Volume 8, No. 3, Art. 19 – September 2007

Rezension:

Julia Simonson

Sandra Gruner-Domić (2005). Latinas in Deutschland. Eine ethnologische Studie zu Migration, Fremdheit und Identität. Münster: Waxmann, 267 Seiten, ISBN 3-8309-1458-X, EUR 29,90

Zusammenfassung: Anhand biographischer Interviews untersucht Sandra GRUNER-DOMIĆ die Migration lateinamerikanischer Frauen nach Deutschland und versucht, die Handlungen und Entscheidungen der Migrantinnen auf der Basis der dargestellten Biographien und Lebensentwürfe nachzuvollziehen. Darüber hinaus wird die Frage der Identität der Frauen als Lateinamerikanerinnen in Deutschland aufgeworfen und deren Einbindung in persönliche Netzwerke thematisiert. GRUNER-DOMIĆ kommt zu dem Schluss, dass persönliche Netzwerke und Beziehungen sowohl für die Entscheidung zur Migration als auch für die Entwicklung der Identität im Zuwanderungsland eine entscheidende Rolle spielen. Insgesamt leistet GRUNER-DOMIĆ mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag, um die Forschungslücke bezüglich der Situation lateinamerikanischer Frauen in Deutschland aufzuarbeiten.

Keywords: Migration, Identität, biographische Interviews, Latein-amerikanerinnen

Inhaltsverzeichnis

1. Thema und Einordnung in den Forschungskontext

2. Forschungsstand und Methode

3. Die biographische Einbettung von Migrationsentscheidungen

4. Fremdheit, Identität und die Bedeutung persönlicher Netzwerke

5. Einschätzung und Bewertung

Anmerkung

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Thema und Einordnung in den Forschungskontext

Migration kann mit Stefanie KLEY (2004, S.13) als eine besondere Form der Mobilität bezeichnet werden, die den relativ dauerhaften Ortswechsel von Individuen oder Gruppen beschreibt. Häufig wird der Begriff der Migration in einem engeren Sinne, nämlich als internationale, also Länder übergreifende Migration verstanden. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes kamen innerhalb des Jahres 2005 knapp 600.000 nicht-deutsche Personen für einen dauerhaften Aufenthalt nach Deutschland (Statistisches Bundesamt 2006), können also als internationale Migrant(inn)en bezeichnet werden. Obwohl die Zahl der Einwanderungen nach Deutschland damit im Vergleich zu vorangegangenen Jahren rückläufig ist, ist das Thema der Migration sowohl in der nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit als auch im wissenschaftlichen Diskurs nach wie vor präsent. Studien über Prozesse der Migration nach Deutschland und über die damit verbundenen Probleme, Konflikte und Anforderungen gibt es mittlerweile in großer Zahl. In zunehmendem Maße findet man darunter auch Studien, die sich dem Thema mit qualitativen Forschungsmethoden nähern. Zu nennen sind hier beispielsweise die Untersuchung von Andrea JANSSEN und Ayça POLAT (2005) zu den Lebensverhältnissen türkischer Migrant(inn)en der zweiten Generation, die Studie von Barbara SCHRAMKOWSKI (2007) zu den Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund, die Arbeit von Sylvia KEIM (2003) zum Umgang von Migranten und Migrantinnen mit Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzungserfahrungen in Deutschland (vgl. auch die Rezension von Andreas KLÄRNER 2004 in FQS), die Dissertation von Tarek BADAWIA (2002) zum Umgang bildungserfolgreicher jugendlicher Immigranten mit kultureller Differenz (vgl. auch die Rezension von Katja KOCH 2003), die Beiträge in der 2003 von RIEMANN herausgegebenen Schwerpunktausgabe Doing Biographical Research zu einem Interview mit Hülya, einer türkischen Migrantin, sowie die 2006 von BORKERT, PÉREZ, SCOTT und DE TONA herausgebene FQS-Schwerpunktausgabe Qualitative Migrationsforschung in Europa. [1]

