Volume 9, No. 2, Art. 10 – Mai 2008

Rezension:

Julia Simonson

Susanne Spindler (2006). Corpus delicti. Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung im Alltag jugendlicher Migranten. Münster: Unrast-Verlag, 358 Seiten, ISBN 3-89771-738-7, EUR 26,00

Zusammenfassung: In ihrer 2006 als Buch erschienenen Dissertation befasst sich Susanne SPINDLER mit den Zusammenhängen zwischen Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung bei jugendlichen Migranten. SPINDLER interpretiert hierzu die Ergebnisse aus elf biografischen Interviews mit inhaftierten jugendlichen Migranten. Dabei stehen insbesondere Prozesse der Vergeschlechtlichung im Fokus: Da den Jugendlichen Formen anerkannter Männlichkeit versagt bleiben, ist SPINDLER zufolge nur noch der Rückzug auf eine extrem körper- und gewaltbetonte Form der Männlichkeit möglich, die den Weg in die Kriminalität und das Gefängnis ebnet. Das Buch bietet interessante Einblicke in den Prozess der Kriminalisierung bei jugendlichen Migranten und bereichert das Forschungsfeld um eine neue Perspektive, auch wenn die Argumentation SPINDLERs letztlich zu einseitig bleibt, da mit dem Rückzug auf die körperbetonte Männlichkeit nur ein Aspekt betrachtet wird und andere Faktoren, die für das Verständnis der beobachteten Prozesse hilfreich sein könnten, von vornherein ausgeblendet werden.

Keywords: Migranten, Männlichkeit, Gewalt, Kriminalisierung, Biografieforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Das Thema: Jugendliche Migranten und Kriminalität

2. Theoretische Einbettung: Geschlecht, Rassismus und Kriminalität

2.1 Zur Konstruktion von Geschlecht

2.2 Rassismus und Vergeschlechtlichung

2.3 Diskussionen um Kriminalität

3. Methodik

4. Zentrale Ergebnisse

4.1 Familie

4.2 Schule und Arbeit

4.3 Sexualität und Gewalt

5. Fazit

6. Bewertung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Das Thema: Jugendliche Migranten und Kriminalität

Durch jugendliche Migranten und Migrantinnen1) ausgeübte Kriminalität und Gewalt ist ein Thema, das in Medien und Öffentlichkeit einen prominenten Platz einnimmt. Häufig wird in direktem Anschluss an die keineswegs eindeutig belegte Feststellung, dass die Gewalt unter Jugendlichen generell in den letzten Jahren gestiegen sei,2) darauf hingewiesen, dass dies auf Migrantenjugendliche in besonderem Maße zuträfe bzw. diese bei den Gewalttätern überproportional vertreten seien. Gerade in Zeiten des Wahlkampfes wird dies – wie erst wieder jüngst bei der Landtagswahl in Hessen – von konservativer Seite gern zum Anlass genommen, um über Forderungen nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts sowie einer vereinfachten Ausweisung straffälliger Ausländer und Ausländerinnen Stimmen zu gewinnen. [1]

Tatsächlich ist der Gewalttäteranteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund höher als dies aufgrund ihres Anteils an allen Jugendlichen zu erwarten wäre; die Feststellung, Jugendliche mit (bestimmtem) Migrationshintergrund seien besonders gewalttätig, scheint also zunächst einmal zuzutreffen. Die Frage ist nun, wie dieser Sachverhalt zu erklären ist. Hierzu kursieren eine ganze Reihe unterschiedlich differenzierter und auf unterschiedliche Bereiche fokussierter wissenschaftlicher Erklärungsversuche, die von SPINDLER zum Teil auch aufgegriffen werden. [2]

Während ettikettierungstheoretische Erklärungen darauf verweisen, dass die unterschiedlich scheinenden Gewalt- und Kriminalitätsraten von Migrant(inn)en und Deutschen (auch) ein Resultat unterschiedlicher Wahrnehmung und Sanktionierung durch Öffentlichkeit, Polizei und Justiz sein können (vgl. z.B. MANSEL & ALBRECHT 2003), zieht der desintegrationstheoretische Ansatz (vgl. z.B. HEITMEYER 1993) insbesondere die auf gesellschaftlicher Ebene ablaufenden Entwicklungen der Modernisierung und Individualisierung zur Erklärung jugendlicher Kriminalität heran. Kulturelle Erklärungen erweitern diese Sichtweise, indem nicht nur die sozioökonomische Situation, sondern auch kulturell und traditionell verfestigte Wertvorstellungen der Migrant(inn)en berücksichtigt werden. [3]

Bei Susanne SPINDLER stehen dagegen Prozesse der Vergeschlechtlichung im Vordergrund. Dabei hebt sie die Bedeutung von Erfahrungen, die durch den gesellschaftlichen Umgang mit den Migranten entstehen, für die Konstruktion des männlichen Geschlechts hervor, die wiederum in einem engen Zusammenhang mit (Gewalt-) Kriminalität stehe:

"Die Jugendlichen konstruieren Geschlecht in einem Umfeld, das Vorgaben macht, bewegen sich in schon geschlechtlich strukturierten gesellschaftlichen Verhältnissen, Situationen und Institutionen. Ihre Geschlechterkonstruktionen sind eng mit ihrer Situation als Jugendliche mit Migrationshintergrund verbunden, die entscheidend ihre Lebenslage prägt. Rassismus wird in institutionellen und alltäglichen Zusammenhängen bedeutsam, betrifft oft unmittelbar oder indirekt ihr Geschlecht. […] Je mehr man über die Bedingungen dieser Jugendlichen erfährt, über die Umstände, unter denen sie aufwachsen, desto deutlicher zeichnen sich die Möglichkeiten und Grenzen von Geschlechterkonstruktionen und deren Ausgestaltungen ab und desto verständlicher werden ihre Verhaltensweisen. In den unterschiedlichen Biographien scheinen die Lebenswege der Jugendlichen zunächst noch relativ offen und verengen sich dann immer mehr. Zugänge zu Bildung, Arbeit oder zu anderen Milieus sind stark reduziert oder bleiben verwehrt, ihre Lebenswege spitzen sich immer weiter in kriminalisierte Milieus zu, bis in die Inhaftierung hinein" (S.11f.). [4]

2. Theoretische Einbettung: Geschlecht, Rassismus und Kriminalität

2.1 Zur Konstruktion von Geschlecht

Susanne SPINDLER nimmt zunächst Bezug auf Erkenntnisse der Geschlechterforschung. Sie beginnt bei der Individualisierungstheorie von BECK, die zwar keine spezifische Theorie der Geschlechter ist, aber dennoch Geschlechterfragen und diesbezügliche Entwicklungen in den Blick nimmt. [5]

Im Zuge der Individualisierung lösen sich – so die Individualisierungsthese – bei gleichzeitigem Bestehenbleiben sozialer Ungleichheiten nicht nur starre Einbindungen in soziale Klassen und Schichten auf, sondern auch traditionelle Geschlechterverhältnisse verlieren unter anderem aufgrund gestiegener Bildungsbeteiligung von Frauen und höherer Scheidungsraten an Bedeutung. Dabei zeige sich jedoch eine gewisse "Verhaltensstarre" seitens der Männer, tatsächliche oder vermeintliche Vorteile der traditionellen Geschlechterrollen aufzugeben. Inwieweit es tatsächlich eine Auflösung traditioneller Geschlechterordnungen gibt, ist allerdings durchaus fraglich, wie SPINDLER im Anschluss an Kritiker und Kritikerinnen der Individualisierungsthese (z.B. GERHARD 1995) ausführt. [6]

Zu berücksichtigen ist die soziale Konstruiertheit von Geschlecht. Insbesondere Forscher und Forscherinnen in der Tradition der ethnomethodologischen Geschlechterforschung haben die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt. SPINDLER greift die Befunde von GARFINKEL (1967) auf, nach denen für die Konstruktion von Geschlecht vorrangig die Inszenierungen als männlich oder weiblich bzw. als solche interpretierte Verhaltensweisen eine Rolle spielen, und nicht das biologische Geschlecht. Auch in der Diskussion um sex und gender (vgl. OAKLEY 1985; LORBER 1999) wird die Konstruiertheit des sozialen Geschlechts unabhängig vom biologischen Geschlecht hervorgehoben, wie SPINDLER darlegt. Durch den permanenten Prozess des doing gender werden die Regeln für die Ausformungen der Geschlechtlichkeit ständig reproduziert und gleichzeitig neu erzeugt. SPINDLER verweist auch auf Judith BUTLER (1991), die schließlich auch die begriffliche Unterscheidung von sex und gender infrage stellt, da auch sex nur eine Bezeichnung und damit sozial konstruiert sei. Somit könne zwischen sex und gender auch kein Referenzverhältnis bestehen und gender – hier rekurriert SPINDLER auf ROEDIG (2001, S.27) – kein Ausdruck oder Zeichen sein, das auf einen zugrunde liegenden biologischen Körper verweise. [7]

Als bedeutsam für ihre eigene Arbeit hebt SPINDLER insbesondere das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von CONNELL (2000) hervor, das die Dominanz der Männer und die Unterordnung der Frauen gewährleiste:

"Wesentliches Element des Verhältnisses der Geschlechter und der Herstellung von Hegemonie ist, dass auch Männer untereinander hierarchische Rangfolgen ausarbeiten. Dazu dienen 'Eigenschaften', die die Hierarchienbildung erleichtern – weiß, heterosexuell, mächtig und beruflich erfolgreich stellen die obersten Sprossen der Leiter dar. […] Die hegemoniale Männlichkeit definiert Männer mit bestimmten Merkmalen als unterlegen, und benötigt sie zugleich, um sich selbst durch Abgrenzung von ihnen eine Form zu geben (vgl. Connell 2000, S.101)" (S.46). [8]

Einen wichtigen Bezug zu ihrer eigenen Arbeit sieht SPINDLER in der Studie von KERSTEN (1997): Auch benachteiligte Jugendliche wollen nach KERSTEN an hegemonialer Männlichkeit teilnehmen; die Gesellschaft steht ihnen dieses Recht allerdings nicht zu, sodass sie gezwungen sind, mit ihren Mitteln eine eigene Form der Männlichkeit herzustellen, die von der Hauptkultur als abweichend und gefährlich wahrgenommen wird. [9]

