Volume 9, No. 1, Art. 54 – Januar 2008

Spuren von Traumatisierungen in narrativen Interviews

Ulrike Loch

Zusammenfassung: Traumatische Kindheitserfahrungen können zur Ausbildung von Dissoziation als Reparaturmechanismus und infolgedessen zu fragmentierten Erinnerungen führen. In narrativen Interviews zeigen sich diese Fragmentierungen als Spuren im Ausdrucksfeld der Sprache. In diesem Beitrag wird anhand von Fallbeispielen aufgezeigt, wie sich Dissoziationen als Folge von Traumatisierungen in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart sprachlich ausdrücken können und welche unterstützenden Möglichkeiten Interviewer/innen in Forschungssituationen haben. Denn erst das Erkennen von traumatisch bedingten Inkonsistenzen ermöglicht das Verstehen von Lebensgeschichten traumatisierter Menschen jenseits von kollektiv wirksamen Tabuisierungen. Auf diese Weise vermeiden Forscher/innen die Reproduktion von gesellschaftlich relevanten Schweigegeboten bzw. Verleugnungsprozessen im wissenschaftlichen Kontext.

Keywords: narratives Interview, Trauma, Dissoziation, sexualisierte Gewalt, Tabu

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Rahmung biografisch-narrativer Interviews

3. Dissoziationen in narrativen Interviews

3.1 Spuren von dissoziierten traumatischen Erfahrungen

3.2 Wiedererleben traumatischer Erfahrungen

4. Verortung in der Gegenwart

5. Schlussbemerkung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

In dem vorliegenden Beitrag beschäftige ich mich mit Manifestationen von traumatischen Erfahrungen in narrativen Interviews1). Hierzu werde ich exemplarisch auf zwei Interviews eingehen, die mit in der Kindheit traumatisierten Frauen geführt wurden. Anhand von zwei Interviewsequenzen soll aufzeigt werden, wie sich die Folgen von traumatischen Erfahrungen in Interviews ausdrücken können und welche Möglichkeiten Interviewer/innen haben, hierauf unterstützend einzugehen. Ziel dieses Beitrages ist, für Forschungskontexte aufzuzeigen, wie mit schwierigen Gesprächssituationen umgegangen werden kann, wenn diese durch fortgesetzte traumatische Erfahrungen – wie Gewalt in der Kindheit – und deren Reparaturmechanismen – im wesentlichen Dissoziation – mit verursacht werden. Am Beispiel einer beginnenden Dissoziation in einer Interviewsituation wird thematisiert, wie mit dieser konstruktiv umgegangen werden kann. Hierfür werden in der professionellen (therapeutischen) Praxis entwickelte Techniken in modifizierter Form für Forschungskontexte nutzbar gemacht. Abschließend wird in aller Kürze auf das narrative Interview als Interaktion mit therapeutischer Wirkung hingewiesen. [1]

Die beiden ausgewählten Fallbeispiele unterscheiden sich u.a. dahingehend, dass in einem Fall aufgrund des Forschungskontextes und der Vorgespräche bekannt war, dass die Interviewte massive Gewalt in ihrer Kindheit erlitten hatte. Im anderen Fallbeispiel war diesbezüglich kein Vorwissen vorhanden. Diese Differenz war ein Auswahlkriterium, um der in der sozialwissenschaftlichen Forschung weit verbreiteten Annahme entgegenzuwirken, das Erkennen von Traumatisierungen und ihren Auswirkungen sei als Spezialwissen jenen Forschungskontexten vorbehalten, in denen gezielt Menschen mit psychischen, physischen und/oder sexualisierten Gewalterfahrungen interviewt werden. Die allgemeine Relevanz dieser Thematik wird jedoch deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie selten wir als Forschende im Vorfeld wissen, über welche lebensgeschichtlichen Erfahrungen potenzielle Interviewpartner/innen verfügen. Da das Sprechen über erlittene Gewalterfahrungen generell gesellschaftlichen Schweigegeboten unterliegt2), werden nachfolgend zunächst deren Bedeutung und deren Auswirkungen im Kontext narrativer Interviews thematisiert. [2]

2. Soziale Rahmung biografisch-narrativer Interviews

Menschen mit akuten traumatischen Erfahrungen und Menschen, die sich als Erwachsene im Erinnerungsprozess an in der Kindheit erlittene Traumatisierungen befinden, neigen in der Alltagskommunikation häufig zu einem ambivalenten Umgang mit diesen Erfahrungen. Dies reproduziert sich auch in Forschungssituationen. Einerseits gibt es ein Bedürfnis, über die bedrohlichen Situationen zu sprechen, und dieses wird auch in Gesprächen signalisiert. Dieses Bedürfnis ist vor allem getragen von dem Wunsch nach Erleichterung durch Mitteilen und Teilen dieser schwierigen, oftmals tabuisierten Erfahrungen mit einer weiteren Person. Auf der anderen Seite sind diese Erfahrungen mit einem hohen Erzählwiderstand belegt. Dieser kann seinen Ursprung sowohl in der weiterhin bestehenden Bindung an den Täter bzw. die Täterin haben als auch durch bereits erfahrene oder angedrohte Sanktionen durch selbige und die Familie bedingt sein3). Der Widerstand zu sprechen kann aber auch motiviert sein durch Stigmatisierungserfahrungen sowie durch die antizipierte Überforderung anderer Gesprächspartner/innen. [3]