Mit der hier rezensierten, als Buch veröffentlichten Dissertation von Sandra GRUNER-DOMIĆ wird nun eine weitere Studie vorgelegt, in der das Thema der Migration und die sich daran anknüpfenden Fragestellungen zu Integration und Identität aufgegriffen werden. Die Arbeit unterscheidet sich von den vorher genannten allerdings schon durch die Gruppe der betrachteten Migrantinnen. GRUNER-DOMIĆ nimmt mit lateinamerikanischen Einwanderinnen eine in Deutschland quantitativ relativ kleine und bisher in der wissenschaftlichen Betrachtung eher vernachlässigte Migrantinnengruppe in den Blick.1) Dabei wird weniger die Integration anhand quantifizierbarer Indikatoren untersucht; vielmehr wird eine Rekonstruktion individueller Sinnzusammenhänge vorgenommen. [2]

Anhand biographischer Interviews, die GRUNER-DOMIĆ selbst mit den Migrantinnen geführt hat, versucht sie die Migrationsprozesse aus der Sicht der Akteurinnen darzustellen und deren Handlungen und Entscheidungen auf der Basis der dargestellten Biographien und Lebensentwürfe nachzuvollziehen. Darüber hinaus geht sie der Frage nach, welche Identitäten die Lateinamerikanerinnen in Deutschland entwickeln und wie sie in unterschiedliche "Communities" eingebunden sind. [3]

2. Forschungsstand und Methode

GRUNER-DOMIĆ setzt sich zunächst in einem recht knappen Abschnitt mit dem Forschungsstand zur Migrationstheorie auseinander. Dabei geht es ihr vornehmlich um die Erklärung von Migrationsentscheidungen. Die Lebenswelten der Migranten und Migrantinnen im Zielland werden hier ebenso wie mögliche Probleme der Integration zunächst ausgeklammert; Theorien sowie der Stand der Forschung hierzu werden erst später in die empirischen Abschnitte eingestreut. Wohl aufgrund dieser etwas einseitigen Ausrichtung des Theoriekapitels auf die Gründe der Migration werden zahlreiche für das Forschungsfeld der Migration eigentlich zentrale Autoren und Autorinnen nur am Rande genannt (so z.B. Robert E. PARK und Hartmut ESSER) oder bleiben gänzlich unerwähnt (wie z.B. Shmuel N. EISENSTADT, Milton M. GORDON oder Mary C. WATERS). [4]

Aufgeführt werden dagegen sowohl Theorien, die Migration als rationale Antwort der Individuen auf Kosten-Nutzen-Differenzen verstehen, als auch makrosoziologische Ansätze, die Migrationsprozesse aus der Abhängigkeit bestimmter Länder als historische Konsequenz des Kolonialismus zu erklären versuchen. Relativ ausführlich geht GRUNER-DOMIĆ auf die Bedeutung von sozialen Netzwerken ein, da diese ihrer Meinung nach eine entscheidende Rolle für Migrationsentscheidungen spielen. Sie kritisiert zu Recht, dass Migrationsphänomene "zunächst überwiegend in Hinblick auf männliche Arbeitsimmigranten untersucht worden" sind (S.26). Als Frauen in der Migrationsforschung dann Mitte der 1980er Jahre stärker in den Blick gerieten, wurden auch hier zunächst ökonomische Erklärungen der Migration favorisiert; erst später wurde der Fokus auf weitere Faktoren wie frauenspezifische Netzwerke (HONDAGNEU-SOTELO 1994) erweitert. [5]

Nach der theoretischen Erörterung beschreibt GRUNER-DOMIC' ihre methodische Vorgehensweise mit Blick auf die Biographieforschung, deren Ertrag sie folgendermaßen zusammenfasst:

"Die Lebensgeschichten der Informantinnen liefern dem Forscher kulturelle Rollen- und Interaktionsmuster, die bei dem Versuch ihr Handeln zu verstehen, Zusammenhänge über deren Milieus und Kultur vermitteln. Biographien geben insofern reichliche und detaillierte Informationen über kulturelle Prozesse, weil sie gerade Einsicht in die subjektiven Seiten von Handlungen erlauben" (S.31). [6]

GRUNER-DOMIĆ führte biographische Interviews mit neun lateinamerikanischen Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft, unterschiedlichen gesellschaftlichen Status und unterschiedlich langen Aufenthalts. Die Auswahl der Interviewpartnerinnen erfolgte mit der Intention, ein möglichst breites Spektrum abzudecken; auf ein strukturiertes Sampling anhand im Voraus festgelegter Kriterien wurde aber verzichtet. Um die Interviewpartnerinnen möglichst wenig zu beeinflussen und die Präsentationen der Biographien nicht schon vorab in eine bestimmte Richtung zu lenken, führte GRUNER-DOMIĆ "offene narrative Gespräche" (S.37). Hinsichtlich der Auswertung schlug sie verschiedene Wege ein: Zwei Fälle wurden biographisch rekonstruiert, die anderen Interviews thematisch ausgewertet. Für die Auswertung der biographischen Interviews wählte GRUNER-DOMIC eine "tiefenhermeneutische" Vorgehensweise und orientierte sich an den Arbeiten von Fritz SCHÜTZE und Gabriele ROSENTHAL (S.35). Wie sie dabei im Einzelnen vorgegangen ist, wird allerdings nicht weiter expliziert. [7]

Zur Fundierung ihrer Aussagen erschloss GRUNER-DOMIĆ ihr Feld ergänzend über unstrukturierte teilnehmende Beobachtungen, indem sie – selbst lateinamerikanischer Herkunft – an verschiedenen Aktivitäten in Frauenvereinen und Gruppen für Lateinamerikanerinnen, in denen auch die später interviewten Frauen zu einem Großteil aktiv waren, teilnahm. Diese Vorgehensweise brachte sie allerdings in ein von ihr anschaulich beschriebenes Dilemma, da sie von den Frauen nicht nur als Forscherin, sondern auch als Frau lateinamerikanischer Herkunft und Teilnehmerin unterschiedlicher Veranstaltungen und damit auch als Vertraute und Verbündete wahrgenommen wurde. Zudem geriet sie im Zuge ihrer Forschungen in Verdacht, Gerüchte zu verbreiten:

"Meine Bedenken wuchsen, daß wenn ich Informationen sammelte, dies als Klatsch interpretiert werden könne. Denn für die Frauen ist es nicht selbstverständlich, am Leben anderer Frauen interessiert zu sein, in Gesprächen Fakten zu notieren, das Tun anderer zu beobachten etc. Wenn es nicht wissenschaftlichen Zwecken dient, bezeichnet man es in der Alltagssprache als 'Ilevar la vida' (dem Leben nachgehen) und man tut es nur in der Absicht Klatsch zu verbreiten. Als Wissenschaftlerin wollte ich den Zugang zu den zu Untersuchenden nicht verlieren. Meine Doppelrolle ließ mich ständig als 'Insiderin' in Konflikte geraten. Wenn ich lediglich als lateinamerikanische Frau, also wie jede andere Teilnehmerin, bei den Aktivitäten gesehen und akzeptiert worden bin, mußten meine Erkundigungen über andere suspekt erscheinen" (S.41f.). [8]

Neben diesem Zwiespalt thematisiert GRUNER-DOMIĆ aber auch ihre eigenen Erwartungen an die von den Migrantinnen präsentierten Biographien:

"Da ich die Lateinamerikanerinnen nicht als Opfer zu präsentieren versuche, sondern als Handelnde, erwartete ich im Gegenteil eher positive Darstellungen. […] Doch es überraschte mich, daß sich in manchen Lebenserzählungen Frauen den Umständen ausgeliefert zeigten. Daran zeigte sich natürlich auch die moralische Beurteilung ihrer Handlungen meinerseits" (S.45). [9]

