Volume 20, No. 2, Art. 18 – Mai 2019



Die Ethnomethodologie umzirkeln

Karin Knorr-Cetina im Gespräch mit Hannes Krämer & René Salomon

Zusammenfassung: In dem nachfolgenden Interview spricht Karin KNORR-CETINA über ihre Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit dem Buch "Studies in Ethnomethodology" (GARFINKEL 1967) und dem intellektuellen Umfeld des Buches in den USA sowie in Deutschland. Sie unterscheidet eine orthodoxe ethnomethodologische Linie von einer offeneren Perspektive, die generell die kompetente Hervorbringung alltagsweltlicher Prozesse ernst nimmt und von der Ethnomethodologie (EM) beeinflusst ist, ohne dass die Forschungsperspektive zwingend so benannt wird. Zugleich diskutiert sie die methodologischen Implikationen der Ethnomethodologie für die qualitative Sozialforschung im Allgemeinen und der Ethnografie im Speziellen. In diesem Zusammenhang identifiziert sie originelle methodologische Annahmen der EM, die sie auch heute noch zu einer aktuellen Forschungsperspektive machen (Alltagsweltlichkeit, Langsamkeit, Anti-Interpretativität). Schließlich verortet KNORR-CETINA die Ethnomethodologie in der Diskussion um neuere Sozialtheorien wie etwa die Praxistheorie.

Keywords: Ethnomethodologie; Mikrosoziologie; Soziologiegeschichte; Ethnografie; Methodologie; Praxistheorie; Wissenschaftsforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Der Weg zur Ethnomethodologie ging über CICOUREL

2. Epistemische Fragen und das unique-adequacy-requirement

3. Persönliche Begegnungen

4. Zwei Arten von Ethnomethodologie

5. "Es passen mir bestimmte Annahmen nicht, die finde ich falsch"

6. Alltägliche und politische Ordnungen und der ethnomethodologische Blick

7. Die Ethnomethodologie als Entdeckung der Langsamkeit und anti-interpretative Theorieschule

8. Accountability und reflexivity

9. Ethnomethodologie lehren

10. Die Rezeption der Ethnomethodologie in Deutschland

11. Ethnomethodologie und Ethnografie

12. Zur aktuellen Situation der Ethnomethodologie

13. Ethnomethodologie und Praxistheorie

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin und zu den Autoren

Zitation

 

Biografische Notiz

Karin KNORR-CETINA (*1944) ist Professorin für Anthropologie und Soziologie an der University of Chicago. Nach dem Studium der Kulturanthropologie und Soziologie in Wien wurde sie 1971 im Fach Kulturanthropologie promoviert. Anschließend arbeitete sie am Institut für Höhere Studien in Wien und ging in dieser Zeit als Fellow an die University of California (UC) in Berkeley, wo sie in engem Austausch mit Aaron CICOUREL stand und auch Harold GARFINKEL persönlich kennenlernte. 1981 habilitierte sie sich an der Universität Bielefeld. Nach Stationen an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten wurde sie 1983 auf eine Professur für Sozial- und Kulturtheorie an der Universität Bielefeld berufen. 2001 wechselte sie auf die Professur für Soziologische Theorie, Wissens- und Finanzmarktsoziologie an die Universität Konstanz. Ab 2004 hatte KNORR-CETINA eine ständige Gastprofessur an der Universität von Chicago sowie eine Mitgliedschaft des "Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences" in Stanford inne. Seit 2010 ist sie Professorin an den Departments für Anthropologie und für Soziologie in Chicago. Sie ist Gast in renommierten Forschungseinrichtungen und lehrt an verschiedenen Universitäten – etwa an der Universität Zürich, an der Business University St. Gallen sowie am Institut für Höhere Studien Wien. 2005 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Luzern, 2016 den Lifetime Achievement Award der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, 2017 den Gutenberg Forschungspreis der Universitaet Mainz und 2019 die Sarton Medaille der Universität Gent, wo sie 2019-2020 auch den Sarton Chair innehat. Bekannt wurde Karin KNORR-CETINA zunächst mit ihren Studien zur Arbeitspraxis in naturwissenschaftlichen Labors, in denen sie die vielfältigen Aktivitäten und Konstellationen der Wissenschaftler*innen und ihrer Objekte rekonstruierte, die in die Erschaffung einer wissenschaftlichen Tatsache involviert waren. Diese Forschung veröffentlichte sie im Buch "The Manufacture of Knowledge" (1981), welches die damals aufkommende sozialwissenschaftliche Wissenschaftsforschung bekannt machte. Diesen Ansatz einer sozial- und kulturanthropologischen Binnenanalyse wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion vertiefte KNORR-CETINA in ihrem Buch "Epistemic Cultures. How the Sciences Make Knowledge" (1999), in dem ein Vergleich zweier Wissenskulturen – Hochenergiephysik und Molekularbiologie – vollzogen wurde. Zu diesen Forschungen kam seit den 1990er Jahren ein Interesse an ökonomischen Wissensformen hinzu, speziell für Finanzmärkte, die sie hinsichtlich ihrer (auch visuellen) Wissenspraxis untersucht hat. Derzeit in Vorbereitung ist ihr Buch "Maverick Markets: The Virtual Societies of Financial Markets". Neben diesen materialen Studien zu Feldern der Wissensproduktion veröffentlichte Karin KNORR-CETINA mehrere Bücher und Aufsätze zu sozialtheoretischen Themen und Fragestellungen – wie etwa zum Verhältnis von Mikro- und Makrosoziologie (KNORR-CETINA & CICOUREL 1981) oder zur Praxistheorie (SCHATZKI, KNORR-CETINA & VON SAVIGNY 2001). Auch wenn KNORR-CETINA keine Ethnomethodologin im strengeren Sinne ist, sind ihre Arbeiten in vielfältiger Art und Weise mit der Entstehung einer mikrosoziologischen und auch ethnomethodologischen Forschungsperspektive verknüpft.1) [1]

Über das Interview

Das Interview fand in einem Café im Südwesten Berlins am 19. Mai 2017 statt und dauerte zweieinhalb Stunden. Es wurde anschließend im E-Mail-Austausch überarbeitet. Das Interview ist Teil der von Dominik GERST, Hannes KRÄMER und René SALOMON herausgegebenen Schwerpunktausgabe "Harold GARFINKELs 'Studies in Ethnomethodology' – ein Interviewprojekt".2) Das vorliegende Gespräch weist nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich die besondere Mischung der "transatlantischen Soziologin" Karin KNORR-CETINA (HIRSCHAUER 2017, S.113) auf, die im Gespräch immer wieder zwischen hochdeutsch, österreichisch und englisch wechselte. Wir haben uns entschieden, diese Vielstimmigkeit beizubehalten, gibt sie doch einen Einblick in das Denken und die weitreichenden Verknüpfungen KNORR-CETINAs. Die formale Endfassung des Interviews wurde von Karin KNORR-CETINA im Mai 2019 autorisiert. [2]

1. Der Weg zur Ethnomethodologie ging über CICOUREL

Hannes KRÄMER: Wie sind Sie denn zu den "Studies in Ethnomethodology" (GARFINKEL 1967, im Folgenden auch Studies) damals gekommen?

Karin KNORR-CETINA: Ursprünglich war meine Beziehung zu Harold GARFINKEL über Aaron CICOUREL vermittelt.3) Ich war bis 1978 am Institute for Advanced Studies in Wien und dazwischen ein Jahr in Berkeley. Aber bevor ich nach Berkeley ging, es kann bereits 1971/72 gewesen sein, kam CICOUREL an das Institute for Advanced Studies oder an das Institut für Höhere Studien (IHS), wie es auf Deutsch heißt.4) Das Institut hatte die Praxis, sogenannte scholars aufzunehmen und Gastprofessor*innen einzuladen – eine Praxis, von der ich später auch profitiert habe, weil ich dort selbst mehrmals Gastprofessorin war. Die Einladungen gingen nicht nur an Personen aus Deutschland, sondern vor allem aus anderen Ländern; sehr oft aus Amerika, ein paar aus Frankreich, ein paar aus England, Norwegen. Und man konnte am Institut als scholar einen Postdoc machen, was auch ich gemacht habe. Wir hatten als Postdocs die Möglichkeit, in die Veranstaltungen der Gastprofessor*innen zu gehen. So konnte man praktisch alle möglichen Leute mit Rang und Namen aus aller Welt kennenlernen, ohne hinfahren zu müssen. Das war schon klasse. [3]

Hannes KRÄMER: Und so haben Sie auch CICOUREL kennengelernt?

Karin KNORR-CETINA: Genau, unter anderem kam auch Aaron CICOUREL ans IHS. Der hat für uns eine Lehrveranstaltung gehalten, die über mehrere Tage ging. Ein Aspekt des Institutes war, dass wir auch im Kreis der scholars mit den Gastprofessor*innen diskutieren konnten. Es gab eine sogenannte Stube, wo man Kaffee trinken, abends sitzen und Schach spielen konnte. Dort konnte dann wirklich auch mit den Gastprofessor*innen diskutiert werden. Oder man ging mit ihnen nebenan ins Café in der Stumpergasse – neben dem Institut. Das Café war nicht unwichtig. Orte sind für die Wissensproduktion immer auch wichtig. Da sind wir immer hingegangen und haben mit den Gastprofessor*innen diskutiert. Es gab auch immer ein Abendereignis mit den Gastprofessor*innen, man kam so wirklich auch an sie ran und konnte sie kennenlernen. In diesen Diskussionen und auch in der Veranstaltung habe ich viel von CICOUREL gelernt. Die Bücher, die wir besprochen haben, waren "Method and Measurement in Sociology" (CICOUREL 1964) und dann die "Argentine Fertility" (CICOUREL 1974), eine Studie, die er immer als Beispiel für seine Kritik an Messmethoden – ja, an der positivistischen Soziologie insgesamt, die das alles taken for granted nimmt – angeführt hat. Da hat er eigentlich klassisch ethnomethodologisch argumentiert, aber nicht so loopy, nicht so selbstreflexiv wie GARFINKEL. Bei GARFINKEL kommt bei manchen Studien ja oft irgendwie nichts heraus – das dreht sich hauptsächlich um sich selbst. [4]

Hannes KRÄMER: Inwiefern war das bei CICOUREL anders?

Karin KNORR-CETINA: Bei CICOUREL kam schon was raus. Das hat er in der Studie "Argentine Fertility" (1974) nochmal im Detail gezeigt: Was passiert eigentlich, wenn die Leute Interviews machen? Wie viel geschieht da in der Art, wie es das standardisierte Interview voraussetzt? Nichts, absolut nichts geht so. Das hat mich damals beeindruckt, weil ich auch selbst involviert war in eine klassische survey analysis. Helga NOWOTNY5), die damals meine Abteilungsleiterin war am IHS, hatte mit der UNESCO eine Studie organisiert, in der es um scientists in organizations ging (KNORR & MITTERMEIR 1980). Da haben wir einen standardisierten Fragebogen entworfen und sollten damit arbeiten, und ich habe eben gemerkt, dass das Arbeiten damit nicht geht. Wir haben in dem Projekt Pretests gemacht: Wir sind dann beispielsweise hin zur VOEST, ein internationales Stahltechnologieunternehmen mit Sitz in Linz, weil da viel science gemacht wurde. Dort haben wir festgestellt, dass man die Fragen nicht so stellen kann, wie sie angeordnet sind. Ich hatte ja damals keine Ahnung, ich dachte: "OK, das ist ein standardisierter Fragebogen. Du musst das ablesen, man darf davon nicht abweichen, das soll so sein, es soll etwas Standardisiertes zustande kommen." Aber die Interviewten haben mich sofort jedes Mal aus dem Fragebogen rausgeworfen, mich unterbrochen, indem sie gesagt haben: "Wie meinen Sie denn das? Meinen Sie das in der Hinsicht oder in der Hinsicht?" Oder: "Wie soll ich mir das vorstellen, geht es jetzt hier um drei Jahre voraus oder die letzten fünf Jahre oder nicht." Es gab beispielsweise Fragen wie "Sind Sie zufrieden mit dem Forschungsgeld, das Sie haben?" oder "Sind Sie zufrieden mit Ihrem technischen Instrumentarium?" Dazu konnten dann fünf Antworten ausgewählt werden: sehr zufrieden bis sehr unzufrieden. Bei diesen Fragen kam dann wirklich sehr häufig die Replik: "Wie ist das überhaupt gemeint? Ich kann das nicht so pauschal beantworten." Dann musste ich extemporieren und musste irgendwas sagen – ich musste etwas erfinden. Und niemand anders hat dasselbe erfunden. Diese Erfahrung damals hat mich schon sehr schockiert. Sie war so traumatisch wie die von LEVI-STRAUSS in den Tropen, der ja auch traumatische Erfahrungen mit den Eingeborenenstämmen hatte (LEVI-STRAUSS 1978 [1955]).6) Ich dachte: "Diese gesamte Soziologie funktioniert nicht so, wie sie sollte. Wie soll ich das denn tun, was damit machen?" CICOUREL war sozusagen eine Ankündigung, nicht unbedingt ein Ausweg, weil man konnte ja nicht einfach CICOUREL anwenden und weiterhin survey research machen. Man machte dann nicht mehr survey research. Aber er hat die Schwierigkeiten mit diesen Verfahren in den Studien, die ja schon vorlagen, die ich aber vorher nicht kannte, nachgewiesen. [5]

René SALOMON: Da haben Sie dann auch über GARFINKEL gesprochen?

