Volumen 9, No. 3, Art. 1 – September 2008

Rezension:

Jo Reichertz

Rafael Behr (2006). Polizeikultur. Routinen – Rituale – Reflexionen. Bausteine zu einer Theorie der Praxis der Polizei. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 211 Seiten, ISBN 978-3-531-14584-6, 24,90 Euro

Zusammenfassung: Das Buch gibt einen Einblick in aktuelle Entwicklungen der Kultur der Polizei. Dabei argumentiert BEHR, und das ist sinnvoll, nicht aus der Sicht der Polizeiführung, sondern aus der Sicht der Polizistinnen und Polizisten, die ihre Arbeit zusammen mit ihren Kollegen/Kolleginnen zu tun haben. Die genaue Lektüre des Buches von Rafael BEHR zeigt jedoch, dass der Autor sein Ziel, einen Baustein für eine Theorie der Praxis der Polizei zu liefern, nicht erreicht. Gründe für das Scheitern sind: BEHR legt weder eine eigene empirische Studie vor, noch hat er die wissenschaftliche Literatur systematisch genutzt. Stattdessen trägt er vor allem persönliche Eindrücke und Wertungen vor, die sich empirisch nicht decken lassen. Zudem weist die Darstellung eine Reihe formaler Schwächen auf.

Keywords: Polizeiforschung; Polizeikultur

Inhaltsverzeichnis

1. Was ist die Rahmung des Buches?

2. Was sind die Fragen des Buches?

3. Für wen ist das Buch geschrieben?

4. Was ist die Grundlage des Buches?

5. Was ist der Inhalt des Buches?

6. Was sind die (neuen) Ergebnisse?

7. Kritik

7.1 Zentrale Begriffe sind unterbestimmt

7.2 Der Gebrauch von Sprache hätte mehr Sorgfalt verdient

7.3 Über den Umgang mit den Schultern von Riesen

7.4 Der rote Faden fehlt

7.5 Zentrale Fehlbestimmung

8. Fazit

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Was ist die Rahmung des Buches?

Manche Bücher kann man leicht besprechen: das sind vor allem die Bücher, die eine These vortragen bzw. eine Frage klären wollen und im Verlauf des Buches den Weg zur Verifikation der These bzw. zur Beantwortung der Frage Schritt für Schritt abarbeiten. Das beinhaltet: die zentralen Begriffe werden geklärt, deren Bedeutung bleibt im Verlauf der Argumentation gleich; es werden bestimmte Methoden ausgewählt, deren Auswahl wird begründet und auch deren Anwendung erläutert und plausibel gemacht. Schlussendlich findet sich dann eine Antwort, die aufgrund der Lektüre des Buches nachvollziehbar ist – oder auch nicht. [1]

Im ersten wie im zweiten Falle ist dann eine Besprechung sehr einfach, weil alles klar ist. Zugegeben: eine solche Gliederung ist der Ausnahmefall und wenn überhaupt, trifft man sie nur bei Monografien und nicht bei Sammelbänden oder Aufsatzsammlungen an. [2]

Rafael BEHRs neues Buch, das Nachfolgebuch des im Jahr 2000 erschienen Cop Culture, will mit dem Titel Polizeikultur. Routinen – Rituale – Reflexionen aber weder eine Monografie noch ein Sammelband noch eine Aufsatzsammlung sein, sondern ein "wissenschaftliches Lesebuch" (S.11). Zur Erinnerung: Lesebücher kamen im Mittelalter auf, dienten dann bis in die Jugendtage der deutschen Republik der normkonformen schulischen Sozialisation und enthielten moralisch und politisch korrekte Beispielgeschichten. Meist waren diese auswendig zu lernen. [3]

Über die Entstehung des Buches erfahren die Lesenden von dem ehemaligen Polizisten, der jetzt am Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung in Hamburg arbeitet (http://www.rafael-behr.de/ bzw. http://www.isip.uni-hamburg.de/05%20Mitarbeiter/rb.htm), noch Folgendes: "Nach dem Erscheinen von Cop Culture habe ich viele Anregungen bekommen, die eine Fortschreibung dieses Themas möglich, aber auch nötig gemacht haben. Es sind mehrere Aufsätze entstanden, die diesem Band das Gerüst geben" (S.11). Da der Band keinen Verwendungsnachweis enthält, bleibt leider unklar, welche Arbeiten von BEHR das sind und in welchem Kontext sie wann entstanden. [4]

2. Was sind die Fragen des Buches?

Rafael BEHR hat sich in seinem Buch eine Reihe von Fragen gestellt. Einige davon sind:

"Wie entwickelt sich Polizeikultur angesichts zunehmender Internationalisierung von Polizeiarbeit? Wohin entwickelt sich die Organisation? Wird sie militärischer oder ziviler? Wie verändert sich die berufliche Identität von Polizisten im Prozess fortschreitender Individualisierung? Wie wirken sich die zunehmenden Auslandseinsätze unter UN-Mandat auf die Polizeikultur aus? Welche Kultur der Polizei hilft den Beamten, ihren Dienst jeden Tag wieder gut und gern zu machen?" (S.11). [5]

Das "Anliegen" des vorgelegten Buches ist allerdings nicht nur die Beantwortung dieser Fragen, sondern (und hier verweist er explizit auf BOURDIEU) "zu einer Theorie der Praxis der Polizei einen Baustein zu liefern" (S.14). [6]

3. Für wen ist das Buch geschrieben?

Und für wen ist das Buch geschrieben? Auch hier äußert sich BEHR dezidiert:

"Erstens für die vielen Männer und Frauen in der Polizei, die offene Fragen (manchmal auch Zweifel) an ihren [Fehler im Original, J.R.] Beruf haben, und die ich als 'reflektierte Praktiker' bezeichnen möchte. Zweitens für diejenigen, die ein Interesse an der Polizei und/oder am Polizieren haben. Aber auch für Angehörige von Polizisten und Polizistinnen, für interessierte Laien, Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen, für Lehrende innerhalb und außerhalb der Polizei. Schließlich auch für die Organisationstheoretiker, -berater und -entwickler, die Sinn für die Verbindung von ethnographischer und struktureller Perspektive haben" (S.15). [7]

Schon wenn man das alles liest und ernst nimmt, fragt man sich, wie der Verfasser das alles umsetzen will: nicht nur die Fülle der teils recht komplexen Fragen zu beantworten, sondern auch, wie er daraus eine Theorie der Praxis im Sinne BOURDIEUs entwickeln will. Und man fragt sich, wie er das auch für die "Angehörige[n] von Polizisten und Polizistinnen, für interessierte Laien, Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen" aufbereiten will. Zudem ist unklar, weshalb BEHR nur für die "reflektierten Praktiker" schreiben will und nicht für alle Polizisten. [8]

4. Was ist die Grundlage des Buches?

Was ist die Grundlage der von BEHR mit seinem Buch angestrebten Theorie der Praxis? Ganz offensichtlich keine eigene empirische Studie oder die Aufarbeitung und Bewertung der entsprechenden Fachliteratur. Denn:

"Es liegt ihm [dem Buch – J.R.] keine abgeschlossene, eigene Untersuchung zugrunde, sondern die Summe meiner bisherigen Erfahrungen und Beobachtungen bei der Polizei und im Umgang mit Polizisten und Polizistinnen. Es sind darin einige Vorträge eingegangen und meine Erfahrungen in zahlreichen Supervisionsprozessen und Fortbildungsveranstaltungen mit Polizeiangehörigen" (S.11). [9]

Und: "Im Moment erlebe ich die deutsche Polizei wieder neu und damit sind neue Themen verbunden" (ebd.). Schon hier wird deutlich, was später noch sehr viel klarer wird: BEHR nimmt seine persönlichen Erfahrungen, sein Erleben polizeilicher Praxis als Fundament für seine Arbeit an der Theorie. Das kann man tun, aber es ist auch sehr gefahrvoll. [10]

5. Was ist der Inhalt des Buches?

Rafael BEHR hat sein "wissenschaftliches Lesebuch" in vier Abschnitte unterteilt. Jedes Kapitel ist etwa 50 Seiten lang und enthält teils tief gestaffelte Unterpunkte, die jedoch nur sehr locker miteinander gekoppelt sind. Letzteres ist der Grund dafür, dass es nicht so einfach ist, eine knappe Übersicht über die Inhalte des Buches zu geben. [11]

Das erste Kapitel Kultur und Polizei – Begegnungen am Rande endet mit der Bestimmung BEHRs, Polizeikultur sei "ein Bündel von Wertbezügen, die als transzendentaler Rahmen das Alltagshandeln von Polizeibeamten ermöglichen, begrenzen und anleiten" (S.48). Diese Wertbezüge gäben, so BEHR weiter, "darüber Auskunft, in welchen Situationen welche Werte und Tugenden in welchem Ausmaß Geltung erlangen [...] und auch darüber, wann und in welchem Ausmaß Gewalt angewendet werden muss, soll oder darf" (ebd.). Weil diese Bestimmung BEHR wichtig ist, hat er sie in ein grau unterlegtes Kästchen gesetzt. Auf weitere graue Kästchen hat er dann aber im Weiteren verzichtet. [12]

Der argumentative Gang zu dieser Definition von Polizeikultur verläuft in etwa so: Am Anfang stehen zwei Druckseiten zur (nationalen wie internationalen) Polizeiforschung. Der Befund ist: Zumindest in Deutschland ist die Polizeikultur weitgehend unbekanntes Terrain. Erste Bestimmungen der Polizeikultur folgen: So sei sie nicht "monolithisch" (S.20), sondern vielfältig, auch könne sie aus der Sicht der Organisationsliteratur betrachtet werden und Polizeiethik gehöre auf jeden Fall dazu.