Darüber hinaus beleuchtet die Autorin die Schwierigkeit, die Interviewpartnerinnen adäquat darzustellen. Dies betrifft sowohl die Wahrung der Anonymität als auch die subjektive Darstellung und Deutung der Biographien, da GRUNER-DOMIĆ davon ausgeht, dass die von ihr selbst gewählte Darstellung nicht den Erwartungen der Interviewpartnerinnen entspricht, die mit den Interviews ganz andere Ziele verfolgten. Auch wenn dieses Dilemma von der Autorin nicht aufgelöst wird und wohl auch nicht aufgelöst werden kann, ist es ihr doch positiv anzurechnen, diese Schwierigkeit überhaupt zu thematisieren. [10]

3. Die biographische Einbettung von Migrationsentscheidungen

Das zweite, mit "Biographie und Lebenslauf" überschriebene Kapitel widmet sich primär der Präsentation der Migrantinnenbiographien durch die Lateinamerikanerinnen selbst. Anhand zweier exemplarisch vorgestellter Biographien wird die Reichweite unterschiedlicher Arten, sich selbst und die eigene Biographie zu präsentieren, veranschaulicht. Während die eine Biographie als Musterbeispiel für eine Erfolgsgeschichte gelten kann, die im Rahmen einer distanzierten Erzählung präsentiert wird, handelt es sich bei der zweiten Biographie um eine dramatisch aufbereitete Darstellung der Geschichte der Interviewpartnerin, die zwischen der Selbstinterpretation als Opfer und Handelnde schwankt. Trotz aller Gegensätze werden beide Biographien von den Erzählerinnen selbst im Rahmen von Migrationsdiskursen präsentiert, die nach Erfolg oder Misserfolg werten (S.99), und auch GRUNER-DOMIĆ wertet beide Biographien im Rahmen dieser Diskurse letztlich als erfolgreiche Biographien, da beide einen gesellschaftlichen Aufstieg beinhalten. [11]

Im dritten Kapitel geht GRUNER-DOMIĆ den Migrationsmotiven auf der Grundlage der präsentierten Biographien nach. Dabei wird deutlich, dass die Migration häufig eine Folge von persönlichen (oftmals auch familiären) Spannungen im Leben der interviewten Frauen war. Darüber hinaus spielten persönliche Lebensentwürfe, die die Frauen nur durch Migration zu verwirklichen sahen, eine bedeutsame Rolle für die Entscheidung zur Migration. Als weniger relevant werden dagegen materielle Gründe angesehen. Wenn Statussymbole für die Migrantinnen eine Rolle gespielt haben, dann laut GRUNER-DOMIĆ eher, um "eigene Lebenspläne zu realisieren oder Lebensaufwertung durch Anerkennung zu erreichen" als aufgrund von "Kalkulationen über finanzielle Vorteile" (S.131). [12]

Geschlechterverhältnisse und Rollenvorstellungen können Migrationsprozesse maßgeblich beeinflussen. Wie im vierten Kapitel hervorgehoben wird, waren es bei den interviewten Frauen zum einen häufig Frauen-Netzwerke, über die Ressourcen und Möglichkeiten zur Migration bereitgestellt werden konnten. Zum anderen wurde für die Migrantinnen durch frauenspezifische Arbeitsangebote auf dem deutschen Arbeitsmarkt (als Au-Pair, Tänzerin oder Prostituierte) eine "spezifisch weibliche Migration" möglich (S.158). Drittens beförderten oder beschleunigten bereits vor der Migration konfliktträchtige Geschlechterverhältnisse die Entscheidung zur Auswanderung. Viertens kann die Migration bei einigen Frauen auch als Wunsch nach einer Neudefinition männlicher und weiblicher Rollenmuster verstanden werden, oder zumindest als ein Versuch, bestehende starre Rollen aufzuweichen. So werden die im Herkunftsland feststehenden Normen und Einstellungen zwischen den Partner(inne)n im Zuwanderungsland neu verhandelt, oder aber es wird explizit ein nicht-lateinamerikanischer Partner gewählt, da antizipiert wird, dass hier eine größere Chance besteht, Geschlechterverhältnisse, Rollen und Aufgaben neu festzulegen (S.150). [13]

