Volume 9, No. 1, Art. 26 – Januar 2008

Turn, turn, turn around – bis die Konturen verschwimmen

Lars Allolio-Näcke

Review Essay:

Doris Bachmann-Medick (2006). Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek bei Hamburg: rowohlts enzyklopädie im Rowohlt Taschenbuch Verlag, 410 Seiten, ISBN 978-3-499-55675-3, EUR 14,90

Zusammenfassung: Das Buch stelle ich zunächst in seinem offen zutage liegenden Inhalt ausführlich vor (Abschnitt 2.1), und bespreche jedes Kapitel, inklusive der Einleitung und des Ausblicks. Insbesondere auf das Vorgehen der Autorin bei der Darstellung der Entwicklungen der Neuorientierungen richte ich das Augenmerk und trage die zentralen Namen und Begriffe eines jeweiligen turns zusammen. Im Anschluss daran lese und diskutiere ich das Buch erneut, diesmal jedoch hinsichtlich seines impliziten Inhaltes, den ich für den wichtigeren in diesem Zusammenhang halte (Abschnitt 2.2). Dabei werde ich unweigerlich auf wissenschaftspolitische Fragestellungen bis hin zu hegemonialen Ansprüchen zu sprechen kommen müssen. Und schließlich unterziehe ich das Buch in einem dritten Durchgang (Abschnitt 3) sowohl einer kritischen Lektüre im Blick auf einzelwissenschaftliche Positionen (Psychologie, Soziologie, Theologie) als auch einer kritischen Lektüre unter dem Gesichtspunkt der Güte wissenschaftlicher Leistungen. Schließlich werde ich begründet die Lektüre des Buches nicht empfehlen (Abschnitt 4).

Keywords: cultural turn, postcolonial turn, Kulturpsychologie, Soziologie, Theologie, Kulturwissenschaften

Inhaltsverzeichnis

1. Aufbau des Buches und editorische Leistung

2. Inhalt

2.1 Auf der Bühne

2.2 Hinter den Kulissen

3. Kritik

3.1 Begriffsverwirrung

3.2 Widersprüche

3.3 Halb- und Nichtverstandenes, aber auch Unwissen

4. Fazit

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Aufbau des Buches und editorische Leistung

Das Buch gliedert sich in Einleitung, sieben inhaltliche Kapitel zu je einem turn (interpretative, performative, reflexive, postcolonial, translational, spatial und iconic turn) sowie einen programmatischen Ausblick. Alle Buchteile sind mit einem umfänglichen Endnotenapparat versehen, die inhaltlichen Kapitel werden durch Listen empfohlener Auswahlliteratur zum jeweiligen turn ergänzt und umfassen in der Tat die wichtigsten Schlüsseltexte. Hervorzuheben ist hierbei, dass auch z.T. Internetquellen berücksichtigt werden, sind doch schneller Zugriff auf Informationen und open access gerade für die Geistes- und Sozialwissenschaften ein wichtiges Anliegen. Die inhaltlichen Kapitel sind in ähnlicher Weise aufgebaut, sodass sich Vergleichbarkeit zwischen den Kapiteln einstellt und sicherlich die Suche, z.B. nach dem historischen Entstehungskontext eines turns, erleichtert wird. Abgesehen von wenigen Abweichungen ist das Grundschema: (1) Kurzvorstellung und Definition, (2) Entstehungskontext und Herausbildung des turns, (3) jeweilige Schlüsselbegriffe, (4) der turn in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen und (5) kritische Anstöße für die Weiterentwicklung des turns. [1]

Die Nummerierung und der Satz der Kapitel und Unterkapitel verwirrt zuweilen und wird zumindest meinem ästhetischen Anspruch nicht gerecht. Anerkennenswert dagegen ist das umfangreiche Personenregister, das den Band abschließt und einen schnellen Zugriff auf Fundstellen innerhalb des Buches zulässt – ein Gütesiegel wissenschaftlicher Publikationen, das heute kaum mehr anzutreffen ist. Dagegen fehlt ein Sachwortverzeichnis, das m.E. gerade bei einem Buch mit enzyklopädischem Anspruch eine Notwendigkeit darstellt. Generell hervorzuheben ist das wirklich saubere Lektorat des Buches. Mir ist kein einziger grammatischer bzw. orthografischer Fehler aufgefallen – und das in einem Buch in Erstauflage – was heutzutage fast schon an ein Wunder grenzt. [2]

2. Inhalt

2.1 Auf der Bühne

Doris BACHMANN-MEDICK verfolgt mit ihrem Buch einen anderen als diejenigen Pfade, die die bisherigen "Kartierungsversuche der kulturwissenschaftlichen Forschung" (S.10) gegangen sind. Weder will sie "Diskussionsfelder" abstecken, noch "Methodenkomplexe" oder "inhaltliche Schwerpunktsetzungen" heranziehen (ebd.), um ihrem Buch eine Struktur zu verleihen. All diesen bisherigen Versuchen, einen Überblick über den kulturwissenschaftlichen Forschungszusammenhang zu geben, bescheinigt die Autorin "eine erhebliche Verengung" und setzt mit ihrem eigenen Buch einen dezidiert anderen Akzent: "Der gängigen Themenorientierung wird hier die methodennahe Ausrichtung der turns entgegengehalten: ihre Ausprägung von Wahrnehmungseinstellungen, operativen Zugängen und Konzepten sowie von Analysekategorien" (S.10). Vorteil einer solchen Analyse sei es, eine teleologische Konstruktion "linearische[r] Sequenzen eines Theorie'fortschritts' " zugunsten von "Rückwenden oder konstruktive[r] Umwege, Verschiebungen der Schwerpunkte, Neufokussierungen oder Richtungswechsel" zu vermeiden. Auch wenn ihr das nicht gelingt (z.B. "Neuorientierungen, die auseinander hervorgehen" S.21), handelt es sich um einen ambitionierten Ansatz, denn richtig gelesen will BACHMANN-MEDICK alles auf einmal: "Diskussionsfelder", "Methodenkomplexe" und "inhaltliche Schwerpunktsetzungen" miteinander verknüpfen. [3]

Denken wir an turns, so wird den meisten der linguistic turn einfallen. Dieser aber wird von BACHMANN-MEDICK nicht in einem eigenständigen Kapitel behandelt.

"Dem linguistic turn wird hier absichtlich kein eigenes Kapitel gewidmet. Denn er durchzieht alle einzelnen turns und bildet das mächtige Vorzeichen für alle weiteren Richtungswechsel und Schwerpunktverlagerungen, die sich jeweils auf ihre Weise am linguistic turn abarbeiten. Dieser hat schließlich eine Grundlegungsfunktion, die sogar für einen Paradigmenwechsel gehalten wird" (S.33). [4]

Stattdessen widmet sie diesem wichtigen und voraussetzungsreichen turn auf der Bühne ihrer Inszenierung nur insgesamt drei Seiten, was seiner "Grundlegungsfunktion" ebenso nur eingeschränkt angemessen sein dürfte wie auch dem Verständnis der daraus folgenden, von der Autorin ausführlich dargestellten turns. [5]

