Volume 21, No. 2, Art. 26 – Mai 2020

Architektonische Widerständigkeit. Zur Perspektive einer praxistheoretisch-pragmatistischen Architektursoziologie

Christine Neubert

Zusammenfassung: Inwiefern kann die Wirksamkeit von Architektur in sozialen Praktiken bestimmt werden? Im Beitrag wird die methodische Herausforderung, praktisches Wissen im Umgang mit der gebauten Umgebung im Alltag zu analysieren, zentral gestellt und mit der Verbindung von praxistheoretischen und pragmatistischen Ansätzen ein Vorschlag gemacht, diese theoretisch zu fassen. Basierend auf einer ethnografischen Studie zur Architekturerfahrung im Arbeitsalltag wird die Erfahrung architektonischer Widerständigkeit systematisiert. Dabei zeigen sich zwei Dimensionen von Erfahrung als wesentliche Grundlage eines praktischen Wissens von Architektur: Zum einen ist es die situative Dynamisierung von Arbeitsabläufen durch Irritationen oder Störungen (der verbauten Sicht, der übertönenden Akustik), die eine Anpassung eingeübter Handlungsabfolgen erfordert, zum anderen sind es die gleichförmigen und routinierten Affekte alltäglicher Praktiken, die in der Form des beiläufig Angenehmen oder beiläufig Unangenehmen im Arbeitsalltag auftreten. Es handelt sich um einen empirischen Beitrag für eine praxistheoretische Diskussion von Architektur am Arbeitsplatz.

Keywords: Architektursoziologie; Praxistheorien; Pragmatismus; Widerständigkeit; Arbeitsalltag; Ethnografie

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur praxistheoretisch-pragmatistischen Heuristik

2.1 Praxistheoretische Ausgangslage: Architektur als Akteurin, inwiefern?

2.2 Pragmatistische Ergänzung: Menschen als Erfahrende und an Praktiken Teilnehmende

2.3 Praktikabhängige Widerständigkeitserfahrung

2.4 Geteilte Widerständigkeitserfahrung in Praktiken

2.5 Ethnografie als methodologische Klammer einer praxistheoretisch-pragmatistischen Heuristik

3. Architektonische Widerständigkeit

3.1 Architektonische Bedingung situativer Dynamik

3.2 Routinierte Affekte im gebauten Alltag

4. Architektur als Movens sozialer Ordnung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung1)

Innerhalb praxistheoretischer Forschungsansätze herrscht Einigkeit darüber, dass soziale Praktiken verortet sind. Das heißt, sie finden eingebettet in gebauten Umgebungen2) etwa der Arbeit, des Wohnens, der Freizeit, der Muße etc. statt. Unklarer ist indes, inwiefern sie im Einzelnen an den Ort ihrer Aufführung gebunden sind. Zwar gibt es mit den Science and Technology Studies (LATOUR & WOOLGAR 1986 [1979]) und speziell der Actor-Network Theory (LATOUR 2007 [2005]) sowie dem weiten Feld der Theorien sozialer Praktiken (SCHÄFER 2016a) eine deutliche Berücksichtigung von Dingen, Artefakten, Körpern und auch der gebauten Umgebung für das Gelingen und Nicht-Gelingen von Sozialem. Doch fehlt es durchaus an empirischen Studien und – damit zusammenhängend – methodologischen Vorschlägen, um eine praxistheoretische Forschungsperspektive3), um die es hier vor allem geht, für die soziologische Analyse von Architekturerfahrung im Alltag zu konkretisieren. [1]

In diesem Beitrag wird diese Leerstelle angegangen. Basis der Überlegungen ist eine fokussiert ethnografische Studie, die an fünf unterschiedlichen Orten beruflicher Arbeit (Bibliothek, Industriehalle, Labor, Atelier und Museum) umgesetzt und in der alltagsweltliche Erfahrung von gebauter Umgebung bei der Arbeit systematisiert wurde.4) Vor dem Hintergrund praxistheoretischer Denkansätze ging ich mit der Frage ins Feld, inwiefern durch Beobachtung und Gespräche die Wirksamkeit der gebauten Arbeitsumgebung, ihre Bedeutung für Arbeitspraktiken nachvollzogen und bestimmt werden kann? Dabei setzte ich weniger bei den Dingen – bei der Architektur – selbst an (z.B. LATOUR & YANEVA 2008; REES 2016; YANEVA 2008), sondern nahm in meiner Studie die alltagsweltliche Einstellung alltäglicher Praktiken zum Ausgangspunkt, Architektur zu konturieren. Das heißt, die assoziativen Verbindungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Aktanten, die im Sinne der ANT zu untersuchen sind, wurden für das Gelingen von Praktiken vorausgesetzt. Im Anschluss an die konstatierte Beweglichkeit des Architektonischen (u.a. FALLAN 2008) wurde aus Sicht der untersuchten Praktiken des Arbeitsalltags dann gefragt, inwiefern die soziale Ordnung der Praktik das Aktivitätspotenzial der gebauten Umgebung aufruft und in welcher architektonischen Qualität? Die Antwort auf diese Frage blieb hier eher bei denen, die den Erfahrungszusammenhang herstellen und so erst Ordnungen von Praktiken für die empirische Forschung verfügbar machen: bei mir als Forscherin und bei den Beforschten selbst, sie folgt weniger der Architektur als agilem Artefakt. [2]

In dem Beitrag zeige ich, wie ich mit der Ethnografie zur Frage einer eigentlich vorwiegend nonverbalen Selbstverständlichkeit – irgendwo zu arbeiten – zu interpretativen Ergebnissen darüber gelangt bin, was Architektur im Alltag ist bzw. bedeutet. Ein entscheidender Punkt ist, dass die verbalen wie nonverbalen Entäußerungen der teilnehmenden Arbeiter und Arbeiterinnen (wie auch meine Beobachtungen) nicht hinsichtlich der biografischen Disposition interpretiert wurden, sondern im Hinblick auf die übergeordnete und geteilte Orientierung an der Ordnung der Praxis.5) Über meine teilnehmende Beobachtung von Praktiken konnte ich ihre jeweilige motivationale und affektive Zielstruktur ("teleoaffective structure", SCHATZKI 2001, S.58) erfahren und verstehen. Die pragmatistische Profilierung der praxistheoretischen Analyseeinstellung bestand darin, Ordnungen der Praxis über Erfahrungen zu erklären. Dass es Menschen sind, die einen Zusammenhang von Praxis erst erfahrend herstellen (SCHÄFER 2016b, S.142), wurde mittels der Ethnografie explizit gemacht. [3]

