Volume 6, No. 2, Art. 25 – Mai 2005

Rezension:

Claudia Dreke

Sylka Scholz (2004). Männlichkeit erzählen. Lebensgeschichtliche Identitätskonstruktionen ostdeutscher Männer. Münster: Westfälisches Dampfboot, 311 Seiten, ISBN 3-89691-569-X, EUR 24,90

Zusammenfassung: Die Autorin Sylka SCHOLZ analysiert auf der Grundlage lebensgeschichtlicher Interviews, wie ostdeutsche Männer die Transformation des Erwerbssystems nach dem Zusammenbruch der DDR verarbeiten. Ihr Interesse richtet sich auf drei komplexe Forschungsfragen, die sie im Laufe ihrer Untersuchung weiter ausdifferenziert. Erstens: Wie (re-) konstruieren die Männer ihre Identität? Männlichkeit betrachtet sie dabei als einen zentralen Konstruktionsmodus von Identität. Zweitens: Welche Bedeutung haben Interviewende und deren Geschlecht als "Co-Produzenten" des Interviews in diesem Prozess? In diesem Zusammenhang hinterfragt sie die Methode des narrativen Interviews kritisch als eine soziale Praxis der Konstruktion von Biographie, Identität und Geschlecht und untersucht die Bedeutung des oder der Interviewenden in diesem Prozess. Drittens: Inwiefern lassen sich individuelle und gesellschaftliche Veränderungsprozesse von Männlichkeitskonstruktionen zeigen, die unter den spezifischen Bedingungen in der DDR entstanden sind? Hier nimmt sie die Verarbeitungen der Ambivalenzen und Widersprüche aus der staatlich forcierten Gleichberechtigung der Geschlechter durch die interviewten Männer in den Blick. Mit ihrer Untersuchung verortet sie sich im Kontext einer sozialkonstruktivistisch orientierten Biographieforschung, in der (geschlechtersensiblen) Transformationsforschung nach 1989 sowie in der Geschlechter- bzw. Männlichkeitsforschung.

Keywords: Biographieforschung, narratives Interview, Geschlechterverhältnisse, Männlichkeitskonstruktion, Identität

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zentrale Begriffe: Hegemoniale Männlichkeit(en) und männliche Hegemonie

3. Methodisches Vorgehen: (Re- ) Konstruktionen männlicher Identitäten aus narrativen Interviews

4. Zentrale Kategorien von Männlichkeit: Erwerbsarbeit, Armeezeit und der "blinde Fleck" Familie

5. "Doing Gender" in der Interviewsituation

6. Männlichkeitskonstruktionen in der DDR und Ostdeutschland

7. Fazit

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Konservativ und rückständig seien sie, die ostdeutschen Männer, viel mehr noch als der konservativste Geschlechtsgenosse im Westen, oder aber mehrheitlich Wendeverlierer, mit einer Bierbüchse in der Hand Trost in der "Imbissbudengemeinschaft" suchend – so die Annahmen des westdeutschen Männerforscher HOLLSTEIN (1992, S.2) und des ostdeutschen Kulturwissenschaftlers KRACHT (1999, S.53) in den neunziger Jahren. Deren "pauschale Diagnosen" (S.9) sind der Autorin Sylka SCHOLZ in ihrer Untersuchung Ausgangspunkt und Distinktionskriterium zugleich. Sie interessiert sich für die Frage, "wie der Zusammenbruch des Erwerbssystems der DDR nach der politischen Wende 1989 sowie die zunehmende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in den neunziger Jahren von ostdeutschen Männern erfahren und bewältigt wurden" (S.9), und inwiefern Veränderungen im Erwerbssystem auch Folgen für individuelle Identitätskonstruktionen haben. Dabei geht sie von der Annahme aus, dass sich die Identität von Männern in modernen Gesellschaften vor allem über Erwerbsarbeit konstituiert – eine Annahme, die als Konsens in der Geschlechterforschung gilt. [1]

Die Annahme selbst war bisher jedoch kaum empirisch untersetzt. So betonen zwar z.B. BÖHNISCH und WINTER (1997) sowie KEUPP und Co-Autoren (2002) in eigenen Untersuchungen die Dominanz von Erwerbsarbeit im Sozialisationsprozess von Jugendlichen und in der Konstruktion biographischer Identität, betrachten sie jedoch nicht konsequent im Zusammenhang mit der Konstruktion geschlechtlicher Identität. WITZEL und KÜHN (1999) vermuten, dass Geschlecht – neben anderen sozialen Faktoren – Einfluss auf die Herausbildung und Ausgestaltung "berufsbiographischer Gestaltungsmodi" (WITZEL & KÜHN 1999, S.53) hat und verweisen zur Untersuchung dieser Vermutung auf künftige Analysen. Offen blieb in bisherigen Untersuchungen, worin genau nun die Bedeutung der Erwerbsarbeit für die Identitätskonstruktion(en) von Männern besteht bzw. inwiefern sich Zusammenhänge zur Konstruktion von Männlichkeit zeigen lassen. [2]

