsentieren einen aktuellen Forschungs- und Diskussionsstand.

  • Gesellschaften haben sich, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt, in den letzten Jahrzehnten von Industrie- zu Wissensgesellschaften (weiter-) entwickelt. Im Zuge dessen wurden auch die Hochschulen als Wissensproduzentinnen zur Identifikation und Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen immer wichtiger. Dies hat unter anderem zur Folge, dass Universitäten nunmehr drei Missionen erfüllen sollen: Lehre, Forschung und Wissenstransfer bzw. Outreach. Zudem wurden entsprechende Forschungsförderlinien von staatlicher Seite, aber auch von Stiftungen aufgelegt, in denen ein explizit transdisziplinäres Forschungsdesign erwartet und so die inter- und transdisziplinäre Verbundforschung gefördert wird. Beispielhaft kann hier auf das durch das niedersächsische Ministerium für Bildung und Kultur zusammen mit der VolkswagenStiftung aufgelegte Programm "Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung" verwiesen werden. Seit 2014 werden umfangreiche Verbundprojekte unterstützt, die gesellschaftlich relevante Themenfelder in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen erforschen (vgl. exemplarisch BÜHRMANN & FRANKE 2018). [2]

Trotz der transdisziplinären Konjunktur ist indes noch nicht geklärt, was Transdisziplinarität eigentlich genau ausmacht und wie sie sich zu anderen Konzepten, wie etwa der Interdisziplinarität, der Co-Creation, der Aktionsforschung, der Interventionsforschung oder der heterogenen Zusammenarbeit (vgl. dazu BÜHRMANN, HORWITZ, VON SCHLIPPENBACH & STEIN-BERGMAN 2013) verhält. Dies liegt unter anderem in den wissenschaftsgeschichtlich unterschiedlichen Strängen begründet, auf die gegenwärtig verwiesen wird, die jedoch weder theoretisch noch methodologisch bzw. methodisch systematisch aufgearbeitet worden sind. [3]

Aus diesem Grunde möchten wir speziell das Verhältnis von transdisziplinären Ansätzen und qualitativen Forschungsmethoden reflektieren. Diese bilden zweifelsohne ein Grundelement von Transdisziplinarität, ohne dass ihre konkrete Anwendung etwa im Hinblick auf allgemeine Gütekriterien, die interdisziplinäre Zusammenarbeit oder Anwendungsbereiche besondere Beachtung fände. Dabei spielen gerade konstruktivistische Annahmen eine zentrale Rolle, sieht man sich die Grundgedanken zu transdisziplinärer Forschung an. Gertrude HIRSCH HADORN und Christian POHL (2006) identifizieren vier Elemente, die immer wieder in Definitionen von Transdisziplinarität auftauchen – nämlich das Überschreiten und Integrieren disziplinärer Grenzen, die partizipative (überwiegend qualitative) Forschung, die Orientierung an lebensweltlichen Problemen und Herausforderungen sowie die Idee einer universellen Einheit von Wissen. Indes bleibt das Feld der Transdisziplinarität aufgespannt zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite wird von Transdisziplinarität gesprochen, wenn Angehörige von mindestens zwei wissenschaftliche Disziplinen nachhaltig ihre disziplinären Grenzen überschreiten und z.B. neue Methoden entwickeln. Jürgen MITTELSTRAẞ steht beispielsweise für diese Spielart, wenn er postuliert:

"Während wissenschaftliche Zusammenarbeit allgemein die Bereitschaft zur Kooperation in der Wissenschaft und Interdisziplinarität in der Regel in diesem Sinne eine konkrete Zusammenarbeit auf Zeit bedeutet, ist mit Transdisziplinarität gemeint, daß Kooperation zu einer andauernden, die fachlichen und disziplinären Orientierungen selbst verändernden wissenschaftssystematischen Ordnung führt" (2001, S.93). [4]

Verbreiteter ist allerdings auf der anderen Seite ein zweiter Begriff der Transdisziplinarität, bei dem Forschende aus akademischen Kontexten zusammen mit Expert*innen aus der sogenannten Praxis forschen1). Hier bezieht man sich oft auf das von GIBBONS et al. (1994) entwickelte Konzept des Modus 2, das sich explizit von einer alten Form der Wissensproduktion (Modus 1) unterscheide. Die vier von uns ausgewählten Sammelbände bearbeiten in Theorie und Praxis diese neuen Formen der Wissensproduktion. [5]

Im Folgenden werden wir zunächst auf die Interventionsforschung als eine wichtige Spielart der Transdisziplinaritätsforschung eingehen und zwei aktuelle Anthologien, die Teil einer auf drei Bände angelegten Reihe sind, besprechen. Im Anschluss daran würdigen wir einen Einzelband, der auf die konkrete Umsetzung inter- und transdisziplinärer Forschung zentriert ist. Der vierte Band entstand im Rahmen einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgeschriebenen Projektförderung und basiert auf den Erfahrungen der beteiligten Forschungsverbünde. In den vier Veröffentlichungen wird unseres Erachtens die aktuelle Spannbreite an theoretischen und methodischen Zugängen zu Transdisziplinarität im deutschsprachigen Raum sehr gut veranschaulicht. Dies ermöglicht es uns, die aktuelle Debatte aus Sicht der qualitativen Forschung einzuschätzen. [6]

2. Interventionsforschung als Spielart der transdisziplinären Forschung

Zur Erkundung der nach wie vor unübersichtlichen Forschungslandschaft sollen die hier vorgestellten zwei Bände zur Klagenfurter Interventionsforschung beitragen. Für Band I zeichnen Larissa KRAINER und Ruth E. LERCHSTER als Herausgeberinnen verantwortlich. Die Texte dieses ersten Bandes sind zunächst (erkenntnis-) theoretisch orientiert, verlieren dann an Flughöhe und werden konkret. Darüber hinaus führen sie in eine eher wenig verbreitete wissenschaftliche Praxis ein. Deshalb werden im Folgenden auch die ersten Texte, insbesondere das erste Kapitel, ausführlicher dargestellt. [7]

In Band 1 werden Paradigmen, Methoden und Reflexionen vorgestellt. In ihrem dicht geschriebenen Vorwort positionieren Larissa KRAINER und Ruth E. LERCHSTER zunächst den Klagenfurter Ansatz im Feld der Interventionsforschung und skizzieren ihre zentralen Konturen. Es wird davon ausgegangen, dass Forschung unabhängig von ihrer Zielrichtung immer intervenierenden Charakter hat. Zugleich bekennt man sich zu intendierten Interventionen in spezifischen Praxisfeldern. Ausgehend davon führen die Autorinnen in die Genese der Interventionsforschung ein: Das Konzept wurde vor allem am Institut für Interventionsforschung und Kulturelle Nachhaltigkeit der Universität Klagenfurt entwickelt und wird als "eine spezifische Methode transdisziplinärer Forschung" (S.12) verstanden. In der Interventionsforschung würden Forschungsdesigns häufig in partnerschaftlicher Kooperation mit Akteur*innen der Praxis entwickelt. Deshalb wird hier auch von "Praxis- oder ForschungspartnerInnen" (a.a.O.) gesprochen. Das Ziel der Interventionsforschung bestehe darin, "über das Initiieren von individuellen Reflexions- und Aufklärungsprozessen hinaus[zu]gehen und kollektive Reflexion bzw. in weiterer Folge Aufklärung" anzuregen (a.a.O.). Dabei habe die Interventionsforschung sogenannte "reife Gruppen" im Blick, das heißt Gruppen, die selbstbewusst, selbstbestimmt und selbststeuernd arbeitsfähig sind. Anders als andere Ansätze wie z.B. die Aktionsforschung, die im Anschluss an den KANTschen Aufklärungsbegriff auf Selbstaufklärung durch Selbstreflexion setze, sollten die Praxis- und Kooperationspartner*innen in der Interventionsforschung indes nicht selbst zu Forschenden ausgebildet werden. In Übereinstimmung mit dem Gedanken der Systemtheorie, dass Systeme sich nicht beeinflussen, sondern höchstens irritieren (könnten), ziele die Interventionsforschung vielmehr darauf, "Prozesse der Selbstaufklärung anzuregen" (S.13). Dabei wird davon ausgegangen, dass dies umso besser gelingen könne, "je differenzierter ein System (eine Organisation, ein organisationaler Zusammenhang) über sich selbst Bescheid weiß" (a.a.O.). Ein solches organisationales Selbstbewusstsein wolle die Interventionsforschung fördern und biete deshalb eine "phänomenologische" Beschreibung des je interessierenden Praxisfeldes an. D. h. sie biete "sowohl eine Bündelung von durch Forschung erhobenen In- oder auch Binnenperspektiven, als auch einen ebenfalls durch Forschung erhobenen oder auch vom Forschungsteam entwickelten Fremdblick von außen an" (a.a.O.). Auf Basis dieser phänomenologischen Befunde würden darüber hinaus sogenannte "Hintergrundtheorien" entwickelt, "die zumeist dialektische Erscheinungen (insbesondere systemkonstituierende Widersprüche) skizzieren und ausleuchten" (S.13f.) sollten. Hier wird besonderer Wert auf die Identifizierung je spezifischer Wert- und Normvorstellungen gelegt. Diese sollen gemäß der HEGELschen Dialektik nicht eingeebnet, sondern entfaltet werden. Die Ergebnisse werden dann nicht "einfach" präsentiert, sondern in sogenannten "Rückkopplungsveranstaltungen" vorgestellt: Die beteiligten Akteur*innen setzen sich selbstständig mit ihnen auseinander und diskutieren gemeinsam über die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Auch sollen sie befähigt werden, begründete Entscheidungen selbst zu treffen. Insofern bewegt sich die Interventionsforschung wie auch die Grounded-Theory-Methodologie seit ihrer Begründung (GLASER & STRAUSS 1998 [1967]) von der Empirie zur Theorie. Allerdings unterscheidet sie sich im forschungspraktischen Vorgehen dadurch, dass dialektisch orientierte Hintergrundtheorien entwickelt werden, die dann auf Rückkopplungsveranstaltungen in ihren Konsequenzen für das System selbst diskutiert werden. [8]

Die im Vorwort skizzierten Konturen der Interventionsforschung werden in den nachfolgenden Kapiteln von Forschenden weiter ausbuchstabiert und von zwei wichtigen Kooperationspartnern beleuchtet. Im ersten Teil stehen wissenschaftstheoretische Reflexionen im Mittelpunkt: Ruth E. LERCHSTER fasst in ihrem Beitrag "Zentrale Grundannahmen der Interventionsforschung" nochmals zusammen und diskutiert Bezüge zu anderen Ansätzen in der qualitativen Sozialforschung. Anders als in vielen anderen Forschungsansätzen gehe es – so LERCHSTER – der Klagenfurter Innovationsforschung darum, bestimmte Phänomene so aufzubereiten, "dass die Betroffenen handlungsfähig werden bzw. Optionen erkennen, auf deren Basis Entscheidungsmöglichkeiten entstehen" (S.65). Um das Profil der Interventionsforschung vom dominanten, naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftsparadigma abzugrenzen, benennt LERCHSTER zunächst deren Prinzipien, um dann neun Grundaxiome der Klagenfurter Interventionsforschung vorzustellen: Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bildet der Gedanke, dass die Kooperationspartner*innen in der Praxis selbstständig Lösungen finden können (Axiom I: Die Freiheit des "Forschungsgegenstandes"). Dabei sei zu berücksichtigen, dass es sich bei den Kooperationspartner*innen um Mitglieder in bestimmten Systemen handle, die wiederum in ständiger Bewegung seien (Axiom II: Berücksichtigung der Grenzdialektik von Systemen). Deshalb seien sowohl die Beziehungen im Forschungssystem (Axiom III: Beziehung zum Forschungssystem) als auch die Prozessgestaltung (Axiom IV: Prozessgestaltung) reflexiv und transparent zu gestalten. Es gehe nicht darum, Antworten zu geben, sondern im Sinne der sokratischen Mäeutik Fragen zu stellen (Axiom V: Die Frage im Zentrum der Forschung). Zugleich sollten Widersprüche entfaltet und anerkannt werden (Axiom VI: angewandte Dialektik – die Dialektik als Motor der Wirklichkeit). Damit begründete Entscheidungen getroffen werden können, sei ein prozessethisches Modell erarbeitet worden, das dem Menschenbild, das der Interventionsforschung zugrunde liegt, praktische Bedeutung geben solle. Im Axiom VII (Quantifizierung) wird nochmals auf die hohe Relevanz von Partizipation, Mitbestimmung und die Expertise von Nichtwissen hingewiesen, bevor im letzten Axiom (Axiom IX: Endlichkeit von Wahrheit) auf die Prozesshaftigkeit der Generierung von Wahrheiten und deren Situiertheit aufmerksam gemacht wird. Eher wenig prominent wird dann – wie nebenbei – noch die Logik und deren Methoden der Interventionsforschung expliziert: nämlich "die Kooperation, das Vermitteln zwischen verschiedenen Systemen, das Organisieren des Dialogs, das Einrichten von Kommunikationsräumen, die Integration divergenter Systemlogiken" (S.64). Dabei sei die Interventionsforschung grundsätzlich thematisch und auch methodisch nicht festgelegt. Deshalb seien die Forschungsteams selbst auch interdisziplinär zusammengesetzt. Diesem hohen Grad an Diversität versuche man, mit einem hohen Grad an Offenheit im Forschungsteam zu begegnen und der Überzeugung, dass die beforschten Systeme über ihre Selbstaufklärung Lösungen für "ihre" Probleme im Sinne der sokratischen Mäeutik finden könnten und auch sollten. Im Vordergrund stehe dabei die Explizierung des impliziten Wissens (S.66). [9]

