Volume 6, No. 3, Art. 1 – September 2005

Rezension:

Michael Appel

Birgit Griese, Hedwig Rose Griesehop & Martina Schiebel (Hrsg.) (2004). Perspektiven qualitativer Sozialforschung. Beiträge des 1. und 2. Bremer Workshops. Werkstattberichte des INBL 14. ISBN 3-88722-613-5, 214 Seiten, Vertrieb: Universitätsbuchhandlung Bremen, Bibliothekstraße 3, 28359 Bremen, Kostenbeitrag: EUR 8 (zzgl. Versandkosten)

Zusammenfassung: Der Sammelband gibt Einblicke in die interdisziplinäre Debatte des "Interuniversitären Netzwerks Biographie- und Lebensweltforschung" (INBL) der Universitäten Bremen, Göttingen und Bielefeld und versammelt vor allem methodische und methodologische Reflexionen zur Qualitativen Sozialforschung. Die Stärke der Publikation, Methodenfragen und Forschungsergebnisse der qualitativen Sozialforschung aus den unterschiedlichen Disziplinen der Soziologie, Erziehungs- und Kulturwissenschaft, Psychologie und Ethnologie sowie bezüglich der unterschiedlichen Handlungsfelder der grundlagentheoretischen und angewandten Forschung, Lehre und professioneller Praxis zu reflektieren, markiert gleichzeitig eine Schwäche. So stehen trotz eines programmatische Auftaktaufsatzes die sehr unterschiedlichen Beiträge häufig unvermittelt nebeneinander. Dennoch bietet der Sammelband interessante Anregungen zum Nachdenken über aktuelle und relevante Fragen zu Entwicklungsperspektiven qualitativer Sozialforschung.

Keywords: qualitative Sozialforschung, methodische und methodologische Reflexion, Entwicklungsperspektiven qualitativer Sozialforschung, Interuniversitäres Netzwerk Biographie- und Lebensweltforschung (INBL), Bremer Institut für angewandte Biographie- und Lebensweltforschung (IBL), Interdisziplinarität

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Besprechung der einzelnen Beiträge

2.1 Ein programmatischer Auftakt

2.2 Entwicklungsperspektiven qualitativer Sozialforschung ausgehend von methodischen und methodologischen Reflexionen

2.3 Unterschiedliche methodische Sicht- und Herangehensweisen in der qualitativen Sozialforschung

2.4 Forschungsergebnisse qualitativer Studien

3. Fazit

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Qualitative Sozialforschung in Deutschland ist eine sehr facettenreiche Forschungs- und Methodenlandschaft, die an den einzelnen Hochschulstandorten sehr unterschiedlich betrieben werden kann. Ein wissenschaftlicher Knotenpunkt der Biographie und Lebensweltforschung ist das Bremer Institut für angewandte Biographie- und Lebensweltforschung (IBL), aus dem das Interuniversitäre Netzwerk Biographie- und Lebensweltforschung (INBL) entstanden ist. Ziel des Netzwerkes von Forschergruppen an den Universitäten Bremen, Göttingen und Bielefeld ist neben der Verbesserung der Zusammenarbeit in Forschung, Lehre und Praxistransfer auch die Förderung jüngerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der vorliegende Sammelband liefert nun Einblicke in die Methodendiskussion innerhalb dieses Netzwerkes in Form der Dokumentation von Beiträgen sowohl jüngerer als auch etablierter und renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen zu zwei Workshops aus dem Jahr 2004 mit den Themenschwerpunkten "Qualitative Sozialforschung an der Universität Bremen" und "Kultur erforschen – Forschungskultur(en)". [1]

Ganz im Sinne der recht offenen Workshopkonzepte ist der Titel der Publikation "Perspektiven qualitativer Sozialforschung" mehrschichtig zu verstehen. So verbergen sich hinter dem Begriff Perspektiven wenigstens die beiden Wortbedeutungen Ausblick auf Entwicklungsmöglichkeiten und -linien sowie unterschiedliche methodische Sicht- und Herangehensweisen in der qualitativen Sozialforschung Themen wie qualitative Sozialforschung und universitäre Lehre, Archivierung qualitativer Daten und Re-Analysen, die Verbindung von qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden sowie Fragen des Transfers von Methoden der qualitativen Sozialforschung in berufspraktisches Handeln greifen Diskussionen um die (Weiter-) Entwicklung qualitativer Sozialforschung auf bzw. sind anschlussfähig an diese. Die Berücksichtigung von Forschungsberichten aus den unterschiedlichen Disziplinen der Erziehungswissenschaft, Kulturwissenschaft, Psychologie, Soziologie und Ethnologie fächert wiederum das weite Methodenspektrum innerhalb der qualitativen Sozialforschung auf und stellt Ergebnisse aus Forschungsprojekten vor, die mit qualitativen Methoden der Sozialforschung durchgeführt wurden. Die Beiträge des Sammelbandes sollen nun in der Reihenfolge ihres Abdrucks in Kürze vorgestellt werden. [2]

