Volume 9, No. 1, Art. 40 – Januar 2008

Rezension:

Martin Spetsmann-Kunkel

Richard Sennett (2005). Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Verlag. 160 Seiten, ISBN: 3-8270-0600-7, EUR 18,-

Zusammenfassung: Richard SENNETT beschäftigt sich in seinem neuen Buch Die Kultur des neuen Kapitalismus mit den Lebensbedingungen in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass die Veränderung des Arbeitsmarktes und der Bürokratie zu einem Verlust an Planungssicherheiten bei den Arbeitnehmer(inne)n führen. Die auf die geforderte Flexibilität des Marktes flexibel reagierende Bürokratie kann diese Planungssicherheit nicht mehr gewähren, sondern fordert vielmehr von den Mitarbeiter(inne)n selbst Flexibilität. Problematisch an SENNETTs Analyse ist die fehlende empirische Fundierung seiner Aussagen, die weitere Forschung – bspw. im Bereich der Biografieforschung – nötig macht. Es wäre hier zu fragen, wie sich die Strategien im Umgang mit den Forderungen des Arbeitsmarktes nach Flexibilität seitens der Arbeitnehmenden gestalten und ob sich vielleicht auch Praktiken des Widerstands gegen die Forderungen des Marktes finden lassen.

Keywords: kapitalistische Gesellschaft, Flexibilität, Gegenwartsdiagnose, biografische Studien

Inhaltsverzeichnis

1. Leben im flexiblen Kapitalismus

2. Die Diagnose

3. Kritisches Resümee

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Leben im flexiblen Kapitalismus

Die aktuelle Buchveröffentlichung Die Kultur des neuen Kapitalismus von Richard SENNETT, welche auf Vorlesungen beruht, die er 2004 an der Universität Yale gehalten hat, beschäftigt sich mit den Lebensbedingungen in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft. Wie man bereits in seiner älteren Studie Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus (2000a) lesen konnte, fragt SENNETT auch hier, ob der heutige Arbeitsmarkt die menschlichen Bedürfnisse nach Anerkennung und Belohnung, Loyalität, biografischer Sicherheit und einer Planbarkeit des Lebens sowie nach Konstanz und institutionalisierten Routinen zu befriedigen in der Lage ist. Das Resümee in seinem 160-seitigen Essay fällt kritisch und pessimistisch aus: Die Veränderung des Arbeitsmarktes und der bürokratischen Organisation – so SENNETT –, die Freisetzung aus dem, was Max WEBER einst als "stahlhartes Gehäuse" bezeichnete, führen zu einem Verlust an Planungssicherheiten bei den Arbeitnehmer(inne)n, da die auf die Flexibilität des Marktes flexibel reagierende Bürokratie diese Planungssicherheit nicht mehr gewähren kann, sondern vielmehr von den Mitarbeitenden selbst Flexibilität fordert. [1]

Bereits in seiner früheren Arbeit Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus (2000a) bemerkte SENNETT: "Von den Arbeitnehmern wird verlangt, sich flexibler zu verhalten, offen für kurzfristige Veränderungen zu sein, ständig Risiken einzugehen und weniger abhängig von Regeln und förmlichen Prozeduren zu werden" (S.10). Die Bezeichnung "nichts langfristiges" (SENNETT 2000a, S.25) wurde damals von SENNETT gewählt, um diese Form der neuen Arbeits- und Lebensorganisation zu charakterisieren. Die permanente Veränderung wird zum biografischen Dauerzustand. Es existiert keine verlässliche Kontinuität in der Lebensgestaltung und in der Arbeitswelt. Den Unterschied zu historisch früheren Zeiten beschreibt SENNETT dabei wie folgt:

"Während der größten Spanne der Weltgeschichte haben die Menschen akzeptiert, dass ihr Leben sich aufgrund von Kriegen, Hungersnöten oder anderen Katastrophen plötzlich verändern könne und dass sie improvisieren müssten, um zu überleben. Unsere Eltern und Großeltern waren 1940 von Sorge erfüllt, als sie nach dem überstandenen Chaos der Weltwirtschaftskrise das Drohgespenst eines Weltkriegs vor sich sahen.

