Volume 9, No. 1, Art. 51 – Januar 2008

Rezension:

Simon Meier

Alfred Schäfer & Michael Wimmer (Hrsg.) (2006). Selbstauslegung im Anderen. Münster: Waxmann. 180 Seiten, ISBN 3-8309-1639-6, 19,90 €

Zusammenfassung: Der Band widmet sich dem Problem des unzugänglichen, sich jeder Erkenntnisanstrengung widersetzenden Anderen und dem sich hieraus ergebenden Problem, dass sich das Selbst nur in Abgrenzung von diesem unzugänglichen Anderen, also durch Selbstauslegung im Anderen gewinnen kann. Hierzu sind Beiträge aus verschiedenen Disziplinen versammelt, die sich jeweils aus ihrer Perspektive dieser Problematik widmen. Trotz vieler interessanter Ansätze, die auch viele Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschung bieten, leidet der Band an Unübersichtlichkeit und zu großer Heterogenität der Beiträge, deren thematische Zusammengehörigkeit kaum noch zu erkennen ist. Zudem kann der Anspruch, eine Verbindung zu aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen und Problemen herzustellen, nicht auf befriedigende Weise erfüllt werden und wird häufig durch mühsam zu lesende Exegesen von Gedanken verschiedener "Differenzdenker" verdeckt.

Keywords: Erziehungswissenschaft, Kulturwissenschaft, Alterität, Differenz, der Andere, Eigenes/Fremdes, Lacan, Lévinas

Inhaltsverzeichnis

1. Der Band: Ein interdisziplinärer Beitrag zum Problem des Anderen

2. Das Thema: Die "Unzugänglichkeit des Anderen" als gesellschaftliches und theoretisches Problem

3. Zu den Beiträgen

4. Kritik

Anmerkung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Der Band: Ein interdisziplinärer Beitrag zum Problem des Anderen1)

Grenzüberschreitungen, die das Eigene durch die Begegnung mit Fremdem nicht nur erweitern und relativieren, sondern das Eigene als das vom Anderen Verschiedene erst konstituieren, werden in einer von Pluralisierung und Heterogenität geprägten Gesellschaft immer wichtiger. Dieser Gedanke bildet die Grundlage der von Alfred SCHÄFER und Michael WIMMER herausgegebenen Reihe "Grenzüberschreitungen. Pädagogik und Kulturwissenschaften", in der der Erziehungswissenschaft in ihren Bemühungen um disziplinäre Einheit und Kohärenz durch einen interdisziplinären Dialog zu einem neuen Verhältnis zu ihren Grenzen verholfen werden soll. [1]

Im vierten Band mit dem Titel "Selbstauslegung im Anderen" wird ausgehend von der These einer originären Unzugänglichkeit des Anderen diskutiert, welche Folgen dies für einen zeitgemäßen und reflektierten Umgang mit Konzepten wie Identität, Differenz, Eigenes/Fremdes haben kann – sei es in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung, sei es in der pädagogischen oder auch gesellschaftlichen Praxis. Der Zielsetzung der Publikationsreihe entsprechend werden "aus unterschiedlichen Disziplinen exemplarisch und aus verschiedenen Perspektiven Fragestellungen aufgegriffen und erörtert, die trotz aller Diversität die Problematik des Verhältnisses zum Fremden im Sinne einer Selbstauslegung im Anderen zum Gegenstand haben" (S.20). Der Band vereint neun Beiträge aus Philosophie, Ethnologie, Psychoanalyse, Geschlechtertheorie, Politikwissenschaft und Medientheorie. Auch wenn die beiden Herausgebenden Erziehungswissenschaftler sind, so wie die Mehrzahl der Beitragenden, und in dem Band häufig pädagogische Sachverhalte angesprochen werden, ist der Band keineswegs nur an Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler adressiert; andere mit einem Faible für interdisziplinäre Ansätze werden in dem Buch interessante Anregungen finden können. [2]