Auftakt bildet der interpretative turn (S.58-103), der "eine impulsgebende Neurorientierung ist, welche die weiteren kulturwissenschaftlichen Forschungs'wenden' überhaupt erst in Gang gesetzt hat. Er überspannt alle anderen gleichzeitigen oder folgenden Spielarten des sogenannten 'Cultural Turn' " (S.58), denn "[s]chließlich ist von der interpretierenden Kulturanthropologie eine Grundlagenreflexion über den Kulturbegriff in Gang gesetzt worden, die bis heute anhält" (ebd.) und die in einer Hermeneutik gipfelt, "die sich am Fremdverstehen bricht" (S.66). Der daraus resultierende partikulare, kontextualisierte und damit "bedeutungsorientierte Kulturbegriff" (S.65) sowie das Gesamtwerk seines Schöpfers Clifford GEERTZ werden ausführlich behandelt. Die Methode der "Dichten Beschreibung" (1983) wird ebenso vorgestellt wie ihre Ablösung durch die reflexive Selbstkritik GEERTZ', für die Kulturbeschreibungen nur interessegeleitete Auslegungen von Wirklichkeiten produzieren statt Aussagen über die Dinge bzw. Kulturen, wie sie sind (vgl. GEERTZ 1997). Die daran anschließende "Writing Culture"-Debatte mit ihrer Zentralfigur James CLIFFORD (1986) wird danach entfaltet und ihre Konsequenzen werden diskutiert: "Vieles von unserem Wissen über andere Kulturen muss nunmehr als zufällig angesehen werden, als das problematische Ergebnis eines intersubjektiven Dialogs, von Übersetzung und Projektion" (CLIFFORD 1986, S.217). [6]

Im zweiten Kapitel widmet sich BACHMANN-MEDICK dem performative turn (S.104-143), der "die Aufmerksamkeit auf die Ausdrucksdimension von Handlungen und Handlungsereignissen" lenkt (S.104). Entgegen der Einengung des Kulturellen und seines Ausdrucks auf den Text, wie noch im interpretative turn, rückt nun der performative Akt der Äußerung und Handlung in den Fokus. "Während sich die Textkategorie eher auf die Sinndimension von Bedeutungen richtet, geht es hier um die Frage, durch welche Handlungsvollzüge (kulturelle) Bedeutungen erzeugt werden" (S.110). Ritual und Zeremonie werden in ihrer stabilisierenden, aber auch verändernden Dimension in Bezug auf soziale Praktiken und kulturelle Beutungssysteme diskutiert, wobei der Begriff der "Liminalität" als eine "Erfahrungs- und Handlungsform des […] 'Dazwischen' " (S.116) und als Innovationsmotor im Zentrum steht. Dass hier die Arbeiten von Judith BUTLER (insb. 1997 und 2002) ebenso eingeordnet werden wie die Ritualarbeiten des Wissenssoziologen Hans-Georg SOEFFNER (1995) und die noch jungen Arbeiten aus dem Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen und des dahinter stehenden Interdisziplinären Zentrums für Historische Anthropologie (Christoph WULF, Doris KOLESCH, Erika FISCHER-LICHTE) ist betonenswert und zeigt das breite Spektrum, das die Autorin wagemutig ins Visier nimmt. [7]

Der daran anschließende reflexive turn (S.144-183) greift quasi aus der Debatte heraus und wird als eine Meta-Repräsentation oder als ein Meta-turn (S.169) der bisherigen turn-Inhalte vorgestellt, "weil er die Forschungstätigkeit in all ihren verschiedenen Dimensionen kritisch durchleuchtet" (S.148). So stehen hier Fragen nach den Konsequenzen des interpretative turn im Mittelpunkt, die BACHMANN-MEDICK unter den Stichworten "Krise der Repräsentation" und "Problem der Autorität" behandelt. Zentrale Fragen hierbei sind: Wer darf wen wie (be-) schreibend oder erforschend repräsentieren? Wie können wir noch angemessen anderskulturelle Wirklichkeit beschreiben? Ist Verstehen überhaupt noch möglich oder welcher Alternativen müss(t)en wir uns bedienen? Wie und warum schaffen wir bestimmtes Wissen über andere, wie wird es legitimiert und zu welchen Zwecken von wem gebraucht? Dies gilt jedoch nicht nur in Bezug auf das kulturell Andere, also das Verhältnis beispielsweise von Zentrum und Peripherie, sondern es ist erfreulich, dass die Autorin in diesem Zusammenhang auch die Geschlechterperspektive einschließt und nach der wechselseitigen Repräsentation fragt. [8]

Als vierten stellt BACHMANN-MEDICK den postcolonial turn vor (S.184-237), der quasi wieder aus der Metareflexion hinab in den rauen Alltag derjenigen steigt, die im Zuge der Entkolonialisierung eine Stimme erhalten. Dabei wird die "diskursprägende Gewalt hegemonialer Kulturen […] ebenso beleuchtet wie die zunehmend eigenständige Selbstrepräsentation bisher marginalisierter Gesellschaften, ethnischer Gruppen und Literaturen" (S.185). Die mit Abstand wohl beste historische Rekonstruktion zur Entstehung und Entwicklung eines turns innerhalb des vorliegenden Buches findet sich in diesem Kapitel, das mit den bahnbrechenden Arbeiten Frantz FANONs (1952, 1961) beginnt und bei der "Holy Trinity" heutiger postkolonialer Theoretiker(innen) endet: Edward W. SAID (1978), Gayatri Chakravorty SPIVAK (1994, 2000) und Homi K. BHABHA (1994). Alle zentralen Themen und Begriffe werden behandelt: das writing back von nicht westlich-weiß-euro-amerikanischen-Mittelklasse-Schriftstellern und -Schriftstellerinnen, Hybridität als eine positive Wendung des "gemischtrassigen Bastards", die sich in ein einseitiges Einordnen in Kategorien verweigert, schließlich third space als Möglichkeitsraum der Verschiebung eingefahrener historischer Rollenzuschreibungen zwischen Zentrum und Peripherie und Identität, die Zentralmetapher, ohne die die letzten drei Konzepte undenkbar wären. Dass die Autorin mit Herzblut bei der Thematik ist, wird vor allem durch ein sehr knappes Unterkapitel zu "kritischen Anstößen" deutlich, denn hier wird nur wenig der zahlreich vorgebrachten Kritik diskutiert, ich würde sagen, es wird Vieles unterschlagen. So hat Jürgen OSTERHAMMEL 1997 an SAIDs Orientalismus kritisiert, dieser sei "unhistorisch und statisch" (S.602)1), und Klaus LÖSCH kritisiert die elitäre Ausrichtung von BHABHAs third space, wenn er schreibt: "Das Durchhalten fluktuierender Positionalitäten setzt demnach ein gehöriges Maß an Ich-Stärke sowie an sozio-ökonomischer Unabhängigkeit voraus, das wohl für die wenigsten Individuen gegeben sein dürfte" (LÖSCH 2005, S.38). Zudem fragt die Autorin nicht, warum es gerade Intellektuelle aus Peripherie- und Schwellenländern sind, die westliche Universitäten besucht haben und oftmals dort nun lehren und leben, die die Diskussion beherrschen. Wer spricht in diesem Falle dann für wen? [9]

Der sich anschließende translational turn (S.238-283) greift die postkoloniale Thematik erneut auf bzw. wurde im postcolonial turn bereits angebahnt (S.238), diskutiert die Thematik aber nicht im politischen und repräsentationalen Zusammenhang, sondern auf der Ebene der Kommunikation: sprich der Kulturbegegnung als Übersetzung. Da der turn noch in den Kinderschuhen steckt, wie BACHMANN-MEDICK schreibt (S.238), fällt ihr Kapitel auch entsprechend verwirrend und scheinbar den postcolonial turn verdoppelnd aus. Neben neuen Ansätzen wie "Thick Translation" (Kwame Anthony APPIAH 2000), "Kultur als Übersetzung" (S.245) und "Gobalisation as Translation" (Michael CRONIN 2003) erscheint mir hier doch vieles wiederholt, das in verschiedenen Kontexten bereits diskutiert wurde. So schreibt die Autorin, dass der translational turn zu der Einsicht geführt habe, "dass kulturelle Bedeutungen niemals aus einzelnen Textelementen, Schlüsselbegriffen oder Symbolen zu erschließen sind, sondern erst aus den umfassenderen Bezügen auf ihre soziale Verwendung und kulturelle Selbstauslegung" (S.242f.). M.E. hatte Ludwig WITTGENSTEIN dies bereits mit seinem meaning-as-use treffend formuliert und es resultiert nicht erst aus den Debatten zur Übersetzung: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" (WITTGENSTEIN 1995, §43, S.262). [10]