2. Besprechung der einzelnen Beiträge

2.1 Ein programmatischer Auftakt

Mit ihrem eigens für die Publikation angefertigten Aufsatz "Entwicklungen und Perspektiven qualitativer Sozialforschung" unternehmen Andreas HANSES und Kirsten SANDER den Versuch, die sehr heterogenen Beiträge des Sammelbandes mit einem programmatischen Auftakt zu versehen. HANSES und SANDER buchstabieren vor allem den Sinnzusammenhang "Entwicklungslinien und -aufgaben" der qualitativen Sozialforschung aus. Ausgehend von der These, dass qualitative Sozialforschung trotz aller Erfolge der Etablierung an deutschen Hochschulen noch immer im Vergleich zur quantitativen Sozialforschung randständig sei, setzen sie sich mit Potentialen und Herausforderungen der qualitativen Sozialforschung auseinander, die deren weitere Etablierung befördern können. Eine Schwächung dieses Gesamtprojektes sehen HANSES und SANDER in der Konkurrenzstellung unterschiedlicher Methodenschulen. Das INBL und seine interdisziplinären Diskussionszusammenhänge seien ein Weg, der Fragmentierung mit Hilfe des Aufbaus einer "kooperativen Forschungskultur" zu begegnen. Wichtige Potentiale zur Weiterentwicklung und Etablierung der qualitativen Sozialforschung sehen die Autoren in der Formulierung von "Standards qualitativer Sozialforschung", der Nutzung des methodentriangulierenden Vorgehens zur Erfassung komplexer sozialer Einheiten und unterschiedlicher Strukturperspektiven, der Verbindung von qualitativen und quantitativen Forschungsansätzen, der Frage der Entwicklung von Abkürzungsstrategien der Datenerhebung, Interpretation und Auswertung, um qualitative Methoden in der Evaluationsforschung und in der professionellen Praxis z.B. in der medizinischen Rehabilitation, Sozialpädagogik und Organisationsentwicklung einsetzen zu können, und schließlich in der Nutzung qualitativer Methoden in der universitären Lehre für die Schaffung von "Lehr/Lernarrangements forschender Praxis". [3]

2.2 Entwicklungsperspektiven qualitativer Sozialforschung ausgehend von methodischen und methodologischen Reflexionen

Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive reflektiert Peter ALHEIT im anschließenden Aufsatz "Die Bedeutung qualitativer Sozialforschung im Kontext universitärer Ausbildung" über die Notwendigkeit und Möglichkeit der Schaffung solcher Lehr- und Lernarrangements für die universitäre Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrer. Er vertritt die These, dass die hergebrachte universitäre Lehre der Pädagogik nicht der Tatsache gerecht würde, dass sich das pädagogische Feld beständig verändert. Der sich im Fluss befindenden pädagogischen Wirklichkeit könne nicht mit fix-fertigen Konzepten und Methoden begegnet werden, sondern erfordere ein verinnerlichtes methodisches Wissen, wie "Phänomenen der Rätselhaftigkeit und Verschlossenheit der Lebensrealität" (SCHÜTZE 1994, S.193) und der komplexer gewordenen Situation des "pädagogischen Anderen" auf die Spur und auf den Grund gegangen werden kann. Es gehe also darum, Formen des Problemlösens zu trainieren. Mit Verweis auf die Grounded Theory und ihre philosophischen Wurzeln im amerikanischen Pragmatismus entwickelt ALHEIT die These, dass das dort zugrunde liegende Handlungsmodell einer diffusen Zielgerichtetheit und der abduktiven Erkenntnislogik auch dem Pädagogikstudium in hohem Maße angemessen erscheint. Pädagogik müsse in diesem Sinne als ein "Werkstattstudium" konzipiert werden, das ein forschendes und "abduktives Lernen" zum Gegenstand habe. In diesem Sinne gehe es um die Vermittlung von Methoden der qualitativen Sozialforschung, welche neben dem Erlernen von wissenschaftlichen Techniken vor allem einen professionellen Habitus der freischwebenden Aufmerksamkeit für lebensweltliche Hintergründe und verschüttete Ressourcen, mithin ein Habitus der Offenheit für das Fremde, Unbekannte und Neue und dessen Erkundung sowie der Entwicklung von Handlungsalternativen begründen solle. Die Forderung nach einem forschenden Lernen an sich ist nicht neu und wurde in der Sozialpädagogik z.B. bereits auch von Gisela JAKOB (1998), von Thomas REIM und Gerhard RIEMANN (1997) und Fritz SCHÜTZE (1994) begründet und mögliche Lehr- und Lernarrangements entwickelt. Interessant an ALHEITs Artikel ist der ausführlichere Verweis auf die "pragmatische Hintergrundidee der Grounded Theory", d.h. das Handlungsmodell der "diffusen Teleologie" und des abduktiven Erkenntnisprozesses. [4]

Mit Entwicklungsperspektiven der qualitativen Sozialforschung beschäftigt sich auch der Beitrag von Andreas WITZEL "Archivierung qualitativer Interviews. Möglichkeiten für Re- und Sekundäranalysen in Forschung und Lehre". Dass es sich hierbei um ein wichtiges Thema in der aktuellen fachwissenschaftlichen Debatte handelt, wird z.B. dadurch deutlich, dass allein FQS in diesem Jahr bereits zwei Schwerpunktbände "Sekundäranalyse qualitativer Daten" (Januar 2005; herausgegeben von CORTI, WITZEL & BISHOP) und "Qualitative Forschung, Archivierung, Sekundärnutzung" (Mai 2005, herausgegeben von BERGMAN & EBERLE) zu diesem Thema erstellt hat. Der Hauptnutzen von Archiven für qualitative Daten liegt nach WITZEL darin, dass die Überprüfung von Forschungsergebnissen mittels Re-Analysen möglich wird. Der Geltungsbereich von Theorien könne auf diese Weise empirisch überprüft und die Brauchbarkeit von Erhebungs- und Auswertungsmethoden eingeschätzt werden. Ein Archiv böte darüber hinaus Anregungen für neue Untersuchungsthemen und die Weiterarbeit an offenen gebliebenen Forschungsfragen. Schließlich könnten die archivierten Daten in der akademischen Lehre eingesetzt werden. Der Autor stellt das "Archiv für Lebenslaufforschung" an der "Graduate School of Social Sciences" der Universität Bremen beispielhaft und ausführlich vor. Deutlich wird, dass die Entscheidung für die Archivierung bereits zu Projektbeginn getroffen werden muss, denn die Dokumentation muss den besonderen Anforderungen einer digitalen Textdatenbank entsprechen und bereits bei der Eingabe mit einem entsprechenden Kategoriensystem versehen werden. Nur mit Kodes versehene Textstellen können durch die "Retrievalfunktion" der Datenbank aufgefunden und für eine Re-Analyse nutzbar gemacht werden (siehe dazu auch in FQS den Beitrag von KÜHN & WITZEL 2000 zu "Gebrauch einer Textdatenbank im Auswertungsprozess problemzentrierter Interviews"). [5]

