Volume 9, No. 2, Art. 21 – Mai 2008

Rezension:

Matthias Kötter

Gabriele Rosenthal (2005). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Weinheim und München: Juventa, 221 Seiten, ISBN 3-7799-1482-4, EUR 17,-€

Zusammenfassung: Das vorliegende Buch "Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung" von Gabriele ROSENTHAL beleuchtet die Methoden und Herkunft der interpretativen Sozialforschung. Dabei kommt – entsprechend des Arbeitsgebiets der Autorin – der Biografieforschung ein starkes Gewicht zu. Die Autorin stellt die Wurzeln der interpretativen Sozialforschung von der Chicagoer Schule, der verstehenden Soziologie bis zur Grounded Theory Methodologie dar. ROSENTHAL stellt die teilnehmende Beobachtung und das narrative Interviews als Hauptmethoden der interpretativen Sozialforschung vor. Zudem werden die Durchführung von Fallrekonstruktionen, Inhaltsanalysen und weitere relevante Auswertungsansätze besprochen. Ausführliche Beispiele ergänzen die Darstellung. Allerdings wirkt die Zusammenstellung nicht ganz vollständig und sehr auf den Arbeitsbereich der Autorin beschränkt.

Keywords: interpretative Sozialforschung, Biografieforschung, narratives Interview, teilnehmende Beobachtung, Methodik

Inhaltsverzeichnis

1. Aufbau und Einordnung des Buches

2. Theoretische Grundlagen der interpretativen Sozialforschung

3. Forschungspraktische Hinweise

4. Erhebungsmethoden

5. Fallrekonstruktionen in der Biografieforschung

6. Inhaltsanalyse, Kodieren im Rahmen der Grounded Theory Methodologie und Diskursanalysen

6. Fazit

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Aufbau und Einordnung des Buches

Das Buch "Interpretative Sozialforschung – eine Einführung" von Gabriele ROSENTHAL sei, so schreibt sie, hauptsächlich aus einer Vorlesungsreihe "Einführung in die qualitative Sozialforschung" entstanden, welche ROSENTHAL in den Jahren vor Entstehung des Werkes an der Universität Göttingen gehalten hat. Auf 221 Seiten stellt sie in sieben Kapiteln ihr Forschungsgebiet und das Paradigma der interpretativen Sozialforschung vor. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis und Stichwortregister ergänzen den Band. [1]

Zunächst geht es im Kapitel Qualitative und interpretive Sozialforschung um Definition und Abgrenzung der beiden Begriffe. Zudem werden die historischen Anfänge der interpretativen Sozialforschung dargestellt. Im Kapitel Grundannahmen und Prinzipien der interpretativen Sozialforschung stellt ROSENTHAL die theoretischen Grundlagen und generellen Vorgehensweisen in der Forschung gemäß dem interpretativen Paradigma vor. In dem dritten Kapitel Forschungsprozess und Forschungsdesign erläutert ROSENTHAL den Aufbau von Stichproben und den Ablauf interpretativer Forschung. Die beiden dann folgenden Kapitel Ethnographische Feldforschung – teilnehmende Beobachtung sowie Vom offenen Leitfadeninterview zum narrativen Interview widmen sich zwei typischen in der interpretativen Sozialforschung angewendeten Methoden. Anhand von Beispielen erläutert ROSENTHAL darin die Anwendung der beschriebenen Methoden und zusätzlich Fragen der Transkription und mögliche Auswertungstechniken. Im sechsten Kapitel Biographieforschung und Fallrekonstruktionen geht ROSENTHAL ausführlich auf die stufenweise Auswertung der erhobenen Daten ein. Sie erläutert das Vorgehen bei der Typenbildung sowie die Möglichkeiten und Beschränktheiten der Verallgemeinerung solcher Daten. Das Abschlusskapitel Inhaltsanalyse – Kodieren in der Grounded Theory – Diskursanalysen versammelt Artikel zu thematisch nahestehenden Aspekten und dient der Vertiefung der beschriebenen Bereiche, kann aber aufgrund der Kürze des Kapitels auch eher als Ausgangspunkt für weitere Recherchen dienen. [2]

