Volume 21, No. 2, Art. 13 – Mai 2020

Grundlage einer soziologischen Theorie der Zeitlichkeit? Bourdieus theoretische Denkwerkzeuge als Erkenntnispotenzial für qualitativ-empirische Forschung

Maja Suderland

Zusammenfassung: Dem Aspekt der Zeitlichkeit des Sozialen in BOURDIEUs Soziologie wird bislang nur gelegentlich systematisch Beachtung geschenkt. Als vergessene Geschichte und Vorwegnahme der Zukunft wohnt diese Zeitlichkeit insbesondere BOURDIEUs Habitus-Konzept inne und ist dadurch fest mit sozialen Praktiken handelnder Akteur*innen in der Gegenwart verknüpft. Aber auch alle anderen theoretischen Konzepte BOURDIEUs enthalten im Kern zeitliche Aspekte, sodass Temporalität als Ligatur betrachtet werden kann, die seine theoretischen Denkwerkzeuge miteinander verbindet und zugleich Grundlage einer soziologischen Theorie der Zeitlichkeit sein könnte. Ziel meines Beitrages ist es einerseits, Zeitlichkeitsaspekte in einigen zentralen theoretischen Konzepten BOURDIEUs herauszuarbeiten, um andererseits an ausgewähltem empirischen Material aus einer qualitativen Studie zum Zusammenhang von politischen Gelegenheitsstrukturen und Bildungsaufstiegen darzulegen, welche Art des Verstehens zur empirischen Erforschung impliziter Zeitbezüge des Sozialen dieser Ansatz anbietet.

Keywords: Bourdieu; Theorie der Zeitlichkeit; Habitus; Anlage-Sinn; Kairos; Hysteresis; Bildungsaufstiege

Inhaltsverzeichnis

1. Ein theoretischer Rückzug auf die Gegenwart?

2. Die Vielfalt verdeckt die Einheit – auf der Suche nach der Bedeutung von Zeit im Werk BOURDIEUs

2.1 Die empirische und theoretische Logik der begrifflichen Konzepte BOURDIEUs

2.2 Die Zeitlichkeit des Sozialen in BOURDIEUs Perspektive

2.2.1 Kapital

2.2.2 Sozialer Raum

2.2.3 Habitus

2.2.4 Soziale Felder

2.3 Die Zeitlichkeit des Sozialen als empirische und theoretische Logik der begrifflichen Konzepte BOURDIEUs

3. Sozioanalytische Anamnesearbeit als relationale und generative Interpretation empirischer Daten

3.1 Hysteresis – Anlage-Sinn – Kairos: theoriesensible Interpretation zeitlicher Aspekte

3.1.1 Anna H.: "Meine Eltern haben sich das nicht zugetraut" – Hysteresis als mangelnder Anlage-Sinn

3.1.2 Kairos – sozial (in)akzeptables Sprechen bei Heinz K. und Klaus L.

3.2 Die Zeitlichkeitsimplikationen in BOURDIEUs theoretischen Denkwerkzeugen als Erkenntnispotenzial für qualitativ-empirische Forschung

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Ein theoretischer Rückzug auf die Gegenwart?

Am 15. Oktober 1982 sprach Norbert ELIAS auf dem 21. Soziologie-Kongress in Bamberg "Über den Rückzug der Soziologen auf die Gegenwart" (1983). In seinem Vortrag beklagte er den fehlenden Vergangenheits- und Zukunftsbezug vieler zeitgenössischer soziologischer Theorien und empirischer Forschung in der westlichen Welt und reklamierte, Soziolog*innen würden das durchaus vorhandene theoretische Potenzial nicht hinlänglich nutzen. Damit trügen sie zu einer äußerst verengten Sicht auf Gesellschaftliches bei, weshalb er eine stärkere theoretische Reflexion zeitbedingter soziologischer Aspekte anmahnte: "Die Schwäche vieler soziologischer Untersuchungen unserer Tage, nicht allein der theoretischen, sondern auch der empirischen, liegt unter anderem darin, daß sie sowohl den Zusammenhang mit der Vergangenheit wie auch der möglichen Zukunft verloren haben" (S.36, meine Hervorhebung). [1]

ELIAS monierte, dass sich nicht nur die empirische Untersuchung akuter Tagesprobleme zumeist geschichtslos zeige und damit nur wenig zu deren Verständnis beitrage (S.29). Auch zeitgenössische Theorien verschleierten allzu häufig durch einen höchst abstrakten Duktus ihren zugrunde liegenden Gegenwartsbezug und präsentierten sich als "universelle Modelle" (S.30) in einem scheinbar "luftleeren Raum" (a.a.O.). Seine lapidare Forderung lautet daher: "Was geworden und immer im Werden ist, kann auch theoretisch nur als solches, als Gewordenes und Werdendes erfaßt werden" (a.a.O.). [2]

Seit einiger Zeit werden nun vermehrt Aspekte von Zeitlichkeit empirisch wie theoretisch untersucht. So sind beispielsweise soziologische Arbeiten zu Gedächtnis und Erinnerung (HEINLEIN 2010; ROSENTHAL 1995) sowie neuerdings auch zu Vergessen (DIMBATH 2013; DIMBATH & WEHLING 2011), entstanden oder zur Synchronisation unterschiedlicher Funktionssysteme (NASSEHI 2008), zu Eigenzeit als individueller Sicht auf Zeit (NOWOTNY 1995), Beschleunigung (ROSA 2005), Zeitknappheit (RUSSELL HOCHSCHILD 2006), Zeithandeln und -erleben (SCHÖNECK 2009), zum Rhythmus der Gesellschaft (JÄCKEL 2011; VOGEL 2015) oder zur Methodologie von Verlaufsmusteranalysen (BAUR 2005). Sowohl das Thema dieser aktuellen FQS-Schwerpunktausgabe als auch das einer früheren (O'NEILL, MARTELL, MENDICK & MÜLLER 2014) kann als Ausdruck dieses zunehmenden Interesses an Fragen der Zeitlichkeit gesehen werden. [3]

Allerdings kann heute, im vierten Jahrzehnt nach ELIAS' Vortrag, dennoch festgehalten werden, dass sich seither die von ihm reklamierte grundlegende Hinwendung zur theoretischen Bedeutung der Zeitlichkeit des Sozialen immer noch nicht deutlich abzeichnet. Dabei muss es keineswegs zwingend um die Erschaffung neuer Theorien oder gar um einen abermaligen soziologischen Turn gehen. Die verstärkte Reflexion der verbreiteten soziologischen Geschichtsvergessenheit und vor allem eine Neu- oder Rückbesinnung auf bereits vorliegende Theorien, die eine grundlegendere Auseinandersetzung mit sozialer Temporalität1) implizieren, könnte ein guter Anfang sein, dem Aspekt zur verdienten theoretischen Beachtung zu verhelfen, um dies auch im Rahmen empirischer Forschung als Reflexionsrahmen zu nutzen. [4]

Norbert ELIAS (1983, S.31) benennt als positive Beispiele früherer Theoretiker, die Zeitbezüge konzeptionell explizit berücksichtigt haben, neben Karl MARX und Max WEBER auch Emile DURKHEIM, Werner SOMBART oder Karl MANNHEIM. Ergänzen lässt sich hier vor allem ELIAS' eigene Prozess- und Figurationstheorie (1976 [1939]), aber auch Alfred SCHÜTZ' Behandlung von Zeitstrukturen als Sinnstrukturen (1993 [1932]), die beide als ältere Theorien der 1930er Jahre klassifiziert werden können. Wenngleich ELIAS in seinen Ausführungen BOURDIEU nicht erwähnt, wissen wir aus dem 1976 auf BOURDIEUs Initiative begonnenen und sich zunächst zögerlich entwickelnden Briefwechsel zwischen den beiden Soziologen von der gegenseitigen großen Wertschätzung für die Arbeiten des jeweils anderen (HASSELBUSCH 2014, S.249-270). ELIAS betonte 1985 in einem Brief an BOURDIEU (S.260-263) sogar "some kinship between our ideas" (S.262) und übersandte ihm beiliegend sein Buch "Über die Zeit" (ELIAS 1984). [5]

Im Sinne ELIAS' kann deshalb hier als Theoretiker neuerer Zeit zudem Pierre BOURDIEU genannt werden, dessen stets aus empirischen Forschungen heraus konstruierten oder weiterentwickelten soziologisch-theoretischen Konzepte die Berücksichtigung der Zeitlichkeit des Sozialen als gemeinsames und damit verbindendes Element aufweisen. Insbesondere die in seinen "Denkwerkzeugen" (1987 [1980], S.15) enthaltene soziale Bedingtheit eines unterschiedlichen Verhältnisses sozialer Akteur*innen zur Zeit als ein Aspekt "sozialen Sinns" weist m. E. Erkenntnispotenzial für empirische Analysen auf. Der Zeitlichkeit des Sozialen, die insbesondere als "vergessene Geschichte" (S.105) und "Vorwegnahme der Zukunft" (S.116) dem Habitus-Konzept innewohnt, wird bislang allerdings nur wenig Beachtung geschenkt. Es gibt in der Sekundärliteratur zwar öfter eingestreute Bemerkungen zu Zeitlichkeitsaspekten in der BOURDIEUschen Soziologie, aber nur gelegentlich explizitere Stellungnahmen hierzu (SAALMANN 2012; VOGEL 2015). [6]

Im Folgenden werde ich deshalb zunächst auf einige grundlegende Merkmale der BOURDIEUschen Theorie-Konzepte und dabei insbesondere auf Aspekte der Zeitlichkeit genauer eingehen (Abschnitt 2). Anschließend zeige ich an ausgewähltem empirischen Material, dass zwar ein tiefgehendes Verständnis der BOURDIEUschen Theorie-Konzepte Voraussetzung dafür ist, um zu einer besonderen Art des Verstehens (BEAUFAŸS 2014) durch Einsatz der "Denkwerkzeuge" BOURDIEUs zu gelangen. Dieses theoretische Verständnis ermöglicht es jedoch, an empirischen Daten "bislang nicht Gesehenes sichtbar zu machen" (BOURDIEU 1992a [1987], S.58) (Abschnitt 3). [7]

2. Die Vielfalt verdeckt die Einheit – auf der Suche nach der Bedeutung von Zeit im Werk BOURDIEUs

2.1 Die empirische und theoretische Logik der begrifflichen Konzepte BOURDIEUs

Das Gemeinsame seiner Forschungsarbeiten sieht BOURDIEU (in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992]) darin, dass sie einer "immer zugleich empirische[n] und theoretische[n] Logik" (S.196f.) folgen. Diese "Logik" bedeutet vor allem, dass es sich bei seinen theoretischen Begriffen um eine Anleitung zu wissenschaftlicher Arbeit handelt. Den Begriffen kommt dabei die Funktion zu, dass sie "gewissermaßen stenographisch eine theoretische Positionsbestimmung [...] bezeichnen" (S.198). Ihre Systematisierung kann immer nur im Nachhinein und allein dann erfolgen, wenn sich fruchtbare Analogien in der Formulierung nützlicher Eigenschaften und der Erprobung der Begriffe ergeben haben (a.a.O.). Und es gilt immer genau zu ergründen, welche soziale Komplexität und welche "theoretische Positionsbestimmung" mit einem Begriff "stenographisch" repräsentiert wird. [8]

Vorwürfe, mit denen er sich von Anfang an konfrontiert sah,2) dass sich seine Konzepte nicht zu einer in sich konsistenten, umfassenden Gesellschaftstheorie zusammenfügen lassen, entkräftete BOURDIEU selbst etwa so:3)

"Jeder dieser Begriffe [...] stellt in verdichteter Form ein Forschungsprogramm und ein Prinzip zur Vermeidung einer ganzen Reihe von Irrtümern dar. Die Begriffe können – und in gewissem Umfang: müssen – offen, provisorisch bleiben, was keineswegs heißt: vage, verschwommen, mit bloßem Näherungswert. Jede genuine Reflexion wissenschaftlicher Praxis belegt, daß diese Offenheit der Konzepte, die [...] ihre Fähigkeit zur Erzeugung wissenschaftlicher Effekte ausmacht (bislang nicht Gesehenes sichtbar zu machen, einzuschlagende Forschungen – und nicht bloß Kommentare – nahezulegen), einem jedem wissenschaftlichen Denken in actu eigentümlich ist" (1992a [1987], S.58). [9]

Wenngleich sie im theoretischen Denken Pierre BOURDIEUs unlöslich miteinander verwoben sind, so bilden diese Begriffe also tatsächlich keine geschlossene und abstrakte Theorie im Sinne eines Systems und sollen auch nicht zu unzulässigen Vereinfachungen verleiten (S.71). BOURDIEU selbst hat eine Systematisierung seiner theoretischen Begriffe nicht betrieben. Vielmehr wusste er sehr genau und wollte auch keineswegs verschleiern, dass ihm bei seinen Forschungen "tatsächlich erst nach und nach die Grundsätze klargeworden sind, die meine Arbeit bestimmt haben" (2002, S.10). Für ihn stand der Aspekt des "wissenschaftlichen modus operandi" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.197) im Vordergrund und nicht die Rückverfolgung der "Genealogie von Begriffen" (a.a.O.), mit denen er arbeitete. Die seine wissenschaftliche Arbeit bestimmenden Grundsätze und deren "empirische und theoretische Logik" (S.196f.) benannte er indes durchaus gelegentlich, so z.B. während eines Vortrags im Jahr 1989 in Tokio:

"Meine ganze wissenschaftliche Arbeit lebt nämlich davon, daß sich die innerste Logik der sozialen Welt nur erfassen läßt, wenn man ganz in die Besonderheit einer empirischen, in der Geschichte räumlich und zeitlich bestimmbaren Realität eindringt, aber nur um sie als 'besonderen Fall des Möglichen' zu konstruieren [...], also als Einzelfall in einem unendlichen Universum von möglichen Konfigurationen. Konkret bedeutet dies, daß eine Analyse des sozialen Raums, wie ich sie am Beispiel Frankreichs in den 1970er Jahren entwickelt habe, eine auf die Gegenwart angewandte vergleichende Geschichtswissenschaft ist oder eine mit einem besonderen kulturellen Raum befaßte vergleichende Anthropologie, die den Zweck verfolgt, das Invariante, die Struktur, in der beobachteten Variante zu erfassen" (1998a [1994], S.14; meine Hervorhebung). [10]

Dieses Vorgehen nennt BOURDIEU auch eine "Komparatistik des Wesentlichen", die nach einer "relationale[n], aber auch generative[n] Interpretation" (S.27) verlange, bei der sowohl Beziehungen und Verhältnisse als auch deren Ursprünge im Fokus stehen. In diesem Erkenntnisinteresse zeigt sich auch die Verwandtschaft mit ELIAS' Figurations- und Prozesssoziologie (bspw. 1977). [11]

BOURDIEU beschreibt zudem die Notwendigkeit stets zu reflektieren, was es bedeutet, Wissenschaft zu betreiben, da die besonderen zeitlichen Implikationen im "akademischen Raum" (1993b [1989], S.341) sich auf die Art der wissenschaftlichen Betrachtung des interessierenden Gegenstandes auswirkten und zu einer "scholastischen Ansicht" (a.a.O.) führten. Meist werde dabei nämlich übersehen, dass das erforschte praktische Handeln sozialer Akteur*innen vor dem Hintergrund "praktischer Notwendigkeit" (S.344) und "zeitlicher Dringlichkeit" (a.a.O.) geschehe, während seine Erforschung in einem von "Muße" (S.342) und "Suspendierung der praktischen Notwendigkeit" (S.344) geprägten Kontext stattfinde. [12]

BOURDIEUs permanente Bezugnahme auf zeitliche Aspekte zeigt sich bereits hier sehr deutlich. Mit dem Verweis auf seine "ganze wissenschaftliche Arbeit" (1998a [1994], S.14) lässt sich daher begründet annehmen, dass Zeit und Zeitlichkeit zum Kern der "empirischen und theoretischen Logik" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.196f.) seiner Soziologie gehören. [13]