Martina UKOWITZ situiert in ihrem Beitrag die "Interventionsforschung im Kontext transdisziplinärer Wissenschaften" und bündelt die aktuellen theoretischen Debatten zur Interventionsforschung. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist, dass transdisziplinäre Forschung "überwiegend entlang praxisnaher, lebensweltlicher Themenstellungen" erfolge, viele der Studien "projektförmig organisiert" seien und "kommunikative Arrangements zur Diskussion forschungsrelevanter Fragen innerhalb des Projekts und zwischen den Projektbeteiligten" umfasse (S.76). Die Besonderheit der transdisziplinären Interventionsforschung bestehe darin, dass sie starke Bezüge zur Transzendentalphilosophie, der dialektischen Philosophie und der Prozessethik aufweise. Dabei werde "Forschung nicht nur als Prozess der Wissensgenerierung [...], sondern als Prozess kollektiver Selbstaufklärung und Entscheidung" (S.83) verstanden. [10]

Peter HEINTEL beschäftigt sich in seinem Beitrag "Zur Positionierung von Interventionsforschung" mit dem weiteren wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Kontext. Implizit laufen die im Text von Ruth E. LERCHSTER benannten Axiome der Interventionsforschung mit und werden gegen die Naturwissenschaften in Stellung gebracht. Besonderes Augenmerk legt HEINTEL dabei darauf, dass Menschen grundsätzlich "Differenzwesen" seien, denn sie gehörten zum einen zum Bereich der Natur und zum anderen seien sie im grundlegenden philosophischen Sinne auch frei. Ausgehend davon versteht HEINTEL die Naturwissenschaften einerseits als eine "radikale Geisteswissenschaft" (S.110). Er begründet dies etwas mehrdeutig, ihnen gehe es nämlich nicht um Erkenntnisse, die schon immer in der Natur angelegt seien. Andererseits handele es sich allerdings gerade nicht um Geisteswissenschaften, da sie sich nicht mit ihren eigenen erkenntnistheoretischen Prämissen beschäftigten. Denn die "Hereinnahmen, transzendentalen Begründungen in die Immanenz der eigenen Methoden, verwehrt ihr [gemeint sind die Naturwissenschaften] den Blick in die eigene Selbsttranszendenz" (S.115). Mit Blick auf dieses so verstandene dialektische Verhältnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften begreift HEINTEL die Interventionsforschung als "Antwort auf eine sich verändernde Gesamtsituation im Verhältnis von Gesellschaft und Wissenschaft" (S.147), der es darum gehe, Brücken zu schlagen zwischen unterschiedlichen (organisationalen) Systemen. Insofern sei die Interventionsforschung zuständig für "Forschungsorganisationsprozesse, die 'Selbstaufklärung' zum Ziel haben" (S.151). Dafür stelle sie den Praxispartner*innen Wissensangebote und Hintergrundtheorien zu Verfügung, damit diese selbstbewusst und selbstbestimmt Entscheidungen treffen könnten. [11]

Renate HÜBNER unterscheidet in ihrem Artikel "Interventionsbegriffe im Vergleich" zwischen ergebnisorientierten und prozessorientierten Interventionen. Prämisse für zielführende Interventionen sei allerdings immer ein detailliertes Wissen, um die jeweilige Situation eines Systems und eine konkrete Expertise zur Initiierung sozialer (Kommunikations-) Prozesse aufzuklären. Ähnlich wie in der Systemtheorie werde – wie schon erwähnt – im Klagenfurter Ansatz Intervention "als Irritation eines komplexen, nicht-trivialen selbstreferentiellen Systems" verstanden, "die einen Prozess auslöst, der über Selbstdistanz und Selbstaufklärung führt und in einer weiteren Phase über die dadurch entstehenden neuen Sichtweisen zu neuen Handlungsoptionen eines sozialen Systems führen kann" (S.169). Nachhaltigkeit könne wiederum durch eine gelungene Distanzierung eines Systems zu sich selbst hergestellt werden. [12]

Nach der abstrakten Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen, theoretischen und begrifflichen Fragen stehen im zweiten Teil eher konkrete methodologische Reflexionen im Zentrum. Larissa KRAINER, Ruth E. LERCHSTER und Harald GOLDMANN verstehen ihren Beitrag "Interventionsforschung in der Praxis" als "Entdeckungsreise" in einen idealtypischen Ablauf einer Interventionsforschung. Dabei rekurrieren sie auf unterschiedliche Forschungsprojekte und tragen ihre Erfahrungen zusammen. Die Darstellung orientiert sich an einem Forschungskreislauf, der hier aus verschiedenen Etappen/Phasen besteht. Er reicht von der Auftragsklärung, der Projektvorbereitung und dem Projektstart über die Datenerhebung, die Aufbereitung und Auswertung der Forschungsdaten bis zur Rückkopplung, der Publikation der Ergebnisse und schließlich dem Projektende. In der Beschreibung der einzelnen Phasen werden die Besonderheiten der Interventionsforschung insbesondere mit Blick auf die Auswertung von Forschungsdaten deutlich, da den Autor*innen zufolge die Teamauswertung von Interviews ein "Kernstück" der Interventionsforschung ausmacht. Dazu würden nicht nur – wie auch in anderen Ansätzen – Hypothesen im Team gebildet, sondern auch die schon erwähnten Hintergrundtheorien entwickelt, sodass neue und andere Handlungsmöglichkeiten gesehen werden könnten. [13]

Im Anschluss folgen zwei kürzere Beiträge: Harald GOLDMANN diskutiert in seinem Essay "Der weite Raum zwischen mir und den anderen" nochmals seine Haltung im Forschungsprozess. Wichtig ist es ihm, seine Rolle als Forscher und Interviewer kritisch zu reflektieren und sich so dem jeweiligen Forschungsfeld anzunähern. Abschließend stellt Ingrid RINGHOFER, die seit vielen Jahren das Forschungsmanagement der Klagenfurter Innovationsforschung wahrnimmt, in ihrem Beitrag "Forschungsmanagement am Institut für Interventionsforschung und kulturelle Nachhaltigkeit" ihre administrative Sicht auf die Innovationsforschung und die damit verbundenen Herausforderungen dar. Dass dieser Beitrag aufgenommen worden ist, spricht für die Konsequenz, mit der in Klagenfurt Innovationsforschung betrieben wird. [14]

Im dritten Teil wird die Klagenfurter Ansatz von "außen" von zwei wichtigen Kooperationspartnern reflektiert. Erhard JURITSCH hebt in seinem Beitrag "Interventionsforschung im Kontext der Kärntner Wirtschaftsförderung" die Kompetenz der Klagenfurter Interventionsforschung bei der Organisation partizipativer Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse hervor. Demgegenüber betont Wolfgang HESINA in seinem Text "Interventionsforschung in der Konfliktbehandlung", dass diese entscheidende Impulse für die Lösung bestehender Konflikte beim Dialogforum Flughafen Schwechat geliefert habe. Beide Autoren unterstreichen, dass sie die Erfolge nicht so sehr in den Forschungsergebnissen, sondern in den angestoßenen Kommunikationsprozessen sehen. [15]

Band II zur Interventionsforschung – ebenfalls von Ruth E. LERCHSTER und Larissa KRAINER herausgegeben – ist vier Jahre später im Jahr 2016 erschienen. Er enthält neben einer Einführung und einem Versuch, die transdisziplinäre Forschung im Spannungsverhältnis zwischen Grundlagenforschung und Anwendungsorientierung zu situieren, insgesamt zwölf Beiträge. Diese sollen einen Einblick in die Vielfalt empirischer Forschungsprojekte geben und dabei insbesondere – laut Klappendeckel – die "Anwendungs- und Handlungsfelder sowie Wirkungspotenziale von transdisziplinärer Interventionsforschung", die "Gestaltung von Forschungskooperationen zwischen Stakeholdern aus Wissenschaft und Praxis" sowie die "Organisation von Stakeholderprozessen in transdisziplinären Interventionsforschungsprojekten" ausleuchten. [16]

In ihrer eher knappen Einführung mit dem Titel "Interventionsforschung: Anliegen, Potenziale und Grenzen transdisziplinärer Wissenschaft – eine Einführung" formulieren die Herausgeberinnen nochmals, dass der Begriff der Transdisziplinarität weitgehend ungeklärt sei und es bisher – eben auch vier Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes – zum einen eigentlich nur um ein Bekenntnis gehe, "dass sich Wissenschaft der Bearbeitung von konkreten Praxisprojekten verpflichtet fühlt und zum anderen, dass in die Prozesse der Bearbeitung Stakeholder aus der Praxis partizipativ involviert werden" (S.1). Diese Offenheit biete zwar viele Möglichkeiten zur Durchführung von Projekten, sie schränke aber auch die Anschlussfähigkeit der Forschenden an die wissenschaftliche Community ein, da sich – wie bereits im ersten Band ausführlich dargelegt – der Erfolg der Transdisziplinaritätsforschung und auch der Klagenfurter Interventionsforschung weniger am Output im Sinne von einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen, sondern an einem nachhaltigen Impact bei der Ermöglichung von Handlungsoptionen für die beteiligten Stakeholder*innen bemesse. Anders als zu erwarten, sind im zweiten Band zur Klagenfurter Interventionsforschung nicht alle Darstellungen von Forschungsprojekten der Interventionsforschung zuzurechnen; indes nehmen alle Autor*innen auf sie Bezug. Nach welchen Kriterien die Projektdarstellungen ausgewählt worden sind, wird nicht erläutert. [17]

Martina UKOWITZ macht in ihrem Beitrag "Transdisziplinäre Forschung zwischen Grundlagenforschung und Anwendungsorientierung, oder was bedeutet es, Interventionsforschung anzuwenden?" deutlich, dass es um das gemeinsame Herstellen eines Forschungsprozesses und eine (methodische) Offenheit aller Beteiligten gehe, die eine rollierende Planung des Forschungsprozesses möglich mache. In diesem Sinne versteht sie Forschung als intermediäre Institution zur Eröffnung von kommunikativen Räumen der Wissensgenerierung und -verarbeitung. Forschung werde so zu einem kollektiven Lernprozess. [18]

Die nachfolgenden Beiträge sind nun nicht entsprechend der einführend benannten Aspekte "Anliegen, Potenziale und Grenzen" der transdisziplinären Interventionsforschung, sondern thematisch angeordnet. In den ersten drei Beiträgen stehen Forschungsprojekte im Fokus, in denen das Gesundheitswesen thematisiert wird. [19]

Klaus WEGLEITNER, Katharina HEIMERL, Elisabeth REITINGER, Elisabeth WAPPELSHAMMER, Petra PLUNGER und Patrick SCHUCHTER stellen ihre Forschungsergebnisse über "Palliative und Dementia Care" vor und fragen, was die Interventionsforschung für die Demokratisierung der Sorgearbeit leisten kann. Die Autor*innen machen die Offenheit der Interventionsforschung nochmals deutlich, insofern der Fokus sich im Verlaufe des Prozesses von der Ebene der Akteur*innen über Organisationen wie etwa Kranken- und Pflegeanstalten hin zur Gemeindearbeit und der Entwicklung lokaler Hilfsnetzwerke verschoben habe. [20]

Stefan KNOTH widmet sich in seinem Beitrag "Leitbild Gesundheitsversorgung. Interventionsforschung in einem hochregulierten und komplexen System" der Entwicklung eines Leitbildes für die Gesundheitsversorgung im Schweitzer Kanton Glarus. Er arbeitet sehr detailliert die diversen Interessen und Logiken der Stakeholder*innen heraus, macht verständlich, wie genau Hintergrundhypothesen gebildet werden können (sie betreffen die Überalterung vs. die Abwanderung der möglichen Kranken- und Pflegekräfte; die mangelnde Attraktivität des Kantons für Nicht-Einheimische und das Spannungsfeld zwischen Versorgungsbedarf der Bevölkerung vs. die verfügbaren personellen Fachressourcen) und rekonstruiert individuelle und kollektive Bildungsprozesse, die Interventionsforschung initiieren könne. Die Hypothesen seien ausgehend von den geführten Interviews mit Experten*innen gebildet worden und dienten der Initiierung von Lernprozessen. So erhielten die Akteur*innen im Kanton Glarus "eine neue Sichtweise, deren Konsequenzen erst langsam sichtbar werden. Der Abschluss der Forschung bildet damit den Anfang der Veränderung im System" (S.83). [21]

Einen eher theoretischen Ausgangspunkt wählt Christian NEUGEBAUER für seinen Aufsatz "Kooperation und die Erbringung öffentlicher Leistungen. Intervenieren im Spannungsfeld zwischen Politik, Staat und Zivilgesellschaft". Denn zunächst begründet NEUGEBAUER sehr ausführlich, weshalb Netzwerke als intermediäre Institutionen verstanden werden könnten, die zwischen hierarchischen und marktförmigen Steuerungsformen vermitteln. Diese Idee entwickelt er anhand eines Forschungsprojektes zur Optimierung des Schnittstellenmanagements im Gesundheits- und Sozialbereich eines österreichischen Bundeslandes. Im konkreten Projekt wurde im Ergebnis ein dauerhaftes Koordinationsgremium auf der Ebene der Bezirke zur Weiterentwicklung kooperativer Lösungsansätze eingerichtet, das dann die Ergebnisse an regionale Führungskräfte kommuniziere. [22]

