Volume 6, No. 1, Art. 10 – Januar 2005

Das frühe homosexuelle Selbst zwischen Autobiographie und medizinischem Kommentar

Tilmann Walter

Zusammenfassung: Die Geschichte des frühen homosexuellen Selbst lässt sich in drei Phasen unterteilen: eine Zeit "latenter" Selbstzeugnisse, die bis ca. 1865 andauerte, dann eine Phase der Aktivierung des "homosexuellen" Wissens durch medizinische Experten und eine seit ca. 1895 andauernde Phase der zunehmenden Entmündigung dieser Stimme im Expertendiskurs. Um 1900 war Homosexualität als Verhalten bereits auf das "Skript" "homosexuelles Selbst" festgelegt: In den Augen der meisten Experten handelte es sich dabei um eine behandlungsbedürftige Krankheit, in den Augen der betroffenen Personen meistens nicht. In historischen Darstellungen werden "die Homosexuellen" deshalb häufig als Opfer medizinischer Machtausübung dargestellt. Hier soll demgegenüber argumentiert werden, dass sich Subjekte im Rahmen einer "flexiblen Normalisierung" selbst gesellschaftlichen Normen unterworfen haben. Historische Dokumente werden von mir mit Hilfe eines Modells der Persönlichkeitsentwicklung in der therapeutischen Beziehung interpretiert. Inzwischen hat die Einheitsanthropologie, die die Scientia sexualis anfangs geprägt hat, stark an Bedeutung verloren: Geschlecht und Sexualität gelten weithin als "Verhandlungssache", die Lebensweisen "heterosexueller" und "homosexueller" Männer – und inzwischen auch vieler berufstätiger Frauen – unterscheiden sich immer weniger deutlich. Von entscheidendem Einfluss scheint dafür der Wandel von der Produktions- hin zur Konsumtionsgesellschaft gewesen zu sein: "Die Homosexuellen" um 1900 können als "Avantgarde" des konsumistischen Habitus interpretiert werden.

Keywords: Geschichte der Homosexualität, Geschichte der Psychotherapie

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangsüberlegungen und Methode

2. Das sexuelle Selbst als Problem

3. Werden, was man ist: die frühe "homosexuelle" Erfahrung

4. Der klinische Blick nimmt Maß

5. Die doppelte Verantwortlichkeit der Psychopathia sexualis

6. Widersprüche der "Emanzipation"

7. Suggestionen, Transplantationen, Analysen

8. Schluss

Literatur

Anmerkungen

Zum Autor

Zitation

 

1. Ausgangsüberlegungen und Methode

Vielfach wird homosexuelles Verhalten heute als "natürlicher" Ausdruck eines bestimmten Persönlichkeitstyps eingeschätzt. Dieses Denkmodell ist historisch fassbar, es hat sich seit den späten 1860er Jahren in Abgrenzung vom juristischen Diskurs um "sodomitische" Verbrechen entwickelt (vgl. TAEGER 2002). Die (Selbst-)Wahrnehmung von Menschen als "homosexuelle" Persönlichkeiten im Zusammenhang des Diskurses über, wie man früher sagte, "urnische Liebe" oder "conträre Sexualempfindung" zählte zu den neu gewonnenen Überzeugungen des industriell und urban geprägten Bürgertums.1) Erstmals wurde dieses "homosexuelle" Selbst durch einen der Betroffenen beschrieben, den hannoverischen Amts-Assessor Karl Heinrich ULRICHS (1825–1895), der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, seine Gefühle gegenüber anderen Männern "zu rechtfertigen, und zwar vollständig zu rechtfertigen" (ULRICHS 1862, S.64). Vertreter der Psychiatrie und Psychologie haben Menschen wie ihn in den Jahrzehnten um 1900 in ein Schema gradueller Übergänge zwischen den Geschlechtern eingeordnet (vgl. grundlegend MILDENBERGER 2002). Indem sie dabei auch anstrebten, das subjektive Erleben dieser "Kranken" zum Wohl der Gesellschaft therapeutisch zu beeinflussen, funktionierten ihre Wissenschaften als Instrumente der "Macht". [1]