Diese Ambivalenz, also schweigen und zugleich sprechen zu wollen, kann sich als doppelte Botschaft auch in Forschungssituationen reproduzieren. In solchen Situationen ist es hilfreich, nicht gegen den Widerstand der Betroffenen zu arbeiten oder, positiv formuliert, sich an deren im Gesprächsverlauf deutlich werdenden Schutz- und Reparaturstrategien zu orientieren. Eine solche Orientierung kann bedeuten, die Gesprächspartner/innen mit den Techniken des aktiven Zuhörens (ROGERS 1972) beim Verbalisieren von schwierigen Themenbereichen zu unterstützen. Für Interviewer/innen ist neben einer fundierten Interviewausbildung sicher das empirisch gesättigte Wissen hilfreich, dass die Bereitschaft zum Interview tendenziell von dem Bedürfnis getragen wird, schwierige oder tabuisierte Bereiche der Lebensgeschichte zu thematisieren. Hierbei können sich Interviewer/innen und Erzählende weitgehend auf die überlebenswichtige Abwehr der Erzählenden verlassen. Traumatisches oder Schwieriges wird in der Regel nur insoweit erzählt, als es das eigene Abwehrsystem gestattet. Diese Aspekte sprechen für das narrative Nachfragen von heiklen Lebensbereichen. [4]

Es gibt andererseits aber Situationen, in denen es für das Gespräch förderlich ist, weitere Nachfragen und Detaillierungsaufforderungen zu meiden, insbesondere wenn ein Thema bzw. eine Situation von der/dem Interviewten im Gesprächsverlauf immer wieder angeboten, dann aber trotz Erzählaufforderung nicht ausgeführt wird. Um es zu wiederholen: Dies heißt jedoch nicht, dass grundsätzlich keine Nachfragen nach schwierigen bis traumatischen Lebenssituationen gestellt werden können. Eine gänzliche Vermeidung von angebotenen schwierigen Lebensthemen würde von den Betroffenen als Zurückweisung und/oder Desinteresse an ihnen und ihrem Leben interpretiert werden. Umgekehrt stellen viele traumatisierte Gesprächspartner/innen aus Selbstschutz Rückfragen an die Interviewer/innen, ehe sie mit dem Erzählen traumatischer Erfahrungen beginnen. Dies gilt beispielsweise für Interviews, in denen das Thema sexualisierte Gewalt in der Kindheit zuvor bekannt ist. In diesem Themen- bzw. biografischen Kontext versuchen die Interviewten oftmals im Vorfeld herauszufinden, ob und inwieweit sie den Interviewer/innen ihre Erfahrungen erzählen können. Sie wollen vor allem wissen, ob die Interviewer/innen sie während der Lebenserzählung auch in ihrer Schwere begleiten werden, ohne das Thema zu wechseln oder den Wunsch nach einem Erzählabbruch zu signalisieren. Vielfach fragen Betroffene zur eigenen Absicherung offen oder implizit nach der (politischen) Haltung der Interviewenden zu schwierigen Themen wie z.B. sexualisierte Gewalt (LOCH 2002). Dieses thematische Nachfragen der Interviewten ist ein verbreitetes Phänomen in Interviews, in denen schambesetzte und/oder tabuisierte Themen angesprochen werden. Diese Beobachtungen korrespondieren mit den Untersuchungsergebnissen von HARVEY, MISCHLER, KOENEN und HARNEY (2000), die zeigen, dass traumatisierte Menschen eine hohe Kompetenz entwickeln, ihre Erzählungen über erlebte Traumata den Möglichkeiten des Gegenübers bzw. den antizipierten gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen. D.h. Erzählungen von Traumatisierungen können Hinweise auf Dissoziationen und Verleugnungen enthalten, die auch dem sozialen Rahmen geschuldet sind (siehe auch LOCH 2007). Dies gilt gleichermaßen für Alltags-, Therapie- und Forschungskontexte. [5]

3. Dissoziationen in narrativen Interviews

Menschen, die wiederholt in der Kindheit traumatisiert wurden, reagieren auf diese unerträglichen Erfahrungen häufig mit Dissoziation (HUBER 1995; SACHSSE 1999, 2004; TERR 1991). Dissoziation als Abwehrmechanismus führt zum Aufbau von amnestischen Barrieren, die das Bewusstsein vor der Überflutung mit traumatischen Erinnerungen schützen. Dies kann als ein Versuch der Selbsthilfe von traumatisierten Kindern verstanden werden, wenn die benötigte Hilfe von außen ausbleibt. Eine mögliche Folge von Dissoziationen als Abwehrmechanismus können Depersonalisations- und/oder Derealisationserfahrungen sein. Dies kann zu Selbstdopplungen führen. FISCHER und RIEDESSER (1999, S.342) schreiben hierzu: "So existiert ein unversehrter Selbstanteil neben dem traumatisch geschädigten fort." Diese dissoziativen Fähigkeiten können bei erneuten traumatischen Erfahrungen in späteren Lebensphasen reaktiviert werden; ebenso können sie sich bei fehlender Distanz zur traumatischen Vergangenheit in der Gegenwart des Erzählprozesses wieder einstellen. Hierauf werde ich im Folgenden anhand von zwei Fallbeispielen eingehen. Zunächst soll an einer Textsequenz gezeigt werden, inwieweit erzählerische Darstellungen einer schwierigen Lebenssituation Spuren von dissoziierten traumatischen Erfahrungen enthalten können. Am zweiten Fallbeispiel soll verdeutlicht werden, wie sich ein Dissoziationsprozess im Interview reproduzieren kann. [6]

