Volume 20, No. 1, Art. 14 – Januar 2019



Über Trennungen erzählen: zur Milieuspezifik von Trennungslegitimationen und narrativen Identitäten

Judith Eckert, Eva-Maria Bub & Cornelia Koppetsch

Zusammenfassung: Trotz der gesellschaftlichen Normalisierung und moralischen Entproblematisierung von Trennung und Scheidung stellen diese für die Betroffenen für gewöhnlich alles andere als normale, unproblematische Ereignisse dar. Das Geschehen muss geordnet, die Trennung legitimiert und die eigene Identität rehabilitiert werden, was zu auffälligen Erzähldynamiken in Interviews der qualitativen Trennungsforschung führen kann. Neben der Analyse des Zusammenhangs von Form, Inhalt und Funktion von Trennungserzählungen konnte die bisherige Forschung auch einige soziale Differenzierungen aufzeigen: nach Rolle, Geschlecht und sozialstrukturellen Faktoren. Auf Basis einer narrativen, funktionalen Analyse von 46 Interviews (23 Ex-Paare) aus unserer Studie "Paare nach der Trennung" fügen wir als weitere, übergeordnete Differenzierung die Milieuunterscheidung hinzu, die in der Forschung zu Trennungsnarrativen bislang unbeachtet war und die die bisherigen Differenzierungen integriert. Unser Argument, dass Trennungsnarrative milieuspezifisch gestaltet sind, exemplifizieren wir anhand zweier kontrastiver Milieus: dem individualisierten und dem traditionalen Milieu. Diese unterscheiden sich in fundamentaler Weise in ihren Beziehungsleitbildern und entsprechenden Trennungslegitimationen, in ihren Plausibilisierungsstrategien und in ihrer Vorstellung dessen, was als erstrebenswerte Identität gilt. Über den konkreten Gegenstand von Trennungen und Trennungserzählungen hinaus weisen wir in diesem Beitrag auf zwei für die qualitative Forschung wichtige Aspekte hin: die Milieudifferenzierung und das Verhältnis von Performanz und Repräsentanz in Interviews.

Keywords: Trennung; Trennungserzählungen; Interviews; narrative Analyse; Positionierungsanalyse; integratives Basisverfahren; narrative Identität; Plausibilisierungsstrategien; Milieu; Kultur des Therapeutischen; Psychologisierung; Performanz; Repräsentanz

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Besonderheiten und Funktionen von Trennungserzählungen

2.1 Auffällige Erzähldynamiken im Lichte ihrer Funktionalität

2.2 Differenzierungen: Rolle, Geschlecht und Sozialstruktur

3. Das Forschungsprojekt "Paare nach der Trennung"

3.1 Fragestellungen: Scheiternsursachen und Trennungserzählungen

3.2 Datengewinnung: Sampling, Sample, Leitfaden und Interviewdurchführung

3.3 Datenauswertung: Verständnis von Trennungserzählungen und Auswertungsmethodik

4. Milieukonzept und Darstellungslogik

4.1 Milieu als übergreifende Differenzierung

4.2 Milieuverständnis nach BOURDIEU

4.3 Zwei kontrastive Milieus und ihre sozialstrukturelle Einbettung

4.4 Zur Darstellungslogik

5. Trennungserzählungen im individualisierten Milieu: das Innere der Persönlichkeiten

5.1 Trennungslegitimationen: eine innere, verborgene Wahrheit

5.2 Plausibilisierungsstrategien: authentische Signifikanten und Verwissenschaftlichung

5.3 Narrative Identitäten: eigene Positivtransformation

6. Trennungserzählungen im traditionalen Milieu: Geschlechterrollenperformanzen

6.1 Trennungslegitimationen: eine äußere, offenkundige Wahrheit

6.2 Plausibilisierungsstrategien: Zeug*innen und Rechtsprecher*innen

6.3 Narrative Identitäten: Konstanz der eigenen positiven Rollenperformanz

7. Bilanz: milieuspezifische Trennungserzählungen und ihre Folgen

8. Ausblick: über Trennungserzählungen hinaus

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autorinnen

Zitation

 

1. Einleitung

Trennungen und Scheidungen sind inzwischen empirische Normalität. Im US-amerikanischen Kontext ist bei einer Scheidungsquote von 40 bis 50% gar von einer Kultur der Scheidung die Rede (RUSPINI 2013). Auch hierzulande haben Scheidungen in ihrer Häufigkeit zugenommen, auch wenn sich dieser langfristige Trend in den letzten Jahren abschwächte: Gemäß der zusammengefassten Ehescheidungsziffer, einer recht anschaulichen Scheidungsmaßzahl, werden rund 35% der in Deutschland im Jahr 2016 geschlossenen Ehen nach 25 Ehejahren geschieden sein, wenn sich die gegenwärtigen Scheidungsverhältnisse fortschreiben (STATISTISCHES BUNDESAMT 2017). Davon unberücksichtigt sind die Trennungen unverheirateter Paare. Darüber hinaus haben Scheidung bzw. Trennung an Akzeptanz gewonnen: Eine unglückliche Beziehung aufzulösen erscheint der großen Mehrheit der Bevölkerung als legitim. Im Gender and Generation Survey 2005 stimmten rund 82% der Befragten in Deutschland der Aussage "Es ist in Ordnung, wenn sich ein Paar in einer unglücklichen Ehe scheiden lässt, auch wenn sie Kinder haben" sehr zu bzw. zu (MÜHLING & SCHREYER 2012, S.43). Gesellschaftlicher Diskurs und persönliche Erfahrung entsprechen einander jedoch nicht. Denn trotz dieser gesellschaftlichen Normalisierung und moralischen Entproblematisierung von Scheidung und Trennung stellen diese für die Betroffenen, insbesondere nach langjährigen Beziehungen (DAY SCLATER 1999a), alles andere als normale, unproblematische Ereignisse dar. Dies liegt vermutlich auch daran, dass es sich lebensweltlich um nach wie vor moralisch besetzte Thematiken handelt, wie wir in diesem Beitrag zeigen werden. Diese außergewöhnliche Erfahrung im Leben spiegelte sich in unseren qualitativen Interviews zu diesem Thema in außergewöhnlichen Erzähldynamiken, die uns in unserer Studie zu Scheiternsursachen von Paarbeziehungen anfangs überraschten. Ausgehend von der Annahme, dass jegliches Handeln – auch das Erzählen im Interview – sinnhaft ist, berichten wir im Folgenden über Form, Inhalt und Funktion dieser Trennungserzählungen. Als zentrales Ergebnis unserer narrativ-funktionalen Analyse stellen wir die Milieudifferenzierung als bisher nicht beachtete, aber übergeordnete Differenzierung für Trennungsnarrative vor. [1]

Unseren Beitrag gliedern wir wie folgt: Zunächst rekapitulieren wir bisherige Studien zu Trennungserzählungen und zeigen ihre Desiderata auf (Abschnitt 2). Dann stellen wir Fragestellungen und Methodik unseres qualitativ-rekonstruktiven DFG-geförderten Forschungsprojekts "Paare nach der Trennung" vor (Abschnitt 3). Ausgehend von unserer empirischen Analyse zeigen wir, dass und wie Trennungserzählungen in Bezug auf Beziehungsleitbilder und entsprechende Trennungslegitimationen, Plausibilisierungsstrategien und narrative Identitäten milieuspezifisch variieren. Hierfür explizieren und begründen wir zunächst das gewählte Milieukonzept und die Darstellungslogik (Abschnitt 4) und präsentieren dann zwei exemplarische, kontrastive Milieus: das individualisierte (Abschnitt 5) und das traditionale Milieu (Abschnitt 6). Abschließend (Abschnitt 7) fassen wir unsere zentralen Erkenntnisse zusammen und werfen einen Blick auf mögliche praktische Folgen milieuspezifischer Vorstellungen für die (Ex-) Paare selbst. Im Ausblick (Abschnitt 8) formulieren wir über den konkreten Forschungskontext hinaus einige weiterführende Überlegungen zur Milieudifferenzierung sowie zum Verhältnis von Performanz und Repräsentanz in der Interviewforschung. [2]

2. Besonderheiten und Funktionen von Trennungserzählungen

2.1 Auffällige Erzähldynamiken im Lichte ihrer Funktionalität

Die besonderen Erzähldynamiken, die sowohl wir als auch andere qualitativ Forschende in Interviews zum Thema Trennung bzw. Scheidung beobachten, sind die folgenden: Erstens wird in der Literatur von einer überraschend langen Interviewdauer berichtet. Catherine Kohler RIESSMAN und Naomi GERSTEL etwa planten eine Surveyforschung mit einigen Freitextfragen, u.a. einer zu den Hauptgründen der Trennung. Daraus resultierten umfangreiche narrative Interviews mit einer Dauer von bis zu sechs Stunden (RIESSMAN 1990; vgl. auch ARENDELL 1995; ECKARDT 1993; SCHÖNINGH 1996). Auch die von uns durchgeführten Interviews dauerten länger als erwartet: Wir hatten eine Interviewdauer von etwa anderthalb Stunden angenommen. Im Durchschnitt dauerten die Interviews allerdings zwei Stunden und 15 Minuten bei einer maximalen Interviewdauer von drei Stunden und 45 Minuten und einer minimalen Dauer von einer Stunde und 15 Minuten. Zweitens dominieren Problematisierungen die Erzählung über die vergangene Beziehung, was in einer Negativversion der Beziehung und der damaligen Partnerin bzw. des damaligen Partners mündet (SCHÖNINGH 1996, S.196; vgl. auch ANDREWS, DAY SCLATER, SQUIRE & TAMBOUKOU 2004; VAUGHAN 1988 [1986]). Diese Scheiternsperspektive zeigte sich in unserem Projekt auch insofern, als die Interviewpartner*innen früh im Interview (und teils auch vor dem Interview) sowie ohne einschlägige Frage unsererseits die Trennung thematisierten, begründeten und hierfür teilweise eine Vielzahl an Trennungsursachen bzw. -gründen sowie Veranschaulichungen lieferten (vgl. auch ABELL, STOKOE & BILLIG 2000). Entsprechend dieses Erzählfokusses fiel es uns – im Allgemeinen, nicht aber in allen Fällen – schwer, positive Aspekte der Beziehung in Erfahrung zu bringen, während im Vorgängerprojekt zu zusammenlebenden Paaren (KOPPETSCH & SPECK 2015; s. Abschnitt 3.1) Normalisierungen und Deproblematisierungen die Thematisierungen prägten. Drittens sind in den Interviews Zuspitzungen auf der einen und Auslassungen und Relativierungen auf der anderen Seite zu beobachten: Die Interviewpartner*innen präsentieren eine Interpretation, die sich "auf einige wenige wesentliche Ereignisse" konzentriert, "die das, was schiefgegangen ist, dramatisieren" (WEISS 1980, S.39; vgl. auch GRAY & SILVER 1990). [3]

Diese Besonderheiten von Trennungsnarrativen, die bislang v.a. in der US-amerikanischen Literatur aufgearbeitet wurden, lassen sich im Lichte ihrer Funktionalität für die Interviewpartner*innen interpretieren. Grundlegend geht es für die Betroffenen darum, zu verstehen, wie es zur Trennung kam, und das komplexe Geschehen in eine für sie sinnhafte und in der Regel zeitlich linearisierte Gestalt zu bringen, die es ihnen erlaubt, Kontrolle rückzugewinnen und die Trennung als abgeschlossenen Teil der eigenen Vergangenheit zu betrachten (z.B. ANDREWS et al. 2004; WEISS 1980). In den meisten Interviewstudien, so auch in unserer, rücken allerdings andere Funktionen in den Fokus, insbesondere die Trennung vor sich selbst und vor anderen, beispielsweise den Interviewer*innen, zu legitimieren und das eigene Handeln als nachvollziehbar und gerechtfertigt darzustellen ("teller's problem", RIESSMAN 1990, Kap.3). Wie RIESSMAN (z.B. 1990, 1991, 1997) gezeigt hat, rekurrieren die Interviewpartner*innen mit Blick auf diese persuasive Funktion ihrer Erzählung auf kulturelle Topoi einer guten Ehe bzw. Beziehung und betonen, dass ihre gescheiterte Beziehung dem jeweils relevanten Leitbild nicht entsprach. Eng mit der Trennungslegitimation verbunden geht es um Identitätsarbeit.1) Die Identitätsfrage stellt sich nach Trennungen nicht nur neu (VAUGHAN 1988 [1986] mit Bezug zu BERGER & KELLNER 1965), sondern ist auch hochgradig moralisch aufgeladen, da die Trennung die moralische Integrität der Beteiligten zu beschädigen vermag. Entsprechend legen die Interviewpartner*innen dar, dass sie selbst richtig gehandelt und sich nichts vorzuwerfen haben (zum "moral self" HOPPER 2001, S.128ff.), wohingegen sie ihre Ex-Partner*innen als "villain" (GRAY & SILVER 1990, S.1187), d.h. als Bösewicht, und "anti-hero" (ANDREWS et al. 2004, S.102) präsentieren. Auch in den uns vorliegenden Interviews geht es stets explizit oder implizit um die Frage, wer "die böse" und wer "die gute" Person ist. Darüber hinaus erzählen die Interviewpartner*innen typischerweise "'survivor' stories" (a.a.O.), d.h., wie sie ihr Leben nach der Trennung neu und positiv aufbauen und an Stärke gewinnen konnten. [4]

2.2 Differenzierungen: Rolle, Geschlecht und Sozialstruktur

Aufbauend auf dieser allgemeinen Analyse von Trennungsnarrativen wurden – ebenfalls wieder vorrangig in der US-amerikanischen Forschung – soziale Unterschiede in den Trennungserzählungen analysiert. Deren Relevanz zeigt sich auch in quantitativen Analysen zu subjektiven Trennungstheorien, -gründen bzw. -ursachen und trotz grundlegender sozialstruktureller und kultureller Unterschiede auch in Studien im deutschsprachigen Raum (z.B. NAVE-HERZ, DAUM-JABALLAH, HAUSER, MATTHIAS & SCHELLER 1990; SCHNEIDER 1990; SCHÖNINGH, ASLANIDIS & FAUBEL-DIEKMANN 1991). [5]

Erstens wurden Unterschiede in Bezug auf die Rolle im Trennungsgeschehen identifiziert: Die sich Trennenden nennen mehr Trennungsgründe als die Verlassenen (SCHNEIDER 1990). Zudem argumentieren HOPPERs (1993) Analyse zufolge die sich Trennenden eher individualistisch mit der unzureichenden Erfüllung eigener Bedürfnisse, während die Verlassenen einer kollektivistischen Rhetorik folgen und trotz aller Beziehungsprobleme ihr Commitment zur Aufrechterhaltung der Beziehung signalisieren. Grundlegend kritisch muss dabei aber angemerkt werden, dass die Rollen angesichts der Komplexität und Vielschichtigkeit des Trennungsgeschehens nicht eindeutig bestimmt werden können (BRAVER, WHITLEY & NG 1994; HILL, ZICK & PEPLAU 1976; HOPPER 1993). [6]