4. Fremdheit, Identität und die Bedeutung persönlicher Netzwerke

Während in den vorangegangenen Kapiteln die Migrationsentscheidungen und ihre biographische und gesellschaftliche Einbettung im Vordergrund standen, widmen sich die Kapitel 5 und 6 den Fragen der Identität der Migrantinnen, deren Fremdheit im Einwanderungsland sowie deren Einbettung in vornehmlich lateinamerikanisch geprägte Netzwerke. Anhand der gewählten Interviewausschnitte wird Identität dabei als etwas Veränderliches präsentiert, das sich im Zuge der Migration wandeln kann. Dabei wird jedoch deutlich, dass es sich niemals um eine vollständige Neudefinition der Identität im Sinne eines Wechsels von einer "lateinamerikanischen Identität" zu einer "deutschen Identität" handelt, sondern lediglich um partielle Veränderungen, da die im Fokus stehende "ethnische Identität" zum einen nur einen Teilbereich der Identität darstellt und zum anderen immer auch ein "Rest" lateinamerikanischer Identität bestehen bleibt. [14]

Die lateinamerikanischen Frauen sehen sich hier einem Widerspruch ausgesetzt: Auch wenn die interviewten Migrantinnen sich in der Hoffnung, "als Gleiche von der Gesellschaft angenommen zu werden", mit ihrer Umgebung identifizierten, blieb ihnen dieses Ziel meist versagt (S.202). Trotz der teilweisen Selbst-Identifizierung als Deutsche werden den Lateinamerikanerinnen von der Gesellschaft die Eigenschaften der "deutschen Identität" nicht zugestanden (oder zumindest wird dies von den Migrantinnen nicht so wahrgenommen). Daraus folgt bei einigen Migrantinnen eine generelle Ablehnung der Selbstzuschreibung als Deutsche. Darüber hinaus führt die Ablehnung durch die Aufnahmegesellschaft bei einigen Lateinamerikanerinnen zur Kultivierung einer "Lebensform, die sie eine Identität mit anderen Mitgliedern derselben Gesellschaft teilen lässt. Sei es in religiösen Gemeinschaften, bei der Auswahl besonderer Gewohnheiten oder durch das Demonstrieren extravaganter Einstellungen" (S.202). Ihr "Anderssein" wird somit als etwas Positives, Besonderes hervorgehoben. [15]

Netzwerke ermöglichen häufig erst die Migration. Sie werden aber auch durch Migration neu geknüpft bzw. neu strukturiert. Häufig werden im Aufnahmeland ethnische Zugehörigkeiten als Ausgangspunkt der Netzwerkbildung verwendet. Nicht selten bilden sich Netzwerke zunächst unter Personen der eigenen ethnischen Herkunft heraus, da hierdurch Gemeinsamkeiten nach innen und eine Abgrenzung nach außen hergestellt werden können. Bei Einwanderern aus Lateinamerika ist allerdings zu beobachten, dass nicht nur Personen aus dem gleichen Herkunftsland für die Netzwerkbildung in Frage kommen, sondern auch Personen aus anderen lateinamerikanischen Ländern oder andere spanisch oder portugiesisch sprechende Menschen. Aufgrund der häufig patriarchalischen Struktur solcher Netzwerke haben sich GRUNER-DOMIĆ zufolge vielfach lateinamerikanische Frauengruppen herausgebildet. Solche Frauen-Netzwerke können einen Freiraum schaffen, aber auch selbst wieder stark normausübend funktionieren. [16]