3.1 Spuren von dissoziierten traumatischen Erfahrungen

Beispielhaft sollen die Auswirkungen einer frühkindlichen Traumatisierung auf spätere Lebenssituationen und deren Manifestationen auf der Textebene anhand der Lebenserzählung von Alexandra Kranz4) sichtbar gemacht werden. Dieses Interview wurde von Michaela KÖTTIG (2004) im Rahmen ihres Forschungsprojektes zu Mädchen und jungen Frauen aus der rechtsextrem orientierten Szene geführt und ausgewertet, d.h. die nachfolgende Sequenz basiert auf einem Interview, welches nicht im Rahmen einer Traumaforschung erhoben wurde. Im Interview mit der damals siebzehnjährigen Alexandra Kranz fällt auf, dass sie immer wieder an Stellen auflacht, die für Außenstehende nicht komisch sind, – die vielmehr unverständlich erscheinen und sich auch nicht plausibel unter eine allgemeine Erklärung wie Verunsicherung aufgrund der Interviewsituation subsumieren lassen. Auf eine solche Sequenz soll im Folgenden eingegangen werden. Die Biografin spricht über eine Schulsituation, in der sie mit einem Buch ausgezeichnet wurde. Als sie zu ihren Großeltern nach Hause kam – sie lebte dort –, wird sie auf deren Anerkennung gehofft haben, so können wir antizipieren. Es tritt jedoch eine für die damals Siebenjährige völlig unerwartete Situation ein. Die Großmutter nimmt dem Mädchen das Buch weg und verbrennt es. Sehen wir, wie die siebzehnjährige Biografin über diesen Vorgang spricht:

"(2) un' ich hab', ähm (2), ich war in der ersten Klasse bester Schüler von der Schule oder so, hab' ich alles Einsen gehabt, un' da hab' ich 'nen Buch verliehen gekriegt. Das hieß 'Bastian der Hühnermörder', un' meine Oma hat's verbrannt. (lacht) Das hat'n mächtig'n Eindruck hinterlassen, aber das war richtig so, das hat das Buch einfach verdient, weil 's in der ersten Klasse nichts war. Sie hat mer damit bestimmt och symbolisier'n woll'n, dass, dass nich' richtig so war, dass ich das eb'n gekriegt hab'. (I: mhm) Für mich war 's eben nur schön, (2) dass ich eben da vor allen steh'n konnte, un' hab' mich gefreut, weil ich die Beste war, das war für mich der Moment der gezählt hat, un' nich' das Buch was ich gekriegt hab'."5) [7]

Betrachten wir die Passage in sequentieller Abfolge: Die Biografin spricht zunächst fast ohne Emotionen über den Erhalt einer schulischen Auszeichnung, welche ein Symbol sozialer Anerkennung darstellt. Auch im nächsten Abschnitt "Das hieß 'Bastian der Hühnermörder'6), un' meine Oma hat's verbrannt" verbleiben ihre Gefühle zwischen den Zeilen, sequenziell folgt ein kurzes Auflachen. Vorangegangen war auf der Textebene der erste Bruch bzw. die erste erzählerische Lücke: Die Biografin bzw. der von ihr produzierte Text lässt offen, was genau zwischen der Preisverleihung und dem Verbrennen des Buches geschehen war. Es folgt auch auf das Lachen hin keine Darlegung des Vorgefallenen, vielmehr drückt die Fortsetzung der Sequenz die Übernahme der großmütterlichen Perspektive aus. Dies manifestiert sich zunächst in der für eine Siebzehnjährige – und auch im Gegensatz zu den vorangegangenen Sequenzen – außerordentlich kindlichen Sprache. Die hermeneutische Feinanalyse dieser Textstelle legt nahe, dass sich im Prozess des Lachens die während des Erlebens dissoziierten Gefühle ausdrücken. In der Erlebensperspektive wird die siebenjährige Alexandra Kranz die damalige Situation als überfordernd bis bedrohlich und schmerzlich wahrgenommen haben. Sie wird ferner über die fehlende Anerkennung ihrer Leistungen durch ihre Großmutter enttäuscht gewesen sein. Durch die Abspaltung der Erlebensperspektive, also die Trennung ihrer Gefühle vom weiteren Handlungsablauf, war es Alexandra Kranz möglich, eine Fremdperspektive – die Perspektive ihrer Großmutter – auf diesen Vorgang einzunehmen bzw. diese zu übernehmen. In der Feinstruktur des Textes drückt sich dies wie folgt aus: Zunächst manifestiert sich die Trennung von Alexandra Kranz' emotionalem Erleben im Auslassen des Geschehens zwischen der Verleihung und der Verbrennung, es folgt das Lachen sowie das Satzpartikel: "das hat'n mächtig'n Eindruck hinterlassen". Unausgesprochen bleibt auch in der Fortsetzung das Akkusativobjekt mit Präposition. Die Biografin lässt also die Person aus, auf die die Handlung der Großmutter Eindruck hinterlassen hat: nämlich sich selbst, d.h. die Biografin kann sich und die Großmutter nicht gemeinsam in der Situation einführen, in der sie die Großmutter bzw. deren Handlungen als problematisch erlebte. Die Buchverbrennung durch die Großmutter überforderte das damals siebenjährige Mädchen. Feuer beeindruckt Kinder, es macht ihnen aber auch Angst. In diesem Fall verbanden sich mit dem Feuer der Verlust und die Zerstörung des Buches als Symbol der Anerkennung. [8]