2.2 Die Zeitlichkeit des Sozialen in BOURDIEUs Perspektive

Heidrun FRIESE hat in ihrem Aufsatz "Die Konstruktionen von Zeit" (1993) bereits früh auf BOURDIEUs Forderungen nach einer "gesellschaftstheoretischen Analyse" (S.324) von Zeit hingewiesen, allerdings zugleich moniert, dass "die unterschiedlichen Zeitkonzeptionen, die die Akteure schaffen [...,] überraschenderweise in Bourdieus Gesellschaftsanalysen kaum je Eingang" (a.a.O.) fänden. An anderer Stelle stellt FRIESE fest:

"Die 'theoretische Lücke' im akademischen Denken des Zeitlichen und seiner strukturierenden Ordnung liegt [...] nicht in der Problematisierung des Zeitbegriffs durch die Theorie, sondern in der Einbeziehung der Pluralität von sozialen Zeiten in Theorie. [...] 'Zeit' wird konkret und wirklich durch den beständigen Prozeß der Setzung der Beziehungen und Verhältnisse durch die in (ihrer) Zeit und im sozialen Raum verorteten handelnden Menschen" (S.334). [14]

Mehr als 25 Jahre nach dem Erscheinen dieses Artikels von Heidrun FRIESE möchte ich die darin von der Verfasserin auch bei BOURDIEU diagnostizierte "theoretische Lücke" hinterfragen und mich auf die Suche nach den pluralen Aspekten von Zeitlichkeit in BOURDIEUs theoretischen Konzepten machen. Die Ausgangssituation für eine derartige Erkundung hat sich nicht zuletzt dadurch verbessert, dass mittlerweile unzählige damals noch nicht publizierter Schriften BOURDIEUs – auch in deutscher Übersetzung – vorliegen und sich allein dadurch im Ergebnis ein anderes Bild ergeben kann, als es FRIESE zu Beginn der 1990er Jahre wahrnahm. [15]

Bereits in BOURDIEUs frühen Forschungen zu Algerien, die er in der Zeit des von 1954 bis 1962 andauernden algerischen Unabhängigkeitskrieges im Verlauf seines Militärdienstes in Algerien (1955-1958) begann und während seiner anschließenden Anstellung als Assistent an der Universität von Algier (1958-1960) fortsetzte (JURT 2014, S.3; REHBEIN 2014, S.245), trat die Bedeutung von Zeit ins Zentrum seines Interesses. Vor allem erforschte er dort die Haltungen der Individuen zur Zukunft und entdeckte sozial bedingte systematische Zusammenhänge bei den hierbei festgestellten Unterschieden (REHBEIN 2014). BOURDIEU (2000a [1977]) resümiert:

"Tatsächlich konnte ich empirisch nachweisen, daß unterhalb eines gewissen Niveaus ökonomischer Sicherheit des Arbeitsplatzes und der Verfügung über ein Minimum an regelmäßigen Einkünften [...] Akteure nicht imstande sind, die Mehrheit jener Handlungen durchzuführen, die eine Anstrengung hinsichtlich einer Bemächtigung von Zukunft implizieren, wie etwa im Falle der kalkulierten Verwaltung von Ressourcen über die Zeit hinweg, Sparen, Kreditaufnahmen" (S.20). [16]

Mit seinen Analysen konnte BOURDIEU zudem die Ursachen für das Ausbleiben kapitalistisch-vernünftigen Denkens und Handelns und damit wirtschaftlichen Erfolgs bei der Mehrzahl der Algerier*innen in dieser Übergangsgesellschaft beschreiben und erklären sowie zugleich verdeutlichen, dass die im westlich-kapitalistischen Sinne verstandene Wirtschaftlichkeit keineswegs universal und zeitlos gültig ist. Denn "[u]m den Anpassungsprozess an die kapitalistische Wirtschaft verstehen zu können und gerade dessen Schwierigkeiten und Verzögerungen zu begreifen, scheint es [...] notwendig, zumindest ansatzweise die Struktur des mit der vorkapitalistischen Wirtschaft einhergehenden Zeitbewußtseins zu analysieren" (S.31). [17]

SCHULTHEIS (2000) vertritt die Auffassung, dass es sich bei BOURDIEUs frühen Arbeiten zu Algerien "um eine Art 'Kristallisationskern' seiner komplexen Theorie der sozialen Welt [handelt], um den herum sich in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten Schicht um Schicht neue Variationen der hier schon vorhandenen, wenn auch noch nicht voll entfalteten sozialwissenschaftlichen Themata ablagern" (S.165). Als ein grundlegendes Thema identifiziert er u.a. das "Verhältnis von Zeitstrukturen und Rationalität" (S.167). [18]

Da BOURDIEU seine wissenschaftliche Ausbildung in der Philosophie erhalten hatte und das Thema Zeit als ursprüngliche Domäne der Philosophie angesehen werden kann, ist es sicherlich kein Zufall, dass die Bedeutung der Zeitlichkeit in solch starkem Maße bereits früh in sein Schaffen einging. In seiner geplanten, zwischen 1955 und 1957 bearbeiteten, jedoch niemals fertiggestellten philosophischen Dissertation,4) die er bei Georges CANGUILHELM schreiben wollte, befasste er sich mit dem Thema "Zeitstrukturen des Gefühlslebens", worin er sich vorwiegend auf die Phänomenologie HUSSERLs stützte (BOURDIEU 2002, S.48f.).5) [19]

Festhalten lässt sich an dieser Stelle also, dass BOURDIEU die Zeitlichkeit des Sozialen selbst als wesentliches Element seines soziologischen Denkens klassifizierte. An einer Stelle in der "Reflexiven Anthropologie" (BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992]) macht er die Bedeutung der Zeitlichkeit für seine Art soziologisch zu denken besonders deutlich:

"Das Verhältnis von Habitus und Feld, verstanden als zwei Existenzweisen der Geschichte, gibt die Grundlage einer Theorie der Zeitlichkeit ab, die gleich mit zwei konträren Philosophien bricht: einerseits mit der metaphysischen Sichtweise, die (mit der Metapher des Flusses) die Zeit als eine vom Akteur unabhängige Realität an sich behandelt, und andererseits mit der Bewußtseinsphilosophie. Die Zeit ist eben keineswegs eine transzendentale Bedingung a priori von Geschichtlichkeit, sondern sie ist etwas, das das praktische Tun in eben dem Akt produziert, durch den es sich selbst produziert. Weil die Praxis das Produkt eines Habitus ist, der selber das Produkt der Inkorporierung der immanenten Regularitäten und Tendenzen der Welt ist, enthält sie in sich selber eine Antizipation dieser Tendenzen und Regularitäten, das heißt einen nicht-thetischen Bezug auf eine in der Unmittelbarkeit der Gegenwart angelegte Zukunft. Die Zeit erzeugt sich in eben dieser Ausführung des Aktes (oder des Gedankens) als Aktualisierung einer Potentialität, die per definitionem die Vergegenwärtigung von etwas Nicht-Aktuellem ist, also eben das, was der common sense als das 'Vergehen' von Zeit definiert. [...] In dem Maße, wie die praktische Tätigkeit Sinn hat, sinnvoll ist, vernünftig, das heißt von einem Habitus hervorgebracht wird, der an die immanenten Tendenzen des Feldes angepaßt [ist], transzendiert sie [die praktische Tätigkeit] die unmittelbare Gegenwart durch die praktische Mobilisierung der Vergangenheit und die praktische Antizipation der in der Gegenwart im Zustand der objektiven Potentialität angelegten Zukunft" (S.171f., meine Hervorhebung). [20]

Im Folgenden ist nun darzulegen, wie sich dies im Detail in seinen Begriffen zeigt. Meine Überlegungen zu den Zeitlichkeitsbezügen im BOURDIEUschen Begriffswerkzeug können in diesem Beitrag allerdings nur Stichproben bleiben: Weder kann hier die Genese der Begriffe in BOURDIEUs empirischer Forschung und Soziologie nachgezeichnet werden, noch ist es möglich, das komplette, von BOURDIEU gesponnene begriffliche Netz zu untersuchen. Stattdessen werde ich zeigen, inwiefern plurale zeitliche Aspekte des Sozialen im Zentrum der empirisch-theoretischen Logik in BOURDIEUs begrifflichen Konzepten stehen, indem ich schlaglichtartig zeitliche Implikationen in einigen seiner aus der Forschung entwickelten theoretischen Begriffe beleuchte, die weiter unten im empirischen Teil meines Beitrags Relevanz besitzen. Dem Habitus-Konzept kommt in diesem Kontext besondere Bedeutung zu. [21]

2.2.1 Kapital

Zwar ist der Kapitalbegriff keine Erfindung BOURDIEUs, aber er hat ihm mit den kulturellen, bildungsbezogenen, sozialen und vor allem den symbolischen Aspekten neue und für die Gesellschaftsanalyse interessante Facetten hinzugefügt. Insbesondere in den Ergebnissen seiner Forschungen zu den "feinen Unterschiede[n]" (BOURDIEU 1982 [1979]) hat er das erweiterte Kapital-Konzept herausgearbeitet. Der Zeitbezug wird von ihm selbst verdeutlicht, denn BOURDIEUs (1992b [1983]) einschlägiger Text beginnt so:

"Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte Geschichte. Sie darf deshalb nicht auf eine Aneinanderreihung von kurzlebigen und mechanischen Gleichgewichtszuständen reduziert werden, in denen die Menschen die Rolle von austauschbaren Teilchen spielen. Um einer derartigen Reduktion zu entgehen, ist es wichtig, den Kapitalbegriff wieder einzuführen, und mit ihm das Konzept der Kapitalakkumulation mit allen seinen Implikationen" (S.49, meine Hervorhebung). [22]

Ganz allgemein handelt es sich bei Kapital um ertragbringendes Vermögen, und so verwendet auch BOURDIEU den Begriff des ökonomischen Kapitals. Mit der Perspektive auf Erträge wohnt dem Begriff stets eine Zukunftsperspektive inne. Damit Kapital überhaupt als Vermögen betrachtet werden kann, muss es jedoch zunächst angehäuft worden sein. Auch dies benötigt mehr oder weniger Zeit. Man kann Kapital (ver)erben, womit es im Zeit- und Generationenverlauf weitergegeben wird. Kapital ist auch Grundlage für Kredit, d.h. für den Glauben oder gar die Gewissheit derer, die bereit sind, einen Vorschuss zu geben, dass sie diesen in der Zukunft vermehrt zurückbekommen und selbst einen Nutzen daraus ziehen werden. Verfügt man über ein entsprechend großes Vermögen, kann man mit weitaus geringerem Risiko als bei mangelndem Vermögen spekulieren und auf die Erträge warten. Das bedeutet: Vermögen benötigt und verschafft Zeit. [23]

Was die von BOURDIEU erstmals in dieser Weise reflektierten Aspekte kulturellen Kapitals betrifft, verhält es sich ähnlich: Die Aneignung, Einverleibung oder Inkorporation von im Bildungssystem als legitim erachteter Kultur benötigt Zeit.

"Wer am Erwerb von Bildung arbeitet, arbeitet an sich selbst, er 'bildet sich'. Das setzt voraus, daß man 'mit seiner Person bezahlt', wie man im Französischen sagt. D.h., man investiert vor allen Dingen Zeit [...]. Daraus folgt, daß vor allen Maßen für kulturelles Kapital diejenigen am wenigsten ungenau sind, die die Dauer des Bildungserwerbs zum Maßstab nehmen – selbstverständlich unter der Voraussetzung, daß dabei keine Reduktion auf die bloße Dauer des Schulbesuchs vorgenommen wird. Auch die Primärerziehung in der Familie muß in Rechnung gestellt werden, und zwar je nach Abstand zu den Erfordernissen des schulischen Marktes entweder als positiver Wert, als gewonnene Zeit und Vorsprung, oder als negativer Faktor, als doppelt verlorene Zeit, weil zur Korrektur der negativen Folgen nochmals Zeit eingesetzt werden muß" (S.55f.). [24]

Mit Blick auf Erfahrungen der Aneignung von legitimer Kultur heißt das, dass auch die Zeit, die Kinder in ihrer Familie bereits vor Beginn formaler Bildungswege verbringen, wesentliche Prägung bedeutet. Ein Mangel an Erfahrungen mit bildungsbürgerlicher Kultur legt daher "als negativer Faktor" bereits früh in der Kindheit den Grundstein für eine Art von kulturellem Kapital, das in unserem Bildungssystem als defizitär bewertet wird. In schulischen Kontexten wird die als legitim erachtete, bürgerliche Kultur zwar teilweise auch im Unterricht vermittelt und ist damit Gegenstand von Lehrplänen. Beim Eintritt in die Bildungsinstitution bedeutet eine Vertrautheit im Umgang mit ihr jedoch nicht allein "gewonnene Zeit und Vorsprung", sondern wird in institutionalisierten Bildungskontexten auch goutiert und stillschweigend in Kategorien guter Leistung übersetzt. BOURDIEU spricht in diesem Zusammenhang auch von der "Illusion der Chancengleichheit" (BOURDIEU & PASSERON 1971 [1964, 1971]). Ein routinierter Umgang mit legitimer Kultur bedeutet im Bildungssystem daher einen doppelten Startvorteil gegenüber denjenigen zu haben, die einerseits noch Zeit für deren Aneignung investieren müssen und denen andererseits die mit dem Aneignungsprozess zusammenhängende "Plackerei auch anzusehen" (BOURDIEU 1992c [1982], S.37) ist, was als mangelnde Leistung bewertet wird. Als institutionalisiertes kulturelles Kapital sind Bildungszertifikate wie Schulabschlüsse oder akademische Titel Grundlage für den Glauben, dass bestimmte Inhalte gelernt und Kompetenzen erworben wurden, und sie sorgen daher gleichfalls für Formen von Kredit als Vertrauensvorschuss.6) Schule und Ausbildung als Zukunftsinvestitionen in institutionalisiertes kulturelles Kapital lassen sich sogar operationalisieren und in investierter Zeit exakt bemessen. Im Bildungsprozess – verstanden als Vorgang der individuellen Aneignung von Kultur, an dessen Ende Vertrautheit im Umgang mit ihr steht und deren universelle Verfügbarkeit bedeutet (SUDERLAND 2004, S.19f.) – geht es jedoch immer auch um die Aneignung von und den kreativen oder kompetenten Umgang mit etwas, das in der Gegenwart Relevanz besitzt, aber als Gewordenes der Vergangenheit entstammt. [25]

Neben dem ökonomischen und kulturellen Kapital ist die dritte Kapitalsorte bei BOURDIEU das soziale Kapital, das gleichfalls zeitliche Aspekte umfasst, denn die bestehenden und mobilisierbaren sozialen Netzwerke speisen sich aus der Vergangenheit, entfalten ihre Wirkung mit Blick auf die Zukunft und dokumentieren auf symbolischer Ebene gegenwärtige Kreditwürdigkeit. [26]

Jede von BOURDIEU benannte Kapitalart setzt folglich "Verausgabung von Zeit" voraus (1992b [1983], S.72) und ist Ergebnis "akkumulierte[r] Arbeit" (S.71). Überdies wirkt jede auch als symbolisches Kapital, weil sie von den sozialen Akteur*innen als Zeichen für kreditwürdige, sozial relevante Unterschiede erkannt und anerkannt werden kann (BOURDIEU 1998a [1994], S.22f.). Als Ergebnis von Zeitinvestitionen bedeuten Reichtum oder Besitz, Bildung oder Kultiviertheit sowie nützliche und wichtige soziale Netzwerke auf der sozialen Ebene individuelle Handlungspotenziale und eröffnen zukünftige Möglichkeitsräume. Sie stellen spezifische Machtressourcen von Individuen dar, die diese auch wie "Waffen" (S.26) zur Durchsetzung ihrer Interessen einsetzen können. Auf der Handlungsebene lässt sich die Anerkennung dieser persönlichen "Waffen" als Zeichen für Macht nicht von der symbolischen Anerkennung der gesamten Person trennen (1992b [1983], S.70). Wie weitreichend die Bedeutung sozialer Anerkennung für Menschen ist, beschreibt BOURDIEU (2001 [1997]) so:

"Die soziale Welt vergibt das seltenste Gut überhaupt: Anerkennung, Ansehen, das heißt ganz einfach Daseinsberechtigung. Sie ist im Stande, dem Leben Sinn zu verleihen [...]. Weniges ist so ungleich und wohl nichts grausamer verteilt [...] als die soziale Bedeutung und die Lebensberechtigung. [...] Umgekehrt gibt es vielleicht keine schlimmere Enteignung, keinen grausameren Verlust als den, den die im symbolischen Kampf um Anerkennung, um Zugang zu einem sozial anerkannten sozialen Sein, das heißt mit einem Wort, um Menschlichkeit, Besiegten erleiden" (S.309f.). [27]

2.2.2 Sozialer Raum

Wenden wir uns dem Konzept des sozialen Raumes zu, dessen Positionen BOURDIEU mithilfe empirisch basierter, komplexer Berechnungen von Struktur und Volumen ökonomischen und kulturellen Kapitals konstruierte (1982 [1979], S.212f.; vgl. hier wie im Folgenden auch SUDERLAND 2014a). Nach den oben vorgestellten grundlegenden Zeitlichkeitsimplikationen seines Kapitalbegriffs ist es klar, dass diese folglich auch dem sozialen Raum innewohnen müssen. Im Fokus der Untersuchungen BOURDIEUs zum sozialen Raum stand insbesondere die symbolische Dimension von Unterschieden in Lebensstil und Geschmack in ihrer Bedeutung für Klassenlagen, also der Zusammenhang zwischen individuellen Entscheidungen und Vorlieben und der gesellschaftlichen Position, der auf der Handlungsebene auch mit seinem Habitus-Konzept beschrieben wird. Damit überwindet BOURDIEU die bis dahin in der Soziologie meist übliche, eher eindimensionale Vorstellung von gesellschaftlicher Hierarchie als schlichtes oben und unten und kann weitaus differenzierter sozial wirksame Unterschiede aufzeigen, die gleichermaßen im Bewusstsein wie im Handeln gesellschaftlicher Akteur*innen verankert sind (1982 [1979], S.174f.; vgl. auch KRAIS 2004, S.195f.). [28]

Die Markierung von Positionen im Raum beinhaltet zugleich die Prägung der Perspektive auf diesen sozialen Raum, d.h. von der Position im sozialen Raum hängt ab, wie Menschen die Welt betrachten, welche Notwendigkeiten sie sehen und welche Standpunkte sie vertreten. Die weiter oben beschriebene "praktische Notwendigkeit" und "zeitliche Dringlichkeit" (BOURDIEU 1993b [1989], S.344) der verschiedenen sozialen Praktiken ist daher mit der jeweiligen Position im sozialen Raum verknüpft und verweist auch auf unterschiedliche Lebensstile. [29]

BOURDIEU (1982 [1979]) fügt im Modell des sozialen Raums nun die ursprünglich in zwei Diagrammen (Raum der sozialen Positionen; Raum der Lebensstile) dargestellten Ergebnisse seiner empirischen Studie zu einem Bild zusammen, indem er sie gewissermaßen wie zwei Folien übereinanderlegt (Abb. S.212f.; in vereinfachter Form in BOURDIEU 1998a [1994], S.19). Lebensstil und Geschmack dienen dabei als distinktive Symbole für unterschiedliche soziale Positionen, und bestimmte Lebensstile werden von den gesellschaftlichen Akteur*innen als Insignien symbolischer Macht7) der Inhaber*innen bestimmter sozialer Positionen erkannt und anerkannt (1992a [1987], S.153). Da in die Konstruktion der Positionen im sozialen Raum ökonomisches und kulturelles Kapital mit ihren pluralen Zeitlichkeitsimplikationen einfließen, ist die Temporalität hierbei manifest. Inwiefern der Raum der Lebensstile gleichfalls wesentliche Aspekte von Zeitlichkeit impliziert, kann mit dem Habitus-Konzept plausibilisiert werden. [30]

2.2.3 Habitus

Da die komplexen Zeitlichkeitsbezüge des Habitus-Konzeptes für die weiter unten erfolgende Analyse qualitativ-empirischer Daten besondere Relevanz besitzen, muss dieser theoretische Begriff hier etwas detaillierter als die vorangegangenen Konzepte dargestellt werden. Den Kern des Habitus-Konzeptes entwickelte BOURDIEU bereits mit seinen Algerien-Forschungen, bei denen er feststellte, dass das Handeln der algerischen Kabyl*innen offenbar einer "praktischen Logik" (1976 [1972], S.228) folgte, die einer früheren, noch nicht durch kapitalistische Wirtschaft bestimmten Zeit entstammte (2000a [1977]). Zwar hatte sich durch die veränderten Lebensbedingungen im kolonialisierten Algerien das praktische Handeln der von ihm erforschten Kabyl*innen gewandelt, dennoch blieb es zumeist an die kapitalistische Logik merkwürdig unangepasst. [31]

Der Habitus beschreibt den "sozialen Sinn" (1987 [1980]), der auf Erfahrungen aus der Vergangenheit gründet, jedoch im aktuellen praktischen Handeln stets die Weichen für Zukünftiges stellt. Da der Habitus fest mit der Person verbunden ist, verkörpert er zumeist jenseits bewusster Reflexion gleichermaßen Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart. Als "vergessene Geschichte" (S.105) und "Vorwegnahme der Zukunft" (S.116) ist der Habitus ohne seine Zeitlichkeitsaspekte also gar nicht denkbar.

"Das bereits gegenwärtige Künftige kann in der Gegenwart nur vom Vergangenen her verstanden werden, das selbst nie als solches ins Auge gefaßt wird (da der Habitus als einverleibte Errungenschaft Gegenwärtigkeit des Vergangenen – oder im Vergangenen – ist und nicht Gedächtnis des Vergangenen)" (2001 [1997], S.270). [32]

Im Habitus sind Erfahrungen einverleibt, d.h. diese sind nicht allein kognitiv, sondern stets auch körperlich präsent – BOURDIEU spricht hierbei gelegentlich auch überspitzt von der "Dressur des Körpers" (S.220). Menschen sind physische Wesen, weshalb Handeln immer auch körperlich ist, gestützt auf die sinnliche Wahrnehmung, die ihrerseits sozial geprägt ist. Es geschieht daher nicht ausschließlich bewusst, sondern vor allem intuitiv, und hierbei ist der Körper eine präreflexive "Gedächtnisstütze" (S.181).

"Alles deutet darauf hin, dass die für die Konstruktion des Habitus entscheidenden Anweisungen gar nicht über Sprache und Bewusstsein, sondern, unterschwellig und suggestiv, über scheinbar ganz bedeutungslose Aspekte der Vorgänge, Situationen oder Praktiken des Alltagslebens vermittelt werden: Die Begleitumstände dieser Praktiken, die Art und Weise, wie jemand blickt, sich verhält, schweigt oder auch redet (ob er nämlich 'missbilligend blickt', etwas in 'vorwurfsvollem Ton' oder mit 'vorwurfsvoller Miene' sagt, usw.), sind geladen mit Anordnungen, die nur deshalb so beherrschend werden und so schwer rückgängig zu machen sind, weil sie stumm und unterschwellig, nachdrücklich und eindringlich sind [...]" (1990 [1982], S.28). [33]

Der Habitus ist als inkorporierte Geschichte "das Körper gewordene Soziale" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.161). Die unentwegte Prägung durch das Soziale funktioniert als "stille Pädagogik" (BOURDIEU 1987 [1980], S.128), die angemessene Reaktionen auf bestimmte soziale Konstellationen nicht nur in körperliche Haltungen, Gesten, Sprechweisen usw. übersetzt. Die durch diese Prägung intuitiv eingenommene Körperhaltung, z.B. die vorsichtige, distanzwahrende Haltung sozialer Unterordnung, bewirkt zugleich die den Verhältnissen angemessene mentale Einstellung. "Man könnte [... daher] sagen, Arme und Beine seien voller verborgener Imperative" (a.a.O.; vgl. auch KRAIS 2013). [34]

Auch im Umgang mit kulturellen Gütern und Praktiken, die je nach Position im sozialen Raum und damit verbundenen Erfahrungen und Standpunkten als (il)legitim oder kulturell (in)kompetent evaluiert werden, zeigt sich der Habitus. Als im Denken und Handeln verankerte kulturelle Erfahrung ist also auch inkorporiertes kulturelles Kapital als dem Habitus zugehörig zu betrachten:8)

"Der Erwerb der kulturellen Kompetenz ist [...] nicht zu trennen vom unmerklichen Erwerb eines Gespürs für das richtige Anlegen kultureller Investitionen, eines 'Anlage-Sinns', der das Produkt der Anpassung an die objektiven Chancen der Verwertung der Kompetenz zugleich die vorweggenommene Anpassung an diese Chancen begünstigt [...]" (BOURDIEU 1982 [1979], S.151). [35]

In einem anderen Text schreibt BOURDIEU darüber, inwieweit mangelndes Kapital ursächlich für fehlenden "Anlage-Sinn" ist:

"In Ermangelung einer Informationsbasis, die hinreichend aktuell wäre, um rechtzeitig 'auf das richtige Pferd' setzen zu können, in Ermangelung eines ökonomischen Kapitals, dessen Umfang es gestatten würde, auf ungewisse Erträge zu warten, und eines sozialen Kapitals, das groß genug wäre, um im Falle eines Mißerfolges einen zweiten Anlauf nehmen zu können, haben Familien der unteren und mittleren Bevölkerungsschichten [...] alle Aussichten, Fehlinvestitionen in Bildung zu tätigen" (BOURDIEU 1981 [1974], S.179). [36]

Die zur Konstruktion des sozialen Raums (soziale Positionen und Lebensstile) statistisch erforschbaren Lebensumstände bilden also den konkreten und praktisch erlebbaren Rahmen, innerhalb dessen Menschen ihre Erfahrungen machen und Habitus ausbilden. Der auch für Außenstehende wahrnehmbare Habitus eines Menschen lässt daher nicht nur – zumeist eher intuitive – Rückschlüsse auf die Bildung bzw. das kulturelle Kapital einer Person zu, sondern prägt durch mangelnden "Anlage-Sinn" auch deren "objektive Chancen" für ihre Bildungslaufbahnen. [37]

Die Habitus sozialer Akteur*innen tragen durch praktisches Handeln ihrerseits dazu bei, dass die soziale Welt tendenziell eher so bleibt, wie sie ist. BOURDIEU (1982 [1979]) verwendet hierbei häufig die Formulierung der "strukturierten Struktur" (S.279) als Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart und der "strukturierenden Struktur" (a.a.O.) als Präsenz der Zukunft in der Gegenwart. Durch gesellschaftliche Bedingungen geprägt ("strukturiert"), schafft der Habitus durch seine Verankerung in den Individuen gleichzeitig die Grundlage für deren Perpetuierung und Fortsetzung ("strukturierend"). [38]

Veränderte äußere Bedingungen sind Voraussetzungen dafür, auch andersartige Erfahrungen zu machen, die wiederum habituelle Anpassungen erfordern. Umgekehrt wird die Beschaffenheit der sozialen Welt durch habituell gewandelte Praktiken beeinflusst.

"In Abhängigkeit von neuen Erfahrungen ändern die Habitus sich unaufhörlich. Die Dispositionen sind einer Art ständiger Revision unterworfen, die aber niemals radikal ist, da sie sich auf der Grundlage von Voraussetzungen vollzieht, die im früheren Zustand verankert sind. Sie zeichnen sich durch eine Verbindung von Beharren und Wechsel aus, die je nach Individuum und der ihm eigenen Flexibilität oder Rigidität schwankt" (2001 [1997], S.207). [39]

Wandlungen des Habitus verweisen auf Transformationen (S.220; siehe auch WIGGER 2009, S.105ff.), d.h. auf habituelle Anpassungen an veränderte Bedingungen, die grundsätzlich in zwei Varianten denkbar sind: Transformierte Habitus können einerseits auf zwar gewandelte Bedingungen reagieren, die jedoch strukturelle Homologien zu den früheren Verhältnissen aufweisen, wodurch die Relationen der verschiedenen Positionen zueinander prinzipiell erhalten bleiben. Bezogen auf das Geschlechterverhältnis etwa lassen sich in den letzten Jahrzehnten durchaus Habitus-Transformationen feststellen, die allerdings bislang nicht dazu geführt haben, dass Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis grundlegend beseitigt wären; gleichwohl finden sie teilweise neue Ausdrucksformen. [40]

Andererseits können Habitus-Transformationen auch eine Anpassung an tatsächlich grundlegend veränderte Positionen und Relationen sein, wie sie durch tiefgreifende, bspw. gesellschaftspolitische Veränderungen entstehen können (so etwa nach politischen Umstürzen und damit verbundenen Entwertungen bzw. Aufwertungen gesellschaftlicher Positionen, die mit Erfahrungen von Entmachtung bzw. Ermächtigung einhergehen). Nach einem Sturz alter Eliten ist es bspw. denkbar, dass die zuvor Beherrschten durch den radikalen Wandel einen Habitus entwickeln, der auch Ausdruck der neuen Machtkonstellationen ist, man denke z.B. an einen verbreiteten und gemeinhin positiv konnotierten proletarischen Habitus in der DDR.9) [41]

Veränderungen des Habitus sind also möglich, wodurch aber auch widersprüchliche Tendenzen einverleibt werden können – BOURDIEU (in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992]) spricht davon, dass "Diskordanzen zu einem gespaltenen, ja, zerrissenen Habitus führen können" (S.161). Er beschreibt jedoch die grundsätzliche Trägheit des Habitus, denn der Habitus sei auch "ein unausgesprochener, praktischer Glaube, den die aus der Dressur des Körpers hervorgehende Gewöhnung ermöglicht" (BOURDIEU 2001 [1997], S.220). Marxistische und feministische Theorien, die radikale Veränderungen einforderten, übersähen

"die außerordentliche Trägheit [...], die aus der Einschreibung der sozialen Strukturen in die Körper resultiert. Wenn das Erklären dazu beitragen kann, so vermag doch nur eine wahre Arbeit der Gegendressur, die ähnlich dem athletischen Training wiederholte Übungen einschließt, eine dauerhafte Transformation der Habitus zu erreichen" (a.a.O.). [42]

Aufgrund seiner Einverleibung neigt der Habitus dazu, in seinem So-Sein zu verharren, sodass er die Bedingungen seiner Entstehung zumeist überdauert, was sowohl zu Unangepasstheit wie zu verzögerter Anpassung führen kann. BOURDIEU verwendet hierfür den in Physik und Volkswirtschaft gleichermaßen gebräuchlichen Begriff Hysteresis (vgl. dazu auch SUDERLAND 2014c):

"[E]s gibt Fälle von Diskrepanz, in denen die Verhaltensweisen unverständlich bleiben, sofern man nicht den Habitus und die ihm eigene Trägheit, seine Hysteresis, veranschlagt: Ich denke an den Fall – den ich in Algerien habe beobachten können – von Menschen, die sich mit einem 'vorkapitalistischen' Habitus abrupt in einen 'kapitalistischen' Kosmos versetzt finden" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.164). [43]

Die Reaktion des Habitus auf Veränderungen darf jedoch keinesfalls mechanistisch verstanden werden, denn es gibt immer mehrere Möglichkeiten. Die antizipierende Anpassung des Habitus an sich verändernde Bedingungen ist als ein möglicher Fall anzusehen. "Dieser praktische Sinn für das Künftige ist [jedoch] alles andere als ein rationales Kalkül von Chancen [...]" (BOURDIEU 2001 [1997], S.271). Das Verharren in der Unangepasstheit ist eine andere Möglichkeit. [44]

Daher ist die vom Habitus bewirkte Gegenwart der Vergangenheit nie besser erkennbar, als wenn die wahrscheinliche Zukunft plötzlich durch unerwartete und rasante Veränderungen nicht mehr realistisch zu erwarten ist und die Dispositionen wegen des Hysteresis-Effektes schlecht an die objektiven Möglichkeiten angepasst sind. Die Dispositionen sind in diesem Fall zu weit von den Verhältnissen entfernt, auf die sie nun real treffen, und sie sind objektiv unpassend (BOURDIEU 1987 [1980], S.116). Entscheidend dafür, wie der Habitus auf Veränderungen reagiert, kann sein, ob im jeweiligen Habitus einer Person oder sozialen Fraktion bereits eine gewisse Flexibilität im Umgang mit sozialen Veränderungen angelegt ist (vgl. empirisch dazu auch BRAKE & KUNZE 2004; zu Dispositionen SUDERLAND 2014d).