Zweitens zeigen sich Unterschiede nach Geschlecht: In zahlreichen Studien wurden für heterosexuelle Paarbeziehungen in Anlehnung an Jessie BERNARDs (1982) Unterscheidung von "his" and "her marriage", derzufolge Männer und Frauen ihre Ehe mitsamt der gleichen Ereignisse unterschiedlich wahrnehmen, "seine" und "ihre" Scheidungserzählung aufgearbeitet (z.B. ARENDELL 1997; RIESSMAN 1990; SCHNELLER & ARDITTI 2004). So betonen Frauen, die in heterosexuellen Beziehungen lebten, retrospektiv andere Belastungsfaktoren und Trennungsgründe, nämlich vorrangig beziehungs-, emotions- und kommunikationsbezogene Faktoren, während Männer insbesondere beziehungsexterne Faktoren wie beruflichen Stress ansprechen (AMATO & PREVITI 2003; HILL et al. 1976; NAVE-HERZ et al. 1990; SCHNEIDER 1990). Frauen erscheinen damit als modernisierter2) als Männer, da sie den Wandel von Beziehungsleitbildern – weg von ökonomisch notwendigen Ehen, die durch materielle Probleme und Devianzen des Partners bedroht sind, hin zu Gefühlsgemeinschaften, die aus emotionalen bzw. kommunikativen Gründen scheitern – früher bzw. häufiger aufgreifen (vgl. auch ILLOUZ 2009). Rekurrieren Männer und Frauen doch auf die gleichen Begriffe, etwa Intimität und Sexualität, kommt diesen geschlechtsspezifische Bedeutung zu (RIESSMAN 1990, Kap.2; vgl. auch SCHÖNINGH et al. 1991, S.66).3) Auch in Bezug auf Identitätskonstruktionen zeigen sich Geschlechterunterschiede: Zentral erscheint, dass man sich trotz Trennung als guter Mann, v.a. als guter Ernährer, bzw. als gute (Haus-) Frau und Mutter darstellt (RIESSMANN 1990, Kap.2). [7]

Drittens wurden Unterschiede entlang der sozialstrukturellen Faktoren Klasse bzw. Schicht und Bildung herausgearbeitet. Hier erscheinen Akademiker*innen als modernisierter: Sie rücken in ihren Trennungslegitimationen das "Innenleben" des Paares in den Fokus, darunter Persönlichkeits-, Kommunikations- und emotionale Probleme, während Arbeiter*innen eher die Verhaltensebene betonen und z.B. Alkoholmissbrauch und Kriminalität nennen (AMATO & PREVITI 2003; NAVE-HERZ 1990, S.64f.). [8]

In der Zusammenschau dieser Studien, die überwiegend aus den 1990er Jahren und teils aus den USA stammen, bleibt einiges ungeklärt. Grundlegend ist zu fragen, wie gegenwärtig im deutschsprachigen Raum Trennungen legitimiert und plausibilisiert und Identitäten entworfen werden. Darüber hinaus ist noch offen, inwiefern die zumeist unverbundenen Differenzierungen in Verbindung stehen.4) Mithilfe der Daten aus unserem Projekt "Paare nach der Trennung" können wir zur Klärung dieser Fragen beitragen. [9]

3. Das Forschungsprojekt "Paare nach der Trennung"

3.1 Fragestellungen: Scheiternsursachen und Trennungserzählungen

Unser Projekt "Paare nach der Trennung" stellt die zweite Phase des DFG-geförderten Forschungsprojekts "Geschlechterarrangements in Paarbeziehungen im Milieuvergleich" dar. In der ersten Projektphase (2012-2014) standen Aushandlungsprozesse der Geschlechterverhältnisse von Paaren im Vordergrund, in denen der Mann kein Ernährer mehr ist. Dabei wurde auch das Konfliktpotenzial in dieser Konstellation deutlich (KOPPETSCH & SPECK 2015). In der zweiten Projektphase (2016-2018) stehen daher Konflikte, Krisen und Trennungsprozesse von Paaren im Fokus, auch über Familienernährerinnenkonstellationen hinaus. Ziel ist, eine soziologische Erklärung dafür zu finden, warum Beziehungen scheitern. [10]

Leitend sind hierbei zwei Annahmen. Erstens gehen wir davon aus, dass Paarsein und die Auflösung des Paarseins nur in relationaler, interaktiver Hinsicht angemessen verstanden werden können (vgl. auch WIMBAUER & MOTAKEF 2017). Unsere Analyseeinheit ist daher das Ex-Paar, unsere Datengrundlage sind Einzelinterviews mit beiden Ex-Partner*innen, deren Perspektiven wir in der Auswertung systematisch verschränken. Zweitens fassen wir Trennungen als Prozess und nicht als Ereignis (HERZER 2006; VAUGHAN 1988 [1986]). Dieser Prozess setzt ‒ von den Betroffenen durchaus unbemerkt ‒ nicht erst mit den ersten wahrgenommenen Konflikten ein, sondern schon zuvor. Daher erfragen wir im Interview neben Konflikt- und Trennungsdynamiken, die üblicherweise im Fokus von qualitativen Studien zum Thema Trennung bzw. Scheidung stehen, auch Beziehungsdynamiken.5) [11]

Obwohl unser primäres Forschungsinteresse der Rekonstruktion des Scheiterns von Beziehungen gilt, ist eine narrative Analyse von Trennungserzählungen unabdingbar: Wenn wir nicht verstehen, wie und wofür die Interviewpartner*innen das Interview für sich nutzen, können wir es nicht angemessen für unsere Analysen von Scheiternsursachen verwenden (dazu ausführlicher Abschnitt 8; vgl. auch DEPPERMANN 2013, §21). [12]

3.2 Datengewinnung: Sampling, Sample, Leitfaden und Interviewdurchführung

Bei der Gewinnung von Interviewpartner*innen verfolgten wir die Idee eines sozialstrukturell kontrastiven Samples v.a. mit Blick auf das Alter (zwischen 25 und 65 Jahren) und den Bildungshintergrund (Nicht-Akademiker*innen und Akademiker*innen). Zentrales Samplingkriterium war, dass das Ex-Paar mindestens ein Jahr lang zusammengewohnt hat, um eine gewisse Institutionalisierung der Beziehung zu gewährleisten, die eine gemeinsame Alltagspraxis inklusive der häuslichen Arbeitsteilung umfasst. Bei der Ansprache potenzieller Interviewpartner*innen nannten wir die Aufwandsentschädigung in Höhe von 50 Euro pro Person und wählten mit Blick auf ein kontrastreiches Sample vielfältige Wege (z.B. Anzeigen in der Bild-Zeitung, der taz, in Veranstaltungsmagazinen und in Stellenbörsen, Interviewaufrufe über Graduierten-Netzwerke). [13]

Auf diese Weise konnten wir 23 Ex-Paare für unsere Studie gewinnen, d.h. 46 Einzelinterviews durchführen. Die Interviewpartner*innen decken eine Altersspanne von 25 bis 62 Jahren und ein breites Bildungs- und Berufsspektrum ab: Ungelernte Arbeiter*innen sind ebenso vertreten wie promovierte Akademiker*innen. 19 Ex-Paare lebten in einer heterosexuellen Beziehung, vier Ex-Paare in einer homo- oder polysexuellen Beziehung.6) Die Ex-Paare waren zwischen drei und 35 Jahren zusammen, teils verheiratet und haben teils Kinder. [14]

Der Leitfaden des weitgehend als teil-narrativ konzipierten Interviews (HELFFERICH 2011, Kap.5.3) gestaltete sich wie folgt: 1. teil-strukturierter Einstieg zur Bildungs- und Berufsbiografie, der sozialen Herkunft und der Beziehungsbiografie der jeweiligen Person, 2. teil-narrativer Hauptteil zur Chronologie der Paarbiografie vom Kennenlernen bis hin zur Trennung mit Fragen zum Paaralltag (z.B. gemeinsame Aktivitäten, Arbeitsteilung, Konflikte), 3. offene Abschlussfrage und teils aus Zeitgründen entfallende Fragen u.a. zu Beziehungsidealen und zur Teilnahmemotivation. In der konkreten Interviewdurchführung stießen wir, den Leitfaden flexibel handhabend, auf Erzähldynamiken, die uns – wie bereits deutlich wurde – anfangs überraschten und schließlich zur narrativen Analyse des vorliegenden Materials führten. Da es sich bei der narrativen Analyse um ein weites Feld handelt (RIESSMAN 2008), wollen wir unser Verständnis skizzieren. [15]

3.3 Datenauswertung: Verständnis von Trennungserzählungen und Auswertungsmethodik

3.3.1 Verständnis von Trennungserzählungen

Den Begriff der Trennungserzählung verstehen wir erstens in thematischer Hinsicht in einem weiten Sinn: Wir begreifen die Äußerungen der Interviewpartner*innen im gesamten Interview – auch in ihrem Zuschnitt auf uns Forscherinnen bzw. Interviewerinnen7) – als Trennungsnarrativ, und nicht lediglich die Äußerungen, die sich unmittelbar auf die Trennung beziehen, wie es in der vorliegenden Literatur der Fall zu sein scheint.8) Denn wie die beobachteten Erzähldynamiken zeigen, legitimierten die Interviewpartner*innen schon früh im Interview oder teils sogar davor die Trennung. Das von RIESSMAN (1990, Kap.3) beschriebene "teller's problem", die Zuhörenden von der eigenen Wirklichkeitskonstruktion zu überzeugen, wird in unserer Studie zudem dadurch verschärft, dass auch die jeweiligen Ex-Partner*innen interviewt wurden und möglicherweise Gegenerzählungen (BAMBERG & ANDREWS 2004) zur eigenen Version präsentierten. Wir können daher annehmen, dass der Arbeit an der Glaubwürdigkeit der eigenen Position und der Unglaubwürdigkeit der anderen Partei eine "permanente latente Relevanz" (DEPPERMANN 2005, S.80) zukommt, die sich auf das gesamte Interview bezieht. Zweitens verstehen wir den Begriff der Trennungserzählung in methodologischer Hinsicht in einem weiten Sinn: Anders als von SCHÜTZE (1983, S.286) vorgeschlagen, fokussieren wir uns nicht auf die Textsorte der Erzählung, sondern analysieren alle Thematisierungen der Interviewpartner*innen (DEPPERMANN & LUCIUS-HOENE 2003; LUCIUS-HOENE & DEPPERMANN 2004; RIESSMAN 1990). Denn auch in Beschreibungen und Argumentationen bearbeiten die Interviewpartner*innen das "teller's problem". [16]

3.3.2 Auswertungsmethodik

Narrative Analyse verstehen wir hier in Anlehnung an RIESSMANs (2008) Systematisierung als funktionale Analyse, in der wir uns auf die Performanzen der Interviewpartner*innen konzentrieren, d.h. auf die Handlungen, die sie im Erzählen einer spezifischen Version der Wirklichkeit vollziehen (vgl. auch DEPPERMANN 2013, Abschnitte 5.3 und 6.5). Hierfür haben wir die vollständig und wortwörtlich transkribierten Interviews9) mit dem integrativen Basisverfahren analysiert (KRUSE 2015; vgl. auch HELFFERICH & KRUSE 2007), einem rekonstruktiv-hermeneutischen Auswertungsverfahren, das insbesondere in der MANNHEIMschen Wissenssoziologie verortet ist und auf das implizite konjunktive Wissen der Akteur*innen zielt. Das Verfahren eignet sich aber auch für Analysen des kommunikativen Wissens, d.h. des explizierbaren, normativen und beispielsweise eigentheoretischen Wissens, um das es in diesem Beitrag vorrangig geht. Um konjunktives oder kommunikatives Wissen herauszuarbeiten, wird im integrativen Basisverfahren zunächst in sequenzieller Weise und mittels erzähl- und gesprächsanalytischer Auswertungsstrategien analysiert, was wie, wie was und was nicht gesagt wird. Auf diese Auswertungsstrategie der umfassenden mikrosprachlichen Deskription bezieht sich die Bezeichnung "integrativ", da das Verfahren einem "Schlüsselbund" gleich (KRUSE, BIESEL & SCHMIEDER 2011, S.10, 62) verschiedene Analyseschlüssel bzw. -heuristiken umfasst. [17]

Zentrale und auch für unsere narrative Analyse fruchtbare methodische Analyseheuristiken dieses "Schlüsselbunds" sind die Metaphern-, Positionierungs- und Agencyanalyse (KRUSE 2015, Kap.VII.6.4). Mittels der Metaphernanalyse werden in Anknüpfung an LAKOFF und JOHNSON die semantischen bzw. lexikalischen Wahlen der Sprechenden untersucht, wobei Metaphern nicht nur als rhetorisches Stilmittel aufgefasst werden (ausführlicher: KRUSE et al. 2011). Besonders interessant sind im Kontext gescheiterter Beziehungen Problematisierungsmetaphern, anhand derer sich kulturelle, bei uns milieuspezifische, Beziehungsleitbilder rekonstruieren lassen (Abschnitte 5.1 und 6.1 und darauf bezugnehmend 5.2 und 6.2). Denn es macht einen Unterschied, ob eine gescheiterte Beziehung in Termini von "Ängsten" und "Zerrissenheit" oder von "Zirkus" und "Theater" dargestellt wird. In der Positionierungsanalyse werden explizite und implizite Selbst- und Fremdpositionierungen bzw. die situative Her- und Darstellung narrativer Identität aufgearbeitet (ausführlicher: LUCIUS-HOENE 2000; LUCIUS-HOENE & DEPPERMANN 2004). Wir können damit untersuchen, wer in welcher Weise als "gut" oder "böse" präsentiert wird, wie sich die Interviewpartner*innen im Vergleich zu ihren Ex-Partner*innen präsentieren und wie sie gegenwärtige im Vergleich zu vergangenen Identitäten konstruieren (Abschnitte 5.3 und 6.3). Mit der Agencyanalyse, die als Teil der Positionierungsanalyse verstanden werden kann, wird der Blick für die subjektive Konstruktion von Handlungsmacht geschärft: Wer oder was wird agentiviert oder deagentiviert, wie wird Verantwortung bzw. Schuld zugeschrieben (ausführlicher: BETHMANN, HELFFERICH, HOFFMANN & NIERMANN 2012; HELFFERICH & KRUSE 2007)? [18]

Dieses analytisch-deskriptive Vorgehen ist in einen iterativ-zyklischen Forschungsprozess eingebettet, der sich durch ein Wechselspiel von empirischer und Literaturarbeit auszeichnet. Die empirischen Analysen gaben uns Hinweise für die Literaturrecherche, und die in der Literatur vorgefundenen Konzepte, etwa von ILLOUZ (2009, 2012), nutzten wir in offener, sensibilisierender Weise als thematisch-inhaltliche Analyseheuristiken für die weitere empirische Analyse (KRUSE 2015, S.389ff., 489ff.). Nachdem die sprachlich-kommunikativen Phänomene mithilfe der verschiedenen methodischen und thematischen Analyseheuristiken umfassend beschrieben sind, werden sie mit Blick auf dahinterliegende Muster – homologe Muster im Sinne MANNHEIMs (1964a [1921/1922], S.121f.) – interpretiert.10) Diese Rekonstruktion homologer Muster bzw. bei uns von Erzählmustern nahmen wir zunächst für den Einzelfall und dann fallübergreifend vor.11) Die Erzählmuster haben wir sodann darauf hin untersucht, inwiefern sie sozial verankert sind – was über das integrative Basisverfahren hinausgeht und der Unterscheidung von sinn- und soziogenetischer Typenbildung in der Dokumentarischen Methode ähnelt. [19]

