Volume 6, No. 2, Art. 18 – Mai 2005

Rezension:

Carlos Kölbl

Wilhelm Kempf (2003). Forschungsmethoden der Psychologie. Zwischen naturwissenschaftlichem Experiment und sozialwissenschaftlicher Hermeneutik. Band 1: Theorie und Empirie. Berlin: Regener, 368 Seiten, ISBN 3-936014-04-3, EUR 42,90

Zusammenfassung: Der Autor unternimmt eine Kartierung der psychologischen Methodenlehre, die diese weder in eine rein natur- noch in eine rein sozial- bzw. kulturwissenschaftliche Richtung einebnet. Vielmehr wird für eine nicht halbierte Methodologie sowie Methodik plädiert und dieses ehrgeizige Programm in Form des vorliegenden einführenden Lehrbuchs umgesetzt. Dabei zeichnet sich die Arbeit durch den dezidierten Einbezug (wissenschafts-) theoretischer Einsichten aus, nach denen man in anderen Methodenbüchern vergebens Ausschau hält. Zum Teil mag man sich etwas andere Akzentsetzungen wünschen und Kritik im Detail üben. Insgesamt ist die Lektüre des Buches aber in jedem Falle gewinnbringend.

Keywords: Forschungsmethoden, Lehrbuch, Wissenschaftstheorie, Psychologie als Natur- und Sozialwissenschaft, Experiment, Hermeneutik

Inhaltsverzeichnis

1. Die Komplexität der Psychologie

2. Der übergreifende Publikationskontext

3. Für ein plurales Methodenverständnis

4. Junggesellen sind unverheiratete Männer

5. Tische, Stühle und Bierseidel

6. Die Vielfalt psychologischen Experimentierens

7. Intentionen, Erzählungen und Systeme

8. Schlussbemerkungen

Anmerkung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Die Komplexität der Psychologie

Die nur scheinbar selbstverständliche Forderung, Methoden in der Psychologie einzusetzen, zu verfeinern oder auch neu zu entwickeln, die ihrem Gegenstand angemessen sind, ist in der Geschichte dieser Disziplin von unterschiedlichen Seiten immer wieder mit großem Nachdruck erhoben worden. Dabei ist der gezielten Konstruktion und Erprobung entsprechender methodischer Verfahren notwendigerweise die Frage vorgelagert, was denn genau der Gegenstand der Psychologie sei. Hierauf gab es bekanntlich eine Reihe von Antworten, die von der unmittelbaren Erfahrung über das manifeste Verhalten bis zum Unbewussten reichen – um drei prominente Stichworte lediglich beispielhaft zu nennen. Solche divergierenden Gegenstandsbestimmungen gehen mit bestimmten methodologischen Orientierungen und spezifischen methodischen Instrumenten einher – wieder exemplarisch, grob vereinfachend und auf die drei obigen Stichpunkte bezogen, wären dies etwa Introspektion, Beobachtung/Experiment sowie freie Assoziation. Nun darf man nicht dem harmonisierenden und naiven Irrtum aufsitzen, heutzutage sei die Zeit der Paradigmenwechsel und -kämpfe endgültig vorbei, mithin konkurrierende, sich wechselseitig ausschließende, grundlegende Auffassungen dessen, was Psychologie im Kern ausmache, bestenfalls eine Angelegenheit historisch-archivarischen Interesses. Gleichwohl kann eine Tendenz registriert werden, die Komplexität des Gegenstandes der Psychologie nicht in die eine oder andere Richtung einzuebnen, sondern die unterschiedlichen Facetten zu identifizieren, zu beschreiben, aufeinander zu beziehen und die hieraus folgenden methodologisch-methodischen Konsequenzen en detail zu entfalten. Das vorliegende Buch von Wilhelm KEMPF gehört in diesen Kontext. Bereits dieser Umstand macht die Arbeit lesenswert. Die eben angedeutete Tendenz darf nämlich nicht als dominierend missverstanden werden, insbesondere dann nicht, wenn ihr nicht schon bloße Lippenbekenntnisse zurechenbar sein sollen. [1]