Aufbauend auf dieser einleitenden groben Forschungsskizze lässt sich das Anliegen des vorliegenden Beitrags als ein dreifaches beschreiben: Auf einer ersten, inhaltlichen Ebene geht es darum, die Verankerung sozialer Praktiken in der gebauten Arbeitsumgebung empirisch aufzuzeigen. Inwiefern bedingt die architektonische Verortung die je spezifische Ordnung sozialer Praktiken? Welche Wirksamkeit seitens der gebauten Umgebung lässt sich in den Arbeitsabläufen feststellen? Damit erweitere ich die Positionen der Architektursoziologie (DELITZ 2010; FISCHER & DELITZ 2009; STEETS 2015) um einen weiteren empirischen Beitrag (u.a. KERNICH 2016; LEUENBERGER 2018; REES 2016; YANEVA 2008). Zugleich werden theorierelevante Aussagen hinsichtlich der Bestimmung von Architektur unter den Bedingungen eines praxistheoretisch-pragmatistischen Forschungsansatzes gemacht. Damit ist eine zweite, konzeptionelle Ebene des Beitrags benannt. Diese zielt auf die materialitätstheoretische Diskussion innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften und konkreter innerhalb des praxistheoretischen Diskurses (GHERARDI 2017; HILLEBRANDT 2016; KALTHOFF, CRESS & RÖHL 2016; KISSMANN & VAN LOON 2019). Durch meine Forschungsperspektive kann ich herausstellen, was genau die architektonische Materialität der untersuchten Arbeitspraktiken ist und inwiefern sie für diese Praktiken konstitutiv ist. Operationalisiert wird das Konzept von Materialität anhand von Widerständigkeit, aufgrund derer Praktiken etwa modifiziert werden, oder aber gerade darin ihre Routinen zum Ausdruck kommen. Es wird gezeigt, wie architektonische Widerständigkeit empirisch nachvollziehbar wird und wie dies zugleich die Frage nach der Materialität der Architektur beantwortet, indem nicht nur an die physische Begrenzung durch Böden oder Wände gedacht wird, sondern verschiedene Qualitäten architektonischer Materialität als praxisrelevant identifiziert werden. Auf einer dritten und hier im Fokus stehenden methodologischen Ebene wird dieses Vorgehen sowohl in seinem methodischen Vollzug als auch hinsichtlich eines mit den Mitteln des Pragmatismus überdachten Forschungsansatzes zu sozialen Praktiken reflektiert. Das bedeutet einerseits, einen konkreten Vorschlag zur Erforschung von Praktiken aufbauend auf die Antwort, dass "man deshalb Ethnographie betreiben müsse" (STRÜBING 2017, S.72) zu machen und andererseits darauf hinzuweisen, welche neue Perspektive auf die generelle Wandlungsbereitschaft sozialer Praktiken sich durch eine solche empirische Systematik eröffnet. Ich antworte in diesem Sinne auf einen der immer wieder angeführten Kritikpunkte praxistheoretischer Ansätze, nämlich dass sie zu präsentistisch angelegt seien und kein überzeugendes Mittel zur Erklärung von Transformation bereitstellten (BECK, NIEWÖHNER & SǾRENSEN 2012; SCHÄFER 2016b; STRÜBING 2017). [4]

Die aus diesem dreifachen Anspruch abgeleitete These für den vorliegenden Beitrag lautet somit: Eine praxistheoretisch-pragmatistische Architektursoziologie ist in der Lage, sowohl über die Bedeutung der gebauten Umgebung für die (De-)Stabilisierung sozialer Ordnung aufzuklären als auch das architekturbedingte Motivmoment (Movens) sozialer Ordnung zu extrahieren. Damit wird nicht nur der bestehenden, fortwährend nach geeigneten Methoden suchenden Architektursoziologie zugearbeitet,6) sondern auch der Theoriedebatte um die mögliche und gewinnbringende Verbindung von Praxistheorien und Pragmatismus (DIETZ, NUNGESSER & PETTENKOFER 2017) ein Fallbeispiel hinzugefügt. [5]

Der Text gliedert sich wie folgt: Grundzüge der praxistheoretisch-pragmatistischen Heuristik für eine Architektursoziologie werden vorab skizziert (Abschnitt 2) und sowohl in ihren praxistheoretischen (Abschnitt 2.1) wie pragmatistischen (Abschnitt 2.2) Referenzen ausgeleuchtet. Das eigene heuristische Konzept der praktikabhängigen Widerständigkeitserfahrung wird eingeführt und in Verbindung mit ethnografischer Forschung diskutiert (Abschnitte 2.3, 2.4, 2.5). Die Wirkung architektonischer Praxisbedingungen zeige und diskutiere ich dann im Hinblick auf situative Dynamiken (Abschnitt 3.1) und routinierte Affekte (Abschnitt 3.2) an empirischen Fallbeispielen. Abschließend (Abschnitt 4) gehe ich auf das Potenzial einer praxistheoretisch-pragmatistischen Architektursoziologie im Hinblick auf Transformationen sozialer Praktiken ein und werfe einen Blick auf mögliche Konsequenzen der hier angestellten Überlegungen für unterschiedliche Arbeitsbereiche. [6]

2. Zur praxistheoretisch-pragmatistischen Heuristik

Die Frage danach, wie sich alltagsweltliche Erfahrung mit Architektur erforschen lässt, stellte den Ausgangspunkt meiner ethnografischen Studie dar. Ich ging davon aus, dass wir im Kontext von (Erwerbs-)Arbeit tagtäglich in gebaute Umgebungen versetzt sind, die uns mehr oder weniger gefallen und behagen. Davon aber abgesehen sind diese Umgebungen gebaute Umgebungen des Alltags. Die an diesen Arbeitsorten alltäglich vorgenommenen Tätigkeiten, die sich wiederholenden Abläufe, Motivationen und Affekte – kurz Praktiken – bilden den Gegenstand alltagsweltlicher Architekturerfahrung. Damit ziele ich auf eine empirische Architektursoziologie, die bei den Prämissen soziologischer Praxistheorie ansetzt und diese um Begriffe und Konzepte des amerikanischen Pragmatismus erweitert. Praxistheoretische Grundannahmen (wie die Verkörperung und damit verbundene Materialisierung des Sozialen) werden um ein zentrales pragmatistisches Denkwerkzeug – die Erfahrung von Widerstand – ergänzt. Die erfahrende Widerständigkeit ist dann Ausdruck eines soziomateriellen Charakters von Dingen (u.a. KALTHOFF et al. 2016; LATOUR & WOOLGAR 1986 [1979]). Im Fokus meiner Studie stand die Frage, inwiefern diese Widerständigkeit die untersuchten Praktiken in ihren architektonischen Konturen der Ordnungsherstellung (sowie des Gegenteils) nachzeichnet. [7]

2.1 Praxistheoretische Ausgangslage: Architektur als Akteurin, inwiefern?

Die Theorien sozialer Praktiken (u.a. RECKWITZ 2003; SCHATZKI 2001; SCHMIDT 2012; SHOVE, PANTZAR & WATSON 2012) bilden eine Forschungsperspektive, die sich dazu eignet, grundlegende architektursoziologische Fragen zu stellen. Das liegt vor allem an dem heuristischen Potenzial des Vokabulars, mit dem Nicht-Menschliches wie Architektur als etwas sozial Wirksames in den Blick genommen werden kann. Praktiken gehen nicht im Tun von Menschen auf, sondern haben lose Enden in unterschiedlichen Entitäten sozialer Wirklichkeit. Nicht-menschliche Dinge und ihre materielle wie ideelle Verfasstheit haben an der Beschreibung sozialer Wirklichkeit ebenso Anteil wie menschliche Affekte und Gefühle, gesellschaftliche Normen, Werte und Regeln (RECKWITZ 2003). Mittels Praxistheorien wird damit das klassische, intentional handelnde und intellektualistische Subjekt dezentriert (RECKWITZ 2000; SCHULTZ-SCHAEFFER 2010) und die Kontextgebundenheit individueller Handlungen sowie deren Abhängigkeit von anderen Dingen und Akteur*innen betont. Das bedeutet: Inwiefern Architektur wirkt, müsste innerhalb von Praktiken erklärt werden, indem analysiert wird, wie sich einzelne (körperliche, sprachliche, affektive) Bezugnahmen auf das Gebaute (notwendigerweise) in eine immer wieder herzustellende, verortete Ordnung einfügen und sie somit gleichsam mit hervorbringen. Diesen Aspekt der prozesshaften Ordnungsbildung betont ebenso Silvia GHERARDI (2017), wenn sie Praktiken "'as a mode, relatively stable in time and socially recognised, of ordering heterogeneous items into a coherent set'" versteht (S.39). [8]