Ulli WEISZ, Willi HAAS und Silvia HELMER setzen sich in ihrem Beitrag "Soziale Ökologie im Krankenhaus – über eine transdisziplinäre Zusammenarbeit und deren Wirksamkeit" mit der Schnittstelle zwischen Nachhaltigkeit und Gesundheitswesen auseinander. Ihre Idee eines "nachhaltigen Krankenhauses" (S.114) beansprucht, sozialökologische und gesundheitssoziologische Forschung zu verbinden. [23]

Methodologisch konzentrieren sich die Autor*innen dabei auf die Wirkung transdisziplinärer Forschung und heben hervor, dass diese zwar geplant, allerdings nicht notwendig auch realisiert werden könne. In diesem Spannungsfeld – hier am Beispiel von Krankenhausmanagement, Pflegekräften und ärztlichem Personal vorgeführt – gelte es, Verständigungen zu ermöglichen und Vertrauensverhältnisse herzustellen. Erst dann ließen sich die Praxispartner*innen auf ihre je unterschiedlichen Perspektiven ein. [24]

Um Nachhaltigkeit geht es auch in dem Artikel "Nachhaltigkeitsjournalismus als Gegenstand der Interventionsforschung" von Larissa KRAINER. Sie fragt, wie das Thema Nachhaltigkeit von Journalist*innen aufgegriffen und beurteilt wird. Inhaltlich zeigt KRAINER sehr überzeugend, dass das Thema sich als zu komplex für eine nachhaltige journalistische Thematisierung erweist. Methodisch demonstriert sie, dass das zentrale Anliegen der Klagenfurter Interventionsforschung, nämlich das Organisieren reflexiver Lernprozesse, der aktiven Mitarbeit der Stakeholder*innen bedarf. Dies erwies sich in dem von ihr vorgestellten Projekt als schwierig, da nicht die befragten Journalist*innen selbst, sondern das österreichische Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft den Forschungsauftrag vergeben hatte. Methodologisch weist KRAINER darüber hinaus Ähnlichkeiten zwischen einem interventionstheoretischen und journalistischen Vorgehen aus und führt die reduzierte Mitarbeit der Journalist*innen nicht nur auf deren Zeitdruck, sondern auch auf eben diese Nähe zurück. Denn – so KRAINER – in

"gewisser Weise tun JournalistInnen Ähnliches wie ForscherInnen: Sie versuchen Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, Ursachen zu entdecken und sämtliche Behauptungen zu hinterfragen bzw. mit anderslautenden zu kontrastieren [...]. Deutliche Differenzen zeigen sich demgegenüber in der methodischen Anwendung der Instrumente [...] und in der zugrundeliegenden Intention: Die einen wollen aufdecken (und dadurch gesellschaftlichen Nutzen stiften), die anderen Nutzen stiften, indem sie unter Zusicherung von Vertraulichkeit auf gemeinsame Lernprozesse hoffen" (S.160f.). [25]

In dem Beitrag "Interventionsforschung im intergenerationalen Dialog. Ein partizipatives Forschungsprojekt von Universität, Schule und Region" thematisieren Gerald STROHMEIER und Andrea SIEBER Nachhaltigkeit an der Schnittstelle zur Regionalforschung. Am Beispiel des gemeinsamen Forschens und Lernens von Schüler*innen zum Thema Leinenherstellung und -verarbeitung machen sie deutlich, wie Bewusstseinsbildung als intergenerationaler Lernprozess gestaltet werden kann und welche Dynamiken dabei entstehen können. Sie konstatieren, dass erst der partizipative Zugang zu unterschiedlichen Projektbeteiligten und die stete Reflexion der verwendeten Methoden den Erfolg des Projektes ermöglicht hätten, nämlich einen intergenerationalen Dialog in Gang zu setzen zwischen Menschen, die noch selbst an der Leinenproduktion mitgewirkt hatten und interessierten Schüler*innen. Nicht nur die Methode der Oral History, sondern auch das History Re-Enactment, also der sinnlich-praktische Nachvollzug von Produktionsschritten zur Herstellung von Leinen und Leinöl, erwiesen sich als sehr produktiv. [26]

Peter HEINTEL beschäftigt sich in seinem Beitrag "Interventionsforschung im Gemeindebereich" ebenfalls mit dem Thema Regional- bzw. Gemeindeforschung. Er gibt zunächst einen allgemeinen Überblick über die verschiedenen Wirkmöglichkeiten der Interventionsforschung in Gemeinden. Auf der Grundlage einer eingehenden Analyse der je lokalen Situation, der Konstruktion von Hintergrundtheorien sowie der Einrichtung einer partizipativen Forschungsinfrastruktur können seiner Meinung nach die lokalen Stakeholder*innen in die Lage versetzt werden, selbstbewusst und selbstbestimmt tragfähige Entscheidungen zu treffen. Interventionsforschung avanciert in der Perspektive von HEINTEL deshalb zu einem wichtigen Instrument regionaler Bürger*innenbeteiligung. Denn sie kann in mehr und mehr ausdifferenzierten Gesellschaften interdependente Zusammenhänge entdecken und zwischen Expert*innen aus der Wissenschaft und denen aus der Praxis "Organisationen einrichten, in denen sich die betroffenen Systeme treffen und miteinander an Problemlösungen" (S.184) arbeiten können. [27]

Nach diesen Texten zur Regionalforschung wird in den beiden nachfolgenden Aufsätzen der Fokus auf die Organisationsforschung gelegt. Brigitte GARY adressiert das Thema der Eigenlogiken von Freiwilligen-Agenturen in ihrem Beitrag "Extrem spannend und kaum zu beraten: Freiwilligen-Organisationen ticken anders. Offene Türen oder Herausforderung für die Interventionsforschung?" im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit von Non-Profit-Organisationen. Am Beispiel eines deutschen Landesvereins für Frauen illustriert die Autorin, wie die Interventionsforschung für die Organisationsentwicklung eingesetzt werden kann. Allerdings modifizierte sie das "klassische" Vorgehen der Klagenfurter Interventionsforschung, indem das interdisziplinäre Forschungsteam nicht aus Wissenschaftler*innen, sondern aus Akteur*innen aus der Praxis bestand und die Rückkopplungsveranstaltungen nicht mit allen Stakeholder*innen aus der Praxis, sondern nur mit Funktionärinnen des Vereins durchgeführt wurden. Indes – trotz oder wegen dieser Modifikationen – habe sich die Interventionsforschung als produktives Verfahren zur Organisationsentwicklung erwiesen. [28]

Ruth E. LERCHSTER beschreibt in "Entwicklungsprozesse in Organisationen. Zur Funktion von Hintergrundtheorien als Instrument der Konfliktlösung und Entlastung" dagegen die spezifische Funktion von Hintergrundtheorien am Beispiel einer Studie zu Übergabe- und Nachfolgeprozessen im Tourismus: Demnach ermöglichten diese die Reflexion von Organisationen, entlasteten Individuen in Konfliktsituationen und erzielten dabei produktive Wirkungen. Denn sie "ermöglicht[en] es, bestehende Widersprüche als notwendig und sinnvoll auszuweisen und die Betroffenen darin zu unterstützen, Widersprüche auch als solche wahrzunehmen" (S.256). [29]

Es folgen zwei weitere Artikel, in denen die Möglichkeiten und Grenzen der Transdisziplinaritätsforschung im Allgemeinen und der Interventionsforschung im Besonderen ausgelotet werden. Ina PAUL-HORN und Agnes TURNER diskutieren in ihrem Beitrag "Emotionen für die Forschung wahrnehmen. Work Discussion – eine Anwendung der psychoanalytisch-orientierten Beobachtung im Interdisziplinären DoktorandInnenkolleg Interventionsforschung" den Umgang mit Emotionen in der Interventionsforschung. Ausgehend davon, dass diese als konstitutive Momente des Forschungsprozesses nicht ausgeblendet werden sollten, gehe es darum, diese gezielt und professionell zu reflektieren. Deshalb schlagen die Autorinnen vor, dieses zum Kernelement einer transdisziplinären Methodenausbildung zu machen. Dazu wurde die an Melanie KLEIN orientierte Methode der Work Discussion entwickelt und angewendet. Diese Methode basiert auf drei Phasen: Ausgehend von einer Selbstbeobachtung der eigenen Forschungspraxis mittels der Erstellung eines Protokolls über die beobachteten Interaktions- und Arbeitsabläufe erfolgt eine Analyse der so entwickelten Hintergrundhypothesen, die dann in einer psychoanalytisch angeleiteten Gruppe von fünf bis acht Teilnehmenden diskutiert werden. [30]

Abschließend befasst sich Ruth E. LERCHSTER in ihrem Beitrag "Nichts als Schwierigkeiten!? Über den Umgang mit Barrieren, Limitierungen und der Sinnhaftigkeit von Grenzüberschreitungen in der Interventionsforschung" zunächst mit der Ausbildung zur transdisziplinären Forschung. Sie plädiert dafür, die Forschenden in ihrer Reflexionsfähigkeit zu trainieren, damit sie die nachhaltige Initiierung konstruktiver Reflexions- und Lernprozessen erlernen können. Die Forschenden im Feld der Transdisziplinarität und zumal im Feld der Klagenfurter Interventionsforschung sollten also gezielt für die Methode geschult werden. Diese Schulungen umfassten nicht nur die fachliche und methodische Ausbildung, sondern auch eine persönliche Bildung, die es ermögliche, die Praxispartner*innen in ihren Reflexions- und Veränderungsprozessen "wohlwollend" (S.306) zu begleiten. In ihrer Schlussfolgerung thematisiert LERCHSTER schließlich nochmals das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Praxis. Dabei grenzt sie sich noch einmal gegen ein traditionelles Wissenschaftsverständnis ab – das gleichgesetzt wird mit einem naturwissenschaftlich positivistischen Verständnis – und plädiert dafür, dass die Forschenden – zumindest in der Klagenfurter Interventionsforschung – "sich den [...] äußeren Barrieren, Unwegsamkeiten, Stolpersteinen und inneren Grenzen der Forschung [...] stellen" (S.309) und dass sie ihrerseits genau diese Grenzen kritisch zur Kenntnis nehmen sollten. [31]

Bietet der erste Band zur Interventionsforschung einen (erkenntnis-) theoretischen Einblick in den Forschungsstil der Klagenfurter Interventionsforschung, so macht der zweite Band diesen erst wirklich nachvollziehbar. Er zeigt die Vielfalt der empirischen Studien auf, die mittlerweile entstanden sind. Nicht immer ganz klar wird allerdings, wann es sich nur um transdisziplinäre Forschung oder schon um Interventionsforschung im Klagenfurter Sinne handelt. Aber das ist auch nicht das Ziel dieses Bandes, vielmehr soll er einen Beitrag in Bezug auf die Frage der Steuerung und Organisation von (gelingenden) Stakeholderdialogen in inter- und transdisziplinären Projekten liefern. Anders als bei vielen anderen transdisziplinären Forschungsansätzen geht es aber in der Klagenfurter Interventionsforschung immer auch um ein normatives Ziel, nämlich die "Förderung aufgeklärter demokratischer Entscheidungsprozesse" (KRAINER & LERCHSTER, S.7). Mit Blick auf diese Zielsetzung wird allerdings erstaunlich wenig über die Machtverhältnisse zwischen den Stakeholder*innen im Praxisfeld und zwischen den Forschenden und den Praxispartner*innen räsoniert. Systematisch diskutiert wird auch nicht darüber, weshalb eigentlich wer wen beauftragt, welches Problem zu lösen bzw. welches Problem vielleicht gerade nicht lösbar scheint. Aber dies sind wiederum Fragen, die der transdisziplinären Forschung insgesamt zu stellen wären. Die Klagenfurter Interventionsforschung zeichnet jedenfalls das besondere Interesse an den Prozessen zwischen Wissenschaft und Praxis im Feld aus, die sie mit philosophischen Konzepten und davon abgeleiteten Methoden zu bearbeiten sucht. Darin besteht auch einer der grundlegenden Unterschiede zur bloßen forschungsbasierten Organisationsberatung. Diese Unterscheidungen sollen indes in einem nächsten – bereits annoncierten – dritten Band noch weiter ausgeleuchtet werden. [32]

3. Offene Inter- und Transdisziplinarität

Die Klagenfurter Reihe zur Interventionsforschung erscheint theoretisch wie methodisch elaboriert. Mit dem abschließenden Band ist zu erwarten, dass ein vergleichsweise umfassender Ansatz kohärent präsentiert wird. Ein weiterer Sammelband aus dem Umfeld des Klagenfurter Standortes der Alpen-Adria Universität und der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung fokussiert im Vergleich zu den bereits besprochenen Bänden stärker auf die inter- und transdisziplinäre Praxis: "Dieses Buch handelt vom Tun" (WINIWARTER, S.12). Die von Gert DRESSEL, Wilhelm BERGER, Katharina HEIMERL und Verena WINIWARTER verantwortete Anthologie hat trotz der unverkennbaren Nähe zum Forschungsprogramm der Interventionsforschung eine besondere Note. Fast möchte man eingedenk der poetischen Eröffnung mit dem durch Verena WINIWARTER eigens ins Deutsche übertragenen Gedicht "Denkanstoß" von Carlos SOTO-ROMÁN von einer eigenen Tonalität sprechen. Zweifelsohne versucht der Band "Interdisziplinär und transdisziplinär forschen. Praktiken und Methoden" die ausgetretenen Pfade wissenschaftlicher Publikationen wenn nicht zu verlassen, so doch wenigstens zu weiten. Gelungen ist dies sicherlich nicht mit jedem einzelnen Beitrag, soviel sei vorweggenommen. Gleichwohl überzeugt ein eleganter Aufbau, der mit einem als "Einstiege" überschriebenen ersten und kürzeren Teil beginnt. Hier werden die Lesenden – und das Buch richtet sich an Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen gleichermaßen – an die Thematik des inter- und transdisziplinären Forschens als konkrete Praxis herangeführt. Ein zweiter Abschnitt "Anfänge – Prozesse – Abschlüsse" greift die Herausforderungen der verschiedenen Phasen von inter- und transdisziplinären Forschungsprojekten auf. In einem dritten Abschnitt werden folgerichtig "Einblicke ins inter- und transdisziplinäre Tun" gewährt. In einem kurzen letzten Abschnitt "Resümee" ergreifen die Herausgeber*innen selbst noch einmal das Wort und führen die gewonnen Erkenntnisse knapp und präzise zusammen. [33]

