Volume 9, No. 1, Art. 38 – Januar 2008

Wissenschaftlich Arbeiten – schneller, höher, weiter? Zum (Un-)Verhältnis von Arbeit und Freizeit in den (Kultur-)Wissenschaften1)

Gert Dressel & Nikola Langreiter

Zusammenfassung: Wir thematisieren und problematisieren Praktiken akademischer Wissensproduktion; unser Fokus ist der Wissenschaftsbetrieb bzw. sind die WissenschaftlerInnen selbst. Auf Basis von Interviews mit KulturwissenschaftlerInnen kommen wir zum Schluss, dass in Tages-, Jahres- und Lebensläufen von WissenschaftlerInnen die sozialen und kulturellen Logiken der Arbeitssphäre jene des sogenannten Privatlebens (der Familie oder Freizeit etc.) dominieren. Zuspitzend wollen wir Wissenschaft als eine "totale Institution" bezeichnen, die für die "InsassInnen" sowie für jene, die – trotz Anstrengungen – nie welche werden oder keine mehr sind, mit sozialen, physischen und psychischen Kosten verbunden sein kann.

Keywords: Kulturwissenschaften, Arbeit, Beruf, Berufung, Karriere, Anerkennung, Glück, Erfolg, Privatleben, Familie, Freizeit, Biografie, Interview

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Einleitung: Wissenschaftlich Arbeiten – unsere wissenschaftliche Arbeit

2. Schneller?

3. Höher?

4. Weiter?

5. Zum Schluss

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor und zur Autorin

Zitation

 

1. Zur Einleitung: Wissenschaftlich Arbeiten – unsere wissenschaftliche Arbeit

"De nobis ipsis silemus" – von uns selbst schweigen wir, das Zitat Francis BACONS (Instauratio magna, Vorwort) diente schon mehrfach dazu, den Zusammenhang von Wissenschaft und Biografie zu charakterisieren (KOHLI 1981; LINDNER 2001, S.11; MÜLLER-FUNK 1995, S.37). Rolf LINDNER stellt fest, dass dieses Schweigen, die Übereinkunft, sich selbst und die eigene Erfahrungswelt nicht zu thematisieren, Fundament moderner Wissenschaften sei. Von sich zu schweigen bedeute, dass "die getroffenen Aussagen als Ergebnisse des Waltens einer überpersönlichen Instanz – der wissenschaftlichen Methode – erscheint, eine Instanz, die Objektivität verbürgen soll" und ein Wissen, das unabhängig von denen ist, die es kommunizieren. Ein Ich wird zum akademischen Wir (2001, S.11). [1]

Dieses akademische Allgemeine möchten wir aufbrechen, indem wir mit biografischem Material arbeiten, um Zusammenhängen sozialer und kultureller Prozesse und Strukturen inner- und außerhalb des Wissenschaftsbetriebs und (kultur-) wissenschaftlicher Praxis auf die Spur zu kommen. Drei Jahre arbeiteten wir an einem Forschungsprojekt "Reflexive Historische Anthropologie"2) und versuchten in diesem Rahmen eine Kulturwissenschaft der Kulturwissenschaften. Unsere Quellenbasis bildeten vor allem 25 durch narrativ-biografische Interviews (vgl. SCHÜTZE 1983) generierte lebensgeschichtliche Texte kulturwissenschaftlich orientierter WissenschaftlerInnen in Deutschland und Österreich. Geschlechts- und Generationszugehörigkeit sowie die soziale und disziplinäre Herkunft der AkteurInnen sind von Bedeutung für die Wissenschaftspraxis. Daher haben wir Männer und Frauen, VertreterInnen verschiedener Alterskohorten, Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, RepräsentantInnen verschiedener Fächer und akademischer Positionen in das Sample aufgenommen. Um Interpretationshorizonte zu erweitern, haben wir zusätzlich biografische Interviews mit KollegInnen in Bulgarien und Frankreich durchgeführt. Infolge des Booms an Autobiografien von Kultur- und SozialwissenschaftlerInnen haben wir auch solche Selbstzeugnisse einbezogen. Sämtliche dieser Materialien wurden mit weiteren Quellengattungen kontextualisiert. [2]

Als ForscherInnen gehörten wir selbst dem von uns untersuchten Feld an. Im Zuge dieser ethnography at home haben sich nicht zuletzt aufgrund dessen bestimmte Anforderungen an die Methode sowie an Interpretations- und Repräsentationsformen ergeben. Als spannungs-geladen hat sich beispielsweise erwiesen, dass unsere "Quellen" auch unsere ersten AdressatInnen sind. Als Historiker und Europäische Ethnologin referieren und veröffentlichen wir unsere Reflexionen und Analysen über kulturwissenschaftliche Praktiken in der kulturwissenschaftlichen community. Wir haben rasch erfahren, dass – arbeitet man mit biografischen Materialien von WissenschaftlerInnen – viele KollegInnen vor allem interessiert sind zu erfahren, über wen hier gesprochen wird. Nicht nur deshalb gingen wir zusehends von streng sequenz- und fallanalytischen Konzepten ab.3) Dennoch kam Interviewpassagen im Forschungsprozess eine große Bedeutung zu. Die hypothesengenerierende Vorgangsweise fußte auf intensiver Auseinandersetzung mit Textteilen; diese trennten wir in unseren Interpretationen früher als in den einschlägigen Verfahren (vgl. ROSENTHAL 1995) von den einzelnen Individuen und haben sie konsequent Problem- und Fragestellungen zugeordnet, die sich entweder in unseren Reflexionen der Interviewtexte verdichteten oder aber von außen (z.B. Vortrags- und Publikationsangebote) an uns herangetragen wurden. [3]

Wir zeichnen also weder Porträts (vgl. BUDE 1997) von KulturwissenschaftlerInnen, noch präsentieren wir Fälle, wie es vor allem in der sozialwissenschaftlich orientierten Biografieforschung Usus ist. Es geht uns nicht um Geschichten über Personen oder persönliche Geschichten, sondern – doch wieder allgemeiner – um Strukturelles, um wahrnehmbare und wahrgenommene überindividuelle Handlungsräume, um "strukturierte Handlungsoptionen" (ALGAZI 2000, S.114). Interessant sind für uns die Bedingungen eines Feldes (mitsamt seinen Umfeldern und Kontexten), die Wahrnehmungen, die es nahe legt, und die Handlungen, die in diesem Feld Gratifikation mit sich bringen oder negativ sanktioniert werden.4) So möchten wir mit einem biografisch orientierten Zugang mit der Tradition des Schweigens brechen, mit dieser stillschweigenden Übereinkunft, die weitgehend eingehalten wird – ungeachtet des Booms an von WissenschaftlerInnen verfassten Memoiren und Autobiografien. Konsequenterweise gerieten Selbstreflexion sowie die Auseinandersetzung mit Spezifika und Herausforderungen des Forschens im sozusagen Eigenen zu einem unserer Schwerpunkte im Projekt. [4]

Der Umgang mit Arbeit und Bereichen, die im landläufigen Sinn der Nichtarbeit zuzurechnen wären, ist ein Thema, das in Interviews prägnant war.5) Und "natürlich" sind wir, als vorwiegend freiberuflich tätige KulturwissenschaftlerInnen, von dem Verhältnis oder Unverhältnis von Arbeit und Freizeit im Bereich der (Kultur-) Wissenschaften auch selbst betroffen, verstrickt in unsere Forschungsfragen. Wie lauten also unsere diesbezüglichen Einstellungen und Einschätzungen, wie gehen wir konkret und alltäglich mit Zeit um, und welche Bedeutungen weisen wir wie zu? Machen wir bewusst ein Ganzes aus den vielen, oftmals kleinteiligen wissenschaftlichen Jobs und den anderen, mitunter nötigen, recht unakademischen Arbeiten? Verflechten wir die Arbeitstage mit Lese- und Schreibwochenenden zu Hause, Mittagessen mit KollegInnen und Abenden mit wissenschaftlichem Programm, knüpfen Tagungsreisen wie die nach Bamberg (inklusive Stadtspaziergang, ausgiebigen Kaffeepausen in der Altstadt, lustiger Unterhaltung am Abend mit neuen, interessanten Leuten) ein – fabrizieren wir ein gutes, rundes Leben? Hängen wir damit romantischen Idealen von ganzheitlichem Dasein nach? Legitimieren oder mystifizieren wir unseren Lebensstil? Werden wir als flexible, mobile, innovationsbereite "Freie" selbstverständlich und reibungslos neoliberalen Forderungen gerecht? Unterstützen wir damit eine Rückkehr zu überwunden geglaubten (vormodernen) Arbeitsverhältnissen? All das klingt jetzt dramatisch – sich zu ertappen kann auch witzig sein: als gegenseitiges Beobachten, als Überführen im Team ... etwa wenn man sich genötigt fühlt, das Verlassen des Arbeitsplatzes ausführlich zu rechtfertigen – täglich.6) [5]

Wir arbeiten gerne nah am Material, demgemäß generieren wir Themen und Fragestellungen aus den Quellen und gelangen so zu theoretischen Ansätzen (u.a. nach dem Vorbild von STRAUSS 1998). Im konkreten Projekt ist eine Schwierigkeit, dass die Interviewten oft selbst mit jenen Kategorien argumentieren, die wir analytisch einsetzen: Gender, Generation und Lebensalter, Arbeitsverhältnis(se) bzw. berufliche Position, soziale Herkunft. Europäische EthnologInnen beispielsweise sehen sich gerne als GeneralistInnen; bekunden, dass für sie geradezu alles wissenschaftlich interessant sei. Infolgedessen sind sie immer im Dienst, leben für die Wissenschaft. Welche WissenschaftlerInnen fühlen sich nicht angehalten, sich weit über den "Normalarbeitstag" hinaus wissenschaftlich zu engagieren und dies anderen zu verdeutlichen? Für Analyse und Interpretation ist hier Distanz einzuziehen. Wir versuchen es und konzentrieren uns auf das Wann, Wo, Wie, Warum, auf die genannten Kategorien als Hindernisse und Helfer in Bezug auf Handeln – damit ist auch die Präsentationen des Selbst in einem Interview gemeint.