Dem folgen je ein Kapitel zum spatial (S.284-328) und zum iconic turn (S.329-380) – oder vielmehr zu zwei Kategorien (?) mit "turn-Potenzial" (S.292). Ersterer turn erscheint

"als ein Nachfolger des linguistic turn, insofern er das Synchrone über das Diachrone stellt, das Systemische über das Geschichtliche, das Sprachsystem über den sukzessiven Redegebrauch. Auch im spatial turn werden Gleichzeitigkeit und räumliche Konstellationen hervorgehoben und eine zeitbezogene oder gar evolutionistische Vorstellung von Entwicklung zurückgedrängt" (S.284f.). [11]

Interessant ist, was BACHMANN-MEDICK unter spatial turn zulässt und was sie kategorisch ausschließt, so wird die m.E. bahnbrechende Raumsoziologie Martina LÖWs (2001) nicht hinzugerechnet, denn "theorieinterne Präzisierung und Erweiterung des hierzulande stark phänomenologisch geprägten Raumbegriffs […] konstituiert noch keine Raumwende" (S.291). Offensichtlich ist für die Autorin eine "theorieinterne Präzisierung" keine "Ausbildung eines kritischen Raumverständnisses" (S.289), welches die Autorin zum Schiedskriterium erhebt. In jedem Falle diskutiert sie in diesem Kapitel als kritische Stimmen Michel FOUCAULT und seine Konzepte der Heterotopie (1998) und Transgression (1974, S.17; 2001), Arjun APPADURAIs "Global Ethnospaces" (1998) und Edward W. SOJAs "Thirdspace" und "Real-and-Imagined Places" (1996; Edward SAID spricht daran anschließend von imaginary geography). [12]

Den Abschluss der Neuorientierungen bildet der iconic turn (S.329-380), als einziger eine "Gegenbewegung zum linguistic turn" (S.349). "Bilder sind schließlich lange genug 'gelesen' worden auf den in ihnen versteckten Sinn und Subtext oder auf ihre erzählbare Geschichte hin" (S.329f.). Folglich wird in der Tat hier eine Vision verfolgt, die dem logozentrischen Weltbild des linguistic turn ein wie auch immer geartetes eikozentrisches Weltbild entgegenstellt, und es im besten Falle ablösen soll. Dass dabei dann die Informatik und insbesondere die bildgebenden Verfahren in Medizin und Kognitionswissenschaft als paradigmatische Vorreiter angeführt werden, mag nicht verwundern – fraglich ist nur, ob sich die Vertreter und Vertreterinnen dieser Disziplinen selbst auch so einordnen würden. Dass ein so radikaler eikozentrischer turn – ohne dass ich hier das Potenzial der Fokussierung auf ästhetische Phänomene leugnen will – eine abstruse Vorstellung ist, will sie ganz auf sprachliche Interpretation verzichten, erkennt denn auch BACHMANN-MEDICK und kommt zu dem Schluss: " 'Kultur als Bild' wird sich also sicher nicht zu einer neuen Formel aufschwingen, da auch die ikonische Reflexion auf Sprachkritik angewiesen bleibt" (S.352). [13]

Abgeschlossen wird das Buch schließlich durch einen "Ausblick: Führen die cultural turns zu einer 'Wende' der Kulturwissenschaften?" (S.381-406), in dem BACHMANN-MEDICK die Frage nach "der Hierarchie dieser Wenden und der Durchsetzungsfähigkeit wie Nachhaltigkeit" stellt, diese zu beantworten sucht und schließlich Lesende mit der "Weisheit" zurücklässt, dass sich dies "im Wissenschaftsdialog" ebenso entscheidet wie in den Machtprozessen dahinter (S.382f.) – und viel wichtiger in den sozialen Praxen, aus denen sie ihr Kritikpotenzial gewannen und gewinnen (S.385f.). An diese Diskussion wirkt dann noch ein Unterkapitel angehängt, das sich mit einem turn beschäftigt, der die zeitlich nahe liegende praktische wie theoretische Diskussion bestimmen könnte: der (neuro-) biological turn. Unter diesem Stichwort wird, Jürgen HABERMAS (2005) als Gewährsmann, das Szenario einer das Menschliche bestimmenden Neurowissenschaft entworfen, um – wie kann es anders sein – dahin zu kommen, dass "letztlich die neurobiologische Wende wieder auf die Kulturwissenschaften zurückweist. Denn die Natur- und Neurowissenschaften scheinen für die 'Selbsterkenntnis' des menschlichen Gehirns […] nicht auszukommen ohne das spezifische Potential der Selbsterkenntnis und der Selbstreflexion der Kulturwissenschaften" (S.393). Es hätte dem Buch also nicht geschadet, auf dieses Unterkapitel wie auch den ganzen Abschluss zu verzichten. [14]

2.2 Hinter den Kulissen

Die Autorin gibt mit ihrem Titel an, "Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften" vorzustellen – und darin äußert sich auch der eigentliche, implizite Inhalt und vor allem der Zweck des Buches. Es ist kein tatsächlicher Beitrag zu den interpretive, performative, reflexive, postcolonial, translational, spatial und iconic turns, sondern ein Politikum, das zwar versucht, auf sachlicher Ebene neue Entwicklungen in den Geisteswissenschaften darzustellen, diese jedoch als Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften verkauft. Dabei wird nicht einmal verständlich und historisch plausibel gesagt, was Kulturwissenschaft ist, wo sie herkommt, was ihre Vorläufer sind etc. Sie wird einfach vorausgesetzt. Nur mühsam müssen sich die Lesenden dieses Wissen selbst erschließen aus beiläufigen Bemerkungen wie "die anderen Geistes- und später dann Kulturwissenschaften" (S.35; Herv. LAN) oder in eben wissenschaftspolitischen Formulierungen wie "die Kulturwissenschaften haben die Geisteswissenschaften geradezu abgelöst" (S.8). Wie soll über Neuorientierung von etwas gesprochen werden, das nicht erkennbar ist, weil es nicht benannt, systematisch eingeführt und definiert wird? Und das es vielleicht in dem Maße gar nicht gibt, sondern selbst erst im Entstehen begriffen ist? [15]

Weil sie nicht darüber sprechen kann und aus bekannten Gründen nicht will, denn die Neuerungen sind die Kulturwissenschaften selbst bzw. sie entwickelten sich aus und mit den beschriebenen turns. Das übergreifende wissenschaftliche Gesamtkonzept ist und bleibt die Geisteswissenschaft – und muss es bleiben. Insofern wäre der Titel Neuorientierungen in den Geisteswissenschaften der angemessenere gewesen. Ich halte viel von den turns in den Geisteswissenschaften, ich selbst bin in mehrfacher Hinsicht Kind verschiedener Wenden. Und dennoch täten wir gut daran, nicht Partikularität (Kulturwissenschaft) und Universales (Geisteswissenschaft) ebenso wie Kultur(elles) (Kulturwissenschaft) und Gesellschaft(liches)/Soziales (Sozialwissenschaft) gegeneinander auszuspielen (zu letzterem S.58), sondern beide Seiten geistes- und sozialwissenschaftlichen Arbeitens füreinander fruchtbar zu machen (vgl. STAEUBLE 2002, S.1f.). Kulturwissenschaft an sich kann niemand mit Ernst und wissenschaftlicher Güte betreiben, ohne eine Sozialisation in mindestens einem Fach, also einer Geistes- oder Sozialwissenschaft, absolviert zu haben, denn wenn – wie das bei BACHMANN-MEDICK zuweilen erscheint – die Interpretationsfolie des Großen und Ganzen zugunsten des Partikularen verloren geht, sind wir bald nicht mehr in der Lage, Wissen zu historisieren, zu kategorisieren, zu klassifizieren, zu vergleichen und vor allem normativ zu (be-) werten. [16]