Nach dem emphatisch-poetischen Auftakt durch Verena WINIWARTER gewährt Roland FISCHER einen Einstieg in das wissenschaftliche Geschäft der Inter- und Transdisziplinarität. Geschickt ausgewählt durch die Herausgeber*innen, gibt der ursprünglich im Jahr 2000 verfasste Text einen Einblick in die (institutionelle) Geschichte von konkret-gesellschaftlich orientierter Forschung und den Versuch, disziplinäre Grenzen zu überschreiten. Zugleich werden einige zentrale Herausforderungen benannt, die für die inter- und transdisziplinäre Forschung damals wie heute gelten: "Interdisziplinarität als Bewegung" – so auch der Titel des Beitrages – lasse zuweilen nicht "die Ruhe für eine gründliche Betrachtung/Erforschung/Analyse eines halbwegs fixen 'Gegenstandes'" (S.14). Auch stelle sich die Frage (und zwar einmal mehr für die gegenwärtige transdisziplinäre Forschung): "Woran misst man Erfolg?" (a.a.O.). Und als Leiter des damals noch Interuniversitären Institutes für Interdisziplinäre Forschung verweist FISCHER zu Recht auf die institutionell-akademische Besonderheit, denn "[o]hne Kultur der inhaltlichen und organisatorischen Beweglichkeit, verbunden mit wechselseitiger Wertschätzung und der Überzeugung, etwas ganz Wichtiges zu tun, ist Interdisziplinarität im von mir verstandenen Sinn nicht aufrechtzuerhalten" (S.15). [34]

Diesen Stab nehmen die Herausgeber*innen in ihrem Eröffnungsbeitrag auf. Der nüchterne Titel "Methoden und Praktiken interdisziplinärer und transdisziplinärer Wissenschaft" wird gleich mit dem ersten Untertitel programmatisch gebrochen: "Ein Projekt der Selbstaufklärung". Ihre Definition von Selbstaufklärung schließt wie auch das Projekt der Interventionsforschung an KANT an: "Selbstaufklärung hieße in der Tradition von Immanuel Kant (2004/1781), über die Bedingungen der Möglichkeiten des eigenen Tuns und über dessen Probleme und Grenzen nachzudenken. Damit ist die Erwartung verbunden, dass andere, die Ähnliches tun, davon profitieren können" (BERGER, DRESSEL, HEIMERL & WINIWARTER, S.18). Dass dies ein hehrer Anspruch ist, der Widerspruch erzeugen muss, dessen sind sich die Autor*innen gewiss. Klug nehmen sie daher die gängigen Einwände gegen inter- und transdisziplinäre Forschung vorweg und diskutieren diese kurz. Den Vorwürfen, "konzeptionell konfus, teuer, oberflächlich und zudem karrieretechnisch höchst problematisch" (S.18f.) zu sein, halten sie etwa die größere Problemsicht bei komplexen Zusammenhängen in Vergleich zu monodisziplinärer Spezialisierung entgegen. Das Kostenargument wird mit dem Hinweis, dass Mittel von Produkten hin zu Prozessen verschoben werden, entkräftet. Die vorgebliche Oberflächlichkeit inter- und transdisziplinärer Forschung wird mit einem gerade für die qualitative Forschung interessanten Argument gekontert: "Gute Wissenschaft ist nachvollziehbar, argumentierend, evidenzbasiert und sorgt dafür, dass sie kontrolliert werden kann, etwa, indem Primärdaten angemessen archiviert werden" (S.20). Damit wenden sich die Autor*innen gegen einen Trend, der wissenschaftliche Qualität an quantifizierbaren Ergebnissen und Impact-Faktoren orientiert. Partizipative Methoden und qualitative Sozialforschung folgten einem anderen wissenschaftstheoretischen Verständnis und hätten es aus diesem Grund außerhalb ihrer Communities oftmals schwer, Anerkennung zu finden. Damit teilen sie die auch schon von der Klagenfurter Interventionsforschung vorgebrachte kritische Sicht auf positivistische Forschung. [35]

In ihrer Definition von Transdisziplinarität nehmen BERGER et al. dann auch Bezug zur Wissensproduktion mit Akteur*innen außerhalb des klassischen Wissenschaftssystems: "geforscht wird mit und nicht über betroffene Menschen und ihre Organisationen" (S.23). Sie verfolgen damit einen prozessorientierten Ansatz. [36]

Im Gegensatz zur Klagenfurter Interventionsreihe liegt der Fokus des Sammelbands von BERGER et al. auf der Reflexion der angewandten Methoden und der Forschungspraxis insgesamt. Der Aufbau des Buches orientiert sich folgerichtig am schon erwähnten transdisziplinären Forschungszyklus und adressiert sowohl Akademiker*innen als auch Praktiker*innen. Diesem Anspruch kann das Buch in weiten Teilen gerecht werden. Im Anschluss an diesen einleitenden Text schließt der erste Teil mit einer kursorischen – "seismographischen" – Diskussion der wichtigsten Schlagwörter der transdisziplinären Debatte der vergangenen Jahre von Maria NICOLINI. [37]

Der zweite Abschnitt "Anfänge – Prozesse – Abschlüsse" bildet mit zwölf Beiträgen den Hauptteil des Bandes. Es soll an dieser Stelle ein Artikel exemplarisch für das jeweilige Unterkapitel vorgestellt werden, der unseres Erachtens einen besonderen Beitrag zur Debatte um transdisziplinäre Forschungsprozesse leistet, da etwa kritische Phasen im Forschungszyklus offengelegt oder strukturelle Beschränkungen diskutiert werden. [38]

Das Kapitel "Anfänge" greift mit verschiedenen Texten die Problemebenen zu Beginn eines Forschungszyklus auf: "Probleme wahrnehmen und strukturieren" von Arno BAMME und Armin SPÖK, "Differenzen wahrnehmen und erfahren" von Willi HAAS und Silvia HELLMER, "Ein Forschungsteam finden" von Larissa KRAINER und Barbara SMETSCHKA. Hier sei auf die personelle Überschneidung zu den Bänden der Klagenfurter Interventionsforschung verwiesen, wo Larissa KRAINER als Herausgeberin fungiert, ebenso wie Ruth E. LECHSTER, die für den Beitrag "Forschungsteams organisieren. Eine gruppendynamische Perspektive" zusammen mit Barbara LESJAK verantwortlich zeichnet. Abgeschlossen wird dieser Teil mit einem Artikel von Ewald E. KRAINZ und Martina UKOWITZ "Produktive Irritation. Differenzen in der transdisziplinären Forschung handhaben". [39]

Wir haben den systematischen Beitrag von BAMMÉ und SPÖK, die den Auftakt eines transdisziplinären Forschungszyklus diskutieren, zur genaueren Vorstellung ausgewählt, da sie unseres Erachtens mit der Analyse der sozialen Mechanismen innerhalb eines Teams eine zentrale Herausforderung des Projektstarts thematisieren. Die Autoren unterscheiden drei Phasen: erstens die der Unsicherheit und der "interpretativen" Flexibilität; zweitens die der Konsensbildung, die einer Schließung gleichkomme und drittens eine Periode der Stabilisierung des erzielten Konsenses und der anschließenden Implementierung des Projektgeschehens in das weitere soziale Umfeld. Bereichernd für die transdisziplinäre und qualitativ forschende Community ist an diesem Artikel die Problematisierung der Aushandlungsprozesse. Es treffen, so die Autoren, unterschiedliche Interessen und Wahrnehmungen aufeinander, die eben nicht immer konsensuell gelöst werden könnten. Damit adressieren sie ein Kernproblem von transdisziplinären Forschungsteams: die "Stabilisierung durch 'rhetorische Schließung'" (S.47), die im Gegensatz zu einer tatsächlichen Konsensbildung stehe. Sie thematisieren somit ungleiche Positionierungen und Machtverhältnisse, was wir als ein wichtiges Element von transdisziplinärer Forschung erachten. Beispielhaft beziehen sie sich auf ein Projekt zu alternativen "Agro-Food-Networks" (der diesbezügliche Beitrag von Sandra KARNER in diesem Band soll ausdrücklich positiv hervorgehoben werden). In diesem Forschungsteam kam es zu Auseinandersetzungen über das grundsätzliche Forschungsdesign, welche sich im Kern um die Frage nach induktivem oder deduktivem Vorgehen drehten. Selbstkritisch konstatieren die Autoren in Bezug auf die Phase der Konsensbildung und Stabilisierung:

"Die Gruppe, die sich durchsetzte, bestand aus dem ursprünglichen Kernteam […], dem auch der Koordinator angehörte. Zudem konnte der wesentliche Proponent (eine Art Spiritus Rector des Projekts) in seiner Muttersprache Englisch sehr eloquent und überzeugend formulieren, während die Mitglieder der anderen Gruppe immer wieder Verständnis- und Artikulationsprobleme hatten. Hier wurde eine Schließung der Kontroverse durch informelle (Spiritus Rector) und formelle Definitionsmacht erreicht und von sprachlichen Barrieren unterstützt. Später sollte sich herausstellen, dass der Zugang, der sich nicht durchgesetzt hatte, fruchtbarer gewesen wäre" (BAMMÉ & SPÖK, S.48). [40]

Solche Offenlegungen von schwierigen Projektverläufen sind es, die unserer Meinung nach die Debatte um Transdisziplinarität voranbringen. Das Wagnis, nicht allein die schöne Fassade scheinbar erfolgreicher Projektverläufe zu präsentieren, gehen indes nur wenige Beiträge in dieser Konkretion ein. [41]

Im zweiten Kapitel "Prozesse" wird auf die Zusammenarbeit im Forschungsverlauf fokussiert. Markus ARNOLD, Veronika GAUBE und Bernd WIESER verhandeln in ihrem Beitrag "Interdisziplinär Forschen" vor allem die anspruchsvolle Auseinandersetzung um methodische Designs in interdisziplinären Forschungsverbünden, die im Vergleich zu disziplinärer Forschung eine vertiefte Diskussion erforderten. Ähnliche Herausforderungen in Bezug auf das Rollen- und Aufgabenverständnis konstatieren Ulli WEISZ, Sandra KARNER, Ralph GROSSMANN und Peter HEINTEL in ihrem Artikel "Zwischen Welten. Transdisziplinäre Forschungsprozesse realisieren", denn hierzu müssen sich Akademiker*innen in die unbekannten Gefilde der Praxis wagen. Der Tenor des Beitrags von Elisabeth REITINGER, Larissa KRAINER, Georg ZEPKE und Erich LEHNER findet sich im Titel "Kommunikation beobachten, ihr einen Rahmen geben und sie reflektieren" wider. Sie stellen darin einen klaren Bezug zu verschieden Techniken bzw. Debatten innerhalb der qualitativen Sozialforschung her, so etwa zur Wichtigkeit der Rückkopplung gewonnener Einsichten. Ebenfalls zur Reflexion halten Bernhard WIESER, Angelika BRECHMACHER und Georg SCHENDL mit ihrem Beitrag "Identitäten und Rollen in inter- und transdisziplinärer Forschung und Lehre finden" an, auf den an dieser Stelle näher eingegangen werden soll. Die Autor*innen greifen die Problematik des situierten Wissens auf. Theoretisch nähern sie sich dieser unter Bezugnahme auf soziologische Klassiker wie Erving GOFFMAN: "Kommunikation ist abhängig davon, was die interagierenden Personen voneinander denken und wie sie sich gegenseitig wahrnehmen" (WIESER et al., S.151). Weiter führen sie feministisch argumentierende Forscher*innen wie Terry ARENDELL oder Helen ROBERTS an, die auf die Bedeutung von Geschlecht und Ethnizität, aber auch auf andere soziale Strukturkategorien wie Alter oder sozialer Status und deren Auswirkungen auf transdisziplinäre Interaktionen hinweisen. WIESER et al. stellen fest:

"Selbst wenn man als ForscherIn überaus bemüht ist, sich neutral zu verhalten und zu allen Partikularinteressen Äquidistanz zu halten, kann man nicht verhindern, dass einem Interessen zugeordnet werden oder dass versucht wird, die eigene Person für bestimmte Interessen zu gewinnen" (S.155). [42]

Sie schlagen deshalb vor, einen eigenen Zugang zu finden und diesen zu reflektieren. Dazu stellen sie vier mögliche Herangehensweisen vor: erstens den Typus des Scholars, der/die bemüht sei, Distanz zum Gegenstand zu bewahren und die Nicht-Involviertheit aufrechtzuerhalten. Der zweite Typus sei der des Collaborators, der/die sich "aktiv in die sozialen Zusammenhänge von PraxisakteurInnen" (S.157) begebe und einen partnerschaftlichen Forschungsprozess anstrebe. Als dritten Typus präsentieren die Autor*innen Facilitators, die den Aushandlungsprozess der Stakeholder*innen unterstützen wollten. Neutralität im Sinne von Überparteilichkeit sei dabei von besonderer Bedeutung. Der vierte Typus seien schließlich die Advocates, also "ForscherInnen, die in ihrer Forschungstätigkeit einen Standpunkt beziehen" (S.158). Mit der Typologie greifen die Autor*innen ein für transdisziplinäre Forschung zentrales Moment auf: das Selbstverständnis der Forschenden. Auffallend ist unserer Meinung nach jedoch, wie Begriffe und Ideen von Objektivität und Neutralität unhinterfragt präsentiert und strukturelle Machtverhältnisse, die sich gerade in der Situiertheit von Personen ausdrücken, nicht reflektiert werden. [43]