2. Das Thema: Die "Unzugänglichkeit des Anderen" als gesellschaftliches und theoretisches Problem

Wie RUCHLAK (2004, S.207-258) in ihrem philosophiegeschichtlichen Abriss der Stellung des Anderen im abendländischen Denken ausführt, ist der Andere erst spät als Problem sui generis thematisiert worden. Über lange Zeit ist der Andere lediglich als ein zwar anderes, aber letztlich gleichartiges Selbst aufgefasst worden. Erst im 20. Jahrhundert, so RUCHLAK, wurde mit HUSSERL die Fremdwahrnehmung und Erkennbarkeit des Anderen ein Problem. Ihre heutige Prägung erhielt die Frage nach dem Andern aber erst durch das sog. "Denken der Differenz" (KIMMERLE 1987a, S.11) und ihre Protagonisten, allen voran LÉVINAS, aber auch LYOTARD, FOUCAULT oder DERRIDA. Der Andere gilt nun als der unerkennbare, nicht auf einen Begriff zu bringende, sich jeder interpretierenden Aneignung entziehende Andere (RUCHLAK 2004, S.208). Rund um das Problem des Anderen ist seitdem ein äußerst lebendiger und vielschichtiger Diskurs entstanden, zumal in Anbetracht eines solchen Anderen Konzepte wie Intentionalität und Regelhaftigkeit der Kommunikation (WALDENFELS 1998, S.39ff.), aber auch Identität und Sozialisation (SCHÄFER 2000) womöglich grundlegend revidiert werden müssen. [3]

Auch die Erziehungswissenschaft, die sich den Zielen einer emanzipatorischen Pädagogik verpflichtet sieht, ist daher vom Problem des Anderen betroffen, wie einer der Herausgeber des hier besprochenen Bandes schon vor längerer Zeit betont hat. Denn ein gewaltloses Verhältnis zum Anderen "jenseits seiner Abschätzung oder Ergreifung, des vereinnahmenden Verstehens und des identifizierenden Erkennens" ist nur möglich, wenn es gelingt, "die Andersheit des Anderen in ihrer Irreduzibilität bestehen zu lassen" (WIMMER 1988, S.9). Um aber verschiedene Möglichkeiten eines solchen Umgangs mit dem Anderen auszuloten, muss die Erziehungswissenschaft über den Tellerrand hinaussehen. Eben dies geschieht in dem hier besprochenen Band und seiner Berücksichtigung vieler verschiedener disziplinärer Perspektiven. [4]

Die beiden Herausgeber führen in ihrer mit "Zwischen Fremderfahrung und Selbstauslegung" überschriebenen Einleitung aus zwei Richtungen in das Thema ein. Einerseits verweisen sie auf aktuelle gesellschaftliche Tendenzen wie die in Reaktion auf zunehmende Ausländerfeindlichkeit lauter werdenden Forderungen nach interkultureller Kompetenz oder die Separierung von Immigrant(inn)en in Parallelgesellschaften, wodurch das Prinzip der Toleranz mehr und mehr in Frage gestellt wird. Die "Illusion von einem problemlosen und friedlichen Miteinander der Kulturen" (S.18), in der das Andere nur als Modifikation des Eigenen gesehen wird, lässt sich angesichts dieser empirischen Befunde nicht mehr aufrechterhalten. Andererseits verweisen sie auf eben jene philosophische Tradition, die sich "das Andere und das Denken der Verschiedenheit" (KIMMERLE 1987b) zum Gegenstand gemacht hat und ausgehend von begrifflichen Analysen den das Andere als das prinzipiell unzugängliche Andere bestimmt. Dieses Andere geht per definitionem in Interpretationen seiner Fremdheit und identifizierenden Aussagen über empirische Unterschiede nicht vollständig auf. Dies hat aber auch Konsequenzen für die Erkenntnis des Eigenen: Wenn, so der Kerngedanke, "Eigenes und Fremdes Konzepte sind, die sich nur im Lichte des jeweils anderen angeben lassen, dann ist damit das Thema eines Selbst bezeichnet, das sich nur über die Auslegung im Anderen gewinnt" (S.11). Dem SCHÜTZschen Diktum, dass "alles echte Fremdverstehen auf Akten der Selbstauslegung des Verstehenden fundiert ist" (SCHÜTZ 1974, S.156), wird so die vermeintliche Sicherheit der egologischen Perspektive genommen (wobei allerdings in dem Band an keiner Stelle auf SCHÜTZ Bezug genommen wird) und eine nicht aufzulösende problematische Dimension hinzugefügt: Wie kann man im Akt der Selbstauslegung den Anderen in seiner Unzugänglichkeit bewahren, ohne ihn auf Eigenes zu reduzieren und ohne ihn zu ignorieren? Und hierin liegt auch die Verbindung der theoretischen zur praktisch-ethischen und politischen Dimension des Themas. [5]