Der darüber hinaus an vielen Universitäten mit Zähnefletschen betriebene Grabenkampf um Definitionen, ob nun Geistes- oder Kultur- oder Sozial- oder Lebenswissenschaft etc. betrieben wird, ist unproduktiv und täuscht über die eigentliche Problematik hinweg, die darin besteht, dass sich die Wissenschaften immer schwerer mit praxisrelevantem, ethisch haltbarem und normativ verwertbarem Wissen tun – nicht umsonst werden diese Dinge versucht, im Bologna-Prozess von oben steuernd zu korrigieren (vgl. hierzu kritisch van OORSCHOT & ALLOLIO-NÄCKE 2007). Kulturwissenschaft ist ein aktueller Modebegriff, von dem kaum jemand weiß, was er bedeutet, und bei dem der Wissenschaftsrat davon ausgeht, dass diese Entwicklung eine "zeitlich begrenzte Stufe in der Begründung der Geisteswissenschaften darstellt" (WISSENSCHAFTSRAT 2006, S.11).2) Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in der sonst so hoch zu lobenden Wikipedia in Großbuchstaben steht, dass der Beitrag zu Kulturwissenschaft DRINGEND überarbeitet werden muss3) [Stand: 05. September 2007]. [17]

Unter diesem wissenschaftspolitischen Blickwinkel versucht BACHMANN-MEDICK interpretive, performative, reflexive, postcolonial, translational, spatial und iconic turns als Neuerungen darzustellen und voneinander abzugrenzen. Erwähnenswert sind die Einzelanalysen von Gesamtwerken einzelner Autor(inn)en oder Einzeltexten, die bis in jeden kleinen interpretativen Winkel vordringen. Diesen kann ich mich auch zu einem großen Teil inhaltlich anschließen. Nicht anschließen kann ich mich den übergreifenden Einordnungen, Zuordnungen und Interpretationen, die sehr oft eher dem wissenschaftspolitischen Gesamtkonzept entspringen, denn einer Sachlogik. So wird bspw. immer wieder die Frage nach der jeweiligen Leitwissenschaft eines turns gestellt. Wem dient dieses Wissen? Welche disziplinären Hegemonialansprüche werden damit etabliert – zumal wenn bei BACHMANN-MEDICK die Mutterdisziplin der modernen Kulturwissenschaften, die Ethnologie, überwiegend zugunsten der Literaturwissenschaft ins Hintertreffen gerät? Es fasziniert, wie BACHMANN-MEDICK all diese Dinge als "Konkurrenz um symbolisches Kapital" und "Schaffung von Mainstream" (S.15) erkennt und reflektiert, diese Reflexionen aber in Anwendung auf das eigene Schreiben keinen produktiven Eingang gefunden haben, obwohl der reflexive turn dies bei den Kulturwissenschaftler(inne)n ja ausgelöst haben müsste, wie sie schreibt (S.93). [18]

3. Kritik

3.1 Begriffsverwirrung

Die immer wiederkehrende Begriffsverwirrung mit den turns lässt sich insbesondere am Beispiel des Titels und ausgewählter Zitate des Buches zeigen. So werden alle im Buch besprochenen turns (interpretive, performative, reflexive, postcolonial, translational, spatial und iconic turn) durch den Titel des Buches unter die Oberkategorie "Cultural Turn" gefasst, der jedoch erstens selbst "im Bann eines übermächtigen linguistic turn verharrt" (S.7), aber auch zweitens gleichzeitig einen Unterturn des postcolonial turn darstellt: So läuteten, laut BACHMANN-MEDICK, Frantz FANONs Entdeckungen "geradezu einen 'cultural turn' innerhalb des postcolonial turn selbst ein" (S.187). Zwei Seiten weiter wird dann der "übermächtige linguistic turn" (S.7) selbst wiederum zum Unterturn des postcolonial turn, denn "[z]wischen der ersten und zweiten Generation [postkolonialer Theorie; LAN] liegt also eine Art linguistic turn innerhalb der postkolonialen Theorie selbst" (S.189). [19]

Diese Verwirrung resultiert m.E. aus dem Versuch der Autorin, Facetten, also Teilbereiche eines Ganzen, als selbstständige Entwicklungen darzustellen, indem sie allen den Status turn zuordnet, diese damit vollkommen überhöht und dabei zum Teil missversteht, weil sie nicht unabhängig voneinander sind – weder historisch noch inhaltlich betrachtet. Selbstständigkeit kann wohlwollend maximal für zwei der sieben vorgestellten turns angenommen werden (spacial und iconic turn), allerdings zeigte sich bei der Lektüre dieser beiden Kapitel, dass es sich noch gar nicht um turns nach BACHMANN-MEDICKs eigener Definition handelt, sondern diese lediglich "turn-Potenzial" (S.292) aufweisen. [20]

Bei dem Ganzen ist aber noch gar nicht einmal die Frage gestellt, welchen Status der "übermächtige linguistic turn" (S.7) haben soll und wo er in Bezug auf die anderen turns zu verorten ist – denn eine plausible Erläuterung und Einordnung bleibt die Autorin ebenso schuldig wie eine Antwort darauf, was sie mit cultural turns meint und wie sie den Plural rechtfertigt. Es reicht m.E. nicht aus zu sagen, dass sie den linguistic turn nicht in einem eigenständigen Kapitel – nur kurz und unzureichend in der Einleitung – behandelt, weil "er alle einzelnen turns durchzieht" (S.33). Damit ist nichts erklärt, vor allem nicht für unbedarfte Lesende, für die eine Enzyklopädie doch Aufklärung bringen soll. Zwar versucht sie in ihrer Einleitung, die selbst ein programmatisches Kapitel darstellt, für mich eher verwirrend als aufklärend und mit 50 Seiten definitiv zu lang ist, eine historische Ableitung der verschiedenen turns (S.36-43), aber ob ihre sukzessive Abfolge, die BACHMANN-MEDICK offensichtlich ablehnt und dennoch immer wieder explizit voraussetzt, tatsächlich den Entwicklungsverlauf trifft, mag mit Recht bezweifelt werden. So ist doch fraglich, ob der linguistic turn vom interpretative turn in der Form abgekoppelt werden kann, ist Sprache doch immer interpretationsbedürftig – und unterschiedliche Sprachen stellen unterschiedliche Zugänge zur Welt da: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" (WITTGENSTEIN 2003, S.86). Diese Erkenntnis aber stellt sich nicht erst mit dem interpretativen, sondern im Zuge des linguistic turn ein. [21]