Im letzten Unterkapitel mit dem Titel "Abschlüsse" fassen zwei Beiträge eher als Gesamtschau transdisziplinäre Forschung zusammen. Barbara LESYAK, Christian NEUGEBAUER und Klaus WEGLEITNER präsentieren in ihrem Artikel die gängigen Debatten in transdisziplinären Forschungsprozessen. Aus Sicht der qualitativen Sozialforschung ist der Aufsatz von Elisabeth REITINGER und Martina UKOWITZ aufschlussreich, denn sie beschäftigen sich mit "Emotionen und Qualitäten in der transdisziplinären Forschung". Transdisziplinäre Forschung stehe, so die Autorinnen, vor ähnlichen Herausforderungen wie qualitative Forschung, wenn es um Qualität und Gütekriterien gehe, deren Messbarkeit von Geldgebenden wie auch Peers mit quantitativer Ausrichtung eingefordert werde. Die Qualität von transdisziplinärer Forschung vermesse sich in Anlehnung an die Debatten innerhalb der qualitativen Community zum einen und der Aktionsforschung zum anderen. Die Autorinnen referieren zunächst die gängigen Qualitätsanforderungen der drei genannten Bezugsfelder. Für die quantitative Sozialforschung nennen sie die bekannten Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität. In der qualitativen Sozialforschung machen sie verschiedene Diskussionsstränge aus, wie etwa Fragen nach der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit oder reflexiver Subjektivität. In Hinblick auf die Aktionsforschung stellen sie fest, dass diese für die transdisziplinäre Forschung äußert relevante Fragen wie die nach Glaubwürdigkeit, Nachvollziehbarkeit oder Vertrauenswürdigkeit aufwerfe. Die Autorinnen verbleiben an dieser Stelle auf der Deskriptionsebene und konstatieren: "Interessant ist, dass die Diskussionen über die 'Qualität der Forschung' innerhalb jeder dieser drei Blickrichtungen sehr ausdifferenziert und elaboriert sind, die Bedeutung der Querverbindungen oder Bezüge untereinander bislang allerdings wenig erfolgt sind" (S.184). Dann verhandeln die Autorinnen anhand des gewählten Beispiels, dem Umgang mit Emotionen im Forschungsprozess, Qualitätsdimensionen für transdisziplinäre Forschung. Einführend verdeutlichen sie den an sich wenig überraschenden Einfluss einer produktiven Grundstimmung im Projekt und fordern Achtsamkeit im Umgang mit Gefühlen ein. Wichtig erscheint uns dieser Appell gerade, weil die gegenwärtigen Forschungsroutinen oftmals keinen Raum für soziale Prozesse bieten. Anschließend beurteilen die Autorinnen zunächst in Bezug auf die konkreten Inhalte bzw. Ergebnisse. Hier liege die Schwierigkeit in der Immaterialität gerade der Ergebnisse, denn praktische Relevanz oder konkreter Nutzen für die Praxispartner_innen als ein Kernanliegen transdisziplinärer Forschung seien nicht zwingend quantifizierbar. Wenn etwa alle Beteiligten die Perspektiven des Gegenübers besser verstanden hätten, so sei das dem transdisziplinären Verständnis nach ein Teilergebnis bzw. Inhalt des Forschungsprozesses. Dieses zu bemessen, bleibe jedoch schwierig [44]

Zum anderen benennen sie Prozesse und Strukturen als Kristallisationspunkte für die Qualitätsbewertung und verweisen auf die aus der qualitativen Forschung übernommene Selbstreflexion als reflektierte Subjektivität. Denn gerade transdisziplinäre Forschende müssten sich vergegenwärtigen:

"Das Nachdenken über die eigene Verwobenheit mit den Forschungsthemen, die eigene Herkunft sowie die Relativität des eigenen Standpunktes im Kontext unterschiedlicher disziplinärer Perspektiven und Expertisen und Erfahrungen aus der Praxis sind, wie auch der Umgang damit, für die transdisziplinäre Praxis von Bedeutung" (S.191). [45]

Darüber hinaus erachten sie Projektdokumentationen als hilfreich für die methodische Weiterentwicklung. Dass diese Erkenntnisse und aufgeworfenen Fragen erst den Auftakt zu einer umfassenderen Diskussion bilden können, ist den Autorinnen ersichtlich: "Es braucht weitere kollektive Anstrengungen zur Erarbeitung eines Qualitätsbegriffs für transdisziplinäre Forschung" (S.192). Ein solcher müsse die Rolle von Emotionen im Forschungsprozess, so der Tenor des Aufsatzes, mit einbeziehen. Der Teilabschnitt des Buches wird mit dem Artikel "Abschiede" von Katharina HEIMERL, Georg ZEPKE, Andrea HELLER und Martin SCHMID abgeschlossen, die auf die Wichtigkeit eines vorbereiteten und systematischen Projektendes hinweisen. [46]

Im dritten Teil des Sammelbandes "Einblicke ins inter- und transdisziplinäre Tun" werden nach einem einführenden Beitrag zur Organisation von Forschung konkrete Projekte vorgestellt. Die Bandbreite reicht von Beiträgen im Gesundheits- und Sozialbereich über den Bildungsbereich und Mediationsverfahren bei großen Infrastrukturprojekten zu Landwirtschaft und Food-Netzwerken. Damit wird ein weites Spektrum der transdisziplinären Forschung auf nationaler Ebene abgedeckt (die genannten Projekte fokussieren alle auf den österreichischen Kontext). Spannend und erkenntnisreich sind die Essays vor allem dann, wenn sie von Herausforderungen im Rahmen der inter- und transdisziplinären Forschung berichten und damit entgegen des wissenschaftlichen Mainstreams keine reinen Erfolgsgeschichten präsentieren. So verweist Gerhardt STROHMEIER in seinem Artikel "Lokales Wissen, Sprache und Landschaft. Transdisziplinäre Forschung im Kärntner Lesachtal" etwa auf die Diskussion um eine mögliche unrechtmäßige Aneignung von Wissen (in diesem Falle handelte es sich um Flurnamen, die als geistiges Eigentum der Dorfgemeinschaft betrachtet wurden) durch die beteiligten Wissenschaftler*innen. Dies ist unseres Erachtens eine grundsätzliche Problematik in transdisziplinären Projekten, welcher verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Auch Saskia KARNER benennt oftmals übergangene Faktoren, die eine gleichwertige Forschungspartnerschaft verhinderten: "Ungleiche Machtverhältnisse ergaben sich insbesondere aufgrund von sozialen Faktoren wie Seniorität, Geschlecht, Sprachkompetenz, die formale Position der Beteiligten in ihren Organisationen, aber auch durch formal festgelegte Zuständigkeiten im Projekt" (S.271). Darüber hinaus konstatiert sie, dass es vor allem die (methodologischen) Kontroversen innerhalb der Gruppe der Wissenschaftler*innen gewesen seien, die den Prozess mühsam werden ließen. Abgeschlossen wird dieser Teil mit einem Beitrag von Markus ARNOLD und Martin SCHMID, in dem amüsant von der interdisziplinären Zusammenarbeit am klassischen Ort von Wissensproduktion, nämlich der Universität selbst, berichtet wird. [47]

Der Sammelband mündet in einem Resümee, das mit einem Herausgeber*innen-Beitrag "Doing Inter- und Transdisziplinarität" eine gelungen kritische Zusammenführung der Erkenntnisse präsentiert. In diesem Aufsatz kommt unseres Erachtens die gesamte langjährige Erfahrung von BERGER et al. zum Tragen. Sie führen die Einsichten zusammen, die in allen hier besprochenen Sammelbänden auf die eine oder andere Weise benannt werden. Zunächst formulieren sie zu den Methoden von inter- und transdisziplinären Projekten die prägnante Einsicht: "Es kann keinen Königsweg geben" (S.299), was als deutlicher Hinweis in Richtung Forschungsfördernde gelesen werden darf. Denn transdisziplinäre Methoden müssen im Forschungsprozess selbst gemeinsam entwickelt und angepasst werden: "Darunter verstehen wir das permanente prozessuale Wechselspiel von Konkretion und Abstraktion, von Empirie und Theorie, von Nicht-Wissen und Wissen als wissens- und erkenntnisgenerierende Haltung anstelle eines immer schon vorher von den Forschenden sicher Gewussten" (S.300). [48]

BERGER et al. verweisen somit auf die Rolle von (Selbst-) Reflexion und die Situiertheit von Wissen. Ebenso sprechen sie sich gegen eine enge Definition transdisziplinärer Forschung aus. Vielmehr müsse man sich in "Spannungsfeldern" orientieren – hier konstruieren sie binäre Gegensätze: das Eigene und das Fremde, Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Monodisziplinarität und Inter-/Transdisziplinarität, Inhalt (das Was) und Form (das Wie), um einige zu nennen. Innerhalb dieser Pole finde der transdisziplinäre Prozess als Suchbewegung statt. Und er stehe in einem klaren Gegensatz zu einem monodisziplinär orientierten Wissenschaftssystem, so die Erkenntnis der Herausgeber*innen. Sie formulieren aus diesem Grund einen Vorbehalt, der bedenkenswert erscheint: Es könne womöglich ratsam sein, sich als Wissenschaftler*in zunächst in einem anerkannten wissenschaftlichen Feld zu etablieren, um sich von diesem Status aus inter- und transdisziplinären Anliegen und Projekten zu widmen. [49]

Wir denken, dass dieses "Zwischenresümee", so die Eigenbezeichnung der Autor*innen für ihr Buch, auch mit dem theoretischen und methodischen Verhältnis von Mono- und Transdisziplinarität verbunden ist, welches zukünftig genauer bestimmt werden müsste. Es ist dann auch der oftmals unauflösliche Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit transdisziplinärer Forschung, in welchem sich alle Beteiligen an solcherart orientierten Forschungsprojekten zurechtfinden müssen, und der nur begrenzt mit dem vorherrschenden Anreizsystem von Wissenschaft korreliert. Während die Klagenfurter Interventionsforschung ihren Schwerpunkt auf die Selbstaufklärung lenkt, wird in den beiden anderen vorgestellten Bänden verstärkt gefragt, unter welchen Bedingungen dies geschehen kann. Am deutlichsten werden die konkreten Herausforderungen im letzten hier zu besprechenden Sammelband verhandelt. [50]

4. Von Hotspots und gemeinsamen Wegen der akteur*innenorientierten Transdisziplinaritätsforschung

Schon der Titel des von Rico DEFILA und Antonietta DI GIULIO herausgegebenen Sammelbandes, dem wir uns im Folgenden zuwenden, formuliert programmatisch: "Transdisziplinär Forschen – zwischen Ideal und gelebter Praxis". Mit der Offenlegung der transdisziplinären Praxis, ihrer Möglichkeiten, aber auch der Fallstricke, widersetzt sich der Band dem Unantastbarkeitsduktus der gängigen sozialwissenschaftlichen Textproduktion und besticht durch ungewohnte Ehrlichkeit sowie klare Problemfokussierung. Dies ist sicherlich in gleichem Maße den Herausgeber*innen wie Autor*innen zuzurechnen, die ungewohnt freimütig über die Herausforderungen von transdisziplinären Forschungsprozessen, deren Potenziale, aber auch deren Grenzen reflektieren. Entstehungshintergrund des Sammelbandes ist eine Förderlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Bereich der sozial-ökologischen bzw. Nachhaltigkeitsforschung, die in Deutschland als Vorreiterin bei transdisziplinär ausgerichteten Projekten gelten kann (BERGMANN et al. 2005, S.9). Neben den zehn Verbundprojekten waren die Herausgeber*innen zusammen mit Ruth KAUFMANN-HAYOZ mit der Begleitforschung beauftragt. Diese Kombination – Reflexionen aus den Forschungsprojekten sowie Ergebnisse der Begleitforschung in einem Band zusammenzuführen – zeigt einen ungewöhnlich tiefen Einblick in die tatsächliche Forschungspraxis. Damit wird dem Anspruch, für die transdisziplinäre Praxis hilfreich zu sein, genüge getan. Weiter möchte das Buch "dazu ermuntern, transdisziplinäre Prozesse pragmatisch-kreativ anzugehen, ohne dabei den Qualitätsanspruch an transdisziplinäre Forschung aufzugeben" (DEFILA & DI GIULIO, S.19). Das ist dem Sammelband unserer Meinung nach gelungen und liegt u.a. an der unkonventionellen Konzeption des Buches, das keine klassische Anthologie mit gleichformatigen Beiträgen präsentiert. Stattdessen werden in unterschiedlicher Art und Weise letztlich Evaluationen der beteiligten Forschungsprojekte vorgestellt. Ein starker und wegweisender Auftakt – auch und gerade aus Sicht der qualitativen Forschung – bildet der von den beiden Herausgeber*innen und Martina SCHÄFER verantwortete Beitrag zu den "Ausgangslagen transdisziplinärer Forschungsprojekte". Auf rund 60 Seiten werden "Hotspots", verstanden als "eine Konstellation in der Ausgangslage einer projektbezogenen Zusammenarbeit zwischen Forscherinnen und Forschern und Anwenderinnen und Anwendern mit großem Potential und gleichzeitig hohem Risiko" (DEFILA, DI GIULIO & SCHÄFER, S.28), bezeichnet. Die Autor*innen identifizieren acht solcher Hotspots, auf die an dieser Stelle nicht im Detail eingegangen wird. Entscheidend ist der methodische Ansatz, der verfolgt wird, um diese herauszuarbeiten. Dieser kann als wegweisend für eine Auftaktanalyse von transdisziplinären Ausgangslagen gelesen werden, auch wenn unseres Erachtens ein solcher Hotspot-Ansatz methodisch-systematisch stärker ausgearbeitet werden müsste, wie wir im Anschluss argumentieren werden. [51]