Die Lateinamerikanerinnen befinden sich daher häufig in einem Spannungsverhältnis. Auf der einen Seite hat die lateinamerikanische Community für einige Frauen den Charakter einer Zwangsgemeinschaft, die durch strikte Normvorstellungen und die Gefahr, dem "Klatsch" der anderen ausgesetzt zu sein, einschränkend wirkt. Auf der anderen Seite wollen die Frauen Beziehungen zu Immigrantinnen aus ihrem Land oder einem Nachbarland aufrechterhalten, da durchaus Gemeinsamkeiten gesehen werden und sich Freundschaften zu Deutschen von den interviewten Lateinamerikanerinnen nach eigener Auskunft nur schwer herstellen lassen. [17]

5. Einschätzung und Bewertung

GRUNER-DOMIĆ leistet mit ihrer Arbeit zu den Migrationsbiographien von Lateinamerikanerinnen, deren Identität und Einbindung in persönliche Netzwerke, einen wichtigen Beitrag, um die Forschungslücke in Bezug auf die Situation lateinamerikanischer Frauen in Deutschland aufzuarbeiten. Ein Fokus ihrer Betrachtung liegt dabei auf frauenspezifischen Gründen für Migration sowie auf der Rolle frauenspezifischer sozialer Netzwerke für die Migration und die Konstituierung der eigenen Identität im Aufnahmeland. Folgt man GRUNER-DOMIĆ, so sind persönliche Netzwerke und Beziehungen sowohl für die Entscheidung zur Migration als auch für die Entwicklung der Identität im Zuwanderungsland von maßgeblicher Bedeutung. [18]

Die Methode der biographischen Interviews ist für die von ihr gewählte Fragestellung sehr geeignet, da es GRUNER-DOMIĆ insbesondere um den persönlichen Umgang der Migrantinnen mit der Migrationssituation geht. Das methodische Vorgehen und die damit verbundenen Probleme werden in beispielhafter Weise reflektiert. Möglicherweise wäre allerdings ein anderer Feldzugang hilfreich gewesen, um einige der dargestellten Probleme wie das Dilemma, von den Interviewpartnerinnen nicht nur als Forscherin, sondern auch als Vertraute wahrgenommen zu werden, wenn schon nicht zu vermeiden, so doch zumindest zu verringern. [19]

Negativ anzumerken ist, dass der Aufbau der Arbeit stellenweise wenig stringent wirkt. Darüber hinaus wäre ein aufmerksameres Lektorat wünschenswert gewesen, da Flüchtigkeitsfehler und agrammatische Satzkonstruktionen den Lesefluss an einigen Stellen unnötig stören. [20]

Insgesamt ist die Arbeit jedoch interessant und mit Gewinn zu lesen. GRUNER-DOMIĆ schafft es, vielfältige Anregungen zu liefern, die zum einen die Situation der von ihr betrachteten Migrantinnengruppe erhellen als auch Rückschlüsse und Querverbindungen zu anderen Fragestellungen der Migration zulassen. Darüber hinaus wäre es natürlich interessant zu erfahren, ob sich die Situation lateinamerikanischer Männer in Deutschland tatsächlich so anders als die der Frauen darstellt, wie dies bei GRUNER-DOMIĆ anklingt, oder ob es nicht doch einige Gemeinsamkeiten gibt. Dies bleibt jedoch weiteren Forschungen vorbehalten. Zu hoffen ist in jedem Fall, dass die Forschung zu lateinamerikanischen Immigrantinnen in Deutschland auch in Zukunft weitergeführt wird. [21]

Anmerkung

1) Siehe hierzu auch den zeitgleich mit dieser Besprechung in FQS in spanischer Sprache veröffentlichten Beitrag von Nadia RIZZO zu Geschlecht und Migration: Sinn und Wirkungen der Migrationserfahrung in den Biographien lateinamerikanischen Frauen in Deutschland. <zurück>

Literatur

Badawia, Tarek (2002). "Der dritte Stuhl" – Eine Grounded-Theory-Studie zum kreativen Umgang bildungserfolgreicher Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz. Frankfurt/M.: IKO – Verlag für interkulturelle Kommunikation.