Dabei wirkt die Entgegensetzung von "der Macht" und den ihr unterworfenen Subjekten aber zu simpel. "Die Macht" ist in der historischen Analyse nichts Abstraktes, und "ihre" Ziele werden nicht außerhalb der Gesellschaft und den beteiligten Individuen festgelegt. Michel FOUCAULT hat diese Vorstellung als das "juridische Modell der Macht" kritisiert und rückte eine von den Subjekten sich selbst auferlegte Kontrolle ins Zentrum des Interesses.2) Eine minutiöse Rekonstruktion von FOUCAULTs Gedankengang hat Sabine MAASEN (1998) vorgelegt. Den Vorgang versteht sie dabei als "gesellschaftliche Disziplinierung abweichenden Begehrens" (S.472). Einige Fragen lassen sich an diese Formulierung anschließen: Wer diszipliniert in einer solchen Beziehung wen? Abweichend wovon? Und: Wie sollte eine "Therapeutisierung sexueller Selbste" (so der Untertitel) ohne aktive Mitwirkung der zu therapierenden Subjekte vor sich gehen? In Abgrenzung von FOUCAULTs (älterem) Modell der Disziplinierung "von oben", wie es in MAASENs Untersuchung bestätigt wird, spricht man inzwischen treffender von einer "flexiblen Normalisierung" des Sexuellen (LINK 1997), der sich die Subjekte selbst unterziehen, um gesellschaftlich übliche Normen nicht zu ihrem Nachteil zu durchbrechen. Ausgehend von diesem Gedankengang will ich im folgenden versuchen, den fraglichen Vorgang ohne Verweis auf geschichtliche Quasi-Subjekte wie "die Macht" oder "die Disziplinierung" zu verstehen. Historische Dokumente aus der Entstehungszeit des "homosexuellen Selbst" sollen ausgehend von einem theoretischen Modell der Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen therapeutischer Beziehungen interpretiert werden. [2]

Als Historiker kann man sich (etwa angesichts des gegebenen Beispiels) fragen: Wie entsteht eigentlich Neues in Gesellschaft, Kultur oder Wissenschaft? Eine zweite Frage ließe sich daran anschließen: Glauben wir, unsere gesellschaftlichen, kulturellen oder wissenschaftlichen Systeme könnten jemals einen solchen Grad der Vollkommenheit erreicht haben, dass ein Zustand der Stasis, eine "kulturelle Kristallisation" (Arnold GEHLEN) einträte? Sigmund FREUD hat eine solche Erwartung bekanntlich in Das Unbehagen in der Kultur als einen unerfüllbaren Wunsch zurückgewiesen. Leidenszustände des Individuums entwickeln sich für ihn aus der Notwendigkeit, sich kulturellen Werten unterzuordnen, unabhängig davon, wie "fortschrittlich" eine Gesellschaft ist. Tatsächlich sind wir Menschen grundsätzlich nicht nur kulturfähig, sondern auch in hohem Maß kulturbedürftig (vgl. einführend in die Debatte KLEEBERG & WALTER 2001). Basale Bedürfnisse, die sich um Essen und Trinken, Geschlecht und Sexualität, Körper, Gesundheit und Krankheit sowie Geburt, Wachstum und Tod gruppieren, unterliegen nicht mehr den Instinkten, sondern müssen durch symbolische Ordnungen bewältigt werden. Die Sozialpsychologen John GAGNON und William SIMON (1986) haben bezüglich der historischen Figurationen des Sexuellen die Ebenen von Individuen, sozialen Konventionen und Kultur(en) unterschieden. Sexuelles Verhalten und Erleben werden ihrem Modell zufolge durch intrapsychische und interpersonale "Skripte" und kulturelle Szenarios gesteuert, die festlegen, was als Sex verstanden und praktiziert wird.3) So wurde beispielsweise um 1900 Homosexualität als Verhalten mit dem "Skript" "homosexuelles Selbst" festgeschrieben: In den Augen der meisten medizinischen Experten handelte es sich dabei um eine behandlungsbedürftige Krankheit, in den Augen der gemeinten Personen meistens nicht. Inzwischen gilt Homosexualität als Verhalten und homoerotisches Empfinden gemäß diagnostischer Manuale nicht mehr als "Krankheit". Zugleich wird die Tendenz beobachtet, dass das "homosexuelle" Selbst als eigenständiger Persönlichkeitstypus an Bedeutung wieder verliert. [3]