4. Milieukonzept und Darstellungslogik

4.1 Milieu als übergreifende Differenzierung

Bei dieser Analyse der sozialen Verankerung von Erzählmustern nahmen wir mögliche Differenzierungen nach Geschlecht, Alter bzw. Lebensphase, Institutionalisierung der Beziehung, Rolle im Trennungsverlauf und Trennungsdauer in den Blick, die sich aber als nicht relevant oder als nicht zentral erwiesen. Stattdessen rekonstruierten wir als zentrale Differenzierung die Milieuzugehörigkeit im Sinne Pierre BOURDIEUs (s.u.), für die die sozialstrukturellen Dimensionen Bildung und Beruf – kurz: soziale Klasse – entscheidend sind. Diese zentrale Bedeutung der Milieuunterscheidung überraschte uns: Zum einen hatten wir die Milieuunterscheidung für unsere Studie zu Scheiternsursachen von Paarbeziehungen nicht für relevant erachtet und daher beim Sampling sowie bei den ersten Auswertungen nicht berücksichtigt.12) Zum anderen greift die Literatur zu Trennungsnarrativen (s. Abschnitt 2), die wir nach und nach aufarbeiteten, die Milieuunterscheidung nicht auf. [20]

In der Auswertung zeigte sich aber, dass die Milieudifferenzierung nicht nur die zentrale, sondern auch die übergeordnete Differenzierung darstellt, die andere Differenzierungen überlagert. So divergieren die Erzählungen beispielsweise zwar teilweise nach Geschlecht, wie in den folgenden Analysen deutlich wird, doch ist diese Varianz milieuspezifisch eingebettet und konturiert. Traditionale Frauen etwa haben hinsichtlich ihrer Erzählinhalte und Erzählweisen mit traditionalen Männern mehr gemeinsam als mit individualisierten Frauen. Für die grundlegende Gestaltung der Narrative ist entsprechend die Milieuzugehörigkeit zentral. Der je milieuspezifische Diskurs wird also von weiblichen wie männlichen Interviewpartner*innen gepflegt, ebenso von jüngeren wie älteren, von Interviewpartner*innen ohne Kinder und mit minderjährigen oder erwachsenen Kindern, in der Ausbildung, im Beruf oder in der Rente.13) [21]

4.2 Milieuverständnis nach BOURDIEU

Da im Zuge des Aufschwungs, den die Milieuforschung in jüngerer Zeit erfährt, verschiedene Milieukonzepte diskutiert werden (BOHNSACK, KRÜGER & PFAFF 2013; MÜLLER & ZIMMERMANN 2018), wollen wir unser Milieukonzept im Anschluss an BOURDIEU (1982 [1979]) kurz umreißen und begründen. Ähnlich dem Milieukonzept der praxeologischen Wissenssoziologie, das BOHNSACK (z.B. 1989, 2018) bezugnehmend auf MANNHEIM (z.B. 1964b [1928]) ausgearbeitet hat, wird im Milieukonzept nach BOURDIEU davon ausgegangen, dass die Milieuzugehörigkeit durch die jeweilige Standortgebundenheit (soziale Lagen und Erfahrungen) geprägt ist, d.h., dass Milieus keine Wahlmilieus sind. Vielmehr korrespondieren die jeweiligen sozialen bzw. ökonomischen Lagen mit bestimmten Lebensstilen bzw. kulturellen Leitvorstellungen, ohne diese zu determinieren (ausführlicher zur Milieukonzeption KOPPETSCH & BURKART 1999, S.285ff.). [22]

U.a. die empirisch gestützte Integration von Geschlecht in die Milieuzugehörigkeit (s.o.) sowie die hohe Bedeutung, die Bildung und Beruf für die Milieuzugehörigkeit haben (s.u.), begründen unsere Entscheidung, die Milieukonzeption nach BOURDIEU zu bevorzugen. Während die Bezüge zwischen verschiedenen möglichen Dimensionen wie Bildung, Generation oder Geschlecht im Milieukonzept nach MANNHEIM theoretisch und empirisch offen gehalten sind (vgl. BOHNSACK 2018, S.26), sind sie im Milieukonzept nach BOURDIEU in einer spezifischen Weise vernetzt, die uns auf Basis unserer Empirie plausibel erscheint: Die Milieukonzeption ist in die Klassentheorie eingebunden, sodass die Klassenzugehörigkeit zentral für die Milieuzugehörigkeit ist; Geschlecht ist dabei keine eigenständige Dimension, sondern klassenspezifisch bestimmt. [23]

4.3 Zwei kontrastive Milieus und ihre sozialstrukturelle Einbettung

Um diese Milieudifferenzierung von Trennungsnarrativen in unserem empirischen Material pointiert aufzuzeigen, fokussieren wir in der folgenden Darstellung auf zwei maximal kontrastive Milieus, das individualisierte Milieu und das traditionale Milieu, und stellen zunächst die jeweiligen sozialstrukturellen Charakteristika vor. [24]

Das individualisierte Milieu zeichnet sich in sozialstruktureller Hinsicht in der Regel dadurch aus, dass seine Vertreter*innen akademisch gebildet sind, gemäß des hohen Werts der Selbstverwirklichung in entsprechenden Berufen arbeiten (z.B. Wissenschaft, Graphikdesign, Erlebnispädagogik) oder sich außerberuflich selbst verwirklichen (z.B. in der Musik, in einem alternativen Lebensstil) und v.a. in Großstädten, aber auch alternativen Wohnformen im ländlichen Raum leben. Teil des Beziehungsleitbilds ist die Egalität der beiden Partner*innen bzw. in heterosexuellen Beziehungen die Gleichheit der Geschlechter. [25]

Für Vertreter*innen des traditionalen Milieus hingegen sind Paarbeziehungen traditionale Geschlechterbeziehungen. Die Vertreter*innen dieses Milieus üben großteils die klassischen Arbeiter*innen- bzw. Ausbildungsberufe aus. Im Zuge der allgemeinen gesellschaftlichen Höherqualifizierung und der partiellen Modernisierung der Geschlechterrollen können wir im Vergleich zu früheren Milieustudien aber auch feststellen, dass insbesondere Männer, aber auch manche Frauen den Weg in regionale Fachhochschulen gefunden haben, wo sie u.a. technische und soziale Studiengänge belegen (z.B. Ingenieurswissenschaften, Soziale Arbeit). Die Frauen gehen teils nun auch über einen Zuverdienst hinaus einer Erwerbsarbeit nach und zwar nicht mehr nur in typischen Arbeiterinnenberufen (etwa als Reinigungskraft), sondern auch in einfachen Dienstleistungs- und Ausbildungsberufen (z.B. Erzieherin, Kosmetikerin). Das Leben des traditionalen Milieus findet üblicherweise im dörflichen oder kleinstädtischen Kontext bzw. in der urbanen Siedlung statt, die Kontakte zu Verwandtschaft und Nachbarschaft sind eng. [26]

4.4 Zur Darstellungslogik

Auch über den Fokus auf zwei kontrastierende Milieus hinaus haben wir uns für eine pointierte Darstellungsweise entschieden, weil sie das heuristische Potential und damit den Vorteil hat, mit einer präzisen Unterscheidung den Blick für die Komplexität sozialer Wirklichkeit in ihren Rein- und Mischformen zu schärfen. Teil dieser Darstellungslogik sind zwei weitere Entscheidungen: Erstens zitieren wir bevorzugt prototypische Vertreter*innen bzw. prototypische Äußerungen der beiden Milieus, obwohl wir in der empirischen Analyse auch Mischformen rekonstruierten.14) Dies dient einer idealtypischen Charakterisierung milieuspezifischer Beziehungsleitbilder, Trennungslegitimationen, Plausibilisierungsstrategien und Identitätskonstruktionen.15) Da sich dieser je milieuspezifische Diskurs quer durch die Fälle hinweg zeigt, veranschaulichen wir ihn anhand prägnanter Zitate aus unterschiedlichen Fällen und nicht, wie in der Paarforschung üblich, anhand einer ausführlichen Darstellung einzelner Fälle in ihrer Falllogik. Zweitens verfolgen wir – abweichend von der Logik des Forschungsprozesses – einen deduktiven Darstellungsstil (KRUSE 2015, S.648f.), indem wir die zentralen Ergebnisse voranstellen und sie dann anhand von Zitaten veranschaulichen. Um Redundanzen in der Darstellung zu vermeiden, stellen wir direkt Verbindungen zur Forschungsliteratur zu Liebes-, Beziehungs- und Identitätsleitbildern her, die bislang nur unzureichend für die Analyse von Trennungsnarrativen im Allgemeinen und ihrer Milieuspezifik im Besonderen fruchtbar gemacht wurde. [27]

5. Trennungserzählungen im individualisierten Milieu: das Innere der Persönlichkeiten

5.1 Trennungslegitimationen: eine innere, verborgene Wahrheit

5.1.1 Beziehungsleitbild: Authentizität durch Kenntnis und Kommunikation der inneren Wahrheit

Auch im individualisierten Milieu sind Beziehungen und Trennungen nicht einem moralischen Rahmen enthoben, wie manche meinen (ILLOUZ 2012, 2018). Allerdings sind Beziehungen stark konditionalisiert: Sie stehen und fallen – zumindest im hier interessierenden Diskurs – damit, dass sie Egalität und v.a. Authentizität gewährleisten. Denn beide Partner*innen, die gemäß des Leitbilds des individualisierten Milieus nicht vergeschlechtlicht gedacht werden, sollen sich selbst verwirklichen können und Freiräume haben. Selbstverwirklichung setzt Selbstfindung und Selbsterkenntnis des authentischen Soseins voraus.16) Eine gute Beziehung zeichnet sich entsprechend dadurch aus, dass "jeder sich selbst treu bleibt", man "sich selber nicht verliert", man "einfach Ich sein kann", sich "nicht mehr verstellen" muss und sich in Gegenwart der anderen Person "entspannen" kann.17) [28]

Dies erfordert Dreierlei: erstens eine gewisse Autonomie beider Partner*innen, d.h. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit; zweitens eine konstante Introspektion und Selbstreflexion, denn die Wahrheit des Selbst wird in psychoanalytischer Manier als innere, verborgene Wahrheit konzipiert18); drittens Selbstthematisierung und verbale Kommunikation. Nicht nur wird im Diskurs die Selbsterkenntnis vorangetrieben, sondern diese wird auch dem Partner bzw. der Partnerin mitgeteilt, sodass die Partner*innen "zugang zueinander finden" und die andere Person in ihrer Eigenlogik (an-) erkennen können. Es soll "offen und ehrlich" kommuniziert werden, wie die Interviewpartner*innen meinen, und im Sinne der gewaltfreien Kommunikation sollen nicht Vorwürfe gemacht, sondern Ich-Botschaften gesendet werden. Konflikte werden im Idealfall diskursiv aufgearbeitet und geklärt. [29]

5.1.2 Trennungslegitimationen: Authentizitätsmangel und Kommunikationsprobleme

Vor dem Hintergrund dieses Beziehungsleitbilds dominiert im individualisierten Milieu die Diagnose eines Authentizitätsmangels bzw. -verlusts die Trennungslegitimationen. Für die Interviewten zeigt sich dies in der Entfremdung vom authentischen Sosein. Laura Franz z.B. erklärt, "dass ich mich selber gar nicht mehr kenne" und "das gefühl [habe], dass ich mich für ihn ein bisschen aufgebe". Kurz bevor das Paar in ein Wohnprojekt umzieht, erfolgt die Trennung; Laura kommentiert dies mit: "das wäre nicht meine lebenswelt gewesen". Eine andere Interviewpartnerin, Helen Schmahl, stellt fest, dass sie in der Beziehung mit Chris "überhaupt nur so`n schatten [war] von dem, was ich gerne wäre." Sie habe sich in der Beziehung "verstellt". Bei den weiblichen Vertreterinnen des individualisierten Milieus kann dieser (therapeutische) Authentizitätsdiskurs eng mit einem feministischen Befreiungs- und Emanzipationsdiskurs verbunden sein (vgl. auch ILLOUZ 2009). Unsere Interviewpartnerin Nora Uhlmann etwa sieht als zentrales Problem ihrer Ehe, dass die männliche Dominanz in der Beziehung die Selbstfindung und -verwirklichung von ihr als Frau verhindert habe. [30]

Neben einem einseitigen Authentizitätsmangel kann auch ein beidseitiger problematisiert werden, teils im gleichen Interview. Aufgrund der Nicht-Passung der beiden Persönlichkeiten erscheint es nicht möglich, dass beide gleichzeitig und in egalitärer Weise authentisch sein und ihre je eigenen Bedürfnisse und Interessen adäquat verfolgen können. Entweder es ist in solchen Beziehungen immer nur eine Person authentisch, während die andere unauthentisch bleibt. Oder Kompromisse kennzeichnen das Paarleben, sodass die Partner*innen füreinander Authentizitätshindernisse darstellen. Gemeinsamkeit bzw. eine "schnittmenge" wird dann zum Ergebnis von "kämpfen, weil man selber ne andere natur is", wie Dorothea Engel meint. Als Beispiel führt sie gemeinsame Urlaube an: "wir haben mal versucht zusammen n urlaub zu finden (.) und es ist halt einfach so, dass er gerne lieber mehr ruht und ich gerne lieber mehr aktiv bin". Nimmt man Authentizität als unhinterfragte Prämisse, so erscheint vor diesem Hintergrund die Trennung unumgänglich. Für Dorothea steht fest: "wir müssen uns trennen." [31]

Den Authentizitätsmangel ergänzend werden Kommunikationsprobleme in verschiedenen Formen angesprochen. Insbesondere wird ein Mangel an authentischer Kommunikation beklagt, d.h. an Kommunikation, in der sich die Partner*innen einander mit ihren Gefühlen, Bedürfnissen und Sorgen offenbaren. Bemängelt wird, wenn nicht darüber geredet wird, "wie es uns geht", sondern beispielsweise nur darüber, was man gemacht hat, wie der Alltag zu organisieren ist und "was die Kinder Süßes gemacht haben". Ferner sehen Ex-Paare Defizite in ihrer "Gesprächskultur", die eine authentische Kommunikation und die diskursive Aufarbeitung von Konflikten gar nicht erst ermöglichten. Dies ist umso bedeutsamer, als im individualisierten Milieu gemäß der therapeutischen Suche nach einer verborgenen Wahrheit die manifesten Konflikte nur Stellvertreterkonflikte sein können. Wenn im Paar nicht angemessen kommuniziert wird, wie dies Charlotte Epp für ihre vergangene Beziehung analysiert, dann könnten Probleme nicht gelöst werden, was letztlich zum Scheitern der Beziehung führe:

CE: "deswegen hab ich auch oft zu alexis gesacht, du und ich glaub in unsren streits da gehts um was ganz anderes es geht um was dahinter und das hat wieder die prägung von unseren eltern und lass uns doch mal hinsetzen und schaun was ist dieses verknüttelte da (.) das ist doch nur die oberfläche". [32]

5.2 Plausibilisierungsstrategien: authentische Signifikanten und Verwissenschaftlichung

Wie kann nun gegenüber Dritten diese im Inneren der eigenen Persönlichkeit angesiedelte Version der Wirklichkeit zugänglich und plausibel gemacht werden? Zwei zentrale Strategien lassen sich ausmachen: der Rekurs auf "authentische Signifikanten" (FREVERT 2009, S.186) und die Verwissenschaftlichung, v.a. Psychologisierung. [33]

Unter authentischen Signifikanten verstehen wir in Anschluss an Ute FREVERT Hinweise, die das authentische Innere in äußeren Anzeichen dokumentieren und damit für die Individuen selbst wie für Außenstehende sichtbar, analysierbar und belegbar machen. Eine besondere Bedeutung haben dabei Emotionen, auf die auch in der Literatur hingewiesen wird (FREVERT 2009). Allerdings spielen sie in unserer Forschung nur im individualisierten Milieu diese wichtige Rolle.19) Hier gelten Gefühle als "Primärzugang" zum eigenen Selbst; sie geben schneller und besser über das authentische Sosein und Wollen Auskunft als der konträr dazu konzipierte "Kopf", der manches "noch nicht so wahrhaben" will. Gefühle gelten daher, ebenso wie andere authentische Signifikanten, als unhintergehbar, unkritisierbar und handlungsleitend, sie entziehen sich der Kontrolle, was sich in folgender Äußerung beispielhaft zeigt: "das herz is halt wo hin gefallen, was soll man machen?". Entsprechend steht in Schilderungen der vergangenen Beziehung die eigene emotionale Befindlichkeit im Fokus. [34]

Emotionsthematisierungen betreffen zum einen in allgemeiner Weise durchaus diffus bleibende Wohlgefühle und Unwohlgefühle. So äußert eine Interviewpartnerin, dass sie schon von Beziehungsbeginn an Zweifel gehabt habe und plausibilisiert diese anhand von Unwohlgefühlen bereits beim ersten Kuss: "es hat sich / im ersten moment nicht so richtig richtig gut angefühlt". Zum anderen werden konkrete Emotionen bzw. gerade deren bemerkenswertes Ausbleiben thematisiert – sog. "non-emotions" (BUB 2016, S.176ff.). Dies können z.B. mangelnde Verliebtheitsgefühle zu Beziehungsbeginn sein, sodass die Beziehung in der Retrospektive "son bissel so kognitiv quasi äh gewünscht" erscheint: "erst waren so die gedanken, dann waren die gefühle". Neben mangelnden Liebesgefühlen ziehen die Interviewpartner*innen insbesondere Ängste heran, um ihr Handeln zu legitimieren. Dabei ist v.a. von "Bindungsängsten" und "Verlustängsten" die Rede. Konstantin Auth etwa ordnet die Beziehungskonflikte alltagspsychologisch modellhaft als Ausdruck der inneren Wahrheiten der beiden Beteiligten ein:

KA: "es gibt ja immer so/ du als psychologin kennst ja bestimmt auch diese begriffe von ähm/ von äh vereinnahmungsängsten oder überflutungsängsten und verlassenheitsängsten dass menschen eigentlich immer diese beiden angstkomponenten haben so/"

I: "hm (.) ich bin nich psychologin ich kenn mich da nich aus musst du mir erklären"

KA: "aber das sind halt immer so diese beiden angsttypen so einer hat halt irgendwie angst verlassen zu werden würde alles dafür tun dass er/ dass die beziehung nicht beendet wird so und der andere hat halt angst vereinnahmt zu werden und/ will halt denk ich mal fliehen so aus ner beziehung sozusagen weil er meint so das wird ihm zu viel so (.) durch irgendwelche (.) kindlichen traumata meistens die man halt irgendwie so hat von seinen eltern irgendwie und anderen leuten aus der nahen umgebung (.) […] und ich glaube ich auch dass ich so beides habe so bei gwen waren auf jeden fall stärker die verlassenheitsängste so." [35]

Indem Konstantin sich selbst beide Arten von Ängsten bescheinigt, nimmt er für sich eine innere "Zerrissenheit" im Sinne eines emotional ambivalenten Zustands in Anspruch, was seine zentrale Problematisierungsmetapher im Interview ist. Auch über dieses Beispiel hinaus stellen Emotionen bzw. non-emotions als authentische Signifikanten die zentralen Problematisierungsmetaphern im individualisierten Milieu dar, anhand derer das Scheitern der Beziehung dargestellt und die Trennung legitimiert wird. [36]

Da die innere Wahrheit durch authentische Signifikanten nur angedeutet wird, ist eine reflexive Ausdeutung ihrer Bedeutung nötig (vgl. auch ILLOUZ 2009, S.250). Hierzu nutzen die Interviewten verschiedene Techniken des Selbst, insbesondere Deutungshilfen in Form von (populär-) wissenschaftlichen Diskursen, Ratgebern und Therapien. Mit Blick auf Plausibilisierungsstrategien dient der Rekurs auf dieses Expert*innenwissen dazu, die eigene Analyse bzw. Sichtweise zu bekräftigen und zu objektivieren. Wie die Intellektualisierung als Autoritätenargument dient, zeigt das folgende Beispiel von Nora Uhlmann, die ihre Version der Trennungsgeschichte mit Verweis auf die Analyse der Paarberaterin rhetorisch stützt:

NU: "also das haben wir in der paarberatung auch son bisschen rausgearbeitet dass ma halt sagen/ das war immer irgendwie son gefälle ich hab mich untergeordnet (.) er hat mich dominiert (.) nicht bewusst auch nicht bösartig (.) aber trotzdem irgendwie so (.) und ich hab mich einfach angepasst mein ganzes leben lang." [37]

Beim Rekurs auf Expert*innenwissen dominieren psychologisierende Diskurse, wie auch die oben zitierten "Bindungsängste" und "Verlustängste" belegen. Diese Psychologisierungen sind zum einen im Sinne eines Adressat*innenzuschnitts auf uns Forscherinnen als vermeintliche Psychologinnen zu verstehen – eine Zuschreibung, die daraus resultiert, dass die Erforschung des Paarlebens in unserer gegenwärtigen Gesellschaft aufgrund von dessen individualisierender und emotionalisierender Fassung vorrangig im Zuständigkeitsbereich der Psychologie gesehen wird (vgl. auch ILLOUZ 2012, S.12-19). Zum anderen ist für unsere individualisierten Interviewpartner*innen die therapeutische, psychologisierende Sprache nicht nur die "bevorzugte Sprache" (ILLOUZ 2009, S.181), sondern teilweise die einzig mögliche Weise, Beziehungen und ihr Scheitern zu fassen: "man kann nicht anders darüber reden", meinte ein Interviewpartner nach dem Interview. [38]

In diesen Trennungslegitimationen und Plausibilisierungsstrategien dominieren intellektuell angereicherte Eigen- und Fremdtypisierungen und die Textsorte der abstrahierenden Argumentation. Konkretes Handeln und konkrete Ereignisse erscheinen als relativ erzählunwürdig: Sie gelten in psychoanalytisch inspirierten alltagspsychologischen Deutungen nicht als das Eigentliche, sondern nur als Oberfläche. Interessant und thematisierenswert ist vielmehr der "Rieseneisberg, der unten dran hängt" und den man sich bewusst machen sollte. Anstelle konkreter Begebenheiten im Zusammenleben des Paares erzählen die Interviewpartner*innen vielmehr, warum mit Blick auf die Persönlichkeiten und die persönlichen Befindlichkeiten Schwierigkeiten aufgetreten seien.20) So stellt Konstantin Auth fest, dass in der Beziehung trotz glücklicher Zeiten seine "zweifel und so noch größer wurden". Auf die Nachfrage der Interviewerin, woran sich diese Zweifel festmachten, schildert er nicht konkrete Begebenheiten, sondern rekurriert schließlich auf sein "Innenleben": "hm (...) ich weiß es garnich so genau also (.) das is jetzt nichts konkretes glaub ich (.) […] so wahrscheinlich eher so alltagsfrustration oder ängste oder irgendwas was so im unterbewusstsein so lauert". [39]

5.3 Narrative Identitäten: eigene Positivtransformation

In Trennungserzählungen geht es um die (Wieder-) Herstellung eines moralischen Selbst im Gegensatz zum unmoralischen Selbst der anderen Person. Wie wird ein solches Selbst im individualisierten Milieu konstruiert angesichts des dort vorherrschenden Psychodiskurses, der auf manifester Ebene alle Begriffe "von moralischer Schuld" gereinigt hat (ILLOUZ 2009, S.309)? Wie wir im Folgenden zeigen, ist Moral auch hier alles andere als obsolet. Denn der Psychodiskurs selbst stellt neue normative Anforderungen an die Subjekte, die allerdings nicht normieren, "wie man zu sein hat, sondern wie man mit sich umgehen kann" (BETHMANN 2013, S.170; vgl. auch MAHLMANN 1991, S.303). [40]

5.3.1 Rhetorische Schuldaneignung: das reflexive und an sich arbeitende Selbst

So wird insbesondere ein reflexives Selbst angestrebt, wie man es mit GIDDENS (1993) nennen kann, das sich und die andere Person kennt. Zahlreiche Selbst- und Fremdtypisierungen in den Interviews vermitteln den Eindruck, dass diese Aufgabe gemeistert wird. Formulierungen wie "ich bin jemand, der …" oder "sie ist eine, die …" sind typisch. Auch objektivieren sich die Subjekte selbst, wie dies Viola Blei paradigmatisch formuliert: "ich glaub ich bin auch jemand der viel darüber nachdenkt so gehts dir jetzt gut ist es irgendwie / ja wie funktioniert das jetzt wieder zusammen ich beobachte das dann immer so aus so einer metaebene." Vor diesem Hintergrund verweist die Selbstdiagnose von Psychopathologien und die Inanspruchnahme von Beratung und Therapien nicht auf ein defizitäres, pathologisches Selbst. Denn zum einen gelten Psychopathologien als normal, zum anderen signalisieren die Interviewpartner*innen damit, dass sie mit hohem Engagement und professionell unterstützt an ihrer Selbstkenntnis arbeiten und im Ergebnis eine milieuspezifisch hegemoniale Subjektivierungsweise verkörpern. Entsprechend funktional gestaltet sich die Interviewteilnahme für die individualisierten Interviewpartner*innen: Das Interview wird von ihnen selbst teilweise als "therapeutisches Gespräch" betitelt, d.h. als Ort der Reflexion für sich und deren Verbalisierung vor Publikum. [41]

Die Positionierung als selbstreflexives Subjekt ist zugleich die Voraussetzung für eine zweite, ebenfalls geschlechts- und rollenübergreifende Positionierung als moralisches Selbst: das lernwillige Selbst, das sich durch die Arbeit an sich selbst weiterentwickelt. Das erzählte Ich in der damaligen Beziehung und das erzählende Ich nach der Trennung stehen daher in einem Verhältnis der Transformation, teils mit deutlicher Abgrenzung zum damaligen Ich. [42]

Bei den sich Trennenden ist die Diagnose des eigenen Authentizitätsmangels in der Beziehung mit einem diesbezüglichen Narrativ der Authentizitätsrückgewinnung nach der Trennung verbunden (was die Trennung zusätzlich legitimiert). Nora Uhlmann beispielsweise erzählt, dass sie einen Mann kennengelernt habe, für den sie im Vergleich zu ihrem Ex-Partner intensive Gefühle empfinde und mit dem sie intensiv über eigene Befindlichkeiten kommunizieren könne, was ihr in der vorigen Beziehung fehlte. Dies schreibt sie allerdings nicht nur ihrer neuen Bekanntschaft zu, sondern auch ihrer eigenen (Weiter-) Entwicklung: Während sie früher "alles irgendwie so im kopf irgendwie entschieden" habe, folge sie heute "nur noch meinen gefühlen". [43]

Auch die Verlassenen erzählen über eine Transformation des Ichs. Ein besonders anschauliches Muster bietet sich im Fall der Reue. Die Verlassenen schämen sich z.B. ob ihrer damaligen Zurückhaltung in der Beziehung und stellen dar, dass sie heute nicht mehr die Person von damals sind. Konstantin Auth etwa überkommt nach der Trennung das "gefühl so oh mein gott und jetzt hast du wieder sone chance (.) verspielt". Zum Interviewzeitpunkt macht er seiner Ex-Partnerin Gwendolyn "son bisschen so den hof", legitimiert sein mangelndes Commitment in der Beziehung mit seiner "Zerrissenheit" und meint aber auch, dass die Beziehung hätte stabilisiert werden können – und zwar durch ihn selbst: "ich hätte die beziehung retten können". [44]

Auch wenn die Schuldaneignung im Modus der Reue besonders ausgeprägt gepflegt wird, zieht sie sich insgesamt durch die Thematisierungen des individualisierten Milieus. Hier wird auf der expliziten Ebene die Schuld angeeignet, womit ein moralisches Selbst markiert werden kann, das aus den Verfehlungen der Vergangenheit lernt und daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zieht. Zugleich dient die Anerkennung und Reflexion der eigenen Schuld dazu, sich selbst zu entschulden, womit die Schuldaneignung v.a. eine rhetorische ist. Das Interview wird zum säkularisierten Beichtgespräch (HAHN 1990; SONNTAG 1988), in dem Besserung gelobt wird und das moralische Selbst rehabilitiert werden will. Ein paradigmatisches Beispiel bietet Helen Schmahl, die sich im Interview als die "Böse" präsentiert, da sie "ganz viel falsch gemacht" habe. Damit meint sie u.a., dass sie ihren Ex-Partner Chris in der Beziehung sehr unter Druck gesetzt und ihm durch die Trennung den gemeinsam aufgebauten "Traum" einer Familie "weggenommen" habe. Diese Fehler gesteht sie nicht nur offensiv ein, sondern verpflichtet sich auch auf ein besseres Selbst: "ich arbeite das jetzt irgendwie alles so auf". [45]

5.3.2 Subtile Vorwurfskommunikation: defizitäre Persönlichkeit der anderen Person

Während Selbstkritik also explizierbar ist, erscheinen Kritik an der anderen Person und direkte Vorwurfskommunikation unter den psychologisierten Vorzeichen des (Fremd-) Verstehens des jeweiligen Soseins kaum möglich. Wie wird nun im individualisierten Milieu die Kunst der Schuldzuschreibung (ABELL et al. 2000, S.187ff.) gemeistert, ohne die Selbstpositionierung als reflexiv, ausgewogen im Urteil und verständnisvoll zu tangieren? Wir finden in unserem Material drei rhetorische Strategien der subtilen Vorwurfskommunikation. [46]

