Volume 9, No. 1, Art. 44 – Januar 2008

Sozialkonstruktionistische Psychologie und ihre praktische Anwendung. Möglichkeiten einer Neuausrichtung

Johannes von Tiling

Zusammenfassung: Der Soziale Konstruktionismus, wie er gegenwärtig vertreten wird, versteht sich vor allem als metatheoretische Alternative zum Positivismus und dient so vielen sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungsansätzen als Bezugspunkt. Dabei verschenkt er sein Potenzial, im Sinne eines psychologischen Forschungsprogramms – welches also Konzepten individueller Handlung und Subjektivität Platz lässt – verstanden zu werden. Um dieses andere Verständnis zu fördern, sollte er u.a. zu einem regeren Austausch mit der Mainstream-Psychologie übergehen. Eine theoretisch tragfähige Konzeption sozialkonstruktionistischer Psychologie kommt außerdem kaum um den Bezug auf neuere Ansätze der Kulturpsychologie herum. Ein entscheidender Vorteil eines so verstandenen Sozialen Konstruktionismus besteht in seinem größeren Potenzial, praktisch-psychologisches Handeln leiten zu können, insbesondere weil die Übertragung eines postmodernen und individualistischen Menschenbilds, die den klassischen sozialkonstruktionistischen Ansätzen implizit ist, vermieden wird.

Keywords: Sozialer Konstruktionismus, Kulturpsychologie, Kritischer Realismus, Narrative Therapie, Angewandte Psychologie

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwischen Erkenntnisphilosophie und psychologischem Forschungsansatz

3. Brücken zwischen Sozialem Konstruktionismus und Mainstream-Psychologie – ein Forschungsbeispiel

4. Theoretische Schritte hin zu einer sozialkonstruktionistischen Psychologie

5. Angewandter Sozialer Konstruktionismus

6. Abschluss

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

"My purpose is not at all to eradicate the positivist program, but to eradicate the grounds by which it is claimed superior to all others. It is when positivistic psychology is our only psychology that we invite suppression, totalitarism, and intellectual and cultural impoverishment"

(GERGEN in MATTES & SCHRAUBE 2004, Absatz 9).

"… constructionism is first an orientation toward knowledge itself. […] Thus, for most constructionists traditional empirical methods are not abandoned; however, because of their many and important limitations, there is an open search for alternative methodologies"

(ebd., Absatz 17).

Sätze wie diese sind von den Vertreter(inne)n des Sozialen Konstruktionismus (im Sinne von BURR 2003; vgl. EDWARDS & POTTER 1992; GERGEN 1994; PARKER 2002) nicht selten zu hören. Wenn man sie liest, könnte man die Vorstellung haben von einem neuen psychologischen Forschungsprogramm, das sich pragmatisch den aktuellen Problemen der Psychologie zuwendet, indem es neue Sichtweisen einbringt, bisher ungestellte Fragen stellt und alternative empirische Herangehensweisen aufzeigt. Man hat tatendurstige Psycholog(inn)en vor Augen, die sich an Diskussionen innerhalb der Psychologie beteiligen, sich mit neuen Entwicklungen auseinandersetzen und sich nachdrücklich dafür einsetzen, dass ihre neue Art, Psychologie zu betreiben, auch in Form praktischer Anwendung verwirklicht wird. [1]

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Aus dem "social constructionist movement in modern psychology", das GERGEN (1985) vor mehr als 20 Jahren ausrief, ist keine Bewegung geworden, erst recht keine innerhalb der Psychologie. Irgendwo an der Grenze zwischen Psychologie, Sozial- und Kulturwissenschaften führt der Soziale Konstruktionismus ein Schattendasein. Von der akademischen Psychologie nahezu völlig getrennt, flüchtet er sich in Forschungsbereiche, in denen "soziale Konstruktion" seit Jahrzehnten so selbstverständlich Forschungsgegenstand ist, dass oft gar kein Begriff dafür vorhanden bzw. benötigt wird. Zwar mag es eine gewisse "untergründige" Wirkung geben, die sozialkonstruktionistische Thesen auf die "background assumptions for inquiry" (GERGEN in MATTES & SCHRAUBE 2004, Absatz 7) auch der Psychologie haben. Man verschenkt aber – und dies ist meine erste These, die ich z.B. mit LAUCKEN (1995) teile – viel Potenzial der sozialkonstruktionistischen Denkweise, wenn sie nur im Sinne einer postmodernen Wissenschaftstheorie zur Geltung kommt. Eine sozialkonstruktionistische Psychologie muss (weiter-)entwickelt werden (VON TILING 2004).

"Die sozialkonstruktivistische/diskursive Psychologie darf, will sie Psychologie bleiben und nicht Soziologie oder Ökonomie werden, diesen Verzicht auf Einbeziehung subjektiver Faktoren nicht leisten. Sie mag mit der These der Sozialgenese subjektiver Größen übereinstimmen, doch nicht mit der These deren explanativer Irrelevanz für die Erklärung sozialer Prozesse ..." (LAUCKEN 1995, S.192-193). [2]

Diese erste These werde ich in den folgenden Abschnitten begründen und ausdifferenzieren. Zunächst plausibilisiere ich sie im Kontext aktueller sozialkonstruktionistischer Diskussionen (Abschnitt 2). Dann versuche ich aufzuzeigen, wie Erkenntnisse der Mainstream-Psychologie sozialkonstruktionistisch reinterpretiert und durch eigene empirische Bemühungen bereichert und erweitert werden können, ohne dass der eigene theoretische Standpunkt aufgegeben werden muss (Abschnitt 3). Schließlich gehe ich auf einige theoretische Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer sozialkonstruktionistischen Psychologie ein (Abschnitt 4). Im abschließenden Abschnitt 5 entwickle ich dann meine zweite These, in der es um das Anwendungspotenzial eines so verstandenen Sozialen Konstruktionismus geht. [3]