Karin KNORR-CETINA: Bei der Gelegenheit wurde Ethnomethodologie allgemein diskutiert, sodass wir auch auf GARFINKEL kamen. Auch wenn CICOUREL über diesen und mit diesem nicht viel gemacht hat, haben wir das dann parallel angefangen zu lesen. In der Zeit noch nicht sehr weitgehend, aber immerhin – es wurde die awareness erhöht. Es wurde deutlich: Das gibt's. GARFINKEL hatte 1967 die Studies publiziert – das war also vier Jahre zuvor; ich kam 1971/72 an das IHS zunächst als scholar, danach bin ich als Assistentin dageblieben bis 1978. In der Zeit – von 1976-1977 – ging ich, wie gesagt, auch einmal nach Berkeley, mithilfe eines Ford-Foundation-Stipendiums. Dieser Berkeley-Aufenthalt wurde von CICOUREL unterstützt, da musste man eine Referenz haben, um Gastforscher*in sein zu können. In Berkeley ist meine Bekanntschaft mit GARFINKEL dann noch verstärkt worden. Der Weg über CICOUREL ging zwar in Richtung Ethnomethodologie, aber soweit es ihn betraf, blieb er dann schon bei sich selbst stehen. Er hat auch keine Vorlesung über GARFINKEL gehalten. Aber es war ihm natürlich bewusst, dass es da noch einen anderen Ethnomethodologen gab, und wir haben das aufgebracht und diskutiert, und das Buch "Studies in Ethnomethodology" (GARFINKEL 1967) wurde organisiert. Aber es gab am IHS keine Bibelstunde zu dem Buch. Man hielt es nicht wie bei Karl MARX, zu dem es damals noch Bibelstunden gab, in denen MARX gelesen wurde.7) Das war mit GARFINKEL nicht der Fall. Der war auch nicht eingeladen, hätte er vielleicht werden können, ich weiß nicht, warum. Für mich war das damals noch Konsum. Ich war noch lernend, ich hatte ja nichts als die Wiener Uni hinter mir. Die war überhaupt nicht schlecht in der Ausbildung, aber sie war natürlich auch limitiert. Wir haben da nicht Ethnomethodologie gelernt. Das lernte ich erst am Institut für Höhere Studien. [6]

Hannes KRÄMER: Wie ging es weiter?

Karin KNORR-CETINA: Der Weg über CICOUREL, der blieb noch lange erhalten. Auch heute ist es noch so, vielleicht ein bisschen wie bei Jürgen STREECK.8) Ich fühle mich CICOUREL mehr verpflichtet als GARFINKEL. Also ich würde, wenn es darum ginge, eine Laudatio zu schreiben, dann würde ich das für CICOUREL gern machen, weil er meinen Soziologiehorizont so erweitert und mir auch sehr geholfen hat. Er hat mir den Zugang nach Berkeley verschafft und hat dann mit mir ein Buch publiziert: "Advances in Social Theory and Methodology" (KNORR-CETINA & CICOUREL 1981). [7]

2. Epistemische Fragen und das unique-adequacy-requirement

René SALOMON: Gab es einen späteren Zeitpunkt, an dem die Studies noch einmal eine Rolle für Sie spielten oder der GARFINKEL-Zweig der Ethnomethodologie?

Karin KNORR-CETINA: Ja, absolut. Als ich dann in Berkeley war, habe ich mich auch mehr mit GARFINKEL beschäftigt und auch schon langsam mit der Konversationsanalyse, die zu der Zeit entstanden ist. Ich habe ihn auch getroffen. Ich bin jetzt nicht mehr sicher, ob der GARFINKEL-Schüler Michael LYNCH dazu kam, das war für ihn vielleicht noch etwas zu früh.9) Er ist ein paar Jahre jünger und seine Dissertation war noch nicht erschienen. Wir haben über science geredet. In diesem science-studies-Bereich ist CICOUREL nicht besonders präsent gewesen, weil er andere Dinge machte, und er ist es ja auch nie geworden. GARFINKEL aber war schon stärker an science interessiert. Das kam einerseits, glaube ich, durch seine Schule – sowohl Michael LYNCH als auch Steve WOOLGAR10) zum Beispiel, der mit Bruno LATOUR das Buch "Laboratory Life" (LATOUR & WOOLGAR 1979) veröffentlicht hat, waren von GARFINKEL beeinflusst.11) Steve WOOLGAR ist ja mindestens so sehr Ethnomethodologe und reflexive sociologist wie auch ein science-studies-Vertreter. Andererseits hat GARFINKEL selbst auch science studies veranlasst, z.B. die Studie über "The Work of a Discovering Science Construed With Materials From the Optically Discovered Pulsar" (GARFINKEL, LYNCH & LIVINGSTON 1981). Dort beobachteten sie eine Stunde, wie Forschende am Bildschirm erste Signale von pulsars sahen. Und ich glaube, es geht auch zurück auf seine Auseinandersetzung im Bereich legal studies, nach dem Studium in Harvard (GARFINKEL 1967, S.104ff.; VOM LEHN 2012, S.58ff.). In diesem Projekt ging es sehr stark um evidence. Das hat ihn beeinflusst, glaube ich, und es hat auch seine Schüler*innen beeinflusst, wie etwa Michael LYNCH, der darüber gearbeitet hat. "What is a fact", was kann man überhaupt gelten lassen, "what is accountable", "what is not accountable?" Diese ganze Thematik der accountability gab es schon in diesem ersten Projekt, das nicht einmal sein eigenes war. Ich glaube, bei GARFINKEL war ein genuines Interesse vorhanden an etwas, was ich als epistemische Fragen bezeichnen würde. Es gab dann auch mehrere Schüler*innen von ihm, die über solche Fragen gearbeitet haben. Nicht nur Michael LYNCH, beispielsweise gab es auch Eric LIVINGSTON, der eine Studie über die Arbeit von Mathematiker*innen gemacht hat.12) [8]

Hannes KRÄMER: Ja, der auch selbst Mathematiker geworden ist dafür.

Karin KNORR-CETINA: Genau, das hat GARFINKEL angeregt. Das war das "unique adequacy requirement" (GARFINKEL 2002, S.175f.). Wenn man etwas studieren will, dann muss man es erst einmal selbst lernen.

Hannes KRÄMER: Das ist sehr viel verlangt.

Karin KNORR-CETINA: Ja, es ist auch meines Erachtens nicht wirklich notwendig, das Phänomen zu werden, um es gut beobachten zu können. Aber das hat er halt gewollt, und LIVINGSTON hat es gemacht oder teilweise gemacht. Ich weiß nicht, ob er einen Ph.D. in Mathematik erworben hat oder nicht.

Hannes KRÄMER: Zumindest war es ein sehr avanciertes Mathematikniveau, was er da erreicht hat. Das ist letztlich fast so wie David SUDNOWs Klavierspiel-skills.13) [9]

3. Persönliche Begegnungen

Karin KNORR-CETINA: Über GARFINKELs Interesse am Wissen und an Wissenspraktiken war ich dann schon mit ihm über viele Jahre verbunden. Ich kannte ihn auch persönlich. Ich weiß nicht mehr, wo und wann ich ihn das erste Mal gesehen habe. Vielleicht war das auf einer Konferenz in San Diego, auf der es um die ersten Laborstudien ging. Da war auch Randall COLLINS dabei,14) als main speaker, aber der ist ja eher ein symbolic interactionist. Ich bin nicht sicher, ob GARFINKEL da war. Aber wir haben uns dann bald getroffen und über Wissenschaft unterhalten, und er wusste dann, dass ich auch science studies mache. Vielleicht verlief der Kontakt auch über Steve WOOLGAR. Als ich dann in Bielefeld war, haben wir GARFINKEL zu uns eingeladen auf einen Vortrag, zu dem er auch kam. Wir sind uns noch einmal später begegnet: Als ich schon in Konstanz war, war ich Theory-Section-Präsidentin der American Sociological Association (ASA). In dieser Zeit wollte ich GARFINKEL einen Theoriepreis geben, das entsprach aber nach meiner Erinnerung nicht den Sektionsbestimmungen. Wir haben ihn aber zumindest zum Empfang der Theoriesektion eingeladen. Dort wurde er auch von mir vorgestellt und ein bisschen bejubelt als Initiator einer theoretisch wichtigen Richtung der Soziologie und überhaupt, generell. Ich bin auch häufig, wenn er irgendwo Vorträge hielt, hingegangen. Früher ist er gelegentlich bei ASA-Meetings oder bei anderen Meetings aufgetreten. Außerdem ging ich auch zu den ethnomethodologischen sessions der ASA und tue das bis heute. Das sind in der Regel keine sessions, bei denen es sich um verwandte Richtungen, verbunden mit CICOUREL oder anderen, handelt, sondern es geht schon strikt um Ethnomethodologie oder Konversationsanalyse. Das ist ja auch ein bisschen eine Sekte. Es ist internalistisch, was die da machen. Es gibt starke Grenzen, aber ich habe die immer gebrochen. Ich sehe mich nicht als Teil der Sekte, aber es hat mich interessiert, und dann gehe ich hin. [10]

4. Zwei Arten von Ethnomethodologie

René SALOMON: Das wäre meine nächste Frage gewesen: Würden Sie sich selbst eigentlich als Ethnomethodologin beschreiben? Und wurden Sie damals als Ethnomethodologin wahrgenommen?

Karin KNORR-CETINA: Manche sehen mich schon so. Das hat auch damit zu tun, dass ich vor Konstanz für knapp zwanzig Jahre in Bielefeld war. In Bielefeld war eine eingefleischte Orientierung an Ethnomethodologie vorhanden, schon bevor ich kam. Man hat mich sozusagen eingekauft, damit ich diese Tradition fortsetze; nicht nur die Ethnomethodologie, auch die Mikrosoziologie generell. Aber da gehört Ethnomethodologie dazu. In der Lehre habe ich die Ethnomethodologie immer wieder eingebaut, und ich habe mich dann auch mit anderen Zweigen der Ethnomethodologie beschäftigt. In dem Sinn war mir die Ethnomethodologie à la GARFINKEL schon nahe. Aber es gab da mindestens zwei Arten von Ethnomethodologie: Es gab zunächst GARFINKEL selbst und den Zirkel um ihn herum, den er lange daran gehindert hat zu publizieren, worüber die sich ja beschwert haben.15) [11]

René SALOMON: Haben Sie das mit der Publikationsverhinderung richtig mitbekommen?

Karin KNORR-CETINA: Ja, natürlich. Ich kannte die Personen und habe oft mit ihnen geredet bzw. mich mit den Leuten, die in Los Angeles lehrten, getroffen. Immer wieder, wenn ich gerade da war, sind wir essen gegangen, mit John HERITAGE16) zum Beispiel oder mit anderen. Wir haben auch auf den Konferenzen miteinander gesprochen, da gab es immer viele Klagen und Tratsch. Wenn man im Sinne von Mary DOUGLAS (1970) in-groups hat, die alles abschließen, dann gibt es auch viel zu erzählen. Für seine Schüler*innen war es nicht angenehm, dass sie nicht publizieren sollten. [12]

Hannes KRÄMER: Sie sagten, es gebe zwei Arten von Ethnomethodologie?