SPINDLER plädiert dafür, Geschlecht als Analysekategorie gerade aufgrund seiner Konstruiertheit beizubehalten, da sich die Interpretationen von Weiblichkeit und Männlichkeit trotz der geänderten gesellschaftlichen Verhältnisse in Körper und Handlungspraxen eingeschrieben haben oder auf neue Art eingeschrieben werden. Dabei nimmt sie an, dass die Konstruktion von Männlichkeit sich hinsichtlich ihrer Funktion bei den jugendlichen Migranten nicht grundlegend von der der sonstigen männlichen Bevölkerung unterscheidet, sondern lediglich deutlich stärker in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit gerät:

"Daher gehe ich davon aus, dass wir es bei Männlichkeitskonstruktionen heute eigentlich mit einem Rückwärtstrend zu tun haben, der sich mit der These vom neuen Mann tarnt. Für die hier untersuchten Jugendlichen ist dies bedeutsam: Ihre Männlichkeit, die als traditionell und rückständig bezeichnet wird, gerät zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit, während die Männlichkeit der anderen Männer als Gegenbild dazu konzipiert und nur am Rande problematisiert wird. Aus Connells Theorie folgt, dass mit Macht ausgestattete Gesellschaftsmitglieder auf Ausgestaltungen und Inszenierungen von Männlichkeit zurückgreifen können, die weniger auffällig, aber nicht weniger patriarchal sind. Indem der Fokus dessen, was als 'problematische, althergebrachte' Männlichkeit ausgemacht wird, auf bestimmte Gruppen verlagert wird, kann sich der Rest die Hände in Unschuld waschen, seinen Beitrag zu patriarchalen Strukturen von sich weisen" (S.50). [10]

2.2 Rassismus und Vergeschlechtlichung

Das folgende Kapitel widmet Susanne SPINDLER den Zusammenhängen zwischen Rassismus und Vergeschlechtlichung. Nach einem knappen Überblick über die Geschichte des Rassismus befasst sie sich mit aktuellen Ausformungen und der Rolle der Begriffe Ethnizität und Kultur. Der Begriff der Ethnie hat ihrer Meinung nach den Rassenbegriff weitgehend abgelöst, fußt anders als der Rassenbegriff jedoch nicht mehr auf biologischen Unterscheidungen, sondern auf politisch-territorialen und kulturellen. Eng damit verbunden ist der Kulturbegriff. Versteht man Kultur als statisch und als Determinante für Verhaltens- und Denkweisen, ist nach SPINDLER der Weg zu einem kulturalistischen Diskurs über vermeintlich unüberwindbare Kulturdifferenzen nicht weit:

"Dieser Kulturalismus tritt dafür ein, dass Grenzen nicht verwischt werden, da verschiedene Lebensweisen und Traditionen nicht zu vereinen seien – wenn dies aber doch geschehe, sei eine Abwehrreaktion der Menschen nur natürlich. So wird die Kultur als das konstruiert, was vorher die Natur war, Differenzen dadurch kreiert und ontologisiert. Kulturdifferenz, die eng an Ethnizität gekoppelt wird, wird in dieser Kombination zum neuen Begriff für 'Rassendifferenz' " (S.59). [11]

Mithilfe des Konzepts der Ethnizität werden Migranten und Migrantinnen mit dem Etikett des "Anderen" belegt und stigmatisiert, wie SPINDLER im Anschluss an BUKOW und LLARYORA (1988) ausführt. Die unterstellte Differenz zwischen Mehrheit und Migranten/Migrantinnen sei entweder kulturell bedingt oder entspringe einem Modernisierungsdefizit der Migranten und Migrantinnen. Damit wird SPINDLER zufolge zugleich eine Wertung vollzogen und ein Machtgefälle begründet. Auch die vermeintlich abweichenden Geschlechterverhältnisse der Migrantinnen und Migranten würden herangezogen um eine ethnische Semantik zu konstruieren und die kulturellen Unterschiede hervorzuheben, wie SPINDLER mit Verweis auf LUTZ und HUTH-HILDEBRANDT (1998) anführt. Bilder des Migranten, der seine Frau unterdrücke sowie der Frau, die zu schwach sei, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien, gelangten somit in den Fokus von Medien und Forschung und verfestigten die Wahrnehmung einer kulturellen Differenz, zulasten einer gleichzeitig aus dem Blick geratenen unverfälschten Wahrnehmung der Lebensrealitäten von Migranten und Migrantinnen. [12]

2.3 Diskussionen um Kriminalität

In der Kriminologie wurde das Geschlecht lange Zeit weitgehend ausgeblendet, wie SPINDLER zutreffend anmerkt: Kriminalität war zuerst einmal männlich und Geschlecht wurde nur thematisiert, sofern es sich um die Kriminalität von Frauen handelte. Wie SPINDLER überzeugend aufzeigt, spielt jedoch auch für die Kriminalität von Männern Geschlechtlichkeit eine Rolle. So kann beispielsweise – wie sie im Anschluss an MESSERSCHMIDT (1993) darlegt – Kriminalität auch als Mittel genutzt werden, um Männlichkeit zu erzeugen. [13]