"Die Zeiterfahrung erwächst [...] aus der Beziehung zwischen Habitus und sozialer Welt [...]. Die praktische Antizipation eines der unmittelbaren Gegenwart eingeschriebenen Kommenden [...] stellt die gewöhnliche Form der Zeiterfahrung dar [...]" (BOURDIEU 2001 [1997], S.267).

"Nur in Beziehung zu den immanenten Tendenzen eines sozialen Universums und den in seinen Regelmäßigkeiten und Regeln oder Mechanismen [...] vorgegebenen Wahrscheinlichkeiten können sich die Dispositionen (Vorlieben, Geschmacksprägungen) ausbilden [...], die [...] Hoffnung und Verzweiflung, Erwartung und Ungeduld und all die anderen Erfahrungen erzeugen, durch die wir Zeit erleben" (S.275, meine Hervorhebung). [45]

BOURDIEU wollte mithilfe seiner Forschung und seinen theoretischen Begriffswerkzeugen mit der Denkart brechen, dass "Zeit als eine vorgegebene, an sich seiende Realität betrachtet wird, die der Praxis vorgängig oder äußerlich ist" (S.265). Für ihn war dagegen zentral, die jeweiligen Perspektiven der handelnden Akteur*innen zu rekonstruieren und damit zugleich "den [Standpunkt] der Praxis als Produktion von Zeit, als 'Verzeitlichung'" (a.a.O.) herauszuarbeiten, womit zutage trete, "daß Praxis nicht in der Zeit ist, sondern die Zeit macht (die Zeit als genuin menschliche, im Gegensatz zur biologischen oder kosmischen Zeit)" (a.a.O.). Das bedeutet, dass er mit seiner Art zu forschen die Rekonstruktion der an die jeweilige Position im sozialen Raum gebundenen Sichtweisen der handelnden Akteur*innen verfolgte. Dabei wollte er mit seinen theoretischen Konzepten auch das je spezifische Verhältnis der Handelnden zur Zeit kenntlich machen. Dieses lasse sich durch Analyse der Praxis herausarbeiten, denn (soziale) Zeit existiere nicht a priori, sondern entstehe erst durch die habituell geprägte Praxis sozialer Akteur*innen, die die Zeit erst produziere und "Verzeitlichung" bedeute. Die durch den Habitus geprägte "Logik der Praxis" (1987 [1980], S.147) ist folglich auch eine Logik der Zeitlichkeit. Dass diese Logik der Zeit eine soziale Logik ist, zeigt sich auch an einem anderen von BOURDIEU gelegentlich verwendeten Begriff, den er für sehr wichtig hält: Kairos (1993a [1980], S.116). In der griechischen Mythologie sind Kairos und Chronos die beiden Zeitgötter. Kairos steht für den "glücklichen Moment", von dem man nie weiß, wann er wo auftritt und den man versuchen muss, beim Schopfe zu packen. Im Gegensatz dazu ist Chronos die verstreichende Zeit, also Vergänglichkeit.

"[...] kairos [...] [war bei den Sophisten] das Schwarze im Zentrum der Zielscheibe. Wer treffsicher spricht, schießt nicht am Ziel vorbei. Und um nicht am Ziel vorbeizuschießen, um die Wörter ins Schwarze zu treffen, sich auszahlen, ihre Wirkung tun zu lassen, muß man Wörter benutzen, die nicht nur grammatisch korrekt, sondern auch sozial akzeptabel sind" (a.a.O.). [46]

Was aber in welchem Moment "sozial akzeptabel" ist, verkörpert der Habitus entweder spontan, oder aber er kann es kaum überzeugend darbieten. Kairos ist also nicht ein glücklicher Moment, den jede*r bedingungslos ergreifen kann, sondern es gibt soziale Voraussetzungen dafür, die im Habitus eingeprägt sind. So kann "[i]n bestimmten Fällen, wenn es zum Beispiel darauf ankommt, sich lässig zu geben, [...] ein allzu untadeliges Französisch geradezu unakzeptabel sein" (S.117) – man muss also ein Gespür dafür haben, worauf es ankommt. [47]

Anlage-Sinn, Hysteresis und Kairos als Facetten des Habitus sollen weiter unten wieder aufgegriffen werden, um bei der Analyse empirischen Materials zu zeigen, inwiefern sie als "Werkzeugkästen" (WACQUANT in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.55) behandelt werden können, "die dazu da sind, bei der Lösung von Problemen zu helfen" (a.a.O.). Sie schärfen einerseits den Blick für diverse Zeitlichkeitsaspekte und ermöglichen es andererseits, die unterschiedlichen, von den sozialen Akteur*innen geschaffenen Zeitkonzeptionen (FRIESE 1993, S.334) in theoretischen Begriffen zu beschreiben. [48]

2.2.4 Soziale Felder

Bei sozialen Feldern handelt es sich um spezifische gesellschaftliche Handlungsräume, die historisch durch Arbeitsteilung und Spezialisierung entstanden und ihre je besondere Geschichte geprägt sind. In BOURDIEUs Arbeiten finden sich bspw. Studien zum religiösen, literarischen oder wissenschaftlichen Feld (1988 [1984], 1998b [1997], 1999 [1992], 2000b [1970]). Es handelt sich um weitgehend autonome Teilbereiche innerhalb des sozialen Raums, die BOURDIEU (1998a [1994], S.173, S.183) auch als Kräfte- oder Kampffelder beschreibt, da sie stets durch Wettbewerb um einflussreiche Positionen geprägt sind. Der Einsatz im Spiel, d.h. die jeweils gültige Währung oder Kapitalart, ist von der Beschaffenheit des jeweiligen Feldes bestimmt – im Feld der Kunst beispielsweise gilt eine andere Währung als im wissenschaftlichen Feld. Wer zum Feld gehört oder gehören will, muss das Spiel auch habituell beherrschen und sich an den feldspezifischen Wettkämpfen beteiligen. Dabei geht es vor allem um Anerkennung sowie Einfluss darauf, inwieweit das bislang Gültige verworfen oder modifiziert wird und neue Kriterien für die mit Macht ausgestatteten Positionen eingeführt und dauerhaft durchgesetzt werden können. Dazu werden die jeweils "spezifischen Interessen und Interessenobjekte definiert" (S.183), um die dort gekämpft wird. Charakteristisch ist, dass sich die sozialen Akteur*innen mit dispositionell angelegter wie habituell erworbener Leidenschaft an diesen Kämpfen im Feld beteiligen, denn es geht dabei um etwas, das ihnen wichtig ist und geradezu als Lebenssinn erscheint. Diese Leidenschaft beschreibt BOURDIEU auch als soziale Libido (S.142), ein Begriff, der den mit dem Streben-nach-etwas verbundenen sozialen Trieb als zugleich lustvoll betont (vgl. dazu auch SUDERLAND 2014e). [49]

Im Gegensatz zum sozialen Raum, dessen Veränderungen sich über längere Zeiträume entwickeln, sind soziale Felder meist von einer (nach Beschaffenheit des Feldes jeweils eigenen) größeren Dynamik und damit rascheren Entwicklungen geprägt, weil in ihrer Geschichte immer wieder neue soziale Akteur*innen auftreten oder bislang eher am Rande positionierte Mitspieler*innen in die Kämpfe eingreifen. [50]

Genauso wie der soziale Raum sind die sozialen Felder ohne das Habitus- und das Kapital-Konzept nicht zu verstehen, denn erst der angemessene Habitus, gegebenenfalls auch der Sinn für die günstige Gelegenheit (Kairos), ermöglicht es den Akteur*innen, wirkungsvoll den Verlauf der Kämpfe zu beeinflussen und bessere Positionen zu erlangen. Ein gemeinsamer Glaube aller am jeweiligen Spiel beteiligten Akteur*innen daran, dass der Kampf es wert ist, gekämpft zu werden (BOURDIEU 1993a [1980], S.109), und die Tatsache, dass umfangreiche "Investitionen an Zeit, Mühe usw. [...] die Voraussetzung für das Mitspielen sind" (S.110), sorgen dafür, dass das Spiel durch Neuerungen nicht beendet und abgeschafft wird. "In jedem Spielakt ist [nämlich] in Gestalt der praktischen Kenntnis der Prinzipien des Spiels – die bei den Neuen stillschweigend vorausgesetzt wird – die ganze Geschichte, die ganze Vergangenheit des Spiels präsent" (a.a.O.). [51]

2.3 Die Zeitlichkeit des Sozialen als empirische und theoretische Logik der begrifflichen Konzepte BOURDIEUs

Am Ende meiner Ausführungen zu Zeitlichkeitsaspekten in den theoretisch-begrifflichen Konzepten BOURDIEUs und bevor ich mich meinem empirischen Material zuwende, hoffe ich, mit der für meine Fragestellung notwendig detaillierten Darstellung gezeigt zu haben, dass die "Logik" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.196f.) seiner Konzepte immer auch auf die "Polythetie der praktischen Zeit" (SABEVA & WEISS 2014, S.18) verweist: Aspekte der Zeitlichkeit des Sozialen waren für sein theoretisches Denken wie seine praktischen Forschungen gleichermaßen konstitutiv, wobei sich das Habitus-Konzept in dieser Hinsicht als zentral beschreiben lässt, da keines seiner anderen Begriffskonstrukte ohne eine explizite Bezugnahme auf die Bedeutung von Habitus auskommt. [52]

Der von FRIESE (1993) erhobene Vorwurf, dass "die unterschiedlichen Zeitkonzeptionen, die die Akteure schaffen, [...] überraschenderweise in Bourdieus Gesellschaftsanalysen kaum je Eingang" (S.324) fänden, erweist sich als kaum haltbar, da von Beginn seiner soziologischen Forschungen diese Aspekte von ihm analysiert wurden. Stattdessen erkenne ich bei BOURDIEU die von FRIESE monierte "Einbeziehung der Pluralität von sozialen Zeiten in Theorie" (1993, S.334). Die empirisch erfassbaren und sozial bedingt unterschiedlichen Zeitkonzeptionen der Akteur*innen sowie die darin jeweils enthaltenen zeitlichen Fluchtpunkte lassen sich in ihren diversen Aspekten mithilfe der BOURDIEUschen Begriffe nicht nur erkennen und verstehen, sondern auch theoretisch differenziert beschreiben. [53]

Bleibt noch die Frage, ob BOURDIEUs theoretische Konzepte, so wie von ihm selbst postuliert, tatsächlich "als Grundlage einer Theorie der Zeitlichkeit" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.171f.) anzusehen sind. Aufgrund meiner hier ausgeführten Überlegungen lässt sich ganz sicher behaupten, dass ohne ihre Zeitlichkeitsbezüge sämtlichen Konzepten BOURDIEUs der wesentliche Kern fehlte und auch die Zusammenhänge zwischen seinen verschiedenen theoretischen Begriffen verschwommen(er) blieben. Seine Konzepte sind immer auch "stenographische Kürzel" (S.198) für die in ihnen enthaltenen zeitlichen Implikationen, sodass ihre "theoretische Positionsbestimmung" (a.a.O.) der Relevanz der Zeitlichkeit des Sozialen Ausdruck verleiht – auch wenn dies häufig wenig beachtet wird. Falls also eine eigenständige Theorie der Zeitlichkeit für notwendig erachtetet wird, würden BOURDIEUs begriffliche Konzepte mit ihren vielfältigen Zeitlichkeitsimplikationen möglicherweise tatsächlich eine geeignete Grundlage darstellen. Allerdings frage ich mich, wozu genau wir in den Sozialwissenschaften überhaupt eine eigenständige Theorie der Zeitlichkeit benötigen, die ja wieder eine Bindestrich-Theorie entstehen ließe und eher zur Fragmentarisierung soziologischer Theorie(n) beitrüge. Viel wichtiger scheint mir dagegen, mit BOURDIEU zu verstehen, dass das, was wir als Zeit betrachten, konstitutives Element alles Sozialen ist und ihre verschiedenen Dynamiken und Verhältnisse deshalb auch Grundbestandteile ernstzunehmender Sozial- und Gesellschaftstheorien sein sollten. Das bedeutete nämlich, dass man sich nicht explizit mit der Zeitlichkeit des Sozialen befassen müsste, um bei der Erforschung des Sozialen mit theoriesensibler Analyse trotzdem auf dessen Temporalität zu stoßen oder besser: gestoßen zu werden. [54]

Es ist zweifellos nicht ganz einfach, in BOURDIEUs theoretischen Konzepten die Zeitlichkeit des Sozialen als eine Ligatur zu entdecken, die Kohärenz herzustellen vermag, denn sein Interesse bestand nicht in der Systematisierung seiner Begriffe. Zudem suchte er "keine einfachen und leicht zu begreifenden Aussagen zu machen [...] und [erachtete] jene Strategie als gefährlich [...], die das strenge Fachvokabular um des lesbaren und einfachen Stils willen aufgibt" (1992a [1987], S.71). Es bleibt daher mit Blick auf die Zeitlichkeit des Sozialen nur die Wahl, entweder mit der Anwendung (nicht aller, jedoch) vieler anderer Theorien Wesentliches zu übersehen oder sich der Mühe einer umfassenden Lektüre oftmals sperriger BOURDIEU-Texte zu unterziehen und damit schließlich über ein Erkenntnispotenzial zu verfügen, das auch bei empirischer Forschung ein Gewinn sein kann.

"Die Vielfalt verdeckt die Einheit, aber genau diese Unabgeschlossenheit und Offenheit im Steinbruch des französischen Soziologen und Intellektuellen [BOURDIEU] könnte den Reiz der Anschlussfähigkeit in Zukunft eher noch erhöhen. [...] Bourdieus Werk eröffnet ein breitgefächertes analytisches, empirisches und kritisches Angebot" (MÜLLER 2014, S.342). [55]

Insbesondere die bei BOURDIEU an vielen Stellen eingestreuten Ausführungen zur Zeitlichkeit des Sozialen verweisen daher nicht nur auf die Grundlage der empirischen und theoretischen Logik seiner Soziologie (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.196f.), sondern unterbreiten zugleich ein solches "analytisches, empirisches und kritisches Angebot" (MÜLLER 2014, S.342), das anderen Theorien häufig fehlt. [56]

3. Sozioanalytische Anamnesearbeit als relationale und generative Interpretation empirischer Daten

Im Folgenden soll es nun darum gehen, anhand ausgewählten Materials aus einem Forschungsprojekt schlaglichtartig darzulegen, was man sehen, erkennen oder "verstehen" (BEAUFAŸS 2014) kann, wenn man die empirischen Daten mithilfe der BOURDIEUschen "Denkwerkzeuge" (1987 [1980], S.15) befragt. Auch qualitative Daten können nicht für sich selbst sprechen, sondern bedürfen immer Analysen und Interpretationen, die als Versuche zu verstehen sind, von den Daten ausgehend Sinn zu rekonstruieren (REICHERTZ 2016, S.269f.). Die Begriffe BOURDIEUs können dabei als "sensibilisierende Konzepte" (MIETHE & SOREMSKI 2018, S.195; s. a. GLASER & STRAUSS 2008 [1967], S.54ff.) den Rahmen darstellen, um "über empirisch gegebenes Material in theoretischen Begriffen zu reflektieren" (KELLE & KLUGE 2010, S.28), und sie bieten im vorliegenden Kontext die Möglichkeit, die Zeitlichkeit des Sozialen herauszuarbeiten. [57]

BOURDIEU beschreibt mit seinem Begriffsinstrumentarium auf Forschung basierende Erkenntnisse über systematische Zusammenhänge in sozialen Verhältnissen, bei denen auch Zeit und Ort relevante Koordinaten darstellen. Dasselbe Phänomen kann also, je nach Zeit, Ort und sozialem Kontext seines Auftretens, ganz unterschiedliche Rückschlüsse und Interpretationen zulassen. Erforderlich ist daher mit BOURDIEU eine "relationale, aber auch generative Interpretation" (1998a [1994], S.27), die in einer Art "Anamnesearbeit – Sozioanalyse" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.96) das gesellschaftlich Unbewusste herauszuarbeiten vermag. Dabei geht es um "das Erfassen der Logik des Prozesses [...], worin die in Dingen und natürlich auch Personen objektivierten gesellschaftlichen Verhältnisse von einem jeden unmerklich inkorporiert werden und dessen dauerhafte Beziehung zur Welt und zu den anderen ausbildet [...]" (BOURDIEU 1982 [1979], S.138). [58]