Auch die Frage nach der Verarbeitung der Transformationsprozesse in Ostdeutschland nach 1990 durch Männer ist bisher nicht untersucht worden. Entstanden sind im Rahmen der geschlechtersensiblen Transformationsforschung Forschungen darüber, wie ostdeutsche Frauen diesen Prozess verarbeitet haben (vgl. z.B. DIETZSCH & DÖLLING 1996, DÖLLING 2001, NICKEL 1997,1999, VÖLKER 1999, RABE-KLEBERG 1999). Hervorgehoben werden hier insbesondere die ungebrochene Erwerbshaltung ostdeutscher Frauen und die Selbstverständlichkeit, mit der sie sowohl Handlungsräume in der Erwerbsarbeit als auch in der Familie für sich einfordern. Dabei haben z.B. DIETZSCH und DÖLLING (1996) für ostdeutsche Frauen aus um und nach 1990 geschriebenen Tagebüchern selbstverständliche Wertorientierungen und Handlungsmuster ermittelt, die sich besonders auf eine ganztätige, qualifizierte Erwerbsarbeit beziehen, auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie eine tendenziell gleichberechtigte Partnerschaft. Als negativen Kontrast zur (positiven) Selbstbeschreibung konzipierten die Frauen ein spezifisches Bild der "Hausfrau". VÖLKER (1999) betont die Eigensinnigkeit ostdeutscher Frauen, die Erwerbsarbeit und Familie miteinander verbinden wollen und private Lebensinhalte und Berufsarbeit als ein Ziel sehen – in ihren Interviews mit ostdeutschen Frauen dient die Konstruktion der "Westfrau" als Negativfolie zur ostdeutsch-weiblichen Identität (a.a.O., S.208ff.). Für eine spezielle Berufsgruppe, die Kindergärtnerinnen bzw. Erzieherinnen, beschreibt RABE-KLEBERG (1999, S.101) eine "besonders hohe Erwerbsorientierung" und "eine tiefgehende berufliche Identifizierung" als Folge starker beruflicher Sozialisation vor allem vor 1990. – Mit ihrer Untersuchung versucht SCHOLZ diese Forschungslücke zu schließen. [3]

Für die Analyse sind insgesamt 27 Männer der Jahrgänge 1955 bis 1965, geboren und aufgewachsen in der DDR, gebeten worden, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie zeichnen sich durch unterschiedliche Erwerbsbiographien aus und haben verschiedene Ausbildungsgänge, von der Lehre bis zum Hochschulstudium, durchlaufen. Motiviert war diese Auswahl durch die Idee des "theoretischen Samples" (STRAUSS 1991). Geführt wurden die narrativen Interviews (sensu SCHÜTZE 1984) – und das wird sich für die Analyse im Laufe der Untersuchung als relevant herausstellen – durch unterschiedliche Interviewer bzw. Interviewerinnen, so auch durch Studentinnen und Studenten der Soziologie im Rahmen eines Lehrforschungsprojektes an der Universität Potsdam. [4]

Das Interesse von SCHOLZ richtet sich auf drei komplexe Forschungsfragen, die sie im Laufe ihrer Analyse weiter ausdifferenziert:

  • Wie wird Identität im Zusammenhang mit Geschlecht biographisch rekonstruiert?

  • Welche Bedeutung haben die Interviewenden in diesem Prozess?

  • Inwiefern lassen sich individuelle und gesellschaftliche Veränderungsprozesse von Männlichkeitskonstruktionen zeigen, die unter den spezifischen Bedingungen in der DDR bzw. in Ostdeutschland entstanden sind? (S.80) [5]

2. Zentrale Begriffe: Hegemoniale Männlichkeit(en) und männliche Hegemonie

Heuristisch liegt der Untersuchung von SCHOLZ ein Begriff von "Männlichkeit" zugrunde, mit dem sie sich in einer aktuellen Diskussion platziert, in der eher die Vielfalt von Männlichkeiten im Zusammenhang mit der gleichzeitigen Zugehörigkeit zu Klassen, sozialen Milieus oder Ethnien betont wird. Damit einher geht eine Distanzierung von Konzepten, die Männer – ganz im Sinne eines klassischen Patriarchatskonzeptes – als Akteure eines Unterdrückungssystems sehen, das sich gegen Frauen und Kinder richte, in einigen Konzepten auch gegen die Männer selbst. Kritisiert wird z.B., dass solcherart deterministische Konzepte die Vielfalt der Beziehungen, die Männer untereinander haben, nicht angemessen fassen kann (vgl. MEUSER 1998, S.96). Initial für diese Diskussion war das Konzept der "hegemonialen Männlichkeit" des australischen Soziologen CONNELL (1999), das wiederum auf Anregungen des für Klassenbeziehungen entwickelten Hegemoniekonzeptes des italienischen Politikers Antonio GRAMSCI zurück geht. Bei gleichzeitiger Betonung der Vielfalt stellt CONNELL die These auf, dass es in jeder Gesellschaft ein Männlichkeitsmuster als Resultat sozialer Kämpfe in spezifischen historischen Konstellationen gäbe, das eine besondere Vormachtstellung einnehme, und dem sowohl Weiblichkeit als auch alle anderen Formen von Männlichkeit untergeordnet seien. Dieses Konzept, als Teil einer umfassenderen "politischen Soziologie der Männer-Geschlechter-Verhältnisse" (CONNELL 1995, S.27) konzipiert, erfährt seit Mitte der neunziger Jahre eine sehr breite und eher zustimmende Rezeption. [6]

