Volume 9, No. 1, Art. 18 – Januar 2008

Rezension:

Anja Zeiske

Barbara Stauber (2004). Junge Frauen und Männer in Jugendkulturen. Selbstinszenierungen und Handlungspotentiale. Opladen: Leske + Budrich, 287 Seiten. ISBN 3-8100-3968-3, EUR 24,90

Zusammenfassung: In ihrer Studie betrachtet Barbara STAUBER das Handeln junger Männer und Frauen im Rahmen der Jugendkultur "Techno". Mit Hilfe themenzentrierter Interviews – STAUBER variiert dabei WITZELs Ansatz problemzentrierter Interviews – untersucht sie, in welcher Art und Weise sich die Zugehörigkeit zum Techno auf die Inszenierung und Generierung des Selbst auswirkt. Die Studie berücksichtigt eine doppelte Perspektive: Zum einen werden gesellschaftlich-strukturelle Bedingungen des Erwachsenwerdens reflektiert: Fragen im Zusammenhang mit Ausbildung, Wohnort, Beziehungen zu Eltern, FreundInnen und LiebespartnerInnen sowie Lebensstilen werden nebeneinander betrachtet, Freiheiten und Abhängigkeiten, Konfliktstrukturen und Hierarchien werden analysiert. Dabei fokussiert die Studie jedoch nur jene Probleme des Heranwachsens, die für die Befragten in einem direkten Bezug zu ihrer Technozugehörigkeit stehen. Zum anderen werden subjektive Handlungsstrategien einzelner Individuen in die Untersuchung einbezogen. Dabei wird GIDDENS' (1998) Konzept der Dualität von Struktur sowohl theoretisch als auch in der empirischen Übertragung gelungen und gut nachvollziehbar in das Design der Studie aufgenommen.

Keywords: Jugendkultur, Selbstinszenierung, Identität, spätmoderne / postmoderne Gemeinschaften, Techno, problemzentrierte Interviews, biographische Erzählungen, Subjektorientierung

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangsbetrachtungen

2. Methodische Ausgangspunkte

3. Leben in Übergängen

3.1 Identitäten in Zeiten des Übergangs

3.2 Selbstinszenierung und Körperlichkeit

3.3 "Anmache – gibt's echt nicht": Entsexualisierte Körperlichkeit

3.4 Strukturelle Hierarchien

Anmerkung

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Ausgangsbetrachtungen

STAUBERs theoretischer Ausgangspunkt ist ein spät- bzw. postmodernes Gesellschaftsmodell, das sich durch die Auflösung von Stabilitäten, Orientierungsmustern und schließlich von Normalbiografien auszeichnet. Der Übergang von der Jugend in das Erwachsenenalter gestaltet sich für junge Frauen und Männer in einer solchen Zeit als zunehmend schwieriger: Die Vielzahl an neuen Lebenslaufmustern und Lebensformen erschwert es Jugendlichen, sich zu orientieren. Wie es jungen Frauen und Männern gelingt, im Rahmen der Jugendkultur, der sie sich aktiv zugehörig fühlen – dem "Techno" – ihr Selbst zu generieren, zu organisieren und zu inszenieren, dies ist die Frage, der Barbara STAUBER im Rahmen ihrer Studie nachgeht. [1]

STAUBERs Forschungsansatz basiert auf zwei Ebenen, einer strukturellen und einer Ebene individueller Handlungen. Aus der Vermittlung dieser beiden entsteht eine dritte Ebene, bei der die Frage verfolgt wird, wie aus gelebter Praxis neue Bedeutungen entstehen. Denn jede Situation verweist auf ermöglichende und einschränkende Strukturen, die unter bestimmten Voraussetzungen ihre Rolle wechseln können: statt also zu ermöglichen einschränken oder umgekehrt. STAUBER verweist damit auf GIDDENS' (1988) Konzept der Dualität von Struktur und betont in ihren Auswertungen stets "die wechselseitige Bedingtheit von Struktur und Handeln" (S.37). [2]

Wenngleich jene Verwobenheit von Subjekt und Struktur stets betont wird, verfolgt die Studie primär einen subjektorientierten Ansatz: Die Befragten werden als Individuen mit eigenen Relevanzsystemen betrachtet, mit denen sie sich innerhalb ihnen z.T. nicht bewusster hierarchischer Strukturen bewegen, und auf die sie sich – anerkennend oder sie von sich weisend – beziehen. Was es bedeutet, sich als Frau oder als Mann innerhalb der subkulturellen Welt des Techno zu verorten, dies ist die Frage, die hier konturiert und beantwortet werden soll. [3]