Das Besondere an der heutigen Ungewissheit ist die Tatsache, dass sie nicht in Verbindung mit einer drohenden historischen Katastrophe steht, sondern vielmehr mit den alltäglichen Praktiken eines vitalen Kapitalismus verwoben ist" (SENNETT 2000a, S.38). [2]

Anknüpfend an diese Diagnose kommt SENNETT auch in seiner jüngsten Studie zu ähnlichen Beobachtungen und Ergebnissen. [3]

2. Die Diagnose

Das Buch enthält drei Kapitel. In den ersten beiden Kapiteln des Buches (S.17-66, S.67-103) beschreibt SENNETT den Verlauf der kapitalistischen Ordnung und die zentralen Charakteristika des heutigen flexiblen Kapitalismus. [4]

Die Institutionen, in denen die Menschen arbeiten, bieten nach SENNETT immer weniger den für die Menschen notwendigen emotionalen Halt und produzieren zudem auf der anderen Seite auch immer weniger Loyalität und Verantwortlichkeit. Die einst von Max WEBER beschriebene protestantische Arbeitsethik und ihre Bedingungen lösen sich auf. [5]

So diagnostiziert SENNETT bspw. eine zunehmende Entwertung institutionalisierten Wissens;

"In einer Fabrik wissen Vorarbeiter oft mehr als ihre in Hemd und Anzug daherkommenden Chefs. In Büros sind Sekretärinnen und persönliche Assistenten vielfach die Träger des institutionellen Wissens. Und in Krankenhäusern besitzen die Krankenschwestern bekanntermaßen größere Kompetenzen in Fragen der Bürokratie als die Ärzte […] Doch bei der 'Reform' bürokratischer Pyramiden werden diese unteren Funktionsträger oft als Erste entlassen. Das Management meint, sie ließen sich durch Computer ersetzen, doch Computerprogramme sind meist nur zur Anwendung, nicht aber zur Anpassung von Regeln fähig" (SENNETT 2005, S.57). [6]

Derartige Prozesse der Entwertung von Erfahrung und Wissen führen nach SENNETT zu einer Gefährdung bzw. sogar einer Auflösung der Arbeitsidentität. Die Arbeitsidentität – so SENNETT – wird nur erlangt, indem eine Arbeit um ihrer selbst willen getan wird. Doch "Institutionen, die auf kurzfristige[n] Transaktionen und ständig wechselnde[n] Aufgaben basieren, sind einem solchen Arbeitsethos nicht gerade förderlich" (SENNETT 2005, S.85). [7]

Auf dem Arbeitsmarkt gehe das "Gespenst der Nutzlosigkeit" (SENNETT 2005, S.69) um und konfrontiere die Arbeitnehmer(innen) mit dem Schrecken, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Es herrscht – so schrieb SENNETT bereits in seiner älteren Studie (2000b) – "die allgegenwärtige Drohung, ins Nichts zu fallen" (S.190). Die Konkurrenz der weltweiten Anzahl an qualifizierten Arbeitskräften, die Automatisierung und Technisierung in den Betrieben der Produktion und in den Verwaltungen sowie der geringschätzige Umgang mit dem Älterwerden und der genannten Abwertung von Erfahrungen bedingen diese Angst vor der drohenden Nutzlosigkeit. Wie schon in Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus (2000a) bemerkt SENNETT auch hier, dass das Geschäftsleben durch jugendliche Attribute wie Dynamik und Spontaneität gekennzeichnet sei. Die kurzlebige Unternehmenswelt negiere den Wert von Erfahrung. Jugend – so die Logik der kapitalistischen Unternehmenskultur – werde mit Flexibilität assoziiert, Alter mit Erstarrung. [8]

Die Schwierigkeit der strategischen Lebensplanung angesichts abnehmender institutionalisierter Sicherheiten gilt allerdings nicht – so SENNETT – für alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen:

"Ein Kind aus privilegierten Schichten kann sich Konfusion in seinen persönlichen Strategien leisten, ein Kind aus den Massen dagegen nicht. Wer aus einer privilegierten Schicht stammt, hat wegen seines familiären Hintergrunds und wegen der Netzwerke im Bildungswesen gute Chancen. Die privilegierte Stellung verringert die Notwendigkeit strategischen Denkens. Starke, ausgedehnte Netzwerke ermöglichen es den Mitgliedern der oberen Schichten, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren […] Die Menschen aus den übrigen Schichten verfügen dagegen über ein dünneres Netz informeller Kontakte und Unterstützungen, so dass sie in höherem Maße auf Institutionen angewiesen sind" (SENNETT 2005, S.64f.). [9]