Mit der Frage der Verbindung von qualitativer und quantitativer Sozialforschung beschäftigt sich der Artikel "Gegensätze ziehen sich an?! Ein empirisches Beispiel der Verbindung von qualitativen und quantitativen Methoden" von Claudia BORN. Die Autorin beschreibt anhand eines abgeschlossenen Forschungsprojektes zum Thema "Statussequenzen von Frauen zwischen Erwerbsarbeit und Familie" wie sich die Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden erkenntnisfördernd ausgewirkt hat. So brachte die quantitative Erhebung der Erwerbsverläufe von Frauen, die aus Gründen der Kindererziehung ihre Berufstätigkeit längere Zeit aufgegeben hatten, zunächst das theoretisch erwartbare Ergebnis, dass die Arbeitsmarktchancen der aus der Familienphase zurückkehrenden Frauen in erster Linie von ihrem Erstberuf abhängig sind. Die Auswertung von zusätzlich geführten leitfadengestützten und themenzentrierten Interviews zur Deutung von Statusübergängen durch die betroffen Frauen selbst brachte ein ganz anderes Ergebnis. Es wurde deutlich, dass aus der Sicht der Frauen ihre Erwerbsarbeit nach der Familienphase "Resultat innerfamiliärer Aushandlungsprozesse war und von der Zustimmung/Ablehnung ihrer Ehemänner abhing" (BORN, S.68). Bei näherer und vergleichender Betrachtung erwiesen sich die zunächst widersprüchlichen Ergebnisse als komplementär. So waren die Ehemänner dann mit der Erwerbsarbeit ihrer Frauen einverstanden, wenn damit ein signifikanter Einkommenszuwachs verbunden war. Dieser wiederum hängt stark mit dem Erstberuf bzw. ihrer beruflichen Qualifikation zusammen. Das Fazit der Autorin lautet, dass die Untersuchung mit Hilfe der Methodenkombination genauere Ergebnisse erzielen konnte. Interessant wäre jedoch auch eine weitergehende Reflexion der Kombinationsmöglichkeiten der unterschiedlichen Untersuchungsansätze gewesen. So wird deutlich, dass in dem vorgestellten Forschungsprojekt die Sozialstrukturperspektive und die entsprechende quantitative Forschungslogik dominiert. Die qualitative Befragung orientierte sich an den Ergebnissen der quantitativen Teilstudie (vgl. S.66). Inwieweit die damit verbundene Vorstrukturierung des Untersuchungsgegenstandes die "diffuse Zielgerichtetheit" und abduktive Forschungslogik der qualitativen Untersuchung (wie von ALHEIT im selben Band als Zentralien verstanden) eingeschränkt hat oder nicht, wäre etwa eine interessante weiterführende Fragestellung gewesen. [6]

2.3 Unterschiedliche methodische Sicht- und Herangehensweisen in der qualitativen Sozialforschung

Ein Kennzeichen qualitativer Sozialforschung ist, dass – ausgehend vom Grundverständnis, induktiv oder abduktiv Theorien zu erstellen – sich sehr unterschiedliche Methoden und Verfahren der Datenerhebung und -analyse entwickelt haben bzw. sich beständig neu und weiterentwickeln. Ariane SCHORN beschreibt mit ihrem Aufsatz "Das forschungspraktische Vorgehen bei dem themenzentrierten Interview und der themenzentrierten Gruppendiskussion" die Anwendung einer spezifischen Herangehensweise an qualitative Forschung, die sich in der sozialpsychologischen und psychoanalytischen Forschungstradition verortet und vom "Bremer Institut für Psychologie und Sozialforschung" (IPS) übernommen wurde. Das Gruppendiskussionsverfahren hebt methodisch insbesondere auf das Selbstverständnis der Gesprächsleitung ab und – orientiert an der themenzentrierten Interaktion – reflektiert insbesondere die Rolle des Forschers als (Mit-) Akteur, der auch emotional in den Forschungsgegenstand verwickelt ist. Die Darstellung des Erhebungs- und Auswertungsverfahrens zielt dementsprechend vor allem auf die Rolle und Aufgaben der Forschenden ab: z.B. das Schaffen einer offenen Gesprächssituation, das Ermöglichen von Freiräumen zur Entwicklung der je persönlichen Sichtweise des Informanten jenseits der Leitfragen, die Reflexion der Gesprächsführung mit Hilfe von Co-Interviewern und der Abfassung und Analyse eines Postskriptums zum Interview. Die Auswertung wird in einer "Interpretationsrunde" als Einzelfallanalyse und des thematischen Vergleichs mehrerer Einzelfallanalysen zur Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten und Differenzen geleistet (siehe dazu auch den 2000 in FQS veröffentlichten Beitrag von SCHORN). Die Stärken der beschriebenen Herangehensweise liegen im reflektierten Umgang mit der Rolle des Forschenden in den Phasen der Datenerhebung und -auswertung. Weitgehend offen bzw. unbeantwortet bleibt jedoch die Frage, ob und wie mit dem vorgestellten Verfahren verallgemeinerungsfähige Ergebnisse und eine entsprechende gegenstandsbezogene Theorie generiert werden können. [7]