2. Der übergreifende Publikationskontext

Das hier zu besprechende mit "Theorie und Empirie" überschriebene Buch stellt, wie seinem Vorwort entnommen werden kann, den ersten Teil eines zweibändigen Lehrwerks zu Forschungsmethoden der Psychologie dar. In diesem Lehrwerk soll das Augenmerk nicht auf einzelne Verfahren, sondern auf die Grundbegriffe methodologisch-methodischen Denkens und Forschens in der Psychologie gerichtet werden. Dabei wird – wie eingangs angedeutet – das ambitionierte Ansinnen verfolgt, keine halbierte, sondern eine umfassende Vermittlung der Grundlagen psychologischer Forschungsmethoden im Spannungsfeld "zwischen naturwissenschaftlichem Experiment und sozialwissenschaftlicher Hermeneutik" zu leisten, wie es programmatisch im Untertitel für beide Bände heißt. Diese dezidiert integrative Absicht, wenn man das so nennen mag, unterscheidet KEMPFs Einführung von anderen Werken zur psychologischen Methodenlehre (vgl. etwa BORTZ & DÖRING 2003; SELG, KLAPPROTT & KAMENZ; WOTTAWA 1988). Im zweiten, zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht erschienenen, Teil des Lehrwerks ("Quantität und Qualität") sollen hierzu drei Themen näher beleuchtet werden, nämlich Planung und Durchführung psychologischer Experimente, Psychometrie sowie qualitative Methoden der Sozialforschung. Schließlich sei ein Zusatzband von Willi NAGL zu einer anwendungsorientierten Einführung in die Statistik in Vorbereitung. [2]

KEMPF arbeitet sein Thema in drei Kapiteln ab: "Psychologie als Erfahrungswissenschaft", "Hard Science: Das Erbe der Naturwissenschaften" sowie "Soft Science: Die Herausforderung an die Sozialwissenschaften". Um den Nutzen der Arbeit als Lehrbuch zu erhöhen, werden am Ende eines jeden Unterkapitels Kontrollfragen aufgelistet. Außerdem finden sich jeweils am Seitenrand wichtige Schlagwörter, die das Nachschlagen erleichtern. [3]

3. Für ein plurales Methodenverständnis

Im ersten Kapitel skizziert der Autor zunächst die Entstehung der Psychologie als Wissenschaft, wobei er den bahnbrechenden Experimenten Ernst Heinrich WEBERs und Gustav Theodor FECHNERs im Rahmen der Psychophysik sowie den einschlägigen Untersuchungen zur Konditionierbarkeit von Organismen durch Ivan PAVLOV, Edward THORNDIKE und Burrhus SKINNER besondere Aufmerksamkeit widmet. Sodann erörtert er die Differenz zwischen psychologischem Alltags- und wissenschaftlich-psychologischem Wissen, ohne dabei einer generellen Überlegenheit des letzteren über das erstere das Wort zu reden und ohne beide vollkommen voneinander zu separieren – ein Unterfangen, das dort, wo es über die Zwecke spezifischer Fragestellungen hinaus betrieben worden ist, bislang nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat und wohl aus prinzipiellen Gründen auch in Zukunft stets zum Scheitern verurteilt sein wird; schließlich dürfen wissenschaftliche Erkenntnisse in der Psychologie in vielen Bereichen als methodisch kontrollierte Stilisierungen alltäglicher Wissensbestände gelten. Dem schließt sich nahtlos eine auf die besonderen Belange der Psychologie zugeschnittene logische Propädeutik an, die in der Manier der Erlanger Schule des Konstruktivismus ihren Ausgang bei der Einführung von Elementaraussagen nimmt und bei der Differenzierung unterschiedlicher Wahrheitsbegriffe landet. Im letzten Abschnitt geht es um das Aufgaben- und Gegenstandsverständnis sowie um das Wissensideal der Psychologie. Der Autor nimmt eine plurale Haltung ein und spricht sich konsequenterweise etwa für die Gleichberechtigung unterschiedlicher Formen der psychologischen Erklärung aus. Dazu legt er in einem Vorgriff auf spätere Abschnitte die Grundzüge des deduktiv-nomologischen, des induktiv-statistischen, des intentionalen und des narrativen Erklärungsmodells dar. Dass dies keineswegs unter der Hand zu einem Plädoyer für bloße Beliebigkeit gerät, liegt daran, dass für die Wahl eines Erklärungsmodells in Abhängigkeit von der jeweils zu bearbeitenden psychologischen Fragestellung argumentiert wird. Überdies ist Pluralität bei einem Verständnis der Psychologie als der Wissenschaft von der subjektiven Welt des Menschen (vgl. etwa S.14) geboten, reicht die Konstitution dieser subjektiven Welt doch von hirnphysiologischen bis hin zu gesellschaftlichen Faktoren und deren Interpretation. [4]