Und müsste dann nicht gesagt werden, dass gleichzeitig auch der reflexiv turn eingesetzt haben müsste? Schließlich ist nicht feststellbar, dass Fremde nicht mehr auf die bewährte Weise (Empathie, Einfühlen etc.) verstanden werden können (S.66), ohne darüber zu reflektieren, welcher angemesseneren Methoden es bedarf, wie die bisherige Darstellung der Fremden unter einer veränderten Perspektive bewertet werden muss und was das für die zukünftige (Re-) Präsentation des Fremden durch die eigene Wissenschaft bedeutet. Wäre nicht der Blick auf die jeweils zitierte Literatur Hinweis genug gewesen, dass gleiche oder zumindest von denselben Autor(inn)en geschriebene Texte als Quellen herangezogen werden? Solche Dopplungen tauchen am augenscheinlichsten zwischen postcolonial und translational turn auf, deren strikte Abgrenzung untereinander und zum interpretative wie reflexive turn hochgradig fragwürdig scheint. Es hilft m.E. auch nicht, sich im Vorgriff auf das eigene Tun zu exkulpieren, indem sie schreibt: "Allerdings sollte man nicht dem Missverständnis aufsitzen, die hier vorgestellten turns wären jeweils völlig neu. Oft sind sie nur wichtige Wiederbelebungen schon längst praktizierter Forschungsorientierungen, die aber eben noch nicht zu theoretisch reflektierten Fokussierungen gebündelt waren" (S.45). Vielleicht liegt es ja auch daran, dass es keine historische Bündelung gibt, sondern diese erst künstlich durch die Fokussierung der Autorin an die Wirklichkeit herangetragen, quasi ein turn-Label verschiedenen Autorinnen und Autoren übergestülpt wird und diese zu einer künstlichen Einheit gebracht werden, die sich dann wiederum artifiziell beschreiben lässt – anhand Michel FOUCAULTs werde ich in Abschnitt 3.3 noch einmal darauf zurückkommen. [22]

Für angemessener würde ich halten, die turns nicht in dem Maße voneinander abzugrenzen, weder inhaltlich noch zeitlich – und schon gar nicht mit einem methodischen Argument wie BACHMANN-MEDICK (S.10) dies tut, wenn sie eigentlich die methodologische Ebene meint. Und die meint sie, wenn sie turn so definiert, dass nur dann von einem solchen gesprochen werden kann, wenn "der neue Forschungsfokus von der Gegenstandsebene neuartiger Untersuchungsfelder auf die Ebene von Analysekategorien und Konzepten 'umschlägt', wenn er also nicht mehr nur neue Erkenntnisobjekte ausweist, sondern selbst zum Erkenntnismittel und -medium wird" (S.26). Viel eher würde ich von Blickwinkelverschiebungen sprechen oder auch von unterschiedlichen Facetten, die jeweils – oft von den gleichen Autorinnen und Autoren – beleuchtet werden, so als schaue ich einen Gegenstand rundherum aus jeder Perspektive an – aber eben simultan und nicht zehn Jahre später erneut. BACHMANN-MEDICK spielt auch mit dieser Metaphorik, das soll hier nicht verschwiegen werden, jedoch ist sie in ihrer Argumentation inkonsequent, wenn sie erstens dennoch diese strikte sukzessive Trennung vornimmt und zweitens dennoch von Wende statt von turn spricht, obwohl sie "Wende" im Zuge der Paradigmendiskussion problematisiert und als zu stark ablehnt (S.16ff.). Vielmehr tendiert sie zu strikten Abgrenzungen, die sich auch in ihrer Rede von turns als "konzeptuellen Sprüngen" (S.26) ausdrücken. Völlig absurd wird das Ganze schließlich, wenn – fast möchte ich behaupten – jede Neuorientierung bzw. Wortneuschöpfung in den Wissenschaften schließlich als turn präsentiert wird; bei Nummer 27 habe ich aufgehört mitzuzählen.4) Dass BACHMANN-MEDICK damit ihre eigene Analyse und ihre eigene Definition ins Beliebige schreibt, wird nicht nur mir auffallen, und einige werden sich schmerzlich daran erinnert fühlen, warum bei vielen anderen Wissenschaftler(inne)n ein ironisch-mitleidiges Lächeln über die Lippen kommt, wenn wir sagen: "Ich bin Kulturwissenschaftler(in) …". [23]

Solche Unklarheiten und Begriffsverwirrungen ergeben sich immer wieder, um nur ein weiteres prominentes Beispiel zu nennen: Hybridität. Hybridität wird als der postkoloniale "Leitbegriff" eingeführt (S.197ff.), ausführlich besprochen und definiert. Im darauf folgenden Kapitel zum translational turn hatte ich nicht nur den Eindruck, dass ich das gleiche Kapitel wie zuvor las, nein auch der Hybriditätsbegriff taucht als zentrale Kategorie wieder auf: "Solche Übersetztheit bzw. Vielschichtigkeit von Kulturen wird als Hybridität bezeichnet" (S.250). Mit solch inflationärer Verwendung der wissenschaftlichen Kategorien wird jede Trennschärfe und Heuristik von Analysekategorien unterlaufen. Und gleiches trifft für viele von BACHMANN-MEDICK benutzte Begriffe zu, die scheinbar wahllos jedem turn zugeordnet werden können: Liminalität, Rewriting, Differenz, Heterotopie, Identität etc. Wenn diese multiple Zuordnung in der Tat möglich ist, dann hieße dies aber für BACHMANN-MEDICKs Konzeption, dass die eigenständige Entwicklung der turns ein Fehlschluss – und damit der Buchaufbau inklusive Begründung verfehlt ist. [24]

3.2 Widersprüche

Was am Hybriditätsbegriff nur verwirrend scheint, wird an anderen Stellen völlig überzogen, nämlich dann, wenn sich die Autorin innerhalb ihres Buches widerspricht – und das leider auch zumeist auf wenigen aufeinander folgenden Seiten. Zwei anschauliche Beispiele: "Vielmehr bringt sie [die postkoloniale Wende; LAN] die Entwicklung neuer Analysebegriffe auf den Weg, die interne Widersprüche, kulturelle Zwischenräume und gespaltene Erfahrungen der postkolonialen Subjekte ausloten sollen: Rewriting, Hybridität, Differenz, Dritter Raum, Identität" (S.192; Herv. LAN). Eine Seite weiter heißt es: "Dabei fordert die Situation, die heute von Migration, Diaspora und Exil bestimmt ist, altbekannte historische Kategorien wie Identität, Nation, Gesellschaft, Staatsbürger gerade massiv heraus und stellt sie in Frage" (S.193; Herv. LAN). [25]

Und in ähnlicher Form bei weiteren Themen und Begriffen. So konstatiert BACHMANN-MEDICK ohne Quellenverweis, dass "[d]ie Sozialwissenschaften in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg […] die Raumkategorie zugunsten der Zeitkategorie vernachlässigt" haben (S.286), um noch im gleichen Kapitel dann von der "vermeintlichen Wiederkehr des (immer schon lebendigen) Raumbegriffs in der Soziologie" (S.315; Herv. LAN) zu sprechen. Wurde der Raum nun vernachlässigt oder blieb er immer lebendig? So suchte ich nach Antworten und blieb letztlich mit offenen Fragen stehen. [26]

Und zu Übersetzung schreibt sie schließlich:

"Auch auf einer solchen konkreten Praxisebene wäre Kultur als Übersetzung zu verstehen, insofern sie nämlich Bewältigungsstrategien für komplexe Situationen nahe legt: einerseits ein Hin-und-her-Übersetzen zwischen verschiedenen kulturellen Schichtungen und Zugehörigkeiten, andererseits ausdrücklich wechselseitige Übersetzungspraktiken, die auf Veränderung auch dessen zielen, was übersetzt werden soll" (S.254; Herv. LAN, vgl. ähnliche Verwendung S.256 unten). [27]