Wichtig ist BOURDIEU dabei immer, "den Möglichkeiten Rechnung [zu tragen], welche im Körper der Akteure und in der Struktur der Situation, in der sie agieren, oder, genauer gesagt, in der Relation zwischen diesen beiden angelegt sind" (1998a [1994], S.7). Theorien versteht er dabei als Forschungsprogramme (BOURDIEU & KRAIS 1991 [1988], S.278) und das für ihn dazu notwendige "Instrument ist Theorie in actu" (BOURDIEU, CHAMBOREDON & PASSERON 1991 [1968], S.173). [59]

3.1 Hysteresis – Anlage-Sinn – Kairos: theoriesensible Interpretation zeitlicher Aspekte

Das empirische Material, auf das ich im Folgenden zurückgreife, stammt aus einem von der DFG 2010 bis 2014 an der Justus-Liebig-Universität Gießen geförderten Forschungsprojekt, in dem "Bildungsaufstiege in drei Generationen" mit Blick auf den "Zusammenhang von Herkunftsmilieu und Gesellschaftssystem im Ost-West-Vergleich" (MIETHE, SOREMSKI, SUDERLAND, DIERCKX & KLEBER 2015a) untersucht und abschließend eine Typologie für Erscheinungsformen des Zusammenwirkens von (Bildungs-)Biografie und politischer Gelegenheitsstruktur entwickelt wurde.10) [60]

Für die Auswahl des umfangreichen Samples narrativ-biografischer Interviews war nicht nur maßgeblich, dass die Interviewpartner*innen First Generation Students und im Vergleich zu ihren Eltern nach bestimmten Kriterien beruflich sehr erfolgreich waren. Relevant war zudem, in welcher Zeitphase nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in der DDR, der alten BRD als auch später im wiedervereinigten Deutschland der erfolgreiche Bildungs- und Berufsweg der Interviewpartner*innen durchlaufen wurde, um so den möglichen Einfluss unterschiedlicher politischer Gelegenheitsstrukturen auf individuelle (Bildungs-)Biografien systematisch berücksichtigen zu können.11) Dabei wurde mit einer Variante der hermeneutischen Fallrekonstruktion nach ROSENTHAL (1995) – der theorieorientierten Fallrekonstruktion nach MIETHE et al. (2015a, S.85-96) gearbeitet, wobei diverse theoretische Zugänge (u.a. BOURDIEU) als "sensibilisierende Konzepte" (MIETHE & SOREMSKI 2018, S.195) eingesetzt wurden.12) [61]

In der folgenden Darstellung bildet die dem Projekt zugrunde liegende Forschungsfrage nach dem Zusammenwirken von (Bildungs-)Biografien und politischen Gelegenheitsstrukturen zwar die Hintergrundfolie, allerdings habe ich im Zusammenhang mit dem im Zentrum des vorliegenden Beitrags stehenden Interesse die ausgewählten Interviewauszüge einer neuerlichen theoriesensiblen Revision unterzogen, um noch deutlicher als in der Buchpublikation (MIETHE et al. 2015a) ausgeführt das Erkenntnispotenzial der BOURDIEUschen "Denkwerkzeuge" (1987 [1980], S.15 ) vor allem hinsichtlich ihrer zeitlichen Implikationen herausarbeiten zu können. Die drei von mir für diesen Beitrag herausgegriffenen Fälle sind im Ergebnisteil der Buchpublikation (MIETHE et al. 2015a) mit ausführlichen Falldarstellungen vertreten (Kap. 5.1.1, 5.1.2 und 5.3.1), sodass dort weitere Zusammenhänge und Ergebnisse nachgelesen werden können. Die drei Personen sind etwa gleich alt, stehen jedoch für unterschiedliche politische Gelegenheitsstrukturen (PGS) zum Zeitpunkt ihrer zentralen Bildungsentscheidungen; zudem haben wir sie aufgrund unserer Analysen verschiedenen Aufstiegstypen (S.97ff.) zugeordnet: Anna H.13) und Heinz K. gehören zum Aufstiegstypus "Bildungspolitische Welle", da sie zu Zeiten einer jeweils politisch gewollten Öffnung des Bildungssystems (Anna H. 1970er Jahre BRD; Heinz K. 1950erJahre DDR) den Weg der weiterführenden Bildung begannen. Klaus L. dagegen wurde dem Typus "Sozialer Wandel" zugerechnet, da der ausgeprägte soziale Wandel in seiner Heimatregion trotz ungünstiger (bildungs-)politischer Gelegenheitsstrukturen (1950er Jahre BRD) den Impuls für eine Neuorientierung gab und er deshalb den weiterführenden Bildungsweg beschritt. Alle drei Fälle sind exemplarisch geeignet, im Kontext ihrer Bildungsentscheidungen die oben vorgestellten Zeitlichkeitsimplikationen herauszuarbeiten (insbesondere Hysteresis, Kairos und Anlage-Sinn). Dabei wird jedoch zugleich deutlich, dass dies nicht unbedingt bewusste und auf rationalen Überlegungen basierende Entschlüsse waren, sondern ausgeprägte habituelle Komponenten aufwiesen. [62]

3.1.1 Anna H.: "Meine Eltern haben sich das nicht zugetraut" – Hysteresis als mangelnder Anlage-Sinn

Die hier folgenden Auszüge sind dem biografisch-narrativen Interview mit Anna H.14) entnommen, einer 1938 im Ruhrgebiet geborenen, aus proletarischem Milieu stammenden und zum Zeitpunkt des Interviews pensionierten Lehrerin. Ihr Vater war Maschinenschlosser, ihre Mutter Schneiderin. Nachdem sie als bereits verheiratete Frau und trotz ihrer Ausbildung zur Speditionskauffrau nach langen Jahren als nicht erwerbstätige Hausfrau eher zufällig mit feministischen Frauen in Berührung gekommen war, begann sie sich politisch zu engagieren, was ihr neue Bildungsperspektiven eröffnete. Im Alter von 36 Jahren erhielt sie 1974 über den Dritten Bildungsweg in der Bundesrepublik Zugang zur Universität und hatte es schließlich am Ende ihrer Berufslaufbahn als Lehrerin zur stellvertretenden Schulleiterin gebracht. In ihrer eigenen Schulzeit zeigte sie stets gute Leistungen, sodass die Eltern von den Lehrer*innen dazu überredet werden konnten, sie auf die "Mittelschule" zu schicken. Hier setzt der folgende Interviewauszug15) ein:

Anna H.: "da haben also die Lehrer wohl auf meine Eltern eingewirkt dass ich ZUMINDEST in die Mittelschule gehe das hieß damals Mittelschule da musste man noch eine Aufnahmeprüfung machen damals hab ich eine Aufnahmeprüfung gemacht die ich auch gleich bestanden hatte und in der Schule selbst war ich war eigentlich da gabs nie Probleme mein Vater hatte gesagt wenn du da schlecht bist dann musst du sofort von der Schule runter weil ich will mich nicht blamieren ja so war das damals also ich stand da eigentlich nicht unter Druck aber ich hab das ja gut gemeistert aber das war so wie eine Drohung ((ausatmend; gedrückt lachend)) weil es damals noch nicht üblich war dass ein Mädchen aus einer Arbeiterfamilie in die Mittelschule ging und die meisten Kinder meiner Klasse waren damals auch aus Akademikerfamilien [...]." [63]

Wenngleich Anna H. auch später auf der Realschule stets gute Noten erhielt und immer eine "ehrgeizige Schülerin" war, so klang in dieser "Drohung", die nicht zuletzt durch das "sofort" zum Ausdruck kommt, für sie ein ambivalenter Subtext mit, den sie sehr wohl verstand. Diese Botschaft bedeutete ihr einerseits, dass ein Arbeitermädchen eigentlich nicht auf eine "Mittelschule" gehörte, und dass daher andererseits diese Selbstanmaßung nur dann zu rechtfertigen wäre und keine Gefährdung des Ansehens und der Autorität des Vaters darstellte, wenn sie leistungsmäßig über jeden Zweifel erhaben sei und den Beweis der Ausnahme lieferte. Die Tochter fühlte sich daher zwar frei zu scheitern, "stand da eigentlich nicht unter Druck", da offenbar niemand erwartete, dass sie dort, wohin sie eigentlich nicht gehörte, erfolgreich sein konnte. Sie trug nun jedoch auch eine gewissermaßen angedrohte und daher belastende Verantwortung ("gedrückt lachend") gegenüber der Familie, insbesondere dem Vater, der sich "nicht blamieren" wollte und dessen Stolz als proletarischer Familienvorstand, der genau wusste, wo sein Platz in der Gesellschaft war, durch das Handeln der Tochter keinesfalls gekränkt und nach außen sichtbar für andere infrage gestellt werden durfte. Dass Anna H. diesen Prozess in der Weise thematisiert, lässt Rückschlüsse darauf zu, dass sie die Voraussetzungen für ihren Besuch einer weiterführenden Schule auch in der Rückschau noch belastend fand. [64]

Mit dem theoretischen Instrumentarium Pierre BOURDIEUs kann diese scheinbar gefährdete väterliche Ehre als inkorporiertes proletarisches Standesbewusstsein gedeutet werden, indem der Vater seiner Tochter bedeutet: Das ist nichts für uns! BOURDIEU beschreibt den Habitus als die individuelle Anpassung an die von außen gegebenen "Grenzen der besonderen Bedingungen seiner eigenen Hervorbringung" (1987 [1980], S.102). Dies führe zu der Neigung, – in Homologie zu den äußeren sozialen Bedingungen – Abgelehntes zu verwerfen, das Unvermeidliche zu wollen und aus der Not eine Tugend zu machen (S.100). Dies sei mithin bei den sozialen Akteur*innen ursächlich für eine gewisse aktive Hinnahmebereitschaft ihrer Lebenslage und ihr "unterirdisches Einverständnis" (2001 [1997], S.217) mit den sozialen Gegebenheiten. [65]

In der "Drohung" zeigt sich deutlich die Hystereris des Vaters als (s)ein Unvermögen, auf die für ihn vermutlich nicht erwartbare neue Situation, dass seine Tochter nach Einschätzung der Lehrer*innen für eine weiterführende Schule geeignet sei, angemessen zu reagieren. Er kam aus einer anderen sozialen Welt und konnte sich deshalb nicht vorstellen, dass seine Tochter dort tatsächlich am angemessenen Platz gewesen wäre. Mangelnder Anlage-Sinn verrät sich daran, dass nach seinem Willen Anna H. "sofort von der Schule runter" müsse, wenn ihre Leistungen "schlecht" seien. Eine Vorstellung etwa von Anlaufschwierigkeiten nach dem Schulwechsel hatte er nicht, konnte er nicht haben, weshalb er die zögerliche und ambivalente Zustimmung zum Besuch der Realschule vor dem Hintergrund des für ihn komplett unwägbaren Risikos nur auf diese Weise zu geben vermochte. Die Bildung seiner Tochter konnte ihm nicht als Anlage, als Investition in ihre Zukunft erscheinen, weil sein sozialer Sinn über dieses Repertoire nicht verfügte. [66]

Anna H.s Darstellung ihres Bildungsprozesses ernst zu nehmen und genau hinzuschauen, lässt eine bestimmte Haltung erkennen, die dann, wenn sie mit theoretischer Sensibilität als Habitus gedeutet wird, auch ihre Zeitlichkeitsaspekte preisgibt: Einerseits ist der Habitus träge, weshalb der Vater auf die plötzlich und unerwartet auftretende Option eines unvertrauten Bildungsweges mit Warnungen an die Tochter reagieren musste. Dabei stand jedoch vor allem der Stolz des Vaters im Zentrum ("weil ich [der Vater] will mich nicht blamieren"). Die Tochter bleibt durch die Worte ihres Vaters einem durch dessen Position als Arbeiter gekennzeichneten Ort im sozialen Raum verpflichtet. Andererseits wird ein bestimmtes Verhältnis des Vaters zur Zukunft in der Aussage markiert, dass es kein Abwarten geben könne und die Realschullaufbahn bei schlechten Zensuren "sofort" beendet würde. Und schließlich wird kenntlich, dass sich für Anna H. damit zugleich ein Möglichkeitsraum öffnete, da "kein Druck" herrschte, sie sich folglich ausprobieren konnte. Das verengte Verhältnis des Vaters zur Zeit wird durch Anna H. gewissermaßen zum Positiven gewendet und in die Idee übersetzt, dass wenn sie gute Noten bekäme, Grenzen durchaus überschritten werden könnten und ihr damit eine unerwartete Zukunftsperspektive in Aussicht gestellt wurde. In diesem letztgenannten Aspekt scheint die Transformationsfähigkeit des Habitus auf, die auf Anna H. folglich sogar ermunternd gewirkt haben mag. Die Beschaffenheit ihrer sozialen Welt stellt sie dabei jedoch keineswegs infrage, da sie als "katholisch [...] sehr geprägt" den verlangten religiösen Gehorsam auch als Folgsamkeit gegenüber Lehrer*innen, Eltern und sonstigen Autoritäts- und "Respektpersonen" verinnerlicht hatte. Die Ambivalenz der väterlichen "Drohung", erfolgreich sein zu müssen, dadurch jedoch zumindest eine neue Option zu haben, zeigte daher nicht nur, dass Grenzen zukünftig eventuell würden überschritten werden können, sondern enthielt zugleich den "stummen Befehl" (BOURDIEU 2001 [1997], S.181; vgl. auch BOURDIEU 1990 [1982], S.28f.), dabei folgsam zu sein, und wies damit habituell bedingt zunächst nur eine einzige Möglichkeit auf, wie eine derartige Grenzüberschreitung überhaupt denkbar wäre. [67]

Mit dem Versuch, nach der mittleren Reife noch ein Mädchengymnasium besuchen zu dürfen, was ihre Lehrer*innen explizit befürworteten, scheiterte sie allerdings bei ihren Eltern:

"dann kam die Mittlere Reife und dann kamen die Lehrer zu meinen Eltern und haben sie darauf aufmerksam gemacht dass sie mich doch zum Abitur schicken sollten weil ich dafür wohl die Fähigkeiten hatte sie hätten gerne gehabt dass ich aufs Gymnasium gehe Mädchengymnasium aber das haben sich meine Eltern nicht zugetraut die haben wahrscheinlich Angst gehabt dass das zu teuer wird man musste ja damals so Schulgeld zahlen und mein Schulgeld in der Mittelschule war aufgrund meiner Leistungen reduziert meine Eltern mussten nicht so viel Schulgeld zahlen (6) ja dann wurde da lange drüber diskutiert aber es wurde nichts draus ich hab dann die Mittlere Reife gemacht meine Eltern haben SICH das nicht zugetraut mir schon glaub ich schon mir hätten die das zugetraut aber hatten sie das Gefühl es sind zu hohe Kosten da hätte man Fahrgeld zahlen müssen Schulgeld zahlen müssen meine Mutter war dann auch da müsst ich dann immer besonders gut gekleidet sein obwohl ich das sowieso war weil die ja eine Schneiderin war [...] aber dann war ich ja auch ein MÄDCHEN und das war auch mit ein Argument nein die wird doch bald heiraten [...] ich hab dann eine Lehre gemacht [...]." [68]

Das offenbar bestimmende Moment bei dieser ablehnenden Entscheidung war, dass ihre "Eltern SICH das nicht zugetraut" hatten. Die bei noch größerer Entfernung der Tochter vom elterlichen (Bildungs-)Milieu antizipierten Belastungen der Familie finden sich in einer Argumentation Anna H.s, in der zwar scheinbar rationale Gründe angeführt werden ("zu hohe Kosten"; "besonders gut gekleidet sein" müssen). Mit dem Verweis auf ein "Gefühl" der Eltern zeigt sich darin allerdings auch der Gedanke, dass es hier "wahrscheinlich" weniger um objektiv plausible Argumente ging, sondern um das, was BOURDIEU als Habitus oder Logik der Praxis beschreibt und das hier als mangelnder sozialer Sinn für derartig unvertraute Zusammenhänge gesehen werden muss, sodass die Investition in die Zukunft der Tochter mangels Anlage-Sinn nicht gesehen werden konnte. [69]