Erstens wird die andere Person durch kleine, mitunter scheinbar nebensächliche bzw. nebenbei eingeführte Bemerkungen abgewertet. Helen Schmahl etwa bettet die Kritik an Chris' Verhalten in eine Kritik an ihrem eigenen Verhalten ein: "ich hab das gefühl, er war nicht immer ein guter partner, aber trotzdem hätte ich besser sein müssen (..) und dass ich ihn mit seinen fehlern hätte nehmen müssen." Kern des Problems ist hier Chris, nicht sie. Auch die gängigen Fremdtypisierungen spielen hier eine Rolle. Nora Uhlmann etwa bescheinigt ihrem Ex-Partner eine narzisstische, dominante Persönlichkeit, wobei sie sich von dieser Zuschreibung gleichzeitig rhetorisch distanziert: "ich will nich sagen dass er sehr dominant war dass er so/ also SCHON (.) dass er/ also das haben wir in der paarberatung auch son bisschen raus gearbeitet". Zwar subtil und wortarm, aber dafür umso gewichtiger wird hier der Partner als Ganzes – und nicht nur bezüglich bestimmter Verhaltensweisen – abgewertet. [47]

Zweitens werden Verstöße der anderen Person gegen das milieuspezifische Identitätsleitbild konstatiert. Die Annahme ist hier, dass man selbst ebenso wie die andere Person nicht für Prägungen und Pathologien durch Herkunftsfamilie und vorige Beziehungen zur Verantwortung zu ziehen ist, aber die Reflexion und Aufarbeitung dieser Prägungen sehr wohl in der Verantwortung der Einzelnen stehen. Charlotte Epp beispielsweise diagnostiziert, dass ihr Ex-Partner "gar nicht in takt mit seinen gefühlen" gewesen sei und an seinen familiären Prägungen nicht gearbeitet habe: "er hat sich auch geweigert, das anzugucken. weil ich war ja da. (.) ich hab dann ne psychotherapie gemacht, ich hab immer über meine familienkonstellationen erzählt". Und sie ergänzt: "manchmal denk ich ER hätte das machen müssen". [48]

Drittens werden Verstöße der anderen Person gegen das milieuspezifische Beziehungsleitbild angeprangert, v.a. gegen kommunikative Abstimmungen im Paar. Diese stehen in idealtypischer Weise für ein egalitäres, demokratisches Beziehungsmodell, in dem die Aushandlungen des Paares allgemeingültige, traditionale Normen, etwa Geschlechterrollen, ersetzen (MAHLMANN 1991, S.304). Wird der getroffene Deal von einer Partei scheinbar grundlos aufgekündigt, so kann dies im individualisierten Milieu sogar recht offensiv als Kritik kommuniziert werden. Ein Beispiel bietet auch hier das Ex-Paar Epp/Donis, das die Abmachung getroffen hatte, dass Charlotte Epp übergangsweise in die von ihr verhasste Stadt zu Alexis Donis zieht, er sein Studium beendet und das Paar dann eine neue Wohnortwahl trifft. Alexis hingegen braucht länger für sein Studium und nimmt dann auch noch einen Job in dieser Stadt an, sodass Charlotte kritisiert, dass er "sein Versprechen" breche. [49]

Zusammenfassend gesprochen wird in allen drei Strategien die andere Person insofern abgewertet, als sie im Gegensatz zu einem selbst nicht das milieuspezifisch hegemoniale Selbst verkörpert. Das Defizit der anderen Person liegt darin, dass sie sich gerade nicht zum Positiven verändert, sondern in ihrem Wesenskern eine defizitäre Persönlichkeit ist und bleibt. [50]

Die nun für das individualisierte Milieu aufgearbeitete, auf das Individuum abstellende und in seiner "Innerlichkeit" begründete Vorstellung von Liebesbeziehungen kennzeichnet Modernisierungs- und Individualisierungsdiskurse (z.B. BECK & BECK-GERNSHEIM 1990; GIDDENS 1993; ILLOUZ 2012), wie sie sich auch in der Ratgeberliteratur finden (vgl. z.B. MAHLMANN 1991). Im Zuge eines kulturellen Wandels würden demzufolge alte, traditionelle Beziehungsleitbilder obsolet; ILLOUZ beispielsweise spricht von einem "globalen therapeutischen Habitus" (2009, S.367, vgl. auch ILLOUZ 2018). Auf den ersten Blick scheint dies einleuchtend: Auch wir beobachten im traditionalen Milieu, v.a. bei den jüngeren und weiblichen Vertreter*innen, eine Modernisierung insofern, als sich die sozialstrukturelle Zusammensetzung des Milieus wandelt (Abschnitt 4.3) und Emotion und Kommunikation an Bedeutung gewinnen (Abschnitt 6.1, vgl. auch Abschnitt 2.2). Auf den zweiten Blick bleibt dabei aber der traditionale Bedeutungskern unangetastet. Wie wir im Folgenden zeigen, hat das traditionale Milieu also nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart. [51]

6. Trennungserzählungen im traditionalen Milieu: Geschlechterrollenperformanzen

6.1 Trennungslegitimationen: eine äußere, offenkundige Wahrheit

6.1.1 Beziehungsleitbild: Paarbeziehung als traditionale Geschlechterbeziehung

Im Gegensatz zum individualisierten Milieu ist dem traditionalen Milieu die Idee der individuellen Klärung von Lebenswegen und der paarinternen Aushandlung des Beziehungslebens fremd. Hier dominieren traditionelle Normalitäts- und Rollenvorstellungen und damit eine sozialmoralische Ordnung, die sich der als hegemonial erscheinenden Kultur des Individuellen und Therapeutischen noch weithin entzieht. Der Lebensweg als Paar ist relativ vorgezeichnet. Es gibt geteilte Vorstellungen von den "richtigen Bahnen", für deren Stationen – Zusammenziehen, Heirat, in der Regel Kinder, Hauskauf bzw. -bau – es Vorstellungen einer richtigen Zeit gibt. Nicht das innere Wachstum wie im individualisierten Milieu steht im Zentrum, sondern das auch nach außen hin sichtbare erfolgreiche "Aufbauen" einer gemeinsamen "Behausung". Hierfür leisten beide Beteiligten ihren praktischen, geschlechterrollenbezogenen Beitrag. Denn so selbstverständlich Geschlecht aus dem Diskurs des individualisierten Milieus gebannt ist, so selbstverständlich ist die Rolle, die Geschlecht im traditionalen Milieu in Leitbild und Praxis spielt. Paarbeziehungen sind hier heterosexuelle Geschlechterbeziehungen. Frauen wahren ihre Geschlechtsehre, indem sie sich als gute Hausfrauen, gute Mütter und begehrenswerte Ehefrauen erweisen. Männer sollen Ernährer, Beschützer und Autoritätspersonen sein. Diese Geschlechterrollen haben mit einem als authentisch, essenzialistisch konzipierten Sosein der Personen oder einer Identifikation mit der Rolle wenig zu tun: Es ist normal, "in die rolle zu gehen als hausfrau und mutter", wie eine Interviewpartnerin sagt, und es ist genauso normal, wenn Partner*innen im Interview nicht namentlich als Person, sondern z.B. als "die Frau" im Sinne einer Vertreterin der Geschlechtsgruppe bezeichnet werden. Man liebt die andere Person schließlich auch und gerade deswegen, weil sie ihre geschlechterrollenspezifischen Aufgaben "auf die Reihe bekommt". [52]

Hinzu kommt bei den jüngeren, v.a. weiblichen Angehörigen des traditionalen Milieus, dass Emotionalität und Kommunikation an Bedeutung gewinnen. Über den Beziehungsbeginn erzählen sie im Narrativ der großen Liebe ("traummann hoch zehn", "seelenpartner") und stellen diese Zeit als besonders gesprächige Zeit dar: "wir haben auch VIEL VIEL geredet / viel über die zukunft viel so (.) über die vergangenheit so lustige geschichten die man halt so erzählt" (Julia Meister). Der Rekurs auf die Vergangenheit dient allerdings nicht wie im individualisierten Milieu dem wechselseitigen Erkunden und Verstehen hinsichtlich des biografischen Gewordenseins und der psychischen Verfasstheit, sondern stellt vielmehr ein Repertoire an Geschichten bereit, die zur Unterhaltung und Aufheiterung beitragen. Und der Blick in die Zukunft dient nicht der Aushandlung der Selbst- und Lebenskoordinaten: Für Julia Meister wie für andere traditionale Frauen ist von Anfang an klar, dass sie sich mit ihrem Partner ein gemeinsames Leben entlang der Meilensteine des traditionalen Milieus aufbauen will. Kommunikativ verhandelt wird also weniger der traditionale Rahmen selbst, vielmehr bewegt sich die Kommunikation weitgehend innerhalb dieses Rahmens. [53]

6.1.2 Trennungslegitimationen: sichtbares Versagen des Anderen in der Geschlechterrolle

In den Trennungserzählungen des traditionalen Milieus scheitert die Beziehung, wenn die gemeinsame Alltagsgestaltung scheitert und dieses Scheitern auch für andere sichtbar wird. In den Interviews wird dieses Scheitern von beiden Ex-Partner*innen in großen Teilen der jeweils anderen Person zugerechnet, die gemessen an den Geschlechterrollen ein gravierendes Fehlverhalten an den Tag lege und sich damit als adäquater, respektabler Partner bzw. Ehemann oder entsprechende Partnerin bzw. Ehefrau disqualifiziere.21) [54]

Die Perspektive der Frauen lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: "ich hab ihn ja sehr männlich gesehen und das is halt so flöten gegangen" (Julia Meister). Julia Meister begründet die Trennung damit, dass ihr Ex-Partner Mario Vogel "seine finanziellen sachen" nicht einmal mehr mit ihrer Unterstützung "auf die reihe bekommt", was ihn vom Mann zum "kind" degradiere. Mario durchkreuzt mit seiner brüchigen Erwerbsbiografie, seinen Schulden und Diebstahlsdelikten Julias Vorstellung von einem soliden Partner, die noch weiter desillusioniert wird, als seine Devianz öffentlich sichtbar wird, etwa weil die "polizei vor der tür" stehe. Sascha Schreiner repräsentiert als Diplomingenieur in fester Anstellung zwar den Prototyp eines guten Ernährers, doch auch Jeanette Schreiner bemängelt seine Rollenperformanz: Indem er zum einen "sehr heftig poker" spiele und dabei eine "spielsucht" an den Tag lege und zum anderen sein Auto "mit sämtlichen sachen, die man auftunen kann", versehen und dafür Kredite aufgenommen habe, veruntreue er das Geld seiner Familie. Gleich, wie genau der Vorwurf im Detail lautet: Die Männer sind keine guten Ernährer und Ermöglicher mehr. [55]

Ergänzend werden von den Frauen noch weitere traditionale Männlichkeitsattribute infrage gestellt. Jeanette etwa wirft Sascha auch vor, kein Beschützer gewesen zu sein im Konflikt zwischen ihr und den (Schwieger-) Eltern. Indem er sich nicht auf ihre Seite gestellt habe, wie ein guter Mann es tun würde – "ein mann hat hinter seiner frau zu stehen und net zwischendrin" – habe er den anderen "angriffsfläche" geboten. Darüber hinaus kritisiert sie seinen mangelnden Kampf um die Beziehung. Als sie eine Nebenbeziehung begann, hätte sie sich gewünscht, dass er "einfach mit der faust auf den tisch" klopfe und ihr "beweisen" wolle, dass er sie als Frau noch begehrt. Dass er all dies jedoch nicht getan habe, zeige auch laut Jeanettes Freundinnen seine Unmännlichkeit: Er habe "keine eier in der hose". Diese Beschwerde kleidet Jeanette auch in individualisiert erscheinende Termini, wenn sie die emotionale Kälte und fehlende Emotionskommunikation ihres Ex-Partners bemängelt – "er war dann wie so eiskalt" – und ihre neue Beziehung emotional begründet: "mit dem partner will ich mein leben verbringen und ich will am liebsten mit ihm in einen sarg, wenn ich nicht mehr bin, weil ich so unsterblich in den mensch verliebt bin". Doch verweist dieser romantisierende Rekurs auf Emotionen nicht auf Authentizität(ssuche), sondern auf eine eindeutig vergeschlechtlichte Ordnung, die als solche explizit benannt werden kann: Zentral geht es Jeanette in erster Linie darum, dass "man mir das gefühl gibt, als frau begehrenswert zu sein." Indem ihrer Darstellung nach ihr Ex-Partner Sascha an der Aufgabe scheitert, ihr Anerkennung als attraktive Partnerin zu gewähren, scheitert er als Mann: "ich bin verheiratet, aber ich hab kein mann, obwohl ich ein mann hab". In ähnlicher Weise problematisiert Mira Krüger, dass ihr in der Beziehung mit Jannis Pappas "zweisamkeit romantik (.) und dieses liebe zeigen gefehlt" habe, was sich für sie in Jannis' mangelnden Liebesbekenntnissen und seinem sexuellen Rückzug zeige. Dass sie selbst hierbei oft die Initiative ergreifen musste, erscheint ihr problematisch, denn "jede frau wird auch gerne mal (.) umgarnt". Diese Beispiele legen nahe, dass es bei der Emotionskommunikation im traditionalen Milieu weiterhin im Kern um Geschlechterrollenperformanzen geht (begehrenswerte und begehrte Weiblichkeit, kämpferische und umwerbende Männlichkeit). [56]

Umgekehrt werfen die Männer ihren ehemaligen Partnerinnen vor, dass sie ihre Rolle als attraktive Partnerin bzw. Ehefrau, Hausfrau und Mutter nicht adäquat ausgefüllt hätten. So kritisiert Jannis Pappas an Mira Krüger, dass sie in der Beziehung viel zugenommen und dadurch an Attraktivität eingebüßt habe, was ihn "bös genervt" und sicherlich zu seinem sexuellen Rückzug beigetragen habe. Dietmar Traut und Sascha Schreiner hinterfragen die Performanz ihrer Ex-Partnerinnen als Hausfrau in verschiedener Hinsicht. So bemängelt Sascha u.a., dass Jeanette ihm nicht den Rücken freigehalten und ihm einen entspannten Feierabend zu Hause ermöglicht habe. Vielmehr sieht er sich in den Streit mit ihren (Schwieger-) Eltern hineingezogen: "ich komm heim von der arbeit, hab ganz andere probleme und dann muss ich mir das noch anhören". Darüber hinaus wirft er ihr vor, dass sie das Familieneinkommen nicht gut verwalte, sondern insofern schmälere, als sie nach der Erziehungszeit des Sohnes "in so einen faulen trott" verfallen sei, keinen Nebenjob mehr aufgenommen habe und stattdessen einer "bestellsucht" und "kaufsucht" verfallen sei. Dieses aus seiner Sicht verantwortungslose Handeln macht für ihn den gemeinsamen Hauskauf oder Hausbau unwahrscheinlich. Außerdem negiert Sascha Jeanettes Leistung als Köchin: Sie habe generell "nicht viel gekocht" bzw. das für ihn Falsche – Vegetarisches – gekocht. Dass sie auch für das gemeinsame Kind nicht richtig koche, wirft aus seiner Sicht ferner ein negatives Licht auf ihre Ausfüllung der Mutterrolle. [57]