2. Zwischen Erkenntnisphilosophie und psychologischem Forschungsansatz

Ein wichtiger Grund dafür, dass die Sozialkonstruktionist(inn)en sich, wie eingangs behauptet, noch nicht so tatkräftig in Szene gesetzt haben, könnte in ihrer ausgeprägten Neigung zu metatheoretischen Debatten liegen. Wiewohl als Reaktion auf eine oftmals atheoretische, empiristische Mainstream-Psychologie durchaus verständlich, verbauen sie sich so wichtige Entwicklungsmöglichkeiten. Denn wer kann beispielsweise schon als Sieger hervorgehen aus einer Debatte, in der die eine Seite postuliert, alles auf der Welt sei "nur" sozial konstruiert und nichts "wirklich da", während die andere Seite vorschlägt, man solle zumindest einigen "materiellen" Dingen den Status des Vorhandenseins zubilligen und diese von einer gewissermaßen übergestülpten Ideologie bzw. Kultur trennen? Dieses Spiel ist als "Relativismus-Realismus-Debatte" bekannt und wurde vor allem in den 1990er Jahren in Großbritannien zur Vollendung gebracht (zusammengetragen z.B. bei PARKER 1998), erfreut sich aber auch in jüngster Zeit noch großer Beliebtheit (vgl. etwa die jüngsten Angriffe von RATNER [2004] auf GERGEN [in MATTES & SCHRAUBE 2004] in FQS). [4]

Ich will an dieser Stelle nicht behaupten, eine (Schein-) Lösung zu haben für die dahinterstehenden erkenntnistheoretischen Probleme. Meiner Auffassung nach handelt es sich schlichtweg um eine Geisterdebatte – jedenfalls für diejenigen, die mehr an psychologischer Erkenntnis interessiert sind als an erkenntnisphilosophischer Reflexion. Das fängt bei der seltsamen binären Unterscheidung zwischen "nur konstruiert" und "objektiv vorhanden" an, die einige Sozialkonstruktionist(inn)en paradoxerweise als Materialist(inn)en erscheinen lässt. Diese Unterscheidung kann die Psychologie kalt lassen, weil ihre Gegenstände – sei es das klassische Erleben und Verhalten von Menschen oder seien es soziale und kulturelle Phänomene – offenkundig immer mehr oder weniger das Resultat sprachlich-kultureller Strukturen und Prozesse sind. Ontologische Setzungen sind immer vorläufig, sind immer Gegenstand von Kritik und Gegenkritik. Nichtsdestotrotz muss jede Wissenschaft sie machen – auch wenn manche Sozialkonstruktionist(inn)en allerhand Rhetorik darauf verwenden, so zu tun, als machten sie selbst sie nicht. Vermutlich würden sich Relativist(inn)en und Realist(inn)en, wenn sie sich erst einmal eine konkrete Fragestellung vornähmen, schnell darüber einig, was man vorerst als gegenständlich setzt (um überhaupt Wissenschaft betreiben zu können) und wessen soziale Konstruierung man erforschen will. [5]

Die wirklich interessanten Fragen ergeben sich erst danach: Inwieweit sind Phänomene sozial konstruiert? Wie funktioniert soziale Konstruktion genau? Wie interagieren Menschen mit Diskurs(en), mit Wissen, mit Wissenschaft, wie "reagieren" sie auf sie? Gibt es Wissensbestände, die für Menschen besonders schädliche Auswirkungen haben? [6]

Nun ist es ja nicht so, dass der Soziale Konstruktionismus zu diesen Fragen keine Meinung hätte. GERGEN zum Beispiel führt des Öfteren das Beispiel an, die Vorstellung eines individuellen, privaten Selbst habe verheerende ("devastating", GERGEN 2004 in MATTES & SCHRAUBE, Absatz 22) Folgen für den Menschen. Der Streit zwischen Realist(inn)en und Relativist(inn)en gewinnt – paradoxerweise – durch ähnliche Überlegungen über psychische Auswirkungen diskursiver Prozesse erst an Schärfe (und an Verkaufsträchtigkeit): Der relativistische Diskurs, sagen die Realist(inn)en (z.B. PARKER 2002), führe die Menschen in ein moralisches Chaos; die realistische Botschaft, sagen die Relativist(inn)en (z.B. GERGEN in MATTES & SCHRAUBE 2004), mache die Menschen unfrei und abhängig. Wird die Welt eher an Meinungspluralität genesen, oder doch eher an gemeinsamer Wahrheitssuche? Leider bleibt man zumeist bei dieser Abstraktionsstufe des Fragens stehen (was eher an eine Politik-Talkshow über "Multi-Kulti versus Leitkultur" erinnert als an Wissenschaft) – und bemüht sich nicht um eine differenzierte empirische Klärung. [7]

Gegenwärtig ist der Soziale Konstruktionismus demnach, soweit ich ihn richtig im Blick habe, häufig nicht viel mehr als ein Glasperlenspiel, gekennzeichnet durch mehr oder weniger tiefsinnige Debatten ohne empirischen oder Alltagsbezug. Würde man einmal wichtige mit Hilfe des Sozialen Konstruktionismus gewonnene Erkenntnisse oder auch nur wirklich gelungene empirische Studien auflisten – man wäre vermutlich schnell damit fertig. [8]

Ob dies nun als positiv oder negativ bewertet wird, hängt vor allem davon ab, als was der Soziale Konstruktionismus verstanden wird: Als Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, die aufzeigt, dass jeder Erkenntnisprozess maßgeblich (oder gar ausschließlich) von kulturellen und sozialen Faktoren bestimmt ist? Dann kann er so bleiben wie er ist. Oder als psychologischer Forschungsansatz, der den Anspruch hat, jenseits aller Wissenschaftskritik selbst empirische Wissenschaft zu wagen; der sich nicht damit zufrieden gibt, wissenschaftliche Konstruktionen zu "dekonstruieren", sondern das Entstehen und Wirken alltäglicher Konstruktionen erforscht – und dieses Entstehen und Wirken (auch) als ein psychologisches versteht; der sich zum Ziel setzt, den naiven Diskurssklaven, die "empty person" (BURR 2003, S.119), die der Soziale Konstruktionismus aus Angst vor jedweder Festlegung kreiert hat, mit Inhalt zu füllen? Dann muss er verändert werden. Im nächsten Abschnitt werde ich meine Vorstellungen über eine solche Veränderung anhand eines praktischen Forschungsbeispiels näher erläutern. [9]