Damit stellt sich für die empirische Sozialforschung die Herausforderung, die konkreten "Seinsweisen" (John SEARLE nach HOLZINGER 2009, S.527) des Architektonischen in der sich immer wieder herstellenden und hergestellten Ordnung herauszuarbeiten. Es reicht nicht mehr, Architektur als bewegliche, materielle Akteurin in Gänze zu benennen (wie u.a. FALLAN 2008; YANEYA 2008), sondern es gilt zu bestimmen, inwiefern Architektur unter der Regie der untersuchten Praktik materielle Akteurin ist oder sein kann. In Anlehnung an Hilmar SCHÄFER (2013) ist zu fragen, welche "verschiedenen Qualitäten von [architektonischer] Materialität" (S.349) lassen sich empirisch feststellen? Inwiefern wirken diese konstitutiv für Praktiken bzw. welche Formen von architektonischer Materialität bringen Praktiken als prinzipiell verschiebbare, "sich wiederholende Formationen" (SCHÄFER 2016b, S.141) hervor? Daraus folgt die Notwendigkeit, nicht nur auf die Situationen zu schauen, in denen durch Uneindeutigkeit und Irritation auf das Aktivitätspotenzial der gebauten Umgebung verwiesen wird, sondern auch auf jene, in denen sich Gleichförmigkeit und die Empfindung von Normalität ausbreiten.7) Zur Beantwortung dieser Fragen lohnt es sich, das heuristische Werkzeug der Praxistheorien um die pragmatistischen Konzepte der Erfahrung und des Widerstands zu ergänzen. Diese Ergänzungen insbesondere im Kontext der ethnografischen Forschung zu betonen ist das zentrale, methodologische Anliegen der hier skizzierten Architektursoziologie. [9]

2.2 Pragmatistische Ergänzung: Menschen als Erfahrende und an Praktiken Teilnehmende

Die Tatsache, dass die zu beobachtende und beobachtete verkörperte Praxis nicht ohne in sie verwickelte menschlichen Individuen – Forschende, Feldteilnehmende – die erleben und erfahren, zu denken ist (ANTONY 2017), ist Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen. Es bedarf "immer noch eines Erfahrenden, der theoretisch, 'als ein Faktor innerhalb der Erfahrung' (Dewey), mitgedacht werden muss" (S.343). Die pragmatistische Ergänzung der praxistheoretischen Perspektive liegt vor allem in der Verfolgung von Erfahrung innerhalb sozialer Praktiken: Es geht darum, empirisch Situationen zu bestimmen, die plausibilisieren, dass im Kontext einer bestimmten Praktik bestimmte Erfahrungen gemacht werden, die praktikabhängig zustande kommen und praktikrelevant sind, indem sie etwa Veränderungen innerhalb von Praktiken anzeigen. [10]

Erfahrungen im Kontext von Praktiken zu untersuchen steht allerdings vor einer zweifachen Herausforderung: Praktiken, die wir tagtäglich ausführen und in die wir stets auch körperlich verwickelt sind (HIRSCHAUER 2016; RECKWITZ 2016), bestehen aus Wiederholungen, die nicht bewusst reflektiert werden, sondern eben gerade durch ihre selbstverständliche Routine, die uns in Fleisch und Blut übergegangen ist, Alltag ermöglichen. Als solche sind sie bei der Bewältigung alltäglicher Betriebsamkeit unverzichtbar. Sofern wir nun davon ausgehen, dass Erfahrungen stets im Kontext von Praktiken gemacht werden (GÖBEL & PRINZ 2015; SCHÄFER 2016b), braucht es einen methodischen und begrifflichen Schlüssel, um Erfahrung innerhalb des alltäglichen Umgangs mit Dingen gewahr zu werden und so das Wirkungspotenzial der Dinge – der gebauten Umgebung – herauszufiltern. [11]

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass das in Praktiken zur Anwendung kommende, größtenteils nicht-sprachliche und implizite Wissen zum Zweck der wissenschaftlichen Beforschung und Darstellung in ein sprachliches und explizites Wissen überführt werden muss. Auch dafür braucht es einen begrifflichen Schlüssel, einen heuristischen Suchbegriff, mit dem sich das empirische Datenmaterial auf Stellen, in denen greifbare Momente von Erfahrung thematisiert werden, untersuchen lässt. Ich gehe nun genauer auf das Konzept der praktikabhängigen Widerständigkeitserfahrung als ein solches heuristisches Werkzeug ein. [12]

2.3 Praktikabhängige Widerständigkeitserfahrung

Mein Argument ist im Folgenden, dass mithilfe eines weiten heuristischen Begriffs der praktikabhängigen Widerständigkeitserfahrung auf zwei grundlegende architektonische Erfahrungsweisen der Störung und Nicht-Störung bzw. der Einschränkung und Ermöglichung (RECKWITZ 2010) aufmerksam gemacht werden kann. Dazu muss jedoch die Vorstellung von Widerstand geweitet und über das Moment der Störung oder Irritation hinaus auf generelle Situationen des Auffallens und Aufmerksam-Werdens im Kontext einzelner Praktiken fokussiert werden. Darum verwende ich den Begriff Widerständigkeit.8) [13]

Aus Sicht des Pragmatismus (DEWEY 1995 [1929]; JAMES 1977 [1907]; JOAS 1992; MEAD 1987 [1932]) lässt sich der Erfahrungsprozess grundsätzlich als die Bearbeitung von Widerstand beschreiben. "Im Strom unserer Sinneswahrnehmung" (JAMES 1977 [1907], S.155) begegnen uns "Widerstand leistende Faktoren", die durch jede neue "wahrheitsbildende Erfahrung" bearbeitet werden (S.154). Mittels Erfahrung wird Widerständigkeit bearbeitet, indem neue Bedeutungen des Umgangs mit Dingen erarbeitet werden. Da diese Bedeutungen Dreh- und Angelpunkt qualitativer Sozialforschung sind, bietet der Pragmatismus für die Architektursoziologie einen Erklärungsansatz, wie die Verbindung zwischen körperlicher Erfahrung und zugeschriebener oder empfundener Qualität des Gebauten hergestellt wird.9) Folgt man John DEWEY (1995 [1929]), so müssten "[...] die Qualitäten, die wir Objekten zuschreiben, vielmehr unseren eigenen Formen der Erfahrung zugeschrieben werden [, die] ihrerseits auf der Kraft des wechselseitigen Verkehrs und des Brauches beruhen" (S.31). Das heißt, im Prozess des Zusammenhangs von "Tun und Leiden" (S.25) werden situationsbedingt und aktiv Bedeutungen konstruiert, die genau genommen erst die Objekte des Erfahrens hervorbringen (ein Prozess, der als "reflexive Erfahrung" [S.38] verstanden wird). "Tun und Leiden" meint die menschliche Erfahrung in all ihren – positiven wie negativen – Facetten: "was sie ersehnen [...] und ertragen, [...] wie Menschen handeln und wie sie behandelt werden" (a.a.O.). Ausdrücklich verweist DEWEY im zweiten Schritt auf die "empirische Methode", um der "umfassende[n] Ganzheit von Erfahrung gerecht werden" (S.26) zu können. Erfahrung ist also weder auf irritierende Momente im Strom der Sinneswahrnehmung noch auf bewusste Formen von Reflexion beschränkt, sondern umfasst Formen der körper-leiblichen Urteilsfindung, die z.B. in körperlichen Bewegungen oder angenehmen Stimmungslagen sichtbar werden. [14]

Dieser zuletzt mitgenannte Moment positiver oder angenehmer Widerständigkeit ist schon bei der deskriptiven Anthropologie Wilhelm KAMLAHs (1973) angesprochen. KAMLAH verweist darauf, dass im Zusammenhang mit jeder irgendwie zielgerichteten Tätigkeit ein Widerstand – von ihm "Widerfahrnis" (S.34) genannt – auftauchen und diesbezüglich eine Unterschiedsbekundung in angenehmer wie unangenehmer Hinsicht ergehen kann. Sein Beispiel verdeutlicht, was damit gemeint ist:

"Wer z.B. Auto fährt, dem kann es widerfahren, 'passieren', daß der Motor nicht anspringt. Er wird das enttäuscht bemerken. Aber auch das erwartete Anspringen des Motors ist ein Widerfahrnis. [...] Widerfahrnisse sind also stets 'erfreulich' oder 'widrig', angenehm oder unangenehm, 'gut' oder 'schlimm' [...]. Sie widerfahren uns bezogen auf unsere Bedürftigkeit. Einem Stein widerfährt nichts, auch einem Gerät nicht" (S.35f.). [15]