Wie FOUCAULT (1983) ausgeführt hat, wurden zwischen 1800 und 1900 mit dem neuartigen anthropologischen Wissen Praktiken entwickelt, die darauf abzielten, das Leben zu regulieren und zu optimieren. Im Zuge dieser "Biopolitik", die sich nicht mehr auf Rechtsordnungen und die durch sie geregelten Handlungszusammenhänge, sondern auf "das Belebte" selbst richtete, sei ein machtgeladenes "Sexualitäts-Dispositiv" entstanden, formiert aus den besagten anthropologischen Wissensbeständen, liberalen Ordnungsvorstellungen und kapitalistischen Wirtschaftsformen. Die "Erfindung" der "Spezies" des Homosexuellen war für ihn eine Folge dieser gesellschaftlichen Transformation. Das "Sexualitäts"-Modell lässt sich aber auch positiver deuten als FOUCAULT dies im zeitkritischen Geist der späten 1960er und 1970er getan hat. Henning BECH (1997, S.214-217; ders. 2000) hat stärker die kommunikativen Freiräume in der Moderne herausgestrichen. Im Zuge des fortschreitenden Bedeutungsverlustes traditionsgeleiteter Formen von Partnerschaft, Familie und sozialem Zusammenleben hätten sich informelle "Geschlechterspiele" etabliert, mit Hilfe derer sich die überkommenen Männlichkeits- und Weiblichkeitsstilen willkürlich kombinieren ließen. [4]

Auch Judith BUTLER hat, dabei direkt an FOUCAULT anschließend, den Gedanken stark gemacht, dass eindeutige Denotate wie "der Mensch", "Geschlecht" oder "Körper" im Geschlechter-Diskurs inzwischen zunehmend an Bedeutung verloren haben. Jenseits der unterstellten "neuen Eindeutigkeit" in diesen Fragen, wie sie von der Soziobiologie und "Evolutionären Psychologie" postuliert wird, kann man den gängigen gesellschaftlichen Diskurs wohl kaum anders interpretieren, als BUTLER (1991) dies getan hat. Die Pluralität der Menschenbilder erklärt sich unter den Bedingungen einer demokratischen Öffentlichkeit schon aus dem Grundrecht der Meinungsvielfalt. Wie auch immer soziobiologische Texte im Einzelnen politisch zu verorten sind, so sind sie doch in der Frage der Berechtigung abweichender Meinungen meist vordemokratischen Traditionen verpflichtet. Die dezidierte Einheitsanthropologie, die die Scientia sexualis demgegenüber anfangs stark geprägt hat (vgl. programmatisch BLOCH 1914), ist zwischenzeitlich durch ein pluralistisches Wissen über den Sex und die Geschlechter verdrängt worden. BUTLER (1991, S.190) zufolge werden Begehren und Geschlecht durch performative Akte der "Einschreibung", die sich im sozialen Zusammenleben vollziehen, festgelegt. Auch das "homosexuelle" Selbst entsprach ihr zufolge also keinem zeitenthobenen biologischen Faktum, sondern ist – als intrapsychisches Skript sensu GAGNON und SIMON – Produkt eines historischen Zeitverlaufs.4) Die klinischen Dialoge, die im folgenden untersucht werden sollen, können mit BUTLER als gezielte "Verkörperung" symbolischer Inhalte interpretiert werden, als deren Ergebnis – indem die Betroffenen "ihre Geschichte" erzählten (vgl. KEILSON-LAURITZ 1997; MÜLLER 1991) – neuartige Ausdrucksformen und Narrationen entstanden. Ärztliche Experten suchten ihre medizinische Kompetenz durch die Nacherzählung der Krankengeschichten und Behandlungsbemühungen zu beweisen. Wurde die Geschichte, wie in den folgenden Quellenausschnitten geschehen, publiziert, entstand eine weitere Erzählung, die sich auch an der Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser orientierte. [5]