"Interpretative Sozialforschung" versucht, als Einführungsbuch eine Lücke unterhalb klassischer Einführungswerke zu schließen. Obwohl aus einer Vorlesung zur qualitativen Sozialforschung entstanden, geht der Band speziell auf die Besonderheiten der interpretativen Sozialforschung als Teilgebiet der qualitativen Sozialforschung ein. ROSENTHAL legt Wert darauf, darzustellen, wie wichtig ihr die Offenheit im Forschungsprozess ist, und dass Verallgemeinerbarkeit aus ihrer Perspektive nicht primäres Ziel der von ihr vorgestellten Forschungsrichtung sein kann. Sie bemüht sich zudem, ihre Erkenntnisse nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern anhand von Beispielen aus Forschungsprojekten den Lesenden anschaulich zu machen, was die jeweiligen theoretischen Annahmen und Erkenntnisse für die (Forschungs-) Praxis bedeuten. Entsprechend richtet sich das Buch gleichermaßen an Studierende und praktizierende Forschende, die sich mit dem Bereich der interpretativen Sozialforschung befassen möchten. [3]

2. Theoretische Grundlagen der interpretativen Sozialforschung

In ihrer Einführung stellt Gabriele ROSENTHAL die interpretative Sozialforschung als Teil der qualitativen Forschung vor. Sie sei in erster Linie ein Teilgebiet zur Entdeckung von Zusammenhängen, zur Hypothesenbildung und – ausgehend vom Einzelfall – zur Typenbildung. Als solche müsse sie anderen Kriterien genügen als quantitative Studien, deren Zweck die Hypothesenüberprüfung sei, sich aber auch unterscheiden von qualitativen Studien, die – implizit und explizit – Kriterien quantitativer Sozialforschung erfüllen (wollen). Kriterien zur Differenzierung qualitativer Studien seien "Interpretationen basierend auf dem häufigen gemeinsamen Auftreten von sozialen Phänomenen oder auf der Rekonstruktion von Wirkungszusammenhängen am konkreten Fall" (ROSENTHAL, S.14), "Überprüfungs- oder Entdeckungslogik von Hypothesen und Theorien" sowie der "Grad der Offenheit der Verfahren der Erhebung und der Auswertung". ROSENTHAL votiert gegen qualitative Forschung, die versucht, die Vorteile einer qualitativen Herangehensweise zu nutzen, dabei aber den Kriterien quantitativer Forschung zu folgen versucht. Sie argumentiert stattdessen für eine konsequent offene und interpretative Herangehensweise in der qualitativen Forschung. Den eigenen Forschungsansatz stellt sie in die Tradition der "verstehenden Sozialwissenschaft" und beruft sich explizit auf Fritz SCHÜTZEs "kommunikative Sozialforschung" (SCHÜTZE 1978), den Begriff der "rekonstruktiven Sozialforschung" von Ralf BOHNSACK (2003) und Hans Georg SOEFFNERs "wissenssoziologische Hermeneutik" (z.B. SOEFFNER 1989). Die Grounded Theory Methodologie von Barney GLASER und Anselm STRAUSS (1967) findet als Basis ebenso Erwähnung wie verschiedene ethnomethodologische Forschungsansätze. [4]

Die Bezeichnung "interpretative Sozialforschung" geht laut ROSENTHAL auf die von Thomas WILSON eingeführte Unterscheidung zwischen normativem und interpretativem Paradigma zurück. Wichtigstes Merkmal des interpretativen Paradigmas ist, so ROSENTHAL, dass Menschen nicht als Organismen verstanden werden, die auf ihre Umwelt (in Form eines gemeinsamen Symbolsystems) reagieren, sondern als handelnde und erkennende Organismen, die durch die eigenen Handlungen und die Interaktion mit anderen die soziale Wirklichkeit erzeugen. [5]

Als wichtigstes Prinzip interpretativer Sozialforschung wird das Prinzip der Offenheit vorgestellt. (Arbeits-) Hypothesen sollten nicht a priori aufgestellt werden, da diese den Blick zu sehr verengten und vorbestimmten. Stattdessen sollten sich Hypothesen immer erst am empirischen Material entwickeln und anschließend an diesem belegt oder wieder verworfen werden. Durch die prinzipielle Offenheit gegenüber dem zu analysierenden Material sei es der interpretativen Sozialforschung möglich, neben dem manifesten Sinn von Kommunikation auch deren latenten Sinn zu erfassen. [6]

Einsatzbereiche der interpretativen Sozialforschung sind nach ROSENTHAL:

  • Untersuchung von unbekannten Phänomenen,

  • Rekonstruktion von latentem und subjektivem Sinn,

  • Deskription von sozialem Handeln und sozialen Milieus,

  • Rekonstruktion der Komplexität von Handlungszusammenhängen am Einzelfall,

  • Hypothesenbildung am Einzelfall,

  • Hypothesenüberprüfung am Einzelfall (damit ist aber nicht die statistische Überprüfung von Zusammenhängen gemeint). [7]