Dieser "Figur" (S.21) einer Selbstauslegung im Anderen und den mit ihr verbundenen Schwierigkeiten und Komplikationen sollen sich die einzelnen Beiträge annehmen. Unabhängig von der Qualität der einzelnen Beiträge möchte ich vorgreifend kritisch anmerken, dass es bei deren Lektüre überaus schwer fällt, die in der Einleitung aufgerissene Problemstellung wiederzuerkennen. Die von den Herausgebern bewusst gewählte hohe Diversität der Beiträge hat zur Folge, dass deren Zusammengehörigkeit nur schwer erkennbar ist. Mitunter wurde mir erst beim Zurückblättern zum Vorausblick auf die Beiträge in der Einleitung klar, inwiefern die Beiträge als Antwort auf die Frage nach der Selbstauslegung im Anderen gelesen werden können. Dies liegt wohl auch daran, dass Informationen zu den Hintergründen der Publikation vollständig fehlen. PAZZINI nennt seinen Beitrag einen "Vortrag" (S.61), VISKER spricht zu Beginn seines Beitrags von dem, "was uns hier […] zusammenbringt" (S.115), was jeweils vermuten lässt, dass der Band aus einem Kolloquium o.Ä. hervorgegangen ist. Doch dies bleibt ebenso unklar wie die Frage, was den Autoren und Autorinnen als gemeinsame Grundlage zur Verfügung stand. STRECK erwähnt "das hermeneutische Erkenntnisinteresse des Gemeinschaftsvorhabens" (S.27), doch worin dies genau besteht, bleibt im Dunkeln. Schließlich möchte ich (als gut gemeinte Warnung) darauf hinweisen, dass für mit dem Denken LACANs wenig vertraute Lesende (wozu zugegebenermaßen auch ich mich zählen muss) einige der Texte bis an die Grenzen der Nachvollziehbarkeit gehen – und manchmal auch darüber hinaus. [6]

3. Zu den Beiträgen

Trotz der erwähnten Kritikpunkte halten die Beiträge viele wertvolle und interessante Ansätze bereit. Im Folgenden sollen jeweils die Kerngedanken pointiert zusammengefasst werden. Der Ethnologe Bernhard STRECK widmet sich in seinem Beitrag "Fremdauslegung im Selbst" den Besessenheitskulten in afrikanischen Gesellschaften und trägt hierzu einige Berichte und Deutungen dieser Kulte in der ethnologischen Literatur des 20. Jahrhunderts vor. Nachdem Besessenheit in der Aufklärung pathologisiert wurde, erweist sie sich heute als "charakteristisch für komplexe Gesellschaften mit ihren durchmischten Verhältnissen" (S.29). Die Inbesitznahme durch eine außermenschliche Wesenheit, die sich in einer tanzenden Darstellung z.B. von Kolonialherren äußert, interpretiert STRECK als "Bewältigung des Anderen, Fremden durch seine Nachahmung" (S.33). Dennoch warnt er im Anschluss an diese Interpretation von Besessenheit als Fremdauslegung im Selbst vor dem Glauben, damit dieses Phänomen umfassend verstanden zu haben. Die Fremdauslegung im Selbst erscheint westlichen Beobachtenden im Rahmen wissenschaftlicher Rationalität selbst zutiefst fremd und befremdlich, da "die Vorstellung, dass ein Geist von irgendwo her kommt, sich im Kopf oder Körper eines Menschen einnistet und dessen Handlungen, Denken und Äußerungen steuert" (S.42), d.h. die gleichzeitige "Autonomie und Heteronomie des Subjekts" (S.43) letztlich unverständlich bleibt. [7]