Bezogen auf die die Argumentation leitende Annahme, dass Erfahrungen stets im Kontext von Praktiken gemacht werden, wird offensichtlich, dass eine durch den Menschen wahrgenommene und erfahrene "Bedürftigkeit" auch nur im Kontext einer Praktik verstanden werden kann. In der Folge spreche ich deshalb von der Bedürftigkeit einer Praktik. Damit wird betont, dass die Bildung "sozialer Ordnung als Konfiguration von Praktiken" (RECKWITZ 2016, S.166) auf eine Gleichzeitigkeit gewisser Bedingungen angewiesen ist, damit sie (wiederholend) zustande kommen kann. Autofahren braucht einen anspringenden Motor, eine Steuerungseinheit (Mensch oder Computer), eine Straße usw.; Malen oder Zeichnen braucht einen Untergrund, ein Werkzeug, eine malende Person, einen geeigneten Ort usw. Menschliche Erfahrungen spielen auf solche Bedürftigkeiten der Praktiken an. Mit dem Begriff "Widerfahrnis" betont KAMLAH, dass nicht allein das negative Ereignis auffällt, sondern sich die Thematisierung von Widerständigkeit auf ein im weitesten Sinn Auffallen im Kontext bezieht. Auch Erfreuliches fällt auf und wird somit zur (reflexiven) Erfahrung einer praktischen Bedürftigkeit. [16]

Die Frage ist nun, inwiefern dieses Auffallen in Bezug auf Architektur im Alltag empirisch zu fassen ist. Insofern mit jeder (Arbeits-)Praktik der je eigene Umgang mit den Dingen organisiert wird (MEAD 1987 [1932]), ist zu rekonstruieren, welche Qualität der gebauten Arbeitsumgebung wie eine Rolle spielt. Von zentraler Bedeutung ist dabei der vor allem von George Herbert MEAD betonte Aspekt der Übertragung körper-leiblicher Erfahrung an die Dinge – seien es physisch-haptische, akustische, klimatische, luftmäßige etc. – die dadurch zu eben solchen sozialen bzw. im sozialen Prozess der Praktiken hervorgebrachten, geteilten Dingen mit spezifischen Erfahrungsqualitäten werden (a.a.O.). [17]

2.4 Geteilte Widerständigkeitserfahrung in Praktiken

Nachdem der Widerständigkeitsbegriff im Pragmatismus fundiert wurde, soll erneut die Verknüpfung zu dem Konzept sozialer Praktiken herausgestellt werden. Denn: Widerständigkeiten werden im Kontext sozialer Praktiken geteilt erfahren. Die Betonung von Erfahrung im Kontext sozialer Praktiken überführt den Erfahrungsprozess einzelner Individuen auf die Ebene geteilter sozialer Prozesse der Wirklichkeitsherstellung und die Bewältigung praktischer Probleme. Bezogen auf Widerständigkeiten des Architektonischen bedeutet das, dass nicht allein individuell biografische Dispositionen die Thematisierung von Gebautem erklären, sondern jede individuelle Erfahrung stets in überindividuelle, geteilte Praktiken eingebettet ist und erst darin zum Tragen kommt. Dieselbe Widerständigkeitserfahrung kann von mehreren Personen, teilnehmend an derselben Praktik, gemacht werden. [18]

Gemeinsam ist dieser Erfahrung die auf die Praktik bezogene "teleoaffective structure" (SCHATZKI 2001, S.58). Damit ist diejenige Struktur von Praktiken angesprochen, mit der SCHATZKI zufolge die "practical intelligibility" auf Ebene individueller Sinnbildungsprozesse greifbar gemacht wird: "Practical intelligibility is determined by the mental phenomena of teleology and affectivity, by orientations toward ends and by how things matter" (S.55). Wenn Menschen mit ihrer körper- und leiblichen Performanz im Umgang mit Dingen eine praktische Sinnverständlichkeit zum Ausdruck bringen, dann entfaltet sich diese entlang der teleoaffective structure. Äußerlich beobachtbaren Körperbewegungen sind stets innere "mentale" Bewegungen, wie es etwa Affekte oder Stimmungen sein können, zuzuordnen (RECKWITZ 2000, 2016; SCHMIDT 2012), die in Bezug auf die zu untersuchende Praktik Sinn machen und geteilt erfahren werden. [19]

Architektur durch die Brille sozialer Praktiken und geteilter Widerständigkeitserfahrungen zu untersuchen kehrt hervor, was eigentlich die konkreten architektonischen Bedingungen der gelingenden wie nicht gelingenden Performance dieser Praktiken sind. Sowohl das geteilte und routinierte Tätigwerden im Kontext einer Praktik an einem konkreten Ort (wie im Arbeitsvollzug) als auch das geteilte (verbale oder nonverbale) Thematisieren von Störungen lassen sichtbar werden, inwiefern die gebaute Umgebung in der Praktik wirkt. [20]

2.5 Ethnografie als methodologische Klammer einer praxistheoretisch-pragmatistischen Heuristik

Die empirische Analyse alltagsweltlicher Architekturerfahrung, aus der im Folgenden vier Beispiele näher erläutert werden, folgt den Beschreibungen praktikabhängiger Widerständigkeiten im Kontext von Arbeit. Im Zuge der teilnehmenden Beobachtung in fünf unterschiedlichen Arbeitsorten – in einer Bibliothek, einer Industriehalle, einem Labor, einem Atelier und in einem Museum – habe ich Arbeitende bei ihrer Tätigkeit begleitet, mit ihnen gesprochen und beobachtet. Je nach Arbeitskontext und Exklusivität des Feldes konnte ich manchmal tiefer, manchmal weniger intensiv an den Regeln und Ordnungen des Feldes teilnehmen. Dementsprechend changierten die Situationen der Erhebung zwischen teilnehmender Beobachtung und beobachtender Teilnahme (GOFFMAN 1996 [1974]; HIRSCHAUER & AMMAN 1997). Das heißt, wie detailliert ich als Forschende Einblick darin hatte, in welcher Situation sich die Praktiker*innen tatsächlich befanden, welches "Tun und Leiden" ihnen im Praxiszusammenhang "widerfuhr", entschied letztlich auch darüber, wie architektonische Widerständigkeitserfahrungen sichtbar werden konnten: anhand des eigenen Erlebens, verarbeitet in schriftlichen Beobachtungsprotokollen, oder vermittelt in den Erfahrungen anderer, erhoben durch Interviews oder informelle Arbeitsplatzgespräche.10) Indem Ethnografie zwischen pluralen Erhebungsarten changiert ("Methodenopportunismus", BREIDENSTEIN, HIRSCHAUER, KALTHOFF & NIESWAND 2013, S.34), konnte ich die Erhebungsform der jeweiligen Situation anpassen, etwa weil es seltsam angemutet hätte, mit den Arbeitern an den Maschinenarbeitsplätzen nicht zu reden und sie stattdessen nur bei der Arbeit zu beobachten. Im Museum unter den Mitarbeitenden des Besucher*innenservices war ein längeres Schweigen und Beobachten hingegen unauffällig, zusätzlich konnte ich Interviews mit einzelnen Mitarbeiter*innen arrangieren. So gab es feldspezifisch unterschiedliche Wege, in Erfahrung zu bringen (und teilweise nachzuempfinden), wie etwas störte oder als unangenehm erfahren wurde. Der Fokus auf Widerständigkeitserfahrungen und deren heuristischem Gehalt hinsichtlich der Verortung von Praktiken wurde ansatzweise auch auf die Forschungspraxis selbst angewendet (NEUBERT 2018, Abschnitt 5.1.5). In Situationen, in denen ethnografische Forschungspraxis (insbesondere teilnehmende Beobachtung) gelingt oder nicht gelingt, kann prinzipiell rekonstruiert werden, inwiefern die gebaute Umgebung daran teilhat. In dieser Hinsicht trägt die hier vorgeschlagene praxistheoretisch-pragmatistische Heuristik auch dazu bei, die Transparenz und Reflexion qualitativer Forschungspraxis und ihrer Datenproduktion zu erhöhen. [21]