"Der handlungstheoretisch fundierte Ansatz, biographische Selbstdarstellungen [...] als 'Konstruktionen' zu betrachten, vermeidet im übrigen die – unangemessene und unbeantwortbare – Frage, wie ein Leben 'wirklich' war [...]. Eine Lebensgeschichte, die von einem konkreten Subjekt in einer konkreten biographischen und sozialen Situation 'konstruiert' wird, ist keineswegs 'frei erfunden', sondern bezieht sich auf ein gelebtes und erlebtes Leben und hat für das Subjekt eine Gültigkeit, die in hohem Maße handlungsorientierend ist" (DAUSIEN 1994, S.145; vgl. auch DAUSIEN 2004, S.34). [6]

Zeitpraktiken sind wesentlicher Teil alltäglicher Lebensführung und prägen deren Handlungsmöglichkeiten. Sie sind mit anderen Praktiken vernetzt und verbunden, "bauen mit an einem Verbund verschränkter Beziehungen, in denen sich Wirklichkeit konstituiert. Dieses 'In-Form-Bringen' macht die Dynamik von Praktiken aus. Deren zentrale Wirkung ist nun nicht nur auf Ausdifferenzierung und Besonderung, sondern vor allem auf Verbindung und Verflechtung ausgerichtet" (HÖRNING, AHRENS & GERHARD 1997, S.12). Stefan BOLLMANN schreibt im "Kursbuch Arbeit", dass viele WissensarbeiterInnen dazu neigten, ihre eigene Tätigkeit zu idealisieren. Sie sprächen von "Intuition und emotionaler Intelligenz, wo eigentlich idea-engineering der richtige Begriff wäre" (2000, S.119f.). Nachdem vor hundert Jahren körperliche Arbeit dekonstruiert wurde, stünde nun an, Wissensarbeit zu entmystifizieren – denn auch sie muss sich an Kriterien von Industriearbeit messen lassen: an Produktivität und Effektivität (BOLLMANN 2000, S.120). [7]

Die meisten der interviewten KulturwissenschaftlerInnen reden der gängigen These der fortschreitenden Verschmelzung von Arbeits- und Freizeit zu "Lebenszeit" das Wort. Sie interpretieren ihre Lebensart mitunter als Überwindung der (als negativ eingeschätzten) Trennung von Arbeits- und Freizeit. Ihr Leben scheint eine überwiegend angenehme, problemlose Kombination von mit Arbeit gefüllter Zeit zu sein – selbst und weitgehend nach eigenen Bedürfnissen (BERGER & PAUL-HORN 1997) und Vorstellungen gestaltet, was freilich Klagen über Zeitnot, über Fremdansprüche durch universitäre Verwaltung und Lehre oder Familie nicht ausschließt. Wenngleich alle Interviewten von intensiver Zeitnutzung und von großem Zeitaufwand für die Wissenschaft sprechen, gibt es Differenzen. Sie hängen vor allem mit dem Alter, der privaten Situation und der beruflichen Position zusammen, und sie sind – noch immer – geschlechtsspezifischer Art. [8]

Wir greifen ein sportliches Motto auf, um das Leben als WissenschaftlerIn – in einigen wesentlichen Zügen – zu skizzieren. Wie im Sport geht es in den Wissenschaften um schneller, höher, weiter. Mit "schneller" (Abschnitt 2) sind die – unmittelbar – zeitlichen Komponenten angesprochen: Arbeitszeiten, freie Zeiten, Umgang mit Zeit, diesbezügliche Ansprüche an sich selbst und Erwartungen von außen. Schnell meint also auch die Geschwindigkeit des Produzierens, der Rezeption und den Bestand bzw. die Verfallszeit von Ergebnissen wissenschaftlicher Arbeit. "Höher" (Abschnitt 3) spielt auf die Strukturen des universitären Betriebes an, lässt sich als Attribut aber genauso auf andere akademische Bereiche anwenden. Berührt werden hier Hierarchien, die Verfasstheit von Feldern für Selbständige und "Freie", Themen wie Karriere, Konkurrenz, Marktmäßiges und Institutionelles. Der sogenannte wissenschaftliche Fortschritt wird mit "weiter" (Abschnitt 4) bezeichnet; mit der Präsentation von Inhaltlichem befassen wir uns unter diesem Begriff, mit der "Weiterentwicklung" von WissenschaftlerInnen, auch mit Inter- und Transdisziplinarität, mit Netzen und Kontakten. [9]

2. Schneller?

Ein Universitätsprofessor erzählt:

"Es hat ja immer Spaß gemacht, also Schreiben hat mir immer Spaß gemacht. Und von daher hat man es eigentlich gar nicht als belästigende Arbeit empfunden. Man hat ja auch nicht, das kennt ja jeder von uns, keinen Arbeitstag von Montag bis Freitag oder so. Da hab ich noch nie dran gedacht oder mir noch überlegt, und man hat eben immer wieder schöne Projekte machen können."7) [10]

In "modernen" Gesellschaften haben sich seit dem 19. Jahrhundert zusehends die Bereiche Arbeit und Freizeit als zeitlich, sozial, kulturell und physisch unterschiedliche Sphären herausgebildet. Dabei ist Freizeit nicht ubiquitär (STENGEL 1998, S.22). Eine Bäuerin oder Gastwirtin wird vielleicht für sich gar kein Recht auf Freizeit in Anspruch nehmen. Dennoch ist die Trennung von Arbeit und Freizeit eine allgemeine Norm: getragen unter anderem von mächtigen Interessenverbänden, die sich ansonsten durchaus kritisch gegenüberstehen; man denke etwa an die gemeinsame Verteidigung des arbeitsfreien Sonntags von Gewerkschaften und Kirchen in der Debatte um die Ladenöffnungszeiten am Wochenende. WissenschaftlerInnen scheinen hier ein wenig außerhalb der Norm zu sein. Sie hängen anderen Regeln und Idealen an, zumindest wenn sie lebensgeschichtlich erzählen. Freizeit als eine von Arbeit abgekoppelte Sphäre, Hobbys oder gar Leidenschaften über den Beruf hinaus können nicht stattfinden. Für den oben zitierten Professor ist es bislang nicht einmal im Bereich des Denkmöglichen gewesen – "[d]a hab ich noch nie dran gedacht oder mir noch überlegt" –, dass es auch etwas Anderes geben könnte als Schreiben, Forschen, Projekte bearbeiten usw. [11]

Er lebe intensiv, sagt ein Wissenschaftler, "vielleicht zu intensiv". Neben dem Rauchen und Trinken erwähnt er seine Art der Lektüre: Wenn er einmal dazu komme, dann lese er "total", in einem durch – und ist damit erzählerisch schon bei seiner wissenschaftlichen Arbeit. Im selben Zusammenhang schildert er seinen letzten Sommerurlaub am Meer. Befreit von den Verpflichtungen des Alltags, habe er es sich dort "extrem gut gehen lassen". Aus dieser Situation heraus habe er erst recht viel und konzentriert gearbeitet und ein ganzes Buch als Rohfassung "runter geschrieben."

[Interviewter] "Ist vielleicht wiederum eine Form von Extremität. Wenn ich einmal beginne, dann kann ich nicht wirklich leicht aufhören.

[Interviewerin] "Und gibt es so was wie Nichtstun?"

[Interviewter] "Nein, ich kenne den Status des Nichtstuns nicht."

[Interviewerin lacht]

[Interviewter seufzt] "Ich weiß nicht, wüsste nicht, wie ich das beschreiben könnte. Beziehungsweise: Ich will nicht nichts tun. Weiß nicht, was das ist. [...] Ich kenne das nicht als Erfahrung. [...] Freizeit ist auch so eine Sache. Also ich kenne Freizeit nicht im Sinne von Freizeit, der in der Freizeitgesellschaft. [...] Das wäre eine Zeitvergeudung, wäre das für mich. Wenn Beruf zum Hobby wird oder umgekehrt, gibt es keine Grenzen mehr. Freizeit/Beruf, Tun/Nichtstun, das sind Kriterien, mit denen fange ich wirklich nichts an. Das ist schon ein Wahnsinn, auf welches Leben man sich da eigentlich einlässt. [...] Es gibt kein Modell, dem man nacheifern soll, wahrscheinlich. Aber jedenfalls scheint mir, dass ich so hochgradig glücklich bin. Und das ist ja eigentlich sehr schön – glücklich, auch in all den Belastungen." [12]