Einen längeren Abschnitt widmet SPINDLER dem Desintegrationsansatz von HEITMEYER (1993), der die gesellschaftlichen Entwicklungen in Richtung Modernisierung und Individualisierung zur Erklärung jugendlicher Kriminalität heranzieht, das Geschlecht jedoch ebenfalls nur am Rande berücksichtigt. Zunehmende Arbeitslosigkeit, der wahrgenommene Abbau sozialer Sicherungen, die Erosion sozialer Bindungen, Wertediffusionen und die Wahrnehmung umfassender Risiken (z.B. Terrorismusgefahr, Klimawandel) führen nach HEITMEYER insbesondere bei jungen Menschen zu Verunsicherungen hinsichtlich der eigenen Zukunft, welche sich auch in Aggression und Gewalt äußern können. Dabei ist die Verunsicherung umso ausgeprägter, je stärker die eigene Situation als risikobehaftet wahrgenommen wird und je stärker die Ausgrenzung von gesellschaftlichen Teilsystemen ist. Die höhere Gewaltneigung von Migranten kann somit über die stärkere Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Zukunft aufgrund ihrer stärkeren sozialstrukturellen Benachteiligung sowie der erlebten Ausschließung von gesellschaftlichen Positionen erklärt werden. Wegen der Vernachlässigung der Geschlechtlichkeit bietet HEITMEYERs Ansatz allerdings nach Aussage SPINDLERs keine Anschlussfähigkeit für den von ihr gewählten Zugang. [14]

Den Befunden von PFEIFFER und WETZELS (2000) zufolge, die SPINDLER ebenfalls diskutiert, wirkt auch das Festhalten der Migranten an traditionellen geschlechtsspezifischen Rollenbildern und die Zustimmung zu gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen Gewalt fördernd. Darüber hinaus bewirke auch die von Migrantenjugendlichen häufiger erlebte innerfamiliäre Gewalt eine höhere Gewaltakzeptanz durch negative Rollenvorbilder. SPINDLER kritisiert diese Sichtweise als zu einseitig und stigmatisierend, da PFEIFFER und WETZELS zum einen der Familie eine zu hohe Relevanz einräumen und zum anderen schlichtweg voraussetzten, "dass Familien mit Migrationshintergrund traditionell, rückständig und antimodern seien, ohne dass sie dieser Annahme Erklärungen und Belege vorausschicken oder folgen" ließen (S.97). Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass PFEIFFER und WETZELS durchaus Belege für die zumindest im Durchschnitt höhere Gewaltbelastung in Familien mit Migrationshintergrund vorlegen. Auch der Vorwurf des Festhaltens der Autoren am alleinigen Erklärungsmuster traditioneller Einstellungen ist so wie von SPINDLER vorgetragen nicht zutreffend – zumal SPINDLER selbst ausführt, dass PFEIFFER und WETZELS "weitere Untersuchungsergebnisse vorliegen, in denen sie auf soziale Faktoren und Ausgrenzung verweisen. Rezipiert wurde aber allein die 'Machothese' " (S.98). Auch gehen PFEIFFER und WETZELS meiner Meinung nach durchaus davon aus, dass gesellschaftliche Desintegration und Rückbesinnung auf traditionelle Werte in einem Zusammenhang stehen (können): Gerade in Reaktion auf ausbleibende soziale und wirtschaftliche Integration würden alte Werte und Normen reaktiviert (vgl. auch ENZMANN, BRETTFELD & WETZELS 2004), was dann wiederum Desintegrationsprozesse befördern könne. [15]

3. Methodik

Im Mittelpunkt der vorliegenden Forschungsarbeit stehen die Männlichkeitskonstruktionen, Deutungsweisen und subjektiven Verarbeitungen der Lebenslagen von jugendlichen Migranten. Hierfür ist eine Vorgehensweise geeignet, die das Subjekt in den Mittelpunkt der Forschung rückt. SPINDLER wählt die Methode der biografischen Rekonstruktion, um in der Zusammenschau der Biografien mit den jeweiligen Gegebenheiten das sinnhaft-soziale Handeln der Beteiligten aufzuzeigen. Das methodische Vorgehen zielt nach SPINDLER sowohl darauf ab, "subjektive Sichtweisen zu verstehen, indem der Befragte seine 'Innenperspektive' darlegt, als auch darauf, gesellschaftliche Bedingungen, Möglichkeiten und Barrieren für die Herausbildung spezifischer Konstruktionen zu rekonstruieren" (S.109). [16]

Die Interviews mit inhaftierten jugendlichen Migranten, die Susanne SPINDLER auswertet, entstammen einem größeren Projekt, in dem unter ihrer Mitarbeit insgesamt 23 Jugendliche interviewt wurden (vgl. BUKOW, JÜNSCHKE, SPINDLER & TEKIN 2003). Für ihre Dissertation wertete sie elf dieser Interviews noch einmal unter dem Blickwinkel von Männlichkeitskonstruktionen aus. [17]