Breiten Raum nehmen die Ausführungen zur Typenbildung ein, die für ROSENTHAL zentrale Aufgabe der interpretativen Sozialforschung ist. Dabei sei es jedoch nicht möglich, mittels interpretativer Sozialforschung Aussagen über die Repräsentativität und Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse und eben auch der ermittelten Typen zu gewinnen und abzugeben. [8]

ROSENTHAL bettet den Bereich der interpretativen Sozialforschung auch historisch ein und gibt im Folgenden auch einige Hinweise zu den theoretischen Grundlagen, auf welche sie sich in ihrer Arbeit beruft. Basis bilden die empirisch orientierte Chicago-Schule in den USA sowie die eher theoretisch ausgerichtete "verstehende Soziologie" in Deutschland und Österreich Anfang des 20. Jahrhunderts. Beide Richtungen werden in ihrer Entwicklung ausführlich dargestellt. [9]

Untermauert wird das Ganze durch verschiedene Beispiele – wie sich insgesamt im weiteren Verlauf des Buches immer wieder Beispiele finden. Diese stammen überwiegend aus der Arbeit von ROSENTHAL selbst; insbesondere sind dies Familiengespräche mit Migranten/Migrantinnen bzw. Flüchtlingen in Deutschland, sowie Rekonstruktionen von Familiengeschichten aus der DDR und aus der Zeit des Nationalsozialismus. Dabei geht es ROSENTHAL vor allem darum, die latente Wirkung offenzulegen, die von historischen Konstellationen und Ereignissen ausgeht und sich in der Gegenwart aufzeigen lässt. Auf der Basis solcher empirischen Untersuchungen von konkreten Familiengeschichten versucht sie dann, verallgemeinerte Typen zu identifizieren, wobei nicht beabsichtigt wird, Rückschlüsse auf deren Häufigkeit oder Repräsentativität zu ziehen. [10]

Da ROSENTHAL sich sichtlich stark mit Biografieforschung beschäftigt, kommen die Beispiele auch fast ausschließlich aus diesem Bereich. An dieser Stelle hätte ich mir einen etwas breiteren Ansatz gewünscht: Dass ROSENTHAL die interpretative Sozialforschung überwiegend an der eigenen Arbeit darstellt ist verständlich und nachvollziehbar, dass die Beispiele im Buch sich überwiegend auf die Biografieforschung und die Methode der interpretativen sequenziellen Inhaltsanalyse beziehen, engt den Blick allerdings auch sehr ein. Für mich fehlt für ein Buch mit einem laut Titel allgemeinen Anspruch an dieser Stelle eine ausführlichere Darstellung alternativer Methoden und eventuell auch konkurrierender Vorgehensweisen. [11]

3. Forschungspraktische Hinweise

In dem folgenden Kapitel leitet ROSENTHAL von der eher theoretischen Basis in den praktisch-methodischen Teil über. Dabei beruft sie sich vor allem auf die Arbeiten von Barney GLASER und Anselm STRAUSS (1967). Dieser Herkunft entsprechend, sollte die Grundlage der Stichprobenbildung bei der interpretativen Sozialforschung dem "theoretischen Sampling" folgen, um die Verschiedenheiten innerhalb der Grundgesamtheit vollständig abzubilden. Es geht dabei um "theoretische Repräsentativität" – nicht um Repräsentativität in Bezug auf die Grundgesamtheit. Auch hier gelte das Prinzip der Offenheit, denn ein solches Sample verändere sich im Verlauf einer Untersuchung, innerhalb derer man stets Neues über die Grundgesamtheit und deren relevante Merkmale kennenlerne. Ziel einer interpretativen Untersuchung sei die "theoretische Sättigung" der Ergebnisse. Dies sei der Punkt, an dem weitere Fälle keine neuen Erkenntnisse mehr erbringen. Die Stichprobenzusammensetzung, aber auch die Forschungsfrage sollte dabei offen behandelt und ggf. im Verlauf der Untersuchung modifiziert werden. [12]

ROSENTHAL betont ganz im Sinne der Logik der Grounded Theory Methodologie, dass dazu eine Aufhebung der Trennung von Erhebungs- und Auswertungsphase notwendig sei. Erhobene Daten sollten umgehend ausgewertet werden und die Ergebnisse in die weitere Forschungsplanung einfließen. [13]