Vorerst wird auf individueller Ebene gedeutet: Aufgrund seiner Persönlichkeit arbeite er als Wissenschaftler so intensiv. Zugleich wird deutlich, dass dem Interviewpartner im Normalalltag des Universitätsbetriebs als Professor – und nunmehr doch eher strukturell bedingt – keine Zeit zum Lesen bleibt. Gibt es Gelegenheit zur Lektüre, zum Schreiben (zur wissenschaftlichen Arbeit im engeren Sinn), wird sie intensiv, ja absolut genützt. Das Arbeitsethos ist enorm. Der Wissenschaftler will nicht einmal Restzeiten für landläufig Freizeitmäßiges erübrigen. Ja, er kann gar nicht Nichtstun, und im Unterschied zu anderen (Berufs-) Gruppen, die Freizeit haben und Freizeitkultur entwickeln wollen, ist ihm dieses Bedürfnis fremd. Sein Beruf sei ohnehin auch Hobby, oder konnte er sein Hobby zum Beruf machen? Urlaub fungiert hier nicht als Gegenwelt (HENNIG 1999, v.a. S.43-53). In Distinktion zu anderen (Nicht-WissenschaftlerInnen) verlässt er (als Wissenschaftler) den Alltag, begibt sich an einen anderen Ort, um dort erst recht – und endlich richtig – zu arbeiten. Eine reflexive Schleife gegen Ende des Zitats beginnt ambivalent: Womöglich habe dieser Lebensstil – er ist jetzt nicht mehr ganz so individuell gefasst, sondern weiter und auf die Wissenschaften bezogen – eine Nähe zum Wahnsinn. [13]

Biografischer Erfolg meint die Fähigkeit einer Person, "die Geltung ihres Lebensentwurfs zu behaupten und dafür bei anderen Anerkennung zu finden" (GIEGEL 1995, S.213). Glücklich zu sein ist wichtigste Lebensaufgabe, ist gewissermaßen gleichbedeutend mit Erfolg auf allen Längen – so kommt unser Gesprächspartner letztlich zu einem positiven Schluss: verrückt sei dieses Leben als Wissenschaftler, aber ihn mache es wirklich glücklich. Das moderne Subjekt muss Verantwortung für sein Leben und sein Lebensglück übernehmen, nötigenfalls ist es angehalten, an sich zu "arbeiten": "Arbeite an dir selbst, verbessere deine Lebensqualität, emanzipiere dein wahres Selbst, beseitige Abhängigkeit, verwirkliche dein Potential" (ROSE 2000, S.17). Sei glücklich! Diese Forderung nach Kontrolle über das Ich passt zu den Forderungen rund um das das "unternehmerische Selbst" (BÜHRMANN 2005). Dessen Unternehmungen sollen glücken, Ziele sind zu definieren und Bedürfnisse durch eigene Kräfte zu erfüllen.8) Das Gravitationszentrum – die Interviewpassage ist absolut keine Ausnahme – ist die Arbeit. Mehrere Umfragen zeigen, dass Angehörige "westlicher" Gesellschaften sich als in ihrer Freizeit aktiv darstellen; sozial unerwünschte Aktivitäten sind in diesen Präsentationen deutlich unterrepräsentiert (STENGEL 1998, S.29). Langeweile, kommentiert Gerhard SCHULZE, ist die "letzte noch mögliche Sünde" (1999, S.39). Das lässt sich wohl problemlos auf Wissenschaft übertragen – dort ist offensichtliches Nichtstun unerwünscht, ja unmöglich – es wird hier vielleicht noch stärker sozial sanktioniert als in anderen Bereichen der Gesellschaft. [14]

Sollte etwa die Position im universitären Betrieb bedingen, dass viel Zeit auf Wissenschaftsmanagement verwendet werden muss, Verwaltungstätigkeiten im Mittelpunkt stehen, darf die im engeren Sinn wissenschaftliche Arbeit möglichst nicht darunter leiden, das heißt vor allem, nicht an Quantität und Geschwindigkeit einbüßen. Schneller muss gelesen und geschrieben werden, damit man weiter kommt. Und wie in vielen anderen wirtschaftlichen Bereichen gelten für wissenschaftliche Produktion neben Qualität zahlreiche andere Kriterien. Eine Professorin berichtet:

"Und wenn man immer optimal und im bestmöglichen Zustand ist, da ist es dann egal, ob man das jetzt als Freizeit bezeichnet oder als Arbeitszeit. Das einzige, was ich brauche, sind sieben Stunden Schlaf. Das ist klar. [...] Manchmal passiert es mir, dass ich bis drei Uhr sitze, nicht. Dann muss ich länger schlafen, dann brauche ich länger in der Früh. [...] Und dann, es gibt keine Dienstzeit, ich muss da sein, um halb zwölf, wenn ich meine Sprechstunde hab, bin ich im Büro und dann erledige ich das, was ich hier unbedingt erledigen muss. Das dauert manchmal dann bis sechs, also ich hab wahnsinnig viel an organisatorischen Arbeiten." [15]

Institutionalisiert arbeitende WissenschaftlerInnen sind, obschon berufen und intensiv für die Sache eingesetzt, privilegiert – auch und gerade im Vergleich mit ihren freiberuflichen KollegInnen. In Grenzen können sie die Dauer ihrer Ansprechzeit, ihrer Anwesenheit am Arbeitsplatz variieren, sie verfügen über Puffer (auch personeller Natur – mit Sekretariaten etc.; erzählt wird davon nie) und Refugien, haben die Möglichkeit zu delegieren. Ihre Eigenverfügbarkeit über Zeit, ihre "Eigenzeit" (NOWOTNY 1989), ist damit eine relativ größere. In einigen Aspekten wird die eigene Arbeit dennoch als Mühe, Anstrengung, Last oder Belastung erfahren. Die Interviewte "muss" zur Sprechstunde im Institut sein, "muss" viel Organisationsarbeit verrichten. Dabei bestimmt nicht eine regulierte Arbeitszeit das Tun, sondern die zu verrichtende Arbeit die aufzuwendende Zeit. Es gibt keinen geregelten Feierabend; manchmal sitzt man eben bis in die Nacht hinein. Unsere Interviewten streichen immer wieder heraus: Auch Abende, Wochenenden, Feiertage und Urlaubszeiten sind Arbeitszeiten. In gängigen Bildern und Vorstellungen rund um Arbeit und Freizeit schwingt stets mit, dass erstere mühsam, zweitere angenehm und erholsam ist. Interessant, dass – wenn unsere Interviewpartnerin von einem "bestmöglichen Zustand" spricht –, nicht Freizeit als möglicher Gegenpol zur Arbeit gemeint ist. Vielmehr, wir haben es schon erwähnt, lösen sich Arbeit und Freizeit als Kategorien völlig auf. Ideal und Norm sind eine Arbeitspraxis, die alle Bedürfnisse abdeckt, die üblicherweise in der Freizeit befriedigt werden. Bleibt als Gegenwelt oft nur mehr der Schlaf, der sich nicht wegrationalisieren lässt. [16]

Arbeit und Leben dürfen nicht auseinanderfallen, wissenschaftlich ist das Ganze. Eine Berufung lässt sich nicht abschalten. Dazu gehört auch, die Loyalität zum Fach, zur community, zu deren Institutionen und das Bewusstsein um die eigenen Aufgaben immer wieder zu demonstrieren: Ein Kulturwissenschaftler widmet ein umfangreiches Werk "seinem" Institut und fügt "wofür es sich zu leben und arbeiten lohnt" an.9) Biografien enthalten oft das Programm "Leben für die Familie"; in wissenschaftlichen Kreisen wird Familie oft mit dem Institut10), dem Ort und sozialen Zusammenhang der Arbeit, gleichgesetzt. Die "wirkliche" Familie wird oft gar nicht erwähnt. Frauen haben es auch in dieser Beziehung nach wie vor schwerer. Denn sie müssen Entscheidungen treffen, die sich für Männer so bislang nicht stellen. Wenn nicht im Spannungsfeld eines Entweder-oder, also Familie oder wissenschaftliche Karriere, entschieden werden muss, so steht ein komplexes Verbindenmüssen an, ein Auf-einen-Nenner-bringen – zur Zufriedenheit aller und seiner selbst ("Superwoman"). Viele Geschichten (vgl. auch INGRISCH 1992; LICHTENBERGER-FENZ & INGRISCH 2000; SCHWEIGHOFER-BRAUER 2002, S.230) zeigen: Auch wenn Partner sich an Reproduktions- und Familienarbeit beteiligen, verbleibt ein Großteil des Organisations- und Koordinationsaufwandes in Verantwortung von Frauen, das Stets-daran-Denken ist ihres. Frauen sind trotzdem befangener, Familie als Karrierehindernis ins Treffen zu führen. Allgemeiner Konvention entsprechend, haben sie ja gewählt und hätten auf eigene Familie, Kinder insbesondere, verzichten können. Männer sind – einmal mehr – ungebundener. Sind Wissenschaftler zugleich Familienväter, bekennen sie nicht selten (retrospektiv), die Familie vernachlässigt oder gar irgendwann hinter sich gelassen zu haben, wenn sie allzu sehr Platz griff, die eigene Flexibilität beschnitt, an äußerer und innerer Mobilität hinderte. [17]

Jene, die "durchgehalten haben", auch wenn die Familie eventuell ab und zu der Karriere hinderlich war, interpretieren ihr Familienleben als im Endeffekt nicht kontraproduktiv. Mit Hilfe oder auf Basis einer eigenen Familie werden (im Wissenschaftlichen) Prioritäten gesetzt und damit Ressourcen geschont – was für dauerhaftere Einsatzfähigkeit sorgt. Denn man konzentriert sich auf das Wesentliche, vermeidet "leere Kilometer", investiert präzise und kommt so am Ende schneller, höher und weiter. Während der Endphase seiner Habilitation habe er, so berichtet ein Wissenschaftler im Interview, über ein Jahr hinweg kaum geschlafen, weil er ständig unter Druck stand. Er fügt hinzu, dass ihn später seine Familie vor solchen und ähnlichen "Dummheiten" bewahrt habe. Familienleben unterstützt Funktionieren; wenngleich es auf "praktischer Ebene", wie er es ausdrückt, oft, "allein schon auf der freizeitlichen Ebene", zu Konflikten komme. [18]