"Ethik ist eine für das polizeiliche Selbstverständnis notwendige Grundlagenwissenschaft, sie beschäftigt [Auslassung im Original – J.R.] mit den Prämissen polizeilicher Gewaltanwendung, also mit dem Zentrum der Polizei, nicht mit der Peripherie. Auch die Kultur der Polizei sollte an diesem zentralen Thema ansetzen, ansonsten würde sie tatsächlich zur Folklore" (S.25). [13]

Dann zeichnet BEHR wichtige Stationen auf dem Weg zur gegenwärtigen Polizeikultur nach. Beginn seiner Wegbeschreibung ist das Jahr 1972. Erste wichtige Station auf diesem Weg: der Zugang der Frauen zum Polizeiberuf. "Die Veränderungen, die mit dem Eintritt von Frauen für das Bild und das Klima der Organisation verbunden waren, kann [Fehler im Original – J.R.] nicht hoch genug eingeschätzt werden" (S.26). Dann führten wegweisende höchstrichterliche Urteile zum Demonstrationsrecht, zum neuen Nachdenken über die Rolle der Polizei, "Diskussionen mit Demonstranten, insbesondere mit denen aus der Friedensbewegung" (S.29), stimulierten "Veränderungen hinsichtlich der Selbstdefinition vieler Polizisten" (ebd.), die erstarkende Polizeiforschung sorgte dafür, dass der crime fighter zurückgedrängt und dass community policing wichtiger wurde. Hinzu kamen ein Generationswechsel und neue politische Konstellationen: Die Grünen sorgten für eine bessere Ausbildung und die "Statusanhebung des Polizeiberufs" (S.30), was auch eine zweigeteilte Laufbahn und eine Veränderung der Rekrutierungspolitik zur Folge hatte. Manager tauchten verstärkt in der Polizei auf, was die "Kluft zwischen Überbau und Basis" (ebd.) größer werden ließ. Zudem wurden neue Fallbearbeitungsverfahren, neue Arbeitszeitmodelle und neue Steuerungsmodelle eingeführt. Und dann musste die Polizei seit 1989 zunehmend Peacekeeping-Aufgaben im Ausland übernehmen. Zudem: Ab 1993 war es möglich, ausländische Bewerber und Bewerberinnen in den Polizeidienst aufzunehmen. All dies sind Faktoren, die sich auf die heutige Polizeikultur ausgewirkt haben. Aber:

"Welche Wirkung die einzelnen Gesichtspunkte nun genau für die Organisationsveränderung erzielen, ist m.E. gar nicht exakt zu messen. Wichtig ist allerdings, dass man nicht einzelne Faktoren sieht (und im schlimmsten Fall gegeneinander ausspielt), sondern das Zusammenspiel aller Aspekte. Es ist eben das Konglomerat, das die Analyse so schwer macht" (S.33). [14]

Es folgt nun bei BEHR eine grundsätzliche Kritik der von der Polizeiführung mit Top-down-Strategien verordneten Leitbilder der modernen Polizei. Diese seien "Wunschbilder" (S.37) und ersetzten "keine Theorie der polizeilichen Praxis" (ebd.), aber sie zeigten auch "den Kommunikationsbedarf der Polizei auf" (S.38). Dennoch hält BEHR die Leitbilder für "produktiv" (S.39). Gegen die Leitbilder, so BEHR im nächsten Argumentationsschritt, "setzt sich Cop Culture ab" (ebd.). Diese sei "ethnozentrisch", "androzentrisch" und "institutionspatriotisch" (S.40f.). Cop Culture sei, hier greift BEHR noch einmal sein altes Buch auf, Polizistenkultur. Dann stellt er ohne jede Ankündigung oder Hinführung den "Schutzmann" vor.

"Im Idealtypus des 'Schutzmanns' amalgamieren sozusagen Polizeikultur und Cop Culture. Ich sehe diesen Typus auch im Zentrum einer zivilgesellschaftlichen 'Bürgerpolizei', obwohl oder gerade weil er nur für den Alltag taugt, nicht für die prekären Großereignisse" (S.42). "Das Geschlecht des Schutzmanns ist immer noch männlich, es kommen aber mehr und mehr 'Schutzfrauen' in die Nähe dieses Idealtypus. Beide beziehen sich affirmativ auf den Schutz der (mehr oder weniger konkreten) Gemeinde. [...] Er kümmert sich nicht in erster Linie um seine Karriere, sondern sucht nach sozialer Geborgenheit. Er ist der etwas biedere, auf jeden Fall unprätentiöse Teil der Polizei. Er setzt sich von der harten Männlichkeit des street cops dadurch ab, als für ihn der Auftrag als Friedensstifter in Alltagssituationen wichtig ist" (S.42f.). [15]

Der Schutzmann sei nicht nur ein Mann, der schütze, sondern mit seiner "Nischen-Männlichkeit" habe er einen sicheren Platz in der Organisation und sei deshalb auch ein geschützter Mann (vgl. S.46). [16]

Nach diesen Vorarbeiten kommt BEHR dann dazu, Polizeikultur neu zu definieren. Hier nimmt er eine sehr starke, von der Sache her nicht zu rechtfertigende Engführung vor. Denn für ihn ist das Besondere am neuen Verständnis von Polizeikultur, dass "die Gewaltanwendung als das zentrale Erkennungsmerkmal der Polizei" (S.47) anerkannt wird. "Akzeptiert man die Gewaltanwendung als das zentrale Erkennungsmerkmal der Polizei, dann stellt sich die Frage, welche Deutungs- und Orientierungsangebote sie den Mitgliedern für diese Tätigkeit anbietet, d.h. wie die Gewalt kulturell gerahmt wird" (ebd.). Dann folgt das oben schon eingeführte Kästchen in grau und die Bestimmung der Polizeikultur als "Bündel" von Wertbezügen. [17]

Im zweiten Kapitel, überschrieben mit Routinen – Struktur- und Normenambivalenz der Polizei, will BEHR deutlich machen, "dass Normenentwicklung und Normanwendung der Polizei historisch, funktional und organisationskulturell bedingt ist [Fehler im Original – J.R.]" (S.51). Um diesem Ziel nahezukommen, referiert BEHR auf drei Seiten sein Wissen, wie es in der Zeit vom 14. Jahrhundert bis heute zur Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols gekommen sein soll – Ausführungen, das sei hier schon gesagt, die auch mit großem Bemühen nicht nachvollziehbar sind. [18]

Dann beschreibt BEHR, dass die Polizei zunehmend diejenigen Einsatzfelder verlässt,

"die ihr weder Reputation noch anderweitigen öffentlichen Erfolg versprechen, sondern die lediglich Kräfte binden. Stattdessen definiert sie Bereiche, die als echte Polizeiarbeit betrachtet werden, die etwas mit Kriminalitätsbekämpfung oder mindestens mit Sicherheitsgewährleistung zu tun haben, und die gesellschaftlich anerkannt sind" (S.68). [19]