Auch SCHOLZ bezieht sich in ihrer Untersuchung auf CONNELLS Konzept der "Hegemonialen Männlichkeit", formuliert jedoch die These, dass "in einer Gesellschaft verschiedene hegemoniale Männlichkeiten miteinander konkurrieren" (S.36). Nicht eine, wie CONNELL auf den ersten Blick nahe zu legen scheint, substantiell beschreibbare "globale" oder "nationale" hegemoniale Männlichkeit ließe sich ausmachen, sondern unterschiedliche hegemoniale Männlichkeiten, die ihre Relevanz in spezifischen Kontexten gewännen. Als Beispiel führt sie das soziale Feld Wissenschaft an: Die "wissenschaftliche Persönlichkeit" könne ihren Vorrang nur für das Wissenschaftsfeld beanspruchen – in anderen sozialen Praxen (re-) produzierten sich andere hegemoniale Männlichkeiten. Diese kontextgebundenen Versionen hegemonialer Männlichkeit "konkurrieren miteinander und stehen innerhalb der Gesellschaft wiederum in einem hierarchischen Über- und Unterordnungsverhältnis, die insgesamt männliche Hegemonie produzieren" (S.46). Hegemoniale Männlichkeit sei daher als "hierarchischer Konstruktionsmodus" (S.47) zu verstehen. Mit dem Begriff "männliche Hegemonie", den SCHOLZ hier einführt, will sie sowohl an das Konzept der "hegemonialen Männlichkeit" von CONNELL und als auch an das BOURDIEUsche Konzept der "männlichen Herrschaft" (BOURDIEU 1997) anschließen. Die Konzepte sowie Bezüge zwischen ihnen stellt sie in Kapitel 2 ihrer Untersuchung vor, wobei BOURDIEU hier als eine Art Gegengewicht zu CONNELL eingeführt wird: Während CONNELL von einer prinzipiellen Überwindbarkeit männlicher Vorherrschaft ausgeht (wenn die Männer nur wollten), betont BOURDIEU eher die permanente, symbolisch vermittelte Reproduktion männlicher Herrschaft. [7]

3. Methodisches Vorgehen: (Re- ) Konstruktionen männlicher Identitäten aus narrativen Interviews

Ursprüngliche methodologische Grundlage ihrer Analyse, so stellt die Autorin bereits in der Einleitung dar, waren erzähltheoretische Prämissen des narrativen Interviews nach Fritz SCHÜTZE: Biographische Erzählungen – im Gegensatz zu Argumentationen oder Bewertungen – geben die Erfahrungen im Lebenslauf so wieder, wie sie erlebt worden sind, zudem verfüge jeder Mensch über die alltagsweltliche Kompetenz zum Erzählen – und wenn keine wohlgeformte Geschichte erzählt wird, liege dies vor allem an der Art der Interviewführung. Damit einher geht die Annahme SCHÜTZEs, dass ein Individuum in der Erzählung genau die Erfahrungen wiederhole, die für die Entwicklung seiner Identität zentral sind. [8]

Damit wären die überraschenden Beobachtungen, die SCHOLZ während des Analyseprozesses macht, höchstens im Hinblick auf mangelnde Kompetenzen der Interviewenden interpretationswürdig: Zum einen war auffällig, dass ein Teil der befragten Männer keine ausführliche, geschlossene Lebensgeschichte erzählte, zum anderen zeigte sich, dass (Ehe-) Beziehungen und Kinder in den Interviews erstaunlicherweise systematisch ausgeblendet blieben. [9]

Bei Kenntnis der vielstimmigen Methodenkritik am narrativen Interview sowie der oben erwähnten Bedeutung von Erwerbsarbeit für (männliche) Sozialisation und Identität erscheinen allerdings weniger die Befunde selbst vollkommen überraschend, als vielmehr deren Interpretation – darauf komme ich weiter unten zurück. Ihre Beobachtungen führen SCHOLZ, wie bereits andere Forschende vor ihr, zu kritischen Überlegungen im Zusammenhang mit der Methode des narrativen Interviews, die in eine grundsätzliche Kritik an der These der Homologie von Erzählung und Erfahrung (SCHÜTZE 1984) münden: Narrative Interviews müssten selbst als eine soziale Praxis der Konstruktion von Identität begriffen werden und damit sowohl der Interview-Situation als auch den Evaluationen der Interviewten größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. [10]

SCHOLZ schließt hier an Erkenntnisse aus anderen Untersuchungen an (vgl. z.B. MICHEL 1985; BUDE 1985; BOHNSACK 1993; SILL 1996). Zudem ordnet sie sich mit ihren kritischen Überlegungen zur Analyse lebensgeschichtlicher Interviews einer sozialkonstruktivistisch orientierten Biographieforschung zu, wie sie von FISCHER-ROSENTHAL (1992, 1996, 2000) und ROSENTHAL (1995), ALHEIT (1990) und DAUSIEN (1996, 1998) in der Soziologie vertreten wird, von BROCKMEIER (1999), BRUNER (1999), KRAUS (2000) sowie KEUPP u.a. (2002) in der narrativen Psychologie und der Sozialpsychologie und von JUREIT (1999) sowie TSCHUGNALL und GEULEN (2000) in der oral history. [11]