STAUBER nähert sich dem Thema der Selbstinszenierungen in Jugendkulturen zunächst theoretisch, beschreibt dann ihr methodisches Vorgehen und stellt schließlich ihr empirisches Material vor. Im Verlauf der empirischen Darstellungen durchbricht sie jedoch jene klassische Dreiteilung, und auch im empirischen Teil dieses Buches sind ausführliche identitätstheoretische Passagen zu finden. Dem "Beschreiben" der Identitäten folgt stets der Versuch, das empirische Material zu sortieren, es theoretisch zu verorten und eine gegenstandsbegründete Theoriebildung vorzunehmen. [4]

2. Methodische Ausgangspunkte

Die hier betrachtete Studie basiert auf 15 "themenzentrierten" semistrukturierten qualitativen Interviews – STAUBER variiert hierbei WITZELs Ansatz des problemzentrierten Interviews (dazu WITZEL 2000). Die befragten jungen Frauen und Männer sind zwischen 20 und 32 Jahre alt und entstammen ländlichen und mittelstädtischen Kontexten Südwestdeutschlands, wobei der Aspekt der Regionalität in seiner "subjektiven und sozialen Bedeutung als wichtige Ressource der sozialen Integration" (S.77) auftaucht, STAUBER mit ihrer Studie jedoch keine Regionaluntersuchung intendiert. Alle Befragten spielen zum Zeitpunkt der Interviews eine aktive Rolle in der Techno-Szene, sei es als Organisierende, DJs, KünstlerInnen, MitarbeiterInnen in Clubs oder UnternehmerInnen. [5]

Mit der Auswertung der Interviews geht es STAUBER um eine induktive, gegenstandsbegründete Theorieentwicklung im Rahmen eines fallrekonstruktiven Verfahrens (HILDENBRAND 2000). Die Auswertungskriterien wurden aus den Interviews selbst gewonnen, wobei Aspekte, die von den Befragten besonders betont und als zuvorderst relevant erachtet wurden, in der Auswertung besondere Beachtung finden und zum Ausgangspunkt eines jeweils individuellen Relevanzsystems gemacht werden. Jene Aspekte werden als wichtige, individuelle Auseinandersetzungsaspekte anerkannt, die nicht von " 'offiziellen' Relevanzen an den Rand geschoben werden sollen" (S.81). Weitere Themen werden von diesem Relevanzbereich aus erschlossen. Des Weiteren geht es darum, Überschneidungsbereiche zu identifizieren: "wo wird eine Sache … bedeutsam durch die Bezugnahme auf eine andere" (a.a.O.). Schließlich ist es für die Analyse von Relevanzen von Bedeutung, wer eine Frage oder einen Themenkomplex in das Gespräch eingebracht hat und wie diese Frage von den Interviewten ausgestaltet wurde. [6]

Für die Analyse der Interviews erscheint zudem bedeutsam, dass STAUBER Selbstinszenierungen nicht nur "innerhalb" der biografischen Erzählungen vermutet, sondern auch davon ausgeht, dass Selbstinszenierungen auch im Interview selbst stattfinden, und zwar "in biographischen Rückblicken, in Beschreibungen ihres aktuellen Lebens, in zukunftsgerichteten Visionen" (S.78). Biografische Erzählungen werden dabei zu einem performativen Akt, bei dem die Person "ihre eigene Geschichte und damit sich selbst hervorbringt" (S.79). Mit einem solchen Ansatz beabsichtigt STAUBER nicht nur herauszufinden, wie die Befragten bestimmte gesellschaftliche Themen (wie beispielsweise das Geschlechterverhältnis) erleben. Vielmehr will sie herausarbeiten, wie diese Themen im Rahmen eigener Lebensentwürfe verhandelt werden. [7]

Die Lektüre der Narrationen und STAUBERs theoretische Aufbereitung des Datenmaterials veranschaulichen, dass Selbstinszenierungen tatsächlich im Interview selbst stattfinden: Gerade im Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis wird deutlich, in welchem Maße die Befragten Strukturen als gegeben und kaum veränderbar erleben, wie sehr Hierarchien also tatsächlich verdeckt sind. [8]