Auch hier suchte ich vergebens nach Antworten. Übersetzung in dieser Verwendung ist keine Übersetzung mehr, denn sie setzt ein identisches Original ebenso voraus, wie eine auf dieses Original bezogenen Duplik. Alles andere wäre wohl besser mit (Re-) Konstruktion – oder mit dem klassischen Begriff der (freien) Übertragung – zu bezeichnen, wie es die Bibel in gerechter Sprache (BAIL et al. 2006) eindrucksvoll vorgemacht hat. Daher argumentierend ist es völlig überzogen, Übersetzung als eine "Kategorie des 'Zwischenraums' " zu bezeichnen, die "eine Gegenbewegung zu einem Denken in binären Strukturen und in essentialistischen Identitätsvorstellungen" (S.256) darstellt. Und hieraus auch noch abzuleiten, dass durch die Kulturwissenschaften und den translational turn jetzt zwischen den Disziplinen begonnen würde, das jeweilige Vokabular zu übersetzen (S.257), statt es wie bisher unkritisch zu übernehmen und oft zu missdeuten, geht meines Erachtens völlig an den Realitäten – und an ihrem eigens vorgelegten Buch – vorbei. [28]

3.3 Halb- und Nichtverstandenes, aber auch Unwissen

Auch hier nur ein paar aussagekräftige Beispiele, da sie in mein eigenes wissenschaftliches Terrain fallen und ich in der Lage bin, BACHMANN-MEDICKs Einschätzungen und Lesarten hierzu beurteilen zu können – ich trete damit bewusst bescheidener auf und maße mir nicht an, über die cultural turns in anderen Wissenschaften abschließend sprechen zu können. So kommt die Psychologie im Gegensatz zur Theologie recht schlecht weg, wenn die Autorin ausführt, in welcher Wissenschaft die turns wie Einzug gehalten haben. Erstens ist fraglich, welche Teildisziplin BACHMANN-MEDICK meint, wenn sie von der Theologie spricht, denn ganz sicher kann in den exegetischen Teilfächern nicht von einem kulturwissenschaftlichen Umschwung gesprochen werden – vereinzelte Versuche lassen sich punktuell in der Religionswissenschaft bzw. Missionswissenschaft, aber auch in der Systematik finden. Dass insbesondere die postkoloniale Theorie in der Theologie ein "konfessionell übergreifendes Analyseinstrumentarium" (S.208) darstellt, ist schlichtweg eine Wunschvorstellung bzw. eine randständige Meinung, die die Autorin wohl von R.S. SUGIRTHARAJAH (2003) unkritisch entlehnt. Und wenn sie an anderer Stelle Hans KIPPENBERG zitiert, so zitiert sie explizit einen Theologen, der kein Theologe (mehr) sein will. [29]

Genau entgegengesetzt verhält es sich in der Psychologie, die BACHMANN-MEDICK in die positivistische Rückständigkeit schreibt.

"Für die Psychologie bedeutet dieser Ansatz [der interpretative turn; LAN] natürlich eine Herausforderung. Doch abgesehen von der kulturvergleichenden Psychologie hat die Interpretative Psychologie den interpretative turn bis heute nicht ganz vollzogen. Denn der Versuch, Deuten oder Interpretieren als ein methodisch kontrolliertes wissenschaftliches Verfahren einzuführen, scheint hinter den immer noch vorherrschenden empirischen Untersuchungsmethoden herzuhinken. Auch hier wird also wieder deutlich, dass ein turn erst dann Einzug in eine Disziplin hält, wenn auch entsprechende Methoden ausgebildet werden" (S.81). [30]

Nichts, und das muss ich hier so deutlich sagen, an diesem gesamten Absatz – und das ist alles, was BACHMANN-MEDICK über die Psychologie sagt – stimmt. Sie deutet sogar an, dass ihr das bewusst ist, indem sie nicht davon spricht, dass sie etwas darüber wisse, sondern dass es ihr so "scheint". Und das ungute Gefühl, dass das nicht nur den Bereich der Psychologie betrifft, überkam mich bei der Lektüre des Öfteren. [31]

Erstens hat die kulturvergleichende Psychologie gerade nicht die Interpretation oder das Verstehen des Anderen im Sinne, auch wenn sie dies vorgibt (vgl. exemplarisch KALSCHEUER & ALLOLIO-NÄCKE 2002; KALSCHEUER 2004). Kulturvergleichende Psychologie dient in erster Linie der interkulturellen Validierung von als universell gültig gesetzten westlichen Theorien über menschliches Verhalten. "Yet, science aspires to be universal. Cross-cultural psychologists try to discover laws that will be stable over time and across cultures" (TRIANDIS 1980, S.IX). Abweichungen hiervon werden nicht als grundsätzliche Problematik betrachtet, Kultur ist hier nur eine der zu berücksichtigenden Moderator- oder unabhängigen Variablen (vgl. exemplarisch ECKENSBERGER & PLATH 2003). Zweitens gibt es und kann es keine Interpretative Psychologie geben. Psychologie ist und bleibt Psychologie – und solange sie an Sprache und sprachlichen Ausdruck, aber auch an nonverbale Beobachtung gebunden ist, muss sie zwangsläufig interpretieren. Es bedarf einer solchen Wortschöpfung nicht. Und sicherlich haben drittens in vielen Teilbereichen der Psychologie interpretierende Ansätze Einzug gehalten, auch wenn sie nicht das dominierende Paradigma stellen. Sie firmieren unter anderen Stichworten, die BACHMANN-MEDICK hätte finden können, wenn sie sich einer Enzyklopädie angemessen auf die Suche gemacht hätte: das übergreifende Label der cultural psychology oder Kulturpsychologie oder die Einzelbezeichnungen Alltagspsychologie (z.B. Jerome BRUNER 1990), Handlungspsychologie (z.B. Ernst E. BOESCH 1980), discoursive psychology (z.B. Rom HARRÉ & Grant GILLET 1994), narrative psychology (z.B. Jens BROCKMEIER 1998), critical psychology (z.B. Michael BILLIG 2003), feminist psychology (z.B. Erica BURMAN 1990), post-kognitive Psychologie (z.B. Jonathan POTTER 2000), culture-inclusive psychology (z.B. Jaan VALSINER 1989), performative psychology (z.B. Kenneth GERGEN 1995) u.v.a.m.5) Dass es sich die Autorin besonders leicht mit ihrer Recherche gemacht hat, lässt sich daran ersehen, dass sie als einzigen Autor aus diesem Feld Jürgen STRAUB zitiert, der neben Jens BROCKMEIER wahrscheinlich der einzige deutschsprachige Psychologe ist, der explizit die Disziplingrenzen zur Literaturwissenschaft als auch zur Soziologie eingerissen und den Text (Kultur als Text) lange Zeit in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt hat, und der Mitherausgeber eines Bandes des Handbuchs der Kulturwissenschaften (JÄGER & STRAUB 2004) ist, in dem die Autorin selbst einen Beitrag veröffentlichte. STRAUBs Beitrag (2004) in diesem Band hat sie jedoch keinesfalls angemessen zur Kenntnis genommen, denn dort werden die meisten der oben aufgeführten Namen und Richtungen bereits benannt und "[d]ie zeitgenössische Kulturpsychologie" wird als "kulturwissenschaftliche Psychologie" (S.575) eingeordnet und vorgestellt. [32]

Viertens sind "Deuten oder Interpretieren" als "methodisch kontrolliertes wissenschaftliches Verfahren" bereits in die Psychologie eingeführt. Wird die Psychoanalyse von vornherein von BACHMANN-MEDICK ausgeschlossen, wenn sie so etwas schreibt, so negiert sie auch das Bemühen vieler Psycholog(inn)en u.a. hier in Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, die Methoden und Verfahren zu verbessern und zu validieren. Dass die Psychologie kein eigenes Methodeninventar hierzu entwickelt hat, ist anderen Zusammenhängen geschuldet – ist aber nicht hinreichend für die Behauptung der Autorin. Insbesondere das von Günther MEY, Mitherausgeber bei FQS, herausgegebene Handbuch Qualitative Entwicklungspsychologie (2005) zeugt von einer regen Anwendung und nicht erst Einführung qualitativer – d.h. interpretierender oder besser verstehender – Verfahren in der Entwicklungspsychologie.6) In einer Rezension des Buches habe ich auch erläutert, warum es besser wäre, dass Handbuch Handbuch entwicklungspsychologisch orientierter qualitativer Sozialforschung zu nennen, denn die Psychologie teilt ihre methodischen Verfahren in diesem Bereich mit den anderen Sozialwissenschaften (vgl. ALLOLIO-NÄCKE 2006). Sie verfügt daher entgegen der Behauptung der Autorin über entsprechende Methoden. [33]