3. Brücken zwischen Sozialem Konstruktionismus und Mainstream-Psychologie – ein Forschungsbeispiel

Kehren wir zum eingangs zitierten Anspruch GERGENs zurück, seinen Sozialen Konstruktionismus gar nicht als letztgültige Wahrheit verstehen zu wollen, sondern anderen Strömungen innerhalb der Psychologie ebenso ihre Berechtigung einzuräumen. Wie ist dann zu verstehen, dass Sozialer Konstruktionismus und Mainstream-Psychologie vollständig separiert voneinander forschen und publizieren? Ist diese strikte Abgrenzung von der "devastating" (s.o.) Psychologie notwendig, damit die "reine Lehre" GERGENs nicht verwässert wird? Oder ist sie nicht eher nur hilfreich dabei, die Kontrahent(inn)en aus dem Mainstream-Lager wortreich und ausgiebig zu kritisieren? [10]

Unbestritten ist, dass die derzeitige Ausrichtung der Psychologie kritisiert werden muss. Aber es reicht nicht, sich mit Kritik allein zufrieden zu geben, zumal die meisten Kritikpunkte schon seit Jahrzehnten geäußert werden. Eine Alternative zum Entwurf der Mainstream-Psychologie, die also trotzdem noch Psychologie ist (und nicht Sprach- oder Kulturwissenschaft), tut wie gesagt not. Zu diesem Zweck ist es meines Erachtens zunächst einmal sinnvoll, den tiefen Graben zwischen beiden Lagern zu beseitigen. Warum sollten die Sozialkonstruktionist(inn)en nicht (auch) in der Mainstream-Psychologie nach interessanten Konzepten und Forschungsbereichen suchen, die den Horizont der eigenen Herangehensweise erweitern oder wenigstens ergänzen? Damit sei keinem blinden Eklektizismus das Wort geredet – wohl aber einem durchdachten, theoretisch stimmigen. [11]

Ich will ein Beispiel aus meiner eigenen Forschungspraxis geben. Es gibt in der Pädagogischen Psychologie eine stetig wachsende Forschungsrichtung, die Motivations- und Leistungsunterschiede zwischen Schüler(inne)n auf sogenannte "Implizite Theorien" über Intelligenz zurückzuführen versucht. In zahlreichen Studien konnte in der Tat die Bedeutung der subjektiven Auffassung nachgewiesen werden, ob Intelligenz etwas Veränderbares ist oder nicht. Schüler(innen), die an eine stabile, angeborene Intelligenz glauben, reagieren nach Misserfolg verzweifelt und hilflos, während solche mit dynamischer Intelligenztheorie Misserfolg eher durch vermehrte künftige Anstrengung offensiv beantworten und langfristig damit Erfolg haben (DWECK 1999; DWECK & MOLDEN 2005; MOLDEN & DWECK 2006). [12]

Sozialkonstruktionist(inn)en können hier natürlich aus unterschiedlichen Gründen die Nase rümpfen. Schon das Konzept der Impliziten Theorie (im deutschen Sprachraum auch als "Subjektive Theorie" bekannt) zeugt offenkundig von einem naiven Subjektivismus und Individualismus. Der Diskurs über Intelligenz und ihre Bedeutung für den Lernerfolg wird kurzerhand in den Kopf des oder der einzelnen verlegt, so als handele es sich um eine naturgegebene, stabile Disposition. Noch dazu wird, grob vereinfachend, überhaupt nur zwischen zwei Intelligenztheorien unterschieden, nämlich einer "Veränderbarkeitstheorie" ("incremental theory") und einer "Unveränderbarkeitstheorie" ("entity theory"). [13]

Diese Kritikpunkte sind sicherlich nicht leicht von der Hand zu weisen. Bei näherer Betrachtung der empirischen Studien ist aber bemerkbar, dass sich jenseits aller konzeptuellen Schwächen einige Erkenntnisse finden lassen, die für sozialkonstruktionistische Ohren wesentlich harmonischer klingen. So werden etwa die erwähnten Impliziten Theorien nicht nur per Fragebogen als Disposition erfasst und korrelativ zu anderen Merkmalen in Beziehung gesetzt, sondern sie werden auch als von außen einwirkender Diskurs verstanden: Den Proband(inn)en werden in derlei Studien Zeitschriftenartikel gegeben, die Intelligenz als stabil bzw. veränderbar beschreiben. Auch hier – ebenso wie bei Interventionsmaßnahmen, in denen den Schüler(inne)n die "incremental theory" noch intensiver und direkter gelehrt wird – zeigten sich die pädagogisch höchst relevanten Auswirkungen auf Motivation und Leistung, und zwar sowohl anhand von Fragebogen- als auch von Verhaltensdaten (vgl. als Überblick DWECK & MOLDEN 2005). So waren etwa Proband(inn)en, die zehn Minuten lang von der genetischen Determination der Intelligenz gelesen hatten, in höchst signifikanter Weise seltener dazu bereit, nach einem Misserfolg bei einer anschließenden Problemlöseaufgabe ein kognitives Training in Anspruch zu nehmen als diejenigen, denen Intelligenz als veränderbar nahegebracht worden war (HONG, CHIU, DWECK, LIN & WAN 1999). Für den deutschen Sprachraum und mittels aktueller neurowissenschaftlicher Diskurse – Stichworte: bildgebende Verfahren, neuronale Plastizität – konnte ich diese Ergebnisse bereits replizieren. In ähnlicher Weise konnte jüngst (übrigens unter großem Medien-Echo) gezeigt werden, dass Frauen, denen Essays über eine angebliche weibliche Mathematik-Inkompetenz gegeben worden waren, auch tatsächlich schlechtere Mathematikleistungen erbrachten (DAR-NIMROD & HEINE 2006). [14]