Bei Fallrekonstruktionen mit dem Ziel einer Typenbildung müsse – wie im Falle der bereits erwähnten Beispiele aus ROSENTHALs eigener Forschungsarbeit – mit dem Einzelfall begonnen werden, wobei Einzelfall nicht zwangsläufig ein einzelnes Individuum meint, sondern sich z.B. auch auf eine größere soziale Einheit (wie Familie oder Institution) beziehen kann. Im Zuge der Forschungsarbeit seien dann minimale und/oder maximale kontrastive Vergleiche vorzunehmen, also ähnliche oder als möglichst unterschiedlich vermutete Fälle heranzuziehen, bis eine theoretische Sättigung erreicht ist und die Typenbildung abgeschlossen werden kann. [14]

4. Erhebungsmethoden

ROSENTHAL beginnt ihre Beschreibung interpretativer Erhebungsmethoden mit einem historischen Abriss der Entwicklung der teilnehmenden Beobachtung. Dabei führt sie zunächst die frühen Studien von MALINOWSKI (1973) an, welcher forderte, dass Forschende sich in das Feld begeben und beobachten sollten, ohne jedoch am beobachteten Geschehen teilzunehmen. Der Chicagoer Schule folgend ist jedoch – so ROSENTHALs weitere Ausführungen – ein Eingreifen in das beobachtete Geschehen möglich. Die teilnehmende Beobachtung kann nach ROSENTHAL eine ergänzende Methode zur Überprüfung von Forschungsergebnissen sein, die auf anderem Wege erlangt wurden. Andererseits könne in Interviews auf Beobachtungsergebnisse Bezug genommen werden. Am Beispiel eigener körperlicher und psychischer Belastungen während einer teilnehmenden Beobachtung erläutert ROSENTHAL, dass die Beobachtenden selbst im Verlauf einer Beobachtung einem Sozialisationsprozess unterzogen seien, sodass es wichtig sei, sehr genau das eigene Erleben zu notieren, um einen eventuellen eigenen Perspektivenwechsel nachvollziehbar zu machen. [15]

Bei der Erläuterung der teilnehmenden Beobachtung legt ROSENTHAL großen Wert auf die Verdeutlichung des methodischen Vorgehens, inklusive der Protokollierung und sequenziellen Auswertung der erstellten Protokolle. [16]

ROSENTHAL betont das Potenzial von Protokollen und Aufzeichnungen, die von den Beobachter/inne/n selbst erstellt wurden, und zieht diese der Analyse video- oder tonbandgestützer Aufzeichnungen vor, da bei letzteren das ganzheitliche, sinnliche Erfahren nicht möglich sei. Auch sollten immer zwei Personen zusammenarbeiten, die ihre Beobachtungen gegenseitig ergänzen könnten. Bei der Protokollierung müsse sorgfältig zwischen tatsächlich Beobachtetem, Interpretiertem und eigenen Sinnes- und Gefühlserfahrungen getrennt werden. ROSENTHAL belegt dies an der Schilderung einer Jugendlichenclique, bei welcher der Beobachter selbst von dem Imponiergehabe eines Jugendlichen beeindruckt worden sei und dadurch die weiteren Personen aus seinem Blickfeld verloren habe. Sie schlägt Leitlinien zur Durchführung einer teilnehmenden Beobachtung vor, welche die folgenden Punkte beinhalten: Aufnahme objektiver Ereignisse und Daten, Informationen über den Zugang zum Feld, grobe Niederschrift des Gesamtgeschehens mit Fokussierung auf ca. zwei prägnante Szenen, welche dann detailliert erfasst und in den Gesamtzusammenhang eingebettet werden sollen. Weitere Punkte sind die Trennung von Beobachtung und Interpretation, die Reflexion des eigenen Erlebens und Überlegungen zu weiteren möglichen Beobachtungen. [17]

In der Darstellung der sequenziellen Feinanalyse von Beobachtungen lehnt sich ROSENTHAL an die Verfahren der objektiven Hermeneutik (OEVERMANN, ALLERT & KONAU 1980) an. Anhand der bereits erwähnten Beobachtungen von Jugendlichen zeigt sie das Vorgehen bei dieser Art der Auswertung und verdeutlicht, wie die spezifische Disposition der Beobachtenden ihre Wahrnehmung beeinflusst (z.B. geschlechtsspezifische Perspektiven), und wie bereits die Anwesenheit von Beobachter/inne/n die gesamte beobachtete Szenerie verändern kann. Auch zur Durchführung der sequenziellen Analyse von Beobachtungsdaten schlägt ROSENTHAL Leitlinien vor: [18]

Vor der eigentlichen Auswertung sollen "objektive" Rahmendaten und eventuell historische Daten zur dem beobachteten Fall analysiert werden. Danach erfolge die sequenzielle Auswertung der "objektiven" Daten, um dann zur feinanalytischen Auswertung der detailliert beschriebenen Szenen überzugehen. Schließlich werden Folgehypothesen auf der Basis der bisherigen Hypothesen formuliert sowie weitere mögliche Beobachtungsschritte überlegt. Zuletzt erfolgt die Auswertung von ausgewählten Protokollen (zweite theoretische Stichprobe, im Gegensatz zur Primärstichprobe, also den erhobenen Fällen) in der chronologischen Abfolge. [19]