Mit Blick auf die "Erfindung" des homosexuellen Selbst liegt damit, drei Jahrzehnten nach Beginn der Kontroverse zwischen "Essentialisten" und "Konstruktivisten" (vgl. dazu EDER 2002b; HERDT & STOLLER 1990; STEIN 1992), ein genauerer Blick auf die sozialen Rollen und Mechanismen, die in diesen Vorgang involviert waren, nahe. Meine im Folgenden eingenommene Perspektive nähert sich, wie schon der Bezug auf Autoren wie FOUCAULT, GAGNON und SIMON, BECH und BUTLER gezeigt hat, dem Konstruktivismus an. Im Gegensatz zu dessen "radikaler" Spielart gehe ich aber davon aus, dass die in der Moderne für gültig erachteten Aussagen über Geschlecht, Begehren und Sexualität nicht in einem "luftleeren" Raum konstruiert wurden, sondern auf subjektiv realen Empfindungen und körperlichen Zuständen aufbauten, die in neue soziale und psychische Sinnordnungen transferiert wurden. Die im folgenden untersuchten Quellen im Spannungsfeld zwischen Autobiographien, in denen die betroffenen "Kranken" von sich berichteten, und den medizinischen Kommentaren ihrer Editoren stehen für die Praxis, mit der das gleichgeschlechtliche Begehren beschrieben, erklärt und bewältigt werden sollte. Wissenschaftsgeschichtlich markieren sie den Ausgangspunkt des modernen psychotherapeutischen "Selbst-Analyse-Komplexes" (BECH 1997, S.196). Die klinischen "Gespräche" – man darf dies teilweise wörtlich nehmen –, um die es dabei geht, waren ein symptomatischer Ausdruck und funktionaler Bestandteil der in jener Zeit lebhaft fortschreitenden Medizinisierung der Gesellschaft. Vornehmlich soll anhand dieser Quellen untersucht werden, nach welchen narrativen Ordnungen und vermeintlichen Wissensbeständen sich die Subjekte über ihr Begehren versicherten, und inwiefern die Kommentare diese Schilderungen bestätigten oder sie unter Rückgriff auf medizinische Erklärungen zu entwerten suchten. [6]

Betrachtet man eine psychotherapeutische Situation, wie sie damals präfiguriert war, unter normativen Aspekten, dann soll dadurch nach heutigem Dafürhalten eine persönliche Entwicklung mit dem Ziel der "Selbstakzeptanz" des Klienten durch den Klienten in Gang gesetzt werden (BOOTHE 2001, S.264). Körperliche Symptome, die der Deutung anfangs nicht zugänglich sind, werden innerhalb dieses Settings als unbewusste Inszenierungen seelischer Konflikte, als "Enactments" gedeutet, welche mittels Symbolisierung/Versprachlichung, Deutung und emotionaler Akzeptanz ins Bewusstsein integriert werden sollen (vgl. dazu GEISSLER & RÜCKERT 1998; HIRSCH 2002; RODEWIG 1997; STREECK 2000; STREECK & STREECK 2002; WIESSE & JORASCHKY 1998). Tatsächlich beschrieben sich damit übereinstimmend viele Betroffene, die in der Entstehungsphase des Homosexualitäts-Modells über sich erzählten, nicht als bewusste Urheber ihres Verhaltens, sondern als Unterworfene ihres sexuellen "Triebes". Die psychiatrischen Deutungen (zumal seit FREUD) sahen durch ihr Begehren aber auch etwas psychisch Eigenes repräsentiert. Solche Gesprächssituationen waren geprägt durch die ungleiche Ausgangslage der Beteiligten – einem Kranken und einem geschulten Experten, der seinem professionellen Rollenverständnis nach selbst weder "krank" war noch sein durfte. Freilich wurde dieses Machtverhältnis häufig von den Klienten freiwillig aufgesucht und konnte von ihnen auch wieder verlassen werden (vgl. FORRESTER 1985). [7]

Im Hinblick auf seine psychische Dynamik ist ein solcher biografischer Prozess, den eine Psychotherapie gezielt zu fördern sucht, keine gefahrlose Unternehmung. Eine gefühlte Einheit des Subjekts scheint doch unverzichtbar zu sein, andernfalls droht ihm die Auflösung in Gestalt neurotischer Krankheitsmuster oder Psychosen (vgl. DARMSTÄDTER & MEY 1998, S.91; FISCHER-ROSENTHAL 1999; MÜLLER 2001, S.26). Die hier untersuchten Fallgeschichten berichten häufig von schwerwiegenden Komplikationen dieser Art. Dabei werden klinische Situationen und Deutungen von den konkreten Erfahrungen der Subjekte wenigstens mitbestimmt, bzw. es soll heute nach therapeutischen Dafürhalten gerade der krisenhafte Zustand eines Klienten/einer Klientin für die Option, etwas Neues zu etablieren, stehen, sei es als ein persönlicher Schritt in ein anderes Leben, sei es als eine veränderte wissenschaftliche Deutung der Symptome. Dabei – so lautet dann die wissenschaftshistorische Grundthese meines Beitrags – bezeichnen Gefühle wie das gleichgeschlechtliche Begehren im Wissenschaftsprozess den "Rand" dessen, was epistemisch bewältigt ist (vgl. WALTER 2000, S.41). Meinem Verständnis zufolge haben Psychiatrie und Psychologie um 1900 innovative Erklärungen formuliert, wodurch (homo-)sexuelle Erfahrungen in die gesellschaftliche "Normalität" integriert werden konnten und auf die Dauer ihren krisen- und "krankhaften" Charakter verloren haben. Aber epistemische Ordnungen werden niemals vollständig sein, sondern es werden stets Phänomene übrig bleiben, die jenseits des wissenschaftlich Bewältigten liegen. [8]