Ausgehend von seiner Untersuchung zu Denunziationsgeschehnissen in Deutschland zwischen 1933-1955 reflektiert Christof THONFELD in seinem Beitrag "Diskurs, Erfahrungen, Subjektivität. Historisch-kulturwissenschaftliche Forschungsperspektiven auf denunziatorisches Reden und Handeln" über die Grenzen seiner hermeneutischen Quellenanalyse (behördliche Akten, Zeitschriften und Zeitungen aus Nazideutschland von 1933-1945 und der SBZ/DDR von 1948-1955). Er verweist auf die Schwierigkeit, ausgehend von dem in den Quellen auffindbaren herrschenden Diskurs auch die Rückwirkungen des alltäglichen Redens und Umgehens mit Denunziationen auf den institutionellen Diskurs rekonstruieren zu können. Der Autor plädiert in Bezug auf die kulturwissenschaftliche Forschung dafür, die Handlungsbeiträge der Akteure immer im Zusammenhang mit dem diskursiven Gesamtgeschehen zu interpretieren. Abschließend erhebt er diesen Kontextualisierungsanspruch auch auf die Position des Forschenden. Um den präfigurierenden Einfluss der Selbstpositionierung des Forschenden in der gegebenen Forschungslandschaft kontrollieren zu können, sollten die Forschungsergebnisse "stetig in Relation zu anderen Arbeiten gesehen werden, um die eigenen Argumente kontextualisieren zu können. Denn die historische Analyse entwirft nicht ex post eine eigenständige Realität, sondern schreibt sich dynamisch in einen fortlaufenden Forschungsdiskurs ein" (THONFELD, S.95). Die Verortung in einem historisch bedingten Forschungsdiskurs ist nicht nur für die historische Kulturanalyse, sondern auch für die kritische Reflexion von Ergebnissen empirischer Sozialforschung allgemein relevant. [8]

Qualitative Forschungsprojekte zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass aufgrund neuer und unerwarteter Erkenntnisse noch im Prozess der Datenerhebung und -auswertung Forschungsfragen modifiziert, erweitert oder abgewandelt werden und/oder in der Untersuchungsplanung nicht berücksichtigte Forschungsmethoden zur Anwendung kommen können. Einblicke in einen solchen Prozess der Modifikation der Forschungsplanung liefert Kirsten RICKER mit ihrem Beitrag "Schulentwicklung und Schulkultur – Entwicklungsprozess und Entscheidungsmomente in einem qualitativen Schulforschungsprojekt". Sie berichtet, wie in der laufenden Überprüfungsarbeit des Forschungsprozesses Diskrepanzen zwischen den Ergebnisdimensionen aus der Untersuchung von Lehrerbiographien und der Forschungsfrage nach der Verschränkung von Schulentwicklung und Lern- und Entwicklungsprozessen der Lehrerakteure zum Ausgangspunkt für die Modifikation der Untersuchungsplanung werden. Die Ergebnisse aus der Erhebung von 20 narrativen Interviews produzieren nämlich aus der Sicht der Autorin keine Erkenntnisse zu der sie interessierenden "relationstheoretischen Verzahnung von Akteursperspektive und Institutionsperspektive" (RICKER, S.101). Sie entdeckt, dass ihre ursprüngliche Forschungsfragestellung nach der Rekonstruktion der Schulbiographie zu unspezifisch war. In Auseinandersetzung mit einschlägiger wissenschaftlicher Literatur zu Veränderungsprozessen in Schulen (HELSPER, BÖHME, KRAMER & LINGKOST 2001) grenzt sie den Forschungsgegenstand im Sinne des analytischen Begriffs "Schulkultur" ein. Die Vermittlung der Institutions- und Akteursperspektive kann nun anhand der Kategorien "Kommunikation" und "Wissen" nachvollzogen werden. Zur Analyse des dafür relevanten Orientierungswissens der schulischen Akteure durchmusterte die Autorin die vorhandenen narrativen Interviews unter der Fragestellung, "wie die Lehrkräfte durch ihr Handeln in der Schule Wissensbestände kommunizieren und Strukturen entwickeln, und wie diese Strukturen als gemeinsam geteiltes Wissen (Institutionalisierungen) wieder auf das Handeln zurückwirken" (RICKER, S.108f). Für die Berücksichtigung dieser neuen Untersuchungsperspektive orientierte sich die Forscherin nun am Analyseverfahren der dokumentarischen Methode der Interpretation nach BOHNSACK (2003). Meines Erachtens hätte diese "Perspektivenverschiebung des Analysefokus vom Was zum Wie" auch mit dem Analysepotential des narrativen Interviews geleistet werden können, das mitnichten "nur" eine Rekonstruktion der biographischen Entwicklung ermöglicht, sondern durch die Berücksichtigung der sozialen und institutionellen Rahmen und der Beziehung zwischen Biographie- und anderen Ereignisträgern ein Analyseinstrument zur Verschränkung von individueller und gesellschaftlicher, institutioneller Perspektive par excellence darstellt (vgl. z.B. Fritz SCHÜTZE 1984). Das schränkt jedoch nicht den m.E. wichtigeren Aspekt des Beitrages ein, nämlich die Rekonstruktion des Forschungsprozesses als Erkenntnis- und Entwicklungsprozess. [9]