All dies seien Hinweise darauf, dass fundamentale Veränderungen des polizeilichen Selbstbildes stattgefunden haben. Zu diesen Veränderungen zählt BEHR: die vermehrten Polizeieinsätze unter UN-Mandat, die Verstärkung der technologiegestützten Informationsverarbeitung, den mit dem Demonstrationswesen einhergehenden "polizeilichen Einsatztourismus" (S.58), die Umbenennung des Bundesgrenzschutzes in Bundespolizei, die Teilnahme an diversen runden Tischen, Ordnungspartnerschaften und Präventionsräten, die "immer stärker voranschreitende Verzahnung von Schutz- und Kriminalpolizei" (S.59), die Umformung von städtischen Ordnungsämtern zu Stadtpolizeien, die Laisierung und Deprofessionalisierung der Polizeiarbeit und nicht zuletzt die Kommerzialisierung von Sicherheit und Ordnung durch private Sicherheitsdienste. Bei letzteren fragt er sich, ob es sich um Konkurrenten oder Vigilanten handelt. Und:

"Darüber hinaus tragen sie für mein Verständnis vornehmlich dazu bei, dass sich, gemeinsam mit der Heranziehung von Laien für das öffentliche Aufpassen, eine neue Gruppe von Vigilanten herausbildet, die, sozusagen im Schatten des Leviathan, die Polizei herbei rufen können, wann immer sie es für nötig halten" (S.66). [20]

All dies hat, so BEHR, zu tief greifenden Veränderungen des polizeilichen Selbstverständnisses geführt. So tendiere "das Selbstverständnis der Polizei deutlich in Richtung Bürgerschutz-Polizei" (S.68), und sie habe sich "mehr und mehr das Image einer Dienstleistungsagentur für Innere Sicherheit" (ebd.) gegeben. Zudem sei ein Verlust traditioneller Rollenbilder zu verzeichnen. Für die Inszenierung einer "harten Polizeimännlichkeit" (S.71) und für "aggressive Männlichkeitsinszenierungen" (S.72) sei in der Polizei immer weniger Platz. Smart-Policing, also der Versuch "Kontrolle und Repression mit Service und Anteilnahme zu integrieren" (S.69), und Zero-Tolerance stünden unverbunden nebeneinander. [21]

Es folgt nun, etwas unvermittelt, ein längeres Kapitel zur Strukturlogik des polizeilichen Übergriffs. BEHRs These: Übergriffe seien weder Ausdruck "individueller Pathologie" (S.81), noch zeigten sie sich als "strukturell verankerte monströse Gewalthandlungen, sondern als Bestandteil einer subkutanen, gleichwohl subkulturell legitimierten Alltagspraxis" (S.90). All dies habe allerdings nichts mit dem oft und zu Unrecht beschworenen "Korpsgeist" zu tun: Statt den Korpsgeist anzuklagen, sollte man auf die Vielzahl konkurrierender Subsysteme achten, "die eines je eigenen Statusmanagements bedürfen und die partikulare Loyalitätsbezüge ermöglichen und erfordern" (S.99). Das Korpsgeist-Modell sei

"empirisch nicht haltbar. Stattdessen wäre auf die vielfachen partikularen Loyalitätsbezüge zu achten, die milieuspezifisch, regional begrenzt und statusabhängig sind. Man sollte jedes Mal wieder genau nach den tatsächlichen situativen Kontexten solcher Loyalitätsbindungen fragen. Koordinaten dazu gibt es genügend: Geschlecht, Alter, Sexualität, Religion, Prestige/sozialer Status, Raum/Ort, Zeit, Ethnie" (S.99). [22]

Im dritten Kapitel Rituale – Kulturerfahrungen im Organisationsalltag setzt sich BEHR etwas mit der Mannigfaltigkeit der Organisation "Polizei" auseinander, die durchaus Spannungen und Disparitäten erzeugen kann. Er nennt diese Mannigfaltigkeit auch "Differenzen" und entdeckt dann vier zentrale Differenzen: die Generation, das Geschlecht, die Ethnie und die Funktion (vgl. S.101). Diese Differenzen ordnet BEHR dem Rubrum "Rituale" unter. Der Grund hierfür: "Ich habe diese Differenzmerkmale unter dem Stichwort 'Rituale' angeordnet, weil ich glaube, dass die Antwort der Praktiker auf die vielen strukturellen Disparitäten der Organisation in der Tat im Ritual zu suchen ist" (ebd.). [23]

BEHR berichtet, dass es auch bei der Polizei einen Generationskonflikt gebe, dass Jugendliche "gleichermaßen notwendig und gefährlich" (S.104) seien, weshalb sie in der Polizei "gezügelt und kontrolliert werden" (ebd.) müssten. Dies gelinge "hauptsächlich über die Technik der Disziplin(ierung)" (ebd.). Die Sensiblen schieden aus, andere würden wegen Leistungsmängeln entlassen, und Nonkonformisten werde das Gehen nahe gelegt (ebd.). [24]

Als die Frauen Ende der 1970er Jahre in den Polizeidienst aufgenommen wurden, sei es, so BEHR, zu einem "Betroffenheitsdiskurs" gekommen: "Hier klagen (sich) Männer und Frauen ihr Leid und das jeweils andere Geschlecht an, dass entweder etwas verloren geht (so die männlichen Schwerpunkte) oder man sich nicht ernst genommen fühlt (so der Tenor der betroffenen Frauen[beauftragten])" (S.105). Mittlerweile sei es, obwohl es noch keine theoretisch befriedigende Forschung darüber gebe, anders: Es gebe "zunehmend auch weibliche Vorgesetzte, die etabliert und anerkannt" (S.106) seien, und insgesamt könne man "von einem höheren Maß an Normalisierung sprechen" (S.108). Allerdings hätten die Frauen (und hier folgt BEHR einer These von Carol GILLIGAN) wegen ihrer Eigenschaft, eher auf "Rücksichtnahme und Hilfeleistung" zu setzen "und nicht auf Gerechtigkeit" (S.109), die Polizei tief greifend verändert. Sie hätten neue "Diskurse ermöglicht und erzwungen" (S.134) und seien deshalb wegen ihrer stärkeren "diskursiven Bedeutung" (S.114) ganz wesentlich für die Umstellung der Policing-Strategien von Gerechtigkeitsüberwachung auf Fürsorge verantwortlich. Allerdings sei die Fürsorge oft repressiv, was sich vor allem bei der Behandlung von Jugendlichen durch die Polizei zeige. [25]

Zum dritten Differenzmerkmal, nämlich der "Ethnie", merkt BEHR an: "Bis zum Jahre 1973 war der Vollzug des Gewaltmonopols nur deutschen Staatsbürgern vorbehalten. Die Fronten waren bis dahin klar getrennt. Wenn die Polizei mit Migranten zu tun hatte, dann auf der Klientenseite" (S.124). Im Jahr 1993 habe sich das verändert. Vor allem mit dem Ziel, das kulturelle Spezialwissen von Migranten (und Migranntinnen) zu Ermittlungszwecken zu nutzen, habe man begonnen, Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft in die Polizei aufzunehmen. Da aber die "derzeitige Einstellungspraxis der Polizei die Gruppe der nichtdeutschen Bewerber strukturell" (S.127) benachteiligt, habe man die gewünschte Quotierung von zehn Prozent bislang nirgends erreichen können. Tatsächlich bewege sich "der Anteil der Polizisten ohne deutsche Staatsbürgerschaft immer noch zwischen Null und einem Prozent" (S.124). Es folgt eine grundlagentheoretische Auseinandersetzung mit dem Konzept des Fremden bei Alfred SCHÜTZ. [26]

Mit einem umfangreichen und engagierten Bericht über die Arbeit der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (kurz: BFE) beendet BEHR unter dem Titel Funktionale Subkulturen das dritte Kapitel: In der BFE finde sich (noch) die "Krieger-Mentalität" (S.137), hier seien die Besten und die Leistungsfähigsten der Polizei zu finden, sie seien gut ausgerüstet, verfügten über Privilegien, seien autonomer, seien stark und erfahren, cool, kampfbereit, motiviert und diszipliniert. Kurz: "Sie inszenieren Cop Culture in Reinformat" (S.142). Deshalb seien sie auch der organisatorische Ort für die Identifikationswünsche vieler street cops oder anders gesagt: Wenn man den metaphysischen Kern der Cop Culture sucht, sollte man BFE-Einheiten analysieren" (S.134). Ein guter Nebeneffekt solcher Spezialgruppen sei eine geringere Übergriffsrate. Denn: "Es ist mir jedenfalls nicht bekannt, das gut ausgebildete, wertgeschätzte und gut begleitete Organisationseinheiten besonders zu desaströsen Entgleisungen neigen" (S.147). [27]