3. Architektonische Widerständigkeit

Architektonische Widerständigkeit wird im Folgenden anhand situativer Dynamiken und routinierter Affekte in Praktiken nachvollzogen. Entlang der diskutierten Beispiele für die Verdeutlichung der jeweiligen Perspektive von Widerständigkeitserfahrung beschreibe ich die Rolle der gebauten Arbeitsumgebung für die (De-)Stabilisierung sozialer Praktiken und erarbeite darüber hinaus spezifische alltagsrelevante Qualitäten architektonischer Materialität. [22]

3.1 Architektonische Bedingung situativer Dynamik

Für die Darstellung der architektonischen Bedingung von situativer Dynamik in Praktiken beziehe ich mich auf zwei ausgewählte Feldaufenthalte während meiner Studie: zum einen auf die Erhebungen in einem Kunstmuseum und die Begleitung des Personals im Besucher*innenservice, zum anderen auf Beobachtungen verschiedener Maschinenarbeitsplätze in einem Industriebetrieb. In diesen Fällen werden sehr eindrücklich Kontrastsituationen zu der gegenwärtigen Situation der Beobachtung oder des Interviews in der gebauten Umgebung beschrieben. Wie das Gebaute an der Dynamik von Praktiken teilhat, wird somit besonders deutlich. [23]

Ich beginne mit dem Museum, in dem ich an der Aufsichtstätigkeit in den beiden Galerien, die sich nach Größe und Raumabfolgen unterscheiden, teilnahm. Während die eine Galerie kleiner ist, eine wohnungsähnliche Deckenhöhe und eine hintereinandergeschaltete Abfolge von etwa gleich großen Zimmern hat, sticht die andere Galerie durch großzügige Abmessungen, hohe Decken sowie weite und konkave Wände hervor. Bei der einen dominiert ein Wohnungscharakter, bei der anderen die Messehallenassoziation. Damit gehen unterschiedliche Aufsichtspraktiken einher. In der kleineren Galerie kann das Aufsehen als bewegungsarm bezeichnet werden – "...meistens reicht ein Schritt in den Raum rein, du guckst einmal und hast alles im Blick" (Interview mit einem Mitarbeiter des Besucherservice, 26. März 2015) – vs. einer bewegungsreichen Aufsichtstätigkeit in der größeren Galerie. Hier sprechen die Akteur*innen im Feld vom "Runden drehen" und "Beine vertreten". [24]

Beim "Runden" drehen war ich dabei: Ich lief Tag für Tag mit den Mitarbeiter*innen durch die große Galerie, die ohne dieses Laufen nicht zu überblicken wäre. Selbst ein überschaubarer Teil der Ausstellung war von nur einem Standpunkt aus nicht korrekt zu beaufsichtigen. Eine zum Erhebungszeitpunkt überlebensgroße Skulptur in der Mitte des Raumes versperrte zusätzlich die Sicht. Für die Praktik des Beaufsichtigens wurden so Sichtachsen in Form von Sehbarrieren (einschränkender Charakter) oder Einsichtschneisen (ermöglichender Charakter) relevant, die nur durch körperliche Bewegung erschlossen werden konnten. Ich spreche daher von einer visuellen Ordnung des Beaufsichtigens. Was ich im Museum erlebte war eine routinierte Aufsichtspraktik, die neben dem gebauten Museum von anderen Dingen wie der Ausstellungsarchitektur und der damit einhergehenden veränderten Übersichtlichkeit der Galerien abhängt. Durch wechselnde Ausstellungen gibt es hier folglich regelmäßig Anlässe, einen bestehenden Verweisungszusammenhang zu ändern und die visuelle Ordnung neu auszuhandeln. So beschrieb eine Mitarbeiterin, die ich bat, mir ihre Aussage, dass manche Ausstellungen unübersichtlicher seien als andere, genauer zu erläutern, folgende Situation:

"Hm also die letzte Ausstellung war so 'ne Architekturausstellung, da warn halt sehr viele Stellwände in dem einen Ausstellungsraum aufgebaut. Also das heißt wenn du reinschaust, hast du keine Übersicht. Weil das auch alles zugestellt wird du kannst halt nicht den Raum so überschauen. Also wir haben's dann auch immer so gemacht wir überlegen uns dann irgendwie so Techniken dann sind wir halt so in die Hocke gegangen, weil das ja auf so Stelzen war, und dann hast du geguckt, wo Menschen stehen, und dann bist du dann halt mal dahingegangen und hast da geschaut" (Interview, 27. März 2015). [25]

Was die Mitarbeiterin hier schildert, könnte man mit Andreas PETTENKOFER als "Beweissituation"11) (2017, S.119) der Veränderung des Beaufsichtigens unter unterschiedlichen architektonischen Bedingungen beschreiben. Es geht um Beaufsichtigung am selben Ort, jedoch zu einem anderen Zeitpunkt und im Zuge einer anderen Ausstellung – und somit um die Praktik unter veränderten Bedingungen. Die neue "unübersichtliche" Ausstellung führte die Mitarbeiterin in die Situation, dass "vorherige Evidenzen" (Sichtachsen) im Zuge routinierter und habitualisierter Handlungsabfolgen "irritiert" wurden (S.144) und diese Evidenzen so erst im Zuge praktikabhängiger Widerständigkeiten reflexiv werden konnten. Der Interviewausschnitt zeigt, dass die veränderte Ausstellungsarchitektur ein "Aufmerksamwerden" (S.146) begünstigte, und zwar aufgrund der neuen visuellen Ordnung, die die Beaufsichtigung via Sichtachsen, die relativ direkt abgelaufen werden, verunmöglichte. Es musste ein Bücken vorgeschaltet werden, und zwar aufgrund der Notwendigkeit, die Aufsichtspraktik unter veränderten architektonischen Bedingungen erneut zu stabilisieren. Solche Anpassungen und Erweiterungen eingeübter Praktiken können als Ausdruck und Folge einer situativen Dynamik verstanden werden, die mithilfe der praktikabhängigen Widerständigkeitserfahrung im Protokoll bzw. im Interviewtranskript ("hast du keine Übersicht") angezeigt wird. Der Rückgriff auf die vergangene Ausstellung unterstreicht den "Beweiseffekt" dieser Situation des Ausstellungswechsels für die spezifische qualitative Teilhabe der gebauten Umgebung am Gelingen des Beaufsichtigens und der Herstellung einer visuellen Ordnung. [26]

Beim zweiten Erhebungsort, einem Industriebetrieb, geht es um die Produktionshalle in ihrer akustischen Widerständigkeit. Was sich für mich als Fremde in der Halle zunächst als purer Lärm darstellte, war für die dort arbeitenden Personen Teil einer alltäglichen architektonischen Erfahrung, die darauf abzielt, verschiedene Geräusche in der Halle zu erkennen und zu verorten: etwa die hohe Auslastung einer Maschine, deren falsche Belastung bis hin zu der Unterscheidung, welcher Kollege bzw. welche Kollegin gerade an einer Maschine arbeitete (NEUBERT 2018). So lange man nah an der eigenen Maschine steht, funktioniert es problemlos, auf feine Unstimmigkeiten der Maschine prompt zu reagieren; wie es ein Arbeiter demonstrierte, während wir auf dem Maschinentisch seiner Bettfräse standen und durch die Maschinentür beobachteten, wie das Werkstück bearbeitet wurde. Ohne weiteres konnte er hören, dass "das wie kaputt klang" (S.144) und sofort die Maschine abstellen. Die Klassifizierung des Gehörten verweist auf eine feinsinnige akustische Ordnung des Fräsens, die in der Produktionshalle herrscht. Um diese verortete und gebaute Bedingung seines Arbeitens zu verdeutlichen, griff der Arbeiter im Gespräch auf eine exemplarische Situation zurück:

"Ich hab einmal hier auf der Bettfräse, bestimmt ist vielleicht sechs oder acht Jahre her, hab ich so 'ne Auslippe gefräst, und die soll vorne schräg werden also fünf Grad oder so, und wie 'ne Rasierklinge, messerscharf war gerad über Mittag, laufen lassen. Ans Bohrwerk gegangen, zum [Kollegen], Brot gegessen, gequatscht. da hab' ich mich gewundert, irgendwas tat immer knallen in der Halle. [...] dann komm ich nachdem der drüber gefahren war komm [...] hier an, die ganze Rasierklinge vorne, hat's umgebuddelt wie so'n Sägebügel war dann Schrott na [...] seitdem sind wir da ein kleines bisschen vorsichtiger" (Interview, 26. Juni 2014). [27]

Der Arbeiter bezieht sich hier auf die Erfahrung, dass er ab einer bestimmten Entfernung aufgrund der Geräuschkulisse in der Halle nicht mehr genau hören kann, wie es um den ordnungsgemäßen Fortgang des aktuellen Fräsvorgangs steht. In der Wendung "vorsichtiger sein" liegt die nachfolgende Bearbeitung der beschriebenen Widerständigkeitserfahrung. Die Hörweite, in der das Fräsen an der Maschine routiniert und reibungslos funktioniert – und die die akustische Ordnung der Praktik in der Halle anzeigt –, wurde neu bemessen. Zum Kollegen an die Nachbarmaschine zu gehen, wird nur noch nach gewissenhaftem Abwägen (z.B., wenn der Fräsvorgang grober ist) erfolgen. [28]

3.2 Routinierte Affekte im gebauten Alltag

Von der architektonischen Bedingung situativer Reflexivität verschiebt sich nun der Fokus auf die routinierten, Situationen überdauernden Affekte von Praktiken in gebauter Umgebung. Von dem Fokus auf Destabilisierung und Dynamisierung von Praxis komme ich damit auf den von Stabilität und Trägheit. Anhand von Arbeitsbeschreibungen im Atelier und Labor wird besonders deutlich, inwiefern die gebaute Umgebung als Bedingung routinierter Affekte im Kontext alltäglicher Arbeitspraktiken referenziert wird.12) In Tag für Tag wiederkehrenden Stimmungslagen und damit verbundenen leiblichen "Entfaltungsspielräumen" (BOLLNOW 1963, S.89) werden Widerständigkeiten des Architektonischen erfahren, die gleichwohl beiläufiger und subtiler als etwa eine bewegungsverhindernde Wand oder ein ohrenbetäubender Knall ihre Wirkungsmacht entfalten. Die Frage ist jedoch, ob es dennoch möglich ist, die affektive Gleichförmigkeit alltäglicher Abläufe empirisch in den Blick zu bekommen? Wie kann gefühlte Routine, wie können routinierte Affekte von Praktiken sichtbar werden und sich darin der Bezug zur gebauten Umgebung zeigen? Insbesondere hier kommt der weite heuristische Gehalt von Widerständigkeit zum Tragen. Wie beschreibt man das ganz Normale und Alltägliche, das sich überwiegend in Routinen vollzieht und auf den ersten Blick scheinbar keine Unterschiedsbekundungen zulässt? [29]

Im Feld begegnete mir in solchen Fällen meist Sprachlosigkeit. Was soll ich berichten, was soll jetzt interessant sein? Das ist doch, wie ein Künstler im untersuchten Atelier berichtete, "für mich das Normale oder wo ich eigentlich seit ich hier bin die meiste Zeit meines Lebens verbringe" (Interview, 8. April 2014). Diese Feststellung ist hinsichtlich der Frage nach der alltäglichen Verortung beim Arbeiten im Atelier vollkommen ernst zu nehmen. Man bekommt einen Eindruck von der "grundlegenden Unauffälligkeit des Auffallens" (NEUBERT 2018, S.109), in der der Künstler die gebaute Umgebung in der Stimmungslage des Alltags erfährt. Bis auf die Tatsache, dass er offensichtlich viel Zeit an seinem Arbeitsplatz verbringt, wird im Zitat zunächst nichts spezifisch Architektonisches herausgestellt. In Bezug auf die Frage nach der Bedingung der gebauten Umgebung für den Vollzug von Praktiken wird jedoch gerade dadurch Entscheidendes gesagt: Es braucht einen Ort, an dem sich das Tun, an dem sich die Praktik in all ihren Verweisungszusammenhängen entfalten kann. Die architektonische Bedingung wird in den Beschreibungen der Teilnehmenden gerade dann implizit angesprochen, wenn entweder einfach getan wird oder scheinbar beiläufige, routinierte Affekte dieses Tätigseins erwähnt werden, die dann indirekt auf den ermöglichenden Charakter der gebauten Umgebung Bezug nehmen. Im Folgenden suchte der bereits zitierte Künstler nach einer Erklärung für seine häufige Anwesenheit im Atelier:

"Das also naja gut das hat sicherlich auch was mit meiner Arbeit zu tun, die relativ frei und relativ selbstständig ist und da gehört einfach der Raum bisschen dazu. Und ich hab mich jetzt mittlerweile gut dran gewöhnt. Also wo ich arbeite, wo alles steht, wo ich sitze, oder mein Arbeitstisch hier, ja aber das ist alles jetzt nicht so geplant. Das hat sich alles so'n bisschen ergeben" (Interview, 8. April 2014). [30]

Dieser Raum, den der Maler hier skizziert, entspricht einem erfahrenen, – mit Otto BOLLNOW gesprochen – "gelebten Raum" (1963, S.18), an den er sich "gewöhnt", an dem alles seinen Platz hat. Der gelebte, alltägliche Raum kann als einer beschrieben werden, der unweigerlich an den (in Praxiszusammenhängen) tätigen Menschen und dessen Möglichkeit der Entfaltung13) gebunden ist, sich aber auch empirisch konkretisiert, gleichsam an Orten in gebauten Umgebungen erfahrbar wird. Der Standort der Staffelei, wenn er malt, sein Sitzplatz am Schreibtisch: Diese Orte waren nicht schon immer da, sondern sie sind der wiederkehrende Ausdruck des unhinterfragt geltenden Entfaltungsspielraums der künstlerischen Praktik: des Verweisungszusammenhangs zwischen den Dingen, dem Erfahrenden und dem Atelier als gebauter Arbeitsumgebung. Tatsächlich haben sich die unterschiedlichen Plätze nicht nur "so'n bisschen ergeben", sondern sie sind das Ergebnis dieses Verweisungszusammenhangs (NEUBERT 2018). Das heißt, auch die Stimmung des Gewohnten und des "Normalen" ist eine praktisch entstandene und an die wiederkehrende, verortete Entfaltung einer Praktik gebunden. "Das Normale" des Atelieralltags wird besonders wertgeschätzt – und gerade darin besteht hier die thematisierte Widerständigkeit des Gebauten. Das Atelier als Ort fällt durch die gelebte Möglichkeit auf, anwesend zu sein und künstlerisch tätig werden zu können. Das zeigt sich auch daran, dass die Formulierung einer unauffälligen Gleichförmigkeit des Arbeitsalltags direktional mit der Argumentation einer scheinbar rationalen, praktikimmanenten Bedürftigkeit verknüpft ist: dass künstlerisches Arbeiten einen freien, eigenen Raum brauche. [31]

Ähnlich verhält es sich im Kontext der Laborarbeit. Die mir aufgefallene ungleichmäßige Beleuchtung des Labors (durch eine Mischung aus natürlichem und künstlichem Licht in unterschiedlichen Zonen sowie einer teilweisen Verdunkelung) wurde im Gespräch mit Mitarbeitenden als typisch und dauerhaft bezeichnet, eine Konstanz, die in der alltäglichen Praxis im Labor zugleich als subtile Beeinträchtigung hingenommen wurde. Umgangssprachlich setzt sich das in der Äußerung einer Laborantin durch, dass man "nichts mitkriegen" würde. Für die Erläuterung dieses Zustands bei der konzentrierten Arbeit an der Werkbank im Labor bezog die Laborantin die Umgebung, speziell die Verdunkelungsmöglichkeit der Fenster, mit ein.