Das Problem der Verstehbarkeit fremdkultureller Praktiken bildet auch den Ausgangspunkt des Beitrags von Iris DÄRMANN "Über ausgeschlagene fremdkulturelle Gaben: Derridas eurozentristische Lektüre des Essai sur le don". Entgegen der herkömmlichen Meinung, dass DERRIDA einer der entschiedensten Kritiker des Eurozentrismus sei, zeigt DÄRMANN über einen Vergleich von DERRIDAs in Auseinandersetzung mit MAUSS entwickelten Theorie der Gabe und dem MAUSSschen Original, wie dieser in seiner Kritik an MAUSS und seiner eigenen Vorstellung einer "reinen Gabe" jenseits des Tauschs letztlich doch europäischen Denkmodellen verhaftet bleibt. Er missachtet die spezifischen historisch-kolonialen Voraussetzungen des von MAUSS beschriebenen Gabensystems und weist alles zurück, "was sich […] seiner Auslegung des lokalen Vorverständnisses […] entzieht" (S.52f.). MAUSS hatte dagegen die radikale Andersheit der pazifischen Gabensysteme als "Anlass einer kritischen Fremdauslegung seines eigenen Verständnisses von Gabe und Ökonomie" (S.52) genommen. Diese Chance, so DÄRMANN, hat DERRDIA vergeben. [8]

Karl-Josef PAZZINI thematisiert in seinem Beitrag die Schwierigkeit innerhalb der psychoanalytischen Praxis, eine Beziehung zum Anderen zu finden, in der dieser als Anderer belassen und weder objektiviert noch wahnhaft verkannt wird. Hierzu zeichnet er anekdotenhaft und in vielen, auf den ersten Blick zusammenhangslosen Einzelschritten die Erfindung des psychoanalytischen Settings nach, das eine institutionalisierte Lösung dieses Problems darstellt. In der "Auslegung vor einem Anderen" (so der Titel des Beitrags, der auch wörtlich im Sinne eines Sich-auf-der-Couch-Auslegens verstanden werden kann) ist vor allem der Entzug des Blicks von entscheidender Bedeutung. Dadurch, dass beiden, Analytiker(in) wie Analysand(in), "die visuell überprüfbare Wirkung ihrer Worte" (S.66) entzogen wird, können sprechendes und imaginierendes Ich auseinander treten, was die Einwanderung von Fremdheit ermöglicht. [9]

Barbara RENDTORFF widmet sich in ihrem Beitrag der Frage "Ist der 'Andere des anderen Geschlechts' ein besonderer Anderer?" und geht dabei von folgender Überlegung aus: In der leiblichen Dimension "dokumentiert das Geschlecht […] die Unüberwindbarkeit der Andersheit des Anderen und zugleich die Angewiesenheit auf den Anderen" (S.81). Obwohl die Geschlechterunterscheidungen "substantialisierte Effekte der Auslegung, der Interpretation dieser Differenz" (S.90) und somit kulturellem und historischem Wandel unterworfen sind, was RENDTORFF in einer sehr dichten und detailreichen Zusammentragung von Interpretationen der Geschlechtlichkeit zeigt, bleibt die leibliche Differenz unaufhebbar. Doch gerade in dieser Einsicht sieht RENDTORFF großes politisches Potenzial, das durch bisherige politische Forderungen und Entscheidungen etwa im Zuge der Frauenbewegung zumeist ungenutzt blieb. Denn "an der Geschlechterordnung, an der Wahrnehmung und dem Umgang mit der Geschlechterdifferenz [könnte] der Umgang mit Differenz überhaupt und folglich auch mit dem Fremden gewissermaßen 'geübt' werden" (S.93) – ein Umgang jenseits von Vereinnahmung und Ausgrenzung. Leider bleibt es bei dieser negativen Bestimmung. Wie ein solcher Umgang aussehen kann, lässt RENDTORFF offen. [10]

