Volume 20, No. 1, Art. 15 – Januar 2019



Rezension:

Maximilian Krug

Charles Goodwin (2018). Co-Operative Action. Cambridge: Cambridge University Press; 550 Seiten; ISBN (Buch): 978-0-521-86633-0; ISBN (eBook): 978-1-139-01673-5

Zusammenfassung: Charles GOODWIN gilt als einer der Pioniere der sozialen Interaktionsforschung. In seinem letzten Buch "Co-Operative Action" arrangiert er seine bisherigen Publikationen neu in Hinblick auf ein Konzept, das einen radical turn in anthropology zur Folge haben könnte, denn seine ko-operative Handlungskonzeption deckt nicht nur die Praktiken der Moment-für-Moment-Aushandlungen in Face-to-Face-Interaktionen ab. Sein Ansatz umfasst vielmehr auch Handlungen mit sogenannten abwesenden Vorgänger/innen, deren vorausgegangenes Tun in Form von hinterlassener Materialität oder Wissensbeständen Auswirkungen auf die Handlungen der Interagierenden im Hier und Jetzt hat. Indem er das Paradigma der Kopräsenz verlässt, wird es möglich, Situationen zu beschreiben, deren Teilnehmende unterschiedliche Anwesenheitsstatus (räumlich und zeitlich) innehaben. Wie solche komplexen Situationen analytisch zu fassen sind, schlägt GOODWIN mit "Co-Operative Action" eindrucksvoll vor.

Keywords: ko-operative Handlungen, Kopräsenz, Konversationsanalyse, Interaktionale Linguistik, anthropologische Linguistik

Inhaltsverzeichnis

1. Das Konzept co-operative action

2. Argumentativer Aufbau des Buches

3. GOODWINs radical turn in anthropology

4. Was ist neu an "Co-Operative Action"?

Anmerkung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Das Konzept co-operative action

Mit "Co-Operative Action" liegt nun die letzte Veröffentlichung zu Charles GOODWINs Lebzeiten vor, bevor er am 31.03.2018 im Alter von 74 Jahren verstarb. Die Monografie ist damit der finale Beitrag eines Pioniers der sozialen Interaktionsforschung, der mit seinem wissenschaftlichen Schaffen die Grundlagen der Konversationsanalyse, interaktionalen Linguistik und anthropologischen Linguistik maßgeblich beeinflusst hat. In seinem Buch arrangiert er seine bisherige Forschung in Hinblick auf das titelgebende Konzept co-operative action teilweise neu. Dieses ist für Rezipient/innen seiner Publikationen keinesfalls unbekannt. Zum einen ist das Konzept seit GOODWINs erster Publikation "The Interactive Construction of a Sentence in Natural Conversation" (1979) impliziter Bestandteil der meisten seiner Beiträge. Zum anderen gibt es mit "The Co-Operative, Transformative Organization of Human Action and Knowledge" (2012) und "Intelligibility of Gesture Within a Framework of Co-Operative Action" (2014) mindestens zwei Publikationen, die das Konzept auch explizit benennen. Dennoch bietet erst das nun aktuell vorliegende Buch den nötigen Raum für eine umfangreiche und tiefgehende Auseinandersetzung mit co-operative action. Darunter fasst GOODWIN den Prozess der Transformation eines "substrate" (2018, S.32) genannten Zeichenkomplexes (z.B. eine Äußerung) durch Wiederverwendung bestimmter Ressourcen (z.B. lexikalische Einheiten) aus der vorhergehenden Handlung, um daraus eine neue Handlung (z.B. eine Erwiderung) zu generieren. Diese Fähigkeit des Menschen, Elemente vorheriger Handlungen anderer Interagierender für zukünftige eigene Handlungen wiederzuverwerten, durchdringt GOODWIN zufolge die gesamte Organisation des sozialen Miteinanders. GOODWINs Konzept der co-operative action sollte dabei nicht mit dem (biologischen) Konzept der Kooperation verwechselt werden. Bei letzterem handelt ein Lebewesen auf eigene Kosten zum Wohl eines anderen. Bei ersterem geht es um die Operationen der Zerlegung und transformierenden Wiederverwendung des Materials, das sich Teilnehmende einer sozialen Situation gegenseitig zur Verfügung stellen. GOODWIN illustriert dieses Konzept zu Beginn seiner Publikation anhand der aus zurückliegenden Publikationen (M.H. GOODWIN 1990; C. GOODWIN & M.H. GOODWIN 1987) bekannten Streit-Sequenz zwischen Tony und Chopper:

01

Tony:

Why don’t you

 

get out of my yard.

02

Chopper:

Why don’t you

make me

get out the yard.

Tabelle 1: Choppers Wiederverwertung der sprachlichen Ressourcen aus Tonys Äußerung (2018, S.3) [1]

Choppers Erwiderung auf Tonys Äußerung besteht zu einem großen Teil aus der Wiederverwertung sprachlichen Materials aus Tonys Beitrag, das um eigenes Material ("make me", 02) ergänzt und damit zu einer Herausforderung als neuer Handlung transformatiert wird. Die somit von Chopper hergestellte ko-operative Handlung ist weder kooperativ (sie dient nicht dem Wohl des Gegenübers) noch ist sie – und das ist GOODWINs zweite Abgrenzung des Konzepts – eine gemeinsame Handlung (joint action) der beiden Interagierenden.1) Denn obwohl Tony und Chopper die Ressourcen ihres Disputs aufeinander beziehen und füreinander organisieren (indem Chopper auf Elemente der Aufforderungshandlung von Tony zurückgreift), ist Choppers Herausforderungshandlung als Gegensatz zur Handlung seines Gegenübers gestaltet. Damit bietet GOODWINs Konzept der ko-operativen Handlung eine Alternative zu Ansätzen mit gemeinsamen oder kooperativen Handlungsbeschreibungen. Nicht nur rückt mit dieser Konzeption die emergente Transformation der Vorgängerhandlungen in den Fokus, sondern es werden darüber hinaus die für die Teilnehmenden jeweils relevanten Ressourcen transparent, mit denen sie einander ihr Verständnis der laufenden Interaktion anzeigen. [2]

Im Folgenden beleuchte ich zunächst den argumentativen Aufbau der Monografie (Abschnitt 2) und stelle im Anschluss knapp GOODWINs Forderung nach einem Umdenken in der anthropologischen Forschung vor (Abschnitt 3). Zum Schluss wird die Frage beantwortet, für wen sich dieses Buch zu lesen lohnt (Abschnitt 4). [3]

2. Argumentativer Aufbau des Buches

Ursprünglich als Sammlung seiner wissenschaftlichen Beiträge geplant, umfasst die Monografie teilweise stark überarbeitete Versionen früherer Aufsätze und Buchkapitel, die um neue Analysen erweitert und um aktuelle Literatur ergänzt wurden. Die einzelnen Kapitel sind dabei nicht chronologisch nach Erscheinungsdatum sortiert, sondern folgen einer argumentativen Logik, die die Komplexität des Konzepts co-operative action deutlich werden lässt. Dazu sind die einzelnen Kapitel fünf Sektionen zugeordnet, deren semiotische Vielschichtigkeit im Verlauf stetig zunimmt. Den Abschluss des Buches bildet ein umfangreiches Fazit als eigenständige Sektion. [4]