Entsprechend dieser Trennungslegitimationen hat das traditionale Milieu andere Problematisierungsmetaphern für gescheiterte Beziehungen als das individualisierte Milieu. Sie richten sich nicht auf das Innere der Personen, sondern auf das von außen erkennbare Verhalten und dessen schädliche Folgen für den normalen Alltag. So habe die andere Person einen "Scherbenhaufen", "Mist" und "Müll" produziert und "randaliert“, sodass der Beziehungsalltag ein anstrengender "Akt" geworden und von "Krach", "Theater" und "Zirkus" beherrscht gewesen sei. Mit Letzterem sind nicht willkommene Kulturveranstaltungen zur Abwechslung vom Alltag gemeint, sondern eine unnötige Störung eines Ablaufs, der doch funktionieren sollte und könnte (siehe Beispiel Dietmar Traut im Folgenden). [58]

6.2 Plausibilisierungsstrategien: Zeug*innen und Rechtsprecher*innen

Aufgrund des im Vergleich zum individualisierten Milieu unterschiedlichen Verständnisses dessen, was die relevante Wirklichkeit bzw. Wahrheit ist, rekurrieren die traditionalen Interviewpartner*innen auf ganz andere Plausibilisierungsstrategien: v.a. auf Zeug*innen, aber teils auch auf Rechtsprecher*innen im Sinne eines Autoritätenarguments. [59]

Eine erste Dimension von Zeugenschaft findet in der Interviewinteraktion statt: Die Interviewerinnen selbst werden zu Zeuginnen gemacht, indem die Interviewten als bevorzugte Textsorte szenisch-episodische Reinszenierungen des vergangenen Beziehungsalltags wählen, sei es in Form einer Geschichte gemäß des klassischen Verständnisses von LABOV und WALETZKY (1997) oder in Form einer Beschreibung, sei es als Präsentation einer einzelnen oder einer typisierten Situation wie in dem von RIESSMAN so benannten "habitual narrative" (1990, S.76ff., 1991, S.52ff.). Charakteristisch für diese Art der Thematisierung ist ein "Verzicht auf manifeste Interpretationsleistung: Es werden dem Anspruch nach nur bloße, hörbare Fakten präsentiert, welche selbstevidente Bewertungen nahelegen" (DEPPERMANN 2005, S.96). Die Interviewerin soll sich damit selbst vom Fehlverhalten der anderen Person überzeugen können und wird teils auch um Bestätigung der eigenen Version gebeten. Ein Beispiel ist die Beschwerde von Dietmar Traut, dass seine Ex-Partnerin Renate mit ihrer mangelnden Rollenperformanz als Hausfrau die Beziehung belastet habe:

DT: "ich sag mal die belastung/ die nervliche belastung die war einfach zu groß ich bin heim gekommen wir haben nur noch krach gehabt/ wir haben NUR NOCH ZIRKUS gehabt (.) da kam ich zur tür rein und dann hieß es da 'der VATER kommt heim jetzt wartet er wieder nur aufs essen' (.) dann hat sie mir da so ein NULL ACHT FÜNFZEHN essen HINGemacht auf sonem PLASTIKTELLER den hab ich in die MIKROWELLE rein gestellt hab das heiß gemacht (.) 'na schmeckts?' (..) hab ich gesagt 'ja warum?' 'was das für arbeit war, da sagst du nichts dazu' sag ich 'na warum soll ich da was zu sagen, das hätte ich mir auch selber machen können so ein FERTIGGERICHT' (hustet) ja und so ging das halt eben ne?" [60]

Eine zweite Dimension von Zeugenschaft betrifft Beobachter*innen des damaligen Geschehens aus dem unmittelbaren sozialräumlichen Umfeld, die den Normbruch der anderen Person sowie die eigene Normkonformität bestätigen und im Interview zitiert werden. Gute Zeug*innen können z.B. gemeinsame Bekannte oder Freund*innen des Paares sein, wie sie Jeanette Schreiner in den Zeugenstand ruft, um ihre These von Saschas Wandel hin zu einem unangenehmen Partner zu validieren: "gemeinsame freunde haben mir bestätigt auch, die haben auch gesagt, 'jeanette was ist denn los, wir erkennen den sascha nicht mehr wieder.'" Doch auch Sascha kann Jeanettes mangelnde Rollenperformanz belegen, u.a. mit Blick auf die "bestellsucht", die für regelmäßige Paketlieferungen gesorgt habe: "das ist natürlich den ganzen nachbarn aufgefallen und auch den schwiegereltern, die haben mich schon darauf angesprochen". [61]

Zeug*innen sind für das traditionale Milieu die wichtigste Strategie, die eigene Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Expert*innen, zumal mit akademischen Abschlüssen, braucht es hierzu in der Regel nicht, da sie nicht mehr sehen oder besser beurteilen können als die Beteiligten selbst. Nur sporadisch wird auf Autoritätenargumente zurückgegriffen. Die zitierten Autoritäten sind dann anders als im individualisierten Milieu nicht professionelle Persönlichkeitsdeuter*innen, sondern Repräsentant*innen der gesellschaftlichen Ordnung, die durch die Kenntnis der "objektiven" Ereignisse und Handlungsweisen und gemäß der herrschenden Moral Recht sprechen. Renate Traut etwa bezieht sich auf die Justiz, um ihre Scheidungsinitiative zu legitimieren: "bin dann zum anwalt und habe dem auch den ganzen MIST da erzählt / und vom gericht/ und die haben mir halt RECHT gegeben (.) und haben AUCH gesagt das bringt nichts." [62]

6.3 Narrative Identitäten: Konstanz der eigenen positiven Rollenperformanz

In den bisherigen Analysen wurde bereits angerissen, wie narrative Identitäten im traditionalen Milieu entworfen werden: im Gegensatz zum individualisierten Milieu einerseits entlang der Geschlechterrollen und andererseits entlang einer vereindeutigenden Zuschreibung von eigenem moralisch richtigem Handeln und dem Fehlverhalten der jeweils anderen Person. Diese Vorstellung vom Selbst lässt sich als das "performative Selbst" fassen, das sich "über sein sichtbares Handeln in sozialen Beziehungen" (BETHMANN 2013, S.157) definiert – weniger über sein Fühlen und Reden. Im Folgenden vervollständigen wir das bisher entworfene Bild und machen damit weitere Kontraste zum individualisierten Milieu sichtbar: Während dort die Arbeit an sich selbst und die Transformation hin zu einem authentischeren, reflektierteren Selbst als positiv und eine Konstanz durch deren Ausbleiben negativ evaluiert wird, erfolgt die Bewertung von Konstanz und Wandel im traditionalen Milieu genau umgekehrt. [63]

6.3.1 Vorwurfskommunikation: Negativtransformation in Rollenperformanz der anderen Person

Da im traditionalen Milieu die Schuldfrage recht eindeutig geklärt ist, zeichnen sich die Interviews bei beiden Ex-Partner*innen im Kontrast zum individualisierten Milieu durch eine offene Vorwurfskommunikation aus. Das Interview wird als Anklagebank bzw. "Tribunal" (HIRSCHAUER, HOFFMANN & STANGE 2015) genutzt. In dieser Anklage wird eine Negativtransformation der anderen Person festgestellt. Typisch sind also Erzählungen eines Wandels in der Beziehung: Während zu Beginn der Beziehung alles gut war, weil die andere Person ihren weiblichen bzw. männlichen Pflichten nachkam, erfolgt schleichend oder zu bestimmten Wendepunkten eine Verschlechterung in deren Rollenperformanz, was schließlich das "Fass zum Überlaufen" bringt und die Beziehung massiv infrage stellt. Dieses Narrativ hat im Vergleich zum individualisierten Milieu zwei bedeutsame Implikationen. [64]

Erstens wird die Schuld der anderen Person insofern gesteigert, als deren Negativtransformation nicht mit inneren Abhängigkeiten oder Zwängen, sondern als individuelle Wahl verstanden wird. Wenn z.B. Sascha Schreiner Jeanette vorwirft, in einen "faulen trott" verfallen zu sein, so impliziert diese Agency, dass Jeanette aus seiner Sicht Entscheidungs- und Handlungsmacht hatte und anders agieren konnte. Weiter gesteigert wird diese Schuld durch die Bemerkung, dass sich die "devianten" Partner*innen nicht auf Unterstützung und Beziehungsrettungsversuche (s.u.) eingelassen hätten. [65]

Zweitens wertet der diagnostizierte Wandel der anderen Person diese aber nicht in ihrer Persönlichkeit ab und entwertet damit auch nicht die ganze Beziehung. Denn die Kritik zielt nicht auf das Wesen bzw. die Identität der anderen Person, sondern nur auf Verhaltensausschnitte. In diesem Sinne sind auch die Psychopathologisierungen der Ex-Partner*innen zu deuten (z.B. Spiel- und Kaufsucht): Es geht nicht wie im individualisierten Milieu um die gewöhnlichen, in der Regel mit Verständnis zu begegnenden Unzulänglichkeiten der Psyche, sondern um verurteilenswertes, da von der Norm abweichendes Verhalten, dessen Einordnung als pathologisch ohne Rekurs auf psychische Hintergründe und die subjektive Motivlage auskommt. Da die andere Person dabei aber nicht als Ganzes abgewertet wird, können die traditionalen Interviewpartner*innen auch nach der Trennung noch problemlos positive Eigenschaften an ihren Ex-Partner*innen benennen. Dietmar Traut beispielsweise stellt fest, dass Renate durchweg sehr gut mit dem Geld gehaushaltet habe, Renate Traut erkennt an, dass Dietmar nicht getrunken habe, und Julia Meister sieht in Mario Vogel auch zum Interviewzeitpunkt immer noch im Prinzip einen "traummann hoch 10". Dass sich das Verhalten der anderen Person so gravierend geändert hat, stellt demnach einen unvorhersehbaren Fall dar. [66]

6.3.2 Schuldabweisung: fortwährend gute Frauen und gute Männer

An der eindeutigen Schuldzuschreibung an die Ex-Partner*innen arbeiten die traditionalen Interviewpartner*innen auch, indem sie mögliche eigene Schuldanteile dezidiert von sich weisen – statt sich Schuld wie im individualisierten Milieu rhetorisch anzueignen – und die eigene konstante und positive Rollenperformanz herausstellen. Elemente der Reuekommunikation finden sich allenfalls bei jüngeren Interviewten (s.u.). Die Fragen, was die Beziehung hätte retten können und ob man etwas bereut, die im individualisierten Milieu zu selbstreflexiv-kritischen Positionierungen anregen, werden im traditionalen Milieu eindeutig beantwortet: Man hat sich selbst nichts vorzuwerfen, nur der anderen Person, und bereut nichts. Entsprechend reagiert Dietmar Traut sogar auf die direkte Nachfrage der Interviewerin nach möglichen eigenen Verantwortungsanteilen mit einer dezidierten Schuldabweisung:

I: "also kann man sagen dass ihre EXFRau sich soZUSAGEN nicht mehr richtig anerkannt gefühlt hat als HAUSFRAU oder wie war das wenn sie zu ihnen sagt dass sie"

DT: "sie hat den HAUSHALT vernachlässigt in letzter zeit/ die letzten jahre obwohl sie immer wieder gesagt hat der HAUSHALT wächst ihr über den KOPF." [67]

Doch nicht nur auf solch explizite Fragen hin, sondern auch über den ganzen Interviewverlauf hinweg wird kommuniziert, dass man selbst keine Schuld habe, da man die eigene Rolle konstant gut erfüllte. Man selbst war demnach eine verlässliche Person in der Beziehung. Erzähltes Ich und erzählendes Ich werden als gleich konstruiert und zeichnen sich durch ein hohes Arbeitsethos aus. [68]

Die Männer präsentieren sich hierbei als Helden der Erwerbsarbeit bzw. Finanzbeschaffung, die teils dem "Burnout" nahestanden, wie Sascha Schreiner für sich selbst in Anspruch nimmt. Dies darf nicht als Selbstpathologisierung missverstanden werden, sondern steht im Gegenteil für eine Selbstheroisierung in Form einer Rollenübererfüllung als (Haupt-)Verdiener, was der Partnerin bzw. der Familie ein gutes, sorgenfreies und bisweilen sogar luxuriöses Leben ermöglicht habe. Sascha Schreiner macht klar, dass er "eigentlich immer nur viel geld für die familie geopfert" und sogar Jeanettes Schulden abgetragen habe. Dass diese Männer in der Regel von ihren Partnerinnen verlassen wurden, verstärkt die Selbstkonstruktion als guter Mann – speziell auch als guter Mann für diese Frau – umso mehr. Denn die Trennung wird dadurch einsichtig gemacht, dass die Frau die gute Partie, die sie eigentlich hatte, verkannt habe, und in Folge dessen eine Verschlechterung erfahre. So gibt Dietmar Traut an, immer wieder von Nachbarn bezüglich des neuen Partners seiner Ex-Frau angesprochen zu werden, u.a. folgendermaßen: "mein gott herr traut (.) was ist mit ihrer EXFRAU los, wie kann die sich mit SO EINEM da abgeben?" Nicht Dietmar Traut wird damit in seiner Darstellung infrage gestellt, sondern Renates Partner(ab)wahl. [69]

Dieses Muster der Schuldabweisung gilt auch für die jüngeren Interviewpartner, die zunächst wie die individualisierten Interviewpartner*innen partiell Reue bezüglich eigenen Fehlverhaltens zu zeigen scheinen. Mario Vogel und Jannis Pappas etwa konzedieren, dass sie – wie von ihren Ex-Partnerinnen bemängelt – Schulden anhäuften, lögen oder zu wenig Gefühle zeigten, brechen aber mit der für das individualisierte Milieu typischen (rhetorischen) Schuldaneignung insofern, als sie die Verursachung dieses Verhaltens dem Fehlverhalten ihrer Ex-Partnerinnen oder dem eigenen Mannsein (wie Männer so sind) zuschreiben. An sich zu arbeiten im Sinne einer Identitätstransformation wie im individualisierten Milieu ist damit außerhalb des Denkbaren. [70]