3. Leben in Übergängen

Anders als herkömmliche Theorien von Statuspassagen, die klar definierbare Endpunkte der Jugendphase und Anfangspunkte des Erwachsenenseins benennen, geht STAUBER mit Verweis auf BECK (1986) von einer Verlängerung und Pluralisierung der Jugendphase durch verschiedene Übergänge aus. Diese seien so eigenständig, dass sie einen nahezu selbständigen Typus von Lebensphase bilden. Da ehemals institutionalisierte Übergänge von individualisierten, pluralisierten und fragmentierten Lebenszusammenhängen abgelöst seien, gelinge der Umgang mit althergebrachten Veränderungen im Lebensverlauf nicht mehr auf traditionelle Weise. Die Themen, mit denen sich die von STAUBER befragten jungen Frauen und Männer auseinandersetzen müssen, so zum Beispiel Erwerbstätigkeit, ökonomische Abhängigkeit und Teilautonomien innerhalb der Familie, veränderte Geschlechter- und Rollenvorstellungen, Körperlichkeit, Sexualität, Partnerschaft und Familiengründung, sind jedoch nach wie vor jene traditionellen. [9]

3.1 Identitäten in Zeiten des Übergangs

In Zeiten sich auflösender Normalbiographien, so STAUBERs theoretische Rahmung1), entstehen zahlreiche jugendkulturelle Zusammenhänge, die jungen Erwachsenen Halt und Orientierung bieten, wenn sie sich in ihrem Leben, ihrem Selbst und den Darstellungen ihres Selbst nicht mehr zurechtfinden. Auch Techno eröffnet Jugendlichen derartige Orientierungshilfen, ohne dass diese jedoch konkret oder eindeutig wären. Vielmehr gewinnt der Aspekt des Symbolischen an Bedeutung für die Inszenierung der eigenen pluralen Identitäten. Denn Identität ist nicht mehr per se vorhanden, sondern wird alltäglich und aktiv hergestellt. Wenngleich sich STAUBER an dieser Stelle auf eine durchaus aktuelle Verhandlung des Identitätsdiskurses bezieht, so ist die Idee der Darstellung des Selbst in der Tradition des symbolischen Interaktionismus durchaus nichts Neues: Theoretiker wie George Herbert MEAD, Erving GOFFMAN oder Lothar KRAPPMANN betrachten das ko-konstruktive Generieren des Selbst und auch die Selbstdarstellung per se als einen Akt symbolischer Interaktion. Die eigene Identität nicht darstellen zu können, benennt STAUBER zugleich als Risiko sozialer Ausgrenzung. Dass es jedoch gerade auch vor dem Hintergrund sozialer Inklusion handlungsstrategisch relevant sein kann, das eigene Selbst nicht darstellen zu wollen oder eine falsche Identität vorzutäuschen, zieht STAUBER nicht in Betracht. [10]

Inszenierungen des Selbst symbolisieren Handlungsfähigkeit und sind zugleich Handeln, sie symbolisieren soziale Zugehörigkeit und generieren konkrete Zugehörigkeiten, und sie symbolisieren Abgrenzung und Nicht-Zugehören-Wollen. Selbstinszenierungen im Rahmen jugendkultureller Ausdrucksformen sind für STAUBER somit "Grenzüberschreitungen", mit denen symbolische Handlungsfähigkeit real ausgelebt werden kann. In diesem Zusammenhang erkennt STAUBER die Bedeutung des Techno: Hier erfahren Jugendliche, dass ihr Handeln eine Bedeutung hat, dass sie etwas leisten können und dass diese Leistungen konstruktive Konsequenzen nach sich ziehen – wenngleich nicht in konkreten, so doch in symbolischen Sinnzusammenhängen. [11]

Doch Handeln mündet nicht immer in Gefühle von Kohärenz, sondern erfordert auch, eigene Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und Strukturen neu zu definieren. Denn biografisch wechselnde und mit unterschiedlichen Relevanzen besetzte Felder der Identitätsarbeit können die individuelle Blickrichtung verändern und Bedeutungen modifizieren. So sind Brüche und Kehrtwenden in die Identitätsarbeit eingeschlossen, Ambivalenzen können bewusst erlebt und müssen nicht verdeckt werden – das erfahren auch die von STAUBER befragten jungen Frauen und Männer und stellen dar, wie selbst zwiespältige Lebenszusammenhänge Lebenssinn generieren und Orientierungspotenzial aufweisen können. [12]