Im sequenziellen Verlauf folgt auf der Textebene die Zustimmung zur Perspektive der Großmutter. Im nächsten Satz, "das hat das Buch einfach verdient", wird ein Gegenstand wie eine Person eingeführt. Auf diese Weise wird die in Alexandra Kranz' damaligem Erleben als Bestrafung gefühlte Situation im Interview so präsentiert, als habe diese das Objekt Buch und nicht das Mädchen erlebt, d.h. Alexandra Kranz spaltete als Kind die während der Verbrennung durch die Großmutter als bedrohlich erlebten Gefühle ab und projizierte diese auf das Buch. Infolge der Dissoziation unterliegt die Bedrohung durch und Enttäuschung über die Großmutter einer amnestischen Barriere, sodass Alexandra Kranz diese im Alltag nicht mehr bewusst wahrnimmt. Auf der Textebene spricht die Biografin nach diesem Spaltungsvorgang von der "verdienten" Bestrafung eines Objekts (des Buches), das keine Emotionen kennt, welches jedoch in ihrer Darstellung zu einem Subjekt wird. Diesen Widerspruch könnte die siebzehnjährige Alexandra Kranz auf der abstrakten Ebene und außerhalb ihres lebensgeschichtlichen Kontextes durchaus erkennen, in der lebensgeschichtlichen Hinwendung ist ihr diese reflexive Betrachtung aufgrund der Dissoziation jedoch nicht möglich. [9]

Zusammenfassend kann folgende Interpretation festgehalten werden: Bei Alexandra Kranz drückt sich der Spaltungsprozess im Lachen aus. Sie spaltete die in der schwierigen Situation erlebten Gefühle ab und kann auf diese Weise – stellvertretend im Sprechen über ein anderes Objekt – die Perspektive des bedrohlichen Gegenübers, in diesem Beispiel die Perspektive der Großmutter, übernehmen und als ihre eigene darstellen. Sie erhält sich somit die positive Nähe zur bestrafenden Großmutter. Insofern ist (diese) Dissoziation auch als eine Anpassungsleistung an die Umgebung zu verstehen. Die Dissoziation ermöglichte Alexandra Kranz, sich in eine tendenziell unzuverlässige Umgebung einzufügen – auch in Momenten, in denen es für ihre eigene Entwicklung wichtig gewesen wäre, dass sich erwachsene Bezugspersonen wie die Großmutter an ihr und ihren Bedürfnissen orientiert hätten.7) Menschen, die in der Kindheit wiederholt traumatisiert wurden und in den folgenden Jahren keine ausreichend stabile emotionale Beziehung und/oder therapeutische Unterstützung erfuhren, lernen den Abwehrmechanismus der Dissoziation immer weiter zu spezifizieren (vgl. HUBER 1995; TERR 1997). Diese Spaltungsprozesse bzw. ihre Auswirkungen manifestieren sich in Interviewsituationen und auf der Textebene (vgl. KERNBERG 1992; LOCH 2006). [10]

Die vorgestellte Situation erlebte Alexandra Kranz im Alter von sieben Jahren, diese Erfahrung wirkt, wie gezeigt, bis in die Gegenwart der Erzählung hinein. Im Folgenden soll nur noch skizzenhaft anhand der Ergebnisse der biografischen Fallrekonstruktion eingeführt werden, mit welchen frühkindlichen Erfahrungen Alexandra Kranz' Reaktion auf das Schulerlebnis verknüpft ist und wie sich dies auf ihr weiteres Leben auswirkt. KÖTTIG (2004) arbeitete heraus, dass Alexandra Kranz in ihren ersten Lebensmonaten in einem tendenziell gewalttätigen und emotional unzuverlässigen Elternhaus traumatisiert wurde. Ihre Zwillingsschwester starb dort unter ungeklärten Umständen im Säuglingsalter. Auf diese Lebenssituation reagierte Alexandra Kranz ihrem Alter entsprechend mit Dissoziation. Durch die Verwendung der gleichen Reparaturstrategie – gemeint ist das Dissoziieren – sind bis heute ihre traumatischen Erfahrungen mit stressbesetzten Erlebnissen verbunden, wie beispielhaft an dem Schulerlebnis gezeigt wurde. Die Fallrekonstruktion zeigt weiterhin, dass Alexandra Kranz dieses Schulerlebnis und die damit verknüpfte frühkindliche Traumatisierung bis in die Gegenwart bearbeitet, indem sie sich immer wieder in Situationen bringt, in denen sie Aufmerksamkeit und Anerkennung von einer Gemeinschaft erhält und dies tendenziell mit bedrohlichen Situationen verknüpft ist. Dies drückt sich u.a. in der Übernahme von Funktionen in der rechtsextremen Szene aus, wodurch sie immer wieder an exponierter Stelle in gewalttätige Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Jugendlichen verwickelt wird. Damit möchte ich die Ausführungen zu diesem Fallbeispiel beenden.8) [11]