Wie die Männer stellen die Frauen die Ausfüllung und gar Überfüllung ihrer Rolle dar. Renate Traut etwa demonstriert ihr hohes Arbeitsethos, ähnlich dem männlichen Burnout, wenn sie betont, dass sie bis spätabends und auch am Wochenende geputzt habe, sodass sie "ÜBERHAUPT GAR KEIN wochenende gehabt" habe. Und Jeanette Schreiner legitimiert mit Blick auf ihre verantwortungsvolle Ausfüllung der Mutterrolle ihre Konsumausgaben, für die sie kritisiert wird. Bei ihren Bestellungen handle es sich zu "90 Prozent" um "kinderklamotten und kinderspielzeug"; sie selbst als Frau mit bestimmten Konsumbedürfnissen habe sich dabei weit zurückgestellt und sei "fast bisschen vergammelt". Das hohe Ethos, welches sich die Frauen in Bezug auf ihre Rollenperformanz bescheinigen, zeigt sich auch in ihren Ausführungen zu ihren Beziehungsrettungsversuchen, deren Erfolglosigkeit schließlich ihre Trennung vom Partner legitimiert. Die Beziehungsrettungsversuche zielen darauf, den Partner angesichts seiner defizitären Rollenperformanz wieder auf die "richtige Bahn" zu bringen. Hierfür schildern die Frauen ganz handlungspraktische Maßnahmen, d.h. weniger Psychotherapien oder psychologische Beratungen wie im individualisierten Milieu. Jeanette Schreiner etwa versucht nun nicht, dem für sie wenig zufriedenstellenden Sexualleben durch tiefsinnige Gespräche mit Sascha auf den Grund zu gehen, sondern kauft sich ihrer Darstellung nach neue Dessous – allerdings ohne den erhofften Effekt: "dann war's auch so, dann hab ich ihm das präsentiert und dann war's vielleicht mal wieder zwanzig prozent besser, der sex […] es war dann immer nur kurzzeitig besser, aber dann auch nicht mehr." Aus Jeanettes Sicht kündigt nicht sie, sondern Sascha die Ehe auf: Dass er nicht als Mann agiert, d.h. sie nicht begehrt und auch nicht um sie kämpft, als sie einen anderen Mann trifft, macht ihn in ihrer Erzählung letztlich zum Normbrüchigen. In ihrer neuen Beziehung hingegen werde sie wieder als Frau begehrt (vgl. Abschnitt 6.1.2). [71]

Anhand von Jeanettes Beispiel lässt sich ein allgemeines Muster für das traditionale Milieu aufzeigen: Wie im individualisierten Milieu wird das Leben nach der Trennung in der Regel als positiver dargestellt als das Leben in der Endphase der Beziehung, was die Trennung zusätzlich legitimiert. Allerdings sind die Gründe ganz anders: Während die individualisierten Interviewpartner*innen von innerem Wachstum ausgehen, aufgrund dessen sie authentischer als zuvor leben können, haben sich für die traditionalen Interviewpartner*innen bessere Umstände für das fortwährend gute Selbst ergeben, die es aufgrund der eigenen Qualitäten als rechtschaffene Frau bzw. rechtschaffener Mann verdient hat. Jeanette beispielsweise stellt ihre neue Beziehung nicht als authentischer dar, auch wenn sie zahlreiche Semantiken aus dem Vokabular der romantischen Liebe verwendet (z.B. "seelenpartner"). Es geht vielmehr darum, wieder "als frau begehrenswert zu sein". [72]

7. Bilanz: milieuspezifische Trennungserzählungen und ihre Folgen

Wie wir gezeigt haben, stellt sich für alle Interviewpartner*innen die gleiche Aufgabe: die Trennung zu legitimieren, sie rhetorisch zu plausibilisieren und eine eigene moralisch positive Identität zu entwerfen. Die Lösungen für diese Aufgabe sind aber milieuspezifisch in Form und Inhalt, was in der bisherigen Literatur zu Trennungsnarrativen noch nicht beachtet wurde und was wir hier anhand zweier kontrastiver Milieus demonstriert haben:

  • die als geschlechtslos konzipierte Suche nach Authentizität im individualisierten Milieu vs. die selbstverständlich als vergeschlechtlicht gedachte Rollenperformanz im traditionalen Milieu;

  • die Suche nach einer inneren, verborgenen Wahrheit, die es gemäß der Kultur des Therapeutischen aufzuarbeiten gilt, vs. die Annahme einer äußeren, offenkundigen Wahrheit, die für alle Beobachter*innen problemlos zugänglich ist;

  • das Vorherrschen der Textsorte Argumentation, um Einsichten in die eigene innere Wahrheit mitzuteilen, vs. die Präferenz für die Textsorten Erzählung und Beschreibung, um Normbrüche der anderen Person zu reinszenieren;

  • das Streben nach einer Transformation des Selbst hin zu mehr Authentizität vs. das Streben nach einer verlässlichen Konstanz des Selbst in der Geschlechterrolle;

  • die subtile, aber umso umfassendere Abwertung der Ex-Partner*innen in ihrer ganzen Person vs. deren offene, aber nur partielle Abwertung. [73]

Zwar konnten wir innerhalb des traditionalen Milieus bei jüngeren und weiblichen Vertreter*innen gewisse Modernisierungstendenzen erkennen, doch zeigte sich bei genauer Betrachtung, dass die traditionalen Koordinaten der Wirklichkeits- und Persönlichkeitskonstruktionen davon unberührt bleiben: Kommunikation dient nicht dazu, sich im jeweiligen Gewordensein und in der psychischen Verfasstheit kennenzulernen oder die Koordinaten der Beziehung auszuhandeln, sondern wird u.a. als Mittel der Unterhaltung genutzt. Im Fokus der Emotionskommunikation steht nicht die Suche nach dem authentischen Selbst, sondern nach der Ausfüllung traditionaler Geschlechterrollen. Und wird Reue überhaupt kommuniziert, so wird die Ursache des eigenen Fehlverhaltens externalisiert, die Hauptschuld dezidiert den Ex-Partner*innen zugeschrieben und keine Identitätstransformation im Sinne einer Selbstverbesserung angestrebt. Der Kern des traditionalen Milieus hinsichtlich seiner Wirklichkeits- und Persönlichkeitskonstruktionen scheint sich also zu erhalten. [74]

Diese Milieudifferenzierung in Trennungserzählungen, die wir mit dem Milieukonzept nach BOURDIEU fassen, integriert die in der bisherigen Literatur herausgearbeiteten sozialen Differenzierungen nach Rolle, Geschlecht und Sozialstruktur. Denn der Milieubegriff verbindet sozialstrukturelle (Klasse, Bildung, Beruf) mit kulturellen Unterschieden, d.h. in unserem Kontext und mit Blick auf die bisher vorliegende Literatur (Abschnitt 2.2) die jeweilige Bedeutung von Geschlecht und die je als positiv und negativ bewerteten Rollen bzw. Identitäten. [75]

Auch wenn sich die milieuspezifischen Beziehungsleitbilder und Identitätskonzepte nicht vollständig in eine entsprechende Praxis übersetzen, beeinflussen sie diese doch und sind damit folgenreich für den Umgang mit Konflikten und Trennungen. [76]

Für das individualisierte Milieu lässt sich empirisch gestützt vermuten, dass die Norm der offenen verbalen Kommunikation das Mittel oder zumindest die Illusion bietet, adäquat mit Paarkonflikten umzugehen und diese lösen zu können. Nach der Auflösung des Paares kann mithilfe des Narrativs der persönlichen Weiterentwicklung das Scheitern als sinnhaft umgedeutet werden. Allerdings haben diese Bewältigungsformen auch Nachteile: Kommunikation kann in einen infiniten Regress münden und einen "Prozeß der verbalen Überlagerung" in Gang setzen (ILLOUZ 2009, S.403), der non-verbale Formen der Interaktion vernachlässigt und damit bestimmte Probleme nicht zu lösen vermag oder gar selbst Probleme schafft. Darüber hinaus geht mit der psychologisierenden Selbst-Responsibilisierung zum einen die Gefahr einher, dass Trennungen die Einzelnen massiv infrage stellen. Zum anderen werden in der Sprache der populären Psychodiskurse bestimmte Probleme ausgeblendet. Die zitierten individuellen Bindungsängste etwa entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als paarbezogene Bindungsmacht. Für die Thematisierung solch relationaler Phänomene steht dem individualisierten Milieu allerdings im Großen und Ganzen kein Diskurs zur Verfügung (ILLOUZ 2012; KOPPETSCH, BUB & ECKERT i.E.). [77]

Im traditionalen Milieu hingegen kann die Trennung bei ausreichend sozialer Stützung der eigenen Version der Geschichte leichter gelingen, da das Selbst gerade nicht infrage gestellt wird. Allerdings können Konflikte im Paar entstehen und ungelöst bleiben, wenn die Frauen sich modernisierter positionieren und im Gegensatz zu den Männern Emotion und Kommunikation wertschätzen und einfordern. Das Paar verfügt demzufolge u.U. über keine gemeinsame Sprache, um Probleme zu adressieren (vgl. auch ILLOUZ 2009, S.387). Gleiches gilt für milieu-heterogame Paare, auf die wir in der bisherigen Darstellung der Thematisierungen weithin milieu-homogamer Ex-Paare nicht eingangen sind. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Milieuzugehörigkeit präferieren milieu-heterogame Partner*innen nicht nur einen anderen Kommunikations-, sondern auch einen anderen Lebens- und Beziehungsstil, was zu Konflikten führen kann. [78]

8. Ausblick: über Trennungserzählungen hinaus

In diesem Beitrag ging es uns auf Basis einer narrativen Analyse darum, die Bedeutung der Milieudifferenzierung für Trennungserzählungen aufzuzeigen und damit bisher unverbundene Forschungsstränge zu verknüpfen. Über diese spezifische Thematik hinaus lassen sich unsere Überlegungen für weitere qualitative Forschungsbereiche fruchtbar machen. [79]

Zum einen schlagen wir vor, milieuvergleichende Forschungen allgemein weiter voranzutreiben und sehen dafür nach einer Phase, in der es um das Milieukonzept vergleichsweise still geworden ist, gegenwärtig vielversprechende Diskussionen (z.B. BOHNSACK et al. 2013; MÜLLER & ZIMMERMANN 2018). Einiges spricht dafür, das Milieukonzept auch verstärkt für die Paar- und Liebesforschung, die Geschlechterforschung sowie Erzähl- und Interviewforschung fruchtbar zu machen, um nicht einem individualisierten "Mittelschichtsbias" anheimzufallen, der die (Kommunikations-) Kultur dieses spezifischen – vermutlich des eigenen – Milieus in unzulässiger Weise als angebliche Normalität verallgemeinert bzw. gar als Norm setzt (vgl. auch BETHMANN 2013; BURKART, FIETZE & KOHLI 1989; MAIER 1998). Für die Zukunft wäre eine umfassende Milieustudie wünschenswert. Von den Sinus-Milieus abgesehen, die v.a. der Marktforschung dienen, liegt kein sozialwissenschaftlicher Überblick über gegenwärtige Milieus vor. Auch fehlt es weitgehend an Analysen zu milieuspezifischen Erzählweisen.22) Eine aktuelle, umfassende Milieustudie erscheint uns insofern relevant, als sich neue Milieus herausgebildet haben bzw. herausbilden und sich Lebens- und Kommunikationsstile von Milieus ändern. U.a. könnte die weitere Entwicklung im traditionalen Milieu – kontinuierliches Festhalten am traditionalen Kern oder Beginn eines grundlegenden Wandels – beobachtet werden. [80]

Zum anderen wirft unser Beitrag die Frage auf, welche Wirklichkeit wir im Interview erforschen können – eine Grundfrage qualitativer Forschung, für die es sowohl in methodologischer als auch in empirischer, projektbezogener Hinsicht noch zu wenige Antworten gibt.23) Im Interview sind stets zwei Wirklichkeitsdimensionen verbunden: die erlebte Wirklichkeit (Repräsentanz) und die im Interview mit Blick auf bestimmte situative Darstellungsfunktionen erzeugte Wirklichkeit (Performanz) (KRUSE 2015, S.40; LUCIUS-HOENE & DEPPERMANN 2004, S.41). Dass die Interviewten das Interview für eigene Zwecke nutzen – bei uns: Trennungslegitimation und Identitätskonstruktion – statt nur zu erzählen, "wie es war", ist demnach üblich. Doch wenn die Ebene der Performanz so stark in den Vordergrund rückt wie in den uns vorliegenden Interviews, ist es dann noch möglich, unser primäres, auf die Ebene der Repräsentanz zielendes Forschungsinteresse der Analyse von Beziehungs- und Trennungsdynamiken und schlussendlich der Rekonstruktion von Scheiternsursachen zu beantworten? [81]

Ein Blick in die gegenwärtige Literatur zu Trennungen und Trennungserzählungen liefert keine Antwort, da im Rahmen eines Projektes in aller Regel nur ein Analysestrang verfolgt wird: Auf der einen Seite finden sich thematische Fragestellungen im Bereich der Repräsentanz, etwa in Bezug auf Trennungsursachen, -verläufe und -erfahrungen (z.B. ECKARDT 1993; ILLOUZ 2018; SCHÖNINGH 1996; SCHÖNINGH et al. 1991; SINGLY 2011; VAUGHAN 1988 [1986]; WEISS 1980). Üblicherweise werden in diesen Forschungen die methodischen Besonderheiten von Trennungserzählungen kurz notiert und ggf. interpretiert, doch werden sie nicht auf das "eigentliche", thematische Forschungsinteresse und dessen Beantwortbarkeit bezogen. Dies gilt sogar für die methodisch sehr reflektierte Studie von DAY SCLATER (1999b). Auf der anderen Seite finden sich narrative Analysen, die die "tatsächliche" Beziehungs- und Trennungsdynamik inkl. Trennungsursachen ausklammern und sich narrativ-funktionalen Analysen im Bereich der Performanz widmen, wie sie in Abschnitt 2 vorgestellt wurden. Paradigmatisch hierfür steht RIESSMANs (1990) Forschung: Ausgangspunkt war die Frage, wie Frauen im Vergleich zu Männern die Trennung bewältigen; RIESSMAN verlagerte dann aber ihren Fokus hin zur Analyse u.a. von Geschlechterdifferenzen und narrativen Genres in Scheidungserzählungen. [82]

Wir halten beide Analysestränge für gleichermaßen wichtig, jedoch scheint uns die praktizierte Arbeitsteilung kritisch: Trennungsnarrative in ihrer Form, inhaltlichen Ausfüllung und Funktion benötigen als bedeutungsgebenden Kontext die Beziehungs- und Trennungsdynamik des Ex-Paares sowie die "Nachbeziehungsentwicklung" der Einzelnen. Umgekehrt können Beziehungs- und Trennungsdynamiken sowie die Ursachen scheiternder Beziehungen auf Basis qualitativer Interviews näherungsweise rekonstruiert werden, wenn die Besonderheiten des vorliegenden Materials und die Präsentationsinteressen der Interviewpartner*innen berücksichtigt werden und damit der Sinn der spezifischen Version der Wirklichkeit, die erzählt wird, verstanden wird (vgl. auch HINRICHSEN, ROSENTHAL & WORM 2013, ROSENTHAL 2010). [83]