4. Junggesellen sind unverheiratete Männer

Bereits dieses erste und kürzeste Kapitel kann mit Gewinn gelesen werden. Dies liegt daran, dass hier Wissen und analytische Instrumente – freilich noch in den allerersten Umrissen, deren Konturierung in späteren Abschnitten erfolgt – vermittelt werden, nach denen man in anderen Einführungen in die psychologische Methodenlehre schlimmstenfalls vergeblich sucht oder die dort bestenfalls gestreift werden (man schlage hierzu etwa in den oben erwähnten Lehrbüchern nach) aber für ein Verständnis methodischen Denkens unabdingbar sind. Es sei in diesem Zusammenhang nur auf KEMPFs differenzierte erste Erörterung der außerordentlich wichtigen Unterscheidung zwischen Aussagen, deren Wahrheitsgehalt verweisungsanalytisch zu ermitteln ist und solchen Aussagen, die einer empirischen Testung bedürftig und fähig sind, hingewiesen. (Auf dieses Thema kommt der Autor im weiteren Verlauf der Arbeit immer wieder zu sprechen, später insbesondere unter der Überschrift strukturelle und empirische Anteile psychologischer Theorien.) Diese Unterscheidung ist deshalb so wichtig, weil bei Aussagen, deren Wahrheitsgehalt in ihrer Semantik liegt, aufwendige empirische Testungen, die dann Pseudo-Empirie produzieren, unterbleiben können. Allerdings ist es psychologischen Aussagen bisweilen nur schwer anzusehen, ob sie einer empirischen Testung unterzogen werden müssen oder nicht. Nur selten findet man nämlich Aussagen wie den – im Kontext der einschlägigen Diskussionen bis zum Überdruss zitierten – Satz, dass Junggesellen unverheiratet seien. Zur Beurteilung von dessen Wahrheitsgehalt müssen wir ganz offensichtlich nicht etwa auf korrelationsstatistische Analysen, sondern können auf unsere Sprachkompetenz zurückgreifen. [5]

Um wenigstens auch ein psychologisch relevantes Beispiel anzuführen, möchte ich mich kurz mit dem Gefühl der Sorge beschäftigen: Wenn wir darüber nachdenken, ob jemand das Gefühl der Sorge empfindet, der ein für ihn unangenehmes Ereignis in naher Zukunft erwartet und dessen Eintreten nicht glaubt verhindern zu können, sind semantische und nicht Analysen von vermeintlich kontingenten Wenn-Dann-Beziehungen angebracht. Eine "Testung" der "Hypothese" "wenn ein unangenehmes Ereignis in der Zukunft erwartet wird, dessen Eintreten man glaubt, nicht verhindern zu können, dann empfindet man Sorge" erübrigt sich also aufgrund des Bedeutungsgehalts des Wortes Sorge. Sorge ist nämlich verweisungsanalytisch und nicht in der Form eines Naturgesetzes an die Erwartung eines unangenehmen Ereignisses in der Zukunft und der Wahrnehmung eigener Ohnmacht diesem Ereignis gegenüber geknüpft. Diese Einsicht macht psychologische Empirie keineswegs überflüssig, auch nicht streng experimentelle Untersuchungen, sie macht aber deutlich, dass das Nachdenken über die "Bauart" psychologischer Aussagen insofern zum Herzen methodischen Denkens gehört als dort Möglichkeiten und Grenzen einer strikt nomologisch ausgerichteten Psychologie und die Notwendigkeit von Bedeutungsanalysen, im weitesten Sinne also von Hermeneutik, klar sichtbar wird. Dass im Übrigen semantische Analysen keineswegs ad hoc zu leisten sowie der weiteren Reflexion und weiteren rekonstruktiven Bemühungen enthoben sind, wird bereits dann klar, wenn man das obige Beispiel aus seiner didaktisch verkürzten Schlichtheit befreit und weiterführende Fragen daran richtet, wie etwa: Wird der spezifische Gehalt des Gefühls der Sorge nicht eigentlich verfehlt, wenn man davon ausgeht, man könne ein unangenehmes Ereignis nicht verhindern? Würde solch einer Wahrnehmung der eigenen Handlungsunfähigkeit nicht eher ein Gefühl der Angst oder des Fatalismus korrespondieren? Ist es bei Sorge nicht eher so, dass man zwar erwartet, man werde das Ereignis nicht abwenden können, diese Erwartung aber nicht eine gewissermaßen hundertprozentige ist, Sorge sich also erst dann einstellt, wenn man die Hoffnung auf eigene Handlungsmächtigkeit noch nicht gänzlich abgeschrieben hat? [6]