3.2 Selbstinszenierung und Körperlichkeit

Die Besonderheit des Techno ist die Intensität des körperlichen Erlebens. Diese wird zugleich zum zentralen Bezugspunkt der jugendlichen Selbstinszenierungen. Im intensiven Körpererleben, in der Grenzenlosigkeit und Unkontrolliertheit, die bis zur völligen Erschöpfung reicht, sieht STAUBER ein identitätskonstituierendes Element: Geht es in der Entgrenzung – beim stundenlangen Tanzen – auch darum, körperliche Belastungsgrenzen zu erkennen, zu akzeptieren und die Balance zu finden, konstituieren sich – STAUBER verweist an dieser Stelle auf BAUMAN – in jener Suche nach Balance symbolisch Identitäten. Denn Selbstkontrolle, Selbstreflexion und Selbstbewertung sind die wichtigsten Aktivitäten postmoderner Subjekte, "sie werden tatsächlich gleichbedeutend mit ihrer Selbstkonstituierung" (BAUMAN 1995, S.238). [13]

Neben seiner Intensität betrachtet STAUBER den Körper auch unter dem Aspekt seiner stilistischen Gestaltung. Mode und Styling erscheinen ihr dabei keinesfalls als individuelle, sondern vielmehr als Akte interaktiven Miteinanders. So geht es zum einen um das Wechselspiel zwischen gefallen und sich gut fühlen. Zum anderen geht es auch darum, beim eigenen Styling Neues zu wagen. Der "diesbezüglich gezeigte Mut wird zum Gradmesser für Selbstbewusstsein" (S.140). Damit wird der Körper allerdings auch Mittel zum Ausschluss derjenigen jungen Frauen und Männer, die in irgendeiner Art und Weise "nicht mithalten" können, deren Körperproportionen den allgemeinen Vorstellungen nicht entsprechen und denen es nicht gelingt, diese Vorgaben durch selbstbewusste Selbstinszenierungen zu brechen. [14]

3.3 "Anmache – gibt's echt nicht": Entsexualisierte Körperlichkeit

Sieht STAUBER den Körper in Bezug auf seine Intensität und seine stilistische Gestaltung als identitätsrelevant, so scheint der Geschlechterkörper davon nicht berührt zu werden. Denn trotz der Extrovertiertheit des Tanzes stelle sich die Atmosphäre – schenkt man den Narrationen der befragten jungen Frauen und Männer Glauben – auf Techno-Parties als entsexualisiert dar. STAUBER sieht in jenem "vermeintliche[n] Paradox zwischen den auffällig zur Schau gestellten Körpern und einer fast geschwisterlichen, ent-erotisierten Berührungskultur" (S.147) eine eigenständige Praxis der Begegnung im Geschlechterverhältnis, was einen Möglichkeitsraum eröffne, innerhalb dessen gerade Mädchen und junge Frauen körperliche Erfahrungen sammeln können, ohne sich als Objekt der Betrachtung (männlichen) Blicken aussetzen zu müssen. Jugendlichen gelinge es auf diese Weise, über das Tanzen ihre eigene Körperlichkeit und damit eine eigene Vorstellung ihrer (körperlichen) Männlichkeit und Weiblichkeit zu entdecken. [15]

3.4 Strukturelle Hierarchien

Identitätsarbeit findet unter Bedingungen statt, die immer auch Machtverhältnisse spiegeln, stellen diese doch den Bezugsrahmen her. Für STAUBER sind die "strukturell begrenzte Handlungsfähigkeit, die verleugnete Angewiesenheit, die verleugnete Geschlechterhierarchie und die verleugnete Dominanzkultur … wichtige Beispiele für verdeckte gesellschaftliche Konfliktlinien, in denen sich Übergänge junger Frauen und Männer vollziehen" (S.57), und denen sich junge Erwachsene auch innerhalb ihrer Subkulturen stellen müssen. [16]

Mit dem Begriff des "Mythos selbstverständlicher Problemlosigkeit" beschreibt STAUBER die geschlechtsspezifische Realität spätmoderner Lebenswelten mit ihren Vorstellungen von Gleichberechtigung auf der einen und individualisierter Verantwortlichkeiten auf der anderen Seite. Dabei findet sie auch in ihrer Untersuchung eine Ambivalenz zwischen den Vorstellungen von Gleichberechtigung und der Realität von Geschlechterhierarchien. Wenngleich Geschlechterhierarchien "weder ins persönliche Selbstbild, noch ins Selbstbild der Gruppe passen" (S.92), kann STAUBER diese dennoch – sei es in Form von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung oder der Notwendigkeit von Frauen, sich in der Männerwelt Respekt zu verschaffen – mehrschichtig nachzeichnen. [17]