Da wegen der in den vorangegangenen Kapiteln gezeigten Vielfalt der real existierenden Kulturen innerhalb der Polizei nicht von einer Polizeikultur gesprochen werden könne, versucht sich BEHR im letzten Kapitel Reflexionen – Nachdenken über die Polizei an einer Neubestimmung von Polizeikultur, die der diagnostizierten Mannigfaltigkeit gerecht wird. Diese wiederholt dann auf Seite 181 wortwörtlich das, was bereits zu Beginn auf Seite 48 geschrieben wurde – allerdings jetzt ohne grau unterlegtes Kästchen. Zuvor klagt BEHR darüber, dass in der Polizei Konflikte und Probleme nicht institutionell bearbeitet würden, sondern individuell gelöst werden müssten. [28]

Dann wendet er sich der Reflexivität in Organisationen zu. Unter dieser Überschrift fragt er sich, ob die Polizei auf dem Weg zu einer Profession sei. Da professionalisierte Berufe in der Ausbildung und auch in der Berufsausübung über einen hohen Grad an Autonomie verfügten, kommt BEHR zu einem abschlägigen Bescheid. Den Polizeiberuf zu einer "Profession zu machen, würde dem grundlegenden Interesse einer demokratisch legitimierten (und prinzipiell kontrollierbaren und kontrollierten) Institution des Gewaltmonopols erheblich widersprechen" (S.156). Vor allem wegen des exklusiven Berufszugangs sieht BEHR auch nicht die Bedingungen für eine Semi-Profession erfüllt. Insofern "spreche ich von der Polizei auch nach wie vor von einer bürokratischen Organisation, nicht von einer Profession oder Semi-Profession" (S.158). [29]

Einen festen Ort zur Selbstreflexion gebe es innerhalb der Polizei nicht – lediglich manchmal kleine "Reflexions-Inseln" (S.160) wie z.B. das Supervisionsprojekt bei der Hessischen Polizei, an dem BEHR offensichtlich von 2002 bis 2004 teilgenommen hat. Seine Erfahrungen mit der Supervision der Polizei waren eher enttäuschend: Bei der Schutzpolizei funktionierte sie nur eingeschränkt, bei der Kriminalpolizei nur, wenn es um Arbeit ging. Allein von der Leitung wurde Supervision gut angenommen. BEHR schildert eine Reihe von Gründen, weshalb die Supervision bei der Polizei so schwierig war. Einer der Gründe:

"Polizisten fällt das Reden über Gefühle schwer, schwerer zumindest als Sozialarbeitern, und es bedarf einiger Geduld, einiger Übung und günstiger Umstände, um diese Haltung aufzulockern. Die Konfrontation von Polizisten mit einem Reflexionsinstrument, das aus der sozialen Arbeit stammt, und in dem Kritikfähigkeit und Rollendistanz eine wesentliche Rolle spielen, scheint mir mit der polizeilichen Erfahrung nicht ohne weiteres kompatibel zu sein" (S.171). [30]

Es folgt dann eine weitere Klage über den "Wertkonservatismus" (S.174) bei der Polizei und die Forderung, die Polizei solle in Zukunft die Vielfalt der Kulturen als "Wettbewerbsfaktor" (S.175) begreifen. Es dürfe innerhalb der Polizei nicht mehr die Dominanz einer Kultur geben, sondern es gelte, Diversity zu managen. Für ein echtes Diversity-Management, das versucht, "eine produktive Gesamtatmosphäre im Unternehmen zu erreichen, Diskriminierungen von Minderheiten zu verhindern und die Chancengleichheit zu verbessern" (S.176), sieht BEHR jedoch in der Polizei wenig Zukunftschancen. Assimilation an die dominante Polizeikultur hält er für unabdingbar. Seine Begründung:

"Ich würde von der Aufgabenstellung der Polizei her argumentieren, die gegenüber dem Souverän in erster Linie mit einem hohen Maß an Berechenbarkeit, Homogenität und Einigkeit aufzutreten hat, nicht mit Vielfalt. Das 'Produkt' der Polizei muss eben, im Unterschied zu Autos, für alle Bürger gleich angemessen seien. In der Polizei müssen viele Bedienstete zur gleichen oder einer ähnlichen Entscheidung kommen, wenn sie dem selben Sachverhalt begegnen" (S.178). [31]

Dann formuliert BEHR explizit Normen, die er "polizeiliche Tugenden" (S.181) nennt.

"Polizeiliche Tugenden haben sich verändert und verändern sich gerade weiter. Sie bestehen nicht mehr oder nicht mehr ausschließlich aus Nichteinmischung oder Sekundärtugenden, sondern zunehmend aus Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen (Empathie), Spannungs- und Interessenausgleich, Balance zwischen divergierenden Interessen (Ambiguitätstoleranz), Engagement für den jeweils Unterlegenen, und sogar ab und zu Parteilichkeit" (S.181). [32]

Und weiter heißt es zu den Tugenden: "Ich halte insbesondere die Kardinaltugenden Tapferkeit, Gerechtigkeit, Weisheit für wichtige polizeiliche Tugenden, die während der Ausbildung und im Berufsalltag stärker gefördert werden sollten. Sie kollidieren notwendigerweise mit den Sekundärtugenden des 'homo buerokraticus'" (S.184). [33]

Die Zukunft der Polizeikultur möchte er mit dem Begriff "Institutioneller Patriotismus" oder "Institutionspatriotismus" belegen. Der Institutionspatriotismus ist nach BEHR eine "Haltung", "die sich mit einem gewissen Maß an Leidenschaft (also mit intellektueller und emotionaler Energie) einem Wertesystem verschreibt, das von definierten gesellschaftlichen Institutionen vertreten wird" (S.185). Die Position des Institutionspatriotismus lehnt Diversity-Management ab, sie will auch nicht eine multikulturelle Organisation, "weil ihr Auftrag darin besteht, aus einer Vielfalt an Haltungen, Einstellungen, Rechtsempfinden etc. etwas aushaltbar und berechenbar Homogenes (Rechtsstaatliches) zu machen. Ich gehe deshalb von einer assimilationsmächtigen Organisationskultur weiter aus" (S.186). Für diesen Institutionspatriotismus formuliert BEHR dann (in der Wir-Form) 45 konkrete Prinzipien. Beispiele hierfür:

"Wir sind stolz darauf, Polizisten zu sein. [...] Wir definieren uns als Spezialisten für die Pazifizierung der Gesellschaft. [...] Wir achten auf unser Erscheinungsbild. [...] Wir sind da, wenn andere noch nach ihrer Zuständigkeit suchen. [...] Wir lassen uns emphatisch auf unsere Klienten ein, verbünden uns aber nicht mit ihnen. [...] Wir wissen, dass wir die einzigen sind, die rechtmäßig Gewalt ausüben dürfen. Wir betrachten uns als Experten für den staatlichen Gewalteinsatz. [...] Wir verhalten uns so, dass wir moralisch nicht auf einer Stufe mit unserem Gegner stehen" (S.189ff.). [34]

Das Buch endet mit drei Druckseiten, auf denen die "Bausteine einer Theorie der Praxis der Polizei" (S.191) zu finden sind. Zu diesen Bausteinen gehören auch drei "erkenntnistheoretische Eckpfeiler" (S.192). Danach muss man sich "von der Vorstellung verabschieden, Organisationsentwicklung sei rational, steuerbar, planbar, [Fehler im Original – J.R.] und konsensfähig zu bewerkstelligen" (ebd.). Wirklichkeit, so weiter im Text, sei sozial konstruiert, weshalb auch "Ordnung und vorgefundene Bedeutung" erklärungsbedürftig seien, nicht aber Unordnung und Unverständlichkeit" (S.193). Theorie dürfe auch nicht als Gegenteil der Praxis verstanden werden, sondern eine Handlungslehre sei zu etablieren, "die das vorhandene Handlungswissen systematisiert und weiterentwickelt" (ebd.). Den Abschluss des Buches bildet die These, dass es einer Polizeikulturforschung "vornehmlich um das Warum des Organisationshandelns" (ebd.) gehe – eine These, die (wie viele andere) angesichts der übrigen von BEHR vorgetragenen Thesen nur schwer zu verstehen ist. [35]

6. Was sind die (neuen) Ergebnisse?

Rafael BEHR kommt in seinem Buch nicht wirklich zu Ergebnissen, sondern seine Betrachtungen der Polizeikultur versuchen immer wieder, einige seiner eigenen Thesen zu plausibilisieren. Hier die wichtigsten Thesen von BEHR:

  • "Ausgangspunkt für ein neues [Kursivierung von mir – J.R.] Verständnis von Polizeikultur ist die Orientierung am Kern der Polizeiaufgabe, nämlich die [Fehler im Original – J.R.] Gewaltanwendung". Dies wird in ähnlichen Formulierungen mehrmals vorgetragen (vgl. auch Fußnote auf S.81) und ist so etwas wie die Hauptthese des Buches von BEHR.