So sehr der Anspruch nach nachvollziehbarer Darstellung qualitativen Arbeitens zu begrüßen ist, überdehnt die Autorin meines Erachtens ihre Darstellung an dieser Stelle, wenn sie versucht, theoretische Grundlage und praktische Anweisungen unter Bezugnahme auf ausführliche (aber eben auch sehr spezifische) Beispiele zu realisieren. [20]

Das gleiche trifft nach meiner Auffassung auch auf die Darstellung des narrativen Interviews zu, der sich ROSENTHAL in dem nachfolgenden Kapitel zuwendet. [21]

Das narrative Interview geht zurück auf die Arbeit von Fritz SCHÜTZE. Wesentlich bei offenen Interviews (denen auch das narrative Interview zuzurechnen ist) sei die Orientierung des Gesprächsverlaufs an den Darlegungen der Gesprächspartner/innen: Das Interview soll in Interaktion zwischen Fragenden und Befragten soziale Wirklichkeit herstellen und nicht durch "richtiges" Fragen vorhandenes Wissen abfließen lassen. Denn ein solches Wissen existiere nicht per se, sondern immer nur in Abhängigkeit von Situation, Disposition des Erzählers/der Erzählerin und Art der Zuwendung zum Thema. Leitfadengestützte Interviews (als Gegenstück zu "reinen" narrativen Interviews) orientieren sich nach ROSENTHAL zumindest implizit immer an den Qualitätskriterien der standardisierten Interviewführung. Dies funktioniere aber nicht per se, da gleiche Sprachsymbole (=gleicher Fragetext) nicht für alle die gleiche Bedeutung haben. Daher müsse ein Interview sich an den Sprachcodes der Befragten orientieren. Dies funktioniere am Besten, wenn möglichst wenig Fragen vorab formuliert werden. [22]

Neben dem "reinen" narrativen Interview gibt es, so ROSENTHAL, weitere Interviewformen, die sich mit einer narrativen Gesprächsführung verbinden lassen:

  • das fokussierte Interview (zurückgehend auf MERTON und KENDALL), das dazu diene, die Reaktionen auf ein konkretes soziales Phänomen und deren Interpretation mit einer teilweise offenen Herangehensweise zu untersuchen;

  • das Struktur- oder Dilemma-Interview (ursprünglich von KOHLBERG entwickelt), in dem Interviewte vor moralische Konfliktsituationen gestellt werden und

  • das Experteninterview (welches von MEUSER und NAGEL vorgeschlagen wurde). [23]

Eine biografisch-narrative Gesprächsführung benötigt laut ROSENTHAL mehrere Stunden, möglichst in zwei getrennten Phasen, sodass die Ergebnisse und Auswirkungen des Erstinterviews in einem zweiten Interview betrachtet werden können: [24]

Das Erstinterview beginnt mit der Erzählaufforderung, in der ein Startpunkt für die biografische Erzählung gesetzt wird. Darauf folgt die autonom gestaltete Erzählung des oder der Befragten, in die seitens des Interviewers/der Interviewerin nicht eingegriffen werden soll. Anhand der Notizen, die in dieser Zeit angefertigt werden, soll ad hoc ein Leitfaden für die Nachfragen entwickelt werden. Da aber beim aufmerksamen Zuhören kaum alle relevanten Punkte notiert werden könnten, sei ein zweiter Gesprächstermin nötig. [25]

Zu Beginn des Zweitinterviews solle der Interviewer/die Interviewerin "erzählgenerierend" nachfragen, und zwar anhand der in der ersten Phase notierten Stichpunkte. Die Nachfragen sollen sich in ihrer Reihenfolge wiederum an der Reihenfolge der Erzählung orientieren. Nachdem die Nachfragen zu Notizen erledigt sind, folgen weitere Nachfragen zu Themenbereichen, welche die Interviewenden interessieren, die aber von den Interviewten nicht selbständig angesprochen wurden. ROSENTHAL stellt verschiedene "erzählgenerierende" Fragetypen vor, mit denen gezielt spezielle Situationen, Erlebnisse oder Vorstellungen "angesteuert" werden sollen. Dazu gehören z.B. das Ansprechen ("Ansteuern") einer bestimmten Lebensphase ("Können Sie mir über diese Zeit noch etwas mehr erzählen?") oder einer bestimmten Situation ("Sie erwähnten vorhin die Situation X, können Sie mir diese noch einmal genauer erzählen?"). [26]