Ich möchte es bei diesen wenigen Andeutungen belassen und nur noch einen Hinweis anfügen: Obwohl es zur hier angerissenen Problematik mittlerweile eine reichhaltige psychologische Literatur gibt, zu der etwa Jan SMEDSLUND (1988), Jochen BRANDTSTÄDTER (1982; 1984), Klaus HOLZKAMP (1986), Lutz ECKENSBERGER (1994) sowie Wilhelm KEMPF (1994) selbst beigetragen haben, kommen Studierende der Psychologie hiermit immer noch kaum in Berührung – schon gar nicht in Methodenveranstaltungen, am ehesten noch, wenn sie sich in Seminare zu wissenschaftstheoretischen Fragen verirren. [7]

5. Tische, Stühle und Bierseidel

Das zweite Kapitel ist den naturwissenschaftlichen Aspekten der psychologischen Methodenlehre gewidmet. In instruktiver, mitunter aber für einen Einführungsband auch recht voraussetzungsvoller Art und Weise geht KEMPF auf die unterschiedlichen Konsequenzen eines aristotelischen und eines galileischen Wissenschaftsverständnisses (im Sinne Kurt LEWINs 1930/1931) in der Psychologie ein, erörtert das deduktiv-nomologische sowie das induktiv-statistische Modell der Erklärung und führt in die Grundlagen der Messtheorie und der experimentellen Hypothesenprüfung ein. [8]