Im konkreten Falle der Begleitforschung erfolgte die Herausarbeitung der Hotspots in vier Phasen: erstens durch explorative Diskussionen innerhalb der Forschungsverbünde, zweitens mittels einer systematischen qualitativen Erhebung, die drittens durch eine Präsentation der ersten Erkenntnisse durch die Verbünde validiert wurde, um in einem vierten Schritt mit der konkreten Ausarbeitung der Hotspots abzuschließen. Entscheidend sei dabei die Entfaltung des Hotspots und die Bestimmung seiner spezifischen Konstellationen in Form von verschiedenen "Denk- und Handlungslogiken, Interessen, Rahmenbedingungen und Praxisfeld-Merkmale[n]" (S.30). Im Anschluss daran seien jeweils die Potenziale und Risiken der Konstellation zu evaluieren. Das "Denken in Hotspots" (S.31), wie es die Autor*innen vorschlagen, überzeugt insofern, als es sich um eine systematische Analyse von Akteur*innenkonstellationen handelt, die – wenn auch weniger methodisch fundiert – an die Situationsanalysen von Adele CLARKE (2012 [2005]) erinnert. Der Charme des "Denkens in Hotspots" liegt darin, dass hier eine Grundlage geschaffen wird, die auch Machtverhältnisse und (soziale) Ungleichheiten ins Auge fassen könnte. Schaut man sich etwa den aus den Projekten generierten 4. Hotspot – "Die Forschung berührt wesentliche Partikularinteressen" (DEFILA et al., S.30) – an, so wird deutlich, wo die Grenzen einer gleichberechtigten transdisziplinären Forschung liegen. Hier kann das "Denken in Hotspots" in der Tat im Vorfeld zu einem klareren Zuschnitt des Forschungsprojektes führen, der bestimmte Interessen vorrangig behandelt bzw. die eigene Position als Forschende reflektiert, wie im oben diskutieren Beitrag von BRECHELMACHER et al. vorgeschlagen. [52]

Im nächsten Abschnitt des Buches werden anhand zweier langer Erzählungen – einem ungewöhnlichen Format in der wissenschaftlichen Publikationspraxis – zwei Projekte und ihre Hotspots ausführlich vorgestellt. Zunächst erläutert Antonietta DI GIULIO einführend in ihrem Artikel "Vom Nutzen des Lagerfeuers – Fallstudien transdisziplinärer Forschung als Erzählungen" den Ansatz des Storytelling, wobei sie zwischen Storytelling als Forschungsansatz und als Kommunikationsansatz unterscheidet. Beides hat nach DI GIULIO einen Platz im transdisziplinären Methodenrepertoire. Als Forschungsansatz könnten etwa Forschungstagebücher und Projektprotokolle analysiert werden. Als Kommunikationsansatz verstanden gehe es darum, den Leser*innen ein "Fenster in die Erfahrungswelt zu öffnen" (S.96). Durch den offenen Austausch werde kollektives Lernen angeregt, so die These, wodurch die Managementpraxis von transdisziplinären Projekten verbessert werden könne. Hierzu müssten die Erzählungen jedoch bestimmte Gütekriterien erfüllen. Aus diesem Grund seien beide Schilderungen mit anderen Forscher*innen diskutiert und die Autor*innen dazu angeregt worden, implizites Wissen zu reflektieren. Gemeinsam wurden Kriterien zu Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit und Übertragbarkeit erstellt, was vor allem in Bezug auf die Menge an verarbeiteten Informationen wichtig erschien. [53]

Ergebnis dieser kollektiven Anstrengung sind die Beiträge von Sebastian GÖLZ zum "Intelliekon"-Projekt und von Claudia NEMNICH und Daniel FISCHER zum Verbundprojekt BINK. Die Erzählung von Sebastian GÖLZ, der die Projektkoordination von Intelliekon (die Abkürzung steht für "Nachhaltiger Energiekonsum durch intelligente Zähler‐, Kommunikations‐ und Tarifsysteme") innehatte, umfasst die vollständige Geschichte des Verbundes. Inhaltlich wollte das Projekt Feedback-Instrumente zum stromsparenden Verhalten in Privathaushalten in einer Kooperation von elf wissenschaftlichen Institutionen und Praxispartner*innen entwickeln. Von den ersten Treffen bis zum Abschluss des Projektes werden die Ereignisse aus der Perspektive des Autors beschrieben. In jedem Teilabschnitt werden persönliche Einsichten vermittelt. Wenn der Autor zum Kick-off Workshop schreibt, "[e]inige der Diskussionsthemen wie Unbundling [die Trennung von Netz und Vertrieb bei Energieversorgungsunternehmen] oder Einführung eines Messstellenbetreibers waren mir zwar geläufig, doch die Perspektive der Praxispartner, deren Sorgen und Frustrationen, wurden mir erst durch dieses Treffen deutlich" (S.113), so benennt er damit eine Erfahrung, die unseres Erachtens vielen wissenschaftlichen Kolleg*innen in transdisziplinären Projekten geläufig sein dürfte. Ähnliches kann zu den nachfolgend ausgeführten Höhen und Tiefen des Forschungsverlaufes gesagt werden. Praxispartner*innen, die nach einer anderen Logik entschieden, als es die wissenschaftliche Präzision verlange, führten zur "Götterdämmerung" (S.121), so GÖLZ. Lesende erfahren von ganz konkreten Problemen wie fehlenden Telefonnummern oder anderen technischen Herausforderungen und werden tief in die Welt der Praxispartner*innen geführt. Die Erzählung endet mit verschiedenen Einsichten, die einerseits projektbezogen sind, andererseits zum Nachdenken über transdisziplinäre Prozesse im Allgemeinen anregen. In diesem Sinne endet der Aufsatz mit einem abgeklärten Ratschlag:

"Insgesamt ist es sicher sinnvoll, nicht von 'Projektmanagement' sondern von 'Prozessmanagement' zu sprechen – das auf Krisenmanagement in den gegebenen Projektstrukturen mit fixem Zeitplan, fest definierten Zielen und begrenztem Budget vorbeireitet ist, denn: Das Projekt wird ins 'Schwimmen' kommen, man sollte mental auf Krisenmanagement vorbereitet sein" (S.143). [54]

Die zweite Erzählung zum Projekt "Bildungsinstitutionen und nachhaltiger Konsum" (BINK), welches darauf abzielte, nachhaltigen Konsum in Bildungseinrichtungen zu fördern, bestand aus einem Verbund verschiedener Universitäten. Als zentrale Praxispartner*innen kooperierten zwei Gymnasien, zwei berufsbildende Schulen und zwei Hochschulen. Die Autor*innen Claudia NEMNICH und Daniel FISCHER hatten Aufgaben innerhalb der Projektkoordination übernommen. Auch hier wird der Prozess von der Antragstellung an beleuchtet und auf unerwartete Hürden eingegangen. Die Autor*innen erzählen etwa von der schwierigen Anbahnung der Kontakte zu ihren Praxispartner*innen – in diesem Fall Schulen. Die jeweiligen Sekretär*innen hätten sich als strenge Gate-Keeper*innen erwiesen, die allein bei der Erwähnung des Wortes Nachhaltigkeit "abwimmelten" (S.153f.).2) Dass eine echte Kooperation sehr arbeitsintensiv ist, wird ebenfalls aus der Erzählung deutlich: Die Autor*innen beschreiben, wie sie schon vor dem offiziellen Projektstart viel Zeit und Mühe in den Beziehungsaufbau zu den Praxispartner*innen investiert hätten. Nach Projektstart hätten sie eine weitere Tatsache akzeptieren müssen, die zugleich einem der ausgemachten Hotspots entspräche – das Praxisfeld diktiere den Zeitplan. Denn ein Schuljahr sei eng getaktet, Workshops seien nur in begrenzten Zeitslots möglich gewesen. Doch die Bemühungen, eine enge Kommunikation und Abstimmung anzustreben, habe sich ausgezahlt:

"Wir gewannen im Laufe des ersten Jahres zunehmend den Eindruck, dass die Treffen vor Ort und die kontinuierliche Begleitung und Ansprache entscheidend waren dafür, dass die zum Teil unterschiedlichen Logiken von Wissenschaft und Bildungspraxis nicht kollidieren, sondern alle Beteiligten BINK als eine gemeinsame Sache verstanden und zur ihrer Sache machten" (S.168). [55]

Die Rolle des Austausches und der Kommunikation, des gemeinsamen Er- und Ausarbeitens, wird an dieser Stelle hervorgehoben. Weiter betonen die Autor*innen, dass der Aufbau und die Pflege der Arbeitsbeziehungen viel Zeit und Engagement vonseiten der akademischen Partner*innen verlangt habe. Dies habe letztlich nur auf Kosten des akademischen Outputs gelingen können. So seien bspw. Qualifikationsarbeiten abgebrochen worden, es schien, "als sei wissenschaftliche Forschung nur während der Fahrt [gemeint sind hier die vielen Zugfahrten] oder im Vorbeifahren möglich gewesen" (S.186). Dass diese Tatsache Frustration und Verunsicherung erzeugt, verwundert unserer Meinung nach nicht und sollte grundsätzlich bei jeder Antragstellung von den Antragstellenden und den Forschungsfördernden bedacht werden. [56]

Das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis wird in der rund 100 Seiten umfassenden Zusammenfassung der Ergebnisse der Begleitstudie einmal mehr verdeutlicht. Der Beitrag, verfasst von Antonietta DI GIULIO, Rico DEFILA und Thomas BRÜCKMANN, basiert auf einer Interviewstudie, die mit Forschenden und Praxispartner*innen von vier Forschungsverbünden der Förderlinie durchgeführt wurde. Aus Sicht der qualitativen Sozialforschung stellt der Beitrag ein wichtiges Beispiel für eine umfassende Begleitstudie dar. Die Forschungsfragen seien zunächst auf einem "Synthesetreffen", so wurden die regelmäßigen Auswertungstreffen aller geförderten Forschungsprojekte bezeichnet, vorgelegt und diskutiert worden. Aus methodischer Hinsicht bleibt die daran anschließende Auswahl der befragten Projekte diskussionsbedürftig. So werden als Kriterien etwa die besonders intensive Zusammenarbeit mit Praxispartner*innen, die als prinzipiell erfolgreich wahrgenommene Kooperation und ein übergeordnetes Interesse an allgemeinen Fragen zu Transdisziplinarität herangezogen. Dies wirft für uns die Frage auf, ob nicht gerade ein Sample, das erfolgreiche und weniger erfolgreiche Projekte untersucht hätte, sinnvoller gewesen wäre. Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, lässt sich vermuten, dass das Ausmaß an Offenheit, welches notwendig gewesen wäre, um eine ungenügende Umsetzung der transdisziplinären Elemente zu reflektieren, in den Projekten nicht gleichermaßen geben war. Zumal bei einer solch begrenzten Anzahl an Projekten die Anonymität nicht vollständig gewährleistet werden kann, auch wenn sich die Autor*innen selbstverständlich und gewissenhaft darum bemühten, alle Elemente, die Rückschlüsse erlauben könnten, aus dem präsentierten Material zu entfernen. [57]

Insgesamt wurden 20 leitfadengestützte Interviews, die neben den Leitfragen mit erzählgenerierenden Stimuli arbeiteten und zwischen 1-2 Stunden dauerten, transkribiert und ausgewertet. Unklar bleibt die tatsächliche Auswertungsmethode; es wird lediglich von Codierung und induktiv wie deduktiv angewendeten Codes gesprochen. Gerade DEFILA und DI GIULIO verfügen aufgrund ihres langjährigen Engagements im Bereich der transdisziplinären Forschung über eine breite Expertise und publizieren seit den 1990er Jahren regelmäßig zu aktuellen Fragestellungen des Feldes (vgl. etwa DEFILA & DI GIULIO 1999, 2001; DEFILA, DI GIULIO & SCHEUERMANN 2015). Darum konnten die Autor*innen erste Auswertungsergebnisse versiert mit Kenntnissen der Forschungsliteratur ergänzen und kontrastieren. Auf Grundlage dieser "(doppelten) Beobachtung" (DI GIULIO et al., S.197), wie die Autor*innen im Beitrag formulieren, schälten sie Prinzipien der transdisziplinären Forschung heraus, die sie als Fragen formuliert an die letzte Auswertungsrunde (und Präsentation des Materials) anlegten. Knapp formuliert bedeute das, Fragen danach, welche normativen Prinzipien transdisziplinärer Forschung in den Interviews angerufen würden und welche Erfahrungen die Beteiligten damit gemacht hätten, an die Daten heranzutragen. Fünf solcher Prinzipien werden identifiziert: erstens die frühzeitige Einbindung der Praxispartner*innen, zweitens solle der Nutzen für die Praxispartner*innen sichergestellt werden, drittens sollten sich diese die Ziele zu eigen machen, viertens solle Praxiswissen integriert werden und fünftens eine Kooperation auf Augenhöhe erfolgen. Ergebnisse und Interpretation werden verwoben präsentiert. Gut gefallen hat uns hierbei insbesondere die grafische Darstellung der Zusammenhänge für die einzelnen Prinzipien. [58]