  • "Während der berufskulturelle Bezug von Polizisten früher vor allem auf Distanz und die Verteidigung und Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols gerichtet war, bestimmen heute vermehrt Kategorien der individuellen Konfliktschlichtung und einer Einzelfallberücksichtigung den offiziellen Diskurs der Polizei" (S.112). An "die Stelle der distanzierten Gerechtigkeitsüberwachung tritt nun eine engagierte Fürsorge" (S.160). Den Grund für diese Umstellung von Gerechtigkeit auf Fürsorge sieht BEHR in der zunehmenden Präsenz von Frauen im Polizeidienst (vgl. S.114). Aber:

"Hier wäre der Hinweis angebracht, dass der Paradigmenwechsel von der Gerechtigkeitsüberwachung zur Fürsorge nicht vollständig identisch ist mit dem Wechsel von einem männlichen in einen weiblichen Modus, sondern dass es tatsächlich auch eine männliche (genauer: 'väterliche') Ausformung von Fürsorge gibt" (S.116).

  • Eine weitere These von BEHR ist, dass die Polizei sich zu einer "Dienstleistungsagentur" (S.68) entwickelt habe. Aber:

"Während das Leitungspersonal in der Polizei sich auf die Umstellung rascher einstellen konnte, weil sie intensiver in die Veränderungsdiskurse (z.B. an der PFA1)) eingebunden sind, entstand für die Exekutivebene eine Verstehenslücke. Deshalb lösen Innovations- und Veränderungsprozesse bei den Praktikern (besonders bei den sogenannten Street Cops bzw. bei denjenigen, die sich selbst affirmativ als Schutzleute bezeichnen) häufig Abwehr und Insuffizienzgefühle aus" (S.69).

  • In Bezug auf das Management von kultureller Varianz in Organisationen vertritt BEHR folgende These: "Die Diskurse und die Problemlösungskompetenz verändern sich in der Organisation positiv, wenn sie aus einer größeren kulturellen Varianz heraus geführt werden, als von einer homologen Grundlage aus" (S.133). Andererseits hält er die Assimilation der Migranten/Migrantinnen an die dominante Polizeikultur für unabdingbar.

  • "Einer Polizeikulturforschung im engeren Sinne geht es vornehmlich um das Warum des Organisationshandelns sowie um die Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen, der wechselseitigen Beeinflussung von Institution, Organisation, Umwelt, Mitarbeitern. Ihr Gegenstand wäre zunächst das Benennen und Problematisieren der Randbedingungen polizeilicher Arbeit. Zu ihnen gehört [Fehler im Original – J.R.] sicher das Recht und die Fixierung der Polizei auf das Recht. Zu ihnen gehört auch das Wissen um die Genese sozialer und/oder psychischer Konflikte, inklusive der möglichen Interventionsmöglichkeiten. Dazu gehören auch die Entstehungsbedingungen von Subkulturen, deren Wirkung und Funktion im Gesamtgefüge der Polizei" (S.193f.). "Es wären die Theorien der Praktiker zu untersuchen, die in der praktischen Auseinandersetzung mit einem Problem entstehen und die fortlaufend abstrakte Beschreibungen und theoretische Annahmen zu diesem Problemkreis generieren. Nicht notwendig sind dies 'wissenschaftliche Theorien'. Das Praxiswissen ist im Gegensatz zum wissenschaftliche [Fehler im Original, J.R.] Wissen – nicht oder nur sporadisch verschriftlicht. Die Erforschung des Handlungswissens der Männer und Frauen in der Polizei, also das Sammeln und Systematisieren ihrer Alltagstheorien oder besser: ihrer Theorien über den Alltag, wäre der Weg zur Theorie der Praxis der Polizei" (S.194). [36]

7. Kritik

7.1 Zentrale Begriffe sind unterbestimmt

Sehr misslich an dem Buch von BEHR ist, dass viele, für die Argumentation zentrale Begriffe nicht hinreichend umgrenzt werden – so zum Beispiel die Begriffe "Kultur", "Ritual", "Institution", "Routine" und "Reflexion". Die wenigen Ausführungen zu diesen wichtigen Begriffen verwirren mehr, als dass sie klären. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen. [37]

Auf den Begriff Ritual geht BEHR an zwei Stellen ein: in der Einleitung und im Kapitel 3, dem BEHR die Überschrift Rituale – Kulturerfahrungen im Organisationsalltag gegeben hat. In der Einleitung bestimmt er auf acht Textzeilen mit einem ganz allgemeinen Verweis auf "Schäfer (1998)" Folgendes: "Rituale beschreiben im ursprünglichen Sinn kontingenzverringernde und damit entscheidungsentlastende Handlungsgewohnheiten, die zur Ermöglichung von (existentiellen Übergängen) kulturell verankert sind" (S.13). Will man nun wissen, wer diese (so nicht zutreffende) Aussage verantwortet, dann stößt man im Literaturverzeichnis auf die Angabe: "Schäfer, A. (Hrsg.) (1998) Rituale und Ritualisierungen. Opladen" (S.208)." Die Lesenden dürfte nun nicht nur irritieren, dass sie nicht wissen, welcher der Autoren des Sammelbandes für die Bestimmung des Begriffs Ritual verantwortlich zeichnet, sie müssen zusätzlich irritiert sein, weil der Band nicht von Alfred SCHÄFER allein, sondern auch von Michael WIMMER mit herausgegeben ist. Später, nämlich in seiner Einleitung zum Kapitel Rituale, geht BEHR noch einmal kurz (in drei Textzeilen) auf die Funktion von Ritualen ein. Er schreibt: "Es bilden sich Symboliken, Mythen und Rituale im Alltag der Organisation heraus, die auf die Überkomplexität des modernen Lebens eine aushaltbare Antwort geben" (S.101). Auch bei dieser verkürzten Darstellung verweist er auf eine Quelle; dieses Mal auf "Bauer u.a. 1999" (S.101), einmal mehr ohne Seitenangabe. Im Literaturverzeichnis findet sich dann folgender Verweis: "Bauer, A./M. Grohs-Schulz, M. (1999): Symbole, Mythen, Rituale, in: Forum Supervision, H. 13, Tübingen (S.195)." Recherchiert man selbst die Quelle, findet man dann auch den richtigen Titel und die Seitenzahl. Es muss nämlich heißen: Bauer, A./Grohs-Schulz, M. (1999): Symbole – Mythen – Rituale. Zugänge zum Unbewußten der Organisation und in der Organisation, in: Forum Supervision, Heft 13, S.5-25. Weiteres zum Ritual sucht man im Buch von BEHR vergeblich. Eine Auseinandersetzung mit der vielschichtigen Fachliteratur findet noch nicht einmal in Ansätzen statt. Der Begriff taucht einfach nicht mehr auf. Dies kann schwerlich eine Reflexion und eine Bestimmung und natürlich noch weniger eine angemessene Nutzung des Ritualbegriffs genannt werden. Weshalb BEHR den Begriff überhaupt einführt, bleibt im Dunkeln. [38]

Der Begriff der Kultur als zweites Beispiel für den sehr irritierenden Umgang mit Begriffen wird zwar von BEHR sehr häufig benutzt, findet aber keine Klärung. Das ist für ein Buch, das sich selbst den Titel Polizeikultur gibt, beachtlich. Allein in einer Fußnote geht er auf diesen Umstand ein, erklärt seine Unterlassung damit, dass er dies, nämlich die Klärung des Kulturbegriffs, bereits in seinem Buch Cop Culture geleistet habe (S.17). Dort findet sich eine fünfzehnzeilige Behandlung des Kulturbegriffs, wobei BEHR Hans-Georg SOEFFNER zu diesem Thema zitiert (BEHR 2000, S.227). In der bereits angesprochenen Fußnote der Polizeikultur wiederholt BEHR das Zitat von SOEFFNER (1988) und schreibt: "Hier nur ein Schlagwort dazu: bei Soeffner (1988, 12) ist Kultur '... jener Bedeutungsrahmen, in dem Ereignisse, Dinge, Handlungen, Motive, Institutionen und gesellschaftliche Prozesse dem Verstehen zugänglich, verständlich beschreibbar und darstellbar sind'. Diesem Begriffsverständnis", so BEHR weiter, "schließe ich mich an" (S.17). [39]