Der Abschnitt über das aristotelische Wissenschaftsideal, einem Ideal, für das – so KEMPF – die euklidische Geometrie paradigmatisch ist, kreist allgemein um die Bedeutung von Axiomen in der Psychologie und der Axiomatik der (klassischen) Testtheorie im speziellen. Um zentrale Charakteristika von Axiomensystemen zu erläutern, zitiert KEMPF den Mathematiker David HILBERT, der gesagt haben soll: "Man muss jederzeit an Stelle von 'Punkten, Geraden und Ebenen', 'Tische, Stühle und Bierseidel' sagen können" (S.77). Damit soll unterstrichen werden, dass der Gebrauch wissenschaftlicher Termini strikt an den Verwendungsregeln zu orientieren ist, die vorab festgelegt worden sind, Wörter also zunächst einmal beliebig austauschbare Hüllen sind. Es darf durchaus bezweifelt werden, dass dies eine adäquate Forderung für alle oder auch nur einen Großteil der psychologischen Termini darstellt – ich habe das bereits ausgeführt. Für die eingeschränkteren Zwecke der (klassischen) psychologischen Testtheorie sind Axiome gleichwohl bekanntlich unverzichtbar. Diese Axiome werden dem Leser in gut nachvollziehbarer Weise vorgeführt ebenso wie die Kritik am ursprünglichen Modell von GULLIKSEN. Gut nachvollziehbar sind auch noch die beiden folgenden Abschnitte über das galileische Wissenschaftsideal, dem es um die Herausarbeitung zwingender Zusammenhänge gehe, und über das deduktiv-nomologische Modell der Erklärung, das zunächst an der Bestimmung der Flugbahn einer Kanonenkugel, sodann an einer wahrnehmungspsychologischen Fragestellung unter Rekurs auf das WEBERsche Gesetz demonstriert wird. Bei den Ausführungen zur Messung werden allerdings Novizen des öfteren Passagen auslassen müssen, geht es dort doch nicht allein um unterschiedliche Skalentypen und den in ihnen zulässigen Transformationen, sondern auch um manifeste und latente Variablen, Latent-Trait- sowie Latent-Class-Modelle. Deren Verständnis ist ohne größere mathematische und statistische Vorkenntnisse nicht zu haben. KEMPF trägt diesem Umstand dadurch Rechnung, dass er seine Leser darauf hinweist, die Ausführungen zu den Latent-Trait- und den Latent-Class-Modellen könnten ohne Einbussen in der Kontinuität des Leseflusses übersprungen werden. Aber zum einen dürfte bereits die Behandlung der Funktion der Itemcharakteristik in den Ausführungen zu manifesten und latenten Variablen manchen Anfänger überfordern, zum anderen mag es durchaus frustrierend sein, nicht einfach zwei oder drei, sondern gut ein Dutzend Seiten überspringen zu müssen. Anstatt dies dem Autor anzukreiden, muss man wohl konstatieren, dass dies eine prinzipielle Schwierigkeit bei der Vermittlung psychologischer Forschungsmethoden darstellt, mindestens in ihrer statistischen Abteilung. Wie dem auch sei: die Ausführungen zum induktiv-statistischen Modell der Erklärung, dem aufgeweichten deduktiv-nomologischen Modell, sowie zu den Grundzügen der experimentellen Hypothesenprüfung sind wieder ein wenig ärmer an Formeln und insgesamt anschaulicher gehalten. [9]

6. Die Vielfalt psychologischen Experimentierens

Das Unterkapitel zur experimentellen Hypothesenprüfung verdient gesonderte Aufmerksamkeit. Dort werden nämlich nicht nur Grundbegriffe des Experimentierens (unabhängige vs. abhängige Variable, Variablenstufen, einfaktorielle und mehrfaktorielle Experimente, Hypothesen, Prognosen, Störvariable, Exhaustion, interne und externe Validität) Schritt für Schritt eingeführt. Vielmehr wird unter Rekurs auf zwei prominente Beispiele der Psychologiegeschichte – dem Ferienlagerexperiment von SHERIF, in dem es um die Analyse von Konflikt und Kooperation geht, und dem MILGRAM-Experiment zu den Bedingungen gehorsamen Verhaltens gegenüber einer Autorität – auch gezeigt, wie verkürzt eine kritische Sicht auf psychologisches Experimentieren ist, die das Experiment lediglich als alltagsferne Laborveranstaltung begreifen kann, die darüber hinaus ausschließlich der Prüfung von Hypothesen dienen würde. Gerade im MILGRAM-Experiment werden – wie KEMPF überzeugend nachzeichnet – nicht zuletzt psychologische Erkundungen vorgenommen.1) An diesem Experiment kann man im Übrigen auch sehen, in welch starkem Maße die heutige psychologische Forschung zum Teil zu einer ganz und gar kleinteiligen Angelegenheit geworden ist. Dies ist sicher in vielerlei Hinsicht begrüßenswert, ist es doch so, dass – metaphorisch gesprochen – die kleinen Schecks bisweilen eher gedeckt sind als die ganz großen. Mitunter bedarf es aber eben auch der großen und maßlosen Fragen, die sich – wie im Falle des MILGRAM-Experiments – aus der persönlichen Betroffenheit durch historisch-politische Katastrophen (den Holocaust) speisen und nicht aus Folgeproblemen früherer Untersuchungen, um nicht zu vergessen, wozu psychologisches Denken und Forschen (gerade auch) gut sein soll. [10]