Dem immer wieder diskutierten Thema der Übersetzung qualitativer Forschungsmethoden in die professionelle Praxis widmet sich der Aufsatz von Sylke MEYERHUBER "Organisationsberatung mit Wurzeln in der qualitativen Sozialforschung? Eine Reflexion über das Verhältnis von methodologisch-qualitativem Grundverständnis und der eigenen Haltung in organisationsbezogener Beratungspraxis". Die Autorin vertritt die These, dass sich die Vorbildung in qualitativen Forschungsmethoden in einer professionellen Haltung ausdrückt, welche die Beratungsarbeit als "innerer Kompass" orientiert. Die Haltung drücke sich beispielsweise im "verstehenden Zugang" zu den unterschiedlichen Handlungsperspektiven und -interessen der Akteure (Organisationsinterne und Berater) und der sozialen Interaktion innerhalb der Organisation aus. Sie beinhaltet auf Seiten der Beraterin das Einklammern von Vorannahmen und die Bereitschaft, diese wieder zu revidieren. Sie ist sich der stets prekären Voraussetzungen der Kommunikation und von Verständigungsprozessen bewusst und hat die Gleichwertigkeit der Interaktionspartner und die kommunikative Validierung von beabsichtigten Veränderungen in der Organisation im Blick. Der Beitrag setzt in gewisser Weise dort an, wo jener ALHEITs endet. Die Autorin formuliert für die Arbeit in der Organisationsberatung exemplarisch aus, wie der bei ALHEIT für das Lehramtsstudium als Ausbildungsziel geforderten "Basishabitus" des qualitativen Forschens als professionellen Habitus in der Berufspraxis aussehen könnte. Außerdem widmet sich die Autorin auch den Unterschieden zwischen Forschung und Beratungspraxis vor deren Hintergrund der Reflexion der eigenen langjährigen Beratungspraxis: Beratung gehe über das reine Verstehen hinaus und wolle Veränderungen anstoßen. Sie ist in die Zeithorizonte der Organisation eingebunden und muss anwendbares Wissen produzieren und nimmt dabei direkt Einfluss auf die Organisation. Der gemeinsame Grund der an qualitativen Forschungsmethoden geschulten Forscherin und Beraterin ist allerdings der professionelle Habitus eines – frei nach SCHÜTZE – ethnographischen Erkenntnisstils. [10]

2.4 Forschungsergebnisse qualitativer Studien

Vier Artikel des Sammelbandes stellen die Ergebnisse von Studien qualitativer Sozialforschung dar. Den Anfang dazu macht der Beitrag von Birgit GRIESE und Martina SCHIEBEL zum Thema "Vom Individuum, zum Kollektiv, zum Individuum ... Das soziale Erbe zweier Generationen Vertriebener". Ein zentrales Ergebnis des von der DFG geförderten Forschungsprojektes "Migration und national-kulturelle Zugehörigkeit", das "spezifische Formen der Ost-West-Migration und deren biographische Fundierung" rekonstruierte, ist, dass entgegen der Individualisierungsthese von BECK und GIDDENS "traditionelle" Zugehörigkeitsvorstellungen und "moderne" Berufsidentität miteinander verkoppelt sein können. So erzwingt der soziale Wandel einerseits den Bruch mit den Vorstellungen und Erwartungen bezüglich der Berufsbiographie (von der Landwirtschaft zum Ingenieursberuf). Andererseits werden jedoch soziale und kulturelle Zugehörigkeiten innerfamiliär weitervererbt. Dieser Prozess der innerfamilialen und intergenerationellen Tradierung wird am Beispiel zweier Fallgeschichten (Vater Jg. 1926 und Sohn Jg. Anfang 1960er Jahre) nach dem 2. Weltkrieg nach Deutschland vertriebener Banater Schwaben genauer nachgezeichnet. Ein zentrales Element der innerfamilialen Vererbung ist das Zusammenleben in einer Mehrgenerationenfamilie. Während sich die ökonomisch aktive Elterngeneration im "modernen" Berufsleben etabliert und entsprechende individuell geschöpfte Identitätsentwürfe realisieren kann, übernimmt es die Großelterngeneration (der Großvater), das Familiengedächtnis an die "alte Heimat" und damit die kulturelle Zugehörigkeit zu einer besonderen Schicksalsgemeinschaft wach zu halten. Interessant ist nun, dass es gelingt, den Auftrag, dieses soziale und kulturelle Familienerbe zu tradieren, an einen männlichen Vertreter der je nachfolgenden Generation weiterzugeben. Es etabliert sich mithin ein Lebensphasenmodell, das die Schöpfung und Realisierung einer "modernen" Berufsidentität und einer kulturellen Bewahrerrolle vorzugsweise nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben miteinander verknüpft. [11]