Der Interviewabschluss solle nicht nach der Erzählung einer schwierigen oder belastenden Situation erfolgen, sondern Interviewende müssten sich immer Zeit nehmen, um zuletzt über eine (für die Interviewten) angenehme, sichere Situation zu sprechen. [27]

Den Abschluss des Buches bilden zwei Kapitel, welche überarbeitete Versionen früherer Artikel sind und im Kontext etwas angehängt wirken. Vorgestellt werden darin Fallrekonstruktionen in der Biografieforschung, Inhalts- und Diskursanalysen und das Kodieren in Rahmen der Grounded Theory Methodologie. [28]

5. Fallrekonstruktionen in der Biografieforschung

Dem Abschnitt zur Biografieforschung und ihren theoretischen Grundlagen geht wiederum ein historischer Abriss der Entwicklung voraus, wobei es hier logischerweise starke Überschneidungen mit den Darlegungen zur Geschichte der interpretativen Sozialforschung, die im Eröffnungskapitel erfolgten, gibt. ROSENTHAL hebt heraus, dass die Methodik der Biografieforschung ermöglichen müsse, die Genese sozialer oder psychischer Phänomene zu rekonstruieren, die Perspektiven der Handelnden und die konkreten Handlungsabläufe kennenzulernen und einzelne Themen oder Erlebnisse in einen Gesamtzusammenhang einzubetten. [29]

Indem bestimmte Themen in einen bestimmten Zusammenhang gestellt würden, könnten diese vom Interviewten aus einer anderen Perspektive betrachtet (und erzählt) werden. ROSENTHAL spricht von dieser Art der Zuwendung als "Noesis" und von der Art, wie sich das Geschehene entsprechend darstellt, als "Noema", beides Begriffe, die auf Edmund HUSSERL (1976) zurückgehen. Biografische Erzählungen geben daher nicht nur Auskunft über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart und die Zukunftsperspektive. [30]

In dem folgenden Kapitel erläutert ROSENTHAL noch detaillierter an einem Beispiel, wie biografische Fallrekonstruktionen vorgenommen werden sollten. Das biografisch-narrative Interview, welches sich auf Fritz SCHÜTZE (Textanalyse), Ulrich OEVERMANN (strukturelle Hermeneutik) und die thematische Feldanalyse beruft, sei dazu besonders geeignet, da es die Genese und sequenzielle Gestalt der Lebensgeschichte berücksichtige. Bei der Auswertung von Fallrekonstruktionen solle wie folgt vorgegangen werden: Auf die Analyse der biografischen Daten folge die Text- und thematische Feldanalyse, dann die Rekonstruktion der Fallgeschichte. Als viertes sei die Feinanalyse einzelner Teststellen vorzunehmen, wobei diese jederzeit erfolgen könne. Über die Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte soll dann die Typenbildung eröffnet werden. [31]

Im Folgenden erläutert ROSENTHAL die methodischen Erfordernisse und Vorgehensweisen am Beispiel des Falls einer russischen Frau und ihrer Lebens- und Familiengeschichte in der Sowjetunion. In der sequenziellen Auswertung der Lebensdaten seien zunächst sämtliche in der spezifischen Handlungssituation "vernünftigen" Handlungsoptionen der erzählenden Person zu prüfen. Dabei sollen verschiedene Hypothesen über die einzelnen Wahlmöglichkeiten (deren mögliche Motivation, mögliche Hemmnisse gegen diese Handlungsoption, etc.) aufgestellt werden. Die Handlungsmöglichkeiten, welche der oder die Interviewte dann tatsächlich auswählt, biete dann die Möglichkeit, die vorher aufgestellten Hypothesen zu verwerfen oder zu bestätigen. Auf der Basis dieser Auswertungssequenz sollen dann weitere Hypothesen erstellt werden. Bei diesem Vorgehen müsse der Forscher/die Forscherin das eigene Wissen über den weiteren Verlauf der Lebensgeschichte, welcher ja aus der Erhebung bereits bekannt ist, ständig ignorieren. An diesem Punkt setze vielfach die Kritik an, dass dieses komplette Ignorieren von eigenem Wissen schlichtweg unmöglich sei. ROSENTHAL weist diese Kritik aber mit der Begründung zurück, dass die Komplexität der erzählten (Lebens-) Geschichten von Forschenden ohnehin nicht so ohne Weiteres zu bewältigen und zu erinnern sei. Meiner Ansicht nach gelingt es ihr damit jedoch nur unzureichend, diesen wichtigen Kritikpunkt zu entkräften. Gerade dieses Vorwissen ist es, das der Forderung einer prinzipiellen Offenheit im Forschungsprozess vehement entgegensteht. [32]