Alfred SCHÄFER geht in seinem Beitrag "Sakralisierungsstrategien" der gleichermaßen alltagspraktisch wie auch moralisch intendierten Frage nach, wie damit umgegangen werden kann, "dass man dem Anderen mittels symbolischer Ordnungsmuster nicht gerecht werden zu werden vermag, dass man dabei immer auch selbst Opfer unauflöslicher Projektionen des eigenen Selbst wird, das sich am Anderen zu bestätigen sucht" (S.99f.). Eine Möglichkeit, dieser "doppelten Ungerechtigkeit" (S.100) zu entgehen, besteht ihm zufolge in einem von Meidungsregeln bestimmten Ethos, wie GOFFMAN ihn beschrieben hat. Diesen vormoralischen Strategien stellt SCHÄFER solche Strategien gegenüber, die von einer ethischen Reflexion dieser doppelten Ungerechtigkeit ausgehen. Im Anschluss an LÉVINAS' ethische Reflexionen, der in der Widerfahrnis des Antlitzes die Erfahrung eines sich jeder symbolischen Ordnung entziehenden Anderen und somit den Grund einer letztlich uneinlösbaren Verantwortung sieht, bleiben als Möglichkeiten nur die Sakralisierung der Unzugänglichkeit des Anderen oder die Sakralisierung der Unzugänglichkeit des Eigenen. Die Konsequenz ist jeweils die gleiche: Die "Neutralisierung jeder möglichen Begründung von Gerechtigkeit" (S.113). Sämtliche von SCHÄFER erläuterten Strategien haben also ihre Mängel – und leider deutet er zum Schluss nur sehr vage an, wie man aus dieser "Falle" herauskommen könnte. [11]

Auch Rudi VISKER thematisiert in seinem Beitrag "Zum Unbegriff des Politischen" die Probleme eines Selbstverständnisses, das nur vom Anderen her möglich ist. Der These LÉVINAS', die Begegnung des Anderen zwinge das Ich, sich einer unmöglichen Verantwortung ihm gegenüber zu stellen, hält VISKER entgegen, dass sich in der Begegnung mit der Andersheit des Anderen eine intrasubjektive Differenz zeigt, der zufolge "die Gestalt des Anderen mich nicht mit einem anderen-in-mir konfrontiert, sondern mit einer Art Anderheit, die zum ureigenen Sinn eines solchen Ich gehört" (S.124). Dieser Riss im eigenen Selbst ist es, mit dem sich das Ich in der Begegnung mit dem Anderen konfrontiert sieht. [12]

Torsten MEYER stellt in seinem Beitrag "Weltweit-Werden des Anderen" medientheoretische Überlegungen dazu an, wie die gegenwärtigen medialen Bedingungen die Beziehung zum Anderen prägen. Hierzu legt er eine – für mich durchaus sehr ansprechende – Sicht auf das Internet vor, das weniger als technisches, nach Belieben an- und ausschaltbares Medium denn als "Träger und Stoff psychischer und sozialer Vorgänge" (S.130) und somit als eine "soziale und kommunionale Angelegenheit" (S.135) begriffen werden sollte. Dies verlangt auch einen Begriff von Medienkompetenz, der nicht thematisch isoliert ist und auch interkulturelle Kompetenzen umfasst. Aus diesem Grunde zieht MEYER auch DERRIDAs Terminus mondialisation, zu Deutsch Weltweit-Werden, dem Terminus Globalisierung vor, da letzterer eine jegliche Differenzen nivellierende Vogelperspektive suggeriert, während ein Weltweit-Werden "dem Anerkennen der Pluralität und damit verbundenen Heterogenität der Kulturen" (S.148) zu seinem Recht verhilft. Zwischen den Ausgangsannahmen und den plausiblen Schlussfolgerungen geht MEYER allerdings recht verschlungene, "assoziierende" (S.141) Wege über CUSANUS und LACAN, die sich häufig im Unbestimmten zu verlieren drohen. [13]

Im letzten, meines Erachtens gelungensten Beitrag "Das Andere seiner selbst werden" nimmt Stephan MÜNTE-GOUSSAR kritisch die These in den Blick, nach der das Internet mit seinen virtuellen Gemeinschaften neue Formen des Selbstverhältnisses begünstigt und somit eine empirische Realisierung der großen Themen der Postmoderne wie Dezentrierung, Fragmentisierung, Differenz und Pluralität ermöglicht. Geht man aber die verschiedenen Formen der MUDs, Communities, Wikis und Blogs einmal durch, so zeigt sich bald, dass zumeist Inszenierungen von Authentizität und Ich-Marketing im Vordergrund stehen. "Statt um eine Veranderung des Selbst geht es um eine Selbstbehauptung vor den Anderen" (S.168). Hierzu bringt MÜNTE-GOUSSAR viele überzeugende Beispiele wie etwa die Echtheitszertifikate in virtuellen Profilen in Flirt-Communities (S.166). Die Ausgangsfrage, ob das Internet eine ästhetische Lebenskunst im Sinne FOUCAULTs ermöglicht, ist damit aber nicht grundsätzlich verneint. Aus seinen empirischen Befunden folgert MÜNTE-GOUSSAR vielmehr, dass von einer gegebenen technischen Struktur keine bestimmten sozialen Praktiken abgeleitet werden sollten, sondern