Konkret sind uns bei der Rekonstruktion von Beziehungs- und Trennungsdynamiken folgende methodische Strategien nützlich, die wir abschließend kurz umreißen: 1. Bezüglich der Datengewinnung erfragten wir nicht nur subjektive Trennungstheorien, wie sie in diesem Beitrag im Fokus standen, sondern bestmöglich auch die Alltagspraxis des ehemaligen Paares (s. Abschnitt 3.2).24) 2. Bezüglich des Forschungsdesigns ist die Perspektivverschränkung durch Interviews mit beiden Ex-Partner*innen hilfreich, zum einen mit Blick auf die Rekonstruktion der objektiven bzw. biografischen Daten. Zum anderen hilft die Perspektivverschränkung, den intersubjektiven Referenzrahmen des ehemaligen Paares zu rekonstruieren. Denn im Gegensatz zu anderen Trennungsstudien, in denen nur eine Person interviewt wird, waren unsere Interviewpartner*innen nicht gänzlich frei, ein bestimmtes Narrativ mit einer bestmöglichen Version ihrer selbst zu entwerfen, sondern wurden durch das vermutete Narrativ der anderen Person limitiert. 3. Und schließlich bietet auf der Ebene der Auswertung die Analyse von Brüchen in der Selbstdarstellung (vgl. auch HINRICHSEN et al. 2013; HIRSCHAUER et al. 2015) die Gelegenheit, Beziehungs- und Trennungsdynamiken zu rekonstruieren, etwa als Bruch zwischen performativer Erzählung und der Praxis des Paargeschehens oder zwischen der thematisierten Emotion und der emotionalen Erzählung. Mit all diesen methodischen Maßnahmen erscheint es uns möglich, die vorliegenden Interviews nicht nur mit Blick auf Fragen der Performanz zu analysieren, sondern auch mit der gebotenen Vorsicht Fragen der Repräsentanz zu beantworten (dazu KOPPETSCH et al. i.E.). [84]

Anmerkungen

1) Die Begriffe (narrative) Identität und Selbst(positionierung) verwenden wir hier synonym. Zu terminologischen Klärungsversuchen in einem unübersichtlichen Feld siehe BURKART (2006, S.17f.). <zurück>

2) Wir verwenden diesen Begriff bezugnehmend auf modernisierungstheoretische Ansätze (z.B. BECK & BECK-GERNSHEIM 1990; GIDDENS 1993; ILLOUZ 2012), da er in der Forschungsliteratur üblich ist. Allerdings stehen wir der modernisierungstheoretischen Kontrastierung von vergangenen, gewissermaßen unmodernen und gegenwärtigen, modernen bzw. modernisierten Beziehungsleitbildern und -formen teilweise kritisch gegenüber, wie im Verlaufe dieses Beitrags deutlich wird. <zurück>

3) RIESSMAN etwa beobachtet, dass aus der Sicht von Frauen ein Mangel an Intimität zu einem Mangel an Sexualität führe, da Sexualität emotionale Nähe voraussetze. Männer hingegen konstruieren eine umgekehrte Kausalität: Intimität werde durch Sexualität erst hergestellt; mangele es an Sexualität, folge daraus ein Mangel an Intimität. <zurück>

4) Nur selten werden die verschiedenen Differenzierungen zueinander in Beziehung gesetzt. Zu den wenigen Ausnahmen gehört RIESSMAN (1990, Kap.2), die innerhalb der Geschlechterdifferenzierung teilweise Klassenunterschiede herausarbeitet. ARENDELL (1995) identifiziert Unterschiede zwischen Männern – traditional vs. innovativ orientierte Männer –, ohne diese aber an soziale Lagen rückzubinden. <zurück>

5) VAUGHAN (1988 [1986], S.11) etwa erfragt von den Interviewten die Paargeschichte ab dem Zeitpunkt, "an dem sie das erste Mal das Gefühl gehabt hatten, daß etwas nicht in Ordnung sei". <zurück>

6) Diese vier Ex-Paare unterscheiden sich weder in ihren Trennungsnarrativen noch in den rekonstruierten Scheiternsursachen in grundlegender Weise von den heterosexuellen Ex-Paaren. So ist das polysexuelle Ex-Paar Arndt/Engel ein Prototyp für die Erzählweise des individualisierten Milieus und wird daher in den entsprechenden Abschnitten zitiert. Alle Namen der Interviewpartner*innen und bei Bedarf die Ortsbezeichnungen, Berufe, Ausbildungs- und Studiengänge sind anonymisiert bzw. pseudonymisiert. <zurück>

7) Zum "recipient design" vgl. DEPPERMANN (2013, Abschnitte 5.2 und 6.5). <zurück>

8) RIESSMAN (1990) etwa analysiert in ihrer Arbeit zum "divorce talk" lediglich die Äußerungen der Interviewpartner*innen auf die Freitextfragen nach den Hauptgründen der Trennung, nach den größten Schwierigkeiten im Trennungsverlauf und nach dem größten Nutzen aus der Trennung. <zurück>

9) Die für diesen Beitrag relevanten Transkriptionsregeln sind die folgenden: Prinzipiell wird alles kleingeschrieben, nur Betontes groß. Pausen werden entsprechend ihrer Länge dargestellt: (.) für eine Pause kürzer als zwei Sekunden, (..) für eine Pause zwischen drei und fünf Sekunden und (...) für eine Pause länger als fünf Sekunden. Paraverbale Marker wie Lachen, Weinen und Seufzen werden ebenfalls in runden Klammern notiert, kurze Beiträge der Interviewerin in eckigen Klammern. Auslassungen in Zitaten sind ebenfalls durch eckige Klammern gekennzeichnet, Wort- bzw. Satzabbrüche durch Schrägstrich. <zurück>

10) Konkret gestalteten wir die Analyse so, dass wir einzeln die Interviews analysierten, zentrale Ergebnisse im Team besprachen und bei Unklarheiten sowie zur Präzisierung von Analyseergebnissen in die mikrosprachliche Analyse zurückgingen. <zurück>

11) Für eine umfassende Darstellung der methodischen Schritte des Verfahrens samt praktischer Beispiele siehe KRUSE (2015), für eine Anwendung auf Liebeserzählungen BETHMANN (2013). <zurück>

12) Erste Hinweise, dass die Milieuzugehörigkeit bei Trennungserzählungen von Bedeutung ist, gab es rückblickend gleichwohl schon früh, v.a. in Interviews, die wir als recht individualisierte Interviewerinnen mit älteren Angehörigen des traditionalen Milieus führten. In diesen Interviews wurden unsere bis dato nur teils reflektierten Annahmen bezüglich Beziehungs- und Identitätsleitbildern sowie Kommunikationsweisen irritiert. <zurück>

13) Entsprechend repräsentieren das traditionale Milieu so unterschiedliche Fälle wie die Ex-Paare Julia Meister/Mario Vogel und Mira Krüger/Jannis Pappas (beide Ex-Paare zum Interviewzeitpunkt Mitte/Ende 20 bzw. Anfang 30, in der Ausbildung bzw. der Erwerbsphase, kinderlos), Jeanette/Sascha Schreiner (Ende bzw. Mitte 30, mit Kind, in der Familien- bzw. Erwerbsphase) und Renate/Dietmar Traut (Anfang 60, mit Kindern, in der Frührente bzw. Nachfamilienphase). Auch das individualisierte Milieu wird durch Ex-Paare bzw. Interviewpartner*innen in unterschiedlichen Altersgruppen und Lebensphasen verkörpert, u.a. durch Helen/Chris Schmahl (Ende 20, Studienabschlussphase, mit Kindern), Viola Blei/Martin Grau (Anfang 30 bzw. Ende 20, Übergang Studium/Erwerbsphase, mit Kind), Gwendolyn Weinberg/Konstantin Auth (Mitte 20 bzw. Mitte 30, berufliche Einmündung bzw. Erwerbsphase, mit Kindern aus voriger Beziehung), Charlotte Epp (Ende 30, berufliche Etablierung, kinderlos), Dorothea Engel/Matthias Arndt (Anfang bzw. Mitte 40, Erwerbsphase, kinderlos) und Nora/Guido Uhlmann (Anfang bzw. Mitte 50, mit Kindern, Erwerbs- und "empty nest"-Phase). <zurück>

14) Mischformen können sich bei biografischen Milieuwechseln ergeben, etwa wenn sich Interviewte aus einem traditionalen Herkunftsmilieu im Zuge des Studiums individualisierten Leitbildern zuwenden, ohne aber einen vollständigen Milieuwechsel zu vollziehen. In diesem Artikel, in dem es uns um einen Beitrag zur Trennungsnarrationsforschung und nicht zur Milieuforschung geht, können diese Mischformen sowie weitere Milieus, die wir in unserem Material finden (z.B. ein bürgerliches Milieu), außen vor bleiben. <zurück>

15) Dabei handelt es sich um analytisch verdichtete subjektive, diskursiv geprägte Theorien der Interviewten, die nicht mit dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs übereinstimmen müssen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist z.B. die in den Interviews anzutreffende Annahme von Authentizität als essenzialistischem, innerem Wesenskern kritisch zu betrachten. <zurück>

16) Dieses Authentizitätskonzept der Selbst-Findung bzw. der Entdeckung eines inneren Wesenskerns lässt sich von einem anderen Authentizitätskonzept, der Selbst-Erfindung, abgrenzen. Letzteres spielt aber im vorliegenden Interviewmaterial nur eine untergeordnete Rolle und bleibt daher in diesem Beitrag außen vor. Analysen dazu finden sich bei BETHMANN (2013, Kap.4.5 zu "Liebe als Projekt"). <zurück>

17) Für kurze milieutypische Äußerungen wie diese, die ganz ähnlich und teils wörtlich in verschiedenen Interviews aufzufinden sind, verzichten wir auf die Nennung der Namen der Interviewpartner*innen. Ansonsten sind die Namen und andere personenbezogene Informationen anonymisiert bzw. pseudonymisiert. <zurück>

18) Siehe zu den Psy-Diskursen (ROSE 1998, S.169ff.) – Psychologie, Psychoanalyse, Psychiatrie u.a. – und zur Kultur des Therapeutischen u.a. BURKART (2006), ILLOUZ (2009, 2018), MAASEN (2014), MAHLMANN (1991) und SONNTAG (1988). <zurück>

19) Als weitere Arten authentischer Signifikanten finden wir im individualisierten Milieu Somatisierungen (z.B. Depressionen, Gewichtszunahmen, das Eintreten von Schwangerschaften, die andere Person nicht mehr riechen können) und sexuelle (Un-) Lust. Deren Ursachen werden im Beziehungs- und Persönlichkeitsgefüge und nicht etwa in Biologie oder beziehungsexternen Bedingungen gesucht. <zurück>

20) Wird die Textsorte der Erzählung verwendet, dann kaum im Sinne LABOVs und WALETZKYs (1997), da im Fokus des erzählten Wandelns in der Zeit weniger Handlungs- oder Ereignisabfolgen, sondern Veränderungen im subjektiven, inneren Erleben der Person stehen. Dies schließt die Darstellung von Handlungen und Ereignissen nicht aus, allerdings ergibt sich deren Bedeutung für das Subjekt nur aus dessen "Psycho-Logik" (SONNTAG 1988, S.5), sodass diese im Vordergrund steht. Dieser Fokus auf die subjektive Erfahrung entspricht der von Monika FLUDERNIK vorgeschlagenen Definition von Erzählung (HAUG 2015, S.33 mit Bezug zu FLUDERNIK 1996). <zurück>

21) Diese Vereindeutigung der Verantwortungszuschreibung wird erstens durch die hohe, da traditionelle moralische Klarheit ermöglicht. Zweitens ist diese Moral im jeweiligen sozialräumlichen Umfeld (Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft, Siedlung) kollektiv verankert. Dieses feste lokale Netzwerk bewertet und sanktioniert das jeweilige Handeln, dient aber auch der eigenen moralischen Selbstvergewisserung (s. Abschnitt 6.2). Eine eindeutige moralische Einordnung wird drittens dadurch erleichtert, dass es nur um das Tun und nicht um dessen innere Beweggründe geht. Viertens glauben die Angehörigen des traditionalen Milieus nicht an eine verborgene Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist offensichtlich – für alle. Die Trennung kann damit aufgrund der normativen Klarheit und der offenkundigen Normüberschreitung der anderen Person als eindeutige und folgerichtige Entscheidung dargestellt werden. <zurück>

22) Zu den Ausnahmen gehören folgende Beiträge, die auf verschiedene Milieukonzepte rekurrieren: aus soziologischer Perspektive und mit dem hier vorgeschlagenen Milieuverständnis z.B. KOPPETSCH und BURKART (1999, Kap.6) sowie MAIER (1998); dem Milieubegriff der dokumentarischen Methode folgend und spezifisch für die Geschlechter- und Paarsoziologie z.B. BEHNKE (2012) und BEHNKE, LENGERSDORF und MEUSER (2013); aus soziolinguistischer Perspektive z.B. KALLMEYER (1994) und SCHWITALLA (1995). <zurück>

23) In der Literatur wurde diese Frage aufbauend auf SCHÜTZE (1984) unter dem Stichwort der Homologiethese diskutiert. <zurück>

24) Dies gelang im traditionalen Milieu relativ problemlos, im individualisierten Milieu hingegen nur dann, wenn den Interviewpartner*innen nicht durchweg die Regie für das Gespräch übertragen wurde. Umso wichtiger war dort das beharrliche Nachfragen nach konkreten Geschehnissen und Beispielen. <zurück>

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Zu den Autorinnen

Judith ECKERT, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der TU Darmstadt im DFG-geförderten Projekt "Paare nach der Trennung". Promotion an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit einer rekonstruktiven Studie zu Angst. Forschungsschwerpunkte: Paarforschung, Geschlechterforschung, Zeitdiagnose, Soziologie der (Un-)Sicherheit und Angst, qualitative Methodologie und Methodik (aktueller Fokus: "gescheiterte" Interviews und Interviewtheorie).

Kontakt:

Judith Eckert

Institut für Soziologie
Technische Universität Darmstadt
Dolivostr. 15
64293 Darmstadt

E-Mail: eckert@ifs.tu-darmstadt.de

 

Eva-Maria BUB, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der TU Darmstadt im DFG-geförderten Projekt "Paare nach der Trennung". Promotion an der Goethe-Universität Frankfurt am Main zu Entscheidungsunsicherheiten und emotionalen Ambivalenzerfahrungen im Kontext der Gegenwartsgesellschaft. Forschungsschwerpunkte: Emotionssoziologie, Paarforschung, Geschlechterforschung, Zeitdiagnose, qualitative Methodologie und Methodik.

Kontakt:

Eva-Maria Bub

Institut für Soziologie
Technische Universität Darmstadt
Dolivostr. 15
64293 Darmstadt

E-Mail: bub@ifs.tu-darmstadt.de

 

Cornelia KOPPETSCH, Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt und Leiterin des DFG-geförderten Projektes "Paare nach der Trennung". Forschungsschwerpunkte: Gegenwartsdiagnosen, Biografie und Lebensführung, Geschlechterverhältnisse, Familie und soziale Ungleichheiten.

Kontakt:

Cornelia Koppetsch

Institut für Soziologie
Technische Universität Darmstadt
Dolivostr. 15
64293 Darmstadt

E-Mail: koppetsch@ifs.tu-darmstadt.de

Zitation

Eckert, Judith; Bub, Eva-Maria & Koppetsch, Cornelia (2019). Über Trennungen erzählen: zur Milieuspezifik von Trennungslegitimationen und narrativen Identitäten [84 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 20(1), Art. 14, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-20.1.3078.



Copyright (c) 2019 Judith Eckert

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