Karin KNORR-CETINA: Ja. Ich würde zum Beispiel LIVINGSTON zur ersten Art rechnen. Das ist ein wirklich sehr geschlossenes System im LUHMANNschen Sinn, es will eigentlich gar nicht nach außen. Deswegen hindert es auch das Publizieren: Es redet mit sich selbst, aber eben nicht durch Publikationen, sondern durch talk. In dem Diskurs, den sie produzieren, geht es um die Anwendung der ethnomethodologischen Kategorien und deren Darstellung. Da gibt es Studien, aus denen lernt man fast nichts, z.B. die LIVINGSTON-Studie (1986). Ich habe wirklich versucht, sie zu lesen, es ist für mich aber nichts dabei herausgekommen. Gut, er hat diesen Begriff der Lebensweltpaare – der couples – entwickelt. Aber mit dem Begriff konnte ich nicht viel anfangen, und ich konnte auch nichts über die Mathematik lernen. Sagen wir mal so: Die Information, die darin steckt, war mir nicht zugänglich. Es ist, wie ich am Anfang sagte, ein selbstreflexiver Diskurs, der sich bemüht, Reflexivität, das accomplishment, die accountability und all das auszudrücken, gleichzeitig mit dem Transport von Inhalten, sodass die Sätze natürlich manchmal sehr lang werden und auch unverständlich bleiben. Für das Schreiben gilt das Gleiche, es ist auch eine Praxis. All diese von GARFINKEL herausgearbeiteten Konzepte sollten anwendbar sein. Ich glaube, wenn ich die Studies als konstitutiv sehe, dann hat er sich immer bemüht, das auch in jedem Satz durchscheinen zu lassen. Was den Effekt hat, dass nichts klar ausgedrückt ist. Weil da ja Dinge immer wieder zurückgenommen werden. Denn eine fließende, weltabbildende Realität generiert immer neue Ordnungen, und man kann nicht sagen: "So ist es jetzt". [13]

Hannes KRÄMER: Kommen wir noch mal zurück zu den beiden Formen von Ethnomethodologie. Die zwei Arten der Ethnomethodologie, einmal die stark selbstreferenzielle, hatten Sie erläutert. Welche andere gibt es noch?

Karin KNORR-CETINA: GARFINKEL hat mit seinem Ansatz auch etwas eröffnet. Er hat selbst einen neuen Ansatz geschaffen – und auch eine neue Welt. Es ging da um die mundane reality, um die Alltagswelt und deren Ordnungsstrukturen und Merkmale, die für uns taken for granted sind. Diese wurden lange Zeit von der klassischen Soziologie, auch von der Mikrosoziologie, ignoriert. Die hatte zwar einen Handlungsbegriff, es ging um Interaktion – es gab Interaktionismus lange vorher – aber gegenüber mundanen Ordnungsstrukturen war sie indifferent, sie hat sich der gewichtigeren "Sozialordnung" und den Strukturierungsversuchen von Organisationen, Institutionen und Politik verschrieben. Insoweit hat GARFINKEL mit seinem Ansatz etwas eröffnet, während die erste Richtung der Ethnomethodologie diese Öffnung wieder schließt: Für die musste man Schüler*in von GARFINKEL in Los Angeles sein, sonst konnte man das gar nicht machen. [14]

5. "Es passen mir bestimmte Annahmen nicht, die finde ich falsch"

Hannes KRÄMER: Sonst weiß man nicht, wie es richtig geht?

Karin KNORR-CETINA: Auch mit der Konversationsanalyse bestand eine gespannte Beziehung, nicht immer eine voll integrierte oder solidarische. Ich gehöre mehr zu der Richtung, die diese Öffnung – einer neuen Welt, die untersucht werden kann – sehr gut findet und sehr ernst nimmt und die auch von einigen ethnomethodologischen Konzepten profitiert hat, mit denen ich immer wieder auch normale soziale Realität ansehe. Aber einige der Restriktionen – z.B. eine Beschränkung auf ethnomethodologische Konzepte und Methoden – übernehme ich nicht. Ich würde auch nicht Schülerin sein wollen von GARFINKEL und dann nicht publizieren dürfen. Es passen mir bestimmte Annahmen nicht, die finde ich falsch, z.B. die Annahme, die in dem Pulsar-Paper (GARFINKEL et al. 1981) steckt: Dass die Erfindung oder die Findung des pulsars sozusagen auf diese Stunde der Beobachtung beschränkt werden kann. Dass es keinen Kontext gibt und keine Geschichte. Vielmehr wird gesagt: Da ist es jetzt, in der Situation hat man das Phänomen. Das stimmt einfach nicht. Das ist nicht vernünftig. Es ließe sich noch motivieren, indem man sagt: Soweit es relevant ist, nehmen ohnehin die Teilnehmenden in der Situation explizit Bezug auf das andere, auf eine Art Kontext. Aber das ist ja nicht immerzu so. Sie nehmen auch implizit Bezug. Sie haben auch vorgeformte Sichtweisen und sehen deshalb in einer bestimmten Weise. Das ist nicht thematisiert in der Situation. Man kann das nicht hören und man kann es auch nicht sehen, wenn es auf Video aufgenommen wird, man muss schon den Kontext kennen. Personen wie Jörg BERGMANN17) gehören meines Erachtens zu dieser offenen Richtung. In seinem Buch "Klatsch: Zur Sozialform der diskreten Indiskretion" (BERGMANN 1987) legt er eine Theorie einer ganzen Sozialform der diskreten Indiskretion vor und widerlegt dabei auch die verbreitete These, dass Klatsch hauptsächlich der sozialen Kontrolle dient. Das Vokabular einer Sozialform zu verwenden wie auch die theoretische Erklärungsintention sind inhärent soziologisch und gehen über die ethnomethodologische Investigation von Klatschtranskriptionen deutlich hinaus. Bei dieser Öffnung der Ethnomethodologie muss man auch bereit sein, weiter offen zu bleiben, sodass andere etwas anderes damit machen und es in verschiedene Richtungen erweitern können. Ich habe vor einigen Jahren einen Artikel gesehen (den ich nicht mehr zitieren kann), der eine ethnomethodologische Analyse mit einer quantitativen verbunden hat – ein typisches Mixed-Method-Design, denn Ethnomethodologie und Konversationsanalyse sind ja auch Methoden. Das zu versuchen, ergibt absolut Sinn, man könnte es jetzt z.B. wunderbar mit computational methods angehen, bei denen große Datenmengen über Diskurse genutzt werden. Diese Mengen lassen ich ohne computational methods gar nicht mehr handhaben, und mittels der Methoden können durchaus Merkmale von Diskursen herausgearbeitet werden. Es werden in diesen Diskursen systematische Konfigurationen und Korrelationen gefunden, die interessant sind. Das alleine ist vom Erkenntnismehrwert immer etwas sparsam, aber mit einer ethnomethodologischen Analyse verbunden ist es hochinteressant – oder könnte es werden. Wenn dies nicht zugelassen ist, finde ich das schade. Ich habe auch von anderen Seiten profitiert. Ich habe von CICOUREL profitiert und seiner Version der Ethnomethodologie, ich habe von Erving GOFFMAN18) sehr viel profitiert. Es gibt eben nicht nur das, was die Ethnomethodologie sieht. [15]

René SALOMON: Gibt es noch mehr ethnomethodologische Konzepte, mit denen Sie nicht konform gehen?

Karin KNORR-CETINA: Naja, was mir ad hoc einfällt, ist das "unique adequacy requirement" (GARFINKEL 2002, S.175f.). Wenn dies erfüllt werden soll, kann man fast nichts analysieren – vor allem im Wissenschaftsbereich. GARFINKEL war vielleicht nicht ein so guter, gestandener Ethnograf. Er war irgendwie doch mehr ein Theoretiker. Ethnografisch ist es allerdings nicht richtig, dass ich unique adequacy haben muss. Denn wenn ich die habe, sehe ich fast nichts mehr. Das weiß die Ethnografie seit langem (HIRSCHAUER & AMANN 1997). Wenn ich als Physiker*in die Physik analysiere, dann überrascht mich nichts. Ich kenne alles, habe all das gelernt. Es ist in meinem Hintergrundwissen. Mich überrascht nur mehr, wenn es nicht so funktioniert, wie ich weiß, dass es sein sollte. Aber dass das, was ich weiß, wie es sein sollte, für sich schon interessant ist, das kommt nicht mehr in den Blick. Ethnograf*innen haben von unique adequacy mehr Nachteile als Vorteile. Was nicht heißt, dass man nicht lernen und sich etwas ansehen muss. Aber man muss nicht uniquely adequate, sondern analytically adequate sein. [16]

6. Alltägliche und politische Ordnungen und der ethnomethodologische Blick

Hannes KRÄMER: Wenn man es positiv formulieren würde: Was wären denn positive Aspekte in GARFINKELs Werk, die Sie hervorheben würden?

Karin KNORR-CETINA: Ja, ich finde, dass man die Ethnomethodologie sehr gut im Alltagsbereich anwenden kann. Ich habe das oft festgestellt. Da gehe ich in Amerika in einen Starbucks und merke: "They don't have their ethnomethodology right". Die Mitarbeiter*innen sind zu langsam, sie machen das in einer Form, sie könnten ihre Ethnomethodologie optimieren. Das Café-Machen – servieren, anbieten, kassieren und so weiter – ist auf eine bestimmte Weise organisiert. Es gibt eine Ordnung, die da drinnen steckt, die implizit ist, aber dennoch herausgearbeitet werden kann. Das habe ich immer wieder auch in Lehrveranstaltungen gemacht: Studierende irgendwo hin geschickt, an eine Straßenecke beispielsweise. Wie gehen Leute über die Straße und verhindern es, dass sie beim Überqueren oder auf dem Gehsteig ineinander hineinlaufen und gleichzeitig ihren Weg einhalten und nicht von einem Auto angefahren werden und so weiter? Darüber denkt kaum jemand bewusst nach. Wir können nicht artikulieren, was wir da machen. Aber es gibt generative Prinzipien, die man herausarbeiten kann. Das sind einfache Beispiele. Es wird in der Erschließung des Alltagsbereiches deutlich, dass unendlich starke Ordnungsstrukturen vorhanden sind, die sich millionenfach duplizieren, oder milliardenfach. Das ist keine insignifikante Ordnung. Es ist auch keineswegs so, dass nur die politische signifikant ist. Politische Ordnungen sind genauso ethnomethodologisch. [17]

Hannes KRÄMER: Inwiefern?

Karin KNORR-CETINA: Das können Sie ja untersuchen, wie es z.B. Thomas SCHEFFER19) macht. Die Politik, die politische Ordnung, ist gerade im Moment interessant, weil nach meiner Auffassung das, was Donald TRUMP macht, ein permanentes Krisenexperiment ist (GARFINKEL 1963). He breaches all kinds of background assumptions. Und wir alle fragen: "Ja, was mache ich jetzt eigentlich? Wie kann ich denn überhaupt damit umgehen?" Wir merken, dass wir vorausgesetzt haben, dass man sowas nicht kann. Aber er macht es. Und er macht, zack, zack, zack, jeden Tag ein neues breaching experiment mit uns. Auch mit seinen Kongressmitgliedern, mit der Politik, mit den Zeitungen. Das heißt, man versteht da auch etwas über Realität. Ich kann natürlich kritisieren: Der gegenwärtige US-amerikanische Präsident Donald TRUMP zerstört die Demokratie in Amerika – das wäre ein politisches Argument, das hört man in Deutschland sehr oft. Aber, ich finde, mit dem ethnomethodologischen Blick sieht man nochmal etwas anderes, Tiefergehendes, das nicht in erster Linie politisch ist. Er bricht unsere Hintergrundannahmen auf und stellt damit etwas infrage, auf dessen Basis wir normalerweise unsere ideologischen Differenzen austragen und das die Politik versucht zu koordinieren. Er stellt aber nun die Basis infrage und macht uns damit wütend, aber auch perplex und hilflos. Es geht also noch viel mehr vor als wir gemeinhin annehmen – und das ist für mich oft interessanter. Weil der Rest ist immer der gleiche Refrain: Die Linke kritisiert die Rechte, und umgekehrt. Das ist nichts Neues. Während man mit einem ethnomethodologischen Blick schon etwas Neues in der Realität sehen kann, das man normalerweise nicht sieht. [18]

7. Die Ethnomethodologie als Entdeckung der Langsamkeit und anti-interpretative Theorieschule

Hannes KRÄMER: Gibt es weitere Punkte, die über diesen Alltagsaspekt hinausgehen, die Sie hervorhebenswert finden an der Ethnomethodologie?