Nun muss fairerweise eingeräumt werden, dass die zitierten Publikationen nicht explizit von Intelligenzdiskursen etc. sprechen. Vielmehr erfolgten die Studien zumeist aus eher methodischen Gründen (d.h. es sollte auf diese Weise lediglich die kausale Wirkungskraft der Impliziten Theorien mittels experimentellem Design unter Beweis stellen). Dennoch sind die Ergebnisse interessant für alle, die sich für das Zusammenspiel von Diskurs und Verhalten interessieren; ihre theoretische Bedeutung lässt sich ja leicht re-interpretieren. [15]

Gleichwohl muss man an dieser Stelle nicht stehen bleiben. Der nächste Schritt besteht nun darin, eine eigene, über den Mainstream-Ansatz hinausgehende Untersuchung durchführen. Bei der vorliegenden Thematik sieht das wie folgt aus: In ein und derselben Untersuchung wird nicht nur der Intelligenzdiskurs (mittels eines fingierten Spiegel-Artikels) "hergestellt", es werden nicht nur Fragebogendaten erhoben, nicht nur Verhaltensdaten (z.B. der Emotionsausdruck nach einer Leistungsrückmeldung) aufgezeichnet, sondern es wird auch gezielt untersucht, auf welche Weise sich die Proband(inn)en den Spiegel-Artikel verständlich machen und sich dessen Aussage aneignen. Dies bringe ich in meiner gerade abgeschlossenen Studie dadurch zu Wege, dass ich je zwei Proband(inn)en gleichzeitig untersuche und ihnen auftrage, einige Fragen zum Intelligenz-Artikel zu beantworten und darüber laut zu diskutieren. Die Diskussion wird auf Video aufgezeichnet und nachher auf die "quantitativen" Daten hin bezogen. Auf diese Weise ist es möglich, nicht nur die Wirkung des Intelligenzdiskurses zu beschreiben und zu quantifizieren, sondern auch den Prozess näher zu erforschen, der diese Wirkung hervorbringt. [16]

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass die Mainstream-Psychologie selbstverständlich nicht das einzige ungenutzte Potenzial für eine sozialkonstruktionistische Psychologie darstellt. Ein weiteres – die Entwicklung des Internet zum Alltagsmedium – will ich hier nur kurz ansprechen. Das Internet birgt deswegen enorme Chancen, weil es eine Fülle von Daten über zwischenmenschliche, ja intime Interaktionen gewissermaßen frei Haus liefert, die nur darauf warten, mit psychologischen Konzepten – etwa generiert aus Interviewdaten – in Beziehung gesetzt zu werden. Dass das Internet nicht mehr "nur etwas für Freaks", sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, zeigt etwa der Siegeszug der Online-Partnerbörsen. Die Kultursoziologin Eva ILLOUZ (2006) rekonstruiert aus Interviewdaten auf brillante Art und Weise, wie derlei Partnerbörsen die Ökonomisierung von Paarbeziehungen in ein ungekanntes Ausmaß vorantreiben. Der Nutzer/die Nutzerin kann bzw. muss in einem solchen Portal zwischen abertausenden individuellen Profilen wählen, deren objektivierte Profildaten vergleichen, diese zum eigenen Profil in Beziehung setzen, um schließlich eine nach Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten optimale Entscheidung zu treffen. ILLOUZ' Analyse ist einerseits so zwingend, dass sie andererseits nach tieferer empirischer Fundierung verlangt. Eine sozialkonstruktionistische Psychologie müsste also ILLOUZ' Interviewdaten in Beziehung setzen mit den konkreten Online-Daten der Interviewten: Wie müssen bzw. wollen sich Menschen auf einem riesigen anonymen Liebesmarkt "verkaufen", was fühlen sie dabei, welche Auswirkungen hat dies auf ihre Vorstellungen über, ihre Präferenzen hinsichtlich und ihr Verhalten in Liebesbeziehungen? Kein Forschungsansatz könnte diese hochinteressanten Fragen besser untersuchen als eine sozialkonstruktionistische Psychologie. [17]

4. Theoretische Schritte hin zu einer sozialkonstruktionistischen Psychologie

"Wohl läßt sich das 'Ich' als eine soziale Konstruktion verstehen, aber deshalb ist es noch keine Illusion."

(HABERMAS 2004, S.35)

Die Idee, den Sozialen Konstruktionismus zu entideologisieren, ihn seiner geradezu wissenschaftsfeindlichen Radikalität, die fast schon an Verschwörungstheorien erinnert, zu entledigen und ihn in die Psychologie zurückzuführen, ist keineswegs neu. Schon in den 1980er Jahren bildete sich unter dem Begriff "discursive psychology" (z.B. EDWARDS & POTTER 1992) eine erste Gegenbewegung zu GERGENs Ansatz heraus, die sich vor allem über eine exakte empirische (hier vor allem konversationsanalytische) Herangehensweise definierte und sich so von GERGENs eher offenem Methodenverständnis abgrenzte. Weil sie jedoch an dessen relativistischer und psychologiefeindlicher Grundeinstellung festhielt, kam es zu einer zweiten "Dekonstruktion" des Sozialen Konstruktionismus. Eine Gruppe um Ian PARKER (z.B. 2002; PARKER & THE BOLTON DISCOURSE NETWORK 1999; vgl. VON TILING 2004, Kap. 3.1) setzte sich mit Bezug auf den FOUCAULTschen Diskursbegriff für einen "critical realism" ein, gemäß dessen psychische Phänomene zwar immer noch als "konstruiert" relativiert werden müssen, jedoch nicht mehr als von rein sprachlichen Aushandlungsprozessen abhängig gesehen, sondern auf "wirklich existierende" soziale und kulturelle Tatsachen zurückgeführt werden. Benannt wurden diese Tatsachen dann meist in MARXistischer oder FOUCAULTscher Sprache. [18]