3.2 Wiedererleben traumatischer Erfahrungen

Im Weiteren soll am Interview mit Katja Göbel (Jahrgang 1937) aufgezeigt werden, wie sich infolge von traumatischen Erinnerungen eine beginnende Dissoziation im Interview zeigen kann. Das Interview habe ich im Rahmen meiner Forschung über sexualisierte Gewalt in Kriegs- und Nachkriegskindheiten geführt (LOCH 2006).9) [12]

Fragmente von traumatischen Erinnerungen können durch kleine, an die traumatische Situation gebundene Details wie Gegenstände, Worte oder auch Körperhaltungen – sogenannte Trigger – ausgelöst werden (HUBER 1995; TERR 1997). Dies kann auch im Laufe eines Erzählprozesses geschehen, wie an dem folgenden Auszug aus dem Interview mit der Therapeutin Katja Göbel gezeigt wird. Die Biografin Katja Göbel erlitt vor ihrem sechsten Lebensjahr Gewalt durch ihren Vater, ihren Bruder und dessen Freunde. Im Rahmen einer therapeutischen Fortbildung ließ sie sich in den Zustand einer hypnotischen Trance versetzen. In dieser Übung erinnerte sie sich an die Waschküche in ihrem Elternhaus. Sie konnte sich an jedes Detail in diesem Raum erinnern, allerdings sah sie keine Personen. Dennoch führte diese räumliche Erinnerung in der Folgezeit zu schlaflosen Nächten. Zur Ruhe kam Katja Göbel erst wieder, als ihr ein entscheidendes Detail einfiel. Wie die Fallrekonstruktion zeigt, handelt es sich bei diesem Detail um eine Glühbirne, deren Erinnerung in der Interviewsituation Folgendes bewirkte:

"Auf einmal wußte ich 'irgendwas war da und ich wußte auf einmal (2) ich- ja so war es genau , Ich hatte ei:n Detail vergessen , Aus dem ganz genauen Waschküchenbild , ein Detail hab ich vergessen' , Und als mir DAS Detail auf einmal 'einfiel' (3) da wußte ich auf einmal , was , mir da (2) 'passiert ist' , Auf einmal=da=hab=ich ja natürlich des hab ich vergessen weil da:mit , hmh hm , So und des (1) und dann wußte ich warum ich die Nacht nich schlafen konnte nach dem (1) Waschküchen( ) (5) Ich bin nich ganz (1) ' ich bin nich ganz=s da , Ich bin schon da aber ich bin n bißchen (1) /((aufseufzend:)) in meinem eigenen/ (1) ja ich wollte ne ganz andere Geschichte erzählen' weil da die Gefühle waren die , is es okay?" 10) [13]

Mit der Konzentration auf eine Glühbirne gelang Katja Göbel in der Kindheit die Dissoziation. Es war ihr Schutzmechanismus, mit dem sie die in der Waschküche erlebten sexualisierten Gewalterfahrungen in der Situation aus ihrem bewussten Erleben ausschloss. Bis in die Gegenwart hinein können Glühbirnen in Kellerräumen bei ihr emotionale Erinnerungen an sexualisierte Gewalterfahrungen reaktivieren. Deshalb kann sie im Interview über ihre als unangenehm erlebten Reaktionen bei Benennung des Triggers Glühbirnen nur stellvertretend im Kontext einer Wohnungsbesichtigung als erwachsene Frau sprechen (– aber auch hier zieht sich die Passage im Transkript über mehrere Seiten). Wie die oben zitierte Passage zeigt, führt das Imaginieren der Waschküche ihrer Kindheit mit der Glühlampenbeleuchtung auch in der aktuellen Interviewsituation zu Dissoziation bzw. zu einem unkontrollierten emotionalen Wiedererleben ihrer mit Gewalt verbundenen Kindheitserfahrungen. Katja Göbel schützte sich im Interview vor der Dissoziation erstens, indem sie das letzte Detail – die Glühbirne – nicht im Kontext der Waschküche und ihrer Kindheit, sondern im Kontext eines Erlebnisses im Erwachsenenalter erinnert und ausspricht. Die eingeführte räumliche (Waschküche vs. Wohnung) und zeitliche Trennung (Kindheit vs. Erwachsenenalter) stellt eine Barriere in Katja Göbels Erinnerungsprozess dar. [14]

Die Biografin schützt sich des Weiteren, indem sie sich aktiv der Interviewerin zuwendet, also durch die Orientierung an der Gegenwart. Als damals noch unerfahrene Interviewerin hatte ich dies nur mit einem "Ja" unterstützt und gefragt, was sie störe. Sie antwortete, sie störe nichts "ich dachte heute haben Sie vielleicht mehr Fragen und , jetzt erzähl ich so lang". Mit dieser Interaktion war Katja Göbels Konzentration wieder auf die Gegenwart gerichtet, und nach einigen Sätzen, die das Interesse der Interviewerin an ihren Erzählungen bestätigten, folgte eine im inhaltlichen Zusammenhang stehende Erzählung aus der Zeit nach ihrem Studium. Sehr wesentlich ist hier die Orientierung an der Gegenwart, welche ich damals eher intuitiv unterstützte. Katja Göbel ermöglichte diese von ihr initiierte, an der Gegenwart orientierte Interaktion, den an das Kindheitstrauma gebundenen Dissoziationsprozess zu unterbrechen. [15]