"dass es sich um ein Wechselwirkungsverhältnis handelt, innerhalb dessen ein bestimmtes mediales Dispositiv eine spezifische Nutzung und damit bestimmte soziale Praktiken nahe legt, und umgekehrt gängige soziale Praktiken den tatsächlichen Gebrauch präfigurieren und sich in die (Fort-)Entwicklung bestimmter medialer Strukturen einschreibt und in technischen Apparaturen manifestiert" [sic!] (S.174). [14]

4. Kritik

Was dieser Sammelband seinen Lesenden bietet, ist zugleich Vorteil und Nachteil. Der Vorteil besteht in der großen Bandbreite an Themen und Ansätzen, die allerdings weniger Lösungen anbieten als Fragen aufwerfen, herkömmliche Meinungen kritisch beleuchten und somit eine große Zahl von Anknüpfungspunkten für kommende Forschungen empirischer wie theoretischer Natur bereit halten. Es geht den Herausgebern ja auch erklärtermaßen nicht um eine alle Problemdimensionen umfassende Analyse. Wohl aus diesem Grunde haben sie auf eine einheitliche Definition des Begriffs der Selbstauslegung verzichtet. Die große thematische Bandbreite hat aber auch eine nachteilige Unübersichtlichkeit zur Folge, die sich, wie bereits erwähnt, ohne die Einleitung wohl kaum entwirren ließe. Doch auch einzelne Beiträge sind hiervon betroffen: So durchzieht die Beiträge von SCHÄFER oder RENDTORFF eine fortlaufende, überaus verwirrende Öffnung von Alternativen. Letztere kündigt gegen Ende an, im Folgenden zwei Ansätze zu einer Fragestellung anzubieten, und beginnt mit "Eine Möglichkeit wäre …" (S. 91) – die erwartete andere Möglichkeit sucht man aber vergeblich. Bei vielen Beiträgen fehlt außerdem ein einleitender Überblick über das, was in dem oft nur vage betitelten Beitrag behandelt werden soll. [15]

Eine Stärke des Buchs liegt in dem schon in der Einleitung zum Ausdruck kommenden Versuch, die behandelten Probleme mit aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen und Konflikten in Verbindung zu bringen, die nicht zuletzt für die Erziehungswissenschaft Herausforderungen darstellen. Leider bleibt es aber häufig beim Versuch. Obwohl viele der Beiträge an aktuelle gesellschafts- und erziehungspolitische Themen anknüpfen und mitunter auch konkrete, einen zeitgemäßen und reflektierten Umgang mit dem Anderen betreffende Forderungen aufstellen, bleiben sie gerade hierin äußerst vage und kommen über negative Aussagen (etwa: dass die Probleme eben nicht so einfach zu lösen seien, dass sie eben anders gedacht werden müssen o.Ä.) zumeist nicht hinaus. Dies mag der These von einer Unzugänglichkeit des Eigenen entsprechen, ist für Lesende aber wenig befriedigend. [16]

Die häufigen Verweise auf gleichermaßen spezielle wie hochabstrakte Gedanken von Autoren wie LACAN, LÉVINAS und DERRIDA lassen schließlich auch die Frage aufkommen, ob es hier mehr um die Exegese und ein Weiterspinnen dieser Gedanken als um das Verständnis konkreter Phänomene mit entsprechender empirischer Relevanz geht. DÄRMANNs Kritik an DERRIDA ist plausibel, doch macht sie nicht hinreichend klar, welche über die DERRIDA-Forschung hinausgehende Relevanz dies haben könnte. Mir ist auch nicht klar geworden, welchen Nutzen es hat, wenn MEYER LACAN und CUSANUS verbindet, um damit eine Randbemerkung DERRIDAs besser bezüglich ihrer Anwendbarkeit auf einen Spruch von Boris Becker interpretieren zu können. Meines Erachtens werden hier methodische Ebenen vorzeitig vermischt, die besser auseinander gehalten worden wären: nämlich die der hermeneutischen Analyse von Texten anderer Autor(inn)en, der begrifflichen Analyse von theoretischen Problemen und der Anwendung auf empirische Sachverhalte. [17]