Karin KNORR-CETINA: Ja, was mich fast noch mehr interessiert an der Ethnomethodologie als die mundane reality ist die discovery of slowness.20) Das brauchen wir. In der relativ positivistischen amerikanischen Soziologie wäre das jedenfalls nicht schlecht: Sie wird immer schneller, sie wird immer mehr wie die Ökonomie. Das heißt, ich arbeite nur noch mit Aggregatdaten und mit Daten, die jemand anderes erhoben hat. Da in den USA das eine Prozent der Intelligentesten abgeschöpft wird und in die Elite-Universitäten geht, sind diese trainiert auf schnelles Denken und machen keine Pause mehr. They cannot dwell on a transcript. Die können nicht einmal über einem Transkript sitzen und sich Fragen stellen, sondern sagen: "Das lese ich in drei Sekunden, und was ist der Punkt?", und dann geht es weiter. Es ist wichtig, dass man lernt, dass manche Formen von Realität erst gesehen werden können – nicht nur verstanden, sondern überhaupt gesehen werden können – wenn Zeit aufgewandt wird. Das bedeutet auch, dass Temporalitäten in Methoden stecken. Und die ökonomischen Methoden, die quantitativen, die immer mehr übernehmen – ich meine nicht die rechnerischen, sondern die statistischen und regressionsanalytischen und rational-choice-Methoden – sind eigentlich zu schnell, um in der Realität noch viel Interessantes sehen zu können. Die Methoden nehmen sich keine Zeit mehr dafür. Das heißt nicht, dass das nicht professionell gemacht und gut ist, aber somehow on a different level, auf einer anderen Ebene. Das Zweite, was ich persönlich vielleicht am Interessantesten finde an der Ethnomethodologie ist, dass sie eine anti-interpretative Methode darstellt. [19]

Hannes KRÄMER: Was meinen Sie mit anti-interpretativ?

Karin KNORR-CETINA: Anti-interpretativ? Das sieht man an dem ethnomethodologischen Diskurs. Er verweigert sich den Interpretationen, die wir ununterbrochen produzieren. Das steht im Gegensatz zum symbolischen Interaktionismus, der auch eine Mikrosoziologie ist, aber eine, die Realität immer als symbolische annimmt – was auch so ist, daran würde ich nicht zweifeln. Aber der Interaktionismus bietet dann dauernd auch selbst Interpretationen an auf allen Ebenen. Wenn wir quantitativ arbeiten, müssen wir interpretieren: "Was haben wir denn da jetzt gefunden?" Vielleicht existiert sogar schon vorher eine Interpretation als Hypothese und in ihr, was wir als Datum anerkennen. Qualitative und ethnografische Arbeiten sind stark interpretativ, auch wenn die Ethnografien gut sind. Denken Sie beispielsweise an Clifford GEERTZ' "Der Hahnenkampf" (GEERTZ 1987 [1973], S.202ff.).21) Das ist wirklich ein guter Beitrag, wirklich hochinteressant. Aber er steckt voller Interpretationen, die sich GEERTZ eventuell aufgedrängt haben, und die er auch gut formuliert. Ethnomethodolog*innen würden niemals ein solches Papier über den Hahnenkampf schreiben. Wahrscheinlich würde sie ein schlechteres schreiben, denn das von GEERTZ ist ausgezeichnet. Die Interpretationen sind useful. Aber den Mut zu haben zu sagen: "Null interpretative Hermeneutik, null symbolischer Interaktionismus. Ich möchte einfach nur die formalen Strukturen herausarbeiten", die eingelassen sind in das, was wir tun, und die wir selbst nicht kennen, weil wir sie ja nicht benennen. Wir implementieren sie und manche erfinden wir auch neu – aber wir benennen sie nicht, wir artikulieren sie nicht, meistens jedenfalls. Diese eingelassenen Strukturen, die will ich kennenlernen, und das sind formale Strukturen; da brauche ich nicht zu interpretieren. Das finde ich schon einen originären Punkt. Es gab einen Kult-Film, Fight Club, mit Brad PITT und Edward NORTON: Junge Männer treffen sich, boxen und begehen Gewalt, nicht Gewalt gegen andere, sondern gegeneinander. Der Punkt in dem Film war, dass man eigentlich nicht interpretieren konnte: Warum tun die das? Was ist da überhaupt los? Was geht da vor? Sie interpretieren das auch nicht wechselseitig oder unterhalten sich nachher: "Warum haben wir das gemacht?" Oder: "Wie machen wir das?" "Wie" wird vielleicht schon gefragt, im Sinne von "Wie mache ich das besser?", aber nicht: "Warum?" Es gibt keine Interpretationen für die Gewalt. Das, finde ich, ist mutig angesichts der gesamten Soziologie, die etwas anderes macht. Es ist auch interessant, so zu verfahren und zu sehen "Wie weit komme ich denn damit?" Ein Beispiel ist der Versuch von Gail JEFFERSON22), die vorschlägt, ein Transkript in einer Sprache, die sie nicht kennt, konversationsanalytisch zu analysieren. Im Prinzip könnte ich versuchen, die formalen Strukturen herauszuarbeiten, ohne zu wissen, was die Worte bedeuten. Die Bedeutung ist nicht im Fokus. Während ja viele in der Soziologie genau das Umgekehrte machen, die formalen Strukturen interessieren sie nicht: Worum geht es in dem Konversationssegment? "Aha, da behauptet jemand das." Dies wird dann weiter interpretiert, und es interessiert nur der Inhalt. [20]

8. Accountability und reflexivity

René SALOMON: Kommen wir auf die Rezeption der Ethnomethodologie in Deutschland zu sprechen. In der deutschen Rezeption scheint es manchmal ein Problem im Umgang mit Begriffen wie accountability, reflexivity und indexicality zu geben. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Karin KNORR-CETINA: Wahrscheinlich gab es zu Beginn auch in den Staaten solche Probleme. Es gibt beispielsweise ein Buch von Warren H. HANDEL (1982), das ich ganz gut fand, das heißt "Ethnomethodology: How People Make Sense", und in ihm expliziert er einige dieser Begriffe. Das habe ich in Bielefeld verwendet, nicht GARFINKEL, die Studierenden konnten da nicht genug herausholen aus den Studies. Aber HANDEL hat das expliziert: Zur Reflexivität und Indexikalität gibt es eigene Kapitel und auch zu weiteren Begriffen. Accountability ist vielleicht der am wenigsten problematische Begriff der EM. Die Ethnomethodologie arbeitet mit diesen Begriffen tiefliegende verdeckte Strukturen alltagsweltlichen Räsonierens heraus. Man muss Ethnomethodologie anwenden lernen, um zu sehen, dass diese Strukturen existieren – dass im Alltag die Dinge so gemacht werden, dass sie accountable sind. They are formally organized in an accountable way. Zum Beispiel diese Speisekarte hinter Ihnen; die ist nicht nur ein Aufschreiben dessen, was heute hier im Angebot ist. Das können sie auch irgendwohin schreiben. Es ist so dargestellt, dass es für uns einsichtig und erklärbar ist; accountability heißt auch rational machen. Ich hatte eine Sekretärin, die hat es z.B. nicht geschafft, die Aktenordner so zusammenzustellen, wie sie einsichtig und erklärbar für uns im Arbeitsbereich zusammengehörten. Da stand ein Ordner über die Deutsche Forschungsgemeinschaft, dann einer über Lehre und ein anderer mit Reisekostenabrechnungen, und ich hatte ich den Eindruck: Accountability kann sie nicht leisten. Es ist eine Automatik, Dinge so zu ordnen, dass das, was zusammengehört, zusammenbleibt. Aber was zusammengehört, das war ihr kein Begriff, also die Ethno-order, die hatte sie nicht verstanden. Oder ich habe es nicht verstanden – it was not accountable –, vielleicht hatte sie eine Ordnung, aber ich habe damals leider versäumt, mit ihr darüber zu reden. Vor allem habe ich es erst festgestellt, nachdem sie weg war. Es kann ja sein, dass es eine Ordnung gab, aber die war nicht intelligible and accountable, for all – just for her. Ordnungen sind keine Privatsprachen. Sie müssen für Teilnehmende, d.h. für eine Gruppe, ein Kollektiv von Menschen, accountable sein. Alle, die hereinkommen, müssen sich das anschauen und sehen können: "Aha. Da und da. Da muss ich das hin tun". It has to be intelligible and accountable for all, for a group. Not for a person. Und das war nicht der Fall. Ich konnte ihren Begriff der accountability nicht nachvollziehen. Das sehen Sie im Alltag. Accountability sehen Sie immer wieder gegeben, nachgefragt, und verletzt. Wenn Sie Fernsehsendungen ansehen, die Nachrichten sehe ich hier häufig an – wie im Fernsehen Nachrichten dargestellt werden. Ich habe das nicht analysiert, aber ich wette mit Ihnen, man könnte es. Das muss das dann natürlich transkribiert werden und so weiter. Das Fernsehen gibt nicht einfach Informationen weiter, es macht auch accountable, dass es das so darstellt und nicht anders. [21]

Hannes KRÄMER: Sie stellen also dar, dass sie Informationen weitergeben?

Karin KNORR-CETINA: Dass es informativ ist, aber nicht zu sehr. Es soll eine Sendung sein, die auch irgendwie unterhalten und für jede*n gelten soll, sodass es nicht zu tief gehen darf: Es soll informativ sein. Man kann auch feststellen, dass es vermutlich verschiedene Formen von accountability gibt, das, was Leute als accountable empfinden. Beispielsweise setzt das Fernsehen Standards der intelligibility und accountability, die man nicht immer teilt. So stellen sie in Interviews nie die zweite, sondern immer nur die erste Frage, aber erst die zweite und die dritte würden interessant. Das findet man auch in Talkshows. Die ärgern mich jedes Mal. Wenn ich spät in der Nacht das mal sehe, denke ich mir jedes Mal: "Um Himmels willen, ich möchte darüber mehr wissen" und nicht nur einen halben Satz und dann kommt der nächste. Aber an diesen Reaktionen sehen Sie auch, dass es verschiedene Standards von intelligible und accountable gibt, dass das also schon abhängt von Gruppen und imagined groups, auf die das Fernsehen abzielt. [22]

Bei Reflexivität geht etwas Ähnliches vor. Ich habe Reflexivität immer hinsichtlich dessen interessant gefunden, was sie ausschließt. Wenn etwa jemand sagt "das kann ich nicht machen", dann reagieren wir auf eine Unmenge gleichzeitiger Informationen, die auf uns herabregnen und die wir heranziehen, um diese Äußerung zu verstehen und zu erklären. Wenn es sich um einen Jugendlichen handelt, erklären wir die Äußerung womöglich damit, dass dieser nicht die Kompetenz hat, die Sache durchzuführen – z.B. jemand mit dem Auto abzuholen. Handelt es sich aber um einen Erwachsenen, erklären wir sie vielleicht mit Zeitmangel. Die Äußerung wird von uns nicht unabhängig von vielen Umständen verstanden. Die Erklärung, die wir liefern, ist mit den Umständen identisch, die die Äußerung in einer bestimmten Situation gleichzeitig als accountable darstellt. Die Erklärung geht also nicht tiefer oder woanders hin, sie bleibt in einer Zirkularität gefangen. Dies gilt übrigens auch für Sozialwissenschafler*innen. [23]

9. Ethnomethodologie lehren

Hannes KRÄMER: Sie hatten vorhin kurz erwähnt, dass Sie in der Lehre mit Ihren Studierenden damals nicht GARFINKEL im Original gelesen, sondern in erster Linie Sekundärliteratur genutzt haben. Wie versuchen Sie, Ethnomethodologie zu vermitteln?