Mit der Frage, "ob türkische Zuwanderer in Deutschland eine kollektive Identität haben und wie diese – gegebenenfalls – beschaffen ist", beschäftigt sich Rosemarie SACKMANN in ihrem Aufsatz "Kollektive Identität als diskursives Konzept: dargestellt am Beispiel einer Untersuchung unter türkischen Migranten in Deutschland". In dem Beitrag wird eine spezifische Herangehensweise an qualitative Forschung deutlich, die auch schon im vorangegangen angeklungen ist. Bei der Konzeptualisierung der Forschung spielt die Rezeption und Verarbeitung von bereits vorliegenden Theorien im zu untersuchenden Gegenstandsbereich eine zentrale Rolle. Im Gegensatz etwa zu Herangehensweisen, die zunächst explizit theoretisches Vorwissen einklammern, um die Daten sozusagen erst einmal für sich selbst sprechen zu lassen und um damit der Entdeckung von Neuem Raum zu geben, geht hier die Untersuchungsplanung von einem vorab aus der Literatur- und Theorierezeption definierten Identitätskonzept aus – nämlich dem eines "diskursiven Konzeptes kollektiver Identität". Dieses Konzept verlange nicht, dass "ein und dieselbe Auffassung von allen Gruppenmitgliedern geteilt" werden muss (SACKMANN, S.168). Die empirische Untersuchung basiert auf Leitfadeninterviews, deren Fragen insofern aus einschlägiger wissenschaftlicher Literatur abgeleitet wurden, dass sie sich an den dort aufgefunden "deskriptiv-analytischen Dimensionen kollektiver Identität" (S.167) orientieren. Ungewöhnlich ist auch die mit 112 Interviews für qualitative Studien hohe Fallzahl. Auf die Form der Auswertung wird nicht näher eingegangen. Es wird aber deutlich, dass hier offensichtlich auch quantitative Auswertungsstrategien angewandt wurden, wie die prozentuale Angabe von in den Interviews aufgefunden Bezügen auf unterschiedliche Diskurse über türkische kollektive Identität nahe legt. Ein Ergebnis der Untersuchung ist die Identifizierung von vier unterschiedlichen Identitätskonstruktionen: "zwei dichte – eine nationale und eine religiös-nationale kollektive Identität – und zwei wenig entwickelte Identitätskonstruktionen, von denen sich eine auf Tradition, die andere auf persönliche Identifikation bezieht" (S.171). Die national bestimmte Identitätskonstruktion wird dann näher beschrieben. Die Autorin gelangt abschließend zu dem Fazit, dass das für die Forschung entwickelte diskursive Konzept kollektiver Identität mit dem neueren Verständnis von Integrationsprozessen zusammenpasse. Damit sind die Ergebnisse mit denen der jüngeren Integrationsforschung und auch denen bei GRIESE und SCHIEBEL im vorangegangenen Artikel dargestellten kompatibel. Sie zeigen, dass die Integration in die "moderne Gesellschaft" nicht notwendigerweise mit der Aufgabe herkunftskulturell bestimmter kollektiver Identitäten verbunden sein muss. Auf methodologischer Ebene bleibt für den Rezensenten jedoch die Frage offen, wie es qualitative Sozialforschung mit der Rezeption von theoretischen Bezügen und Vorannahmen in der Untersuchungsplanung halten soll. So kann einerseits argumentiert werden, dass keine Forscherin, kein Forscher alle theoretischen Vorannahmen einklammern kann und die explizite Bezugnahme auf Theorien und Konzepte eine Offenlegung und mithin methodische Kontrolle gewährleiste. Dem steht andererseits der Einwand gegenüber, dass auf diese Weise Untersuchungsperspektiven begrenzt und die Entdeckung von Neuem und Unerwarteten erheblich eingeschränkt wird und somit die – noch einmal ALHEIT – diffuse Zielgerichtetheit und abduktive Forschungslogik qualitativer Sozialforschung nicht mehr systematisch eingelöst werden kann. Auch dies wäre eine interessante Debatte über die Perspektiven qualitativer Sozialforschung, die aber womöglich auf den Workshops bereits diskutiert wurde. [12]

Über methodologische Aspekte ihrer arbeits- und gesundheitswissenschaftlichen Studie reflektieren Wolfgang HIEN und Enno NEUMANN in ihrem Beitrag "Über den verborgenen Sinn in Biographien – methodologische Anmerkungen zum Projekt 'Arbeitsplatz und Gesundheit im Lebensverlauf – am Beispiel der Bremer Vulkan-Werft'". Erforscht wurden die gesundheitlichen Belastungen von Arbeitern der Bremer Werft vor und nach ihrer Schließung im Jahr 1997. Im Artikel zeichnen die Autoren nach, wie sich die methodische Ausrichtung der Forschung auf der Grundlage der kontinuierlichen Reflexion der methodischen Schritte im Laufe der Untersuchung wandelte. Das von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Forschungsprojekt wurde ausgehend von der Sicherung und der quantitativen Auswertung von gesundheitsrelevanten Akten zur Nutzung in Berufskrankheiten-Verfahren entwickelt. Mit Hilfe der Aktenanalyse und schriftlichen Befragung von ehemaligen Werftarbeitern wollten die Autoren die "Arbeitsbelastung, psychosoziale Belastung durch die Werftkrise sowie die sozialen und gesundheitlichen Belastungsfolgen" (HIEN & NEUMANN, S.184) rekonstruieren und analysieren. Während der Auswertung der erhobenen Daten wurde jedoch deutlich, dass die subjektive und kollektive Bedeutung der Ergebnisse mit dem bisherigen arbeitswissenschaftlich-epidemiologischen Modell nicht rekonstruiert werden konnte. Es zeigte sich, dass es für ein besseres Verständnis der Gesamtproblematik notwendig war, neben den "objektiven Belastungsbiographien" auch die individuellen und kollektiven Deutungsmuster der Betroffenen zu erheben. Diese Perspektive sei unabdingbar, um erklären zu können, warum und inwiefern gemeinsam geteilte Belastungssituationen individuell unterschiedliche Folgen haben, d.h. individuell bearbeitet werden. Die Autoren führten deshalb zusätzlich autobiographisch-narrative Interviews durch, deren Auswertung den Zusammenhang von kollektiver und individueller Verlaufskurve und biographische Strategien der Bearbeitung deutlich werden ließen. Es konnte nun erklärt werden, wie es nach der Werftschließung zu einer dramatischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes der ehemaligen Arbeiter kam. So konnte rekonstruiert werden, dass die gesundheitlichen Belastungen aufgrund der körperlich anstrengenden und z.T. gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen während der Beschäftigung noch durch das "unterstützende Milieu der Vulkan-Familie" kompensiert werden konnten. Nach dem Verlust der kollektiven Zugehörigkeit und der entsprechenden sozialen Einbettung wurden die Arbeiter jedoch wieder von den zuvor erfolgreich rationalisierten und verdrängten Belastungsfolgen eingeholt, welche dann im Zuge der durch die Entlassung ausgelösten biographischen Krise noch einmal verschärft wurden.