Von dieser Absicht findet sich allerdings wenig, wenn man liest, was BEHR unter Polizeikultur versteht. Dort heißt es:

"Polizeikultur ist ein Bündel von Wertbezügen, die als transzendentaler Rahmen das Alltagshandeln von Polizeibeamten ermöglichen, begrenzen und anleiten. Wertbezüge geben darüber Auskunft, in welchen Situationen welche Werte und Tugenden in welchem Ausmaß Geltung erlangen (z.B. Selbstdisziplin, Tapferkeit, Loyalität, Zivilcourage) und auch darüber, wann und in welchem Ausmaß Gewalt angewendet werden muss, soll oder darf" (S.48). [40]

Diese Definition wird später identisch wiederholt (S.181), und man sollte annehmen, dass der Verfasser die Worte einer grundlegenden Definition mit Sorgfalt ausgewählt hat. [41]

Nun hat BEHR nicht nur die Metaphorik von SOEFFNER wesentlich geändert (nicht mehr "Rahmen", sondern "Bündel"), sondern auch die Bestimmung: Kultur ist demnach nicht mehr etwas, durch das (gesellschaftliche) Prozesse dem Verstehen zugänglich gemacht werden, sondern BEHR setzt Kultur mit einem Bündel von Wertbezügen gleich, was ganz sicher eine massive Einengung darstellt und nicht mit der Umgrenzung von SOEFFNER in Einklang zu bringen ist. Mir ist auch keine andere Definition von Kultur bekannt, die eine solche Verkürzung vornehmen würde. Von Bündeln wissen wir nur, dass sie aus einer kleineren Anzahl isolierter Einheiten des Gleichen bestehen, die zu bestimmten Zwecken (z.B. besserem Transport oder höherer Bruchfestigkeit) zu einem Bündel zusammengefasst oder zusammengebunden werden. Eine (neue) Einheit entsteht auf diese Weise nicht. Weshalb diese Metapher für die Polizeikultur brauchbar sein soll, ist mir ein Rätsel. [42]

Ebenso ist mir ein Rätsel, weshalb die Wertbezüge einen "transzendentalen Rahmen" abgeben können. Meint BEHR wirklich "transzendental" im erkenntnistheoretischen, auf KANT zurückgehenden Sinne von "Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis"? Wahrscheinlich meint er "transzendent", im Sinne von etwas, was jenseits der Grenze des Erfahrbaren, also im (göttlichen) Jenseits, angesiedelt ist. Aber sicher kann man sich nicht sein – auch nicht darüber, was unter "Alltagshandeln von Polizeibeamten" zu verstehen ist – das private oder das berufliche. [43]

7.2 Der Gebrauch von Sprache hätte mehr Sorgfalt verdient

Rafael BEHR gibt sich wenig Mühe (das geht schon aus dem eben Dargelegten hervor), den rechten Ausdruck oder gar die passende Metapher zu finden. Vieles wirkt schnell und sorglos niedergeschrieben – auch oft ohne das Rechtschreibprogramm zu befragen. Besonders dicht ist die Menge der Unklarheiten in den ersten zwölf Zeilen des Kapitels 1.6. Hier stellt er in einer fett gesetzten Überschrift erst den "Schutzmann als Prototyp des reflektierten Praktikers" (S.42) vor. Fünf Zeilen später spricht er nicht mehr vom Prototyp, sondern mit explizitem Hinweis auf WEBER vom "Idealtyp" – Begriffe also, die noch nicht einmal annäherungsweise das Gleiche bedeuten. Der "reflektierte Praktiker", so BEHR weiter, hat einen "genuinen Bezug in der lokalen (Wohn-) Gemeinde" (S.42) und "sucht nach sozialer Geborgenheit" (S.43). Mir als Leser war dabei unklar, wie man einen genuinen Bezug in einer Gemeinde haben kann, auch, weshalb hier von einer Gemeinde die Rede ist, und ich wusste auch nicht, ob der Schutzmann danach trachtet, anderen Geborgenheit zu vermitteln oder ob er selbst Geborgenheit sucht – wie es der Text vermittelt. Und dann schließt sich die Frage an, was oder wen BEHR unter "reflektierten Praktikern" versteht: Ist es der sein eigenes Tun reflektierende Praktiker, oder der, dessen Praxis von anderen reflektiert wird. Gemeint ist von BEHR wohl der reflektierende und nicht der reflektierte Praktiker (bzw. die reflektierende Praktikerin). Aber wenn dem so ist, dann bleibt immer noch offen, ob dieser Praktiker/dies Praktikerin sich selbst (also die eigene Identität, die eigene Biografie) reflektiert oder das eigene berufliche Tun, dessen Formen, Lasten und Herausforderungen, also ob er/sie auf den beruflichen oder privaten Alltag zielt. [44]

Bei manchen Formulierungen von BEHR wird mir als Leser geradezu schwindelig. Beispielhaft hierfür: "Man kann durchaus sagen, dass der 'Schutzmann' erfolgreich zwischen Cop Culture und Polizeikultur vermittelt bzw. den gemeinsamen Nenner zwischen beiden am besten auslotet" (S.46f.). Schwindel verursachte nicht nur die Vorstellung, wie ein Senkblei bei der Errechnung des gemeinsamen Nenners helfen kann, sondern auch die Frage, wie der Schutzmann zwischen Cop Culture und Polizeikultur vermitteln kann. [45]

Und hier findet sich noch eine Merkwürdigkeit bei der Argumentation von BEHR: Immer wieder versucht er sich in der Paraphrasierung von Argumenten mit einem "bzw." (siehe oben). Was dann aber folgt ist keine Paraphrase, sondern ein ganz neues Argument. So ist es gewiss ein Unterschied, ob jemand zwischen Positionen vermittelt oder ob er nach einem gemeinsamen Nenner sucht. Letzteres ist nämlich eine Reflexionsstufe höher angesiedelt. [46]

Zu den merkwürdigen Argumentationsmustern zählt auch die Praktik, Sätze so aneinanderzureihen, als folgte das Spätere aus dem Früheren – was aber bei BEHR oft nicht der Fall ist. So kommt BEHR in seiner Abrechnung mit dem Diversity-Management auch auf die Leistung der Institution "Polizei" für ihre Mitglieder zu sprechen. Dabei entfaltet er folgenden Argumentationsgang, der mich (bleibe ich ihm Satz für Satz auf der Spur) am Ende ratlos hinterlässt:

"Dabei berücksichtigt die Institution die besonderen Lebenslagen der Mitglieder, ohne sie auf diese Lebenslagen zu fixieren. Berufstätige Mütter brauchen einen oder mehrere Kindergartenplätze in der Nähe der Dienststelle, und es wäre töricht, daraus das allgemeine Recht auf einen Kindergartenplatz abzuleiten [Fehler im Original] zu wollen" (S.188). [47]

Was meint BEHR hier nur und weshalb ist etwas "töricht" und vor allem: für wen? [48]

Ein weiteres Beispiel für den sorglosen Umgang mit Sprache: Im Zusammenhang mit der Zurückweisung der Angemessenheit des Begriffs "Korpsgeist" schreibt BEHR: "Es gibt ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl in der Polizei, das man als konzentrischen Kreis sehen kann, wobei das Gemeinschaftsgefühl innen am größten ist und nach außen abnimmt" (S.98). Erst einmal will BEHR wohl die Metapher der "konzentrischen Kreise" einführen (im Singular gibt es sie nicht), aber wenn man sich einmal auf das Bild einlässt, dann fragt sich, was mit dem Satz gemeint sein könnte. Gibt es etwa einen innersten Kern in der Polizei und darum gruppiert andere Akteure, die sich immer weiter von diesem Kern entfernen? Was ist dann aber das Zentrum und was die Peripherie der Polizei? [49]

Aber BEHR hat ganz offensichtlich nicht nur ein Problem mit Metaphern, sondern auch eins mit dem Begriff "Metapher" – was folgende Textstelle belegt: "Soziale Kompetenz", so BEHR über die "Führenden" der Polizei, "war anfänglich nur ein Schlagwort. Mittlerweile, so scheint mir, füllen viele Personalverantwortliche diese Metapher aus, es wird mindestens an veränderten Kommunikationsformen gearbeitet" (S.181). Weder ist "Soziale Kompetenz" eine Metapher, noch kann man diese ausfüllen. [50]