Doch auch bei Anna H. selbst wird trotz später in Gang gesetzter Habitus-Transformation schließlich die Hysteresis sichtbar, denn ihre Berufswahl verweist auf ihren, durch den eigenen Bildungsweg zwar transformierten Anlage-Sinn: Sie wollte "immer gerne Lehrerin werden" und begab sich mit ihrer Berufswahl nicht auf völlig unbekanntes Terrain. Damit blieb sie trotz ihrer längst erfolgten Politisierung und gesellschaftskritischen Position sowie des enormen Bildungsweges, den sie zurückgelegt hatte, an den ihr habituell zur Verfügung stehenden "Raum des Möglichen" (BOURDIEU 1998a [1994], S.83) gebunden, der nicht nur von einem weiblich geprägten Habitus bestimmt ist, sondern auch von dem habituell angelegten Wunsch, eine ebensolche "Respektperson" zu sein, wie es ihre Lehrer*innen früher für sie selbst gewesen waren. Nicht zuletzt beinhaltete der angestrebte und tatsächlich erlangte Beruf durch die Verbeamtung kaum das Risiko eines sozialen Absturzes und garantierte finanzielles Auskommen und Sicherheit. Wegen der Sorge, keine "Beamtenstelle" als Lehrerin zu bekommen, machte sie sogar zusätzlich zu ihrem Lehramts-Staatsexamen noch ein Pädagogik-Diplom, um nötigenfalls "vielleicht damit irgendwo in den sozialpädagogischen Bereich gehen" zu können. Die einerseits vorhandene Experimentierlust Anna H.s, sich fortlaufend auf völlig unbekannte Wege zu begeben, scheint trotz aller Transformationen auch Grenzen zu unterliegen, die in ihrem Habitus angelegt sind. [70]

Trägheit und Wandel, Hysteresis, Anlage-Sinn und Habitus-Transformation werden an diesem "besonderen Fall" (BOURDIEU 1998a [1994], S.14) in ihrer grundlegenden und systematischen Bedeutung empirisch geradezu greifbar. Aber auch der Fall selbst gewinnt an Tiefenschärfe mit BOURDIEUs "Denkwerkzeugen" (1987 [1980], S.15). So wird bspw. deutlich, dass Anna H.s Eltern keineswegs gleichgültig gegenüber der Zukunft ihrer Tochter handelten, sondern ernstzunehmende Sorge hatten, dass die ganze Familie durch eine womöglich falsche Entscheidung hätte Schaden nehmen können. Auch lässt sich mit BOURDIEU sehen, dass durch das von dem Vater vermittelte Gefühl, sie müsse "sofort" in der neuen Schule erfolgreich sein und könne gegebenenfalls keinen "zweiten Anlauf nehmen" (1981 [1974], S.179), sie ebenso wie andere "Familien der unteren und mittleren Bevölkerungsschichten [...] alle Aussichten [hatte], Fehlinvestitionen in Bildung zu tätigen" (a.a.O.). Sichtbar wird außerdem, dass der "Raum des Möglichen" (BOURDIEU 1998a [1994], S.83) bei Anna H. zwar offen für Veränderungen und Habitus-Transformationen war, aber keineswegs beliebig, sondern immer noch seiner sozialen Prägung verhaftet blieb. So zeigt dieser "besondere Fall des Möglichen" (S.14), dass der Habitus die gelungene individuelle Anpassung an die von außen gegebenen Bedingungen ist, unter denen er sich ausbildete (BOURDIEU 1987 [1980], S.102). [71]

3.1.2 Kairos – sozial (in)akzeptables Sprechen bei Heinz K. und Klaus L.

Im Folgenden möchte ich auf die Interviews zweier in den 1930er Jahren ins ländlich-proletarische Milieu hineingeborener Männer eingehen. Die Biografen erzählen hierin jeweils von Situationen zu Beginn einer höheren Bildungslaufbahn. Mit BOURDIEU theoriesensibel interpretiert, weisen beide Passagen diese als besondere Momente, als Kairos, aus, wobei es Heinz K. gelingt, die sich darbietende Chance zu ergreifen, während Klaus L., dessen Fall kontrastierend dargestellt wird, nicht einmal bemerken konnte, worin seine Chance eigentlich genau bestanden hatte. [72]

3.1.2.1 Heinz K.: "Und dann bin ich einfach hingefahren und hab mich vorgestellt" – Hysteresis als Potenzial, um Kairos beim Schopfe zu packen

Heinz K.16) wurde 1934 in einem kleinen Dorf der Küstenregion Vorpommerns in eine seit Generationen dem proletarischen Landarbeiter*innenmilieu zugehörende kinderreiche Familie hineingeboren. Wie in dieser Gegend weit verbreitet, hatte sich sein Vater bis zu seiner Familiengründung mit Gelegenheitsarbeiten den Lebensunterhalt verdient. Bei Heinz K.s Geburt arbeitete er jedoch bereits als Postbote, sodass die Familie mit ihrer großen Kinderschar auf sehr bescheidenem Niveau in einigermaßen gesicherten Verhältnissen leben konnte. Eine wie auch immer geartete Orientierung der Familie an weiterführender schulischer Bildung ist im Fall Heinz K.s auszuschließen, denn der (in der gegenwärtigen bildungspolitischen Debatte häufig bemühte) Begriff der Bildungsferne ist im Herkunftsmilieu Heinz K.s nicht allein als innere Distanz zur bürgerlichen Hochkultur zu verstehen, die (auch heute noch) als Kern der legitimen Kultur betrachtet werden kann. Zudem kann er hier wörtlich als räumlicher Begriff aufgefasst werden, denn die Einrichtungen des weiterführenden Bildungswesens lagen zu dieser Zeit für Heinz K. tatsächlich außerhalb des gewöhnlichen Aktionsradius eines Dorfjungen. Nach Beendigung der Volksschule machte er eine Lehre im nicht-technischen Dienst der Reichsbahn und war schließlich am Ende seiner Berufslaufbahn im höchsten Dienstrang der Reichsbahn Mitarbeiter im Verkehrsministerium der DDR. Er wirkte auch in internationalen Gremien mit und ging regelmäßig auf Auslandsreisen. [73]

Sein Vater hatte ihm die Bahn-Lehre schmackhaft gemacht und ihm zu diesem, dem Postdienst in mancher Hinsicht recht ähnlichen Tätigkeitsbereich geraten ("dem hat das gefallen"). Post und Bahn galten als Arbeitgeberinnen, die einen dauerhaften und sicheren Arbeitsplatz versprachen. Im Vergleich zu den in der Region verbreiteten Landarbeiter*innen und Handwerker*innen in ihrer schmutzigen Arbeitskleidung verkörperte man durch das Tragen einer Dienstuniform mit entsprechenden Rangabzeichen zudem in gewisser Weise sogar etwas Besseres. [74]

Heinz K. repräsentiert einen Bildungsaufstieg sowohl aus einer traditionell mit Bildungsinstitutionen unterversorgten ländlichen Region Nordostdeutschlands als auch aus einem bäuerlich-proletarischen Milieu, in dem sich bis dahin keine Bildungsorientierung etabliert hatte. Entscheidende Phasen seines Bildungswegs fielen in eine Periode radikalen gesellschaftlichen Wandels, in der es in der DDR einen starken politischen Willen zur Rekrutierung des nicht-akademischen Milieus gab, um den "Arbeiter- und Bauernstaat" aufzubauen. Durch Etablierung entsprechender Bildungseinrichtungen und massiv aufsuchender Bildungspolitik veränderte sich die unmittelbar erfahrbare Umgebung Heinz K.s insoweit, als erstmals neue Bildungswege auch als für ihn mögliche Optionen in sein Blickfeld gerieten. [75]

In der Zeit um den Abschluss seiner Lehre herum setzte in der DDR eine verstärkte Werbung für das Studium an der neu gegründeten Hochschule für Verkehrswesen ein, sodass Heinz K. Anregungen erhielt: Ihm wurde bei einer derartigen gezielten Anwerbung empfohlen, auf der Arbeiter- und Bauern-Fakultät (ABF) seine Hochschulreife zu erwerben, um anschließend an der Verkehrshochschule zu studieren. Es kann begründet angenommen werden, dass die für die betreffenden Studiengänge werbenden Studierenden bei dieser Mission ihre mit entsprechenden Rangabzeichen gekennzeichneten Reichsbahnuniformen trugen und damit einen keineswegs befremdlichen, akademischen Eindruck bei den jungen Bahnmitarbeiter*innen hinterließen, sondern etwas darstellten, das ihnen sehr vertraut war: Die Studierenden waren wie sie selbst "Eisenbahner" und verkörperten vermutlich für Heinz K. etwas, das auch er eines Tages vielleicht einmal sein könnte. Wohl auch deshalb hatte ihn diese Aussicht "irgendwie auch ein bisschen gekitzelt" und er beschloss 1953, sich an der ABF zu bewerben. [76]

An dieser Stelle setzt nun die Interviewpassage ein:

Heinz K.: "[...] noch während der Ausbildung hatte ich die Unterlagen [mit dem Antrag auf Zulassung zur ABF] eingeschickt und bekam die Antwort nein nicht angenommen hm du hast doch eigentlich alles aufgeschrieben auch was du machst und so nicht angenommen, [...] und dann [...] bin ich einfach während dieses freien Tages hingefahren zur ABF hab mich beim Studiendirektor vorgestellt und beim FDJ-Sekretär und hab gefragt WARUM ICH NICHT ANgenommen werde (2) ja dein Vater ist ja Postangestellter wir nehmen nur Arbeiter- und Bauernkinder an ich sag na horcht mal mein Vater der hat bis zu seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr aufm Dorf gearbeitet beim Fleischer beim Müller der hat Bäume gepflanzt an der Straße und alles Mögliche gemacht und DANN ist er Briefträger geworden und nun ist er natürlich weil er gut war hat er da die Poststelle leitet er Posthalter naja gut ich hab Postangestellter geschrieben ja wenn das so ist und du bist Eisenbahner und du bist da Fahrdienstleiter und so was ja natürlich warte mal du bekommst nächste Woche, Einladung es finden noch Aufnahmegespräche [...] im Lehrlingsheim statt [...] und während wir dort die Aufnahmeprüfung machten in den verschiedensten Fächern wurde auch gleich hinterher gesagt ob man angenommen ist oder nicht ich erhielt die Zustimmung dass ich angenommen bin und hab dann meine Dienststelle informiert [...]." [77]

Heinz K. verzagte nach der Absage also keineswegs, sondern tat offenbar das, was auf dem Dorf üblich war: Man machte keine schriftliche Eingabe, sondern ging hin und klärte die Angelegenheit persönlich. Dass seine erfolgreiche Verhandlung nicht ausschließlich mit seinen guten fachlichen Leistungen zu tun hatte, sondern wahrscheinlich stärker noch dem einmaligen historischen Moment geschuldet war, entzog sich in seiner Gänze vermutlich seiner Wahrnehmung: Erstens war der Wiederaufbau in der DDR nicht nur ein zentralistisch zu steuerndes Problem, sondern hauptsächlich ein infrastrukturelles Aufbauprojekt, bei dem der Bahn eine entscheidende Funktion zukam. Zweitens sollten aus politischen Gründen die alten Eliten verdrängt und ein SED-loyaler Nachwuchs akademisch ausgebildet werden, sodass jemand wie Heinz K. explizit durch entsprechende Kampagnen und die Politkader in den Betrieben adressiert wurde. Seine Klassifikation als Nicht-Arbeiter und Nicht-Bauer konnte er vermutlich nur deshalb sofort und erfolgreich reklamieren, weil auch die Bildungseinrichtung ABF in dieser Zeit unter dem enormen politischen Druck stand, die Studierendenzahlen deutlich zu erhöhen und die erforderlichen Quoten einzuhalten. Es ist daher anzunehmen, dass das von Heinz K. angebotene Argument für eine Korrektur seiner Klassifikation ("na horcht mal"), sein Vater habe früher "Bäume gepflanzt an der Straße und alles Mögliche gemacht", von den Zuständigen an der ABF nur allzu gerne angenommen wurde. Auch wenn Heinz K. zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr dem bäuerlich-proletarischen Milieu zugehörte, sondern durch den stärker abgesicherten elterlichen Status und seine eigene Tätigkeit als Fahrdienstleiter der Bahn vergleichsweise eher dem klein(st)bürgerlichen Milieu zugerechnet werden musste, so konnte er doch in gewisser Weise ein proletarisches Standesbewusstsein an den Tag legen und beherrschte habituell noch den entsprechenden kulturellen Kode, mit dem er in diesem historischen Moment in diesem Gesellschaftssystem, das tatsächlich eine Herrschaft des Proletariats anstrebte, spontan überzeugen konnte. [78]

Mit BOURDIEU interpretiert war Heinz K.s über Generationen weitergegebener ländlich-proletarischer Habitus in diesem entscheidenden Moment Hysteresis und zugleich symbolisches Kapital, das hier seine Wirkung entfalten konnte. Dies verlieh ihm selbst wiederum symbolische Macht, weil er überzeugend den Proletarier "gab" und in dessen Anerkennung die Quotenvorgaben der Bildungseinrichtung ABF für sich nutzen konnte. Er verkörperte und präsentierte mit der Darstellung seines Herkunftsmilieus habituell die Wurzeln, auf die er sich offensichtlich nicht ohne Stolz berief. Durch seine Sozialisation in Dorf und Familie war er seiner proletarischen Herkunft durch seinen Habitus noch so nah, dass er diese Klaviatur bei Bedarf virtuos bedienen konnte, auch wenn seine Aufstiegsambitionen aus diesem politisch geförderten Arbeiter*innenmilieu eigentlich herausführten. [79]

Seine in der großen proletarisch geprägten Familie und im dörflichen Umfeld entwickelte Haltung zur steten Einbettung in größere oder kleinere Wir-Gemeinschaften, sein Selbstverständnis, in der kinderreichen und hart arbeitenden Familie jederzeit auch Verantwortung übernehmen und einen eigenen Beitrag zum Ganzen leisten zu müssen, hatten zudem seinen Habitus von klein auf geprägt. FDJ und Jugendbrigade der Bahn stellten für ihn eine Fortsetzung dieses vertrauten Rahmens dar und boten ihm daher die notwendige habituelle Sicherheit, auch an ihn herangetragene neue Herausforderungen anzunehmen und zu seiner eigenen Sache zu machen – es hatte ihn "irgendwie auch ein bisschen gekitzelt". Auch deshalb war sein durch proletarische Herkunft geformter Habitus im Einklang mit der politischen Vision der DDR dieser Zeit und wurde bei seiner Aufführung vor dem "Studiendirektor" und dem "FDJ-Sekretär" der ABF vermutlich ebenfalls in der erforderlichen Art überzeugend dokumentiert. [80]

Dass er auf die Ablehnung durch die ABF in dieser Weise reagierte, kennzeichnet diesen entscheidenden Moment, bei dem es um etwas für ihn sehr Wichtiges ging, als Kairos – als günstige Gelegenheit, die jedoch nur deshalb zum glücklichen Moment werden konnte, weil ihm habituell die praktische Erkenntnis zur Verfügung stand, was zu tun war: hinfahren, vorsprechen, zeigen, dass er eigentlich immer noch Proletarier war, was auf seinen für diesen historisch, räumlich und zeitlich passenden Anlage-Sinn verweist. Kairos ist hier also nur gemeinsam mit Hysteresis zu verstehen und steht am Beginn einer moderaten Habitus-Transformation, die ihn später noch zu einem wichtigen Mann im Verkehrsministerium machen sollte, der durch seine Position vielfältige Vorteile genoss, die symbolisches Kapital darstellten, solange die DDR existierte. Gleichwohl bewahrheitete sich mit seiner Zuständigkeit für die Reichsbahn auch in dieser herausgehobenen Position in gewisser Weise, was er zum Zeitpunkt einer beruflichen Weichenstellung nach seinem Studium gesagt hatte: "Ich hab bei der Eisenbahn gelernt, ich bleib bei der Eisenbahn." An seinem Beispiel lässt sich ermessen, inwieweit auch bei durchaus vorhandenen Handlungsspielräumen die Vergangenheit im praktischen Handeln der Gegenwart noch die Zukunft mitgestaltet. [81]