Interviewt wurden Jugendliche mit Migrationshintergrund, die ihren Lebensmittelpunkt vor der Inhaftierung in Köln hatten und entweder bereits nach dem Jugendgerichtsgesetz verurteilt waren oder danach verurteilt werden würden. Die Interviews fanden in zwei Jugendstrafanstalten sowie in einer Untersuchungshaftanstalt statt. Die Vorgehensweise folgte dem Leitmotiv der "theoretischen Offenheit" (LAMNEK 1995), sodass im Vorfeld keine Thesen formuliert wurden. Allerdings ist dies SPINDLER zufolge nicht mit einem völlig theorielosen Vorgehen gleichzusetzen:

"Schon allein die Fragestellungen, die zum Gegenstand hinführen, beruhen auf Vorwissen und theoretischem Hintergrund. Im Sinne des hermeneutischen Verständnisses ist ein solches Vorverständnis auch notwendig und wird während des gesamten Forschungsprozesses immer wieder neu strukturiert, relativiert, erweitert oder verworfen – im Forschungsprozess erweitert sich so das Verständnis des Forschungsgegenstandes" (S.118). [18]

Mit den Jugendlichen wurden narrative Interviews geführt, bei denen am Ende je nach Bedarf noch einzelne Fragen zu nicht angesprochenen Themenbereichen angehängt wurden. Auffallend war laut SPINDLER, dass einige Jugendliche ihre Lebensgeschichte schon mehrfach vor unterschiedlichen Instanzen (z.B. Anwält[inn]e[n], Sozialarbeiter[innen]) erzählt hatten und daher eine zurechtgelegte, vorgefertigte Version ihrer Biografie präsentierten, was bei der Interpretation berücksichtigt werden musste (Wie dies tatsächlich umgesetzt wurde, wird von SPINDLER allerdings nicht thematisiert). Die Interviews wurden wortwörtlich als Fließtext und mit Kommentaren über hörbare, aber nicht sprachliche Phänomene und Pausen transkribiert, um über den Inhalt der gesprochenen Sprache hinausgehende Informationen zu erhalten, die weitergehende Interpretationen, z.B. über Unsicherheiten, ermöglichen. Im Anschluss an das Interview wurden Memos zur Interviewsituation und Interviewführung erstellt. [19]

Bei der Auswertung folgte SPINDLER nach eigener Aussage den von ROSENTHAL (1995) dargelegten Auswertungsprinzipien der rekonstruktiven Fallanalyse. Während ROSENTHAL ihre Auswertung jedoch in einer Fallstruktur münden lässt, verschiebt SPINDLER den Fokus auf "die Bedingungen biographischer Situationen und deren individuelle Bearbeitungen für Handlungen oder Geworden-Sein des Individuums" (S.123). [20]

Als Kennzeichen der Methode werden von SPINDLER das abduktive Vorgehen und die Sequenzialität hervorgehoben. Die sequenzielle Analyse umfasst die erlebte Lebensgeschichte und die temporale und thematische Struktur des Interviewtextes. Die Methodik wird in Anlehnung an APITZSCH (1999) als gerade für die Erforschung von Migrant(inn)enbiografien fruchtbare Vorgehensweise angesehen, "da sie nicht einer deduktiven Logik, also z.B. einer generellen Kulturhypothese folgt und auch nicht einer induktiven, indem sie die Situation zu einem Gesamtbild fasst und verteilungstheoretisch erläutert" (S.124). [21]

4. Zentrale Ergebnisse

Der detaillierten Ergebnisdarstellung vorangestellt sind die Kurzbiografien der Migranten. Sie erlauben schlaglichtartige Einblicke in die Lebenswelten der Jugendlichen, bevor verschiedene Lebensbereiche ausführlicher betrachtet werden. Ich gehe im Folgenden insbesondere auf die Bereiche Familie, Schule und Arbeit sowie auf Erfahrungen mit Sexualität und (sexueller) Gewalt ein. [22]

4.1 Familie

Eingehend betrachtet SPINDLER zunächst die Familie und hier insbesondere die Vater-Sohn-Beziehung. Dabei zeigt sich, dass diese bei den interviewten Migranten sehr unterschiedlich, häufig aber nicht unproblematisch ist. Die Beziehung des Jugendlichen Ömür zu seinem türkischen Vater ist beispielsweise deutlich von Gewalt geprägt. SPINDLER betont zwar, das dies für die von ihr betrachteten Migrantenbiografien nicht typisch sei; an späteren Stellen scheint meines Erachtens aber auch bei einigen anderen Jugendlichen etwas von der erlebten innerfamiliären Gewalt durch. [23]