Die dritte Neupositionierung betrifft nun die Frage, ob der Soziale Konstruktionismus nicht stärker als Psychologie (und weniger als pauschale Psychologiekritik) verstanden werden könnte. Wiewohl es in PARKERs Umfeld auch bereits Tendenzen in diese Richtung gibt (etwa NIGHTINGALE & CROMBY 1999), sind es besonders neuere kulturpsychologische Ansätze, die dies konsequent zu Ende denken. Dabei wird gewissermaßen der Versuch unternommen, radikale Spielarten des Sozialen Konstruktionismus mit eher individuumszentrierten Ansätzen der Kulturpsychologie zu verschmelzen in Richtung einer gewissermaßen "gemäßigten", empirisch handhabbaren Form sozialkonstruktionistischer Psychologie (vgl. ZIELKE 2004). Wiewohl sich diese Entwicklung auch im deutschen Sprachraum vollzieht (etwa bei LAUCKEN 2000; STRAUB 1999), soll als Beispiel hier der wohl populärere Ansatz Carl RATNERs (zuletzt 2006) dienen, der in vielerlei Hinsicht (Bezüge auf MARX, VYGOTSKY und FOUCAULT sowie auf BHASKARs "critical realism") mit PARKERs vergleichbar ist, jedoch den Schritt hin zu einer offen empirisch-psychologischen Ausrichtung wagt. Wiewohl RATNER den prägenden Einfluss gesellschaftlicher und sozialer Kräfte auf die individuelle Psyche betont, gesteht er ihr gleichzeitig ein Eigenleben zu. Dass innerpsychische Vorgänge "nur" sozial konstruiert sind, impliziert eben keineswegs, dass sie nicht auch eine Wirkung entfalten und – unabhängig von den kulturellen Einflüssen, die für sie verantwortlich sind – Verhalten bestimmen. Ein paar programmatische Zitate sollen dies illustrieren.

"Cultural factors are envisioned and maintained by subjective processes such as thinking, perceiving, emotions, and motives. However, the products that subjectivity produces reciprocally structure it. [...] Because macro cultural factors are the means by which humans survive and fulfill themselves, psychological phenomena must be devoted to constructing, maintaining and refining them. [...] These psychological phenomena must have a form and content that is congruent with the form and content of the macro factors they construct, maintain, and refine" (RATNER 2006, S.13-14).

"Psychological phenomena have the properties of a macro cultural factor. They are socially constructed and shared; they are artifacts rather than natural phenomena; they are emergent formations that transcend individual processes, although they certainly depend on individual processes" (ebd., S.116).

"Psychological phenomena are distinctive and need to be investigated in their own right. They cannot be presumed, or read off from, macro cultural factors. Macro cultural psychology is not sociology. It does not diminish or abandon psychology by reducing it to macro factors. An emotion is not a social institution. Although emotions have a form and content that derives from social institutions, emotions are distinct" (ebd., S.23). [19]

So ist das Gefühl der Angst zunächst einmal ein privates, individuelles Phänomen und kann auch nur als solches empirisch angegangen werden. Untrennbar mit dem Angstgefühl verbunden ist aber der kulturelle Stellenwert von Angst, der "Angstdiskurs", der angibt, wann und wovor man Angst haben kann, darf und soll. Weder macht es Sinn, sich in der Art der Mainstream-Psychologie auf das Angstgefühl zu beschränken und alles andere als "äußere Einflussfaktoren der Angst" abzutun, noch ist es ratsam, sich damit zufriedenzugeben, Ratgeberliteratur, Alltagsgespräche oder Fernsehwerbung zum Thema Angst zu untersuchen. Beides muss zusammengedacht werden: Wie reagieren Menschen in der konkreten Situation auf die Lektüre des Angstratgebers? Wie hängen konkrete kulturelle Darstellungsformen der Angst mit individuellem Angsterleben zusammen? [20]

Dass RATNERs Ansatz diesen Fragen gewachsen ist, wird, wie ich oben bereits begründet habe, überdies dadurch wahrscheinlicher, dass er "does not necessarily reject mainstream research", sondern "reinterprets data and conclusions produced by mainstream psychologists" (RATNER 2006, S.20). Eine andere Frage ist freilich, ob RATNERs theoretische und konzeptuelle Mittel ausreichend sind für seine programmatisch geäußerten Ziele. Meines Erachtens sind seine allgegenwärtigen "macro cultural factors" zwar recht griffig, aber letztlich doch nicht hinreichend klar definiert, um die komplexe Beziehung zwischen kultureller und psychischer Ebene einzufangen. Sie könnten etwa sinnvoll ergänzt werden durch HARRÉs stärker auf solche mikrosozialen Prozesse bezogene Theorie des "positioning" (HARRÉ & VAN LANGENHOVE 1999), die gewissermaßen quer liegt zu den oben beschriebenen klassischen sozialkonstruktionistischen Schulen. Der Begriff des Positionierens veranschaulicht gut die wechselseitige Abhängigkeit von kulturellen Bedeutungssystemen und individuellen Handlungsmöglichkeiten. Kultur misst dem Tun einer Person immer schon eine Bedeutung zu, die der/die einzelne nicht beeinflussen kann; umgekehrt aber steht es dem oder der einzelnen auch immer mehr oder minder frei, unter den verfügbaren kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten gezielt auszuwählen und sie mithin auszunutzen. Positioniertwerden und Positionieren sind demnach zwei Seiten einer Medaille. [21]

Auch für RATNERs sozialphilosophische Ausrichtung gibt es bedenkenswerte Alternativen. Ich habe in einer anderen Arbeit (VON TILING 2004) zu zeigen versucht, warum ich hier die Anerkennungstheorie Axel HONNETHs (1992, 2003) für weitaus angemessener halte als die sehr verbreitete MARXistische oder FOUCAULTsche Ausrichtung. Soziale Anerkennung ist das theoretische Konzept, das überhaupt erst die Beziehung zwischen Kultur und Individuum inhaltlich konkretisiert, mithin also den Grund angibt, weshalb Individuen innerhalb einer geteilten Kultur leben wollen, am Diskurs teilnehmen wollen etc.. Anerkennung kann somit als "soziale Währung" einer Kultur gedacht werden, d.h. Kultur legt die Regeln fest, für welche Handlungen sich die Diskursteilnehmer(innen) sozial anerkannt (geliebt, wertgeschätzt, respektiert) wissen können. HONNETHs Ansatz erscheint überdies auch bestens dazu geeignet, die Anwendung sozialkonstruktionistischen Wissens zu ermöglichen, die nun wie gesagt meine zweite These betrifft und um die es im Folgenden gehen soll. [22]