7.3 Über den Umgang mit den Schultern von Riesen

An mehreren Stellen des Buches geht BEHR, wenn auch immer sehr kurz, auf die Literatur zu Polizeiforschung und Polizeikultur ein. Sein Befund ist stets eindeutig: Die Polizeiforschung – und hier insbesondere die deutsche – hat wenig zu sagen und ist weitgehend stumm. So schreibt BEHR in seiner Rekonstruktion der "Stationen der Entwicklung von Polizeikultur", dass der von ihm "skizzierte komplexe Transformationsprozess der Polizei fast theorie- bzw. wissenschaftsfrei stattgefunden hat" (S.35). Und er präzisiert: "Zumindest sind mir [Kursivierung von mir – J.R.] keine wissenschaftlichen Studien bekannt, die einen Reformprozess initiiert oder umfassend begleitet oder evaluiert hätten" (S.35f.). Ein Blick in die entsprechende Fachliteratur, die es in der Tat und reichlich gibt, hätte weiter geholfen und ihn vor einem solchen Urteil bewahrt. [51]

Verstreut im Buch finden sich Hinweise auf eine kleine Gruppe sozialwissenschaftlicher Klassiker. So werden z.B. ETZIONI, BECK, BOURDIEU, WEBER, SCHÜTZ sowie BERGER und LUCKMANN genannt. Meist verbleibt es allerdings bei allgemeinen Literaturverweisen, ohne dass die Ansätze für eine Theorie der Praxis der Polizei genutzt werden. Und ob BOURDIEU in der Tat mit seiner Theorie der Praxis das Gleiche vorhat wie BEHR, er ihn also zu Recht für sich reklamieren darf, bleibt unerörtert. Die Schriften von FOUCAULT zur Gouvernementalité und dem Wandel der Kulturen des Polizierens, also Arbeiten, die zu dem Thema von BEHR Beachtliches zu sagen haben, bleiben unerwähnt. [52]

Wie eigenwillig BEHR mit den berühmten Schultern von Riesen umgeht wird aber besonders deutlich, wenn man seine Ausführungen zum Thema Frauen in der Polizei liest. Ausgangspunkt für BEHR ist der Satz von Seyla BENHABIB: "Frauen sehen Unterschiede, wo man bisher vor allem Gleichheit sah" (S.108). "Der Satz", so lässt uns BEHR wissen, "hat mich inspiriert, einige neue Fragen an die Polizei zu stellen, denn die Kategorie Geschlecht wird in der deutschen Polizeiforschung noch wenig thematisiert" (ebd.). Dann referiert BEHR (a) explizit Carol GILLIGANs Kritik an der Arbeit von PIAGET zur Moralentwicklung von Kindern und stellt (b) deren These vor, nach der Frauen häufiger als Männer auf Rücksichtnahme und Hilfeleistung setzten, die Frauen also ihr Handeln mehr an der Fürsorge und die Männer mehr an der Gerechtigkeit ausrichteten. Allerdings tut dies BEHR, ohne auf eine Schrift von GILLIGAN selbst zu verweisen. Stattdessen bezieht BEHR sein Wissen aus einer Einführung von Detlef GARZ zu KOHLBERG. Aber auch das Buch von GARZ wird nicht im Original zitiert, sondern nach einem Überblicksbuch von Detlef HORSTER (Weibliche Moral – ein Mythos? Frankfurt am Main 1998). Wegen dieses Verzichts darauf, sich selbst von den Dingen zu überzeugen und stattdessen auf die Interpretation anderer zu vertrauen, entgeht es BEHR, dass zum einen Carol GILLIGAN etwas anderes unter "Fürsorgemoral" und "Gerechtigkeitsmoral" versteht als BEHR ihr zuschreibt (siehe GILIGAN 1983, S.140f), und dass zum anderen GILLIGAN selbst ihre These von der prinzipiellen Differenz von weiblicher und männlicher Moral zurückgenommen hat (siehe GILLIGAN 1991). [53]

Weiter schreibt BEHR, dass "Getrud [Fehler im Original – J.R.] Nunner-Winkler" die These von GILLIGAN zwar entschieden und mit guten Gründen kritisiert hat (im Übrigen ohne Verweis auf eine Arbeit von NUNNER-WINKLER), doch das lässt ihn von seinem Glauben an spezifisch weibliche Eigenschaften nicht Abstand nehmen. So schreibt er: "Trotz der berechtigten Einwände gegenüber der individuellen moralischen Disposition scheint mir die Übertragung auf einen institutionellen Kontext nützlich zu sein" (S.111). Ja, wenn die Einwände berechtigt sind, weshalb hält er dann an seiner alten Auffassung fest? Der Leser und die Leserin sind sprachlos. [54]

7.4 Der rote Faden fehlt

Was dem Buch völlig fehlt, das ist ein roter Faden. Man findet ihn weder bei der Betrachtung der Gesamtanlage des Buches, noch bei der Lektüre der einzelnen Kapitel. Überleitungen fehlen fast durchgängig oder sie sind vordergründig, da sie sich nicht mit dem nachfolgenden Text decken. Gleiches gilt für Überschriften – oft kommt nicht das, was sie ankündigen (besonders augenfällig im Ritualkapitel). [55]

Getreu der eigenen Vorgabe, ein wissenschaftliches Lesebuch schreiben zu wollen, werden Arbeitspapiere, Unterrichtsvorbereitungen, Notizen und Aufsatzteile ohne Übergang und ohne Erläuterung in eine Reihenfolge gebracht, deren Logik zu erschließen mich als Leser verzweifeln ließ. Die Argumentation von BEHR springt oft hin und her: Mal wird auf einen bestimmten Gegenstand fokussiert, dann wieder ganz allgemein daher geplaudert, und immer wieder kommen persönliche Erinnerungen, Eindrücke, Anekdoten und Bewertungen, die daran erinnern (sollen), dass BEHR selbst viele Jahre im Polizeidienst verbracht hat und den Kolleginnen und Kollegen dort draußen in der Praxis immer noch verbunden ist. Normative Aussagen, alltagsweltliche Meinungen, Deskriptionen und Analysen verrührt er zu einer Melange, und ich wusste beim Lesen meist nicht so recht, was ich von dieser Mischung halten sollte. [56]

Die Qualität der einzelnen Kapitel variiert teils erheblich. Manche Teile sind durchdacht und strukturiert, bei anderen hätte ich mir mehr begriffliche Klarheit und ein Lektorat gewünscht. All dies, aber auch die immer wieder auftauchenden Rechtschreibfehler und der für wissenschaftliche Publikationen nicht akzeptable Umgang mit Zitaten, ärgert gelegentlich beim Lesen, es mit ein wenig mehr Mühe zu korrigieren gewesen wären. [57]

7.5 Zentrale Fehlbestimmung

Über viele Aussagen in BEHRs Buch kann man streiten – auch weil oft Normatives und so wenig Analytisches vorgetragen wird. Was das Streiten allerdings erschwert oder aber beflügelt (je nach Sicht der Dinge) ist der Umstand, dass BEHR häufiger mit den Lesenden Hase und Igel spielt: An unterschiedlichen Stellen des Buchs vertritt er unterschiedliche Ansichten – weshalb man nie so recht weiß, was BEHR denn nun wirklich vertritt und was man ernst nehmen soll: Mal bewundert er unverhohlen die martialische Männlichkeit der Cop Culture, mal lobt er die Bescheidenheit des Schutzmannes (das ist der, der den gemeinsamen Nenner auslotet). Mal reklamiert er, dass Polizisten und Polizistinnen nach professionellen Standards handeln, mal bestreitet er vehement gerade dieses. Mal diagnostiziert BEHR, dass die Polizei auf Fürsorge umstelle, mal attestiert er ihr, Dienstleistungsunternehmen geworden zu sein. Mal findet er multikulturelle Zusammenarbeit gut, mal darf es in der Polizei diese nicht geben. Mal polemisiert er wortreich gegen eine top-down vorgegebene Leitkultur der Polizei, um dann später genau dies selbst zu tun. Kaum glaubte ich zu wissen, wo BEHR ist, dann war er schon irgendwo anders. [58]