Nun könnte man meinen, der befragte Wissenschaftler rekurriere praktisch auf ein Familienmodell, dass in seiner Branche längst ad acta gelegt worden ist.11) Aber der Sprecher bezieht sich weniger auf die Familie als Ort der Geborgenheit, wo die wahren Werte und Gefühle gehortet würden. Er betont vielmehr den größeren Erfahrungszusammenhang (doch wieder die wahren Werte?), der sich ihm über Familie erschlösse und der wiederum für wissenschaftliche Arbeit nutzbar sei. Durch seine Familie würden ihm Fragen bewusst, die er sonst so gar nicht gestellt hätte. Ein breiterer Zusammenhang, plurales Wissen bringt ihn inhaltlich weiter. So ist Familie zwar Störfaktor, doch zugleich eine wissenschaftliche Ressource und ein Korrektiv. Sie verleiht Form, indem sie zeigt, dass es neben dem wissenschaftlichen noch andere Alltage gibt, dass diese Alltage aus vielen unterschiedlichen Elementen bestehen.12) Kein Wunder, dass so manche Autoren von wissenschaftlichen Publikationen schlechtes Gewissen gegenüber ihren Lieben zu Hause empfinden; und manche beruhigen es, indem sie Beziehungen öffentlich erneuern, implizit Besserung versprechen oder wenigstens Abbitte leisten. Warum also nicht das neue Buch der Partnerin oder den Kindern widmen oder den Eltern etc.13) [19]

Diese Paratexte haben immer zwei AdressatInnen, außer an die Genannten richtet sich eine solche Widmung auch an die LeserInnen. Werkszueignungen sind immer demonstrativ und exhibitionistisch, sie stellen Beziehungen zur Schau – intellektueller, privater, "realer" oder symbolischer Art. Diese Demonstration stehe stets im Dienst des Werkes (erhöhe seinen Wert, motiviere Kommentare), erklärt Gérard GENETTE und schließt: "Dahinter steckt etwas zutiefst Verwinkeltes" (2001, S.131f.). Zudem: "Der Adressat der Zuneigung ist gewissermaßen immer verantwortlich für das ihm zugeeignete Werk" (2001, S.133). Die Wissenschaftler-Gattin wird bedankt, ob ihrer Geduld und Rücksichtnahme, ob Verständnis und Mühewaltung, andererseits wird sie damit auch (mit-) verantwortlich gemacht und etwaige Schwächen des Textes könnten auf ihr Konto gehen. Der Autor konnte praktisch nicht ganz so, wie er wollte, denn er hat schließlich noch Familie, Versorgungspflichten usw. [20]

Ein anderer Universitätsprofessor erwähnt Familienarbeit im Zusammenhang mit seinem Studium. Er hat ehedem schnell studiert. Nach dem frühen Tod seiner Eltern konnte er es mit einem Stipendium finanzieren, musste aber auch seine um einige Jahre jüngere Schwester versorgen. "Ich habe dann studiert in der Zeit, die so spannend war, so rund um die '68er'. [...] Ich habe gar keine Zeit gehabt, da mitzutun, auch weil ich für das Stipendium doch verschiedene Leistungen zu bringen hatte." Dass er sein Studium schnell absolviert hat, unterscheidet ihn von einigen unserer anderen InterviewpartnerInnen, die etwa in seinem Alter sind und die ebenfalls Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre studiert haben. Bei diesen ist von einer Reihe von Umwegen die Rede: von einem hochschulpolitischen Engagement, von vielen langen Nächten des Diskutierens mit StudienkollegInnen, aber auch und gerade von Aktivitäten, die über den Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb hinausweisen: etwa politische Auftritte oder journalistische Aktivitäten. "1968" ist eine retrospektive Konstruktion, die man mit allen möglichen und differenten biografischen Daten versehen kann (BUDE 1997, S.39) – geradezu muss. Auch der eben zitierte Interviewpartner kommt aufgrund seines Alters und des Zeitraums seines Studiums nicht daran vorbei, auf "1968" zu verweisen und sich diesem "Generationszusammenhang" (MANNHEIM 1928, S.310f.) zuzuordnen. Der Hinweis auf seine damaligen Versorgungspflichten entlastet ihn jedoch quasi von der – retrospektiven – Notwendigkeit, um "1968" mehr als "nur" studiert zu haben. [21]

Der wissenschaftliche Werdegang derer, die hervorstreichen, dass sie zu dieser Zeit über das Studium hinaus aktiv gewesen sind, erscheint in den entsprechenden lebensgeschichtlichen Erzählungen dennoch nicht langsamer oder brüchiger. Während für den einen die ausschließliche Konzentration auf das Studium die Grundlage für den eigenen schnellen und kontinuierlichen wissenschaftlichen Werdegang bildete, dienen dazu bei einigen anderen gerade die gegenteiligen Erfahrungen: So lässt sich für einen unserer Interviewpartner, um nur ein Beispiel herauszugreifen, relativ leicht ein Link von seinem ehemaligen Engagement in kommunistischen Gruppen zu seiner späteren wissenschaftlichen Erforschung von Arbeiterkultur legen. Martin KOHLI (1981, v.a. S.452-455) hat gemeint, dass insbesondere WissenschaftlerInnen in lebensgeschichtlichen Erzählungen eine Kontinuität sicherstellen, weil Kontinuität – hinsichtlich der inhaltlichen Arbeit – eine Grundanforderung des Wissenschaftsbetriebs sei. Wenn das zutrifft, dann ist diese Notwendigkeit zur biografischen Kontinuität und Kohärenz aber so abstrakt, dass sich alle möglichen Erfahrungen im Nachhinein hier zusammenfügen lassen. Und das ist gut so, denn durch das Biografisieren wird potenziell eine Balance zwischen eigener Lebensgeschichte und gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen hergestellt (ALHEIT 1993, v.a. S.387f.). Das gilt nicht nur für WissenschaftlerInnen. Paul RICŒUR (1986, S.36) sieht in der "Fähigkeit, die Kontingenz dem Sinn zu integrieren", den "fundamentale[n] Charakter" jeder historischen Erzählung – und somit auch der biografischen. Besonders "in persönlichen und gesellschaftlichen Krisenzeiten und in sich vervielfachenden Lebenswelten ist dieses Sich-und-anderen-Erklären, warum das Leben so und nicht anders verlaufen ist, Notwendigkeit" (LÖFFLER 1999, S.68). Wenn WissenschaftlerInnen sich auf lebensgeschichtliches Erzählen einlassen, dann fällt dieses Erklären tendenziell jenen leichter, die aus dem Hier und Jetzt auf eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere zurückblicken können. [22]

3. Höher?

Eine "freie" Literaturwissenschaftlerin, Anfang der 1960er Jahre geboren, berichtet über die Zeit nach ihrem Studienabschluss:

"Ich habe in der ersten Panik vollkommen abstruse Jobs angenommen, einfach aus, ja aus purer Überlebenspanik. Ich war, glaube ich, vier Jahre lang in einem Sonnenstudio. [...] Es waren Phantasien, die ich dann am Anfang damit verbunden habe: Dass ich jetzt mein Einkommen gesichert habe, und jetzt wird an meiner Diss geschrieben. Vollkommen wahnwitzig, weil im Endeffekt hat mich das so viel Zeit gekostet, dass nebenbei überhaupt nichts mehr passiert ist – über zwei, drei Jahre. Und dann hat so was wie kurze Panik eingesetzt, dass ich mich jetzt schon vollkommen verzettelt habe. [...] Da sind andere längst Assistenten." [23]

Das, was heutigen UniversitätsprofessorInnen gelingt, nämlich durchaus heterogene lebensgeschichtliche Erfahrungen in einen einheitlichen sinnvollen Kontext zu stellen, gelingt der außeruniversitär tätigen Wissenschaftlerin, so vermittelt zumindest diese Passage, nicht. Sie ist zu langsam, "zu spät". Zwar weist sie (an anderen Stellen) – wie arriviertere InterviewpartnerInnen – darauf hin, dass sie keine Freizeit habe, dass sie quasi rund um die Uhr arbeite. Aber dies geschieht nicht in einer, sondern in zwei Logiken, die konkurrieren können: Wissenschaft und Geld (BOURDIEU 1998, S.27). Die Norm eines geradlinigen wissenschaftlichen Aufstiegs ist als Leitbild auch weiterhin in den Köpfen der vielen akademischen "Patchwork-JobberInnen" (RUSSO 1999, S.57) präsent, deren Berufsbiografien Puzzles aus unterschiedlichsten Erwerbstätigkeiten sind: Freie WissenschaftlerInnen arbeiten oft in Forschungsprojekten, sie müssen aber darüber hinaus noch eine Reihe von anderen Jobs ausüben, die weniger bis nichts mit ihrer akademischen Ausbildung zu tun haben. Diese Praxis scheint aber nicht kompatibel mit der Vorstellung eines "normalen" wissenschaftlichen Werdegangs, der ein Aufstieg ist: Diplom, Dissertation, AssistentIn, Habilitation. Da genügt es nicht, im Alter von fast vierzig Jahren nur die erste Stufe der Leiter überwunden zu haben. Insbesondere Frauen arbeiteten lange "im Schatten der Universität" auf Projektstellen (SCHWEIGHOFER-BRAUER 2002, v.a. S.229).14) [24]