3.1.2.2 Klaus L.: "Das war eine dumme Antwort" – Hysteresis als Hindernis dabei, Kairos zu erkennen

Klaus L.17) wurde 1935 in einem Dorf am Niederrhein geboren. Er stammte väterlicherseits aus einer protestantischen Seidenweber*innenfamilie, die bereits seit Generationen in einem niederrheinischen Dorf ansässig war und dort seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein eigenes stattliches Haus bewohnte, in dem ursprünglich auch die Webstühle der Familie standen. Durch die technischen Veränderungen in der Textilindustrie verarmte auch Familie L., die alte Handwerkstradition musste aufgegeben werden und wurde durch eine neue ersetzt. Klaus L.s Vater war von Beruf Schlosser und arbeitete in den Jahren nach seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft in der Stahlindustrie. Wenngleich der Wechsel vom prestigeträchtigen feinen Seidenweber zum gröberen Maschinenschlosser und schließlich zum Stahlwerker eine grundlegende Veränderung darstellte, gelang es dem Vater dadurch, wieder an eine wirtschaftliche Entwicklung in der Region anzuknüpfen, ohne zunächst den traditionellen Berufsstatus als Handwerker aufgeben zu müssen. Hierin zeigt sich auch eine gewisse Flexibilität, die der Familie den Verbleib im Dorf trotz gravierender Veränderungen sicherte. [82]

Familie L. gehörte der evangelisch-reformierten Kirche an, die sich in der katholisch geprägten Niederrhein-Region in der Diaspora befand. Die Bedeutung der Religions- und Dorfzugehörigkeit betonte Klaus L. im Interview an vielen Stellen. In der Nachkriegszeit wechselte er noch während der väterlichen Kriegsgefangenschaft auf ein humanistisches Gymnasium. Im Interview erzählt Klaus L., dass der Vater bei einem Heimatbesuch während des Krieges gesagt habe: "wenn der Jung wat lerne kann dann schiggen ob de Schule also wenn der Junge lernen kann dann schicke ihn auf die Schule ob de Schule heißt zum Gymnasium." Die zuvor bereits mehrmals notwendig gewordene Flexibilität zeigte sich also auch in der vom Vater erkannten Option schulischer Bildung. Mit BOURDIEU reflektiert deutet vieles darauf hin, dass der Vater einen gewissen Anlage-Sinn entwickelt hatte, weil er bereits Erfahrungen mit ungewissen Verhältnissen gemacht hatte, die Neuorientierungen erforderten. [83]

Klaus L.s Lehrer rieten ihm sowohl nach der mittleren Reife davon ab, Steiger im Bergbau zu werden, als auch später nach dem Abitur eine Ausbildung zum Volksschullehrer zu beginnen, was damals noch kein akademisches Fachstudium erforderte. Sein Geschichtslehrer fand klare Worte für seine kategorische Ablehnung einer derartigen Entscheidung: "der hat gesagt ich wäre bekloppt wenn ich das machte". Damit erweiterte der Lehrer den Horizont für die Berufswahl, wenngleich Klaus L. mit seiner anschließenden Entscheidung (ähnlich wie Anna H.) weiterhin auf ein klares, ihm vertrautes Berufsfeld orientiert blieb: den Beruf des Gymnasiallehrers im Fach Geschichte. Ein Lehramtsstudium verlief damals ebenso wie ein rein fachliches Studium, sodass Klaus L. auch stark mit Wissenschaft und Forschung in Berührung kam und allmählich sein Interesse daran entdeckte. Nach dem Studium promovierte er und bekleidete schließlich bis zu seinem Ruhestand eine Geschichts-Professur an einer Universität, bei der er sich seine Verbindung zu den Besonderheiten seiner Heimatregion durch einen regionalen Forschungsschwerpunkt erhielt. [84]

Zu Beginn seines Studiums plagten ihn allerdings monetäre Nöte, da seine Eltern ihn finanziell nicht unterstützen konnten. In dieser prekären Situation griff Klaus L. auf vertraute Lösungsstrategien zurück: Er arbeitete in den Semesterferien in einer Steinfabrik in der Nähe seines Heimatdorfes, und in der evangelischen Studierendengemeinde seines Studienortes fand er neue soziale Anschlüsse an ein ihm vertrautes Milieu, das ihm auch Unterstützung und Orientierung auf der Suche nach einer Studienfinanzierung gab. So bewarb er sich bei der evangelischen Studienstiftung Villigst um ein Stipendium. Der folgende kurze Interviewauszug setzt hier ein:

Klaus L.: "[...] ein einziges Mal bin ich dann mit einer Stipendienvergabestelle ((lacht)) in Kontakt gekommen, [...] ich war in der frühen Zeit meines Studiums in der Studentengemeinde [...] und der Studentenpfarrer hat dann gesagt ich müsste doch nach Villigst gehen und hatte mir ein Gutachten geschrieben sodass ich eingeladen wurde [...] Aber das hat DANN AUCH nicht geklappt da war ich wohl zu frech das war dumm was ich dann da gemacht habe der studentische Vertreter in dem Gremium der hat nachher mit mir gesprochen [...] Sie haben auf die Frage warum Sie das war die letzte Frage warum Sie sich an Villigst wandten gesagt ich hätte kein Geld zu studieren ja ich hätte kein Geld zum Studieren und irgendwo müsste ich das Geld herbekommen das war EINE DUMME ANTWORT [...] die evangelische Sozialisation WAR DA von der FAMILIE [...] die war da ich hätte genauso gut sagen können ja ich bin evangelisch und unsere Familie ist schon immer evangelisch gewesen und in unserer Familie gibt es Presbyter und also so alles ich hatte alles ich hab einfach gesagt ich brauch irgendwo her Geld das war dumm von mir." [85]

Die evangelische Studienstiftung Villigst wollte in dieser (Nachkriegs-)Zeit vor allem diejenigen Studierenden fördern, "die kein Erwerbs-Einkommen hatten und auch nicht mehr auf ein familiäres Vermögen zurückgreifen konnten" (EV. STUDIENWERK 2008, S.12, meine Hervorhebung). Die Einführung von Werksemestern für die potenziellen Stipendiat*innen zielte zwar in erster Linie darauf, eine Anschubfinanzierung der Stiftung sowie Stipendien durch Arbeitseinsätze in der Industrie zu erhalten. Diese Maßnahme sollte aber zudem eine "intensive Begegnung mit der Arbeiterklasse [ermöglichen], die man bisher kaum kannte" (S.14). Klaus L. hatte aufgrund seines Herkunftsmilieus solche Arbeitserfahrungen bereits gemacht und war mit "der Arbeiterklasse" bestens vertraut, gehörte er ihr doch selbst an. Studierende aus Arbeiter*innenfamilien gehörten von Beginn an also nicht unbedingt zur adressierten Klientel der Stiftung. Der Verweis auf fehlende eigene Finanzen allein reichte daher nicht aus, um eine Förderung als Villigst-Stipendiat zu erhalten. Vielmehr hätte es der Darstellung milieuweltlicher Gemeinsamkeiten bedurft, wie ihm "der studentische Vertreter in dem Gremium" offen zu verstehen gab. So hätte er zumindest auf seine evangelischen Sozialisationserfahrungen verweisen können, die ihn als zugehörig zu einem – wenn auch ländlich-proletarischen – protestantischen Milieu zu erkennen und das notwendige Signal an das Entscheidungsgremium gegeben hätte. [86]

Mit BOURDIEU interpretiert zeigt der von Klaus L. beschriebene Vorfall, dass er weder in der Lage war, die impliziten Anforderungen der Situation zu erkennen, weil sein Habitus die "stummen Befehle" (BOURDIEU 2001 [1997], S.181) nicht verstehen konnte, noch im Wissen um die Handhabung milieuspezifischer Kodes (BOURDIEU 1992a [1987], S.144) mit seiner Konfessionszugehörigkeit ein (familien-)spezifisches symbolisches Kapital zu mobilisieren. Es fehlte ihm am notwendigen Anlage-Sinn. Der beschriebene Moment hätte zwar Kairos im Sinne einer günstigen Gelegenheit für ihn sein können. Es wurde dennoch kein glücklicher Moment für ihn, denn er konnte die "stumm und unterschwellig" (BOURDIEU 1990 [1982], S.28) mit Anordnungen aufgeladenen Signale (a.a.O.) nicht richtig deuten, weil er sich auf völlig unvertrautem Terrain bewegte. Im Gegensatz zu Heinz K., der sich in einer vergleichbaren Situation "wie ein Fisch im Wasser" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.161) fühlte und angemessen darzustellen wusste, sodass der Moment zu Kairos werden konnte, betont Klaus L. mehrfach, "eine dumme Antwort" gegeben zu haben. Mit BOURDIEU wird dagegen sichtbar, dass Klaus L. zwar eine falsche, in diesem Kontext "sozial [nicht] akzeptable" (BOURDIEU 1993a [1980], S.116) Antwort gab, ihm die richtige jedoch gar nicht zur Verfügung stand, seine "Wörter [nicht] ins Schwarze treffen" (a.a.O.) konnten, weil er die Situation nicht verstand. Sein damaliges Verhalten bewertete er im Interview in der Rückschau einerseits als "frech", weil er nun die Unangemessenheit seiner Antwort an dieses Gremium wahrnahm; andererseits evaluierte er es gleich dreimal als "dumm". Aber weder er selbst noch das, was er sagte, war "frech" oder "dumm", sondern brachte seinen Habitus der Notwendigkeit (BOURDIEU 1982 [1979], S.585ff.) zum Ausdruck. In einer Zeit, in der er nicht wusste, wovon er leben sollte, zeigte sich dieser als träge (Hysteresis); seine Prioritäten lagen in der Gegenwart und fragten nicht nach Konfession, sodass ihn sein Habitus als jemanden verriet, der von der Stiftung eher nicht adressiert war. [87]

Mit dem Einschlagen einer wissenschaftlichen Karriere entschied er sich für ein Berufsfeld, über das er von Hause aus nichts wusste, sodass Risiken bestanden, die er keineswegs einschätzen konnte. Allerdings sagte er sich, "das ist eine schöne Zeit die nimmst Du noch mit und dann kannst Du immer noch gucken und zur Schule gehen". Die in dieser Zeit tatsächlich unproblematische Option auf einen Wechsel in den Schuldienst gab ihm Sicherheit, die auch in dieser Phase sein Verhältnis zur Zukunft notwendig prägte. Dagegen fehlte es ihm auf seinem wissenschaftlichen Berufsweg immer wieder am erforderlichen Anlage-Sinn, um seine Laufbahn zielgerichtet voranzutreiben. Während seine Kolleg*innen sich habilitierten und schließlich Professuren bekleideten, hatte er den akademischen Habitus noch nicht soweit verinnerlicht, dass er sich selbstbewusst von seinem Mentor, einem Ordinarius alter Schule, emanzipieren oder sein Weiterkommen bei ihm nachdrücklich einfordern konnte. Wenngleich er wissenschaftlich Hervorragendes leistete (häufig als Zuarbeit für seinen Mentor, der anschließend die Anerkennung aus der Scientific Community dafür erhielt), war er lange Zeit im wissenschaftlichen Feld gewissermaßen unsichtbar, weil er an den Wettkämpfen um Positionen nicht in einer Weise teilnahm, die ihn in den Augen der anderen erkennbar zu einem Mitspieler gemacht hätte. Nur die Tatsache, dass in den 1970er Jahren neue Hochschulen gegründet wurden und viele Professuren zu besetzen waren, führte dazu, dass er ohne abgeschlossene Habilitation schließlich noch an eine Gesamthochschule berufen wurde. [88]

3.2 Die Zeitlichkeitsimplikationen in BOURDIEUs theoretischen Denkwerkzeugen als Erkenntnispotenzial für qualitativ-empirische Forschung

In den drei dargestellten Fällen wird mit BOURDIEU das Verhältnis der betreffenden Akteur*innen zur Zeit in je eigener Ausprägung deutlich, was seinerseits wiederum auf soziale Verhältnisse zurückverweist: Das Verhältnis zur Zeit unterliegt nämlich sozialen Prägungen und ist dadurch habituell angelegt. Es wird auch ersichtlich, dass soziale Ungleichheit nicht zwingend dadurch entsteht, dass Verbote ausgesprochen und Zugangsschranken zu Bildung aufgrund formaler Kriterien geschlossen bleiben, sondern die Grenzen in den durch die jeweiligen Verhältnisse geprägten Habitus und damit auch in den sozialen Akteur*innen selbst zu finden sind. Die Vergangenheit mischt sich auf diese Weise in die Gegenwart ein und legt Grundsteine für die Zukunft: "Der Leib [...] ruft sich nicht die Vergangenheit ins Gedächtnis, sondern agiert die Vergangenheit aus, die damit als solche aufgehoben wird, erlebt sie wieder" (BOURDIEU 1987 [1980], S.135). [89]

Die stummen Befehle aus der eigenen sozialen Welt werden verstanden, weil die Vertrautheit mit ihnen in langen Jahren erwuchs. Die unterschwellig aufgeladenen Anordnungen aus fremden sozialen Welten treffen als "verborgene Code[s]" (BOURDIEU 1990 [1982], S.28) auf taube Ohren und können nicht gehört werden. Neuartige Erfahrungen können jedoch auch dazu führen, dass sich habituelle Grenzen verschieben, Dinge ausgetestet werden können und die Zukunft als einen erweiterten Möglichkeitsraum aufscheinen lassen, wobei Ziele sukzessive neu justiert werden können. Hysteresis lässt sich da erkennen, wo überholte Verhaltensweisen oder Einstellungen den Raum des Möglichen wieder beschränken, aber auch dort, wo scheinbar Überwundenes habituell noch Spuren aufweist, sodass es von Dritten als symbolische Repräsentation von etwas positiv Konnotiertem erkannt werden kann. Fehlender Anlage-Sinn führt zu unangemessenen Entscheidungen oder mangelnder Fähigkeit, den rechten Moment für eine objektive Chance als Kairos zu erkennen. [90]

Mit rein biografischer Perspektive sind alle drei Fälle individuell sehr verschieden, sodass man alle Details der familiären und sozialen Konstellationen gut sehen kann. Mit theoriesensibler Analyse kann überdies mit dem Instrumentarium BOURDIEUs die Homologie in den drei angeführten Interviewpassagen entdeckt werden, die darin besteht zu verstehen, dass es in keinem der Fälle um rationale Entscheidungen geht, sondern alle drei zu den in den Interviews geschilderten Zeitpunkten durch ihren Habitus geleitet sind. Die Position im sozialen Raum bedeutet eine Einbindung in bestimmte Energiefelder, deren Kräfte einmal für, einmal gegen die Protagonist*innen wirken. Der im sozialen Raum geprägte Habitus kann dann entweder das Vehikel sein, das die Kräfte nutzen kann (Anlage-Sinn; Kairos), wodurch der neue Weg leichter zu beschreiten ist und den Blick auf die Zukunft verändert, oder aber er wird zur nicht leicht zu überwindenden Hürde, die Partizipation an gesellschaftlichen Entwicklungen erschwert, weil er zu den Verhältnissen nicht (mehr) passt (Hysteresis). [91]