Karin KNORR-CETINA: Ich hatte ein Vorlesungsmanuskript, ein eigenes. Also die Begriffe, die wichtigen, die habe ich genannt und besprochen, und für einzelne Begriffe gab es auch Artikel oder Kapitel zu lesen. Auch habe ich versucht zu vermitteln, indem ich gesagt habe: "Jetzt geht mal in die Cafeteria und schaut euch die Ethnomethodologie da an." Da geht es im Grunde zunächst nicht um so viel, man muss herausarbeiten: Es wird hier etwas bestellt, es gehen Leute hin, kriegen etwas serviert, wollen etwas haben. Wie ordnen sie das? Wenn man aufmerksam ist, dann läuft es in verschiedenen Cafés ganz verschieden. Das muss man einfach sehen lernen. Normalerweise geht man hin, ist an seinem Kaffee orientiert oder redet mit einem Gegenüber und hat keine Ahnung, wer da was macht. Man hat höchstens gelegentlich Ärger, weil man denkt, das dauert zu lang, aber man hat in der Regel keine Ahnung. Dabei kann man die internen Ordnungsstrukturen sehen von außen, man braucht nicht hinten in die Backstube zu gehen. Es ist ja alles sichtbar: Wer geht zum Kaffee? Wer macht was? Wie vermittelt die Person, was sie an der Kaffeemaschine macht? In Konstanz zum Beispiel hatten die unterschiedlich große Tassen. Für jede Art von Kaffee hatten sie eine andere Kategorie von Tasse, und die haben sie hingestellt. Es gab keinen Wortwechsel. Die haben die Tassen auf die Maschine gestellt und die Person, die an der Maschine stand, hat die Tasse genommen und gefüllt. Oder: Wie wird geordert? Wie wird bezahlt? Das kann man alles ethnomethodologisch analysieren. Man sieht auch, dass da zwar Interpretationen und Voraussetzungen enthalten sind, aber nicht viel geredet werden muss – unter Umständen überhaupt nicht; höchstens: "einen" – in Wien würde man sagen "einen kleinen Braunen" oder hier "einen Melange" zum Beispiel. [24]

Hannes KRÄMER: Was Ethnomethodologie ist, lässt sich also am ehesten über das Tun, also auch über das Forschen nachvollziehen?

Karin KNORR-CETINA: Ja, das haben die Studierenden auch ganz gern gemacht, aber nie radikal genug. Sie waren ziemlich konservativ. Sie hatten Angst, etwas zu riskieren. Ich habe ihnen zum Beispiel vorgeschlagen, sie sollten sich, wenn sie ein Mann waren, als Frau verkleiden. They should try, sie sollten es einmal versuchen to pass. They should go through the university. Dann sollten sie ihre Gefühle und Reaktionen und Anpassungen bemerken und notieren und auch sehen, wie die Anderen reagieren. Das hat niemand gemacht. Aber was sie gemacht haben, sind kleinere Dinge. Sie sind zum Beispiel nach Hause gegangen und haben Fremde*r gespielt, also so getan, als wären sie nicht der Sohn oder die Tochter, sondern sich vorgestellt und gesagt: "Wer lebt denn hier? Mit wem spreche ich?" Dann bekamen sie natürlich sofort Ärger, und das haben sie dann beschreiben müssen. Oder sie sollten in die Mensa gehen und dem Gegenüber das Glas wegnehmen und selbst trinken, dann gibt es auch Ärger. Oder in das Schwimmbad in Konstanz gehen und Turmspringen anschauen und es auch selbst probieren. Da ist unique adequacy ganz gut, beim Turmspringen, dass man das probiert: Wie viel Angst hat man da? Das ist schon etwas komplizierter herauszuarbeiten. Es ist nicht so ganz formalisiert, aber trotzdem ist es möglich, es herauszuarbeiten. Was geht da eigentlich vor? Und auch da bildet sich eine Ordnung von Leuten, die am Brett stehen. Die Person auf dem Brett geht unter Umständen zurück, und dann bilden sich Zuschauer*innenreaktionen. Da haben einige Studierende auch manchmal draufgezahlt, die sind vom 10-Meter-Brett prompt auf dem Bauch gelandet. Das war nicht so gut. [25]

10. Die Rezeption der Ethnomethodologie in Deutschland

René SALOMON: Ich hätte noch eine Frage zur Ethnomethodologie in Deutschland. Die ist ja lange Zeit wenig rezipiert worden: Es gab einzelne Personen wie Jörg BERGMANN oder Stephan WOLFF23), und es gab den Band der ARBEITSGRUPPE BIELEFELDER SOZIOLOGEN (1973).

Karin KNORR-CETINA: Ja, in Bielefeld gab es eine Gruppe24), die bereits vor meiner Ankunft mit der Rezeption der Ethnomethodologie begonnen hatte; ich kam erst 1982 dorthin. Fritz SCHÜTZE war dort, und vermutlich war die Präsenz der EM in Bielefeld mit ihm verbunden.25) Vorher war die Ethnomethodologie auch noch in Konstanz lokalisiert, um Thomas LUCKMANN herum26), zumindest der konversationsanalytische Zweig; LUCKMANN hat das forciert. [26]

René SALOMON: Ich würde gerne wissen, ob Sie je Nachteile durch die Anwendung von Ethnomethodologie erlebt haben. Sie haben es vorhin ja selbst erwähnt – in der frühen Rezeption wurde der Ethnomethodologie oft vorgeworfen, sie sei sektenartig. Wurden Sie je aufgrund der ethnomethodologischen Ausrichtung Ihrer Arbeit kritisiert oder wurde Ihnen Sektenzugehörigkeit vorgeworfen?

Karin KNORR-CETINA: Nein, das hat man mir nie gesagt, weil es nicht der Fall ist. Ich bin wirklich nicht Teil der Sekte. Zwar kenne ich viele Ethnomethodolog*innen, weil ich in die ASA-sessions gehe und sie auch früher aufgesucht habe. Aber ich war immer ein unabhängiger operator; ich bin auch nicht in der Schüler*innengeneration. Also, es ist mir nie vorgeworfen worden. Eher gab es Vorwürfe gegen die konstruktivistische Ausrichtung, weil die ersten Laborstudien auch eine auf Fakten bezogene Realisierung des Konstruktivismus waren. Das wurde von den Nicht-Konstruktivist*innen kritisiert, vor allem massiv aus der Philosophie, aber nicht, weil es Ethnomethodologie war, sondern weil Fakten nicht einfach Fakten sein durften. Da hat die Ethnomethodologie wieder sehr viel an Konzepten beigetragen. Ich habe das hier "Konstruktion" genannt, weil es ein stärkerer Begriff ist als das ethnomethodologische accomplished oder auch "geleistet". Aber im ethnomethodologischen Sinn ist jeder Fakt accomplished. Es geht nicht einfach darum, mithilfe von Methoden zu sehen, was in der Natur ist: Man muss das leisten, man muss es zu einem Fakt machen, einen Fakt herstellen. Das heißt nicht, dass der Fakt in irgendeinem philosophischen Sinne falsch sein muss. Aber er muss trotzdem hergestellt werden. Und da war auch wieder die Ethnomethodologie hilfreich, die Sensibilität für diese Faktenproduktion zu erzeugen. Nein, also wegen Ethnomethodologie wurde ich nicht angeklagt. [27]

René SALOMON: Aber haben Sie diese Anklagen bei anderen mitbekommen?

Karin KNORR-CETINA: Ja. Ich würde das auch selbst sagen bzw. ich teile diese Kritik: In manchen Fällen kann ich eine positive oder konstruktive Interpretation dessen geben, was zu machen versucht wird – aber ich sehe auch, dass Informationen, die ich gerne hätte, in manchen Studien fehlen. Aber Ethnomethodolog*innen machten auch Ethnografie mit sehr interessanten Resultaten, etwa Michael LYNCHs Studien (z.B. LYNCH 1988). Man muss da kein*e Ethnomethodolog*in sein, um die Ergebnisse zu schätzen. [28]

11. Ethnomethodologie und Ethnografie

Hannes KRÄMER: Wie steht es um das Verhältnis von Ethnografie und Ethnomethodologie?

Karin KNORR-CETINA: Das ist vor allem ein Problem der Ethnografie, weil es ganz verschiedene Arten von Ethnografie gibt. Zum Beispiel diejenigen, die die Subjektivität der Forschenden betonen (etwa KALTHOFF 2003; grundlegend CLIFFORD & MARCUS 1986) – die würde den Ethnomethodolog*innen überhaupt nicht liegen. Ich glaube, Ethnomethodolog*innen würden sagen – und das haben sie ja auch gemacht (etwa MEIER ZU VERL 2018) –, dass man Ethnografie anwenden muss. Das heißt, man muss beobachten, man muss hingehen. Was ich über diese ethnomethodology of coffeehouses gesagt habe, das kommt ja nicht vom Himmel. Ich muss systematisch hinschauen, dann ist es Ethnografie. Aber bei vielen Versionen von Ethnografie ist das anders. Wenn es wie in der Anthropologie um größere tribes oder komplexe Gesellschaften geht, dann heißt es ja zunächst einmal, hinzugehen, dort zu sein und etwas zu verstehen. Man nutzt sich dabei selbst als Prozessor einer neuen Erfahrung, aber man macht nicht, technisch gesprochen, Beobachtung von kleinen beobachtbaren Segmenten. Die Realität ist dann zu groß für eine Nano-Ethnografie, wie sie die Ethnomethodologie verlangt. Ethnomethodologie ist ja eine Nano-, nicht nur eine Mikromethode. Dies bedeutet, Ethnografie in einer bestimmten Weise zu betreiben, nämlich sich zurückzunehmen. Was in der Ethnografie im Moment ununterbrochen thematisiert wird – der observer als interventionist und Subjekt (DENNIS 2009) – das geht in der Ethnomethodologie nicht. Ganze tribes oder kleine Gesellschaften und deren Rituale, deren family system, also kinship system und deren religious beliefs, das ist auf einer anderen Ebene angesiedelt, das würden Ethnomethodolog*innen auf dieser Ebene nicht machen. Also ich würde sagen, der Unterschied ist die Anwendungsebene und dass gewisse Themen wie Subjektivität der Beobachter*innen oder multisitedness, die in der Ethnografie immer noch sehr modern sind, nicht von intrinsischem, ethnomethodologischen Interesse sind. Das kann ich mal machen, aber es wird schnell zu viel, wenn man auf der Nanoebene arbeitet. [29]

René SALOMON: David SUDNOW (1967) hat sich in seiner Dissertation über death work in Krankenhäusern auch auf zwei Krankenhäuser reduziert – wobei der primäre Fokus auf einem lag, und das andere erst später nur zum Vergleich hinzukam. Also keine multisited ethnography in der Ethnomethodologie?

Karin KNORR-CETINA: Ja, weil es nicht geht. Wenn ich multisited ethnography mache, ende ich auch damit, dass ich über die einzelnen sites relativ wenig weiß, außer ich habe mehrere Beobachter*innen, die sich die sites aufteilen. Aber manche Dinge sind zentriert an einem Ort. Ein Krankenhaus z.B. ist ein hochkomplexes System, ebenso ein Flughafen. Auch wenn ich dort ein Jahr verbringe, habe ich wahrscheinlich nicht alle Aspekte eines Flughafens oder eines Krankenhauses erfasst. Krankenhäuser führen auch weiter, ich könnten dann in Versicherungen gehen oder in Hospize, in die Leute kommen, die im Krankenhaus nicht mehr behandelt werden können. Die Stellen, die über so etwas entscheiden, sind dann auch nicht mehr im Krankenhaus. Also eigentlich würde ein Krankenhaus durchaus auf andere Orte verweisen, die bedeutsam sind, sodass multisitedness eine gewisse Relevanz hätte. Aber dies führt dann zu weit, man kann das als Ethnomethodolog*in nicht bewältigen. [30]

12. Zur aktuellen Situation der Ethnomethodologie

Hannes KRÄMER: Weil es gerade angesprochen wurde: Wie würden Sie den Stand der Ethnomethodologie heute einschätzen? Ist sie inzwischen angekommen – in der Lehre, den Seminarplänen, dem Kanon der Soziologie?