Auf Ergebnisebene ist der Studie zunächst anzurechnen, dass in ihr viele wichtige Kristallisationspunkte für transdisziplinäre Forschung offengelegt werden. So wird an verschiedenen Stellen die Realität transdisziplinärer Forschung problematisiert, die dem theoretischen Anliegen widerspreche. Fundamentale Prinzipien etwa von gemeinsamen Entscheidungsprozessen würden regelmäßig nicht eingehalten, etwa bei der Formulierung von Anträgen, die üblicherweise allein durch die akademischen Akteur*innen erfolge, oder bei der Entscheidung über Mittelvergaben, die häufig nicht mit den Partner*innen abgestimmt werde. Es wird eine Vielzahl an Einsichten und divergierende Standpunkten, Zielvorstellungen und Interessen präsentiert, die einen wichtigen Beitrag zur übergeordneten Debatte um Transdisziplinarität leisten. Unseres Erachtens zeigt sich jedoch, dass ein stärker interpretativer Ansatz, der Kontextbedingungen mit einbezogen hätte, tiefergehende Einsichten hätte generieren können. Denn die Widersprüche und Problemlagen, die die Studie aufzeigt, sind nicht allein durch die je spezifischen Projektkonstellationen zu erklären. Auch ein Wissenschaftssystem, welches bestimmte Anreize setzt, sowie die jeweils auf den Projektkontext bezogenen gesellschaftlichen Konstellationen sollten Beachtung finden. Aus diesem Grund sehen wir in Bezug auf die qualitativen Anteile von Begleitforschung große Potenziale, die bislang noch nicht ausgeschöpft werden. [59]

Bilanzierend schließt das Buch mit einer Betrachtung der gesellschaftlichen Wirkung von transdisziplinären Forschungsprojekten durch Ruth KAUFMANN-HAYOZ, Rico DEFILA, Antonietta DI GIULIO und Markus WINKELMANN. Zunächst machen sie auf das schon in der Begleitstudie prominent formulierte Thema des Shared Ownership aufmerksam: Wenn sich Praxispartner*innen das Projekt nicht von Beginn an zu eigen machen (könnten), dann bleibe die Akzeptanz und damit die gesellschaftliche Wirkung begrenzt. Im Anschluss daran führen sie lesenswert in den aktuellen State of the Art von Begriffen, Modellen und der Erfassung gesellschaftlicher Wirkung von Forschung ein. Sie kommen zu vier Erkenntnissen: Erstens wirkten Forschungsergebnisse nicht direkt und unmittelbar, sondern müssten vielmehr als "Ergebnis komplexer und nicht-linearer (Kommunikation-) Prozesse" (S.301) verstanden werden. Zweitens schlagen sie vor, klar zwischen Forschungsergebnissen (Output), Wirkung auf die direkte Zielgruppe (Impact) und weiterer gesellschaftlicher Wirkung (Outcome) zu unterscheiden. Drittens konstatieren sie, dass kein Methodenkanon für die Messung gesellschaftlicher Wirkung bestehe (und bestehen könne), da dieser jeweils spezifisch entwickelt werden müsse, um viertens und abschließend festzustellen, dass nicht klar zwischen Ergebnissen, Diffusion und Wirkung zu unterscheiden sei. [60]

Im Anschluss werden die Ergebnisse der eher knapp verhandelten "exemplarischen" Wirkungsstudie präsentiert. Hier wird zunächst strikt auf die Wirkung von Forschungsergebnissen fokussiert. Induktiv – so die Formulierung von KAUFMANN-HAYOZ et al. – sei in der Diskussion mit allen Forschungsverbünden während eines gemeinsamen Treffens eine erste Einschätzung vorgenommen worden. Daran anschließend hätten die Verantwortlichen Telefoninterviews mit Beteiligten aus allen Projekten durchgeführt, um auf der Basis dieses Materials – erneut wird der Begriff induktiv verwendet – drei "Ergebnistypen" herauszuarbeiten. Diese seien in einem weiteren Verbundtreffen kommunikativ validiert worden. Ausgemacht wurden der Typ 1 "außerwissenschaftliche Erkenntnisdarstellung", bei dem die Erkenntnisse mündlich oder durch schriftliche Veröffentlichungen kommuniziert würden. Bei dem Ergebnistyp 2 "Leitfaden/Tools" "münden die Erkenntnisse in Produkte, die der ganz konkreten Handlungsunterstützung oder -anleitung dienen" (S.305). Typ 3 "Veränderungen im Feld" nutze im Verlauf des Forschungsprozesses Möglichkeiten, Veränderungen anzustoßen. [61]

Die methodischen Schwierigkeiten, die Wirkungsanalysen mit sich bringen, werden durch die Einschränkung der Autor*innen verdeutlicht:

"Unsere empirische Wirkungsanalyse war in mehrfacher Hinsicht exemplarisch. Zum einen schlossen wir nicht alle Verbünde in die Untersuchung ein, zum anderen untersuchten wir nicht alle von den einbezogenen Verbünden intendierten Wirkungen und nicht alle von ihnen anvisierten Zielgruppen. Auch suchten wir nicht nach weiteren, nicht intendierten (aber möglicherweise durchaus erwünschten) Wirkungen. Diese Beschränkungen waren nicht nur angesichts der begrenzten Ressourcen notwendig, sondern auch der Stringenz der Studie geschuldet. Wir wollten dadurch insbesondere vermeiden, uns bei der Suche nach den Wirkungen im Uferlosen zu verlieren" (S.308). [62]

An dieser Stelle greifen die Autor*innen unserem Eindruck nach zentrale Herausforderungen von Wirkungsstudien auf, die auch und gerade für die qualitative Forschung gelten. Forschungspraktisch bleibt immer das Problem, dass gerade in Verbundprojekten, die sich sehr gut für Wirkungsstudien eignen würden, am Ende kaum Zeit bleibt, um sich auf diese einzulassen. Wirkungsstudien bedürfen aber der engagierten Mitarbeit der Forschenden. Methodisch – und dies wird an den drei angeführten Fallstudien deutlich – gibt es keine Best Practice, nicht das ideale Erhebungsinstrument, jedoch viel Raum für Weiterentwicklungen qualitativer Forschungsdesigns. Diese wären u.E. hervorragend in der Lage, gerade auch die nicht-intendierten Wirkungsweisen zu verstehen. [63]

In den Fallstudien zu den jeweiligen Ergebnistypen wurde methodisch unterschiedlich vorgegangen, und Daten wurden lediglich in begrenztem Umfang erhoben. In allen sei jedoch auf Interviews mit im Forschungsprozess identifizierten Praxisakteur*innen zurückgegriffen worden; zur Auswertung sei die "zusammenfassende Inhaltsanalyse" zum Einsatz gekommen. Der jeweiligen Studie entsprechend seien diese Daten durch spezifische Instrumente ergänzt worden, so etwa die Erhebung zur Verbreitung und Nutzung einer Toolbox durch einen kurzen (quantitativ-geschlossen aufgebauten) Fragebogen. [64]

Bilanzierend kommen KAUFMANN-HAYOZ et al. zu dem Schluss, dass "eine transdisziplinäre Arbeitsweise [...] nicht von selbst" (S.324) dazu führe, dass Forschung bzw. ihr Ergebnisse gesellschaftlich wirksam würden. Dem ist sicherlich zuzustimmen. Jedoch sehen wir hier ein Desiderat, welches nicht allein die transdisziplinär ausgerichtete Forschung betrifft. Die nähere Bestimmung der Bedingungen von gesellschaftlicher Wirksamkeit könnte durch interpretative Sozialforschung insofern gefüllt werden, als von komplexen Wirkungsverhältnissen auszugehen ist. Diese können gerade auch auf geteilten Vorstellungen, Deutungsmustern und sozialen Praxen beruhen und sind – wir erwähnten es bereits – macht- und herrschaftsdurchwoben. Diese Komplexität können hypothesengeleitete Verfahren schwerlich bewältigen. [65]

Die Autor*innen schließen mit einem gemeinsamem "Brief an die Leserinnen und Leser" ihr engagiertes Publikationsprojekt ab. Dabei vermitteln sie Einsichten und Erfahrungen auf ungewöhnlich unprätentiöse Art. Aus diesem Grund nimmt das Buch einen Sonderstatus innerhalb der hier vorgestellten Sammelbände ein und empfiehlt sich in besonderer Weise für alle an transdisziplinärer Forschung Interessierten. Thematisch viel enger ausgerichtet als die drei anderen Bände, überzeugt es durch detaillierte Einblicke in die Forschungspraxis und das Aufzeigen von Widersprüchen. Zugleich stellt es die Bedeutung von Begleitforschung heraus, die oftmals nicht die Beachtung findet, die ihr unseres Erachtens gebührt, wie wir in unseren abschließenden Anmerkungen herausstellen möchten. [66]

5. Qualitative Methoden als integraler Bestandteil transdisziplinärer Forschung

Durch die vier Sammelbänder wird der aktuelle Stand der Debatte im deutschsprachigen Raum illustriert, ohne dass methodologische oder konkret methodische Fragestellungen im Detail behandelt würden. Dies ist eher den um die Jahrtausendwende erschienenen "Klassikern" vorbehalten gewesen, allen voran dem "Handbook of Transdisciplinary Research" (HIRSCH HADORN et al. 2008) oder dem Band "Methoden transdisziplinärer Forschung. Ein Überblick mit Anwendungsbeispielen" von BERGMANN et al. (2010 auf Deutsch, 2012 auf Englisch erschienen), die sich intensiver mit diesbezüglichen Fragen auseinandersetzen. Im Vergleich dazu präsentieren die hier vorgestellten Bände eher die Vielfalt der angewendeten Methoden in der transdisziplinären Forschung. Um die Potenziale qualitativer Forschungsmethoden zu eruieren, bietet es sich daher an, am Beispiel eines schematisierten transdisziplinären Forschungsmodells zu diskutieren. Vergegenwärtigt man sich einen eher (im wörtlichen Sinne) pragmatisch orientierten transdisziplinären Forschungszyklus, so können nach Thomas JAHN (2008) drei Phasen unterschieden werden: In der Eingangsphase wird ein Forschungsproblem gemeinsam durch die beteiligten Wissenschaftler*innen und Praxispartner*innen erarbeitet, und es formiert sich zugleich das transdisziplinäre Team. In der zweiten Phase wird neues, transformatives Wissen generiert, während in der dritten die transdisziplinäre Integration erfolgt.3) Qualitative Methoden werden gerne in der ersten Phase in Anschlag gebracht. Die gemeinsame Problemdefinition durch Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen, in das Projekt integrierte Praxispartner*innen sowie durch das Forschungsproblem "betroffene" Gruppen wird häufig als "qualitativ-explorativ" bezeichnet. Gleichwohl muss die Praxis dieser ersten Phase aus Sicht einer elaborierten qualitativen Forschung in verschiedener Hinsicht relativiert werden. Gerade im deutschsprachigen Raum – wie die Beiträge in FQS ebenso wie viele vorliegende Handbücher eindrucksvoll zeigen – sind die verschiedenen Verfahren innerhalb der qualitativ-interpretativen Forschung sehr elaboriert. Um eine interpretative Methode anwenden zu können, bedarf es daher auch einer fundierten sozialwissenschaftlichen Ausbildung in Hinblick auf die methodologischen Hintergründe sowie das handwerkliche Können in Bezug auf die Durchführung einer qualitativen (Teil-) Studie. Hier kommt das transdisziplinäre Konzept an seine Grenzen. Wenn in disziplinär gemischten Teams und in Zusammenarbeit mit Praxispartner*innen gemeinsam ein Problemverständnis erarbeitet werden soll, dann muss dies auf einer allgemeinverständlichen Ebene verhandelt werden. Methodisch geht es hier oftmals weniger um systematische Erhebung und Auswertung von Daten, sondern um die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses auf Kick-off-Workshops, wie verschiedene der von uns referierten Beiträge es aufzeigen. Hier sind es die Kommunikations- und Moderationsfähigkeiten Einzelner, die die Ergebnisse strukturieren. Zugleich kann gerade an dieser Stelle der fehlende qualitativ-methodische Unterbau bzw. die mangelnde Systematik dazu führen, dass sich nicht alle Beteiligten gleichermaßen einbringen können. [67]