Bei der Text- und thematischen Feldanalyse gehe es darum, die Regeln für die Genese der biografischen Erzählung herauszufinden. Hierbei solle der/die Forschende versuchen, den Zusammenhang und die Bedeutung der Reihenfolge der einzelnen Textteile zu erkunden. Bei der Rekonstruktion der erlebten Lebensgeschichte und der sequenziellen Feinanalyse seien die einzelnen Textteile dann chronologisch zu sortieren, um deren Bedeutung für die Biografie zu erfassen. Letztlich werde die erzählte mit der erlebten Lebensgeschichte verglichen (kontrastiert). Dabei gehe es um die Erklärung von Unterschieden zwischen Vergangenheits- und Gegenwartsperspektive. Schließlich erläutert ROSENTHAL, dass die Fallrekonstruktionen auf unterschiedlichen sozialen Aggregationsebenen vorgenommen werden können, so z.B. bei Individuen, Familien, Organisationen u.ä. [33]

6. Inhaltsanalyse, Kodieren im Rahmen der Grounded Theory Methodologie und Diskursanalysen

Im Schlusskapitel stellt ROSENTHAL noch drei weitere Aspekte aus dem Bereich der interpretativen Sozialforschung dar: Inhaltsanalysen, das Kodieren innerhalb der Grounded Theory Methodologie und Diskursanalysen. Ein grundsätzliches Problem in der qualitativen Sozialforschung ist nach ROSENTHAL die Schwierigkeit, einen möglichst offenen Ansatz mit einem klassifizierenden Verfahren zu vereinbaren. Werden etwa die Textelemente bei der Analyse aus ihrem Zusammenhang genommen, so verliert sich die Gestalt des Gesamtdokuments, und der Entstehungszusammenhang ist nicht mehr erkennbar. Für ROSENTHAL bieten sich solche Verfahren daher in erster Linie für die erste Sichtung von großen Materialmengen an; diese sollten aber im nächsten Schritt unbedingt sequenziell und rekonstruktiv ausgewertet werden, um auch latenten Inhalt und den Gesamtkontext zu erfassen. [34]

Im weiteren Verlauf des Kapitels befasst sich ROSENTHAL mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach MAYRING (1983, 1996, zusammenfassend 2000a und b). Sie kritisiert, dass die Kategorienbildung, die nach ROSENTHAL am Material erfolgen sollte, bei MAYRING im erheblichen Maße vorbestimmt sei. MAYRING fordere die Orientierung an Gütekriterien der quantitativen Forschung, damit auch quantifizierende Aussagen im Prinzip möglich seien. Aus ROSENTHALs Sicht ist diese Vorgehensweise bereits lange überwunden. Sie stellt dar, dass BERELSON bereits in den 1940er und 1950er Jahren qualitative Studien kritisierte, die davon ausgingen, dass die Interpretation eines Textes von deren manifestem Inhalt getrennt werden könne. Für BERELSON seien qualitative Studien nur Vorstufen zu später folgenden quantitativen Studien, also in erster Linie als Pilotstudien geeignet. Siegfried CRACAUER reagierte auf diese Kritik und forderte eine rein qualitative Inhaltsanalyse, die folgenden Anforderungen genügen müsse: Der Kontext müsse erhalten bleiben, latente Sinnstrukturen müssten analysiert werden, Einzelfälle oder Besonderheiten seien zu berücksichtigen und auch die Interdependenz der einzelnen Textteile müsse Berücksichtigung finden. ROSENTHAL betont, dass an quantitative Kriterien angelehnte Inhaltsanalysen nicht erfassen könnten, was die Abwesenheit bestimmter Inhaltsmerkmale bedeuten. Damit sei eine analytische Metaebene nicht möglich, sondern die Analyse bleibe auf der Ebene und in der Perspektive des oder der Textschaffenden gefangen. [35]

Im Abschnitt zum Kodieren innerhalb der Grounded Theory Methodologie beschreibt ROSENTHAL drei Kodierformen und beschränkt sich hierbei auf die prominent gewordene Variante nach STRAUSS und CORBIN (1996): Das offene Kodieren (Benennung und Kategorisierung der Phänomene), das axiale Kodieren (Erstellen von Verbindungen zwischen Kategorien) und das selektive Kodieren (Integration der Kategorien in ein "Hauptthema"). [36]