Mit meiner heutigen Interviewerfahrung würde ich die Biografin bereits bei den ersten Hinweisen auf ein Hineingleiten in ihre traumatische Kindheitserinnerung in der Orientierung an der Gegenwart unterstützen, z.B. indem ich sie daran erinnere würde, dass sie sich gerade als erwachsene Frau aus der Gegenwartsperspektive ihren Kindheitserinnerungen zuwendet. Das Erkennen und Bewahren der grundsätzlichen Differenz zwischen der Erzählung in der Gegenwart und der bedrohlichen Vergangenheit ist ein zentraler Aspekt in Interviews mit Menschen mit traumatischen Kindheitserfahrungen. Es gilt, die Interviewten in der Orientierung an der Gegenwart (durch Hinweise auf den Raum, ihre jetzige Lebenssituation etc.) zu unterstützen, wenn die Möglichkeit besteht, dass sie während des Erzählprozesses die Vergangenheit so intensiv erinnern, als wäre sie erneut zur Gegenwart geworden. Letzteres kann zu Retraumatisierungen führen. Diese Möglichkeit besteht besonders dann, wenn die aktuelle Lebenssituation als bedrohlich und ohne Zukunftshorizont erlebt wird (ROSENTHAL 2002). [16]

4. Verortung in der Gegenwart

Die Verortung in der Gegenwart wird sehr stark unterstützt durch Interviewsituationen bzw. einen Interviewraum, in dem sich die Betroffenen wohl und vertraut fühlen. Ich ermutige meine Gesprächspartner/innen deshalb stets, die Interviews in ihren eigenen Wohnungen durchzuführen und sich hierfür eine möglichst angenehme Atmosphäre zu schaffen. Bei anderen Wünschen können die Gespräche beispielsweise auch in einer vertrauten Beratungsstelle stattfinden. Wichtig ist, dass die Betroffenen den Raum als sicher erleben und dass sie dort ohne äußere Unterbrechungen ihre Lebensgeschichte erzählen können, bei gleichzeitiger Vermeidung eines unkontrollierten Wiedererlebens von traumatischen Erfahrungen. Hier liegt eine wesentliche Differenz zwischen dem Forschungsinterview und therapeutischen Interventionen. Für therapeutische Prozesse kann es durchaus förderlich sein, wenn die Betroffenen in diesen Settings den traumatischen Situationen ihrer Kindheit wieder begegnen und diese (partiell) erneut erleben. Dies geschieht in Traumatherapien beispielsweise in Verbindung mit einem imaginären "sicheren Ort" (REDDEMANN 2001), auf den sich die Betroffenen jederzeit selbstbestimmt zurückziehen bzw. von dem aus sie sich der Vergangenheit zuwenden können. Anders als in Therapien sollen in einem Forschungsinterview aus ethischen Gründen keine Erinnerungen vorsätzlich initiiert werden, die der therapeutischen Unterstützung bei der weiteren Bearbeitung bedürfen. Hier geht es vielmehr darum, (Sprach-) Räume zu eröffnen, in denen die zugänglichen Erinnerungen ausgedrückt werden können. Der äußere sichere Ort während des Interviews dient der Schaffung einer angenehmen Gesprächsatmosphäre, die es den Menschen ermöglicht, sich in Ruhe den ihnen zugänglichen Erinnerungen zuzuwenden und diese durch den Prozess des Erzählens in ihre Biografie zu integrieren. ROSENTHAL (2002, S.217) spricht in diesem Kontext von der "heilsamen Wirkung" von Erzählungen: "Die bisher aus der biographischen Selbstwahrnehmung ausgeklammerten traumatischen Lebensbereiche können mit dem Erzählen und ihrer biographischen Verarbeitung – im Sinne der Reflexion ihrer Bedeutung für die eigene Lebensgeschichte – wieder in die Lebensgeschichte integriert werden." Dieser heilsame Aspekt der Integration von schwierigen Erfahrungen in die Lebensgeschichte kommt in vielen gegenwärtigen Therapien zu kurz. [17]

Die integrative Wirkung, welche zu einem um den Gesamtkontext der Biografie erweiterten, ganzheitlicheren Selbstverstehen führen kann, empfinden viele Interviewpartner/innen als sehr angenehm. Diese Integration ist ein weiterer Baustein in dem lebenslangen Prozess, die mit der Dissoziation in Folge der Traumatisierung einher gegangene Segmentierung der eigenen Lebensgeschichte zu überwinden. Das Integrationserleben evaluierten viele Interviewpartner/innen als positive Erfahrung nach den Gesprächen. Hierauf basierte oftmals die Motivation für ein weiteres Interview und dessen Einforderung durch die Interviewten. Diese Rückmeldung verweist darauf, wie wichtig es ist, beim Nachfragen von traumatischen Erfahrungen abzuwägen, ob eine Erzählaufforderung eher den Prozess der heilsamen Integration unterstützt oder ob sie durch das unkontrollierte Anstoßen von Erinnerungen eher retraumatisierend wirken kann. Ersteres würde unterbleiben, wenn in Interviews keine Nachfragen zu schwierigen bis traumatischen Lebenssituationen gestellt würden. Dies heißt im Umkehrschluss, dass Interviewer/innen mit einer grundsätzlichen Vermeidung von Fragen zu schwierigen bis traumatischen Lebenssituationen in der Forschungssituation die Aufspaltung von Lebenserfahrungen – welche mit Dissoziationen einhergeht – weiter unterstützen können. Damit würden Forschende durch die Praxis der Interviewführung die gesellschaftliche Etablierung von Schweigegeboten im Umgang mit Traumatisierungen (ungewollt) unterstützen. [18]