Alle drei sind ungefähr zur gleichen Zeit im proletarischen Milieu aufgewachsen und weisen einen Habitus der Notwendigkeit auf. Bei Anna H. führte dies aus mangelndem Anlage-Sinn zu "doppelt verlorener Zeit" (BOURDIEU 1992b [1983], S.56) und einem unter ungünstigen politischen Gelegenheitsstrukturen zunächst gebremsten Bildungsweg, den sie mühsam, verspätet und voller Umwege, aber begeistert und erfolgreich erst in den 1970er Jahren unter günstigeren politischen Gelegenheitsstrukturen fortsetzen konnte. Dabei blieb das selbstgesteckte Ziel, Lehrerin zu werden, relativ bescheiden und entsprang ihrem frühen Erfahrungsraum – Lehrer*innen waren ihr von Kind an als "Respektpersonen" vertraut. Heinz K. dagegen wuchs zu einer Zeit an einem Ort auf, wo es kurz zuvor einen radikalen gesellschaftlichen Wandel gegeben hatte, der seinen proletarischen Habitus bevorzugte, sodass der bisherige Nachteil innerhalb kürzester Zeit zu einem großen Vorteil geworden war (günstige PGS). Weil er dies intuitiv erkannte (Kairos), konnte er mit dem Wind segeln, der ihn schließlich zu Zielen trug, die er zu Beginn seines Bildungsweges gar nicht im Blick hatte. Weil er auch als Ministerialbeamter "Eisenbahner" blieb (Hysteresis), führte dies bei ihm nicht zu einem gespaltenen oder zerrissenen Habitus. Bei Klaus L. arbeiteten die Kräfte des sozialen Raums gegen ihn (ungünstige PGS), sodass auch er verschiedene Anläufe benötigte und andere stets an ihm vorüberzogen, wobei er über diverse Hindernisse auch manchmal "ein bisschen sauer" war. Die "doppelt verlorene Zeit" betrifft in seinem Fall vor allen Dingen die sich lang hinziehende Anfangsphase seines wissenschaftlichen Werdegangs (Hysteresis, fehlender Anlage-Sinn); trotz aller Verzögerungen schlug er schließlich eine erfolgreiche akademische Laufbahn ein. Auch er fand stets Anknüpfungspunkte, die seinen Habitus bedienten, indem er dem evangelischen Milieu lange treu blieb und später seine Heimatregion zum Forschungsgegenstand machte.18) [92]

Trägheit und Wandel, Hysteresis, Habitus-Transformation, Anlage-Sinn und Kairos können in allen drei Lebensgeschichten in ihrer grundlegenden und theoretischen Bedeutung als "besondere Fälle" (BOURDIEU 1998a [1994], S.14) empirisch herausgearbeitet und ihre impliziten Zeitlichkeitsbezüge in ihrer jeweils spezifischen Bedeutung konturiert dargestellt werden. Aber auch die Fälle selbst gewinnen mit BOURDIEUs "Denkwerkzeugen" (1987 [1980], S.15) an Tiefenschärfe, weil die starke und selbst unter veränderten Bedingungen anhaltende Wirkung sozialer Verhältnisse verrät, dass "die soziale Realität [...] sozusagen zweimal [existiert], in den Sachen und in den Köpfen, in den Feldern und in den Habitus, innerhalb und außerhalb der Akteure" (BOURDIEU in BOURDIEU & WACQUANT 1996 [1992], S.161). Nur wer sich den "Sinn für das Spiel" (S.162) aneignen kann, kann "tun was er zu tun hat, ohne daß dies explizit als Ziel formuliert werden müßte, also jenseits von Kalkül und selbst Bewußtsein, jenseits von Diskurs und Darstellung" (a.a.O.). [93]

Die Antwort auf die Frage nach "Methodologien und methodische[n] Ansätze[n] zur qualitativen Erforschung von Zeit", die in dieser FQS-Schwerpunktausgabe "Herausfordernde Zeiten" gestellt wird, lässt sich daher m. E. sinnvoll um solche theoretischen "Denkwerkzeuge" erweitern, die dabei unterstützen, vielfältige zeitliche Implikationen in qualitativ-empirischen Daten erkennen zu können, auch ohne explizit zeitbezogene Themen zu adressieren. Die sozioanalytische Anamnesearbeit ist die erforderliche Voraussetzung zur relationalen und generativen Interpretation empirischer Daten. BOURDIEUs theoretische Konzepte können dabei nicht nur grundlagentheoretische Funktion erfüllen, sondern zugleich für vielfältige Zeitlichkeitsaspekte in der zu erforschenden sozialen Welt theoretisch sensibilisieren. Das Verhältnis, das Menschen zur Zeit entwickeln, lässt so auch seine soziale Prägung erkennen und zeigt, dass Mikro-, Meso- und Makroperspektiven auf Gesellschaft und Soziales zwar analytisch verschiedene soziale Aggregatzustände zu differenzieren vermögen. Qualitativ-empirisch und mithilfe von BOURDIEUs sensibilisierenden Konzepten kann es überdies gelingen zu verstehen, inwieweit diese vielschichtige soziale Welt als Präsenz von Vergangenem und Antizipation von Zukunft stets auch in den Menschen vorhanden ist. [94]

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt meiner langjährigen "Sparringpartnerin" Beate KRAIS, die mich bereits früh auf BOURDIEU und damit auf eine für meine Forschungsinteressen wichtige Fährte zum Verstehen der sozialen Welt hinwies. Zudem danke ich Franz SCHULTHEIS für ein inzwischen mehr als zehn Jahre zurückliegendes, ausgiebiges Gespräch über Zeitlichkeit bei BOURDIEU, das mich darin bestärkte, wie lohnend es sein könnte, diesen Aspekt systematisch weiterzuverfolgen. Für wertvolle Hinweise zur Bearbeitung dieses "sperrigen Gegenstandes" danke ich last but not least dem "vielstimmigen Chor" der anonymen Gutachter*innen und Herausgeberinnen.

Anmerkungen

1) Der Begriff Temporalität wird hier synonym mit dem Begriff Zeitlichkeit verwendet. Im Gegensatz zu den Perspektiven anderer Fachdisziplinen auf Zeit, wie sie bspw. in der Physik, Sprachwissenschaft, Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und anderen entworfen werden (LEIBNIZ UNIVERSITÄT HANNOVER 2012), bezeichnet soziale Temporalität die mit dem Sozialen verbundenen Aspekte der Zeitlichkeit. <zurück>

2) Siehe zur Kritik an BOURDIEU allgemein bspw. FRÖHLICH, REHBEIN und SCHNEICKERT (2014) sowie MÜLLER (2014, S.88-91) <zurück>

3) Aufgrund einer, wie mir scheint, zunehmend verbreiteten BOURDIEU-Rezeption aus zweiter Hand über Sekundärliteratur halte ich es für geboten, genau hinzuschauen und BOURDIEU selbst – in der Primärliteratur – zu befragen sowie wo nötig hier auch ausführlich zu zitieren. BOURDIEU (1993a [1980]) warnt davor, "Begriffe zu fetischisieren" (S.115), aber er verlangt, "die Begriffe ernst [zu] nehmen, sie zu kontrollieren und vor allem im Forschungsprozeß kontrolliert, überwacht, mit ihnen [zu] arbeiten" (a.a.O.). Um zu verstehen, was seine Konzepte im Kern zusammenhält, scheint es mir erforderlich, seine "Begriffe ernst zu nehmen" und deshalb immer wieder auf BOURDIEUs eigene Stimme zu hören, denn er hat sich – an vielen Stellen verstreut – selbst dazu geäußert. <zurück>

4) Structures temporelles de la vie affektive [Die Zeitstrukturen des Gefühlslebens] hieß der unveröffentlichte Entwurf seiner Thèse de docorate d’état [Doktorarbeit]. Exemplare des Manuskripts befinden sich im "archiv privé P. Bourdieu" und in den "archives scientifiques (M. Georges Canguilhelm)" an der Sorbonne. Siehe für die bibliografischen Angaben MÖRTH und FRÖHLICH (o. J.). <zurück>

5) Auch wenn man den gegenwärtigen wissenschaftlichen Hype um das Thema Emotionen betrachtet, wirkt dieses Dissertationsthema hochaktuell. <zurück>

6) Im Wort Kredit stecken die Bedeutungen Glaube und Vertrauen, weshalb der Begriff alltagssprachlich auch im Sinne von "Glaubwürdigkeit" und "Vertrauenswürdigkeit" verwendet wird (siehe auch DWDS Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache) und stets auf eine Zukunft ausgerichtet ist, in der die Vertrauenswürdigkeit unter Beweis gestellt werden soll. <zurück>

7) Das Konzept der symbolischen Macht kann hier nicht näher ausgeführt werden. Siehe dazu detailliert SUDERLAND (2014b). <zurück>

8) Die Kohärenz der theoretischen Begriffe BOURDIEUs wird also bspw. auch daran sichtbar, wie die beiden Konzepte – Habitus und inkorporiertes kulturelles Kapital – aufeinander angewiesen sind. <zurück>

9) Inwiefern auch derartige radikalere Transformationen noch Beharrungskräfte des scheinbar Überwundenen aufweisen, zeigt eine Studie von Sabine HARING (2010), bei der sie sich mit den habituellen Transformationen des "Neuen Menschen im Sowjetkommunismus" befasst. <zurück>

10) Für eine kurze Darstellung siehe MIETHE, SOREMSKI, DIERCKX und SUDERLAND (2015b); für Basisinformationen zum DFG-Projekt die Projektwebseite [Datum des Zugriffs: 18. Juli 2019]. <zurück>

11) Das Sampling erfolgte nach einer zunächst systematisch erarbeiteten Periodisierung günstiger bzw. ungünstiger politischer Gelegenheitsstrukturen für Bildungsaufstiege in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1990er Jahre in Deutschland (MIETHE et al. 2015a, S.41-69). Unter Berücksichtigung der oftmals zeitlich verzögerten Wirkung politischer Maßnahmen bildeten wir auf dieser Basis anschließend drei Teilsamples von Personen, bei denen die zentralen Weichenstellungen für den weiterführenden Bildungsweg in folgenden Zeitphasen erfolgten: 1. in den 1950er Jahren in der BRD und der DDR, 2. in den 1970er Jahren in der BRD und DDR sowie 3. in den 1990er Jahren im wiedervereinigten Deutschland (S.75-77). Gesucht wurde nach Personen mit "weitem Aufstieg" (POLLAK 2010, S.20), womit in intergenerationaler Perspektive ein Berufsaufstieg bezeichnet wird, bei dem (mindestens) eine "benachbarte Hierarchiestufe" (a.a.O.) übersprungen wurde. Weil der Anteil von Bildungsaufsteiger*innen in den verschiedenen akademischen Fächern unterschiedlich ist, wurde explizit darauf geachtet, dass auch Vertreter*innen von Fachrichtungen mit niedrigem Bildungsaufsteiger*innenanteil im Sample vorhanden waren. Zu Beginn des Projektes lag ein kleiner Teil von Interviews bereits aus einem Vorgängerprojekt sowie durch Vorarbeiten von Ingrid MIETHE vor; ein größerer Teil wurde in der Anfangsphase der Projektlaufzeit durch die Projektmitarbeiterinnen erhoben. Mit Beginn der ersten Auswertungen wurden im Sinne des theoretischen Samplings (GLASER & STRAUSS 2008 [1967], S.53ff.) weitere biografisch-narrative Interviews durchgeführt, sodass insgesamt 85 Fälle zur Auswertung zur Verfügung standen (MIETHE et al. 2015a, S.83). Diese Form des theoretischen Samplings spielte für die Studie vor allem deshalb eine Rolle, da allein nach sozialstrukturellen Kriterien aufgrund der Vielzahl der relevanten Kriterien (Ost-West, Generation, Geschlecht, Hochschulzugang, Fach- und Hochschulspezifik, regionale Besonderheiten, Stadt-Land-Gefälle usw.) kaum eine theoretische Sättigung (GLASER & STRAUSS 2008 [1967], S.70ff.) durch einen qualitativen Stichprobenplan zu erreichen gewesen wäre. Kontakte zu den Interviewpartner*innen kamen bspw. über Anfragen an Alumni-Organisationen von Hochschulen, Stipendiengeber*innen, Einrichtungen des Zweiten Bildungsweges, Anschreiben an Personen des öffentlichen Lebens, deren Bildungswege bekannt waren, sowie im Schneeballprinzip zustande (MIETHE et al. 2015a, S.81f.). <zurück>

12) Für detailliertere Einblicke in theoretische Rahmung, historische Einordnung, methodologische und methodische Überlegungen, Überblick über das Sample und die Ergebnisse der Studie sowie die von uns herausgearbeitete Aufstiegstypologie siehe MIETHE et al. (2015a), wo auch Literaturbelege zu den historischen, sozialen und regionalen Gegebenheiten der weiter unten eingeführten Fälle zu finden sind. <zurück>

13) Die Namen der Interviewten, Orte und weitere persönliche Angaben, die Rückschlüsse auf die interviewten Personen zulassen würden, wurden sorgfältig anonymisiert (für Details zur Anonymisierung siehe MIETHE et al. 2015a, S.95f.). <zurück>

14) Der Fall Anna H. wurde im Rahmen des DFG-Projektes und der Buchpublikation hauptsächlich von meiner Projekt-Kollegin Heike DIERCKX analysiert und dargestellt (MIETHE et al. 2015a, S.117-130) <zurück>

15) Die Transkription folgte im Projekt den Regeln nach ROSENTHAL (1995, S.239), musste hier jedoch den FQS-Anforderungen angepasst werden, sodass Folgendes gilt: Auf grammatikalische Satzzeichen wurde verzichtet, da diese nicht gesprochen werden können und bereits eine Interpretation des Gesagten bedeuten würden; Wort- oder Silbenbetonungen sind durch Großschreibung gekennzeichnet; in doppelten Klammern wurden Kommentare der Transkripteur*innen eingefügt; Zahlenangaben in einfachen Klammern markieren die Dauer von Sprechpausen in Sekunden. Im Folgenden entstammen Zitate ohne Belege den jeweiligen Transkripten. <zurück>

16) Der Fall Heinz K. wurde im Rahmen des DFG-Projektes und der Buchpublikation vor allem von mir selbst analysiert und dargestellt (MIETHE et al. 2015a, S.100-117). <zurück>

17) Der Fall Klaus L. wurde im Rahmen des DFG-Projektes und der Buchpublikation in erster Linie von meiner Projekt-Kollegin Regina SOREMSKI analysiert und dargestellt (MIETHE et al. 2015a, S.179-195). <zurück>

18) Ob das Verhältnis zur Zeit der hier vorgestellten Individuen bei theoriesensibler Anwendung der BOURDIEUschen Denkwerkzeuge genderperspektivische Unterschiede aufweist, kann in diesem Rahmen leider nicht beantwortet werden. Anna H. kontextualisierte im Interview immerhin selbst wiederholt die Bedeutung ihres Geschlechts, sodass es sich lohnen würde, dies mit BOURDIEU noch einmal gegen den Strich zu bürsten und auch bei den beiden interviewten Männern nach entsprechenden, wohl eher impliziten Hinweisen zu suchen. Es könnte aber bspw. auch gefragt werden, ob die Aussage von Anna H.s Vater, er selbst wolle sich im Falle ihres schulischen Scheiterns "nicht blamieren", möglicherweise auch Ausdruck "männlicher Ehre" (BOURDIEU 2005 [1998], S.52) gewesen ist, die er durch ein Zuwiderhandeln seiner Tochter gefährdet sah. Inwieweit sich in den hier eingeführten Fällen die Art der Ziele, der Zeitpunkt, wann sie formuliert und ggfs. revidiert wurden, die zeitlichen Fluchtpunkte sowie der Verlauf der Prozesse genderperspektivisch jeweils als kontingent oder systematisch beschreiben lassen, könnte jedoch lediglich eine eigenständige neuerliche Analyse des gesamten Samples zeigen. <zurück>

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Zur Autorin

Maja SUDERLAND lehrt am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt soziologische Grundlagen der Sozialen Arbeit sowie Methoden der empirischen Sozialforschung. Ihre Forschungs- und Arbeitsgebiete sind: Praktiken und Strategien sozialer Differenzierung; die Bedeutung zeitlicher Aspekte in der sozialen Welt; Sozioanalyse fiktionaler Literatur als Methode der Soziologie; soziologische Theorien, insbesondere die Soziologie Pierre BOURDIEUs; Soziologie und Nationalsozialismus sowie Holocaust und Verfolgung; Bildung und soziale Ungleichheit; gesellschaftliche Facetten von Gewalt.

Kontakt:

Maja Suderland

Fachbereich Soziale Arbeit
Hochschule Darmstadt – University of Applied Sciences
Adelungstr. 51
D-64283 Darmstadt

Tel.: +49 (0)6151 16 37711

E-Mail: maja.suderland@h-da.de
URL: https://sozarb.h-da.de/fachbereich/lehrende/lehrkraefte-fuer-besondere-aufgaben/maja-suderland/

Zitation

Suderland, Maja (2020). Grundlage einer soziologischen Theorie der Zeitlichkeit? Bourdieus theoretische Denkwerkzeuge als Erkenntnispotenzial für qualitativ-empirische Forschung [94 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 21(2), Art. 13, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-21.2.3472.



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