An dieser Stelle diagnostiziert SENNETT die Grundlage für zukünftige soziale Konflikte. Konkurrenz und bestehende soziale Ungleichheiten schaffen Ressentiments und produzieren eine Spaltung der Gesellschaft: in diejenigen, die – sich flexibel anpassend – auf dem Arbeitsmarkt mitspielen können und diejenigen, für die die kapitalistische Ordnung keinerlei Verwendung findet. [10]

Trotz dieser Situation sozialer Ungerechtigkeit bleibt der Raum für den politischen Widerstand ungenutzt, da die Politik – so SENNETT im dritten Kapitel seines Buches (S.105-156) – mittlerweile selbst zu einer Ware verkommen ist. Der "Konsumenten-Zuschauer-Bürger" (SENNETT 2005, S.128) wird durch politische Symbolik und die inhaltsleere Konzentration auf die Persönlichkeit des Politikers bzw. der Politikerin von dringlichen politischen Problemen abgelenkt. Auch die Brandmarkung von Außenseitergruppen als Sündenböcke für soziale Probleme erfüllt diesen Zweck. Politik verkommt somit zur benutzerfreundlichen Ware, die Bürger(innen) zu manipulierten Konsument(inn)en. [11]

3. Kritisches Resümee

SENNETT hat auch mit seinem neuen Buch eine hervorragend zu lesende, engagierte Gegenwartsdiagnose vorgelegt. Das Buch ist im Umfang wesentlich schmaler als seine älteren Studien, die ihn berühmt gemacht haben – wie z.B. Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität (2000b) –, stehen im geschliffenen Stil, Scharfsinn und Weitblick anderen Publikationen von ihm aber in nichts nach. [12]

Deutlich wird die inhaltliche Nähe, die SENNETT mit anderen zeitgenössischen Kritiker(inne)n der neoliberalen, kapitalistischen Marktordnung verbindet. Zu nennen ist da vor allen Dingen Zygmunt BAUMAN und seine Arbeit über die "nutzlosen Menschen" der Moderne Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne (2005) (vgl. hierzu auch: SPETSMANN-KUNKEL 2007). Beide Autoren beschreiben eine Welt, die Flexibilität und Risikobereitschaft von den Einzelnen fordert und die gleichzeitig die Gefahr in sich birgt, den eigenen Wert dem Arbeitsmarkt nicht vermitteln zu können und damit als nutzlos zu gelten. Der Markt produziert fortlaufend eine geringe Anzahl an Gewinner(inne)n, der eine große Zahl an Verlierer(inne)n gegenübersteht. Diese Perversion der kapitalistischen Logik aufzuzeigen, ist das gegenwärtige Anliegen der Arbeiten solch engagierter Autoren wie SENNETT und BAUMAN. Beiden Autoren kann damit aber auch der Vorwurf gemacht werden, konservativ – im Sinne einer "früher war alles Besser-Haltung" – die derzeitige Situation allzu pessimistisch zu beschreiben. [13]

Man kann zudem einwenden, dass SENNETT die Erzählungen der von ihm befragten Personen immer nur als Erzählungen des Leidens am Kapitalismus wahrnimmt. Die von ihm befragten Handwerker(innen), Arbeiter(innen), Wal-Mart-Beschäftigte werden immer nur in der Opferrolle ernstgenommen. "Das mag ehrenwert, auch 'moralisch' sein – aber entsteht dadurch ein authentisches Bild des 'Lebens im Kapitalismus'? Sind Menschen immer nur Opfer? Haben sie immer nur Angst? Verlieren sie immer nur im Wandel?" (HORX 2005). [14]