Der Jugendliche Hüseyin sieht sich für die typisch männlichen und väterlichen Funktionen innerhalb der Familie selbst verantwortlich, da der kurdische Vater aufgrund seiner Fluchtgeschichte und der rechtlichen Situation als Asylbewerber dieser Aufgabe nicht nachkommen kann. Hier dominiert das Bild des Vaters als "schwacher Mann" (S.149). Auch die Väter von Abdul, Adnan, Muhammet und Franco können oder wollen die Erwartungen, die ihre Söhne an sie stellen, aufgrund ihrer sozial randständigen Lage in Deutschland oder aufgrund von Rückkehrplänen bzw. tatsächlicher Rückkehr in das Herkunftsland nicht erfüllen. Die Väter von Levent und Murat scheinen – so ist zumindest den Kurzbiografien zu entnehmen – nicht mit nach Deutschland ausgewandert zu sein, Iwans Vater ist Alkoholiker. [24]

Einige der Jugendlichen nehmen ihre Eltern als Träger ethnischer Spezifika wahr, sie beschreiben ihre Väter als "typische Türken" bzw. erklären bestimmte Verhaltensweisen (z.B. gewalttätige Erziehungsmethoden) mit dem Ausländerstatus, haben sich also selbst ethnische Zuschreibungen zu eigen gemacht. [25]

Das Verhältnis zu den Müttern wird als weniger problematisch thematisiert. "Sie kommen in den Erzählungen weniger häufig vor und scheinen zunächst oft den Stereotypen von Mütterlichkeit zu entsprechen" (S.157). Häufig werden die Mütter als liebevoll und emotional Rückhalt gebend beschrieben; zum Teil übernehmen sie aber auch andere Funktionen. So wird die Mutter von Iwan vornehmlich als Familienernährerin dargestellt, die aber sowohl ihm als auch anderen gegenüber zu Gewalt greift (S.159). [26]

Auch das Geschlechterverhältnis zwischen den Eltern lässt sich nicht auf eine Perspektive verengen: "Mal ist die Mutter Opfer, wie Ömürs Mutter, mal eine starke Frau, die sich von keinem Mann etwas sagen lässt, wie Levents Mutter. Mütter grundsätzlich als schwache und unterdrückte Opfer der Väter zu sehen wäre also […] verkürzt" (S.160). [27]

Trotz aller Unterschiede haben die Familien der Jugendlichen eine zentrale Gemeinsamkeit, wie SPINDLER hervorhebt: In ihrer Migrationssituation leben sie sozial und ökonomisch marginalisiert. Insbesondere die Position des Vaters wird als schwach wahrgenommen. In dieser Situation arbeiten die Jugendlichen daran, die Schwächen ihrer Familien auszugleichen. Wenn sie dabei auf die reduzierten Ausdrucksformen männlicher Stärke zurückgreifen, so tun sie das laut SPINDLER nicht, weil ihnen ihre Väter dafür Vorbilder abgegeben haben, sondern handeln vielmehr konform zu gesellschaftlichen Männlichkeitsbildern (S.292). [28]

4.2 Schule und Arbeit

Ähnlich wie viele andere Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland haben auch die von SPINDLER interviewten Jugendlichen in der Mehrheit keine abgeschlossene Schulausbildung; falls sie einen Abschluss haben, beginnen nur die wenigsten eine Berufsausbildung. Insbesondere Flüchtlinge, deren rechtlicher Aufenthaltsstatus noch nicht eindeutig geklärt ist, befinden sich in einer schwierigen Situation, in der der Alltag durch existenzielle Fragen bestimmt wird; der Schulbesuch tritt demgegenüber in den Hintergrund, was auch dadurch verstärkt wird, dass in einigen Bundesländern für Flüchtlinge lediglich Schulrecht, aber keine Schulpflicht besteht (S.162f.). Gehen sie zur Schule, so fällt es ihnen als Seiteneinsteiger und aufgrund von Sprachproblemen und ihnen entgegengebrachten Vorurteilen häufig schwer, Fuß zu fassen. Die Schullaufbahn wird somit nicht selten zu einer Geschichte von Niederlagen, Misserfolgen und Versagen. [29]

Nach der Schullaufbahn stehen sie meist ohne Schul- oder Ausbildungsabschluss den Erfordernissen des Arbeitsmarktes gegenüber. Nur wenige der interviewten Migranten gingen vor ihrer Inhaftierung einer geregelten Erwerbsarbeit nach. Und auch für die Zeit nach der Inhaftierung sind die Aussichten für eine Integration in den Arbeitsmarkt sowohl aufgrund der fehlenden Bildungsvoraussetzungen als auch wegen des Mangels an sonstigen Ressourcen (z.B. Netzwerke) gering. Der Ausschluss von legalen Erwerbsbereichen sowie die Milieus, in denen sich die Jugendlichen bewegen, tragen dazu bei, dass sie sich häufig in illegale Märkte begeben. Insbesondere Drogen und sexuelle Ausbeutung spielen dabei eine Rolle. SPINDLER betont jedoch, dass diese Tätigkeiten nicht ausschließlich dem Gelderwerb, sondern auch der symbolischen Herstellung von Männlichkeit dienen. [30]

4.3 Sexualität und Gewalt

Zu den prägenden Erfahrungen im Leben mehrerer interviewter Jugendlichen gehört sexuelle Gewalt. Dabei handelt es sich sowohl um innerfamiliäre oder von der Familie nahe stehender Personen ausgeübte Gewalt als auch um Gewalt im Rahmen außerfamilärer und pädosexueller Milieus. Jugendliche Migranten geraten nach SPINDLER bevorzugt in pädosexuelle Milieus, die nicht selten auch den Weg in die Prostitution ebnen:

"Gerade Flüchtlinge, für die wenige gesellschaftliche Möglichkeiten bestehen, können schneller in das Milieu involviert werden. Verbindungen zwischen der Situation von Flüchtlingsfrauen mit schlechtem Aufenthaltsstatus und einem daraus resultierenden 'Heiratsmarkt', den pädosexuelle Männer strategisch nutzen, um an Kinder zu kommen, liegen nahe. […] Die Vergewaltigung eines jugendlichen Migranten kann eine doppelte Abwertung durch Rassismus und Sexismus beinhalten, die Täter machen die Jugendlichen zu exotischen Sexualobjekten" (S.214). [31]

Aber auch in ihrer eigenen Familie können die Jugendlichen sich nicht immer vor sexuellen Übergriffen schützen. Wie aus den von SPINDLER präsentierten Interviewausschnitten hervorgeht, verunsichern die Opfererfahrungen das männliche Selbstverständnis und lösen unterschiedliche Reaktionen aus. Vereinzelt führt die Erfahrung mit sexueller Gewalt bei den Jugendlichen zu selbst verletzendem Verhalten und Persönlichkeitsstörungen; z.T. wird die sexuelle Orientierung infrage gestellt. Dies äußert sich auch in der Thematisierung von Homosexualität in einigen Interviews. Als homosexuell werden dabei zuallererst die Männer bezeichnet, deren Opfer sie wurden. Die Jugendlichen legen aber auch Wert darauf, nicht selbst in Verdacht zu geraten, homosexuell zu sein. Dies geschieht zum einen über die wiederholte Abgrenzung von homosexuellen Männern im Interview, aber auch über den Entwurf einer anderen, heterosexuellen Männlichkeit über Beziehungen zu Mädchen und Frauen. Diese werden teilweise allerdings auch dazu benutzt, die eigene Männlichkeit durch Abwertung des Weiblichen aufzuwerten. [32]

Neben der Familie hebt SPINDLER Cliquen als eine wichtige Bezugsgruppe für die Jugendlichen hervor. Gerade für die Migrantenjugendlichen, die den Kontakt zum Bildungssystem verloren haben, könnten sie zu Ersatzsystemen und zum Hauptbezugspunkt für die Alltagsgestaltung werden. Für den Cliquenalltag sei durch Gewalt konstituierte Männlichkeit relevant, da die Jugendlichen über diese sowohl in der Clique als auch nach draußen Anerkennung bekommen könnten. [33]

Im Gefängnis schließlich bewegen sich die Jugendlichen erneut in einer "Ordnung der Männlichkeiten" (S.311). Wer neu in Haft gelangt, muss sich zunächst behaupten; auch hier spielt Gewalt eine zentrale Rolle. Anders als draußen schaffen es die Migranten jedoch hier, aufgrund der geänderten Mehrheitsverhältnisse aus ihrem Ausländerstatus einen Vorteil zu ziehen. [34]

5. Fazit

Susanne SPINDLER kommt zu dem Schluss, dass die Migrantenjugendlichen nach ihren Erfahrungen mit Rassismus und Ausgrenzung letztlich nur noch durch körperbetontes und gewalttätiges Verhalten Männlichkeit herstellen können.

"Nach der Verweigerung anerkannter Männlichkeit suchen die Jugendlichen Auswege – dazu statten sie ihre Männlichkeit gewalttätig aus. Ihnen bleiben nur wenige Ressourcen und in ihrem Alltag ist Gewalt an der Tagesordnung" (S.313).

"Die Biographien belegen, dass die Jugendlichen immer mehr Kontexte verlieren, bis sie schließlich mit sich und ihrer Biographie allein im Gefängnis übrig bleiben. Mit den Kontexten schwinden Lebenszusammenhänge und Möglichkeiten, einen gesellschaftlichen Platz zu finden. Je mehr Kontexte ausgeblendet werden, desto deutlicher findet eine Reduktion der Jugendlichen statt, die sich immer stärker auf den Körper konzentriert. Diese Reduktion zeigt sich in den Zuweisungen an die Jugendlichen sowie auch in einem Rückzug der Jugendlichen selbst auf ihre Körper" (S.314).

"Der Rückzug der Jugendlichen auf den Körper ist kein freiwilliger. Auch wenn sie ihn als Zeichen der Männlichkeit benutzen, so ist er einfach die letzte ihnen bleibende Ressource" (S.316). [35]

Dieser "erzwungene" Rückzug auf eine extrem körper- und gewaltbetonte Form der Männlichkeit ebnet nach SPINDLER letztlich auch den Weg in die Kriminalität und das Gefängnis. Die jugendlichen Migranten reagieren auf die gesellschaftlichen "rassistischen Mechanismen, die an ihnen ausgelebt werden. Sie kämpfen gegen die Exklusionen an, um dann – wie in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung – immer mehr darauf zuzusteuern" (S.326). [36]