Ausgangspunkt sind in der ersten Sektion "Co-Operative Accumulative Action" primär syntaktische Verfahren wie die Aufnahme und Wiederverwertung einzelner lexikalischer Einheiten oder Nominalphrasen in Folgehandlungen. Die Tragweite dieser (Ko-)Operationen werden besonders eindrücklich anhand von GOODWINs wohl berühmtestem Datensatz: Videoaufnahmen seines aphasischen Vaters Chil, der nach einem Schlaganfall nur noch über ein Vokabular von drei Lexemen (yes, no, hm) verfügte. Um an sozialen Aktivitäten teilnehmen zu können, war Chil darauf angewiesen, auf die semantisch reichen Äußerungen seines Gegenübers aufbauen zu können, damit diese in Bezug auf Chils Reaktion eine neue Äußerung realisieren konnten, die sowohl die eigene, vorherige Äußerung als auch Chils Reaktion darauf inkorporierte. [5]

In der zweiten Sektion "Intertwined Semiosis" werden die zuvor vorgestellten und sequenziell organisierten (Ko-)Operationen um den Aspekt der Simultanität erweitert. Dazu diskutiert GOODWIN zunächst die Funktion des Blicks für die emergenten Transformationen im Vollzug einer Äußerung in Hinblick auf den Teilnehmendenstatus von un/knowing recipients ("I gave up smoking cigarettes one week ago actually", S.99). Im Anschluss daran stehen die prosodischen Verfahren im Fokus, mit denen Chil derselben lexikalischen Einheit ("no") unterschiedliche prosodische Konturen verliehen und damit innerhalb einer Dyade Bedeutungstransformationen ermöglicht hat. Die Sektion schließt mit Analysen der interaktionalen Organisation von Erfahrungen durch ko-operative Handlungen, bei denen Teilnehmende verschiedene semiotische Ressourcen (u.a. anderem Lachen und Körperhaltung) (wieder-) verwenden, um an Bewertungs- und Erzählaktivitäten zu partizipieren. [6]

Mit der dritten Sektion wendet sich GOODWIN einem Feld zu, das einen zentralen Stellenwert in seinem wissenschaftlichen Schaffen eingenommen hat: "Embodied Interaction". Hier zeigt er, wie Interagierende verschiedene semiotische Felder mit ihren Körpern zu einer interaktional relevanten Einheit verbinden. Dazu beschreibt er die Veränderung der kontextuellen Konfiguration während eines Streits zweier Mädchen um ein Hüpfspiel und ko-operative Verfahren von Archäolog/innen bei der Farbklassifikation von Ausgrabungen sowie Gesten, mit denen erfahrene Archäolog/innen im Feld Noviz/innen anleiten. Diese Gesten nennt GOODWIN "environmentally coupled gestures" (S.221), da sie nicht nur ein Verständnis der gestikulierenden Hand, sondern auch der Umwelt benötigen, auf die sie referieren. GOODWIN argumentiert daher dafür, die Körper der ko-operativ Handelnden nicht isoliert, sondern eingebettet in ihre situative Umwelt zu analysieren. Diese Umwelt umfasst dabei nicht nur den gegenwärtigen Zustand, sondern – wie in der folgenden Sektion ausgeführt wird – ebenfalls die mehrfach nur noch implizit greifbaren Handlungen oftmals unbekannter Vorgänger/innen. [7]