In lebensgeschichtlichen Interviews kommt das Gebot des "Schneller" implizit zur Sprache (vgl. "tacit knowledge", POLANYI 1985), ist aber auch direkt besprechbar. Weit schwerer besprechbar ist das "Höher".15) Zwar werden zahlreiche Erfolgsgeschichten erzählt, aber nie wird die eigene wissenschaftliche Karriere als hierarchischer Aufstieg präsentiert. Erzählungen über die eigene berufliche Laufbahn sind unmittelbar an konkrete wissenschaftliche Arbeiten gekoppelt, stets inhaltlich bemäntelt. Kaum je wird das Thema Macht berührt; zwischen den Zeilen aber geht es sehr oft genau um diesen Aspekt des Lebens als WissenschaftlerIn. [25]

Eine der Professorinnen aus unserem Sample thematisiert ausführlich akademisches Zeremoniell und die – ganz persönliche – Bedeutung der Feierlichkeiten, der Rituale und der zur Verwendung kommenden Utensilien (dazu sehr kritisch OBERKOFLER 1999). Nach den vielen Hürden und Bürden ihrer wissenschaftlichen Laufbahn bis zur – nunmehr erreichten – hohen und abgesicherten Position im Universitätsbetrieb, angetan mit Talar und Barett, fühlt sie sich endlich als "Gleiche unter Gleichen". So oft hatte sie sich als Frau auf der "falschen Seite" gesehen, sich als defizitäres Wesen wahrnehmen müssen. Jahrzehnte hatte sie gegen äußere Umstände – die bis in ihre Herkunftsfamilie reichten – anzukämpfen, die sie immer daran hindern wollten, ihr Ziel zu erreichen. [26]

In solch feierlichen Momenten, als Promotrix16) im professoralen Talar in einer Rolle, die man aufgrund erbrachter Leistung zugewiesen bekommt, fühle sie sich endlich anerkannt, nicht mehr Herkunft und Geschlecht seien ausschlaggebend, sondern Position und Arbeit. Akademische Rituale und deren Zubehör verweisen als Symbole verdichtet darauf hin, versichern ihr "in einer Welt zu sein und sich schlagartig normal fühlen, man ist in seinem Element, und man kann sich als Gleiche unter Gleichen da bewegen". Fungiert sie als Promotrix in akademischen Promotionsfeiern im Universitätsfestsaal, ist sie, so erzählt die Kulturwissenschaftlerin, regelmäßig zu Tränen gerührt. Die rituellen Handlungen bzw. die Vorbereitungen dafür lassen Gefühlsäußerungen zu, die ansonsten im universitären Alltag keinen Platz haben; einer Professorin steht es kaum an, Tränen zu vergießen. In einer rituell tragenden Rolle mag es angehen, große Gefühle zu zeigen. Individuell verursacht die Gewissheit – für sich persönlich – die Geschlechterungerechtigkeit dieser Welt überwunden zu haben, wenn vielleicht auch nur für diesen Moment, große Emotionalität. Nach außen hin mögen professorale Tränen als zutiefst menschlich gedeutet werden, als Verhalten, das das Zeremoniell von zu viel Würde und antiquiertem Pomp befreit. [27]

Der Topos "Gleiche unter Gleichen" ist auch stärker verallgemeinernd zu deuten: Akademikerinnen nehmen am wissenschaftlichen "Spiel" teil und unterscheiden sich darin "nie grundsätzlich" von Männern. Sie kämpfen genauso um Inhalte und Anerkennung, um Macht, sie stehen in Konkurrenz darum. Zwar sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert, vor allem in den höheren Positionen, dennoch sind die Bilder von Frauen in den Wissenschaften differenzierter geworden (HASENJÜRGEN 1996, S.43; vgl. KRAIS 2000, S.11; HOLLAND-CUNZ 2005, S. 75ff.). Brigitte HASENJÜRGEN beobachtet dennoch, "daß Geschlechterstereotype als Mittel zur 'Verwaltung' eigener Probleme im wissenschaftlichen Feld eingesetzt werden: Einige Frauen zitieren immer dann das Bild der Männer als Drahtzieher, wenn es darum geht, selbst empfundene Unzulänglichkeiten [...] zu kaschieren" (1996, S.47). Menschen sind von vielen unterschiedlichen Angeboten zur Einschätzung der eigenen Person und der Umwelt umgeben; interessant ist, welche Wissensvorräte, Bilder und Typisierungen während eines Interviews, in einer ganz spezifischen (Kommunikations-) Situation also, genutzt werden, um Rahmen zu bewerten, um Handeln zu erklären. [28]

Eine Universitätsprofessorin erzählt ihren beruflichen Aufstieg als permanenten individuellen Kampf im männerdominierten Wissenschaftsbetrieb. Von Bündnissen mit KollegInnen, Netzwerken oder gar Freundschaften spricht sie nie – mit einer für sie wichtigen Ausnahme:

"Also ich habe seit dem Abitur dann mit [Name] zusammengelebt, [...]. Also wir haben zusammen studiert, waren zusammen in [Ortsname], waren an allen Studienorten zusammen, haben Examen gemacht. [...] Meine Lebensenergie ist ja bis jetzt eigentlich extrem aufgesogen worden von diesem geschlechtsuntypischen Weg, den ich zusammen mit meinem Partner gehe. Und insofern versuche ich überhaupt eine Harmonie in meinem Leben zu finden, zwischen dem Professorinsein oder der Qualifikationsstrecke vorher und der Art, wie wir unsere Paarbeziehung verstehen. Und ich kann eigentlich jetzt erst anfangen zu überlegen: Wo könnte Kraft sein, um Freundschaften zu pflegen?" [29]

Die Partnerschaft erscheint als harmonischer Gegenpol. Hier erfährt die Wissenschaftlerin Anerkennung und Unterstützung für eine berufliche Karriere im "Draußen", wo Konkurrenzen herrschen, sie unablässig gegen Widerstände ankämpft. Die Interviewpartnerin spricht angesichts eines individualistischen beruflichen Werdegangs gar von einer "déformation professionelle". Geht das "Schneller" und "Höher" auf Kosten sozialer Beziehungen? Sind Freundschaften zu "Gleichen", die ja auch potenzielle KonkurrentInnen sind, Barrieren für ein Schneller und Höher? Und wenn man "oben" ist: lassen sich von dort aus noch Freundschaften knüpfen? Die von der Interviewpartnerin nun als Universitätsprofessorin neu aufgenommenen sozialen Beziehungen sind vor allem solche mit StudentInnen und Post-Docs im Kontext von Diplomarbeits- und Dissertationsbetreuung und Forschungsprojekten. Die Beziehungen sind demnach eng mit Arbeit verknüpft; und da sind auch nicht "Gleiche unter Gleichen" zusammen. Die Professorin sieht sich in der Rolle einer fürsorglichen Mutter: "Ich bin hier verbeamtet, und ich nehme meine Verantwortung auf eine sehr bedrückende Weise mit nach Hause oft aufs Kopfkissen. Ich träume von Präsentationen, ich rufe dann die Studierenden zwei Tage später an." [30]

4. Weiter?

KulturwissenschaftlerInnen erzählen meist ungern über den eigenen Aufstieg – über ihr "Höher". Positiv besetzt ist dagegen "Weiter" – in doppelter Hinsicht: "Weiter" als ein weites, internationales Netz an Kontakten mit KollegInnen und als weiter biografischer Erfahrungshorizont. Beides verweist auf ein wissenschaftliches – inhaltliches – Weiterkommen. [31]

Abgesehen von der eigenen Familie können die Herkunft, so man nicht inmitten von UniversitätsprofessorInnen aufgewachsen ist, oder die eigene Herkunftsregion (Land und Leute!) WissenschaftlerInnen vor zu viel Abstraktion und Realitätsverlust bewahren. Sie stellen ganz andere Welten dar, beziehungsweise ganz andere Welten sind dort zu finden, heilsame Gegenkonzepte zu akademischer Gelehrsamkeit und universitärer Betriebsblindheit. In Herkunftsmilieus und -regionen lässt es sich zwischendurch gedanklich flüchten. Oder man sucht sie tatsächlich auf, von Zeit zu Zeit und üblicherweise und wohlweislich nur für eine bestimmte, kurze Zeitspanne – nicht selten eigentlich ohnehin zu Forschungszwecken. Dieses Dortsein – virtuell oder physisch – trägt jedenfalls zur Relativierung des eigenen Tuns, des eigenen Status bei, nicht ohne beides zugleich zu bestätigen – prinzipiell infrage gestellt wird nichts, nur hinterfragt. Der enge Kontakt mit Menschen in anderen Lebenszusammenhängen unterstützt diese Form von Selbstreflexion. WissenschaftlerInnen (und hier wieder im speziellen "ordentlich" institutionalisierte) haben und pflegen viele Kontakte – intergenerationelle, interuniversitäre, interdisziplinäre, internationale etc. [32]

Aus anderem Blickwinkel besehen aber scheinen die Sozialkontakte mitunter recht eingeschränkt – WissenschaftlerInnen interagieren vor allem in ihren eigenen angestammten professionellen Bereichen. Einer unserer Interviewpartner betont besonders, wie wichtig es ihm "vor dem Hintergrund dieser Dummschwätzerei" (er meint damit "reines", abstraktes Theoretisieren um seiner selbst willen) sei, immer wieder in seine Herkunftsregion zurückzukommen. Dort, in der Arbeiterstadt, holt er sich Pragmatismus und Einfachheit, Alltagsnähe und Klarheit. Das einfache und klare Denken und positive Begrenzen, das der Kulturwissenschaftler an seinem früheren Wohnort lokalisiert, erstreckt sich auch auf das Thema Arbeit/Freizeit. So lassen ihn seine früheren NachbarInnen wissen: "Das und das ist Arbeit, das und das ist Freizeit. Das sind Zusammenhänge, die für uns wichtig sind." [33]

Und mit dem Stichwort Freizeit gelangt der Forscher zu den einschlägigen Fallen der Feldforschung in der ehemaligen "Heimat". Man wird gekannt und soll selber kennen. Das bedeutet auch, mit in die Kneipe zu gehen, mit zu trinken, die Einladung zum Fest des Gartenvereins anzunehmen und den Abend durchzuhalten. Dafür erhält man – also der Herr Professor, der eben doch ein ganz normaler Mensch ist, einer wie du und ich – dann soziale Anerkennung.