Von den Disziplinen wieder zu den Kategorien und Begriffen, von denen BACHMANN-MEDICK einige nicht angemessen verstanden zu haben scheint bzw. die sie unverstanden verarbeitet. Auch hier wieder eine Beschränkung auf jene, die ich aus meiner eigenen Arbeit gut kenne: Heterotopie und Transdifferenz. Erstere, so behaupte ich, hat die Autorin nicht wirklich verstanden, denn sie nostrifiziert Michel FOUCAULTs Idee der Heterotopie, wenn sie diese als "liminalen Krisen-, Abweichungs- und Illusionsort" (S.292) vorstellt. Das der Ethnologie entlehnte Konzept der Liminalität (Victor TURNER) bezeichnet einen Schwellenzustand, also einen Übergangsraum. Die Heterotopie definiert FOUCAULT jedoch folgendermaßen:

"Es gibt gleichfalls – und das wohl in jeder Kultur, in jeder Zivilisation – wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig präsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können. Weil diese Orte ganz andere sind als alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen, nenne ich sie im Gegensatz zu den Utopien die Heterotopien" (FOUCAULT 1998, S.39). [34]

Hier wird nicht von Schwellenzuständen und Durchgangsritualen gesprochen. Es sind auch keine Illusionsräume, sondern realisierte Utopien – also genau das Gegenteil von dem, was BACHMANN-MEDICK daraus zu machen versucht. Noch kruder wird das Ganze, wenn Heterotopie mit imaginary geography (SAID), "Global Ethnospaces" (APPADURAI) und "Thirdspace" (SOJA) (S.298) in Verbindung gebracht wird. Michel FOUCAULTs Denken ist nachweisbar in keinster Weise Inspirationen der postkolonialen Wende zuzuschreiben oder hiervon abzuleiten. Vielmehr muss von Zufall ausgegangen werden, dass seine Schriften mit denen des writing back, der postkolonialen Wende, zusammenfielen. Hier werden also Äpfel und Birnen zusammengebracht, weil sie auch etwas mit räumlichen Vorstellungen zu tun haben. FOUCAULT jedoch deshalb für einen spacial turn heranzuziehen, halte ich für eine gewagte These. [35]

Und schließlich schreibt BACHMANN-MEDICK zur Transdifferenz: "In der postkolonialen Kulturtheorie werden somit keine essenziellen Differenzen vorausgesetzt, sondern die Interaktionsoffenheit derselben als 'negotiation', als Verhandlung von Differenzen betont. Sollte man also fortan den neugeprägten Begriff der 'Transdifferenz' verwenden, um jeglichen Einzwängungen ins bipolare System zu entgehen?" (S.202). [36]

Hätte BACHMANN-MEDICK sich mit dem Konzept der Transdifferenz auseinandergesetzt und hier nicht, so meine Vermutung, einen weiteren der vielen modisch und passend erscheinenden Begriffe "verbraten", müsste sie zumindest über den folgenden folgenschweren Satz gestoßen sein: "Es gibt keine Transdifferenz ohne Differenz" (LÖSCH 2005, S.27). Weder werden hier essenzielle Differenzen verneint oder Differenzen verhandelbar, noch kann ihnen entgangen werden! Und weiter heißt es:

"Transdifferenz ist nicht als Überwindung von Differenz, als Entdifferenzierung oder als höhere Synthese misszuverstehen, sondern bezeichnet Situationen, in denen die überkommenen Differenzkonstruktionen auf der Basis einer binären Ordnungslogik gleichsam ins Schwimmen geraten und in ihrer Gültigkeit temporär suspendiert werden, ohne dass sie damit endgültig dekonstruiert würden. Transdifferenz bezeichnet damit nicht die Überwindung beziehungsweise Aufhebung von Differenz, denn das entspräche dem Denken der Einheit, sondern das Aufscheinen des in dichotomen Differenzmarkierungen Ausgeschlossenen vor dem Hintergrund des polar Differenten. Mit anderen Worten: Transdifferenz steht gleichsam in einem komplementären, nicht jedoch in einem substitutiven Verhältnis zu Differenz" (LÖSCH 2005, S.27f.). [37]

Bei Transdifferenz im Sinne BREINIGs und LÖSCHs geht es primär um ein heuristisches – vornehmlich auf ästhetische Phänomene hin konzipiertes – Denkwerkzeug. Verwendungen, wie sie BACHMANN-MEDICK hier anführt, haben die Autoren bereits im Jahr 2005 zurückgewiesen, wenn sie thesenartig schreiben:

"5. Nicht alle Anwendungsbereiche des Transdifferenzbegriffs, jedoch selbstverständlich alle soziokulturellen, sind von Machtverhältnissen gekennzeichnet. Er mag daher in der Tat emanzipatorisches Potential entfalten, doch kann dies nicht generell unterstellt werden. 6. Die in vielen Beiträgen erkennbare Neigung, Transdifferenz mit (e)utopischen Entwürfen, mit Versöhnung oder dem alle Menschen Verbindenden zu verknüpfen, negiert gerade den Unterschied etwa zu Modellen von Transkulturalität und universaler Verständigung. Transdifferenz kann auch leidvoll, limitierend oder disharmonisch erfahren werden" (BREINIG & LÖSCH 2005, S.455). [38]

Es dünkt mich fast, BACHMANN-MEDICK an dieser Stelle die Lektüre WITTGENSTEINs anzuempfehlen, der erstaunlicherweise meines Wissens nicht im Buch zitiert wird (!), obwohl er einer der Väter des "übermächtigen linguistical turn" (S.7) ist, entstammte der folgende logische Schluss nicht einem anderen, gelehrteren Kontext: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" (WITTGENSTEIN 2003, S.111). [39]

4. Fazit

Das Buch von Doris BACHMANN-MEDICK kann ich – trotz der guten und detaillierten Analysen der Einzeltexte und des günstigen Preises – nicht zur Lektüre empfehlen. Weder ist es Interessierten mit wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Vorkenntnissen zu empfehlen, denn sie werden schnell entdecken, dass hier zwar viele Worthülsen im Stakkato aneinander gereiht und wissenschaftspolitische Visionen entfaltet werden, jedoch nur wenig systematisch aufbereitete und wissenschaftlich durchdachte Information geliefert wird. Immer wieder tauchen – aufgrund vermeintlich analytischer Trennschärfe – selbstverschuldete Dopplungen auf, oft widerspricht sich die Autorin. Einiges hat sie zudem nicht verstanden. Dass ein solches Buch erst recht nicht für unbedarfte (Studien-) Anfänger(innen) und Laien zu empfehlen ist, muss dann nicht mehr ausgeführt werden. [40]