5. Schlussbemerkung

Traumatische Erlebnisse manifestieren sich als Spuren in narrativen Interviews ebenso wie ihre überlebenswichtigen Bewältigungsstrategien. Sprache wird somit im Interview wie auch in Alltagssituationen zum Ausdrucksfeld traumatischer Erfahrungen und ihrer Abwehrmechanismen bzw. Bearbeitungsstrategien. Infolgedessen wirken die Lebenserzählungen der Betroffenen häufig inkonsistent, ihre Ausführungen erscheinen oftmals verwirrend, widersprüchlich und/oder bruchstückhaft. Letzteres gilt besonders für dissoziierte Lebenserfahrungen. Forscher/innen stehen in solchen Interviews vor der Situation, sich entweder an dem dominanten gesellschaftlichen Verleugnungsprozess zu beteiligen und folglich die Hinweise und Andeutungen der Betroffenen zu überhören oder sich den Betroffenen zuzuwenden und sich den hiermit verbundenen Herausforderungen zu stellen. Letzteres bedeutet, in Interviews auch Nachfragen zu schwierigen, womöglich traumatischen Lebenserfahrungen zu stellen sowie die Verortung der Interviewten in der Gegenwart beim Erinnern der Vergangenheit zu unterstützen. Dies impliziert die Orientierung an den Möglichkeiten und Grenzen der Interviewten. Hilfreich ist hier das Wissen, dass oftmals gerade die im Kontext der Traumatisierungen entwickelten dissoziativen Fähigkeiten den Betroffenen das Erzählen von schwierigen Lebenssituationen ermöglichen. Dies kann sich wie hier vorgestellt im Lachen beim Erzählen von schwierigen Situationen ebenso wie im Weinen beim Versprachlichen von weniger schwierigen Situationen ausdrücken. Für Interviewer/innen ist es in solchen Situationen sicher sinnvoll, über fundierte Gesprächsführungskenntnisse zu verfügen – wie sie in qualifizierten Interviewschulungen vermittelt werden. Des Weiteren bedarf es unterstützender Forschungssupervisionen (vgl. HAUBL 2003) und/oder kollegialer Beratung (CONNOLLY & REILLY 2007). Denn schwierige Interviewbeispiele bzw. -erfahrungen sollten nicht davon abhalten, narrative Interviews zu führen, sonst dürften letztlich überhaupt keine Gespräche mehr geführt werden, da im Voraus prinzipiell nie sichergestellt werden kann, dass potenzielle Interviewpartnerin/innen keine traumatischen Erfahrungen erlitten haben. Die hier vorgestellten Erfahrungen sollten vielmehr dazu auffordern, die in einigen Forschungsbereichen verbreitete Reduktion der Interviewpartner/innen auf "Datenträger" zu hinterfragen. Denn in dieser Haltung wird die Bedeutung der Beziehung zwischen den beiden Gesprächspartner/innen für das Sich-Einlassen der Interviewten auf einen Erzähl- und Erinnerungsprozess ignoriert. Sie vernachlässigt weiterhin, dass sich die Grundhaltung der Forschenden in ihren jeweiligen Interviewführungen widerspiegelt. HILDENBRAND (1999, S.274f.) schreibt in diesem Kontext: "'Fälle' sind eben nicht nur 'Fälle', sondern auch Personen und Personengruppen mit je eigenen Geschichten. Bei aller wissenschaftlichen Distanz schiebt sich vor den Fall die personale Beziehung, ohne die ein lebensgeschichtliches Interview (…) nicht zu haben ist." [19]

Bezogen auf die Interviewsituation bedeutet dies meiner Ansicht nach, dass den Interviewten mit all ihren positiven wie auch schwierigen bis traumatischen Erfahrungen während der Erhebung die volle Aufmerksamkeit gelten sollte. Denn gerade das offene Ansprechen von schwierigen Themen verbunden mit der beiderseitigen Bereitschaft, sich auf schwierige Interviewsituationen einzulassen, ermöglicht den Biograf/innen, jenseits sozial konstituierter Schweigegebote über ihre Erfahrungen zu sprechen. Ihnen diese Option zu eröffnen, verpflichten uns m.E. das Vertrauen und die Offenheit, die uns die Gesprächspartner/innen entgegenbringen, und ihre Bereitschaft, sich auf uns und unser Forschungsinteresse einzulassen. Umgekehrt ermöglichen die Antworten auf narrative Nachfragen zu schwierigen und traumatischen Lebenssituationen bei gleichzeitiger Stärkung der sicheren lebensgeschichtlichen Bereiche in der Gegenwart und der Vergangenheit Forscher/innen das Verstehen der Orientierungs- und Deutungsmuster der Interviewten, aus denen auch deren wahrgenommene Zukunftsperspektiven hervorgehen. Dies ist umso wesentlicher, als der Zusammenhang zwischen den traumatischen Erfahrungen und dem jeweiligen Forschungsthema oftmals erst im Analyseprozess deutlich wird. [20]