Wie erfrischend wirkt dagegen ein Buch wie "Der Kosmopolit" (APPIAH 2007), in dem ebenfalls nach Möglichkeiten des Umgangs mit dem Anderen gesucht wird, in dem dieser weder auf Eigenes reduziert noch als nicht achtenswert ignoriert wird! Natürlich ist hier der Anspruch ein gänzlich anderer, und auch hier werden die methodischen Ebenen nicht immer auseinander gehalten. Doch hier werden mit der in einer Vielzahl von Anekdoten vorgestellten Idee einer Stärkung des interkulturellen Dialogs konkrete Lösungen vorgeschlagen. Diese sind zwar höchst streitbar und theoretisch nicht immer vollständig durchdacht, antworten aber dafür auf Probleme wie etwa die Abwägung zwischen der Schutzbedürftigkeit von Traditionen und dem Eintreten für universale Werte wie Menschenrechte, deren Dringlichkeit sich auch ohne lange Exegesen von französischen Differenzdenkern erschließt. Bei der Lektüre von "Selbstauslegung im Anderen" kommt einem dagegen manchmal ein Ausspruch von RORTY (1985) in den Sinn: Sie kratzen, wo es nicht juckt. [18]

Anmerkung

1) Das Thema ist der Andere im Sinne von anderer Mensch. "Der Andere" ist der gebräuchliche Terminus in dem Diskurs, der seine Wurzeln in HUSSERLs Theorie der Fremdwahrnehmung hat, in THEUNISSENs Werk "Der Andere" (1965) erstmals umfassend behandelt wurde und schließlich bei LÉVINAS ("Das absolut Andere ist der Andere" [LÉVINAS 1987, S.44]) die für den besprochenen Band relevante Prägung erhielt. Die im Folgenden zumeist gewählte Verwendung allein der männlichen Form liegt in dieser Tradition begründet. <zurück>

Literatur

Appiah, Kwame Anthony (2007). Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums. München: Beck.

Kimmerle, Heinz (1987a). Zur Einführung. In Heinz Kimmerle (Hrsg.), Das Andere und das Denken der Verschiedenheit (S.9-14). Amsterdam: Grüner.

Kimmerle, Heinz (Hrsg.) (1987b). Das Andere und das Denken der Verschiedenheit. Amsterdam: Grüner.

Lévinas, Emmanuel (1987). Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität. Freiburg: Alber.

Rorty, Richard (1985): Habermas and Lyotard on postmodernity. In Richard J. Bernstein (Hrsg.), Habermas and modernity (S.161-175). Cambridge: Polity.

Ruchlak, Nicole (2004). Das Gespräch mit dem Anderen. Perspektiven einer ethischen Hermeneutik. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Schäfer, Alfred (2000). Vermittlung und Alterität. Zur Problematik von Sozialisationstheorien. Opladen: Leske + Budrich.

Schütz, Alfred (1974). Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Theunissen, Michael (1965). Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart. Berlin: de Gruyter.

Waldenfels, Bernhard: (1998). Antwort auf das Fremde. Grundzüge einer responsiven Phänomenologie. In Iris Därmann & Bernhard Waldenfels (Hrsg.), Der Anspruch des Anderen. Perspektiven einer phänomenologischen Ethik (S.35-49). München: Fink.

Wimmer, Klaus-Michael (1988). Der Andere und die Sprache. Vernunftkritik und Verantwortung. Berlin: Reimer.

Zum Autor

Simon MEIER, M.A., Studium der Kommunikationswissenschaft und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Derzeit Lehrbeauftragter und Doktorand im Fach Kommunikationswissenschaft. Interessenschwerpunkte: Theorie des Gesprächs, Qualitative Sozialforschung, insbesondere Gesprächsanalyse, Philosophische Hermeneutik.

Kontakt:

Simon Meier

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E-Mail: sim.meier@gmx.de

Zitation

Meier, Simon (2007). Rezension zu: Alfred Schäfer & Michael Wimmer (Hrsg.) (2006). Selbstauslegung im Anderen [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 51, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801515.



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