"Mit dem Schock (über den hinfällig gewordenen Lebensentwurf "Werftarbeiter" und die damit verbundene soziale Absicherung, M.A.) kam die nun nicht mehr leugbare Wahrnehmung der persönlichen und gesundheitlichen Situation, der schweren Krankheiten, der beschädigten Leiblichkeit. Die Krise auf der Werft hatte die Ressourcen aufgezehrt, die soziale Unterstützung war erodiert, und das lässt sich auch an den Krankheitsverläufen zeigen" (HIEN & NEUMANN, S.191). [13]

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass biographische Arbeit ("sich aktiv mit der eigenen Lebensgeschichte auseinandersetzen, mit dem, was die eigene Identität und auch Individualität ausmacht, mit dem, was dem Einzelnen Sinn und Kohärenz verschafft" S.192) eine zentrale Voraussetzung für die Bewältigung des Wandels der Arbeitswelt ("Flexibilisierung") sei. Hierfür liefere qualitative Sozialforschung einen wichtigen Beitrag, indem sie nach dem verborgenen Sinn sozialer und biographischer Prozesse frage und damit auch ein emanzipatorisches Erkenntnisinteresse verfolge. [14]

Im den Sammelband beschließenden Aufsatz "Übersetzen und Verstehen im transkulturellen Übergangsraum" setzt sich Christine MANSFELD ausgehend von ihrer ethnologischen Forschung über "migrierende Mädchen in Bamako (Mali)" mit der eigenen Feldforschungserfahrung auseinander, dass trotz einer durch sprachliche Barrieren sehr eingeschränkten verbalen Kommunikation eine auf Wechselseitigkeit beruhende Verständigung zwischen Informanten und Forscherin möglich war. Trotz der sprachlichen Verständigungsprobleme (keine gemeinsame lingua franca, Notwendigkeit der z.T. rudimentären Mehrfachübersetzung, Verständigung über Mimik, Gestik und Zeichensprache) entstanden Situationen eines gemeinsamen Verständigungsraumes, in dem etwa soziale Regeln der Herkunftskultur der Informanten ironisch gebrochen und im Rahmen der Situationskomik hierarchische Verhältnisse zwischen den Geschlechtern aufgehoben werden konnten. Das Interesse der Autorin gilt der Frage, wie solche interkulturellen Verständigungsprozesse erklärt werden können. Sie zieht dafür das von Maya NADIG (2000) entworfene Konzept des transkulturellen Übergangsraums heran. Es lehnt sich an das ethnologische Vorverständnis des Übergangsrituals und der Schwellenphase als Zwischenraum zwischen zwei sozialkulturellen Aggregatzuständen, in welcher neue Elemente und neue Kombinationsregeln eingeführt werden können, sowie andere Vorstellungen von kulturellen Zwischenräumen an, die als Ausgangspunkt für die ethnopsychoanalytische Auslegung genutzt werden. Das angeführte Fallbeispiel ist durchaus instruktiv für die These, dass in der interkulturellen Interaktion unter bestimmten Voraussetzungen transkulturelle Übergangsräume situativ entstehen können. Dennoch fehlten dem Rezensenten Hinweise darauf, welche forschungsrelevanten Erkenntnisse die Autorin aus den nicht sprachlich vermittelten "Informationen" und Erlebnissen gewonnen hat. [15]

3. Fazit

Der Nachteil von Sammelbänden zu Tagungen, zumal wenn die Tagungskonzepte sehr offen angelegt sind, ist, dass sehr unterschiedliche Beitrage oft ohne gemeinsamen Bezugspunkt nebeneinander gestellt werden. Dem wird in dem besprochenen Band durch den programmatischen Auftaktaufsatz von HANSES und SANDER zwar insofern entgegen gewirkt, als dass zumindest ein gemeinsamer Rahmen formuliert wird. Zwischenresümees, welche die wichtigsten Fragen und Thesen der Tagungsdebatten ausgehend von den Vorträgen zusammenfassen, hätten diesbezüglich jedoch sicher die manchmal fehlenden Querverweise, wechselseitigen Bezugnahmen und die übergreifenden Debattenthemen herstellen können. [16]

Dennoch liefern die unterschiedlichen Beiträge interessante Anregungen zum Weiterdenken vor allem von methodischen und methodologischen Fragen der qualitativen Sozialforschung. An ihnen lassen sich gleichsam auch die (möglichen) Debattenthemen der beiden Tagungen rekonstruieren. Die wichtigsten Fragen sollen abschließend noch einmal stichwortartig benannt werden:

  • Was können qualitative Methoden der Sozialforschung in der universitären Ausbildung leisten und wie können sie gegenstands- und fachadäquat eingesetzt werden? (ALHEIT)

  • Der Erwerb eines "qualitativen Basishabitus" (ALHEIT) und seine Übertragung auf das bzw. seine Aktivierung im professionellen Handeln scheint möglich und gibt einen "inneren Kompass" vor (MEYERHUBER). Im Lichte der von HANSES und SANDER geforderten Entwicklung von Standards stellt sich jedoch die Frage, ob und wie methodische Standards für einen qualitativen Habitus formuliert werden können und wie entsprechend abgekürzte Verfahren der qualitativen Sozialforschung in der professionellen Praxis aussehen müssten/könnten.

  • Die Archivierung von Daten qualitativer Studien in entsprechenden Datenbanken bietet Möglichkeiten der Überprüfung von Forschungsergebnissen, der Entwicklung neuer und weiterführender Forschungsfragen, der Triangulation von Ergebnissen aus unterschiedlichen Studien, der Überprüfung des Geltungsbereichs von Theorien und der Einschätzung von Erhebungs- und Auswertungsmethoden (WITZEL). Der Aufbau und die Pflege solcher Datenbanken ist jedoch mit hohem Aufwand verbunden, und es stellt sich die Frage, ob die möglichen Erträge tatsächlich zu einem allgemein akzeptierten Aufwand realisiert werden können. Schließlich ist zu fragen, wie mit unterschiedlichen Kodiersystemen verfahren werden soll bzw. mit solchen Studien, die nicht mit einem datenbankkompatiblen Kodierverfahren arbeiten.

  • Aufgeworfen wird durch die Beiträge auch die Frage nach der methodischen Kontrolle theoretischer Vorannahmen in Verbindung mit einem hypothesenüberprüfenden Forschungsdesign, d.h. im Rahmen der Verbindung von quantitativen und qualitativen Methoden (BORN), sowie im Zusammenhang mit der theoretischen Vorklärung zentraler Begriffe der Untersuchung (wie z.B. Identitätskonzepte) (GRIESE & SCHIEBEL; SACKMANN) und bezüglich der Selbstpositionierung des Forschers/ der Forscherin in einem spezifischen Forschungsdiskurs (THONFELD) oder in der durch soziale Position, kulturelle Herkunft, Sprachbarrieren etc. bestimmten Forscherrolle (SCHORN sowie MANSFELD), welche den Erkenntnisprozess auf spezifische Art und Weise präfigurieren und Blindstellen erzeugen können.

  • Interessant ist auch, dass deutlich wird, wie in unterschiedlichen Disziplinen je spezifisch mit Methoden der qualitativen Sozialforschung verfahren wird. Am markantesten wird das an den Beiträgen der psychologisch vorgebildeten oder tätigen Sozialwissenschaftlerinnen, die Aspekte der Gestaltung und methodischen Kontrolle der Beziehung zwischen Forscherin und Informanten besonders berücksichtigen und reflektieren. In der Besprechung der Beiträge von SCHORN und MANSFELD wurde auf das Spannungsfeld zwischen der fokussierten Reflexion der Forscherrolle und der Generierung gegenstandsbezogener Theorie hingewiesen, wobei letztere außen vor blieb. Heißt das, dass die unterschiedlichen Disziplinen mit ihren z.T. spezifischen methodischen Herangehensweisen auch unterschiedliche Ergebnisdimensionen produzieren? Kann man im angeführten Beispiel nur das eine oder das andere haben, d.h. schließen die unterschiedlichen Perspektiven in der Forschungspraxis wechselseitig aus? Oder sind diese unterschiedlichen Untersuchungsperspektiven im Sinne einer von HANSES und SANDER in ihrem Beitrag geforderten Methodentriangulation aufeinander beziehbar? [17]

Der Band gibt darüber hinaus Einblicke in die "Szene" der qualitativen Sozialforschung des Bremer Göttinger und Bielefelder Netzwerkverbundes und zeigt den offensichtlich gelingenden Versuch (seit der Veröffentlichung sind zwei weitere Workshops durchgeführt worden und der dritte in Vorbereitung), ein interdisziplinäres Forum für qualitative Sozialforschung zu etablieren, das auch und gerade Nachwuchswissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen zur Verfügung steht. [18]

Literatur

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Zum Autor

Michael APPEL ist promovierter Sozialwissenschaftler und Diplom-Sozialpädagoge/ Diplom-Sozialarbeiter und hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft und im Pädagogischen Institut der Universitäten Siegen und Mainz gearbeitet. Arbeitsschwerpunkte: Methoden der qualitativen Sozialforschung insbesondere das autobiographisch-narrative Interview, Fallanalysen im Rahmen der rekonstruktiven Sozialpädagogik, Qualitätsentwicklung und Evaluation in der Sozialen Arbeit mit Hilfe von qualitativen Methoden der Sozialforschung

Kontakt:

Dr. Michael Appel

Im vorderen Pfeiler 4c
D-55291 Saulheim

E-Mail: appel.blum@t-online.de

Zitation

Appel, Michael (2005). Rezension: Birgit Griese, Hedwig Rose Griesehop & Martina Schiebel (Hrsg.) (2004). Perspektiven qualitativer Sozialforschung. Beiträge des 1. und 2. Bremer Workshops Werkstattberichte des INBL 14 [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 6(3), Art. 1, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs050311.



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