In dem letzten Kapitel, das von ROSENTHAL gemeinsam mit Bettina VÖLTER verfasst wurde, werden dann noch Diskursanalysen behandelt. Unter "Diskursanalyse" wird dabei ein Forschungsfeld und keine Methode verstanden. Die Autorinnen berufen sich in ihrer Darstellung auf die Diskurstheorie und -analyse nach Michel FOUCAULT. In den Diskursanalysen nach FOUCAULT gehe es in erster Linie darum, institutionalisierte Darstellungsweisen unter dem Aspekt der Macht zu betrachten. Dabei könne man sich derselben Methoden bedienen, die in dem Werk bereits ausführlich betrachtet wurden und folgerichtig stellen ROSENTHAL und VÖLTER noch einmal die Besonderheiten der Anwendung dieser Methoden auf die Diskursanalyse dar. [37]

6. Fazit

Das Buch bietet eine interessante Darstellung von historischen und aktuellen Strömungen in der Biografieforschung. Diese wird unterlegt mit zahlreichen ausführlichen Beispielen, welche die theoretischen Grundlagen anschaulich untermauern. Für alle, die sich mit dem Bereich der Biografieforschung auseinandersetzen – und dabei auch die Forschungspraxis betrachten – wollen, ist dieses Werk durchaus empfehlenswert. [38]

Was das Buch aus meiner Sicht nicht ist – und da setzt mein größter Kritikpunkt an – ist eine grundlegende Einführung in den Bereich der interpretativen Sozialforschung. Dazu ist die Darstellung zu fokussiert auf die beschriebenen Bereiche. Insofern ist der Titel aus meiner Sicht unglücklich gewählt. Von einem grundlegenden Lehrbuch über einen Bereich der Sozialforschung erwarte ich einfach eine breitere Darstellung konkurrierenden Methoden und Ansätze und weniger die Skizze eines bestimmten, klar umrissenen (Teil-) Bereichs. [39]

Literatur

Bohnsack, Ralf (2003). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in die Methodologie und Praxis qualitativer Forschung. Opladen: Leske + Budrich.

Glaser, Barney G. & Strauss, Anselm L. (1967). The discovery of grounded theory. Chicago: Aldine.

Husserl, Edmund (1976). Ideen zu einer reinen Phänomenologie und Phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch (gesammelte Werke III, 1; hrsg. von Karl Schuhmann). Den Haag: Nijhoff.

Malinowski, Bronislaw (1973). Magie, Wissenschaft und Religion und andere Schriften. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Mayring, Philipp (1983). Qualitative Inhaltsanalyse. Weinheim: Beltz.

Mayring, Philipp (1996). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

Mayring, Philipp (2000a). Qualitative Inhaltsanalyse [28 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 20, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00mayring-d.htm [Zugriff: 19.03.2008].

Mayring, Philipp (2000b). Qualitative Inhaltsanalyse. In Uwe Flick, Ernst von Kardoff & Ines Steinke (Hrsg.), Qualitative Sozialforschung (S.468-475). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Oevermann, Ulrich; Allert, Tilmann & Konau, Elisabeth (1980). Zur Logik der Interpretation von Interviewtexten. In Thomas Heinze, Hans-W. Klusemann & Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Interpretationen einer Bildungsgeschichte (S.15-69). Bensheim: päd extra.

Schütze, Fritz (1978). Was ist "kommunikative Sozialforschung"? In Adrian Gärtner & Sabine Hering (Hrsg.), Modellversuch "Soziale Studiengänge an der GhK, Materialien 12: Regionale Sozialforschung (S.117-131). Kassel: Gesamthochschulbibliothek.

Soeffner, Hans-Georg (1989). Auslegung des Alltags. Zur wissenssoziologischen Konzeption einer sozialwissenschaftlichen Hermeneutik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Strauss, Anselm L. & Corbin, Juliet M. (1996). Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

Zum Autor

Matthias KÖTTER, Field Manager im Schöttmer-Institut, Hamburg. Studium zunächst von Mathematik und Physik, dann der Soziologie, Politischen Wissenschaft und Psychologie in Kopenhagen und Kiel. Schwerpunkte: Katastrophensoziologie, Politische Soziologie, Prozesssoziologie. Abschluss M.A. 2001 in Kiel.

Kontakt:

Matthias Kötter

Melkenkamp 12a

D-24631 Langwedel

Tel.: 04329 91 33 83

E-Mail: matthias.koetter@web.de

Zitation

Kötter, Matthias (2008). Rezension zu Gabriele Rosenthal (2005). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung [39 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(2), Art. 21, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0802216.



Copyright (c) 2008 Matthias Kötter

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