Einen weiteren Ausschlussmechanismus benennt STAUBER, wenn sie schreibt, dass "trotz der auch in der Techno-Szene angesagten bekannten Schönheits- und Schlankheitsideale auch Freiräume für nicht diesen Idealen Entsprechenden existieren" (S.151). Dass jedoch die "Aufforderung, sich selbstbewusst zu inszenieren, ... ohne Zugang zu den entsprechenden Ressourcen etwas Zynisches" (KEUPP u.a. 1999, S.53) haben kann und inwieweit sich die Einschränkung von Handlungsfähigkeit, bedingt durch körperliche Exklusionsmechanismen, auf die Gruppenzugehörigkeit und den Erwerb von Identitätskompetenzen auswirkt, dies sind Aspekte, die STAUBER nicht ausführt. [18]

4. Resümee: Selbstdarstellung und Jugendkultur

In ihrer Untersuchung will Barbara STAUBER einen Theoriebeitrag leisten, der darauf zielt, im Rahmen einer "genaueren, empirisch unterlegten Analyse Aufschlüsse über die Beschaffenheit und die Dynamik des Geschlechterverhältnisses" (S.45) zu finden. Indem sie einerseits die inhaltlichen Aspekte der Narrationen auswertet und in ihnen nach Hinweisen auf offene und verdeckte Hierarchien sucht, und sie andererseits das Sprechen selbst als einen performativen und strukturgenerierenden Akt definiert, gelingt es STAUBER tatsächlich, Aspekte des Verdeckungszusammenhangs in Bezug auf das Geschlechterverhältnis herauszuarbeiten. [19]

STAUBER will das Verhältnis von Jugendlichen zu Jugendkulturen nicht im Sinne ausschließlicher Zugehörigkeiten und Identifikationen vereinfachen. Vielmehr geht es ihr darum, "jugendkulturelle Symbole zu einem (Lebens)Stil zu kombinieren, der sowohl Individualität als auch Zugehörigkeit und Teilhabe ausdrückt" (S.25). Die gemeinsame Zugehörigkeit zu einer Szene schafft Verbindungen und Netzwerke, in denen Unterstützung nicht nur erbeten, sondern auch erhalten werden kann. In jugendlichen Szenen wird eine Form von sozialem Kapital erworben, welches die Beteiligten in unterschiedlichen Hinsichten für ihre soziale Integration nutzen können. Nichtsdestotrotz gibt es in jugendkulturellen Subkulturen auch mehr oder minder deutliche Ausschlussmechanismen. Der Aspekt der Geschlechterhierarchien ist hier der am stärksten verdeckte Zusammenhang: So weisen die befragten jungen Frauen und Männer es zurück, von "Geschlechterhierarchie" zu reden, da sie diese, obgleich sie sie nur teilweise für überwunden erklären, "ganz offensichtlich hinter sich lassen wollen" (S.201). "Das explizite Umgehen der Geschlechterthematik wittert sozusagen die Machtstrukturen, die mit ihr verbunden sein könnten" (a.a.O.), so STAUBERs Zusammenfassung. In Erweiterung ihres Ansatzes wäre es lohnend, jene Ausschlussmechanismen, seien es geschlechts-, körper- oder auch sozialraumbezogene Mechanismen, stärker herauszuarbeiten. [20]

Insbesondere der Raum-Aspekt wird von STAUBER zu einseitig betrachtet. So sieht sie (ländlichen) Raum ausschließlich als Ressource an: Aus unbeachteten und/oder vernachlässigten Räumen werden Veranstaltungsorte, die zu jugendkulturell markierten "cool places" werden. Hierbei wird genutzt, was der Raum an "infrastrukturellen [...] Ressourcen hergibt" (S.164), und daraus wird soziokulturelles Kapital entwickelt. Kann man für die Selbstinszenierung jedoch nur jene Ressourcen nutzen, die auf begrenztem Raum vorhanden sind, dann wirkt Raum offensichtlich auch einschränkend. Inwieweit die Befragten im Hinblick auf ihre Selbstinszenierung kritisch mit den begrenzten und einschränkenden räumlichen Möglichkeiten umgehen, ist ein Punkt, dem sich STAUBER in ihrer Studie leider nicht widmet. Dabei soll nicht verleugnet werden, dass Einschränkungen durchaus auch Herausforderungen für den kreativen Umgang mit eigenen Handlungspotenzialen sein können. [21]