6. Bewertung

Susanne SPINDLER hat eine lesenswerte Studie zur Lebenssituation ausgegrenzter jugendlicher Migranten vorgelegt, die Einblicke in den Prozess der Kriminalisierung erlaubt. Mit der Fokussierung auf die körperbetonte Männlichkeit als Antwort auf die den Jugendlichen vorenthaltene Teilnahme an hegemonialer Männlichkeit hebt sie sich deutlich von anderen Erklärungsversuchen ab und bereichert damit das Forschungsfeld. Die Konstruktion von Männlichkeit bildet den roten Faden, der sich durch die gesamte Arbeit zieht. Dabei ist aufgrund der transparenten Darstellung der methodischen Vorgehensweise und Ergebnisse durchaus nachvollziehbar, wie Susanne SPINDLER zu ihren Schlussfolgerungen kommt. [37]

Allerdings sind die Interpretationen SPINDLERs bei aller Nachvollziehbarkeit nur eine mögliche Lesart. Erklärungen, die sich auf kulturelle Prägungen der Migranten oder familiäre Einflüsse stützen, lehnt SPINDLER bereits vor Sichtung des empirischen Materials ab. Hiermit verschenkt sie meines Erachtens wichtiges Potenzial, denn nicht nachvollziehbar ist, warum Benachteiligungserfahrungen und daraus resultierende Männlichkeitskonstruktionen, die zweifelsohne ein wichtiger (und bisher sicherlich vernachlässigter) Aspekt sind, der einzige relevante Faktor ein sollen. SPINDLER begeht letztlich den (von ihr selbst anderen vorgeworfenen) Fehler, Monokausalität zu unterstellen und andere Faktoren, die für das Verständnis der beobachteten Prozesse hilfreich sein könnten, von vornherein auszublenden. Dies ist auch deswegen schade, weil sie gerade bei der Anwendung der Methode für Unvoreingenommenheit und Offenheit plädiert hat; tatsächlich entsteht aber der Eindruck, die Autorin habe sich schon vorher ihr Urteil über zulässige und nicht zulässige Erklärungen gebildet. [38]

Darüber hinaus wird mit inhaftierten jugendlichen Migranten eine sehr spezielle Gruppe in den Blick genommen. Andere biografische Verläufe werden ausgeblendet, da nur Jugendliche einbezogen werden, die bereits einen bestimmten Weg eingeschlagen haben. Eine Erweiterung des Samples um eine kontrastierende Gruppe von jugendlichen Migranten, die es trotz ähnlicher Voraussetzungen und Marginalisierungserfahrungen geschafft haben, einen anderen als den aufgezeigten Weg einzuschlagen, hätte möglicherweise den Blick öffnen können, sei es weil alternative Männlichkeitskonstruktionen sichtbar geworden wären, sei es, weil bisher ausgeblendete Rahmenbedingungen, die (möglicherweise) zu einem anderen Verlauf geführt haben, thematisiert worden wären. [39]

Anmerkungen

1) Tatsächlich sind es meist männliche Jugendliche, die im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. <zurück>

2) Während Hellfelddaten wie die Polizeiliche Kriminalstatistik tatsächlich einen deutlichen Anstieg der Jugendgewalt nachweisen, trifft dies für viele Dunkelfelduntersuchungen, die sich auf die selbst berichtete Delinquenz von Jugendlichen stützen, nicht zu (vgl. z.B. BAIER 2008). Der registrierte Anstieg der Jugendgewalt könnte also auch einer gestiegenen Sensibilisierung und einem veränderten Anzeigeverhalten geschuldet sein. <zurück>

Literatur

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Baier, Dirk (2008). Entwicklung der Jugenddelinquenz und ausgewählter Bedingungsfaktoren seit 1998 in den Städten Hannover, München, Stuttgart und Schwäbisch-Gmünd. KFN-Forschungsbericht, Nr. 104. Hannover: KFN.

Bukow, Wolf-Dietrich & Llaryora, Roberto (1988). Mitbürger aus der Fremde. Soziogenese ethnischer Minderheiten. Opladen: Westdeutscher Verlag.

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Zur Autorin

Julia SIMONSON, Dr. rer pol., Dipl.-Soz., arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen (KFN). Aktuelle Forschungsinteressen sind: Delinquentes und gewalttätiges Verhalten von Kindern und Jugendlichen, soziale Integration und Exklusion, Kriminalitätsfurcht und -wahrnehmung, Strafvollzugsforschung, Methoden der empirischen Sozialforschung. In FQS findet sich eine weitere Besprechung von Julia SIMONSON zu Latinas in Deutschland. Eine ethnologische Studie zu Migration, Fremdheit und Identität (GRUNER-DOMIĆ 2005).

Kontakt:

Dr. Julia Simonson

Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)
Lützerodestr. 9
D-30161 Hannover

Tel.: 0511-348 36 32
Fax: 0511-348 36 10

E-Mail: simonson@kfn.uni-hannover.de
URL: http://www.kfn.de/

Zitation

Simonson, Julia (2008). Rezension zu: Susanne Spindler (2006). Corpus delicti. Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung im Alltag jugendlicher Migranten [39 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(2), Art. 10, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0802103.



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