"Das ist dann auch irgendwo eine Sache, wo die sagen: 'OK, der [eigener Vorname], der ist in Ordnung. Der soll nur dabei sein.' Da war also die Erfahrung, dass ich mich einerseits freute, aufgenommen zu sein, andererseits natürlich, das ist eine ganz spießige (Ecke) [sehr leise] [Interviewer und Interviewter lachen]. Heino-Musik und in der Richtung oder diese ganzen Tanzvergnügungen, die man ja eigentlich schon lebensgeschichtlich völlig hinter sich gelassen hatte, aber die dann eine andere Dimension haben, sowohl für den Forschungsprozess wie für die Erfahrungen dahinter." [34]

Eintauchen in Erfahrungsräume, die man eigentlich schon längst (und bewusst) [sehr leise] verlassen hatte, ermöglicht ungewöhnliche Wahrnehmungen und auf deren Basis wiederum neue, originelle Gedanken. Sie können, bezogen auf Theorie und Empirie, wie unser Interviewpartner erläutert, als "wichtige Korrektur" wirken, die DeuterInnen vor Anmaßung bewahren. Damit bedeutet vorübergehendes Eintauchen in andere Milieus, vertraute Umgebungen und Sozietäten, nicht nur Entspannung, entspannte Anerkennung. Der Aufenthalt in anderen Welten ist wissenschaftlich nutzbar, er erweitert den Horizont. [35]

Biografische Erfahrungsbereiche, gerade solche, die auf Außerwissenschaftliches verweisen, können also ein inhaltliches "Weitersein" erklären. Einer der Interviewpartner, Universitätsprofessor, wir haben ihn bereits zitiert, erläutert, warum er sich "1968" nicht politisch engagierte. Familiäre Pflichten nennt er und meint weiter: "Auf der anderen Seite war mir das eigentlich zu kindisch. Weil zum Unterschied von den meisten linken Leuten wusste ich, was ein Arbeiter ist. Ich kam von dort. Das waren meistens doch Bürgersöhnchen und -töchterchen." Die eigene Herkunft, im konkreten Beispiel ist der Interviewpartner in einer städtischen Arbeitersiedlung aufgewachsen (wenn auch als Sohn eines Beamten), wird als Vorsprung gegenüber anderen gedeutet. Es sind die Erfahrungen, die einen als "native speaker" (LINDNER 2001, S.18) in einem gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Diskurs ausweisen. Der Interviewpartner greift das Segment von "1968" heraus, wo seine biografische Erfahrung am ehesten als Kapital oder Legitimation dienen kann. Er hatte es – im Gegensatz zu anderen nicht mehr "kindisch", sondern bereits erwachsen – gar nicht mehr nötig, sich am Kapitalismus abzuarbeiten, weil er das Proletariat – in der Praxis – selbst erlebt hat. Die eigene biografische Erfahrung ersetzte – wenigstens in dieser Situation – theoretische Auseinandersetzung. [36]

Alles und jedes kann zum Kapital werden: die soziale oder regionale Herkunft, ebenso (wie Erzählungen anderer InterviewpartnerInnen und veröffentlichte Autobiografien zeigen) die Kinder, die man aufgezogen hat, Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg oder die "richtige" politische Einstellung, die nicht unbedingt mit der "richtigen" Herkunft korrespondieren muss. Und freiberufliche ForscherInnen können auf Basis einer unterprivilegierten Position gar "besondere Wissensbeiträge liefern" (SCHWEIGHOFER-BRAUER 2002, S.233). [37]

Auch mit Hilfe eigener Kreise ist gut weiterkommen. Die meisten unserer InterviewpartnerInnen, zumal wenn sie erfolgreich sind, erwähnen internationale Kontakte, Bekanntschaften oder Freundschaften mit "Gleichen" oder hierarchisch Höherstehenden, mit den Stars der Disziplin etwa. Auch im (räumlich) Nahen können nutzvolle Beziehungen entstehen. Manchmal funktionieren sie ganz entspannt – jedenfalls auf den ersten Blick. Ein Freundeskreis trifft sich einmal monatlich – ohne strengen wissenschaftlichen Fokus; man liest, wofür man bislang nie Zeit gehabt hat: Goethe und Jean Paul. Ja, man wollte sich schon irgendwie inhaltlich neu orientieren, befanden sich die Universitäten doch gerade und wieder einmal in einer Krise, waren sämtliche Reformpläne gescheitert usw. Diese Neuorientierung sollte unbefangen, eher nebeneinander erfolgen, sie war etwas dezidiert Individuelles. Bei den Zusammentreffen, so stellt es unser Gesprächspartner dar, waren Rotwein und sorgfältig gekochtes Essen zentral, und weiter analysiert er: "Wir haben die Zeit eigentlich genutzt, ohne dass wir es damals als nutzen bezeichnet haben. [...] Also wir haben uns quer durch gelesen und haben diskutiert, immer in diesem ganz bunten Zirkel, wo sehr verschiedene Erfahrungen existierten." [38]

Obwohl das Bild der Rotweintrinker-Runde ein Bild der Langsamkeit ist und Assoziationen zum Genießen weckt, zu angenehm freier Zeit, kann es auch hier um Effektivität gehen, können Abende in solch – ausgesuchter – Gesellschaft einen letztlich wissenschaftlich (inhaltlich und karrieremäßig) weiter bringen, einen zudem schneller und höher manövrieren. [39]

Besagter Kreis versuchte nur einmal die Gemeinsamkeiten in ein wissenschaftliches Produkt umzusetzen – ein Buch wurde geschrieben. Das sei aber, erinnert sich der Interviewte, kein geglücktes Projekt gewesen. Völlig gegen die Intention hätte es "die soziale Gemeinsamkeit an den Rand des Zerbrechens gebracht". Als man sich für ein Publikum erklären sollte, taten sich enorme Divergenzen auf. Vielleicht traten die Freunde in dieser veränderten Situation in Konkurrenz zueinander; arbeitete man sonst in völlig unterschiedlichen und klar getrennten Feldern, entstand nun Nähe und: Das jeweils Eigene – inhaltliche Ideen, Vorstellungen von Qualität, der Arbeitsstil etc. – wollte durchgesetzt werden. Nach diesem Intermezzo besann man sich wieder auf die vorher geübte Form der gehobenen Geselligkeit. Bei Wein und edlen Speisen fand man bald wieder zusammen. Old boys networks funktionieren nicht in der Hauptsache auf inhaltlicher Basis.

"Wir haben das einmal überlegt, irgendjemand meinte einmal, es müsste eine Frau dazu. Dann waren wir aber der Meinung, das ist ein falsches Motiv. Wenn, dann müsste man fragen: 'Was gibt es an Gemeinsamkeiten?' Wahrscheinlich eher epikureische [lacht] als wissenschaftliche. [...] Das ERSTAUNLICHE eigentlich an der Gruppe ist, dass wir uns jetzt 18 Jahre kennen, [...] miteinander reden können, obwohl wir VÖLLIG verschiedene Sachen machen."17) [40]

Die Gruppe hat sich nicht erweitert, ist in ihrer Abgeschlossenheit ein richtiger kleiner Klüngel. Am Augenfälligsten ist, dass Frauen keinen Zutritt in diesen Zirkel haben: Es gibt keine Quote und leider auch keine Gemeinsamkeiten.

"Frauen haben seltener Verbündete, die ihnen karriererelevante Informationen zuspielen oder an wichtigen Orten lobbying betreiben. Sie werden weniger 'weitergereicht' – ihnen werden seltener Kontakte zu wichtigen Personen vermittelt und sie werden weniger oft an anderen Orten empfohlen. [...] Aber auch wenn sie gleich gut in Netze integriert sind, können Frauen nicht unbedingt gleich viel Kapital daraus schlagen wie Männer" (LEEMANN 2000, S.26). [41]

Frauen müssen sich, stimmt diese Beurteilung, die man so und ähnlich sehr häufig in einschlägigen Studien findet, weder individuell noch kollektiv grämen, dass sie nicht zum informellen Teil geladen werden – sie könnten ohnehin nichts daraus machen. Dem beschriebenen Kreis der Weinfreunde mit wissenschaftlichem Hintergrund ist kein großer Vorwurf zu machen, denn nach wie vor kommt Frauen in den Wissenschaften Exotinnenstatus zu, noch immer ist – wenigstens in bestimmten Sphären – "ihre bloße Anwesenheit 'Obszönität'" (HASSAUER 1994, S.33). [42]

Den Status einer "Instituts-Exotin" hat auch eine der interviewten Professorinnen. Sie beklagt die Arbeitskultur dort, die von Konkurrenz und Ignoranz charakterisiert sei; Anerkennung für ihr wissenschaftliches Tun erfahre sie hier nicht – dagegen:

"Ich bin sehr vernetzt und es sind wahnsinnig viele Aktivitäten, in die ich involviert bin. Deshalb habe ich auch eine unglaubliche Korrespondenz. Und alle diese Dinge, die Vorbereitung von Vorträgen und Reisen, das ist alles ziemlich aufwändig. Das frisst sehr viel Zeit." [43]

Vom Zeitaufwand wissenschaftlicher Arbeit war bereits mehrmals die Rede, Vernetzungsarbeit gehört dazu. In weiter Ferne mögen aber Chancen liegen, die sich "zu Hause" schwerer realisieren lassen. Anerkannt wurde "die Exotin" im Ausland, wo sie zu einer "Institution der Kulturwissenschaften" geworden sei. Ihre Freundschaften oder "guten" sozialen Beziehungen liegen oft im Ausland. Vielleicht sind solche Kontakte tragfähiger; sie haben wenig mit Alltag zu tun, sind immer Ausnahme. Diese Beziehungen können zu Zeiten und an Orten gelebt werden, die weniger belastet sind von den Verantwortlichkeiten und Arbeitsnotwendigkeiten im eigenen Institut, und sie können einen Gegenpol zu einer Institutskultur mitsamt ihren Konflikten und Konkurrenzen bilden. [44]

Die Professorin kaufte sich vor mehreren Jahren ein Sommerhaus.