7. Intentionen, Erzählungen und Systeme

Im dritten Kapitel kommt der Autor auf die Sinn- und Bedeutungsstrukturiertheit des Psychischen zu sprechen. Dabei unterscheidet er zwischen objekt- und subjektseitig definierten Variablen und macht auf den methodologisch bedeutsamen Unterschied zwischen Verhalten und Handeln sowie auf die damit verbundenen Modelle der intentionalen und der narrativen Erklärung aufmerksam. Darüber hinaus schlägt er eine systemtheoretische Erweiterung des Handlungsmodells vor, erläutert Informationsverarbeitungsmodelle, vertieft die Thematik der strukturellen und empirischen Anteile in psychologischen Theorien, legt ein Modell der handlungstheoretischen Prozessanalyse vor und geht abschließend auf Grundannahmen der qualitativen Sozialforschung ein. [11]

Die Lektüre dieses Kapitels hält eine Fülle an Anregungen und instruktivem Material bereit. Ich möchte mich lediglich auf die Nennung eines einzigen Vorzugs beschränken. Dieser ist darin zu sehen, dass der Autor es nicht bei einer schlichten Kennzeichnung des Handelns als eines intentionalen Geschehens bewenden lässt, sondern weiterführende Einsichten der handlungstheoretischen Diskussion aufnimmt und in ihren methodologisch-methodischen Konsequenzen, insbesondere hinsichtlich Fragen der empirischen Überprüfbarkeit, reflektiert. So ist nicht allein von Zielen und Zwecken als wesentlichen Konstituenten des Handlungsbegriffs die Rede, sondern etwa ebenso von prä-, peri- und kontraintentionalen Aspekten sowie von regelgeleitetem Handeln. Bemerkenswert hieran ist weniger, dass ein strikt teleologischer Handlungsbegriff ad acta gelegt wird, sondern dass wichtige Binnendifferenzierungen im Konzept der Handlung Eingang in ein Methodenbuch finden. Das ist mindestens genauso unüblich, wie die weiter oben angesprochene Berücksichtigung wichtiger Arbeiten zur Frage nach pseudo-empirischen Veranstaltungen in der Psychologie. [12]

Ansonsten wird der Lektüregewinn bei diesem Kapitel in zweierlei Hinsicht ein wenig beeinträchtigt. Zum einen ist – mir jedenfalls – die Darstellungslogik nicht immer vollkommen klar, zumindest ist sie ein wenig ungewöhnlich. So hat man bis zur Seite 288 allerlei über Handlungen und systemtheoretische Erweiterungen erfahren, um dann plötzlich mit einem Abschnitt über Informationsverarbeitungsmodelle konfrontiert zu werden. Im Verlauf des Abschnitts wird dann zwar klar, dass diese Modelle gerade im Hinblick auf ihre handlungstheoretische Rekonstruierbarkeit präsentiert werden, im ersten Augenblick fühlt man sich jedoch etwas vor den Kopf gestoßen. Zum zweiten brennt man gerade nach dem ausführlichen, teilweise recht mathematisierten zweiten Kapitel auf gleichermaßen extensive Erörterungen zur hermeneutischen Sparte der psychologischen Methodenlehre. Diese Erwartung wird zwar keineswegs rundherum enttäuscht – im Gegenteil: KEMPFs Buch berücksichtigt hermeneutisches Denken wie kaum ein anderes Methodenbuch in der Psychologie – das Gefühl einer immer noch etwas ungleichgewichtigen Behandlung stellt sich dennoch ein. [13]

8. Schlussbemerkungen

Insgesamt handelt es sich – kleineren Einwänden im Detail zum Trotz – bei dem besprochenen Buch um eine Arbeit, der viele Leser und eine breite Nutzung in der universitären Methodenlehre zu wünschen sind. Durch die systematische Verschränkung von Gegenstand und Methode, das wissenschaftstheoretische Reflexionsniveau sowie die psychologiegeschichtliche Informiertheit wird einer Methodenlehre als Ansammlung bloßer Techniken eine klare Absage erteilt. Es bleibt abzuwarten, wie der zweite Band ausfällt. Wünschenswert wäre eine ähnlich fundierte und kompetente Behandlung methodologisch-methodischer Fragen, die – anders als im ersten Band – wohl etwas näher am konkreten empirischen Forschungsprozess sein werden. Geradezu optimal wäre es dann noch, wenn es dem Autor gelingen würde, zumindest auch eine Ahnung von empirischem Arbeiten als Praxis zu vermitteln. Da solch eine Praxis jedoch nicht bereits dann funktioniert, wenn man sich das entsprechende "knowing that" literal vermittelt angeeignet hat, sondern aus konkreten Erfahrungen mit empirischem Arbeiten heraus entsteht, stößt ein Lehrbuch hier wohl notwendigerweise an unüberwindliche Grenzen. An seine Grenzen stößt es hier vermutlich auch deshalb, weil die Sammlung eigener praktischer Erfahrungen mitunter besser durch die (zeitweise) Suspendierung methodologisch-methodischer Warntafeln als durch deren getreue Befolgung gelingt. [14]