Zwar versucht BACHMANN-MEDICK engagiert, die tatsächlich viele wissenschaftliche Disziplinen überspannende bzw. durchwirkende Debatte zu bündeln und darzustellen – was in vielen Fällen jedoch zu nicht mehr führt als zu einem oberflächlichen Kratzen, sofern es nicht literaturwissenschaftliche Nachbardisziplinen betrifft. Diesen Umstand mag ich der Autorin nicht in Gänze in Rechnung stellen – in Rechnung stellen muss ich ihr aber, dass sie erstens einen solchen Versuch vorlegt und zweitens sich nicht gefragt hat, ob sich das vorliegende Medium "Buch" im Alleinautorinnenstil hierzu tatsächlich eignet, obwohl sie selbst multiple Autor(inn)enschaften, Dialogizität, Polyphonie, Mehrstimmigkeit, experimentelle Schreibstile etc. (vgl. z.B. S.93, 110, 117 u.v.a.m.) anregt und in breiter Ausführlichkeit die Fallstricke des Repräsentationsproblems (Wer spricht wie über wen und mit welcher Legitimation?) darlegt, um den unterschiedlichen Zugriffen auf Welt gerecht zu werden (S.145ff.). Damit führt sie sich und ihr Vorhaben in objecto ad absurdum. [41]

Schließlich wird die Autorin ihrem Anliegen, dem Buch und damit auch den Lesenden und Käufer(inne)n des Buches nicht gerecht. Dem Buch wird sie in keiner Weise gerecht, denn – wie dargelegt – beinhaltet es nicht, was der Titel verspricht. BACHMANN-MEDICK wird ihrem Anliegen nicht gerecht, denn letztlich bleibt sie in der kulturwissenschaftlich gewendeten Literaturwissenschaft verhaftet, tritt aber so auf, als gäbe es so etwas wie gemeinsam geteilte und objektiv von allen so wahrgenommene, also die Kulturwissenschaften, in denen sich Wissenschaftler(innen) global auskennen könnten. In meinen Augen hat sie damit dem Anliegen, Kulturwissenschaften bekannter und für andere interessanter zu machen, einen Bärendienst erwiesen. Und letztlich wird sie den Lesenden nicht gerecht, denn so detailliert und fundiert z.T. die Einzelanalysen der turns sind, eine Enzyklopädie als eine Abbildung des Wissens über ein bestimmtes Fach- oder Sachgebiet, als die sie daherkommt, ist BACHMANN-MEDICKs Analyse nicht. Vielmehr scheint das Buch wieder einmal deutlich zu machen, dass ein catchy Titel für den heutigen Buchmarkt und die Verkaufszahlen wichtiger ist als inhaltliche Güte – zumindest vermeldet die Autorin eine Zweitauflage auf ihrer Homepage. [42]

Anmerkungen

1) Michael C. FRANK weist darauf hin, dass OSTERHAMMELs Kritik zwar berechtigt ist, jedoch von SAID selbst bereits 1995 korrigiert wurde, indem er "die Notwendigkeit einer ständigen Neukonstruktion der Grenzen" (FRANK 2004, S.15) herausstreicht. "Die Fremd- und Selbstbilder werden demzufolge nicht einfach als Gegebenheiten weitertradiert, sondern in jedem neuen historischen und kulturellen Kontext nach den alten Vorlagen neu bestimmt" (ebd.). <zurück>

2) Er geht sogar in seiner Argumentation noch weiter: "Um nicht der Täuschung eines diffusen Gesamtanspruchs zu erliegen, ist bei der Einrichtung von 'kulturwissenschaftlichen' Studiengängen, Seminaren oder Instituten große Sorgfalt geboten. Eine flächendeckende Verkürzung der geisteswissenschaftlichen Fächer oder gar ihre Einschmelzung in eine 'Kulturwissenschaft' stünde am Ende dem Status der Geisteswissenschaften als Wissenschaften entgegen. Gerade dieser mit der Begründung der Geisteswissenschaften verbundene Status als Wissenschaft unter Wissenschaften, der sie schon begrifflich von den angelsächsischen 'humanities' unterscheidet, ist jedoch als positives Erbe des 19. Jahrhunderts zu nutzen" (WISSENSCHAFTSRAT 2006, S.12). Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. <zurück>

3) Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturwissenschaft <zurück>

4) Diese sind: ethical turn (S.196), epistemological turn (S.203), pictural turn (S.329), visual turn (S.330), sonic turn (S.357), audio-visual turn (S.364), mnemonic turn (S.381), medial turn, historic turn, cognitive turn, narrative turn, digital turn, computational turn, social turn, practice turn (alle S.381), experiential turn, emotional turn, biographical turn, imperial turn, forensic turn, biopolitical turn, dialogical turn (alle S.382), economical turn (S.385), (neuro)biological turn, religious turn (beide S.286), neuronal turn (S.390), global turn (S.395). Da ich erst mit dem ethical turn zu zählen begonnen habe, ist zu erwarten, dass sich die Liste noch verlängern ließe. <zurück>

5) Bei der Wahl der Namen und Publikationen, die ich hier mit den einzelnen Richtungen und Labeln verbunden habe, bin ich nicht systematisch oder gar vollständig vorgegangen, sondern habe einfach zur Verdeutlichung exemplarisch, ich könnte auch schreiben zufällig, einen oder eine ausgewählt. <zurück>

6) Es ist kein Zufall, dass die turns vermehrt in der Entwicklungspsychologie aufgegriffen wurden, besteht hier doch eine lange Tradition im problematischen Kulturvergleich, einer Beschäftigung mit Entwicklung auf phylogenetischer Ebene als auch einer an und von Erwachsenen gewonnenen Psychologie des Kindes; drei Momente, die zur hochgradigen Selbstreflexion verpflichten. <zurück>

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Zum Autor

Lars ALLOLIO-NÄCKE, Dr. phil., Dipl.-Psych., geb. 1975; Studium der Psychologie, gefördert durch die Friedrich-Naumann-Stiftung. Von 2001 bis 2004 Promotionsstipendiat im Graduiertenkolleg Kulturhermeneutik im Zeichen von Differenz und Transdifferenz an der Universität Erlangen-Nürnberg. Im Anschluss Projektkoordinator im DFG-Schwerpunktprogramm Bildungsqualität von Schule am IPN der Leibniz-Gemeinschaft. Derzeit Wissenschaftlicher Angestellter am Lehrstuhl für Altes Testament an der Universität Erlangen-Nürnberg. Mitherausgeber der Zeitschrift Psychologie & Gesellschaftskritik. Hauptforschungsgebiete: Identität, Subjektphilosophie, Postmoderne Theorie, (handlungstheoretische) Kulturpsychologie und Methoden der Qualitativen Sozialforschung. Publikationen zuletzt: Kulturelle Differenzen begreifen. Das Konzept der Transdifferenz aus interdisziplinärer Sicht. Frankfurt am Main: Campus (hrsg. mit Britta KALSCHEUER, im Druck); Ostdeutsche Frauen haben (k)eine Chance. Doing Identity 15 Jahre nach der deutsch-deutschen Vereinigung. Hamburg: Dr. Kovač (2007).

In den zurückliegenden Ausgaben von FQS hat ALLOLIO-NÄCKE zusammen mit Jürgen van OORSCHOT den Beitrag Plädoyer gegen den Luxus des Missverstehens. Zur Debatte zwischen Carl Ratner und Barbara Zielke um den Sozialen Konstruktionismus Kenneth J. Gergens verfasst; zuvor schon die Konferenzberichte Den Alltag unter die Lupe genommen und Wie viel Kultur verträgt die Psychologie? sowie den Rezensionsaufsatz Potentiale und Grenzen qualitativer Methoden in der Entwicklungspsychologie zu dem "Handbuch Qualitative Entwicklungspsychologie" (hrsg. von Günter MEY 2005).

Kontakt:

Dr. Lars Allolio-Näcke

Lehrstuhl für Altes Testament
Universität Erlangen-Nürnberg
Kochstraße 6
91054 Erlangen

E-Mail: lars.allolio-naecke@theologie.uni-erlangen.de

Zitation

Allolio-Näcke, Lars (2007). Turn, turn, turn around – bis die Konturen verschwimmen. Review Essay: Doris Bachmann-Medick (2006). Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften [42 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 26, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801266.



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