In ihren Analysen folgt SCHOLZ der Annahme, dass Individuen ihr Selbst (in der modernen Kultur der Zweigeschlechtlichkeit immer ein geschlechtliches Selbst) in Bezug zu anderen Individuen und zur sozialen Welt narrativ herstellen – eben rekonstruieren, wie sie betont. Dies erläutert sie in Kapitel 1 ihrer Arbeit und hebt dabei drei Aspekte hervor: Erstens stellt sie die Beziehung zwischen der Vorstrukturierung von Biographien einerseits – vor allem durch Institutionen des Lebenslaufs, das Geschlechterverhältnis, die sozioökonomische Lebenssituation sowie die Lage im Generationenverhältnis – und den eigensinnigen Verarbeitungen dieser Strukturen andererseits in den Vordergrund (S.21). Für wie bedeutsam die Autorin diese Vorstrukturierungen hält, zeigt sich z.B. auch daran, dass sie den Institutionen des Lebenslaufes, wie sie für die DDR und Ostdeutschland spezifisch waren, das ganze Kapitel 3 widmet. [12]

Zweitens betrachtet sie Geschlecht als "soziale Praxis und Resultat interaktiver Leistungen" (S.24) und damit als Konstruktion. Damit schließt sie zum einen an mikrosoziologische Perspektiven der Ethnomethodologie und des symbolischen Interaktionismus und an das darauf basierende Konzept des "Doing Gender" (HAGEMANN-WHITE 1984; GILDEMEISTER & GILDEMEISTER 1992) an. Geschlecht und die Identifikation im Geschlechtersystem sollen dabei als Rekonstruktionen von Geschichten analysiert werden (S.27). SCHOLZ verwendet hier den Begriff "doing biography", um der Spezifik des "Mediums Lebensgeschichte" gerecht zu werden. Diese Spezifik bestehe darin, dass sie von einem aktuellen Standpunkt erzählt wird, sich an Regeln des Erzählens (z.B. der "wohlgeformten Geschichte") orientiert, Diskurselemente – so eben auch Elemente des Geschlechterdiskurses – aufnimmt und verarbeitet, und in einer spezifischen Situation erzählt wird – dies ist der dritte Aspekt, den sie genauer untersucht. [13]

Während sie die Auseinandersetzung in Kapitel 4 eher auf einer erzähltheoretischen Ebene führt, verbinden sich ihre erzähltheoretischen Prämissen in den folgenden Kapiteln mit einer weitgehend schlüssigen Argumentation anhand des Textmaterials. [14]

4. Zentrale Kategorien von Männlichkeit: Erwerbsarbeit, Armeezeit und der "blinde Fleck" Familie

In Kapitel 5 analysiert SCHOLZ zwei Fallgeschichten, von denen ausgehend sie zentrale Kategorien entwickelt, und verwendet dabei das Auswertungs-Vokabular des narrativen Interviews. Für die Erzählung von Dieter Schulze (Namen anonymisiert) zeigt sie, wie dieser vor allem sein politisches Engagement für eine bessere Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner Geschichte stellt und diese als erfolgreiche "Entwicklungs- und Bekenntnis-Geschichte" (S.88) konstruiert, während Sven Frohdin eine "Abenteuer- und Bekehrungsgeschichte" (S.117) erzählt, die erst nach der Wende zu einer Erfolgsgeschichte wird. Bei ihrer Interpretation geht sie auf die Fragen ein, wie in den Interviews jeweils eine kohärente biographische Identität hergestellt wird, wie der Interviewte Männlichkeit rekonstruiert und auf welche gesellschaftlichen Konstruktionen von Identität und Geschlecht er zurückgreift und sie performativ in der Geschichte einsetzt. Außerdem analysiert sie die Beziehung zwischen Interviewer und Interviewtem. [15]

Ihre Analysen bleiben dabei über den Einbezug von Zitaten immer dicht an den Personen und ihren Lebensgeschichten, zugleich behält sie konsequent den "roten Faden" ihrer Fragen bei. So führt sie die Lesenden dieses Kapitels über etwa 70 Seiten Text, ohne dass dies jemals ermüdend wäre. Die Schlüsselkategorien, die sie schließlich auf drei Ebenen heraus arbeitet, erscheinen nach dem Lesen der Fallgeschichten und ihrer Interpretation plausibel: [16]

Auf einer inhaltlichen Ebene konstruierten beide Interviewte biographische Identität als berufliche Identität, in die sie weitere Aspekte einbeziehen. Zentrales Thema ist in beiden Geschichten die berufliche Qualifikation. Die starke Fokussierung auf Erwerbsarbeit sieht SCHOLZ als einen Konstruktionsmodus von Männlichkeit. Dass beide, bei allen Unterschieden ihrer beruflichen Biographien, die Berufswelt als "Welt unter Männern" (S.160) rekonstruieren, zeigt sie daran, dass zentrale Ereignisträger in den Geschichten männliche Kollegen und Vorgesetzte sind – Kolleginnen werden nur am Rand erwähnt. Dominanz und Abgrenzung gegenüber anderen Männern stellen die Interviewten dabei über weiblich konnotierte Stereotypen her. So erscheinen die Männer, denen man sich selbst überlegen fühlt, z.B. als emotional oder unvernünftig. Thematisiert werden außerdem Konkurrenzbeziehungen zu anderen Männern, und die eigene Identität wird ebenfalls in erster Linie über die Abgrenzung zu Männern entworfen. Bei dem zweiten Interviewten ist außerdem die Armeezeit thematisch und für die Konstruktion von Männlichkeit relevant. Über den Bereich der Familie hingegen reden beide entweder kaum oder nur im Nachfrageteil. Dies scheint mit der bereits zitierten Bedeutung des Erwerbsbereiches für (junge) Männer zu korrespondieren und auf den ersten Blick ebenso wenig überraschend zu sein. Erklärungsbedürftig allerdings ist dann doch, dass "gestandene" Ehemänner und Familienväter diesen Bereich ausblenden – immerhin wäre ja z.B. denkbar, ihn als "heile Welt" diffuser Partikularbeziehungen jenseits von Zumutungen der Arbeitswelt zu etablieren. [17]