5. Angewandter Sozialer Konstruktionismus

Während sich Sozialkonstruktionist(inn)en häufig Gedanken machen über die Möglichkeit, mit Hilfe ihres Ansatzes Kritik an sozialen Zuständen zu üben, wird eher selten thematisiert, wie er im Sinne einer "Angewandten Psychologie" in Beratungsstellen, Kliniken, Schulen oder Betrieben praktisch nutzbar gemacht werden kann. Diese Zurückhaltung ist wohl auf verschiedene Vorbehalte gegen die Idee der "Anwendung" zurückzuführen (vgl. WILLIG 1999). Erstens: Weil alles Wissen kontextspezifisch ist, lässt sich einmal gewonnenes Wissen nicht auf konkrete Situationen übertragen. Zweitens: Die Ergebnisse angewandter Forschung können in ihrer Wirkung ohnehin nicht kontrolliert werden, sondern werden oft sogar von mächtigen sozialen Gruppen missbraucht. Drittens: Weil sich psychologische Interventionen immer auf vorfindliche alltagspsychologische Kategorien stützen müssen, die definieren, was weswegen "behandlungsbedürftig" ist, können sie kaum umhin, diese Kategorien und ihre oftmals schädliche Wirkung weiter zu bestärken bzw. zu verdinglichen ("reification"). [23]

Für meine Argumentation ist vor allem der dritte Einwand relevant. Beim Studium einschlägiger Literatur habe ich nicht selten den Eindruck, dass Sozialkonstruktionist(inn)en einerseits mit Vorliebe kritisieren, wie die "devastating" individualistischen Diskurse die Alltagspsychologie der Menschen "verseuchen", andererseits jedoch in Sprach- und Hilflosigkeit verfallen, sobald sie mit einem solchen "individualistisch verseuchten" Menschen direkt interagieren sollen. Auf diese Art mit der Alltagsrealität konfrontiert, dürften Sozialkonstruktionist(inn)en plötzlich unangenehme Fragen zu Bewusstsein kommen: Mit welchen Mitteln kann ich diesen Menschen von seiner eingeengten individualistischen Sichtweise befreien? Welche neue Sichtweise soll ich ihm oder ihr anbieten? Und wie legitimiere ich überhaupt eine solche Intervention? [24]

Die klassische Antwort lautet – hier am Beispiel klinisch-psychologischer Beratung und Therapie – etwa so: Ansatzpunkt für die Behandlung ist die Verengtheit bzw. Einseitigkeit des Weltbilds der Betroffenen: "change in therapy is the dialogical creation of new narrative, and therefore the opening of opportunity for new agency" (ANDERSON & GOOLISHIAN 1992, S.28). Dafür ist es notwendig, dass Therapeut(inn)en keinerlei theoretische Vorannahmen über das Problem ihrer Klient(inn)en haben, ja generell eine "position of not-knowing" (ebd.) einnehmen, die sich neugierig und unvoreingenommen gegenüber den Auskünften der Klient(inn)en zeigt. "Die Berücksichtigung vieler Sichtweisen", so wird angenommen, ermöglicht den Klient(inn)en "mehr Flexibilität" und "neue Handlungsmöglichkeiten", weil dieses "neue Bewusstsein der Konstruktion", gemäß dessen sich "die Wahrheit in der Angelegenheit" als "eine Wahrheit" herausstellt, als "Befreiung" empfunden wird (GERGEN 2002, S.218). [25]

Diese "befreiende Wirkung" der Einführung neuer, gleichzeitig gültiger Sichtweisen auf das Problem wird zumeist einfach angenommen, jedenfalls nicht näher diskutiert. Dabei liegen zahlreiche kritische Einwände auf der Hand. Ist nicht die Sichtweise, dass es viele gleichberechtigte Sichtweisen gibt, auch eine Sichtweise? Und wirkt diese Sichtweise nicht selbst äußerst individualisierend, mithin äußerst "devastating", weil sie den Menschen von Gewissheiten, sozialen Gemeinsamkeiten, lieb gewonnenen Glaubenssätzen befreit? Könnte es nicht sein, dass Menschen diese Art von Freiheit eher als Freisetzung, als "Freiheit von" erleben, denn als Befreiung bzw. "Freiheit zu"? Die soziologische Individualisierungsforschung (z.B. BECK & BECK-GERNSHEIM 1994; HONNETH 2002) liefert hier zahlreiche Hinweise. Nebenbei sei noch auf das theoretische Problem dieser Anwendungskonzeption hingewiesen, dass Freiheit im Sinne einer selbstbestimmten Wahl zwischen Handlungsmöglichkeiten in den klassischen sozialkonstruktionistischen Ansätzen ohnehin keinen Platz hat. [26]

Die kritische Reflexion solcher möglichen Probleme ist aber kaum zu finden, schon gar nicht deren empirische Prüfung. Nicht zum ersten Mal drängt sich mir als neutralem Betrachter des Sozialen Konstruktionismus (als den ich mich verstehe) der Ideologieverdacht auf. [27]

Dabei halte ich den Sozialen Konstruktionismus prinzipiell für sehr geeignet, eine alternative Angewandte Psychologie zu initiieren. Anders als die herkömmliche Angewandte Psychologie kann er sich doch auf eine Grundlagenforschung stützen, die nicht "excludes as much of the outside world as possible" (HOWITT 1991, S.3). Er betrachtet Menschen von vornherein in ihrer konkreten Lebensumwelt, in all ihrer zeitspezifischen kulturellen Aufgeladenheit, oder, in HOWITTs Worten, "within a social world which is sociopolitical in nature with profound moral concerns" (ebd.), und braucht daher nicht eigentlich "angewandt", sondern nur in bestimmte Kontexte "umgesetzt" bzw. spezifiziert zu werden (vgl. HOWITT 1991; WILLIG 1999). [28]