Im Rahmen eines weiteren Ansatzes für diese erste Phase, der in Projekten etwa im Bereich ländlicher Entwicklung (überwiegend im Globalen Süden) gerne gewählt wird, werden in verschiedener Art und Weise eigene Daten erhoben. Hier wird auf die Paul CHAMBERS entwickelte Methode des "Rapid Rural Appraisal" (1981) bzw. die später als "Participatory Rural Appraisal" (1994) erweiterte Konzeption zurückgegriffen. Es liegt mittlerweile ein weites Spektrum an partizipativen Erhebungsinstrumenten vor, jedoch werden die so erhobenen Daten keiner systematischen, qualitativ-interpretativen Auswertung unterzogen. Wenn CHAMBERS verspricht, "[a]n overarching reversal is from etic to emic, from the knowledge, categories, and values of outsider professionals to those of insider local people" (1994, S.1262), bleibt unklar, wie diese Verschiebung tatsächlich methodisch vollzogen werden kann. Der ethnografische Blick auf die Datenerhebung und der Anspruch, lokales Wissen wahrzunehmen, zu verstehen und zu integrieren, entspricht dabei der transdisziplinären Forderung nach einem gemeinsamen und lebensweltlich orientierten Problemverständnis. Zugleich fragen wir uns, wie eine solche Datenerhebung und Auswertung gelingen soll, wenn es sich bei transdisziplinären Teams in der überwiegenden Mehrheit nicht um in qualitativen Forschungsmethoden geschulte Personen handelt. Aus eigener Erfahrung können wir sagen, dass erhobene Daten in ungeschulten interdisziplinären Teams lediglich inhaltsanalytisch ausgewertet werden können. Hier kommt dem anwendungsorientierten Auswertungsvorschlag von MEUSER und NAGEL (2002 [1991]) eine besondere Rolle zu. Gerade für Stakeholder*innen-Interviews zu explorativen Zwecken ist diese Vorgehensweise für in qualitative Forschungsmethoden nicht unterwiesene Personen (zumindest unter Anleitung) handhabbar: Ausgehend von den ausgewerteten Interviews lassen sich Ergebnisse dann interdisziplinär, also in der Gruppe der Wissenschaftlicher*innen, diskutieren, ebenso wie transdisziplinär mit den Stakeholder*innen validieren. Auf dieser Basis können dann die Adaption und der Übergang zur zweiten Phase erfolgen. Die Teiluntersuchungen werden dabei am gemeinsam erarbeiteten Gesamtrahmen orientiert. Aus Sicht der qualitativ-interpretativen Sozialforschung muss dieses Vorgehen begrenzt bleiben. Denn wie MEUSER und NAGEL in Anerkennung und Reflexion der Reaktionen auf ihre erste Veröffentlichung von 1991 bemerken: "Das Handeln von Experten ist in hohem Maße von Relevanzen geprägt, die den Experten nicht oder nur teilweise reflexiv verfügbar sind [...] Es kann aber aus dem, was der Interviewte sagt, rekonstruiert werden" (2009a, S. 470). Allein, hierzu bedarf es methodisch ausgebildeter Personen. [68]

Die fehlende interpretative Expertise könnte, so unser Vorschlag, über einen Umweg in die transdisziplinäre Forschung integriert werden. So könnte etwa eine Variation der von DEFILA, DI GIULIO und SCHÄFER präsentierten Hotspot-Analyse verschiedene Schwachstellen gängiger transdisziplinärer Forschungsprojekte aufheben und zugleich qualitatives Forscher*innenwissen einbringen, ohne den gemeinschaftlichen transdisziplinären Prozess zu unterbrechen. Methodisch ist der vorgeschlagene Weg der Hotspot-Analyse von DEFILA et al. eng an den Anforderungen der im Projekt beteiligten Forschungsverbünde orientiert. Hierzu zählt etwa die dauerhafte Zusammenarbeit mit denselben Stakeholder*innen, die nicht in jedem transdisziplinären Projektansatz verfolgt wird. Das Teilsynthese-Team bestand dabei aus dem Begleitforschungsteam sowie aus Wissenschaftler*innen der Projektverbünde. Sie können somit als gesondertes Team für diesen Teilabschnitt angesehen werden, das jedoch in Rückkopplung mit allen weiteren Forschungsbeteiligten arbeitete. [69]

Wir würden einen weiteren möglichen Weg vorschlagen, mit dem wir stärker auf die Integration qualitativ-interpretativer Ansätze fokussieren möchten. Bei einzelnen transdisziplinären Projekten kann nicht immer eine Begleitforschung erfolgen. Unabhängig davon überzeugt die Hotspot-Analyse zum einen im Hinblick auf den Anspruch, eine reflexive Forschung anzuvisieren und zum anderen, um tatsächlich Potenziale, aber auch Grenzen eines transdisziplinären Forschungsprojektes von Beginn an auszuloten. Daher scheint es sinnvoll, die Hotspot-Analyse als integralen Bestandteil in ein transdisziplinäres Projekt einzubinden und diese qualitativ ausgebildeten Forscher*innen zu überantworten, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens geht es bei der Erarbeitung von Ausgangslagen – Akteur*innenkonstellationen, Interessenlagen, aber auch Strukturen und Objekten sowie (strukturellen) Idiosynkrasien des Feldes – um nichts weniger, als ein belastbares Verständnis von sozialer Wirklichkeit zu entwickeln. Daraus folgt zweitens, dass alle Stakeholder*innen auf Basis der für sie wahrnehmbaren und damit interpretierten Ereignisse im Untersuchungsfeld ihren subjektiven Sinn, und darauf basierend ihre Interessen, konstruieren. Somit verstehen wir mit BOGNER und MENZ die Expert*innen-Interviews als "theoriegenerierend" (auch wenn die Terminologie für die Hotspot-Analyse zu stark erscheint): "Das theoriegenerierende Interview zielt im Wesentlichen auf die kommunikative Erschließung und analytische Rekonstruktion der 'subjektiven Dimension' des Expertenwissens. Subjektive Handlungsorientierungen und implizite Entscheidungsmechanismen der Experten aus ihrem bestimmten fachlichen Funktionsbereich bezeichnen hier die Ausgangspunkte für Theoriebildung" (2009, S.66). Das erhobene Fachwissen wird somit nicht als neutrales und objektives Wissen verstanden und kann folgerichtig auch nicht allein inhaltsanalytisch ausgewertet werden. Im Anschluss daran ist drittens von einem Feld auszugehen, das durchzogen ist von Machtverhältnissen, die wiederum die Handlungsspielräume und Entscheidungen der Expert*innen einhegen. Es spiegeln sich in den für die Hotspot-Analyse erhobenen Daten die "soziokulturelle[n] [und ökonomischen] Bedingungen der Produktion von Expertenwissen" (MEUSER & NAGEL 2009b, S.5) und diese gilt es zu rekonstruieren. Dabei sind nichtstandardisierte und vergleichsweise offene, semi-strukturierte Leitfragen-Interviews ein ideales Erhebungsinstrument. Die Auswahl der Interviewten sollte auf der Grundlage einer wohldurchdachten (d. h. theoretisch sensiblen und reflexiven) Sampling-Strategie erfolgen. [70]

Wir schlagen vor, die Hotspot-Analyse durch Daten, die von transdisziplinären Teams erhoben werden (z.B. dokumentierte gemeinsame Begehungen oder Beobachtungsprotokolle) zu ergänzen. In der Gesamtschau liegt es nahe, einen situationsanalytischen Zugang (CLARKE 2012 [2005]; CLARKE & FRIESE 2007) zu wählen (zur Kritik des Ansatzes von CLARKE siehe DIAZ-BONE 2012). Adele CLARKE bietet mit ihrem Konzept eine sehr flexible Methode an, bei der die Auswertungsergebnisse durch das vorgeschlagene Mapping ideal durch ein transdisziplinäres Gesamtteam validiert werden könnten. Damit wäre die Hotspot-Analyse stärker interpretativ, da sie federführend durch ein qualitativ geschultes Team erfolgen würde, und zugleich machtsensibel orientiert. Durch die Rückkopplung und Validierung durch das Gesamtteam bliebe sie mit dem transdisziplinären Forschungsprozess verzahnt. [71]

Die zweite Phase, die JAHN (2008) ausmacht und in welcher das transformative Wissen generiert wird, ähnelt gerade in größeren Verbünden gewöhnlich einem mehr oder weniger elaborierten Mixed-Methods-Design mit der Einschränkung, dass es sich aufgrund der beteiligten Disziplinen nicht zwingend um sozialwissenschaftliche Methoden handeln muss. Dies korreliert mit der transdisziplinären Grundannahme, dass eine allein disziplinär gestützte Analyse die ausgemachten komplexen Probleme nicht angemessen adressieren kann. Insgesamt sehen wir für diese Phase die Herausforderung, dass es kaum eine systematische methodologische und methodische Analyse transdisziplinärer Forschungsprozesse gibt. An dieser Stelle wäre die Frage nach den Methodologien bspw. den erkenntnistheoretischen Grundannahmen zu stellen, mit denen die verschiedenen Akademiker*innen, die nicht selten die Spannbreite von Lebens-, Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften abbilden, operieren. Ebenso wäre methodisch offenzulegen, wie die Erhebungsinstrumente tatsächlich ineinandergreifen. Diese Zusammenhänge zu durchdringen, ist unseres Erachtens kaum durch die Forschungsteams selbst zu bewältigen. Daher kommt der qualitativ-interpretativ orientierten Begleitforschung eine besondere Rolle in der derzeitigen Entwicklungsetappe von transdisziplinärer Forschung zu. Wir würden eine prozessorientierte Begleitforschung vorschlagen, die durch ihre Bindung an einen "real existierenden Gegenstand" (KROMREY 1988, S.223) auf diesem Wege methodologische und methodische Erkenntnisse und Einsichten für den transdisziplinären Forschungsprozess gewinnen kann. Begleitforschung darf jedoch nicht im Sinne einer formativen oder summativen Evaluation missverstanden werden. Die Begleitforschung kann und soll keine Prozesse optimieren oder Forschungsvorhaben bewerten. Vielmehr soll sie ein Verständnis für Prozesse und diesen zugrunde liegenden methodologischen Fragen entwickeln. Wissenschaftstheoretische Grundlagen oder das Menschenbild, mit welchem normativ operiert wird, unterscheiden sich innerhalb und zwischen Disziplinen fundamental.4) [72]

Auch in der dritten Phase eines transdisziplinären Forschungszyklus käme unseres Erachtens einer qualitativ-interpretativen Begleitforschung als eigenständiger und prozessorientierter Forschung eine besondere Bedeutung zu: Die Frage danach, wie transformatives Wissen in Gesellschaft übersetzt wird und wirkt, scheint in vielen Bereichen ein Forschungsdesiderat. Auch die Diskussion um Rückläufe in die Wissens- wie Wissenschaftsgemeinschaften bedarf, gerade was inter- und transdisziplinäre Forschungsergebnisse anbelangt, der kritischen Reflexion. In diesem Sinne würden wir vorschlagen, die Komposition von transdisziplinären Forschungsteams zu überdenken und verstärkt auf die Expertise von qualitativ ausgebildeten Forscher*innen zu setzen. Zugleich sollte sich die qualitative Community den neuen Anforderungen der inter- und transdisziplinären Forschung öffnen. Beide Seiten könnten voneinander profitieren. [73]

Danksagung

Dieser Beitrag ist im Rahmen eine Förderung durch Landesmittel des Niedersächsischen Vorab der VolkswagenStiftung entstanden

Anmerkungen

1) Wobei wir genuin akademische Forschung durchaus auch als Praxis verstanden wissen wollen. Auch diese wirkt auf ein Feld ein und umgekehrt. An dieser Stelle unterscheiden wir jedoch nach Rollen und Aufgaben im transdisziplinären Forschungsprozess. <zurück>

2) Das halten wir im Übrigen für ein gutes Beispiel für übersättigte Praxispartner*innen, welches auch in anderen Praxisfeldern anzutreffen ist. <zurück>

3) Unserer Erfahrung nach ist mittels dieser Phasen die Mehrheit der aktuell als transdisziplinär bezeichneten Projekte im deutschsprachigen Raum beschreibbar. Dennoch entsprechen sie nicht einem idealtypischen transdisziplinären Projektzyklus. Vielmehr verstehen wir sie als eines von vielen möglichen Modellen, die in der Praxis Verwendung finden, ohne dass sie systematisch reflektiert werden. <zurück>

4) Als Beispiel für eine gelungene qualitativ-interpretative Studie zu Motivationslagen bzw. zum "Erfahrungs- und Handlungswissen von Forschenden" möchten wir auf KRUSE, BETHMANN, ECKERT, NIERMANN und SCHMIEDER (2012) verweisen. <zurück>

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Zu den Autorinnen

Andrea Dorothea BÜHRMANN ist Professorin für die Soziologie der Diversität und Direktorin des Instituts für Diversitätsforschung an der Universität Göttingen. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Soziologie der Diversität und Geschlechterverhältnisse, Arbeits- und Wirtschaftssoziologie, Methoden und Methodologie der (qualitativen) Sozialforschung, Soziologie des Wissens.

Kontakt:

Prof. Dr. Andrea Dorothea Bührmann

Georg-August-Universität Göttingen, Sozialwissenschaftliche Fakultät
Institut für Diversitätsforschung
Platz der Göttinger Sieben 3
37073 Göttingen

Tel.: +49 (0)551 39 20253
Fax: +49 (0)551 39 12853

E-Mail: andrea.buehrmann@uni-goettingen.de
URL: http://www.uni-goettingen.de/de/prof.+dr.+andrea+d.+b%c3%bchrmann/446519.html

 

Yvonne FRANKE ist Wissenschaftliche Koordinatorin am Institut für Diversitätsforschung der Universität Göttingen. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: globale Agrarwertschöpfungsketten und Agro-Food-Systeme, qualitative Methoden der Sozialforschung, Transdisziplinarität.

Kontakt:

Dr. Yvonne Franke

Georg-August-Universität Göttingen, Sozialwissenschaftliche Fakultät
Institut für Diversitätsforschung
Platz der Göttinger Sieben 3
37073 Göttingen

Tel.: +49 (0)551 39 26185

E-Mail: yvonne.franke@uni-goettingen.de
URL: http://www.uni-goettingen.de/de/dr.+yvonne+franke/540456.html

Zitation

Bührmann, Andrea D. & Franke, Yvonne (2018). Sammelbesprechung: Transdisziplinarität: Versuch einer Kartografierung des Feldes [73 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 19(2), Art. 22, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-19.2.3047.



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