Auf einer formalen Ebene zeigt sie beide Geschichten am Muster eines männlichen Erwerbslebenslaufes strukturiert, chronologisch und linear aufgebaut – allerdings in Eigenverarbeitung kombiniert mit unterschiedlichen Erzählmustern, so z.B. der Helden- oder Abenteuergeschichte. In beiden Geschichten wird ein aktives und unabhängiges Ich entworfen, das sozialen und kulturellen Normen einer männlichen Subjektivität folge (S.162) und gegenüber anderen abgegrenzt wird; der Familienbereich wird auch formal in den Geschichten untergeordnet (S.163). [18]

Auf einer interaktiven Ebene schließlich vergleicht sie die Interaktionen der beiden Männer mit einem Interviewer bzw. mit einer Interviewerin. Während Sven Frohdin über seine Abenteuergeschichte eine (vermeintliche) männliche Gemeinschaft zwischen sich und dem Interviewer herstelle (die z.B. dadurch bestätigt werde, dass der Interviewer "mitspielt", indem er über die Pointen lacht), spricht Dieter Schulze die Interviewerin weder explizit noch implizit als Frau an. Und während sich im ersten Interview Dominanzverhalten des Interviewten gegenüber dem Interviewer zeigen lasse, ist das zweite Interview eher durch die Kooperationsbereitschaft des Interviewten gegenüber der Wissenschaftlerin gekennzeichnet. Diese beiden Kategorien – Herstellung einer männlichen Gemeinschaft sowie Anspruch auf Dominanz – untersucht Sylka SCHOLZ gesondert in Kapitel 9. [19]

Jede der drei inhaltlichen Kategorien – Berufsarbeit, Armeezeit, Familie bzw. ihre Dethematisierung analysiert sie ausführlich und materialreich in den Kapiteln 6, 7 und 8 im Vergleich mit den anderen Interviews und differenziert sie weiter aus. Dabei erhärtet sich folgende These:

"Identität und Geschlecht wird vorrangig im Bereich der Ausbildungs- und Berufslaufbahn entworfen. Aktivität, Herausforderung, Bewegung, Weiterbildung und individuelle Entfaltung, die als normative Werte moderner Identitätskonstruktionen verstanden werden können, werden aus der Perspektive der befragten Männer fast ausschließlich mit dem Erwerbsbereich verknüpft." (S.237). [20]

Die Darstellung der beruflichen Identität nehme dabei um so mehr Raum in den Interviews ein, je diskontinuierlicher die Erwerbsbiographien sind. Anders gesagt: Je mehr Brüche im beruflichen Lebenslauf, desto mehr biographische Arbeit wird geleistet, um (trotzdem) eine kohärente berufliche (männliche) Identität herzustellen. Dies bedeute jedoch eben nicht, dass die Familie bzw. (Ehe-) Beziehungen bei Dethematisierung in den Interviews keine Bedeutung für die Männer hätten – nur seien intime Beziehungen und Väterlichkeit zumindest gegenwärtig nicht geeignet, um in einem lebensgeschichtlichen Interview Männlichkeit zu rekonstruieren. Familie und (Ehe-) Beziehungen scheinen in dieser Lesart fast das Gegenteil auszumachen: Passivität, Routine, Immobilität, geistige Stagnation, Vergemeinschaftung – und Weiblichkeit. Gerade an einer Ausnahme unter den interviewten Männern, an Jürgen Bruns und seiner Geschichte beruflichen Scheiterns, zeigt SCHOLZ, wie der Verlust von Berufsarbeit zu einer Verunsicherung von Männlichkeit führen kann, ohne dass dies durch die Familienposition "Ehemann und Vater zweier Töchter" abgefangen werden könnte – zu weit entfernt von der Konstruktion eines unabhängigen Ich, und zu sehr weiblich-mütterlich konnotiert. [21]