Anmerkungen

1) Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf das narrative Interview, wie es von Fritz SCHÜTZE (1976, 1977, 1987) seit den 1970er Jahren in der qualitativen Sozialforschung etabliert und von Gabriele ROSENTHAL (1995, 2002) im Kontext der Traumaforschung weiterentwickelt wurde. Vgl. hierzu auch LOCH und ROSENTHAL (2002), LOCH (2002) sowie ROSENTHAL (1999). <zurück>

2) Zum geschlechtsspezifischen Umgang mit Gewalterfahrungen siehe GAHLEITNER (2005) sowie GAHLEITNER, LENZ und OESTREICH (2007) <zurück>

3) Kinder, die sexualisierte Gewalt durch Angehörige erleiden, werden in der Regel innerhalb der Familie mit unterschiedlichen Methoden wie Bedrohungen, Belohnungen und Liebesentzug zur Geheimhaltung gezwungen, vgl. hierzu beispielsweise Judith HERMAN (1994). Die Ergebnisse meiner Fallanalysen zeigen, dass diese Gewalterfahrungen bis ins Erwachsenenalter hinein mit einem hohen Erzählwiderstand belegt sind (LOCH 2006). Der Bruch des Schweigegebots kann u.a. Schuldgefühle und autoaggressives Verhalten auslösen (MILLER 1995). Oftmals wird befreiendes Erzählen erst durch Unterstützung möglich. <zurück>

4) In beiden Fallbeispielen wurden Namen, Orte etc. anonymisiert. <zurück>

5) Die Interviewsequenzen wurden zur besseren Lesbarkeit sprachlich überarbeitet. In dem vorliegenden Beitrag unterscheiden sich die verwendeten Transkriptionszeichen aufgrund der verschiedenen Forschungskontexte, denen die Interviews entnommen wurden. Folgende Zeichenerklärung gilt für dieses Zitat: gefreut = betont; (2) = 2 Sekunden Pause; (lacht) = Kommentar der Transkribierenden; ' = Auslassungszeichen; , = kurzes Absetzen. Ich danke Michaela KÖTTIG für das zur Verfügung stellen ihres Forschungsmaterials. <zurück>

6) In dem Kinderbuch von Frank WEYMANN (1985) wird ein im Dorf fremder Junge verdächtigt, Hühner getötet zu haben. Die Verdächtigungen erweisen sich in Laufe der Geschichte als unberechtigt. <zurück>

7) Zur Bedeutung von Vertrauensverlust und Zuverlässigkeit im Kontext von Traumatisierungen in der Kindheit siehe FREYD (1997). <zurück>

8) Zur ausführlichen Falldarstellung siehe KÖTTIG (2004, S.140-193). <zurück>

9) Das Sample setzt sich aus vierzehn Herkunftsfamilien zusammen, aus diesen wurden in der Kindheit traumatisierte Frauen und deren Familienangehörige interviewt. Die Kerngruppe, also die in der Kindheit traumatisierten Frauen, wurde in der Regel zwei- bis dreimal interviewt. Insgesamt wurden für die Studie siebenundvierzig mehrstündige (in der Regel 4-5stündige) narrative Interviews durchgeführt. <zurück>

10) Transkriptionsregeln: , = längeres Absetzen, weniger als 1 Sekunde; wußte = betont; ich- = Abbruch; da:mit = Dehnung; (1) = 1 Sekunde Pause; \((aufseufzend:)) \ = Kommentar der Transkribierenden, bezieht sich auf den Inhalt zwischen Schrägstrichen; ganz=s = schneller Anschluss; ( ) = unverständlich; 'passiert ist' = Inhalt leise gesprochen. <zurück>

Literatur

Connolly, Kate & Reilly, Rosemary C. (2007). Emergent issues when researching trauma. A confessional tale. Qualitative Inquiry, 13(4), 522-540.

Fischer, Gottfried & Riedesser, Peter (1999). Lehrbuch der Psychotraumatologie. München: Ernst Reinhardt Verlag.

Freyd, Jennifer J. (1997). Betrayal trauma. The logic of forgetting childhood abuse. Cambridge: Harvard University.

Gahleitner, Silke Birgitta (2005). Sexuelle Gewalt und Geschlecht. Hilfen zur Traumabewältigung bei Frauen und Männern. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Gahleitner, Silke Birgitta; Lenz, Hans-Joachim & Oestreich, Ilona (2007). Gewalt und Geschlechterverhältnis. Interdisziplinäre Beiträge und geschlechtersensible Analysen und Perspektiven., Weinheim: Juventa

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Zur Autorin

Ulrike LOCH, Assistenzprofessorin, Schwerpunkt Sozialpädagogik der Lebensalter

Arbeitsschwerpunkte: Qualitative Forschung, Rekonstruktives Fallverstehen in der Sozialen Arbeit, Professionelles Handeln, Traumaforschung, Familien- und Mehrgenerationenforschung

Kontakt:

Ass.-Prof. Dr. Ulrike Loch

Alpen-Adria Universität Klagenfurt
Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung
Abteilung für Sozial- und Integrationspädagogik
Universitätsstraße 65
A-9020 Klagenfurt

E-Mail: Ulrike.Loch@uni-klu.ac.at
URL: http://www.uni-klu.ac.at/ifeb/sip/

Zitation

Loch, Ulrike (2008). Spuren von Traumatisierungen in narrativen Interviews [20 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 54, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801544.



Copyright (c) 2008 Ulrike Loch

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