Wie könnte aber eine sozialkonstruktionistische Angewandte Psychologie aussehen, die sich von jener Befreiungsideologie abgrenzt? In der bisherigen Diskussion ist schon einige Male implizit deutlich geworden, dass zunächst einmal eines gegeben sein muss, um sinnvoll Angewandte Psychologie betreiben zu können: Man muss die Alltagspsychologie der Menschen kennen, mit denen man arbeitet. Ähnlich wie sich der Soziale Konstruktionismus der Mainstream-Psychologie nicht kategorisch verschließen sollte, so kann dessen Anwendung nicht umhin, die implizite Psychologie bestimmter sozialer Gruppen oder Kulturen zu erforschen. Ebenso wie es erforderlich ist, die Muttersprache von Menschen zu kennen, um ihnen eine Fremdsprache beizubringen, ist es für die erfolgreiche Anwendung sozialkonstruktionistischen Wissens unerlässlich, ihre grundlegenden Denk- und Verhaltensmuster zu kennen. [29]

In einem zweiten Schritt kann dann untersucht werden, inwieweit die psychologischen Aussagen des Sozialen Konstruktionismus sich von dieser Alltagspsychologie unterscheiden und wie beide Wissenssysteme auf einen Nenner zu bringen sind. Inwieweit ist etwa die Vorstellung, dass Menschen Dinge nie objektiv, sondern nur sprachlich-kulturell vermittelt wahrnehmen, kompatibel mit den Alltagstheorien und -gewohnheiten der Menschen? Inwiefern hat RATNER recht, wenn er postuliert: "Despite ideological denials, all of us are realists" (RATNER 2006, S.233)? [30]

In diesem Zusammenhang würde es auch Sinn machen, grundlegend zu untersuchen, wie Menschen mit der Botschaft des Sozialen Konstruktionismus zurechtkommen. Macht es beispielsweise Sinn, dem "Mann oder der Frau auf der Straße" einfach eine Broschüre über diese Botschaft in die Hand zu drücken, auf dass er oder sie sich auf der Stelle befreit fühle und die neuen Handlungsmöglichkeiten begierig nutze? Oder muss vielleicht ein wenig indirekter vorgegangen werden, um nicht die erwähnten individualisierenden Nebenwirkungen zu riskieren? Dies sind Fragen, die meines Wissens kaum je empirisch beantwortet worden sind. In meiner oben angesprochenen eigenen Untersuchung gehe ich ihnen – in begrenztem Umfang – auch nach. In den erwähnten Zeitschriftenartikeln verwende ich nämlich die Metapher der sozialen Konstruktion, beispielsweise indem ich postuliere, dass sich "das Konzept einer stabilen Intelligenz als soziale Konstruktion" herausgestellt habe. Die qualitativen Daten (s.o.) könnten hier also vielleicht schon einigen Aufschluss geben; die angesprochenen quantitativen Daten zeigen ja bereits, dass die Konstruktionsmetapher durchaus wirksam sein kann bei der Erhöhung der Lernmotivation und der Reduktion von Hoffnungslosigkeit und Scham. [31]

Das Beispiel zeigt, dass es in einigen Fällen tatsächlich ausreichen kann, die soziale Konstruktion problemauslösender "Wahrheiten" (wie die der stabilen Intelligenz) einfach nur anzusprechen, zu postulieren, ihrerseits als "wahr" hinzustellen. Es ist jedoch kaum davon auszugehen, dass diese Vorgehensweise immer erfolgreich ist. Häufig, so ist zu vermuten, wird es erforderlich sein, indirekter zu verfahren. Ein Musterbeispiel dieses indirekten Wegs sehe ich in dem von WHITE und EPSTON (1990) entwickelten Ansatz der "narrative therapy", dessen wichtigste Merkmale ich im Folgenden kurz skizzieren will. [32]

Für WHITE und EPSTON besteht der wichtigste Ansatzpunkt einer Psychotherapie darin, "Gegenpraktiken zu kulturellen Praktiken" zu schaffen, "die Menschen und ihre Körper objektivieren" (1990, S.82). Die von FOUCAULT beschriebene institutionelle Zurichtung auf Individualität und Selbstsorge muss durch neuartige Sichtweisen torpediert werden. So wie jene Zurichtung sich im Alltag der Menschen darin äußert, dass sie ihr Verhalten an bestimmten Erzählungen bzw. Geschichten ausrichten, die eine individualistische Sicht der Dinge verlangen, so muss Therapie Maßnahmen entwickeln, die die Klient(inn)en alternative Geschichten finden lassen. Bei der wichtigsten solcher Maßnahmen, der "Externalisierung", wird versucht, "als bedrückend empfundene Probleme zu objektivieren" (WHITE & EPSTON 1990, S.55). Das vorgebrachte Problem wird gemeinsam so erlebensnah wie möglich definiert und mit einem objektivierenden Label versehen, etwa "die Traurigkeit". Die Therapeut(inn)en fragen nach dem Einfluss der Traurigkeit auf das Leben der Klient(inn)en (und ihrer Beziehungen) und umgekehrt nach dem Einfluss der Klient(inn)en (und ihrer Beziehungen) auf das "Leben" der Traurigkeit. Den Klient(inn)en wird also gestattet, das, was sie bedrückt, nicht mehr sich selbst zuzurechnen; vielmehr können sie nun offen mit dem sie Bedrückenden "in Dialog treten" und herausfinden, wie sie sich gegen es zur Wehr setzten können. Das Problem betrifft sie zwar weiterhin, aber es ist nicht mehr in ihrer alleinigen Verantwortung, ist nicht mehr "hausgemacht", wie es vorherrschende individualistische Diskurse nahelegen. Die Vorzüge dieser erlebensnahen und gleichzeitig individuumsfernen Problembeschreibung fasst BARCLAY sehr treffend zusammen:

"By avoiding psychopathological discourse, problems are more likely to be conceptualized as socially constituted. Narrative therapy helps individuals understand their responsibility in the continuation, or exacerbation, of a problem that often has its source outside of themselves. As a result, the problem is influenced by a person and influences a person, but is not identifiable with, or 'inside' a person, as traditional psychotherapeutic discourse has it" (BARCLAY 2001, S.275). [33]