Karin KNORR-CETINA: Die Verteilung ist ein Problem. Ich habe keine Umfrage gemacht, aber ich habe den Eindruck, dass sie in Amerika besonders in Kalifornien immer noch ganz gut angekommen und situiert ist; aber an der Ostküste dann schon wieder etwas weniger. Es kommt wirklich darauf an, ob da jemand sitzt, die oder der ethnomethodologisch ausgebildet ist und Schüler*innen heranzieht, die den Ansatz weitertragen. Da war GARFINKEL erfolgreich, aber es ist eben die Frage, wie erfolgreich die Schüler*innen sind und ob es weitergetrieben wird. Wenn jemand dreißig, vierzig Dissertationen betreut und ein*e gestandene*r Ethnomethodolog*in wäre, dann sind das dreißig oder vierzig Personen, die wieder eine Position an einer Universität bekommen können und Ethnomethodologie weiterbetreiben würden. Ich glaube, da liegt ein bisschen ein Problem der aktuellen Ethnomethodologie. Sie erzeugt im Moment nicht genügend Schüler*innen. Außerdem geht die Ostküstensoziologie in andere Richtungen. Sie sieht die Innovationen eher in computational methods und ist sehr stark quantitativ und, aus unserer Sicht würde man sagen, positivistisch orientiert. Wobei Positivismus ja erst einmal nicht viel sagt. Aber was die zum Beispiel machen, sind Nachweisprogramme. [31]

Hannes KRÄMER: Wie äußert sich das?

Karin KNORR-CETINA: Man will nicht nur etwas behaupten und eine Interpretation vorstellen, sondern wie in der Naturwissenschaft zeigen: "Das ist auch so." Um dies nachzuweisen, müssen mehrere und vergleichende hypothesenorientierte Studien gemacht werden. Das ist eine legitime und in der Naturwissenschaft durchgehend präsente Strategie: Man will einen Nachweis haben. Viele bei uns, vor allem in der sogenannten qualitativen Soziologie, zielen nicht auf Nachweisprogramme. Man zielt auf Neues, interessante Konzepte und Interpretationen, die gelesen werden, weil sie neu und interessant sind, das ist aber das Ende der Geschichte; es wird kein Nachweis erzeugt. In der amerikanischen Soziologie sind starke Tendenzen in Richtung Nachweisprogramme zu beobachten. Auch die National Science Foundation27) drängt in Richtung quantitatives Arbeiten, weil da die Meinung besteht: Ich muss Evidenz haben. Dabei hat man einen anderen Evidenzbegriff, eine andere epistemische Kultur, wenn Sie so wollen (KNORR-CETINA 2002). Der Ausdruck Positivismus gibt dem nicht genug Kredit und tut es einfach so ab, als wäre es nichts wert. Das stimmt aber überhaupt nicht, es ist schon etwas wert – nur lässt es die Ethnomethodologie relativ stark außen vor. Aber in Kalifornien und an manchen Universitäten ist sie nach wie vor stark vertreten. An der University of Pennsylvania war die Ethnomethodologie auch relativ stark, so lange Randall COLLINS dort war. Dann kommt es darauf an, wer die oder der nächste ist, und so geht es eben weiter. [32]

Hannes KRÄMER: Finden Sie, dass es auch ein innovatives Potenzial hier in Deutschland gibt? Schließlich haben auch Sie mehrere Leute ausgebildet, die sehr ethnomethodologisch arbeiten, und die bei Ihnen ihre Dissertationen geschrieben haben.

Karin KNORR-CETINA: Ja. Aber wir waren zum Beispiel auch interessiert an science studies und economic sociology. Vor allem die Letztere ist nicht ethnomethodologisch; das wäre auch ein bisschen schwierig, weil sie auf einer anderen Ebene operiert. Wenn sie einen Markt untersuchen, haben sie ein Aggregatphänomen vor sich, dessen ethnomethodologische Segmente vielleicht nicht so wahnsinnig aussagekräftig sind. Aber Märkte sind in unseren Gesellschaften wichtiger geworden; man muss sie schon untersuchen. Die Politik hingegen wäre zum Beispiel eine gute Aufgabe für ethnomethodologische Forschung. Bei Donald TRUMP ist mir das aufgefallen. Wenn ich politische Soziologie innerhalb meines Fachbereichs machen würde, ließe sich viel machen. Man muss natürlich rankommen, und das ist nicht immer der Fall: Man muss die Daten kriegen und aufnehmen dürfen. Aber bei TRUMP könnte man viel machen, indem die Twitteraccounts und sonstigen Reden, die er hält, untersucht würden. Er geht ja immer nach außen, und es werden dann Dinge über investigations aufgerollt. Man könnte sich zum Beispiel die Systematik der Brüche von Hintergrundannahmen ansehen, bei TRUMP selbst und seinen Nachahmer*innen. Auch die Bundekanzlerin Angela MERKEL wäre aus ethnomethodologischer Sicht interessant. Sie ist natürlich überhaupt nicht mit TRUMP vergleichbar, auch aus politischer Sicht nicht, das ist überhaupt keine Frage. But it is also ethnomethodologically interesting what's going on there. Der Einzige, den ich da kenne und der das macht, ist Thomas SCHEFFER (2001), aber der fokussiert stark auf Immigrationspolitik. Man kann das im politischen System massiv erweitern. Ich war vor Kurzem eingeladen in Potsdam auf einer Konferenz, wo die Politikwissenschaftler*innen sagten, sie möchten mehr mikrosoziologisch – dann wahrscheinlich eher mikropolitologisch – vorgehen; die Mikroebene mehr einbeziehen. Man hat noch nicht viel Erfahrung damit, was das bedeutet, aber wenn die Politikwissenschaft das macht, könnte sie auch Ethnomethodologie aufnehmen. Ich denke, das ist ein weites Feld, welches öffentlich relevant ist. [33]

13. Ethnomethodologie und Praxistheorie

René SALOMON: Nicht wenige der bei Ihnen promovierten Personen werden – zumindest im deutschsprachigen Raum – der Praxistheorie zugordnet. Würden Sie die Praxistheorie als Weiterführung der Ethnomethodologie bezeichnen? Wo würden Sie Unterschiede sehen?

Karin KNORR-CETINA: Beide sind an Praxis orientiert. Ethnomethodologie interessiert sich für die Praktiken der Teilnehmenden. Die heißen auch nicht Handlungsträger*innen, die heißen nicht Akteur*innen, die heißen Teilnehmer*innen, Teilnehmer*innen an den Praktiken. Also es wird den Akteur*innen in der Ethnomethodologie nicht die erste und wichtigste Rolle zugeschrieben, ungleich dem Interaktionismus, bei dem von Akteur*innen die Rede ist. Bei der Praxistheorie müssen die Teilnehmenden an etwas teilnehmen. Woran sie teilnehmen, sind z.B. Praktiken des Organisierens. Insofern ist da eine volle Kontinuität von Praxistheorie und Ethnomethodologie zu sehen. Aber wie man die Praxistheorie dann auslegt und was man dabei macht, ist eine andere Frage. Praxistheorie hat eine lange Geschichte und zeitgenössisch auch viel mit Pierre BOURDIEU28) zu tun: Er hat sie nicht nur vorgeschlagen und illustriert, sondern auch theoretisch thematisiert (etwa BOURDIEU 1976 [1972]), aber auf einer anderen Ebene und mit anderen Dingen verbunden als die Ethnomethodologie. In der Praxistheorie gibt es neue Bearbeitungen, die wichtig und interessant sind, z.B. von Andreas RECKWITZ29) (2002), Theodore R. SCHATZKI30) (1996) und anderen. Da steht der Praxisbegriff dann wieder infrage: Was meint man damit eigentlich? Sind das einfach Routinen, ist das Routineverhalten oder etwas anderes? Wenn ja, was ist das Andere? Auch die neuere Wissenschaftssoziologie war ein eigenständiger Inkubator von Praxistheorie und Praxisansätzen. Da gibt es wieder verschiedene Spielarten. Und der Praxisbegriff ist vielleicht auch ein Ausweg, nicht zu sagen: "Ich betreibe Ethnomethodologie", aber die Orientierung doch einzubringen. Manchmal ist das so mit neuen Ansätzen, wenn die Sekten wegfallen oder aussterben, dann bleibt immer noch etwas übrig, wenn es sich um theoretische Innovationen gehandelt hatte. Das ist bei Max WEBER31) so gewesen, und es wird eventuell bei Niklas LUHMANN so sein.32) Das wird dann integriert in andere Dinge und nicht mehr unbedingt auf die ursprünglichen Autor*innen bezogen, stammt aber von ihnen. [34]

René SALOMON: Haben Sie hier ein Beispiel?

Karin KNORR-CETINA: Beispielsweise die accountability: wenn wir im Auge behalten, dass soziale Realität in vielerlei Hinsicht immer wieder moralisch ist. Es tritt die Frage auf: "Kann ich das rechtfertigen oder nicht?" Das ist mir aufgefallen, als ich nach Berkeley kam. Ich kam aus Wien, und dort geht man auf der Straße, und es geht ein Blick auf das Gegenüber, runter, rüber und wieder rauf. Dieser Blick ist evaluativ. Der ist nicht nur: "Wer kommt mir da entgegen? Muss ich ausweichen? Ist das jemand, den ich kenne?" – er ist evaluativ. Die Person ist accountable, dem, was sie da erwartet an Blicken. Wenn sie das nicht ist, dann gibt es eben auch einen komischen Blick oder Nachrede. In Berkeley war das nicht so, sondern es war total atomistisch: Man hat nicht hingeschaut. Man musste erst einmal lernen, mit diesem accountable-Sein oder dieser intrinsischen Moralität von Konversation umzugehen. Dazu braucht man sich nicht immer auf GARFINKEL beziehen, aber man kann mit dem Begriff arbeiten. Das passiert oft bei verschiedenen Ansätzen, dass GARFINKEL zwar nicht mehr zitiert wird, aber durchaus Konzepte, die von ihm stammen, in den Diskurs eingehen. [35]

René SALOMON: Ich habe den Eindruck, dass vieles, was unter dem Label Praxistheorie firmiert, seit Längerem in Deutschland stark rezipiert wird und teils sogar Eingang auch in andere Fachdisziplinen findet. Darüber werden einige Konzepte, die man ursprünglich auch in der Ethnomethodologie findet, unter dem Label Praxistheorie wieder aktuell diskutiert, ohne auf Ethnomethodologie zu referieren. Gibt es in den USA auch eine solche Kontinuität durch die Praxistheorie, die – wie Sie gerade selbst sagten – eine Abstammung aus der Ethnomethodologie hat? Und wäre die Praxistheorie vielleicht eine Zukunftsversion für die Ethnomethodologie?

Karin KNORR-CETINA: Die Herausforderung in den USA ist, dass dort das Feld mehr eingeteilt wird in Termini der Probleme, die bearbeitet werden. Es existiert, seit ich die USA kenne, immer ein Riesengebiet delinquency, weil es eben auch in der Realität viele Probleme gibt, die unter Kriminalität subsumiert werden. Es gibt gender, es gibt economic sociology, es gibt Institutionen, politische Institutionen, es gibt political history. Also es wird eher nach den Fragestellungen eingeteilt statt nach einem Ansatz. Innerhalb dieser Richtungen kann man dann, manchmal auch versteckt, etwas finden, das ethnomethodologisch ist. Es ordnet sich anders. Das könnte man ja wieder mit GARFINKEL darstellen: die Ordnung, die hergestellt wird, zum Beispiel der associations, association meetings, bei denen teilweise fünf- bis zehntausend Leute anwesend sind. Da zeigt sich das research field der Welt, es geht kaum nach den einzelnen Ansätzen. Es gibt eine Sektion Ethnomethodologie, bei der es um traditionelle ethnomethodologische Forschung geht, und zwar nur um die. Da macht man ein bisschen Konversationsanalyse, ein bisschen Forschung zu Telefonanrufen bei der Polizei oder unmittelbare Reaktion auf Äußerungen und solche Dinge. Aber es gibt auch ethnomethodologische Arbeiten in den anderen Bereichen, nur werden sie nicht so geordnet und dargestellt. Sie verkaufen sich auch nicht so. [36]

Hannes KRÄMER: Gilt das nur für die associations?