"Da hat man einfach nur Gegend, nur Landschaft. Für mich wäre das völlig uninteressant, wenn ich die Arbeit nicht hätte. Da fahr ich runter mit dem Auto: mit zwei großen Taschen mit Büchern und meinem Computer. Und dann führe ich ein absolut, ein absolut schönes Leben. Weil wenn ich, sagen wir, sechs Stunden arbeite, dann habe ich noch irrsinnig viel Zeit, im Dorf herum zu laufen. Das Dorf ist so lieb, ein Dorf mit 23 Einwohnern." [45]

Nicht, dass sie im Sommerhaus nicht arbeiten würde. Aber es sind nur spezifische Elemente der alltäglichen Arbeit, die dort ausgeübt und vielleicht überhaupt erst ermöglicht werden: konzentriertes Lesen, Denken und Schreiben – Forschen eben. Hier ist sie freigestellt von den als mühsam empfundenen organisatorischen und koordinatorischen Tätigkeiten im Institut zu Hause. In einer Distanz zum Alltag und in einer gewissen Weltabgewandtheit wird das Ideal, "leidenschaftlich" und "lustvoll" Wissenschaft zu betreiben (INGRISCH & LICHTENBERGER-FENZ 1999, S.49-53; vgl. WEBER 1973, S.311f.), lebbarer. Diese Art Wissenschaft ist eine Gegenwelt zum wissenschaftlichen Alltag; ihre "Arbeitseinheiten" hier brauchen nicht einmal acht Stunden zu umfassen; es bleibt so etwas wie freie Zeit. [46]

5. Zum Schluss

"Weiter" vor "schneller" vor "höher" – KulturwissenschaftlerInnen berichten in lebensgeschichtlichen Interviews besonders ausführlich über ihre permanente inhaltliche Weiterentwicklung. Meist ist dieser Werdegang schnell und kontinuierlich durch eine eigene außerordentliche Leistungsbereitschaft vonstatten gegangen. Verschwiegen bleibt großteils das "Höher" und damit auch die Macht, die sukzessive im Zuge des Werdegangs im Wissenschaftsbetrieb errungen wurde. Gewiss, unser Sample ist nicht homogen. Die Interviewten gewichten unterschiedlich – je nach ihrer Position in der Universitäts- und Wissenschaftshierarchie und je nach ihrer Marktlage (im ökonomischen, sozialen und symbolischen Sinn); auch familiäre Verantwortlichkeiten, die Geschlechts- und Generationszugehörigkeit sowie die soziale und regionale Herkunft sind Kontexte, die dazu dienen können, um die eigene WissenschaftlerInnen-Biografie zu erzählen und zu ordnen – fast immer aber als Leistungsbiografie. [47]

Lebensgeschichtliche Interviews sind Performanzen der ErzählerInnen. Wenn, wie in unserem Fall, KulturwissenschaftlerInnen von KulturwissenschaftlerInnen biografisch interviewt werden, dann müssen die lebensgeschichtlichen Erinnerungen mit Normen, Erwartungen und Anforderungen der Institution Wissenschaft in Deckung gebracht werden. Eine zentrale Norm ist, dass Freizeit nicht existieren darf, dass quasi jegliche Zeit in die eigene Profession investiert wird. Auch jene Erfahrungsbereiche, die man beim ersten Hören und Lesen zunächst als Gegenwelten deuten könnte, dienen in letzter Konsequenz dann doch stets dem eigenen "Weiter", "Schneller" und, wenngleich tabuisiert, dem eigenen "Höher". In den Lebensentwürfen von WissenschaftlerInnen greifen Arbeit und Freizeit eben nicht sukzessive ineinander (DRESSEL & LANGREITER 2002a, S.121), wie für "postmoderne" Gesellschaften gerne behauptet wird (z.B. OPASCHOWSKI 1993, S.83), sondern die Arbeit "kolonialisiert" potenziell freie Zeiten (LÖFFLER 2002, S.218). [48]

Das Bild von Wissenschaft, das sich aus den lebensgeschichtlichen Interviewtexten zeichnen lässt, ist das einer Berufung, und die weist, um es zuspitzend zu formulieren, zumindest einige Merkmale einer "totalen Institution" auf (GOFFMAN 1973, S.13-123): Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind aufgehoben, ebenso wie jene zwischen Schlaf und Wachzustand, und sie ist sozial nicht oder kaum durchlässig. Während die Regeln von "klassischen" totalen Institutionen (Krankenhaus, Kloster, Gefängnis usw.) unter anderem durch einen physisch abgegrenzten Raum gesichert werden, vermitteln sie sich in der Wissenschaft vor allem über die AkteurInnen selbst. Quasi als "InsassInnen" und "Personal" in einem, leben sie nach den Erwartungen und Anforderungen der Institution Wissenschaft. [49]

Die KulturwissenschaftlerInnen suggerieren, wie andere Menschen auch, mit ihren biografischen Erinnerungen, als "Ingeneure" ihrer "selbst" (SCHULZE 1999, S.39) ein gelungenes Leben zu haben (SIEDER 1999, S.256). Zuweilen korrespondieren die lebensgeschichtlichen Erzählungen von WissenschaftlerInnen mit aktuellen neoliberalen Diskursen, die flexible Arbeitszeiten und -verhältnisse von selbstverantwortlichen und gutgelaunten Individuen propagieren (MUSNER 2002). Doch die Erzählungen verweisen ebenso auf andere Effekte bzw. Implikationen wissenschaftlichen Lebens: zahlreiche soziale, emotionale, physische und (zumindest für sogenannte "Freie") ökonomische Kosten. Der Verzicht auf Normalität, der letztlich damit verbunden ist, macht sie andererseits zu Besonderen, zuweilen regelrecht zu Freaks. Die meisten KulturwissenschaftlerInnen erzählen nicht nur Leistungsautobiografien, sondern auch Besonderungsautobiografien. Diese sollen sich von den Biografien und Lebenskonzepten anderer Individuen und Gruppen in einer Gesellschaft markant unterscheiden. [50]

Über Intellektuelle – und KulturwissenschaftlerInnen verstehen sich meist als solche – schrieb Wolfgang MÜLLER-FUNK (1995, S.37): "Wir träumen davon, nicht mittelmäßig, normal, unbesonders zu sein; dieser umsichtig aufgebaute Auserwähltheitsstolz läßt es angedeihlich erscheinen, sich selbst lieber nicht zu beobachten, weil sonst eben jene Aura von Besonderheit von uns abfallen könnte. De nobis ipsis silemus." [51]

Danksagung

Wir danken unseren InterviewpartnerInnen sowie allen, die bei unterschiedlichsten Gelegenheiten mit uns das Projekt in seinen Stadien diskutiert haben.

Anmerkungen

1) Ein Text auf Grundlage unseres Referats auf der Jahrestagung der Sektion Biografieforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2002 in Bamberg ist bereits veröffentlicht worden (DRESSEL & LANGREITER 2002a), wir rollen daher unseren Input "Wissen schaffen. Wenn Profession zur Lebensform wird" für diesen Beitrag neu – und diesmal näher an den Interviews mit deutschsprachigen KulturwissenschaftlerInnen – auf. Dieser Artikel wurde bereits in einer ersten Fassung im Sommer 2003 verfasst und vor der Veröffentlichung geringfügig überarbeitet. Ganz nach unseren Motto – "schneller, höher, weiter“ – hätten wir diesen Beitrag natürlich an noch mehr Tagen und Tageszeiten als ohnehin geschehen, die gemeinhin der Freizeit zugerechnet werden, ausführlicher aktualisieren können, zumal gerade in diesem Medium im September eine Debatte über "Erfolgreich Sozialwissenschaft betreiben – Ethnographie der Karrierepolitiken einer Berufsgruppe" eröffnet worden ist (http://www.qualitative-research.net/fqs/fqs-d/debate-2-d.htm). Die Aktualitätsnorm des Wissenschaftspublikationsbetriebs ist ein Faktor (neben anderen), die bestimmte (zeitintensive) Lebensformen und -praktiken von Forschenden nahe legen, andere jedoch (z.B. "Teilzeit- oder Patchwork-JobberInnen“) zumindest benachteiligen. Dies ist u.a. Thema dieses Beitrags. Schließlich denken wir, dass sich an der grundsätzlichen Problematik, die wir reflektieren, in den vergangenen vier Jahren im Grundsätzlichen nichts verändert hat. So dynamisch und schnelllebig ist trotz aller Aktualitätsgebote die Wissenschaftspraxis nicht. <zurück>