Dieser provokanten These widmet er sich in der Sektion "Co-Operative Action with Predecessors". Dazu verlässt er das bis hierhin geltende Paradigma der Kopräsenz der Teilnehmenden einer sozialen Situation. An dessen Stelle rücken nun die Verfahren in den Fokus, mit denen Interagierende lokale Handlungsorganisation vollziehen, indem sie unterschiedliche Formen einer "sedimented history" (S.247) ko-operativ dergestalt transformieren, dass eigene Handlungen möglich werden. GOODWIN illustriert dies zuerst an einer Sequenz einer gemeinsamen Kochaktivität einer Mutter mit ihrer Tochter. Beide koordinieren einerseits lokal ihre Handlungen (u.a. das gemeinsame Wenden eines Eierkuchens in einer Pfanne mit einem Pfannenheber) und greifen dabei andererseits auf Ressourcen zurück, die von abwesenden Vorgänger/innen zur Verfügung gestellt worden sind (z.B. die Kochpfanne, die erfunden, weiterentwickelt, hergestellt und verkauft worden ist). Damit wird deutlich, wie GOODWIN seinen Vorgänger/innen-Begriff versteht: "Most simply I find that the term predecessor vividly caputures the sense of how materials being worked with at the present moment were inherited from someone who is now absent" (S.250). Damit ist es möglich, Situationen zu beschreiben, deren Teilnehmende unterschiedliche Anwesenheitsstatus (räumlich und zeitlich) innehaben. Wie Menschen trotz der fehlenden Kopräsenz mit den Materialien solcher Vorgänger/innen umgehen und ko-operativ mit ihnen Aufgaben bearbeiten, zeigen die von GOODWIN angeführten Fallbeispiele aus unterschiedlichen Settings, z.B. die Abfertigung eines Flugzeugs mithilfe einer von verschiedenen Vorgänger/innen erstellten Beladungsliste oder das ko-operative Zusammenarbeiten mehrerer Vorgänger/innen auf einem ozeanischen Forschungsschiff. In all diesen Beispielen wird deutlich, dass die Akteur/innen im Hier und Jetzt akkumulierend auf die Handlungen der Vorgänger/innen zurückgreifen und diese als Substrate nutzen, auf die sie ihre Handlungen im aktuellen Moment aufbauen. [8]

In der letzten inhaltlichen Sektion "Professional Vision, Transforming Sensory Experience into Types, and the Creation of Competent Inhabitants" wird dieser Gedankengang konsequent fortgeführt. GOODWIN beschreibt darin, wie mithilfe ko-operativer Handlungen nicht nur zentrale Objekte einer Umwelt (z.B. Farbklassifikationskarten für Archäolog/innen, Tiefseediagramme für Ozeanforschende oder Kochpfannen in Küchen), sondern auch kompetente Mitglieder einer Gemeinschaft entstehen können, die mit diesen Objekten versiert umgehen können. Dazu gehören Verfahren, mit denen Expert/innen anderen Teilnehmenden einen Zugang zu ihrer "professional vision" (S.407) ermöglichen, was GOODWIN anhand der Gerichtsverfahren zum Fall Rodney KING illustriert, bei denen ein Video verwendet wird, um die Schuld mehrerer auf den am Boden liegenden Rodney KING einschlagenden Polizisten zu ermitteln. [9]

3. GOODWINs radical turn in anthropology

Mit dieser umfassenden Argumentation wird deutlich, dass ko-operative Handlungen im Sinne des Vollzugs einer Handlung unter Rückgriff auf und Transformation der öffentlichen Ressourcen der Vorgänger/innen-Handlungen zum einen in mehreren, oftmals getrennt voneinander gehaltenen Bereichen (Sprache, soziale Organisation, Technologie, Lehr-Lern-Szenarien, Kultur usw.) Anwendung finden. Zum anderen zeigt sich, dass ko-operative Handlungen in den verschiedensten zeitlichen Sedimenten relevant werden können – von den Sekundenbruchteilen der Realisierung einer Nominalphrase in Face-to-Face-Interaktionen bis hin zu mehreren Jahren umspannenden Dimensionen. GOODWIN begründet die Weite des Konzepts damit, dass die Ko-Operativität als zentrales Prinzip des menschlichen Handelns fungiere, da jede Handlung auf einer Vorgänger/innen-Handlung aufbaue. Behindert wird nach GOODWIN die Betrachtung ko-operativer Handlungen jedoch dadurch, dass die einzelnen Disziplinen nur die für den eigenen Bereich relevanten Phänomene betrachteten. In der Konsequenz bedeutet dies, dass einige Handlungen nicht als ko-operativ erkannt werden können, wenn z.B. eine Handlung nicht als Handlung eines Vorgängers bzw. einer Vorgängerin begriffen werden kann. [10]