Wenn heutzutage "Transsexualität" wie eine soziale und medizinische Herausforderung hinsichtlich der Verhältnisse von Sexualität, Begehren, Sex und Gender erscheint, dann deshalb, weil (noch) umstritten ist, wie mit dem Gefühl, "im falschen Körper geboren zu sein", wissenschaftlich umzugehen ist. Vorerst existiert kein allgemein verbindliches Skript, nach dem solche Empfindungen einzuordnen wären, und keine endgültig befürwortete soziale oder therapeutische Lösung für derartige Probleme. Ähnlich stand es um 1900 mit der Homosexualität (die ein Jahrhundert später als vergleichsweise "normal" und "alltäglich" behandelt wird). Auch inhaltlich ergeben sich auffallende Übereinstimmungen, worauf in jüngerer Zeit verschiedentlich hingewiesen worden ist: Transsexualität erscheint heute, wie Homosexualität früher, als die problematische Ausprägung der androgynen Verfasstheit des Menschen (vgl. HIRSCHAUER 1993; LINDEMANN 1993; PFÄFFLIN 2000; RUNTE 1996). [9]

2. Das sexuelle Selbst als Problem

Das homosexuelle Begehren war früher gleichfalls etwas außerordentlich Unheimliches und provozierte – sogar bei den Betroffenen selbst – Unverständnis. Dadurch wirkt es in vielen Texten tatsächlich wie eine Quelle seelischer Nöte und Erkrankungen, so bspw. in den Erinnerungen (geschrieben um 1863/64, erstmals auszugsweise veröffentlicht wurde das Manuskript im Jahr 1872) des Hermaphroditen Herculine BARBIN (1838–1868; zu ihrem "Fall" vgl. BUTLER 1991, S.141-159; DORNHOF 1999; FOUCAULT 1998; SCHÄFFNER & VOGL 1998). BARBIN war in einer klösterlichen Umgebung als Mädchen erzogen, im Alter von 21 Jahren aber durch die Behörden zum Mann erklärt worden. Ihre Pubertät verlief unglücklich. Nachts quälten sie Halluzinationen, tagsüber eine "unüberwindliche Traurigkeit" und "fortwährende Unruhe" (BARBIN 1863/64, S.49). All dies blieb ihr selbst in höchstem Maße unverständlich, sie "verzehrte die schreckliche Qual des Unbekannten" (ebd., S.51; Hervorh. im Original). Ihre Liebe zu Frauen wurde von der Heranwachsenden als sündhaft erlebt und verwirrte sie in hohem Maße. Auch rückblickend konnte sie diese Gefühle weder einordnen noch eine Erklärung für sie finden. Wiederholt suchte sie den seelsorgerischen Dialog in der Beichte, wo sie aber keine Erleichterung von ihren psychischen Nöten fand (ebd., S.70, 77). [10]