In der hier vorliegenden Rezension wird SENNETTs Argumentation und Vorgehensweise aber begrüßt. Die Konzentration auf das Leiden an der gegenwärtigen Gesellschaft und die potenziellen Auswirkungen auf die weitere weltgesellschaftliche Entwicklung erscheinen als äußerst bedeutsam und sind deshalb zu Recht in den Fokus zu rücken. Auch der formulierbare Vorwurf, SENNETT verteidige ältere Formen der kapitalistischen Ordnung zu Ungunsten der derzeitigen Logik des Kapitalismus, entspricht nicht der Lesart dieser Rezension. Die kritische (und pessimistische) Diagnose der aktuellsten Zustände bedeutet nicht zwangsläufig eine unkritische sehnsuchtsvolle Rückbesinnung auf vergangene Zeiten oder Strukturen. Dieser Konservativismus kann hier bei SENNETT so nicht entdeckt werden. [15]

Als Schwäche der Argumentation von SENNETT muss aber erneut festgehalten werden, dass er – wie schon in anderen Publikationen (SENNETT 2000a) – seine Aussagen nicht sichtbar empirisch belegt. Dabei ist SENNETT alles andere als ein "arm chair-Soziologe", wie auch Markus SCHROER richtig bemerkt: "Die Ergebnisse – etwa von geführten Interviews – werden aber weniger systematisch ausgewertet und methodisch kontrolliert interpretiert als vielmehr als Erzählung unter anderen Erzählungen in die übrigen Teile des Textes hineingestreut" (SCHROER 2005, S.263f.). [16]

Es sollte Aufgabe anderer Sozialforscher(innen) sein, SENNETTs Aussagen durch (weitere) empirische Studien zu prüfen bzw. zu erhärten. Denkbar wären hier z.B. biografische Studien, die die Strategien im Umgang mit den Forderungen des Arbeitsmarktes nach Flexibilität seitens der Arbeitnehmenden aufzeigen und dabei vielleicht auch Praktiken des Widerstands aufspüren. Exemplarisch genannt sei beispielsweise die Längsschnittstudie von Doris LEMMERMÖHLE, Stefanie GROßE, Antje SCHELLACK und Renate PUTSCHBACH (2006) über die biografischen Lernprozesse junger Frauen bei ihrem Gang durch die "Statuspassagen" im Berufsleben, aber auch in sozialen Beziehungen. Derartige Forschungsarbeiten werden den oben formulierten Ansprüchen gerecht und untersuchen differenziert und empirisch fundiert die Alltags- und Arbeitswelten in der kapitalistischen Gesellschaft. [17]

Literatur

Bauman, Zygmunt (2005). Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Horx, Matthias (2005). Sehnsucht nach dem Feudalismus, http://www.welt.de/print-welt/article672800/Sehnsucht_nach_dem_Feudalismus.html [Datum des Zugriffs: 01.10.2007].

Lemmermöhle, Doris; Große, Stefanie; Schellack, Antje & Putschbach, Renate (2006). Passagen und Passantinnen. Biographisches Lernen junger Frauen. Eine Längsschnittstudie. Münster: Waxmann Verlag.

Schroer, Markus (2005). Richard Sennett. In Dirk Kaesler (Hrsg.), Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne (S.250-266). München: Verlag C. H. Beck.

Sennett, Richard (2000a). Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Goldmann Verlag.

Sennett, Richard (2000b). Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Spetsmann-Kunkel, Martin (2007). Rezension zu: Zygmunt Bauman (2005). Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(3), Art. 29, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-07/07-3-29-d.htm [Datum des Zugriffs: 01.10.2007].

Zum Autor

Dr. phil. Martin SPETSMANN-KUNKEL, M.A., Studium der Soziologie, Psychologie, Politischen Wissenschaft in Aachen. Derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Interkulturelle Erziehungswissenschaft am Institut für Bildungswissenschaft und Medienforschung der FernUniversität Hagen.

Kontakt:

Dr. Martin Spetsmann-Kunkel

FernUniversität Hagen
Institut für Bildungswissenschaft und Medienforschung
Lehrgebiet Interkulturelle Erziehungswissenschaft
Universitätsstraße 11
D-58084 Hagen

E-Mail: Martin.Spetsmann-Kunkel@FernUni-Hagen.de

Zitation

Spetsmann-Kunkel, Martin (2007). Rezension zu: Richard Sennett (2005). Die Kultur des neuen Kapitalismus [17 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 40, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801402.



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