Die Narrative Therapie setzt den Klient(inn)en also einerseits einen konkreten Rahmen, innerhalb dessen sie ihr Problem "sozial" (re-)konstruieren können. Andererseits belässt sie es aber auch bei dieser Rahmenvorgabe, indem sie es den Klient(inn)en selbst überlässt, wie er oder sie den Einfluss zwischen eigener Person, externalisiertem Problem und sozialer Umwelt einschätzt. Damit wird nicht nur die in den etablierten Therapieansätzen allgegenwärtige Subjektivierung von Problemen vermieden, sondern auch die klassische sozialkonstruktionistische Therapieansätze betreffende Gefahr der Individualisierung gebannt. [34]

Wie bezieht die Narrative Therapie also hier die Alltagspsychologie ihrer Klient(inn)en konzeptuell mit ein? Ein Mensch, der in dem eigenen Erleben oder Verhalten etwas entdeckt (bzw. aus den Hinweisen anderer erschließt), das er als Problem konstruiert, nimmt damit per se eine Verdinglichung dieses Sachverhalts vor. Diese Verdinglichung ist sinnvoll, weil er oder sie sich auf diese Weise nicht mit dem Problematischen, Defizitären des Problems identifizieren muss; das eigene Selbst bleibt unangetastet, bleibt handlungsfähig. In dem Maße aber, in dem individualistische Diskurse diese "naturwüchsige" Externalisierung erschweren oder gar verhindern, werden Menschen zur Identifikation mit ihrem Problem gezwungen. Narrative Therapeut(inn)en müssen daher versuchen, das alltagspsychologische Externalisierungsstreben mithilfe spezieller Fragetechniken (z.B. sog. "unique outcome questions", auf die hier nicht näher eingegangen werden kann) gegenüber individualistischen Deutungsangeboten zu verteidigen. Nur so ist eine sprachliche Rekonstruktion und schließlich eine Lösung des Problems möglich. [35]

Natürlich lässt sich nicht ohne Weiteres eine klare Grenze ziehen zwischen "primärer" Alltagspsychologie einerseits und "übergestülpten" kulturellen Deutungsangeboten (bzw. deren individueller Aneignung) andererseits. Um hier eine klare, theoretisch schlüssige Abgrenzung zu etablieren, ist wiederum der Bezug auf eine sozialphilosophische Hintergrundkonzeption erforderlich. Diesbezüglich sei hier nur an HONNETHs Anerkennungstheorie erinnert, deren Passung auch mit sozialkonstruktionistischen Anwendungsbemühungen ich anderswo (VON TILING 2004) ausbuchstabiert habe. [36]

6. Abschluss

Bei der Lektüre GERGENs bekomme ich des Öfteren das Gefühl, man wolle mit Hilfe des Sozialen Konstruktionismus einen "neuen Menschen" schaffen, einen, der sich flexibel definiert und gerade in diesem stetigen Wandel zu sich findet, der sich nirgendwo beheimatet und doch überall zuhause fühlt, der in vielfältigen Beziehungen lebt und sich doch nicht abhängig macht, der sein Handeln selbstironisch reflektiert und doch bestrebt ist, das Richtige zu tun. [37]

Ist diese Sicht des Menschen falsch? Ist sie gefährlich? Nein. Auch wenn ich nicht an sie glaube und sie nicht gutheiße, würde ich nicht so weit gehen wie PARKER oder RATNER, die suggerieren, am "Relativismus" gehe die Welt zugrunde (und sich damit übrigens in guter Gesellschaft mit dem Papst befinden). Und doch soll es mir abschließend noch um – etwas subtilere – Gefahren des (orthodoxen) Sozialen Konstruktionismus gehen. [38]

Der Philosoph Harry FRANKFURT (2006) landete kürzlich einen Bestseller mit einem kleinen Büchlein, das offenbar einen Nerv unserer Gegenwartskultur getroffen hatte. Es untersucht die alltägliche Produktion von Aussagen, Kommentaren, Texten etc., die weder wahr noch falsch sind, sondern sich bei eingehenderer Analyse als (schon allein semantisch) vollkommen sinnentleert herausstellen, und bei deren Aussage sich die Aussagenden auch explizit gar nicht um deren Zutreffen kümmern. Die Produkte dieser Generierung gehaltlosen Wissens nennt er treffend "Bullshit". Der Erfolg des Buches legt nahe, dass viele Menschen sich heutzutage durch Bullshit gestört fühlen. Liegt FRANKFURT nun gänzlich falsch, wenn er vieles von diesem Bullshit "'antirealistischen' Doktrinen" anlastet, die "unser Vertrauen in den Wert unvoreingenommener Bemühungen um die Klärung der Frage, was wahr und was falsch ist, und sogar unser Vertrauen in das Konzept einer objektiven Forschung" (S.72) untergraben? Damit sei nicht behauptet, der Soziale Konstruktionismus sei selbst Bullshit oder habe bewusst das "Bullshiten" im Programm. Auch wäre es wohl zu einfach, würden die oft uneindeutig formulierten Konzepte des Sozialen Konstruktionismus als Resultat eines gezielten Nebelwerfens seiner Protagonist(inn)en abgetan. Wohl aber halte ich es für unzweifelhaft, dass die kulturelle Produktion von Bullshit, das sinnfreie Aneinanderreihen von allenfalls thematisch verknüpften Wörtern, nur um etwas zu sagen, sich im Stimmengewirr zu behaupten, eine unliebsame Nebenwirkung aller klassischen sozialkonstruktionistischen Diskurse darstellt. Dass sie für alle Beteiligten unliebsam ist, bin ich gerne bereit zu unterstellen. [39]

Literatur

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Zum Autor

Johannes VON TILING, Diplom-Psychologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Kassel. Seine Forschungsinteressen liegen in der Emotions-, Motivations- und Pädagogischen Psychologie sowie in Kulturpsychologie und Sozialem Konstruktionismus.

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Johannes von Tiling

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Zitation

von Tiling, Johannes (2008). Sozialkonstruktionistische Psychologie und ihre praktische Anwendung. Möglichkeiten einer Neuausrichtung [39 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 44, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801446.



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