Borkert, Maren; Martín Pérez, Alberto; Scott, Sam & De Tona, Carla (Hrsg.) (2006). Qualitative Migrationsforschung in Europa. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(3), http://www.qualitative-research.net/fqs/fqs-d/inhalt3-06-d.htm [Zugriff: 21. Februar 2007].

Hondagneu-Sotelo, Pierrette (1994). Gendered transitions: Mexican experiences of immigration. Berkeley: University of California Press.

Janssen, Andrea & Polat, Ayça (2005). Zwischen Integration und Ausgrenzung – Lebensverhältnisse türkischer Migranten der zweiten Generation. Dissertation. Oldenburg: Carl von Ossietzky Universität.

Keim, Sylvia (2003). "So richtig deutsch wird man nie sein…" – Junge Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt/M.: IKO – Verlag für interkulturelle Kommunikation.

Klärner, Andreas (2004). Rezension zu: Sylvia Keim (2003). "So richtig deutsch wird man nie sein ..." – Junge Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Zwischen Integration und Ausgrenzung [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(3), Art. 13, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-04/04-3-13-d.htm [Zugriff: 1. Dezember 2006].

Kley, Stefanie (2004). Migration und Sozialstruktur. EU-Bürger, Drittstaater und Eingebürgerte in Deutschland. Berlin: Logos.

Koch, Katja (2003). Rezension zu: Tarek Badawia (2002). "Der dritte Stuhl" – Eine Grounded-Theory-Studie zum kreativen Umgang bildungserfolgreicher Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(1), Art. 11, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-04/1-04review-koch-d.htm [Zugriff: 19. Februar 2007].

Riemann, Gerhard (Hrsg.) (2003). Doing biographical research. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(3), http://www.qualitative-research.net/fqs/fqs-d/inhalt3-03-d.htm [Zugriff: 1. März 2007].

Rizzo, Nadia (2007/im Druck). Género y migración: sentidos e impactos de la experiencia migratoria en las biografías de mujeres latinas en Alemania [Geschlecht und Migration: Sinn und Wirkungen der Migrationserfahrung in den Biographien lateinamerikanischen Frauen in Deutschland] [78 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(3), Art. 13, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-07/07-3-13-d.htm.

Schramkowski, Barbara (2007). Integration unter Vorbehalt. Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. Frankfurt/M.: IKO – Verlag für interkulturelle Kommunikation.

Statistisches Bundesamt (2006). Wanderungen über die Grenzen Deutschlands nach ausgewählten Zuwanderungsgruppen 1993 bis 2005, http://www.destatis.de/download/d/bevoe/wanderungen_ausgew_zuwanderungsgruppen2005.pdf [Zugriff: 1. März 2007].

Zur Autorin

Julia SIMONSON, Dr. rer pol., Dipl.-Soz., war von 2000 bis 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Bremen und ist seit Oktober 2006 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen beschäftigt. Aktuelle Forschungs- und Interessenschwerpunkte: Abweichendes Verhalten, soziale Integration, Methoden der empirischen Sozialforschung

Kontakt:

Dr. Julia Simonson

Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)
Lützerodestr. 9
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Tel.: 0511-348 36 32
Fax: 0511-348 36 10

E-Mail: simonson@kfn.uni-hannover.de
URL: http://www.kfn.de/

Zitation

Simonson, Julia (2007). Rezension zu: Sandra Gruner-Domić (2005). Latinas in Deutschland. Eine ethnologische Studie zu Migration, Fremdheit und Identität [21 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(3), Art. 19, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0703196.

Revised 12/2007



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