GOODWIN fordert daher einen "'radical' turn in anthropology, and the human sciences more generally" (S.477), der zur Folge haben soll, dass Phänomene auch über die Grenzen der einzelnen Disziplinen hinweg untersucht werden können. Denn auch wenn Spezialisierung unleugbar Vorteile für die Akkumulation von (Expert/innen-) Wissen habe, so fielen doch einige zentrale Phänomene in die Lücken zwischen den einzelnen Disziplinen. Mit "Co-Operative Action" legt GOODWIN nun einen Vorschlag vor, wie ein solches interdisziplinäres Arbeiten aussehen könnte. [11]

4. Was ist neu an "Co-Operative Action"?

Wem GOODWINs Schriften vertraut sind, kann sich beim Lesen von "Co-Operative Action" einem Déjà-vu-Erlebnis kaum entziehen – zu einflussreich und zu vielzählig vertreten sind seine Beiträge in den diversen Veröffentlichungen der Konversationsanalyse, interaktionalen Linguistik und anthropologischen Linguistik. Hinzu kommt der Umstand, dass neben stark überarbeiteten Beiträgen mit neuen Analysen sich hinter einigen Kapiteln auch nahezu identische Versionen bereits anderswo publizierter Schriften verbergen, z.B. "Seeing in Depth" (1995). Dennoch bietet "Co-Operative Action" mehr als nur eine lose, thematische Sammlung von GOODWINs Publikationen. Stattdessen liefert die Monografie mit dem Konzept der ko-operativen Handlungen einen logischen Rahmen für sein Gesamtwerk. Dessen Kohärenz entsteht neben der in Abschnitt 2. vorgestellten Reihung der Kapitel vor allem mittels der kapitelinitialen Verortung der jeweils folgenden Analyse in Bezug auf das Gesamtkonzept und der Rückbindung des Gelesenen an die Gesamtstruktur. Dies ermöglicht einerseits einen lesefreundlichen Zugang zum Text und andererseits eine Orientierung innerhalb der Argumentation. Dadurch entwickeln sich im Verlauf des Buches besonders die Kapitelübergänge zu Orten, an denen Neues zu entdecken ist. Dies umfasst neben Abstrahierungen der Analyseergebnisse und dadurch Weiterentwicklung des konzeptuellen Rahmens auch Einsichten in GOODWINs datengeleitetes Arbeiten wie z.B. die Datenerhebung mit seinem Vater Chil (S.59-67). [12]

Durch den anthologischen Charakter der Monografie fehlt ein dezidiertes Kapitel zur Methodologie seines empirischen Zugriffs auf seine Mikroanalysen. Die methodologische Einbettung liefert GOODWIN entweder innerhalb des jeweiligen Kapitels oder sie ergibt sich indirekt aus der Fülle seiner Fallanalysen. Diese speisen sich primär aus linguistischen und soziologischen Perspektiven. Im weiteren Verlauf des Buches reichert GOODWIN jedoch die Analysen um interdisziplinäre Ansätze an und zieht dazu auch Arbeiten aus der Psychologie, Biologie und Geschichtswissenschaft heran. In diesem Zusammenhang löst er seinen mit dem radical turn geforderten Blick über die Grenzen der einzelnen Disziplinen selbst ein. Damit ist "Co-Operative Action" ein auf mehreren Ebenen (heraus-) forderndes Buch. Es hält Lesende auf mehr als 500 Seiten an, der Komplexität eines Konzepts zu folgen, das Interaktionen mit abwesenden Vorgänger/innen zu erklären versucht, während gleichzeitig der interdisziplinäre Zugriff auf die qualitativen Einzelfallanalysen mitunter ein Umdenken erfordert. [13]