5. "Doing Gender" in der Interviewsituation

In Kapitel 9 geht SCHOLZ der Frage nach, wie Männlichkeit durch die Interaktion mit dem oder der Interviewenden (re-) konstruiert wird – eine Frage, die ich besonders im Hinblick auf die Herstellung von Identität über die wechselseitige Anerkennung zwischen Interviewten und Interviewenden für weiterführend halte. Ausgangspunkt der Autorin ist die Beobachtung, dass die interviewten Männer in der Interaktion mit männlichen Interviewten generell sehr ausführliche Lebensgeschichten erzählen, während diese bei weiblichen Interviewenden insgesamt eher kürzer ausfallen. Über die ausführliche Interpretation einzelner Interviewsequenzen kommt sie zu dem Schluss, dass "die befragten Männer Geschlecht auch durch die Bezugnahme auf das Geschlecht des Interviewers rekonstruieren" (S.249). Dabei motiviere gerade das Herstellen einer männlichen Gemeinschaft über das Erzählen von Stories und Abenteuergeschichten das Erzählen von weiteren Geschichten – und auf diese Weise verlängerten sich auch die Geschichten selbst. Außerdem stellten die Interviewten in (positiver) Abgrenzung zu ihren männlichen "Konkurrenten" sich und ihre Positionen ausführlicher dar. Mit anderen Worten: die Konstruktion von Männlichkeit sei "Männersache" (S.253). Interviewerinnen hingegen würden eher als Professionelle bzw. Expertinnen wahrgenommen, erst bei dem "Familienthema" rückten sie als Frauen ins Bild, denen bestimmte Sichtweisen attribuiert würden (so z.B. die Ansicht, dass ihnen die gleiche Verteilung von Hausarbeit wichtig sei). [22]

SCHOLZ beschreibt die Position der Interviewerinnen als "ambiguin", da sie sich einerseits qua Geschlechtszugehörigkeit in einer hierarchischen Konstellation gegenüber den männlichen Interviewten befänden, möglicherweise durch ihr (Studenten-) Alter und ihre mangelnde berufliche Etablierung noch verstärkt, andererseits als Interviewerinnen und Vertreterinnen einer öffentlichen Institution den Interviewten auch wieder überlegen sein könnten. Die letzten beiden Aspekte treffen allerdings auch auf die männlichen Interviewer zu – hier wäre eine weitere Unterscheidung zwischen Studentinnen einerseits und der Autorin als Interviewerin andererseits hilfreich gewesen, um diesen Aspekt genauer zu fassen. [23]

Im Zusammenhang mit der systematischen Differenz der Länge der Interviews argumentiert SCHOLZ auch, dass Frauen zwar einerseits eine "unersetzliche Quelle der Anerkennung" für Männer seien, diese Anerkennung jedoch sozial weniger zähle – und daher den Interviewerinnen gegenüber weniger erzählt werde (S.253). Lesen ließe sich dies einerseits als Dominanz und Abwertung der Interviewerinnen. Andererseits hebt die Autorin als gegenläufige Tendenz hervor, dass sich die Männer gegenüber den Interviewerinnen kooperativ verhalten und kein Dominanzgebaren (wie gegenüber den Interviewern) zeigen, und die Interviewerinnen kaum als Frauen ansprechen. Möglicherweise folge dies aus der Anerkennung des männlich konnotierten Expertenstatus der Interviewerin, könne aber auch im Zusammenhang mit Gleichberechtigungsansprüchen der Geschlechter stehen, die die Männer in den Interviews erwähnen – ein Versuch also, "Gleichberechtigung in die Praxis umzusetzen" (S.254). [24]

Diese Argumentation führte mich zu folgender Frage: Liest man die Beziehung zwischen Erzählenden und Zuhörenden allgemein als ein (herzustellendes) Verhältnis wechselseitiger sozialer Anerkennung (MELUCCI 2001), und sieht Interviewte in diesem Zusammenhang bestrebt, sich positiv darzustellen – wofür wollen Männer dann von einer professionellen Interviewerin anerkannt werden? Was genau könnte die "Unersetzlichkeit" ihrer Anerkennung ausmachen? Ich werde darauf weiter unten zurück kommen. [25]

6. Männlichkeitskonstruktionen in der DDR und Ostdeutschland

In Kapitel 10, den Schlussbetrachtungen, liest SCHOLZ zunächst die herausgearbeiteten Kategorien quer und setzt sie in Beziehung zur Art ihrer Konstruktion. Dabei verbindet sie Konstruktionsmodi auf der inhaltlichen Ebene mit jenen der formalen bzw. grammatikalischen Ebene und der interaktiven Ebene und formt auf diese Weise ein komplexes Bild vielfältiger Zusammenhänge. Danach geht es um die Frage, wie die Abwesenheit von Frauen in den Interviews zu interpretieren ist. Dabei geht sie von zwei alternativen Deutungsmöglichkeiten aus: Wird über Frauen so wenig erzählt, weil soziale Anerkennung nur von anderen Männern erworben werden kann? Oder ist ihre Abwesenheit Ausdruck von Transformationen im Geschlechterverhältnis? (S.260). [26]

Als außerordentlich bedeutsam schätzt SCHOLZ hier die juristische und politische Verankerung von Gleichberechtigung in der DDR ein und, damit zusammenhängend, die geteilte und von den Männern in den Interviews vertretene Auffassung, dass Berufsarbeit sowohl für Männer als auch für Frauen wichtig und die Berufsarbeit der Partnerin gleichwertig sei. Außerdem wird ein Anspruch auf gleiche Teilung der Familienarbeit formuliert und an der Idee der Gleichberechtigung von Mann und Frau festgehalten (S.261). [27]