In ihrer Untersuchung wird Barbara STAUBER durchaus ihrer eigenen Forderung gerecht, individuelle Handlungsaspekte mit gesellschaftlich-strukturellen Prozessen zu verbinden. Wie sich jedoch das "Leben in Übergängen", die sich außerhalb der Technozugehörigkeit befinden, vollzieht, welchen Schwierigkeiten sich die hier befragten jungen Frauen und Männer außerhalb ihres jugendkulturellen Rahmen stellen müssen, sollte zwar nicht das Thema dieser Studie sein. Die Narrationen der befragten jungen Frauen und Männer bieten jedoch durchaus Anknüpfungspunkte dafür an, wie sie ihr Leben außerhalb des Techno gestalten. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, an welchen Stellen die verschiedenen Lebenswelten der jungen Erwachsenen miteinander vereinbar sind und wo sich diesbezügliche Schwierigkeiten ergeben. [22]

Indem sie sich selbst inszenieren, schaffen sich junge Frauen und Männer eine (symbolische) Lösung für das Problem, dass ihnen basale Voraussetzungen, die sie für die Gestaltung ihrer Übergänge in ein unklares Erwachsenenleben brauchen, fehlen bzw. sie diese als defizitär erleben. Mit ihrem Versuch der induktiven, gegenstandsbegründeten Theoriebildung, die empirische Erkenntnisse sogleich theoretisch unterlegt, unterstützt STAUBER die Lesenden dabei, die Verbindung zwischen dem konkreten Akt der Selbstdarstellung und dem symbolischen Problem der Identitätsfindung nachzuvollziehen. [23]

Anmerkung

1) Sind Normalbiografien tatsächlich in der Auflösung begriffen? Dieser Meinung schließt sich STAUBER meines Erachtens etwas zu unkritisch an. So stehen dem Ende von geschlechtsspezifischen Normalbiografien eindeutige, medial vermittelte Orientierungsmuster, wie Idealvorstellungen von heterosexuellen Beziehungen oder von männlichen und weiblichen Geschlechtermodellen, um nur einige zu nennen, gegenüber, die durchaus "normalbiografisch" sind. Auch Gunter SCHMIDT (2004) verweist darauf, dass Jugendliche bereits vor der Pubertät über differenzierte heterosexuelle Skripte verfügen, ja sogar heterosexuell "overscripted" sind und diese vorfabrizierten medialen Schablonen kaum abschütteln können. <zurück>

Literatur

Bauman, Zygmunt (1995). Ansichten der Postmoderne. Hamburg: Argument-Verlag.

Beck, Ulrich (1986). Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Giddens, Anthony (1988). Die Konstitution der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Glaser, Barney & Strauss, Anselm (1967). The discovery of grounded theory. Chicago: Aldine.

Hildenbrand, Bruno (2000). Anselm Strauss. In Uwe Flick (Hrsg.), Qualitative Sozialforschung. Ein Handbuch (S.32-41). Reinbek: Rowohlt.

Keupp, Heiner; Ahbe, Thomas; Gmür, Wolfgang; Höfer, Renate; Mitzscherlich, Beate; Kraus, Wolfgang & Straus, Florian (1999). Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek: Rowohlt.

Schmidt, Gunter (2004). Das neue Der Die Das. Über die Modernisierung des Sexuellen. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Witzel, Andreas (2000). Das problemzentrierte Interview [26 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-00/1-00witzel-d.htm [Datum des Zugriffs: 4.7.2007].

Zur Autorin

Anja ZEISKE, MA Erziehungswissenschaft, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Potsdam im DFG-Projekt "Die soziale Konstruktion der Liebes-Identität im Jugendalter in den Kontexten Eltern und Peers".

Kontakt:

Anja Zeiske

Universität Potsdam
Institut für Erziehungswissenschaft
Karl-Liebknecht-Str. 24/25
D-14476 Potsdam

Tel.: 0331-9772137

E-Mail: azeiske@uni-potsdam.de

Zitation

Zeiske, Anja (2007). Rezension zu: Barbara Stauber (2004). Junge Frauen und Männer in Jugendkulturen. Selbstinszenierungen und Handlungspotentiale [23 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 18, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801187.



Copyright (c) 2008 Anja Zeiske

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