Für wen ist das Buch also geeignet? GOODWIN-Anfänger/innen bekommen eine gestraffte und lesefreundlich aufbereitete Anthologie der wichtigsten Beiträge eines Pioniers der sozialen Interaktionsforschung, die aber eine Auseinandersetzung mit den originalen Beiträgen nicht ersetzt. GOODWIN selbst macht am Anfang eines jeden Kapitels transparent, in welcher Publikation sich das im Kapitel dargestellte Material finden lässt. Indem er auf aus Platz- und Argumentationsgründen Ausgelassenes hinweist, vereinfacht er Lesenden den Zugang, die sich zum ersten Mal mit GOODWINs Schriften befassen. GOODWIN-Expert/innen hingegen bekommen ein Arrangement seiner Beiträge in Bezug auf ein neues und herausforderndes Konzept, das seinen Schriften latent immer schon immanent war, aber noch nie so explizit bearbeitet und dargestellt worden ist wie in dieser Monografie. Darüber hinaus ermöglicht das Buch auch ein Wiederlesen und ein Wiederentdecken der Beiträge in überarbeiteter bzw. aktualisierter Form. [14]

Abschließend noch ein kurzer Kommentar zum Cover des Buchs, das nicht besser hätte gewählt sein können. Es handelt sich um ein von GOODWIN selbst erstelltes Standbild einer seiner audiovisuellen Datenerhebungen mit Archäolog/innen. Zu sehen ist eine Gruppe von Menschen bestehend aus (vermutlich) zwei Archäologie-Experten und zwei Archäologie-Noviz/innen. Ein Novize hält in beiden Händen einen Stein, den einer der Experten berührt. Damit zeigt das Bild eine Situation, in der Menschen ko-operativ Material aus Handlungen der anderen Teilnehmenden akkumulieren und (hier u.a. in Form einer environmental coupled gesture) in eine neue Handlung transformierend wiederverwenden. Die ko-operative Dimension dieser Situation umfasst somit nicht nur die Moment-für-Moment-Aushandlungen, sondern auch einen Prozess der Wissensvermittlung zwischen einem Experten und einem Novizen. Damit deckt das gelungene Cover-Bild des Buches den Kern des Konzepts co-operative action ab. [15]

Anmerkung

1) Siehe zur Unterscheidung ko-operativer und kooperativer Handlungen auch den videografierten Vortrag Charles GOODWINs: https://www.youtube.com/watch?v=htrhehLkugo [Zugriff: 28. November 2018]. <zurück>

Literatur

Goodwin, Charles (1979). The interactive construction of a sentence in natural conversation. In George Psathas (Hrsg.), Everyday language: Studies in ethnomethodology (S.97-121). New York, NY: Irvington.

Goodwin, Charles (1995). Seeing in depth. Social Studies of Science, 25, 237-274.

Goodwin, Charles (2012). The co-operative, transformative organization of human action and knowledge. Journal of Pragmatics, 46(1), 8-23.

Goodwin, Charles (2014). Intelligibility of gesture within a framework of co-operative action. In Mandana Seyfeddinipur & Marriane Gullberg (Hrsg.), From gesture in conversation to visible action in utterance (S.199-216). Amsterdam: John Benjamins.

Goodwin, Charles & Goodwin, Marjorie Harness (1987). Concurrent operations on talk: Notes on the interactive organization of assessments. IPrA Papers in Pragmatics, 1(1), 1-52

Goodwin, Marjorie Harness (1990). He-said-she-said: Talk as social organization among black children. Bloomington, IN: Indiana University Press.

Zum Autor

Maximilian KRUG ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Er forscht zu interaktionalen Phänomenen der multimodalen Face-to-Face-Interaktion. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Koordinationspraktiken multipler Aktivitäten in Theaterproben.

Kontakt:

Maximilian Krug

Universität Duisburg-Essen
Institut für Kommunikationswissenschaft
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E-Mail: maximilian.krug@uni-due.de
URL: https://www.uni-due.de/kowi/interkom/mkrug

Zitation

Krug, Maximilian (2019). Rezension: Charles Goodwin (2018). Co-Operative Action [15 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 20(1), Art. 15, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-20.1.3197.



Copyright (c) 2019 Maximilian Krug

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