Karin KNORR-CETINA: Nein, das findet sich auch zum Beispiel bei Stellenausschreibungen. Sie müssen sehen, was ist das ethnomethodologische Äquivalent der Herstellung einer intelligible world order auf der Ebene der Disziplin. Das sind dann zum Beispiel associations. Bei recruitments müsste man gucken: Wie schauen die Stellenangebote aus? Nach wem wird verlangt? Wird zum Beispiel ein*e Theoretiker*in verlangt oder jemand, der Klassenprobleme, oder Rassenprobleme oder Genderprobleme oder soziale Ungleichheit oder andere Bereiche bearbeitet; urban is a huge field, organizations is a huge field zum Beispiel. Aber das sind inherited Kategorien – die sind alle nicht neu –, unter denen sich eben die verschiedenen Ansätze versammeln. Insofern ist es manchmal etwas schwierig zu beurteilen. Man müsste wirklich eine Untersuchung machen beziehungsweise die Ethnomethodolog*innen drüben in den Staaten darüber befragen. Die versammeln sich auch an gewissen Orten, oft beispielsweise in Kalifornien. Amerika ist sehr groß, da gibt es eine Ost-West-Division. In Kalifornien interessiert man sich für Kalifornien und für sonst nichts, übertrieben ausgedrückt. Man braucht den Rest der Welt nicht – und im Rest der Welt interessiert man sich natürlich oft nicht für Kalifornien. Über die associations und ähnliches kriegt man die Präsenz der Ethnomethodologie in den Staaten kaum in den Griff. Über die book exhibition bei der ASA ließe sich auch versuchen, die Präsenz der Ethnomethodolog*innen zu bestimmen. Bei den ASA-Meetings gibt es ziemlich große book exhibitions: Alle akademischen Verlage stellen da die neuen Bücher vor. Die Frage wäre dann: Welche Bücher werden zu welchen Themen veröffentlicht? Bei den Themen war der Trend in den letzten zwanzig Jahren durchgehend immer an social problems orientiert – zu meinem großen Ärger, weil ich eigentlich nicht so denke. Dann hatte man fünfzehn Jahre lang nur gender. Jetzt hat man wieder race, obwohl race ohnehin schon immer da war, aber jetzt gibt es aufgrund von Ereignissen wieder einen neuen Schub an Thematisierungen und Problemen. Dann gibt es immer urban, weil es in Amerika natürlich auch große Städte gibt und viele amerikanische Probleme als in Städten verankert erscheinen. Urban sociology ist in Chicago auch sehr stark. Ich habe bei diesen book exhibitions immer nach systematischen Themen gesucht, nach Theoriepublikationen, die gab es aber praktisch nicht; Anfang der 1970er, 1980er Jahre ging das noch. Diese book exhibitions sind eben immer auch ein Bild der Disziplin – geordnet dargestellt, intelligible. Aber die Kategorie Ethnomethodologie findet sich dort sehr selten. [37]

René SALOMON: Aber findet man dort Praxistheorie?

Karin KNORR-CETINA: Wenn man einfach nach Praxistheorie sucht, ist das selten. Es ist wiederum diesen Problemgruppierungen untergeordnet. Das macht auch für die Praxistheorie das Zählen und Wahrnehmen schwierig – wiewohl man in den USA ja eine starke Pragmatismustradition hat. Das heißt nicht, dass man nicht auch etwas über die Verankerung der Praxistheorie in den Vereinigten Staaten herausfinden könnte, man muss wirklich die Bücher, die Veröffentlichungen und die Zeitschriften anschauen. Das ist ein bisschen mehr Arbeit. Vielleicht ist die Ethnomethodologie hier in Deutschland, aber auch in Italien relativ stark gewesen. Das ist wie mit LUHMANN, er hat in Amerika keinen großen Eindruck gemacht. Es gibt schon ein paar Leute, die ihn kennen, manchmal in der Literatur- oder in der Geschichtswissenschaft, aber in der Soziologie gibt es oft kein Interesse. Man kann nichts damit anfangen, man versteht auch den Diskurs nicht und wozu das gut sein soll. Außerdem gibt es keinen separaten starken Theoriediskurs in Amerika. Deswegen fehlt das auch – LUHMANN, aber auch die Ethnomethodologie in vielen Zentren der Soziologie. [38]

Hannes KRÄMER: Das ist interessant. Ich habe vor Kurzem mit einem amerikanischen Kollegen über das Feld der border studies gesprochen und er meinte, seine Projekte würden gar nicht mehr theoretisch funktionieren. Man müsse es immer empirisch herunterbrechen, und von dort würde er dann versuchen, ein bisschen zu theoretisieren.

Karin KNORR-CETINA: Es ist theoretische Soziologie. Es ist nicht Theorie, es ist theoretische Soziologie. Das heißt, es ist immer ein empirisches Element dabei. Dafür kriegt man auch Geld. Das hat viel mit den funding organizations zu tun. Ich glaube, dass der Ort für die Ethnomethodologie in der Zukunft vielleicht eher Europa ist, weil da mehr Offenheit für Theorie besteht. Es ist zwar nicht immer gut, wenn dieses Theoretisieren total abgehoben ist von der Empirie und die Soziologie so zu einer Humanwissenschaft wird; einer Wissenschaft, in der alles fragmentiert ist und nichts Kontinuität hat. Die Wissenschaft hat wenig Gewinn davon. Die Wissenschaft kommt damit auch nicht weiter. Aber in der ethnomethodologischen Richtung – und wenn man da systematische Forschungsprogramme über Zeit anlegen kann – könnte man dann schon noch viel machen. Denn die Ethnomethodologie ist gleichzeitig fundamental theoretisch sowie intrinsisch empirisch, positivistisch empirisch. Das ist keine abgehobene Theorie, es ist sehr empirisch. [39]

René SALOMON: Eine letzte Frage noch. Würden Sie sagen, die Ethnomethodologie hat einen Gesellschaftsbegriff?

Karin KNORR-CETINA: Nein, die ist ja explizit anti-soziologisch. GARFINKEL hat sich immer wieder einmal gegen die Soziologie gewandt mit der Begründung, die Teilnehmenden seien selbst praktische Soziolog*innen, und das interessiere. Die Ethnomethodologie macht die Ressourcen und Erklärungen der Soziologie zum Thema. Nein, er hat keinen Gesellschaftsbegriff. Ich meine, implizit setzen natürlich die Ordnungsstrukturen, die herausgearbeitet werden, einen Ethnos voraus. Man könnte sagen, Ethnos ist die Gesellschaft. Aber in der Regel sind das kleine Gruppierungen, und man denkt eigentlich nicht in den Termini einer imagined community wie eines Nationalstaates. Vor allem thematisiert man das nicht. Das Ethnos wird fast nie direkt thematisiert in der Ethnomethodologie. Wer das eigentlich ist und für wen es gilt, das wird nicht thematisiert. Nein, die Ethnomethodologie hat meines Erachtens keinen Gesellschaftsbegriff.

René SALOMON: Vielen, vielen Dank.

Hannes KRÄMER: Vielen Dank für das sehr freundliche und offene Gespräch. [40]

Anmerkungen

1) Die biografischen Informationen sind der Homepage der Universität Chicago und der Vorstellung von Karin KNORR-CETINA auf den Seiten des Gutenberg Forschungskollegs der Universität Mainz entnommen. <zurück>

2) Vgl. GERST, KRÄMER und SALOMON (2019). <zurück>

3) Aaron CICOUREL (*1928), Soziologe, einer der Hauptvertreter der phänomenologischen Soziologie in den USA, Professor an der UC, San Diego (1966-1970) und in Santa Barbara (seit 1970). CICOUREL hat großen Anteil an der Entwicklung der Ethnomethodologie, von der er sich schließlich abgewendet hat zum Programm einer kognitiven Soziologie. Arbeitsschwerpunkte sind alltägliches Denken, Sprechen und Handeln, qualitative Methoden, Mikrosoziologie (vgl. CICOUREL, 1973). Siehe für einen Einblick in CICOURELs Denken auch das Interview von Andreas WITZEL und Günter MEY (2004). <zurück>

4) Das Wiener Institut für Höhere Studien ist ein renommiertes Sozial- und Wirtschaftsforschungsinstitut in Österreich, welches 1962/63 eröffnet wurde. <zurück>

5) Helga NOWOTNY (*1937), Wissenschaftsforscherin und Wissenschaftspolitikerin, leitete die Abteilung Soziologie am IHS. Sie war Professorin für Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich (1995-2002), Gründungsmitglied und Vizepräsidentin (2007-2010) und Präsidentin (2010-2013) des European Research Council (vgl. NOWOTNY 2015). <zurück>

6) Claude LEVI-STRAUSS (1908-2009), Ethnologe, Begründer des ethnologischen Strukturalismus, gilt als einer der bedeutendsten Ethnologen des 20. Jahrhunderts. Er war Professor für Sozialanthropologie am Collège de France (1959-1982) und hatte großen Einfluss auf die damalige Soziologie, den Poststrukturalismus und auf die Ausbildung einer interdisziplinären Kulturwissenschaft. Arbeitsschwerpunkte waren Strukturalismus, Anthropologie, Mythenanalyse und Vernunftkritik (vgl. LEVI-STRAUSS 1981 [1949]). <zurück>

7) Zur Bedeutung von MARX' Theorie als maßgebliche Theoriereferenz in den Sprach- und Sozialwissenschaften siehe auch das Interview mit Jürgen STREECK (STREECK, KRÄMER & SALOMON 2019) in dieser Ausgabe. <zurück>

8) Jürgen STREECK (*1952), Linguist, Professor für communication studies, Germanic studies und anthropology an der University of Texas in Austin. Seine Forschungsinteressen sind Gestenforschung, videobasierte Mikroethnografie, interaktionelle Rahmungen in verschiedenen Kontexten sowie die anthropologische Grundierung von Sprache und Kommunikation (vgl. STREECK 2009; STREECK, KRÄMER & SALOMON 2019). <zurück>

9) Michael LYNCH (*1948), Soziologe, ist Professor am Department of Science & Technology Studies an der Cornell University und einer der prominentesten GARFINKEL-Schüler. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Produktion von Fakten und Beweisen in Wissenschaft und Recht, Ethnomethodologie und Konversationsanalyse, Sozialtheorie und Wissenschaftsphilosophie (vgl. LYNCH 1993; LYNCH, GERST, KRÄMER & SALOMON 2019). <zurück>

10) Steve WOOLGAR (*1950), Soziologe, ist emeritierter Professor an der Oxford University. Seine Forschungsschwerpunkte sind Governance- und Verantwortungsbeziehungen, alltägliche Objekte und Technologien, Provokation und Intervention, Sozialtheorie und Neuromarketing (vgl. WOOLGAR 1988). <zurück>

11) Bruno LATOUR (*1947), Soziologe und Philosoph, ist einer der Begründer der Actor-Network-Theory, die sich zu Teilen auch auf die Ethnomethodologie stützt. Seine Arbeitsbereiche umfassen science and technology studies, materiality und agency sowie Natur-/Kultur-Verhältnisse (vgl. LATOUR 2013). <zurück>

12) Eric LIVINGSTON, Soziologe, war ein Student von GARFINKEL und später senior lecturer an der School of Psychology, University of New England. Seine Forschungsinteressen beinhalten die Analyse von Wissen und Techniken des Alltags sowie die Arbeits- und Wissenschaftspraxis entdeckender Wissenschaften (vgl. LIVINGSTON 1987). <zurück>

13) David SUDNOW (1938-2007) war ein amerikanischer Soziologe und Ethnomethodologe der ersten Generation. Wissenschaftlich bekannt geworden ist er durch seine Forschungen zur interaktionalen Strukturierung von Sterben und seine Studien zum Erlernen von Instrumenten und zum Videospielen (vgl. SUDNOW 1967). Nach seiner Zeit als Wissenschaftler wurde Sudnow bekannt durch eine Methode, mit der Klavierspielen leicht zu erlernen sei, die sogenannte SUDNOW-Methode. <zurück>

14) Randall COLLINS (*1941), Soziologe, bekannt geworden unter anderem durch seine Theorie der Interaktionsrituale, Professor für Soziologie an der University of Virginia (1978-1982), UC Riverside (1985-1997) und Pennsylvania (seit 1997). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Mikrosoziologie, Emotion, Gewalt und Konflikt (COLLINS 2004). <zurück>