Das Auftreten der Interviewpartner gegenüber Interviewerinnen ließe sich so als Indikator für Veränderungen interpretieren: Die Erwerbsintegration der Frauen und der selbstverständlich geteilte Anspruch auf Gleichberechtigung beider Geschlechter – gleichgültig, ob dieser tatsächlich verwirklicht ist – führe dazu, dass die Dominanzstruktur gegenüber Frauen kaum aktualisiert wird. Einerseits lasse sich also von einer Transformation des Geschlechterverhältnisses sprechen. Aber: Die symbolische Geschlechterordnung der Dominanz des Männlichen würde unter der Hand wieder dadurch (re-) produziert, dass andere Männer – und dies über Zuschreibungen von Weiblichkeit – dem Erzähler untergeordnet werden (S.261). Das Geschlechterverhältnis der DDR und Ostdeutschlands kennzeichnet sie letztlich als "Spannungsverhältnis zwischen männlicher Hegemonie und Gleichberechtigung der Geschlechter". [28]

Möglicherweise, so eine eigene Deutung, ließe sich die oben erwähnte Frage nach der sozialen Anerkennung von Männern durch Interviewerinnen in diesem Zusammenhang auch so lesen: Mit dem Rekurs auf eine weitgehend geteilte Idee, die besonders auf den Aspekt der Gleichberechtigung von Frauen fokussiert, beanspruchen die Interviewten gegenüber Interviewerinnen Anerkennung dafür, dass sie dieses Ideal mittragen (wollen) – was wiederum die Frage nach sich zieht, inwiefern diese Anerkennung für die Konstruktion von (männlicher) Identität "gebraucht" würde. [29]

SCHOLZ identifiziert schließlich zwei Dominanzstrukturen von Männlichkeit:

"So werden Gemeinschaften und Differenzen über die Zuschreibung von Männlichkeit in Form von beruflichen Idealen hergestellt. Sowohl in den Prozessen der Gemeinschafts- als auch Differenzherstellung kann Dominanz eingesetzt werden, sie muss jedoch nicht aktualisiert werden. Die Herstellung von Dominanz erfolgt über Weiblichkeitszuschreibungen" [– dies jedoch gegenüber anderen Männern, nicht gegenüber Frauen. Dies führt sie zu der (nachvollziehbaren) Schlussfolgerung,] "dass zwischen Männlichkeit und Männern sowie Weiblichkeit und Frauen analytisch klar differenziert werden muss" (S.262). [30]

7. Fazit

Die Stärke der Untersuchung von Sylka SCHOLZ sehe ich vor allem in der differenzierten, genauen und schlüssigen Analyse von zum Teil nicht erwartbaren Befunden aus den narrativen Interviews mit ostdeutschen Männern. Dabei unterscheidet sie unterschiedliche Aspekte des Phänomens "Männlichkeit" und zeigt Zusammenhänge zwischen Konstruktionen von Männlichkeit(en) auf unterschiedlichen Ebenen auf, die sich während des Lesens nach und nach zu komplexen Mustern verdichten. Für besonders bedeutsam halte ich dabei ihr Vorgehen, soziale Vorstrukturierungen von Geschlecht einerseits und die individuellen (Re-) Konstruktionen männlicher Identität(en) andererseits aufeinander zu beziehen. [31]

Mit ihrer Kritik an erzähltheoretischen Prämissen des narrativen Interviews ordnet sie sich in die Reihe der Forschenden ein, die in den vergangenen Jahren die Narrativität der Darstellung und die Bedeutung der Forschenden für die Herstellung narrativer Interviews kritisch diskutiert haben. Ihre Auseinandersetzung mit der Methode des narrativen Interviews ist dabei genau und nachvollziehbar, es bleibt immer erkennbar, inwiefern sie bestimmte Annahmen teilt und welche sie – gut begründet – ablehnt. Die Kritik selbst ist nicht neu. Bedeutsam erscheint mir jedoch der Versuch von SCHOLZ, diese Kritik auch in spezifischer Weise für die eigenen Beobachtungen und Fragen fruchtbar zu machen. Ähnlich wie beispielsweise REH (2003) in einer Analyse biographischer Interviews mit ostdeutschen Lehrerinnen bezieht sie überraschende Beobachtungen beim Zustandekommen der Interviews auf die Analyse selbst und produziert auf diese Weise Erkenntnisse, die über bereits bekannte hinausgehen. Während REH dabei den Kontext von (pädagogischen) Ost-West-Diskursen nach 1990 als relevant für die Produktion biographischer Bekenntnis-Erzählungen durch ostdeutsche Lehrerinnen begreift und analysiert, interpretiert SCHOLZ den Kontext Geschlecht als relevant für den Zusammenhang sowohl zwischen der Art und Weise der Produktion des Interviews als auch dessen Inhalten und versteht dies als Konstruktionsmodus von Männlichkeit. [32]

Durchaus bedenkenswert erscheint mir zudem der Hinweis von SCHOLZ auf eine Lücke in der sozialwissenschaftlichen Methodenliteratur: Einerseits nehmen Publikationen zu, die sich mit der Bedeutung der Forschenden für die Datenproduktion und Auswertung sowie für den Erkenntnisprozess insgesamt auseinandersetzen (siehe dazu auch die beiden in FQS erschienenen Ausgaben zu "Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess"; MRUCK, ROTH & BREUER 2002; ROTH, BREUER & MRUCK 2003). Andererseits geht dies merkwürdigerweise nicht in die praktischen Darstellungen zur Durchführung und Auswertung narrativer Interviews, so z.B. in Methoden-Handbücher, ein – aus meiner Sicht selbst ein interpretationswürdiges Phänomen, das möglicherweise mit spezifischen Diskursformen im Wissenschaftsfeld zu tun hat. [33]