Anmerkung

1) Diese Feststellung kann man unabhängig von der ethischen Problematik des Experiments treffen. Für den vorliegenden Kontext ist es also einerlei, ob man meint, MILGRAM hätte aus Rücksicht seinen Versuchspersonen gegenüber sein Experiment unterlassen müssen, oder ob man dies nicht so sieht. <zurück>

Literatur

Bortz, Jürgen & Döring, Nicola (2003). Forschungsmethoden und Evaluation (3. Auflage). Berlin: Springer.

Brandtstädter, Jochen (1982). Apriorische Elemente in psychologischen Forschungsprogrammen. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 13, 267-277.

Brandtstädter, Jochen (1984). Apriorische Elemente in psychologischen Forschungsprogrammen: Weiterführende Argumente und Beispiele. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 15, 151-158.

Eckensberger, Lutz (1993). Normative und deskriptive, strukturelle und empirische Anteile in moralischen Urteilen: Ein Ökonomie/Ökologie-Konflikt aus psychologischer Sicht. In Lutz H. Eckensberger & Ulrich Gähde (Hrsg.), Ethische Norm und empirische Hypothese (S.328-379). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Holzkamp, Klaus (1986). Die Verkennung von Handlungsbegründungen als empirische Zusammenhangsannahmen in sozialpsychologischen Theorien: Methodologische Fehlorientierung infolge von Begriffsverwirrung. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 17, 216-238.

Kempf, Wilhelm (1994). Zum Empiriebezug subjektwissenschaftlicher Erklärungen. Forum Kritische Psychologie, 34, 54-60.

Lewin, Kurt (1930/1931). Der Übergang von der Aristotelischen zur Galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie. Erkenntnis, 1, 421-466.

Selg, Herbert; Klapprott, Jürgen & Kamenz, Rudolf (1992). Forschungsmethoden der Psychologie. Stuttgart: Kohlhammer.

Smedslund, Jan (1988). Psycho-Logic. Berlin: Springer.

Wottawa, Heinrich (1988). Psychologische Methodenlehre. Eine orientierende Einführung. Weinheim: Juventa.

Zum Autor

Carlos KÖLBL ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie und Soziologie (Abteilung Psychologie) am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Hannover. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Geschichtsbewusstsein im Kindes- und Jugendalter; Psychologie der kulturhistorischen Schule; Kulturpsychologie; qualitative Methoden; Unterrichtsforschung. In FQS finden sich Besprechungen von Carlos KÖLBL zu: Vom Einzelfall zum Typus (KELLE & KLUGE 1999), Rekonstruktive Sozialforschung (BOHNSACK 1999) sowie (zus. m. Jürgen STRAUB) zu Cultural Psychology and Qualitative Methodology (RATNER 1997).

Kontakt:

Dr. Carlos Kölbl

Institut für Psychologie und Soziologie
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Universität Hannover
Bismarckstr. 2
D-30173 Hannover

E-Mail: koelbl@erz.uni-hannover.de
URL: http://www.erz.uni-hannover.de/~ckoelbl/  

Zitation

Kölbl, Carlos (2005). Rezension zu: Wilhelm Kempf (2003). Forschungsmethoden der Psychologie. Zwischen naturwissenschaftlichem Experiment und sozialwissenschaftlicher Hermeneutik. Band 1: Theorie und Empirie [14 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 6(2), Art. 18, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0502189.



Copyright (c) 2005 Carlos Kölbl

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