Von dem, was BEHR sonst zur Sache vorträgt, ist einiges verkürzt oder schief (das war oben schon ausgeführt), manches unrichtig, so z.B. die mehrfach vorgetragene Behauptung, die Polizei habe das Gewaltmonopol. Wenn überhaupt, dann reserviert der Staat das Gewaltmonopol für sich – allerdings lässt er dies von Militär und Polizei exekutieren. Neuerdings gibt es auch Tendenzen, das Recht auf Ausübung von (legitimer) Gewalt auch an private Sicherheitsunternehmen zu geben, die militärische oder polizeiliche Aufgaben ausüben. [59]

Gleiches gilt für die Behauptungen, dass (a) innerhalb der polizeilichen Arbeit an die "Stelle der distanzierten Gerechtigkeitsüberwachung eine engagierte Fürsorge" (S.160) getreten sei und dass (b) diese Entwicklung sich ursächlich aus der (neuen) Macht der Frauen in der Polizei ergebe. Für diese Thesen gibt es keine wissenschaftlich fundierten Belege. Weder gibt es eine Erklärungen dafür, wie die Frauen im Polizeidienst eine solche tief greifende Veränderung herbeigeführt haben könnten, noch gibt es Studien, die eine solche Veränderung tatsächlich feststellen würden. Die neuen Arbeiten zur aktuellen Sicherheitspolitik der Polizei weisen nämlich eine völlig andere Tendenz auf: Demnach vertrauen Polizei und Justiz immer weniger auf Fürsorge oder Resozialisation. Und es gibt ernst zu nehmende Hinweise, dass der Staat sich gerade in den neuen Konzepten sogar von der Idee der Fürsorge verabschiedet hat und stattdessen auf Abschreckung und Wegsperren setzt. Selbst BEHR liefert in seinem Buch viele Belege gegen seine These von der Umstellung von einer Gerechtigkeitsüberwachung zur Fürsorge (vgl. S.68ff.). [60]

Unrichtig scheint mir auch die zentrale Aussage des Buches von BEHR zu sein. Das Besondere am neuen Verständnis von Polizeikultur ist nämlich für ihn, dass "die Gewaltanwendung als das zentrale Erkennungsmerkmal der Polizei" (S.47) anerkannt wird. "Akzeptiert man die Gewaltanwendung als das zentrale Erkennungsmerkmal der Polizei, dann stellt sich die Frage, welche Deutungs- und Orientierungsangebote sie den Mitgliedern für diese Tätigkeit anbietet, d.h. wie die Gewalt kulturell gerahmt wird" (S.47). Polizeiliche Gewaltanwendung gehört für ihn zum Zentrum der Polizei (S.25), nicht zur Peripherie.2) [61]

Ohne Zweifel ist es richtig, dass in vielen Bereichen der Polizeiarbeit Gewalt vorkommt. In einigen Bereichen trifft man auf sie (z.B. bei Mordermittlungen), in anderen Bereichen ist man genötigt, sich ihr zu stellen und/oder sie selbst auszuüben (z.B. bei Demonstrationen, Verhaftungen, Geiselnahmen und Waffeneinsatz). Manche Einheiten der Polizei haben eher selten Kontakt mit der Gewalt (Diebstahl, Betrug, Verwaltung), andere Einheiten öfter (MEKs, SEKs, BFE). Aber das zentrale Merkmal zur Bestimmung einer Organisationskultur ist immer die Aufgabe, die Funktion einer Organisation, nicht die Mittel, mit denen u.a. auch die Bewältigung der Aufgabe angegangen wird. Gewaltanwendung war nicht und ist nicht der "Kern der Polizeiarbeit". Sie ist auch nicht deren neuer Kern. Gewaltanwendung war und ist nur ein Mittel unter vielen, das Polizisten und Polizistinnen beim Polizieren einsetzen. Sie ist nicht das erste Mittel und nicht das wichtigste. Es ist das letzte Mittel, wenn alle andere Mittel (Hinweisen, Bitten, Informieren, Beraten, Erklären, Belehren, Androhen, Warnen etc.) nutzlos sind. [62]

8. Fazit

Ausgangspunkte von Rafael BEHRs Buch über die Polizeikultur sind sein früheres Buch (Cop Culture), die Reaktionen darauf, seine alte These von der Differenz von Polizei- und Polizistenkultur, seine Sicht der Welt, seine Erfahrungen und sein Erleben. Daten hat er weder selbst erhoben noch bei anderen gesucht. Die Fachliteratur hat er zu großen Teilen nicht zur Kenntnis genommen. Insofern handelt es sich bei dem vorgelegten Buch um ein Dokument der Selbstreferentialität. Statt Datenbezug oder kritischer Reflexion bilden bei BEHR vor allem sein "Glaube", seine "Inspiration", seine "Skepsis", seine "Befürchtungen" und seine "Ansichten" das Fundament der Argumentation, die explizit auch zum Ziel hat, die Kultur der deutschen Polizei nachhaltig und nachdrücklich zu verändern. Deshalb ist das Buch von BEHR ein sehr "persönliches Buch" – nicht weil er uns Privates von seiner Person berichtet (das tut er in keiner Zeile), sondern weil er all das, was er vorträgt, allein mit seiner Person verbürgt. Das kann man ohne Zweifel tun, doch man darf sich dann nicht wundern, wenn andere daran zweifeln, dass dies etwas mit Wissenschaft zu tun hat. [63]

Bausteine zu einer Theorie der Praxis der Polizei erlangt man auf diese Weise nicht. Denn Rafael BEHR liefert gerade nicht einen informierten Blick von oben über die "Berge und Täler" der von ihm untersuchten beruflichen Praxis der Polizisten und Polizistinnen in Deutschland und der entsprechenden wissenschaftlichen Debatte, sondern er liefert (wenn man in der Landschaftsmetaphorik verbleibt) den Lesenden einen Blick, der fest und unverrückbar auf das eigene (enge) Tal mit seinen Besonderheiten gerichtet ist und von dem die Blickenden glauben, dass es sich um die ganze Welt handelt. Auch dies kann man tun, aber dann hat man kein Lehrbuch, sondern ein Lesebuch geschrieben – was Rafael BEHR ja auch ausdrücklich wollte. Deshalb ist es als Grundlage für die Lehre nicht geeignet, höchstens als Gegenstand. [64]

Anmerkungen

1) PFA = Polizeiführungsakademie, Münster <zurück>

2) MEK = Mobiles Einsatzkommando; SEK = Sondereinsatzkommando; BEF = Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit <zurück>

Literatur

Behr, Rafael (2000). Cop Culture – Der Alltag des Gewaltmonopols. Männlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei. Opladen: Leske + Budrich.

Gilligan, Carol (1983). Verantwortung für die anderen und für sich selbst – das moralische Bewusstsein von Frauen. In Günter Schreiner (Hrsg.), Moralische Entwicklung und Erziehung (S.133-174). Braunschweig: Agentur Pedersen.

Gilligan, Carol (1991). Moralische Orientierung und moralische Entwicklung. In Gertrud Nunner-Winkler (Hrsg.), Weibliche Moral (S.79-100). Frankfurt am Main: Campus.

Soeffner, Hans-Georg (1988). Kulturmythos und kulturelle Realität(en). In Hans-Georg Soeffner, Kultur und Alltag (S.3-20). Göttingen: Schwarz Verlag.

Zum Autor

Jo REICHERTZ, Jahrgang 1949, Studium der Germanistik, Mathematik, Soziologie und Kommunikationswissenschaft. Promotion zur Entwicklung der "Objektiven Hermeneutik", Habilitation mit einer soziologischen Feldstudie zur Arbeit der Kriminalpolizei; seit 1993 Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen – zuständig für die Bereiche "Strategische Kommunikation", "Qualitative Methoden", "Kommunikation in Institutionen", und "Neue Medien". Arbeitsschwerpunkte: qualitative Sozialforschung, wissenssoziologische Text- und Bildhermeneutik, Kultursoziologie, Religionssoziologie, Medienanalyse, Mediennutzung, empirische Polizeiforschung, Werbe- und Unternehmenskommunikation.

Kontakt:

Prof. Dr. Jo Reichertz

Fachbereich Geisteswissenschaften
Universität Duisburg-Essen
Universitätsstraße 12

D-45141 Essen

Tel.: 0201 183 – 2810

E-Mail: jo.reichertz@uni-due.de
URL: http://www.uni-essen.de/kowi/reichertz/

Zitation

Reichertz, Jo (2008). Rezension zu: Rafael Behr (2006). Polizeikultur. Routinen – Rituale – Reflexionen. Bausteine zu einer Theorie der Praxis der Polizei [64 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(3), Art. 1, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs080315.



Copyright (c) 1970 Jo Reichertz

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