Gekennzeichnet ist ihre Arbeit außerdem durch ein hohes Maß an Selbstreflexivität – (noch) keine Selbstverständlichkeit in der qualitativen Forschung. So bedenkt sie z.B. ihre wissenschaftliche Darstellung als wohlzuformende Erzählgestalt und die darin liegende Gefahr, diese Erzählung narrativ zu glätten (S.255). Aber auch an anderen Stellen wird immer wieder erkennbar, dass SCHOLZ sich zwar für Interpretationen entscheidet und diese gut begründet, alternative Deutungsmöglichkeiten jedoch nicht aus den Augen verliert. [34]

Insgesamt halte ich dieses Buch sowohl im Hinblick auf die Befunde zum Thema "Männlichkeit" als auch hinsichtlich des methodischen Vorgehens für sehr empfehlenswert, außerdem durch die klare Struktur und einen ebenso klaren Schreibstil für sehr gut lesbar. Lesefreundlich ist auch die Anlage: ein Überblick über das Sample, tabellarische Kurzbiographien der Interviewpartner, ein Verzeichnis von Abkürzungen für DDR-Laien sowie ein Glossar mit wichtigen Begriffen des Analyseinstrumentariums für lebensgeschichtliche Erzählungen nach SCHÜTZE (1984). [35]

Ein inhaltlicher Zweifel bleibt: Ist Geschlecht tatsächlich immer eine der wichtigsten Strukturkategorien, wie SCHOLZ behauptet? Oder hängt die Relevanz dieser Unterscheidung ebenso von Kontexten ab, wie sie diese für hegemoniale Männlichkeiten beschreibt? Hier ergäbe sich eine interessante Anschlussfrage: Wann, unter welchen Bedingungen, in welchen Situationen wird die Unterscheidung von Männern und Frauen bzw. von Männlichkeit und Weiblichkeit besonders relevant? Ließen sich hier ebenfalls Zusammenhänge zeigen? Anschlussfähig ist diese Arbeit aber auch in vergleichender Hinsicht: Welcher Art sind z.B. Identitätskonstruktionen in der gleichen Generation bei Männern, die im Westen Deutschlands aufgewachsen sind? [36]

Literatur

Alheit, Peter (1990). Der "biographische Ansatz" in der Erwachsenenbildung. In Wilhelm Mader (Hrsg.), Weiterbildung und Gesellschaft. Grundlagen wissenschaftlicher und beruflicher Praxis in der Bundesrepublik Deutschland (S.289-335). Bremen: Universität Bremen.

Bohnsack, Ralf (1993). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung. Opladen: Leske + Budrich.

Böhnisch, Lothar & Winter, Reinhard (1997). Männliche Sozialisation, Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebenslauf. Weinheim: Juventa.

Bourdieu, Pierre (1997). Männliche Herrschaft. In Irene Dölling & Beate Krais (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis (S.153-217). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Brockmeier, Jens (1999). Erinnerung, Identität und autobiographischer Prozeß. Journal für Psychologie, 7(1), 3-10.

Bruner, Jerome S. (1999). Self-Making and World-Making. Wie das Selbst und seine Welt autobiographisch hergestellt werden. Journal für Psychologie, 7(1), 11-12.

Bude, Heinz (1985). Der Sozialforscher als Narrationsanimateur. Kritische Anmerkungen zu einer erzähltheoretischen Fundierung der interpretativen Sozialforschung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 37, 327-336.

Connell, Robert W. (1995). "The big picture" – Formen der Männlichkeit in der neueren Weltgeschichte. Widersprüche, 55/56, 23-45.

Connell, Robert W. (1999). Der gemachte Mann. Männlichkeitskonstruktionen und Krise der Männlichkeit. Opladen: Leske + Budrich.

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Zur Autorin

Claudia DREKE, Diplom-Soziologin, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pädagogik an der Universität Potsdam. Schwerpunkte von Forschungsarbeiten sind Fremdheitserfahrungen westdeutscher Verwaltungsangestellter in Ostdeutschland, kulturell gebundene Unterscheidungen und Bewertungen von Primarschülern durch Lehrerinnen in Italien und Deutschland sowie Grenzen und Möglichkeiten interdisziplinärer Kooperation in sozial-rekonstruktiven Forschungszusammenhängen.

Kontakt:

Claudia Dreke

Universität Potsdam
Humanwissenschaftliche Fakultät Institut für Pädagogik, PF 60 15 53
D-14415 Potsdam

Tel.: (0049) 331 977 21

E-Mail: cldreke@rz.uni-potsdam.de

Zitation

Dreke, Claudia (2005l). Rezension zu: Sylka Scholz (2004). Männlichkeit erzählen. Lebensgeschichtliche Identitätskonstruktionen ostdeutscher Männer [36 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 6(2), Art. 25, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0502250.

Revised 6/2008



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