"Man kriegt schon insofern nichts mit weil zum einen sind ganz simpel die die Fenster teilweise abgedunkelt, weil das mit den Aufnahmen zum Beispiel am Mikroskop würd's stören wenn's zu viel Licht ist bzw. diese Sterilbank, das ist ja eigentlich so ne Werkbank wo man davor sitzt, und du siehst ja nur das. Also du siehst jetzt eigentlich nicht regnet's draußen regnet's nicht so also man ist schon ein bisschen [...] man ist schon ein bisschen abgeschnitten halt auch im Labor" (Interview, 20. Februar 2014). [32]

Ihren Schilderungen zufolge ist die Arbeit an der "Sterilbank" (eine sterile Werkbank, die in dem Fall eingehaust ist) mit einer bestimmten Regulation des Lichteinfalls (nicht zu viel, nicht zu wenig) verbunden. Darin liegt der Schlüssel, um zur Mitwirkung des Gebauten vorzudringen: Denn der Zustand des "nichts mitkriegen" wird u.a. – neben der konzentrierten Arbeitsweise – mithilfe der installierten Jalousien ermöglicht. Diese gewollte, arbeitsbedingte Verdunklungsmaßnahme hatte zur Folge, dass sich die Labormitarbeiterin "abgeschnitten" fühlte und den Bezug zum "Draußen" verlor. Gleichwohl ist das keine Einzelsituation, sondern vielmehr ein Charakteristikum des alltäglichen (gelebten) Raums bei der Laborarbeit, der ebenso in der Beobachtung von fokussierten Körperhaltungen an den Geräten und entsprechend minimalen Bewegungen deutlich wird. Ähnlich hat es Robert SCHMIDT (2012) für die Schreibtischarbeit beobachtet: "Der menschliche Körper wird hier arretiert, verdunkelt, akustisch stillgelegt" (S.143). [33]

Während bei den Beispielen der Aufsichtstätigkeit und des Fräsens die situative Dynamik praktischer Reflexivität in den Blick genommen wurde, zeigen sich in den Beispielen des Malens und der Laborarbeit Stimmungen und Affekte des Arbeitsalltags, die durch ihre Verstetigung stärker auf die Stabilisierung und Trägheit sozialer Praktiken abzielen. Stimmungen wie "sich abgeschnitten fühlen" oder Empfindungen des Normalen und Gewohnten sind – architektursoziologisch betrachtet – Ausdruck der selbstverständlichen Verortung von Arbeitspraktiken. Werden solche affektiven Zustände im Zuge von Alltag und Arbeitsabläufen wie nebenbei beschrieben, wird sichtbar, dass Praktiken sich hier entfalten, also ungestört vollzogen werden. Die routinierten Bezugnahmen zur gebauten Umgebung werden dann latent und vermittelt durch eben scheinbar uninteressante Stimmungslagen ("der normale Tag") und hingenommene affektive Begleiterscheinungen (wie z.B. "sich abgeschnitten" fühlen im Zuge der Laborarbeit) in der Entfaltung der Praxis vor Ort ausdrücklich. [34]

4. Architektur als Movens sozialer Ordnung

Vor dem Hintergrund der Ausführungen zu situativer Dynamik und routinierten Affekte fasse ich abschließend die Argumentation im Hinblick auf Architektur als Movens der Ordnung von Praktiken zusammen. Wenn eine praxistheoretische Sicht für die Architektursoziologie dazu beiträgt, die Passung bzw. Anpassung von Praktiken in der gebauten Umgebung zu verstehen, dann liegt der Schlüssel hierzu in der Explikation von Widerständigkeitserfahrung im Kontext von Praktiken. [35]

Ich habe erläutert, dass es einen weiten, heuristischen Begriff von Widerständigkeit braucht, um architektonische Erfahrung im Kontext einzelner Praktiken genau in den Blick nehmen zu können. Somit wird es auch möglich, architektonische Materialität zu spezifizieren. Denn wenn Materialität aus soziologischer Sicht das sinnlich Wahrnehmbare meint (BARAD 2003; HILLEBRANDT 2016), das, was in einer Situation als gegeben an- und hingenommen wird (SCHEFFER 2004), dann gibt es auch keinen Grund, architektonische Materialität auf irgendeine bestimmte sinnliche Wahrnehmung (des Festen, Haptischen etc.) festzulegen. Ganz im Gegenteil: Wie die gebaute Umgebung im Alltag an- und hingenommen wird, fächert sich in unterschiedliche Sinne (visuell, akustisch, haptisch etc.) und entsprechend vielfältige Erfahrungsqualitäten des Architektonischen auf.14) Neben der Wahrnehmung physischer Begrenzung zeigen sich Licht und Sichtachsen, Wege sowie Akustisches, Luftmäßiges, Klimatisches als typische architektonische Erfahrungen im Vergleich der von mir untersuchten Praktiken verschiedener Arbeitsfelder. Im Anschluss an das Konzept von Soziomaterialität wird so herausgestellt, dass nicht von einer Vorab-Materialität des Gebauten ausgegangen werden kann, sondern dass sich Architektur im Hinblick auf die Relevanz- und Zielstruktur der Praktik, in der mit ihr umgegangen wird, materialisiert. Es ist nicht zwangsläufig die Wand als Raumbegrenzung, die ein Weitergehen oder Zurücktreten verhindert, sondern dies kann auch die Akustik eines Ortes verlangen (bspw. Fräsen in der Industriehalle). Die somit vorgenommene Konkretisierung der jeweiligen architektonischen Bedingung von Praktik klärt darüber auf, dass individuelle Empfindungen und Wahrnehmungen über Störungen oder Annehmlichkeiten des Gebauten sich eben gerade nicht nach Gusto richten, sondern sich entlang sozialer Ordnungen der Praktiken und ihrer teleoaffektiven Struktur entwickeln und verfestigen. [36]

Dass es sich etwa auch bei akustischen, taktilen Empfindungen der Kälte bzw. Wärme oder olfaktorischen Wahrnehmungen um handfeste architektonische Erfahrungen handelt, die den Arbeitsalltag wesentlich gestalten, wird aus arbeitssoziologischer Sicht noch meist als zu vernachlässigende Größe für das Gelingen von Arbeit angesehen. In der klassischen Arbeitssoziologie etwa existiert kein starker Begriff von Arbeitsumgebung oder gar von einer soziomaterialisierten Architektur des Arbeitsplatzes (BÖHLE, VOSS & WACHTLER 2018). Die Deutung von gebauter Umgebung für Menschen, die lernen, arbeiten und wohnen wird allzu oft der Psychologie oder der Architektur selbst überlassen.15) Die von mir untersuchten Fälle weisen jedoch darauf hin, wie sehr Praktiken mit ihren Orten verstrickt sind. Nimmt man diese architektonischen Erfahrungen innerhalb von Praktiken soziologisch ernst und versteht man sie im besten Sinn als Reiz von (Praxis-)Relevanz (STRÜBING 2017) und eben nicht als mehr oder weniger zufällige, individuelle Befindlichkeit, dann sollte auch die Konsequenz dieser Erfahrung berücksichtigt werden. Dauerhafte Zumutungen der gebauten Umgebung können die dort stattfindende Praktik destabilisieren. Die systematische Analyse der architektonischen Bedingung von Praktiken kann somit sowohl hinsichtlich ihrer Routinen als auch in Bezug auf Störungen über das praktikimmanente Transformationspotenzial dieser architektonischen Bedingung aufklären. [37]