15) Siehe dazu auch das Interview mit Michel LYNCH (LYNCH et al. 2019) sowie Jörg BERGMANN und Christian MEYER (BERGMANN, MEYER, SALOMON & KRÄMER 2019) in dieser Ausgabe. <zurück>

16) John HERITAGE (*1946), Soziologe und Professor für sociology an der UC, Los Angeles. Er gilt als eine der Schlüsselfiguren der Konversationsanalyse, und sein Buch "Garfinkel and Ethnomethodology" (1984) machte die Ethnomethodologie einem größeren Publikum bekannt nzw. galt lange Zeit als die zentrale Einführung in die Ethnomethodologie. Seine Forschungsinteressen sind institutionelle Kommunikation, turn taking und epistemische Autorität (vgl. HERITAGE 1984). <zurück>

17) Jörg BERGMANN (*1946), Soziologe, eine der Schlüsselfiguren in der deutschsprachigen Ethnomethodologie. Seine als graue Literatur verfügbare Diplomarbeit (BERGMANN 1974) war lange Zeit eine der wenigen systematischen Auseinandersetzungen der Ethnomethodologie. Er war Professor für Mikrosoziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen (1990-2001) und für qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Bielefeld (2001-2012). Arbeitsschwerpunkte sind Ethnomethodologie, Konversationsanalyse, Methoden der qualitativen Sozialforschung, Sprach-, Wissens- und Kultursoziologie (vgl. BERGMANN 1987/1988; BERGMANN et al. 2019). <zurück>

18) Erving GOFFMAN (1922-1982), Soziologe, Schlüsselfigur soziologischer Interaktionsstudien und einer der bekanntesten amerikanischen Soziolog*innen. Er war Professor in Berkley (1958-1968) und in Pennsylvania (1968-1982) und Präsident der American Sociological Association (1981-1982). Seine Arbeitsthemen beinhalteten Alltagssoziologie, Soziologie der Interaktion, die soziale Konstruktion des Selbst, Rahmenanalyse, totale Institutionen und Stigmas (vgl. GOFFMAN 2008 [1956]). <zurück>

19) Thomas SCHEFFER (*1967), Soziologe, ist Professor für Soziologie und Sozialpsychologie mit dem Schwerpunkt interpretative empirische Sozialforschung (seit 2012) und Leiter verschiedener Forschungsprojekte zur Mikrofundierungen von Staatlichkeit. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Methoden qualitativer Sozialforschung, Recht und Mikrosoziologie (vgl. SCHEFFER 2001). <zurück>

20) Vgl. auch die FQS-Schwerpunktausgabe zur Entdeckung von Langsamkeit in der Hochschule (O'NEILL, MARTELL, MENDICK & MÜLLER 2014). <zurück>

21) Clifford GEERTZ (1926-2006), Ethnologe, Mitbegründer einer interpretativen, symbolischen Anthropologie. GEERTZ betrieb Feldforschung in Indonesien und war Professor für Anthropologie in Chicago (1960-1970) und für social science in Princeton (1970-2000). Seine Arbeitsthemen waren Kulturtheorie, Rituale sowie Methodologie der Kultur- und Sozialanthropologie (vgl. GEERTZ 1987 [1973], wo auch das bekannte Kapitel zur Analyse des Hahnenkampfes auf Bali abgedruckt ist). <zurück>

22) Gail JEFFERSON (1938-2008) war Soziologin und Mitbegründerin der Konversationsanalyse. Sie ist bekannt für ihre Ausarbeitung von Transkriptionskonventionen und die Editionen von Harvey SACKS' "Lectures on Conversation" (SACKS 1992). Ihre Arbeitsgebiete umfassten Sequenzanalyse, turn-taking, Lachen in Gesprächen und trouble talk (vgl. JEFFERSON 1988). Zur Rolle von Gail JEFFERSON für die Konversationsanalyse und die Ethnomethodologie siehe auch das Interview mit Chuck GOODWIN in dieser Ausgabe (GOODWIN & SALOMON 2019). <zurück>

23) Stephan WOLFF (*1947), Soziologe und Psychologe, Professor am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim (seit 1984). Seine Arbeitsschwerpunkte sind angewandte Organisationswissenschaft, Methoden und Strategien der empirischen Sozialforschung, Evaluation und Organisationsdiagnose, Theorie und Praxis sozialer Dienstleistungsorganisationen sowie institutionelle Kommunikation (vgl. WOLFF 1976; WOLFF & SALOMON 2019). <zurück>

24) Die Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Joachim MATTHES, Werner MEINEFELD, Fritz SCHÜTZE, Werner SPRINGER, Ansgar WEYMANN und später Ralf BOHNSACK) führte in die deutschsprachige Soziologie interpretative und alltagssoziologische Analysen aus den USA ein. In zwei Bänden (ARBEITSGRUPPE BIELEFELDER SOZIOLOGEN 1973) erschienen erstmalig zentrale Aufsätze des symbolischen Interaktionismus, der Ethnomethodologie, der Ethnografie des Sprechens und der Ethnotheorie auch auf Deutsch. <zurück>

25) Fritz SCHÜTZE (*1944), Soziologe, hat sich intensiv mit Themen kommunikativer Sozialforschung und interpretativen Ansätzen auseinandergesetzt und die Methode des narrativen Interviews entwickelt. SCHÜTZE war Mitglied der Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen, Professor für qualitative Verfahren an der Gesamthochschule Kassel (1980-1993) und Professor für Soziologie/Mikrosoziologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (1993-2009). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Biografieanalyse, die Analyse sozialer Welten und die Analyse professionellen Handelns (vgl. SCHÜTZE 1983). <zurück>

26) Thomas LUCKMANN (1927-2016) ist über die Soziologie hinaus bekannt geworden durch seine einflussreiche, mit Peter L. BERGER verfasste, wissenssoziologische Arbeit "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" (BERGER & LUCKMANN 1969 [1966]). Er war Professor an der New School for Social Research in New York (1960-1965), der Goethe-Universität Frankfurt (1965-1970) und der Universität Konstanz (1970-1994). Seine Arbeitsschwerpunkte lagen in den Bereichen Religionssoziologie, Sprach- und Wissenssoziologie und Phänomenologie (vgl. LUCKMANN 1991). Zur Ethnomethodologie in Konstanz siehe auch das Interview mit Jörg BERGMANN und Christian MEYER in dieser Ausgabe (BERGMANN et al. 2019). <zurück>

27) Die National Science Foundation ist eine der größten staatlichen Organisation zur Forschungsförderung in den USA. <zurück>

28) Pierre BOURDIEU (1930-2002), einer der einflussreichsten internationalen Soziologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war Forschungsdirektor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales und Professor am Collège de France in Paris (ab 1981). Seine Arbeitsschwerpunkte waren Macht, kulturelle Reproduktion, Praxis, Lebensstile sowie soziale Ungleichheit (vgl. BOURDIEU 1976 [1972]). <zurück>

29) Andreas RECKWITZ (*1970), Soziologe, ist Mitbegründer der Praxistheorie. Er war Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Universität Konstanz (2006-2010) und ist seit 2010 Professor für Vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kultursoziologie, Kultur-, Gesellschafts- und Sozialtheorie, Soziologien des Ästhetischen, der Stadt, des Subjekts und der Visualität sowie historische Soziologie (vgl. RECKWITZ 2017). <zurück>

30) Theodore SCHATZKI (*1956), Philosoph, ist ebenso ein Begründer der Praxistheorie und Professor für Geografie und Philosophie an der University of Kentucky, USA. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialtheorie, Sozialphilosophie, soziale Ontologie, Handlungstheorie, Wissenschaftstheorie und kontinentale Philosophie (vgl. SCHATZKI 1996). <zurück>

31) Max WEBER (1864-1920), Soziologe und Nationalökonom, ist eine Schlüsselfigur und einer der Gründungsväter der deutschen Soziologie, für die er zahlreiche Grundbegriffe prägte. Er war Professor für Nationalökonomie in Freiburg (1894-1896) und Professor an der Universität Heidelberg (1896-1903) (vgl. WEBER 1922). <zurück>

32) Niklas LUHMANN (1927-1998) ist einer der einflussreichsten deutschen Soziologen des zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist Begründer der funktional-strukturellen soziologischen Systemtheorie. Viele Aspekte seiner Theorie gehören heute zum grundlegenden soziologischen Wissensbestand. Von 1968 bis zu seiner Emeritierung 1993 war er Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld (vgl. LUHMANN 1984). <zurück>

Literatur

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Zur Autorin und zu den Autoren

Karin KNORR-CETINA, geb. 1944, studierte Kulturanthropologie und Soziologie in Wien. Sie wurde 1971 im Fach Kulturanthropologie promoviert. Anschließend arbeitete sie am Institut für Höhere Studien in Wien und war Fellow an der University of California in Berkeley. 1981 habilitierte sie sich an der Universität Bielefeld. 1983 wurde sie auf eine Professur für Sozial- und Kulturtheorie an der Universität Bielefeld berufen. 2001 wechselte sie auf die Professur für Soziologische Theorie, Wissens- und Finanzmarktsoziologie an die Universität Konstanz. 1991-1992 und 2012-2013 war sie Mitglied und Visitor des Institute for Advanced Studies Princeton. Ab 2004 hatte KNORR-CETINA eine ständige Gastprofessur an der University of Chicago sowie 2008-2009 eine Mitgliedschaft am Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences in Stanford inne. Seit 2010 ist sie Professorin an den Departments für Anthropologie und für Soziologie in Chicago. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Wissens- und Wissenschaftssoziologie, Finanzmarktsoziologie, soziologische Theorie und Ethnografie..

Kontakt:

Karin Knorr-Cetina

University of Chicago
Department of Sociology and Anthropology
1126 E. 59th Street
Chicago, IL 60637, USA

Tel.: +01 773-834-3312

E-Mail: knorr@uchicago.edu
URL: https://sociology.uchicago.edu/directory/karin-knorr-cetina

 

Hannes KRÄMER, geb. 1980 in Weimar, studierte Kommunikationswissenschaft und Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg-Essen, Maynooth (Irland) und Bern (Schweiz). Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster 16 der Universität Konstanz. 2013 wurde er mit einer Dissertation über Kreativarbeit an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina promoviert. Von 2014-2016 leitete er das Forschungsprojekt "Temporale Grenzen der Gegenwart" und war anschließend von 2017-2018 Forschungsgruppenleiter und wissenschaftlicher Koordinator am Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION. Seit 2018 ist er Professor für Kommunikation in Institutionen und Organisationen an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Arbeits- und Organisationsforschung, Kultursoziologie, Praxistheorie und Mikrosoziologie, Grenzforschung, Soziologie der Zeit, Mobilität und Ethnografie.

Kontakt:

Prof. Dr. Hannes Krämer

Universität Duisburg-Essen
Institut für Kommunikationswissenschaft
Universitätsstraße 12
45141 Essen

Tel.: +49 201-183-3540

E-Mail: hannes.kraemer@uni-due.de
URL: https://www.uni-due.de/kowi/instikom/hkraemer.php

 

René SALOMON, geb. 1976, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für allgemeine Soziologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Forschungsschwerpunkte: Praxis- und Systemtheorie, qualitative Methodologie, Wissenssoziologie und Gesellschaftstheorie.

Kontakt:

René Salomon

Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie
Institut für Politikwissenschaft und Soziologie
Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Wittelsbacherplatz 1
97074 Würzburg

Tel.: +49-931-31-80083
Fax: +49-931-31-800830

E-Mail: rene.salomon@uni-wuerzburg.de
URL: https://www.politikwissenschaft.uni-wuerzburg.de/lehrbereiche/allgemeinesoziologie/mitarbeiter/rene-salomon/

Zitation

Knorr-Cetina, Karin; Krämer, Hannes & Salomon, René (2019). Die Ethnomethodologie umzirkeln. Karin Knorr-Cetina im Gespräch mit Hannes Krämer & René Salomon [40 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 20(2), Art. 18, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-20.2.3287.



Copyright (c) 2019 Karin Knorr Cetina, Hannes Krämer, René Salomon

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