2) Das Projekt wurde durch den Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung in Österreich (FWF) finanziert (März 2000 – Februar 2003). Michael MITTERAUER leitete das Projekt; Gert DRESSEL und Nikola LANGREITER waren als wissenschaftliche MitarbeiterInnen angestellt. <zurück>

3) Obwohl wir in diesem Medium und andern Orts dazu schon Stellung genommen haben (DRESSEL & LANGREITER 2003, Abs.26ff.), nochmals: Uns ist deutlich geworden, wie sorgfältig mit biografischen Zugängen, mit auf diesem Wege generierten Daten und Texten, umgegangen werden sollte. Damit sind ethische Dimensionen angesprochen, ist die Macht und Deutungshoheit der ForscherInnen gemeint. Im Zuge biografischer Fallanalysen werden die Beforschten allzu oft vor allem in ihren "Fehlern" (und weniger in ihren Potenzialen) "aufgedeckt", als biografisch defizitär dargestellt. Wenn (Kultur-) Wissenschaften beforscht werden, erwarten deren RepräsentantInnen vertrauensvollen Umgang mit Daten und Interpretationen. Dass dieses Untersuchungsfeld etwas einfordert, was anderswo so nicht passiert, sollte nicht daran hindern, Beforschten grundsätzlich mit Wertschätzung (auch in Texten) zu begegnen. Unsere Vorgehensweise – weg von den einzelnen "Fällen" hin zu allgemeineren Handlungsbedingungen und -möglichkeiten, zu Handlungen (inklusive Wahrnehmungen, Einstellungen und [Selbst-] Präsentationen), wie sie uns in den narrativen Interviews vermittelt werden und wie sie sich in anderen Quellen darstellen, erscheint uns menschenfreundlicher und respektvoller, dabei nicht erkenntnismindernd. Wir wollen dabei allerdings nicht der Illusion aufsitzen, qualitative Methoden seien von sich aus "ethischer als quantitative" (BEHNKE & MEUSER 1999, S.37). <zurück>

4) Um bestimmte Lesarten – etwa eine personenzentrierte: wer spricht hier bzw. über wen wird gesprochen? – besser auszuschließen, haben wir uns für eine Anonymisierung unseres Quellenmaterials (auch von bereits Publiziertem wie Autobiografien, Vorworten, Presseartikeln etc.) entschieden. Das dient nicht zuletzt dem Selbstschutz, denn LeserInnen sind, wie Pierre BOURDIEU warnt, "potenzielle DenunziantInnen" (1992, S.32f.). <zurück>

5) Ein systematischer Vergleich mit anderen Berufsgruppen wäre interessant. Eine Analyse von Alltagspraktiken und -strategien von Gastwirtinnen (LANGREITER 2004) ergab viele Parallelen, etwa was das Arbeitsethos anbelangt. Als selbstverständlich wird, wie in den biografischen Äußerungen von WissenschaftlerInnen, auch dort der voller Einsatz rund um die Uhr präsentiert. Die Idee der Berufung ist den Wirtinnen ebenso vertraut wie den WissenschaftlerInnen, und dort wie da wird Arbeit mit Bereichen wie Freizeit, Familie, Geselligkeit etc. eng verwoben. <zurück>

6) Über Verfügbarkeit und deren Demonstration durch symbolische Handlungen vgl. BEAUFAŸS (2003, S. 243f.). <zurück>

7) Die hier von uns zitierten transkribierten Interviewausschnitte sind in eine leicht lesbare Form gebracht. GROSSSCHREIBUNG bedeutet: betont bzw. laut, (Wörter in Klammern): sehr leise, [...] bezeichnet Auslassungen unsererseits, [sind Erklärungen oder Ergänzungen, z.B. nonverbaler Äußerungen oder Lachen]. <zurück>

8) Vgl. dazu auch einen Essay von Lutz MUSNER wider die affirmative Rede von Flexibilität und Mobilität, vom Ineinandergreifen von Arbeit und Freizeit usf. sowie die Beschwörung einer "Anthropologie von Individualität, Potentialität und Selbstsorge" (2002, S.188). <zurück>

9) Wir danken Martin A. SCHMID für diesen Hinweis. <zurück>

10) Vor allem zwei Formen sind zu beobachten: die KollegInnenfamilie und die StudentInnen- bzw. SchülerInnenfamilie. <zurück>

11) Wenn man KulturwissenschaftlerInnen biografisch interviewt und analysiert, gerät man immer wieder in Versuchung, deren Erzählungen und Werk auf eine Kongruenz zu überprüfen. <zurück>

12) Beate KRAIS bezeichnet Wissenschaft als männliche Organisation. Nach männlichen Logiken strukturiert widerspreche sie von ihren arbeitsorganisatorischen Verhältnissen und den Karriereverläufen her der sogenannten "weiblichen 'Normalbiographie'" (2000, S.20). Verteilungsfragen von Zeit stehen überall dort an, schreibt Helga NOWOTNY, wo das alltägliche Leben von Frauen und Männern zunehmend beides, Arbeitsalltag und die sogenannte Privatsphäre umfasst, in der die Erfordernisse des Familienlebens mit jenen der Erwerbsarbeit und mit deren zeitlichen Regelungen vereinbart werden müssen. Männer und Frauen bewegen sich in unterschiedlichen Zeitkulturen, wurden auch, was Zeit betrifft, unterschiedlich sozialisiert, diese prallen zunehmend aufeinander, denn: "Die erstreckte Gegenwart des Alltags bezieht sich nunmehr auf beide Geschlechter, doch ihre Zeitkulturen sind noch immer geschlechtsspezifisch differenziert" (1989, S.110). <zurück>

13) Anhand von Zueignungen ließe sich, bemerkt Gérard GENETTE, eine Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schmeichlerei schreiben (2001, S.119). Aber nicht umsonst beschreibt er sie als "Auswirkung des drückenden Kontextes" (2001, S.118). <zurück>

14) Übrigens: Die "freie" Wissenschaftlerin ist von einem "freien" Wissenschaftler interviewt worden; das hat die Erzählungen wohl nicht wenig beeinflusst. Unter "Freien" redet man schnell über die eigene prekäre Situation – und die Moral (die auch ein Kapital ist) ist zuweilen auf Seiten jener, die ihre Situation noch dramatischer schildern können. Vielleicht bilden sich im Laufe der nächsten Jahre aufgrund sich massiv wandelnder Wissenschaftsstrukturen und -praktiken neue Erzählmuster heraus – Muster, die es auch "Patchwork-JobberInnen" möglicher machen, sich einer erfolgreichen Lebensgeschichte zu erinnern – und sich "die Kunst" anzueignen, Brüche und Widersprüche "zu verknüpfen und zu entwirren" (RICŒUR 1986, S.19). <zurück>

15) Für männliche Wissenschaftler ebenso schwer besprechbar ist übrigens das "Tiefer", also Erfahrungen des Scheiterns (vgl. dazu DRESSEL & LANGREITER 2005). <zurück>

16) Promotor wird (im Österr.) jener Professor genannt, der die formelle Verleihung des Doktorats vornimmt. Für seine Kollegin führt der "Duden" keinen eigenen Begriff. <zurück>

17) Interessant ist, dass die Pluralität in der Gruppe so hervorgehoben wird. Das hat vielleicht nicht zuletzt damit zu tun, dass – speziell in den Geistes- und Kulturwissenschaften – individuelle Köpfe geschätzt werden (DRESSEL & LANGREITER 2002b, S.137f.; ENGLER 2000, v.a. S.130). Hinsichtlich wissenschaftlicher Arbeit innerhalb der jeweiligen Disziplinen ist der KollegInnenkreis nicht homogen, aber zugleich ist er kohärent – und wohl weit über die Vorliebe für gute Weine und ebensolches Essen hinaus. Die Zusammentreffen sind klein, abgeschlossen, privat – geprägt von bestimmten Gepflogenheiten, distinguierten Verhaltensweisen, Zeremonien. <zurück>

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Zum Autor und zur Autorin

Gert DRESSEL, geb. 1964, Historiker, Mitarbeiter der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien und an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (iff Wien) der Universität Klagenfurt.

Kontakt:

Gert Dressel

iff Wien
Schottenfeldgasse 29, 1070 Wien, Österreich

Tel.: + 43 1 5224000 307
Fax: + 43 1 5224000 577

E-Mail: gert.dressel@univie.ac.at
URL: http://www.iff.ac.at/kwa/mitarbeiterin.php?id=2

 

Nikola LANGREITER, geb. 1970, Studium der Volkskunde (Europäische Ethnologie) und Publizistik/Kommunikationswissenschaft; arbeitet als Redakteurin von "L'HOMME. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft", als freiberufliche Wissenschaftlerin und externe Lektorin an den Universitäten Innsbruck und Wien.

Kontakt:

Nikola Langreiter

L'HOMME-Redaktion, Institut für Geschichte der Univ. Wien
Dr. Karl Lueger-Ring 1, 1010 Wien, Österreich

E-Mail: nikola.langreiter@univie.ac.at
URL: http://www.kulturwissenschaft.at/historische-anthropologie/

Zitation

Dressel, Gert & Langreiter, Nikola (2008). Wissenschaftlich Arbeiten – schneller, höher, weiter? Zum (Un-)Verhältnis von Arbeit und Freizeit in den (Kultur-)Wissenschaften [51 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 38, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801385.



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