Für eine solche Analyse ist es schließlich notwendig, Ethnografie zu betreiben. Indem sowohl in der Eigen- wie der Fremderfahrung nach Widerständigkeiten gesucht wird, die auf die gebaute Umgebung verweisen, wird es möglich, die Ordnung der Praktik in ihrer Orientierung an Architektur aufzudecken und die Kontingenz und Vielfalt ihrer jeweils praktikabhängigen Materialität zu beschreiben. Dadurch wird die Aufmerksamkeit auf die Verortung von Praktiken gelegt. Praktiken finden verortet statt. Dass diese Orte nicht beliebig wählbar sind, sondern erstens die Möglichkeit bestehen muss, dass Praktiken sich hier entfalten können, indem sie vollzogen werden können, und zweitens an diesen Orten gewährleistet sein muss, dass die einschränkenden Erfahrungen nicht dazu führen, dass Praktiken verunmöglicht, sondern nur transformiert werden, sollte hier deutlich werden. Das Erkenntnispotenzial einer praxistheoretisch-pragmatistischen Architektursoziologie wäre somit in der Lage, Modi (und damit auch Schwerpunkte) der Mitwirkung von Architektur an einzelnen Praktiken genauer zu bestimmen. Dieses Potenzial kann insbesondere hinsichtlich arbeitssoziologischer Fragestellungen – fernab hypermoderner Office-Architekturen (SPITTLER 2016) – noch weitaus stärker in Anspruch genommen werden. [38]

Anmerkungen

1) Für hilfreiche Anmerkungen und kritische Rückfragen zu früheren Versionen des Textes danke ich Franz ERHARD, Alexander LEISTNER und Katharina MANDERSCHEID. <zurück>

2) Verstanden wird Architektur hier in einem weiten Sinn. Es sind sowohl professionell entworfene als auch vernakuläre Formen des Gebauten gemeint, die einen Gestaltungswillen voraussetzen. <zurück>

3) Mit praxistheoretischer Forschung sind all jene empirischen Ansätze angesprochen, die unter das Theoriegerüst eines praxistheoretischen Denkansatzes subsumiert werden können und u.a. mit folgenden Autoren verbunden sind: Klassiker wie Pierre BOURDIEU, Antony GIDDENS oder Erving GOFFMAN, ebenso wie jüngere Ansätze u.a. von Theodore R. SCHATZKI, Andreas RECKWITZ oder Robert SCHMIDT (siehe dazu auch SCHÄFER 2013, 2016a, 2016b). Von einzelnen Praktiken bzw. einer Praktik spreche ich immer dann, wenn es um einen konkreten und abgrenzbaren Verweisungszusammenhang geht wie z.B. das Malen, das Kochen etc. <zurück>

4) Siehe dazu NEUBERT (2018), zugleich Dissertation an der Technischen Universität Dresden 2017. Die empirischen Beispiele sind daraus entnommen. <zurück>

5) Anders hingegen macht es Johannes BECKER (2019), der Biografieforschung explizit mit der Analyse von Orten und damit der Verortung von Biografien verknüpft. Hierdurch erwachse, so BECKER, ein "analytischer Mehrwert" (Abstract) für die biografietheoretische Erschließung, der darin liege, gebaute Umgebungen (des Wohnens, des Arbeitens, des Alltags usw.) stärker in die Analyse einzubeziehen. Für die Betonung der Verortung von Praktiken und ethnografischer Forschung siehe auch LAUSER (2005). <zurück>

6) Von der AG Architektursoziologie innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wurden zu dieser Methodenfrage 2010 und 2016 Workshops organisiert. <zurück>

7) FALLAN sieht in Verweis auf KÄRRHOLM (2007) das meiste noch nicht ausgeschöpfte Potenzial einer ANT-Perspektive auf Architektur "in the complexity of the ordinary" (FALLAN 2008, S.85). <zurück>

8) Die innerhalb der ANT thematisierte Widerspenstigkeit ("recalcitrance") der Dinge (LATOUR & YANEVA 2008, S.88; YANEVA 2008, S.23) scheint mir konzeptionell enger auf die Beschreibung von Architektur-Mensch-Assoziationen mit Fokus auf einzelne Architekturen abzuzielen, bei der es darum geht, das "mannigfaltige Leben dieser räumlich ausladenden Artefakte zu rekonstruieren" (GÖBEL 2016, S.216). Welche Eigenmächtigkeit entfaltet die "Alte Aula" bei der Restauration (YANEVA 2008), welche Atmosphären gehen von der "Schiller Oper" aus (REES 2016) oder von einer städtischen Ruine (u.a. Palast der Republik) (GÖBEL 2015), wenn man durch sie hindurch wandert? Aus einer praxistheoretisch-pragmatistischen Perspektive interessiere ich mich für die Widerständigkeit der gebauten Umgebung primär im Hinblick auf die soziale Ordnung der Praktiken und erst sekundär dafür, was das für die Beschreibung von einem Gebäude als nicht-menschlichem Aktanten bedeutet (YANEVA 2008). <zurück>

9) Siehe dazu auch HAHN (1996). <zurück>

10) Genaueres zu den Sampling-, Erhebungs- und Auswertungsstrategien, die ich in meiner Studie verwandt habe, finden sich sind in NEUBERT (2018, Abschnitt 4: Anlage der Untersuchung und forschungspraktische Umsetzung). <zurück>

11) Beweissituationen fungieren nach PETTENKOFER als analytische Strategie, um systematisch nach Evidenzen des Sozialen zu suchen. Es geht – aus der Perspektive der qualitativen Sozialforschung gesprochen – um die bewusste Auswahl von Situationen, um bestimmte Phänomene der empirischen Wirklichkeit besonders deutlich (ausgeprägt) zeigen zu können. Was als Beweissituation wie funktioniert, lässt sich allerdings erst nach der Erhebung und Auswertung sagen. <zurück>

12) Gleichzeitig ist es nicht als charakteristisches Merkmal dieser Praxisfelder zu begreifen, das hier vordergründig Routine thematisiert wird, sondern die Beispiele sollen das Argument so klar wie möglich machen. <zurück>

13) Entfaltung meint immer einen Entfaltungsspielraum (BOLLNOW 1963) von Praxis, der an die Erfahrenden gebunden ist. Im Anschluss an Martin HEIDEGGER geht BOLLNOW davon aus, dass es "einen Raum nur [gibt], insofern der Mensch ein räumliches, d.h. Raum bildendes und Raum gleichsam um sich aufspannendes Wesen ist" (S.23). <zurück>

14) Wie die Materialität von Dingen des Alltags in Familienhaushalten aus- und verhandelt wird, haben kürzlich Francesco ARCIDIACONO und Clotilde PONTECORVO (2019) für eine multi-sited ethnografischen Studie beschrieben. <zurück>

15) Partizipative Entwurfsprozesse im KiTa- oder Schulbereich sowie die Entwicklung von Kriterien (sozial) nachhaltigen Bauens aufseiten der Architekturpraxis geben Belege darüber ab, wie diese Reflexion in ausgewählten Berufsfeldern voranschreitet. Daneben gibt es jedoch eine Menge Arbeitsbereiche, denen eine solche Anerkennung der Wirkungsmacht ihrer Verortung fehlt. <zurück>

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Zur Autorin

Christine NEUBERT ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Soziologie, insbesondere Lebensführung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg. Ihre Forschungsinteressen liegen im Feld der Praxistheorien, der Architektur- und Raumsoziologie, der Wissenssoziologie sowie der qualitativen Methoden und Methodologie. Sie ist Vorstandsmitglied im interdisziplinären Netzwerk Architekturwissenschaft.

Kontakt:

Christine Neubert

Universität Hamburg
Sozialökonomie, Soziologie
Welckerstr. 8, 20354 Hamburg

E-Mail: Christine.Neubert@uni-hamburg.de
URL: https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sozoek/professuren/manderscheid/04-team/03-christine-neubert.html

Zitation

Neubert, Christine (2020). Architektonische Widerständigkeit. Zur Perspektive einer praxistheoretisch-pragmatistischen Architektursoziologie [38 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 21(2), Art. 26, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-21.2.3356.



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