Am Ende blieb ihr nur Todessehnsucht, ein tief empfundener Wunsch zu vergessen: "Dieser endlose Kampf der Natur gegen die Vernunft kostet mich jeden Tag mehr Kraft und bringt mich mit großen Schritten dem Grab näher", schreibt BARBIN (1863/64, S.115). Wofür für BARBIN hinsichtlich ihrer Sexualität "Natur" und "Vernunft" standen, wird allerdings nicht deutlich. Ihre Lebenserzählung wirkt wie ein innerer Monolog und dabei überaus statisch, BARBINs sexuelle Person erfährt darin (trotz des Geschlechterwechsels) keine Entwicklung. Die späteren ärztlichen Kommentatoren betrachteten ihren Suizid als tragisch und führten ihn auf das Versäumnis von Eltern, Ärzten und Behörden zurück, BARBINs Geschlecht bei der Geburt korrekt zu bestimmen. Der Pathologe Ambroise TARDIEU (1874, S.175) kommentierte als Herausgeber des Textes: "Der außerordentliche Fall, der mir zu berichten bleibt, bietet in der Tat das grausamste und schmerzlichste Beispiel für die verhängnisvollen Folgen, die eine irrtümliche Festlegung des Personenstandes bei der Geburt nach sich ziehen kann." Eine falsche ärztliche Begutachtung der Geschlechtsteile als eine Fehlleistung der verantwortlichen Behörden – TARDIEU erkannte in BARBIN keine "Homosexuelle" oder dergleichen, und auch sie selbst hat sich nicht als solche beschrieben.5) [11]

3. Werden, was man ist: die frühe "homosexuelle" Erfahrung

Herculine BARBINs Fall ist eher eine Marginalie der Sexualwissenschaft geblieben. Eine gesellschaftlich wirksame Dynamik entwickelte sich ausgehend davon, dass es den Betroffenen gelang, ihre Gefühle für sich selbst zu akzeptieren. Karl Heinrich ULRICHS veröffentlichte zwölf Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe (1863–1879), in denen er sich mit dem Argument, homoerotisches Empfinden sei von der Natur angelegt, gegen jede Bestrafung gleichgeschlechtlichen Verhaltens aussprach.6) Zuvor äußerte er sich in vier an seine Familie gerichteten Briefen aus dem Jahr 1862 recht persönlich über seine Sexualität. Sie sind, anders als BARBINs Lebensbericht, dialogisch strukturiert und beinhalten weniger Klagen über das Schicksal sozialer Ausgrenzung als Selbstrechtfertigungen, die auf einzelne Vorwürfe, die seitens der Verwandten erhoben wurden, detailliert eingehen. Er empfinde, so stellte ULRICHS gegenüber seinen Angehörigen fest, keine generelle Abneigung gegen Frauen, aber doch "in Bezug auf geschlechtliche Liebe" und erklärte dies dadurch, dass ihm "der liebe Gott" diese Veranlagung eingepflanzt habe (ULRICHS 1862, S.42f.). Vom Apostel Paulus würden ja auch lediglich diejenigen Männer verurteilt, die "ihre Natur verlassen hätten", was bei ihm nicht der Fall sei. Er halte es deshalb "gerade für eine Sünde an Gottes Werk", gegen seine "natürlichen" Empfindungen anzukämpfen (ebd., S.52; einen weiteren religiös motivierten Beleg dokumentiert SIGUSCH 1999, S.254). Männer wie er, die er "Uranier" oder "Urninge" nannte, seien nämlich von Natur aus "gar nicht Männer im gewöhnlichen Begriff" (ULRICHS 1862, S.47). Männlich sei nur ihr Körper, doch wohne darin die Seele einer Frau (zu dieser Denkfigur des frühen Homosexualitäts-Diskurses vgl. HEKMA 1994). So wie es unter den Menschen vom Normalfall abweichende körperliche Anlagen gebe, können nach ULRICHS auch ungewöhnliche Triebe angeboren vorkommen. Der Uranismus war für ihn dementsprechend eine Unterart des Hermaphroditismus, und ganz wie bei den körperlichen Zwittern sei dieser Zustand von Geburt an unveränderlich. Seine Mutter habe ihm als Kind gegenüber bspw. oft geklagt: "Du bist nicht so wie andere Jungen!" (ULRICHS 1862, S.52)7) In der Pubertät werde das mannmännliche Begehren manifest und äußere sich von nun an in Gestalt sexueller Träume,8) die bei Uraniern ausschließlich Männern gelten. Wichtig war es dem Verfasser der Briefe also zu betonen, dass seine Neigungen vegetativer Natur waren, und er verwehrte sich klar gegen die Vorstellung, sein Begehren sei erst durch falschen Umgang "verformt" worden (vgl. dazu auch SMITH 1997). In Wahrheit würden homoerotische Sehnsüchte nämlich schon verspürt in einem

"Alter von 13–14 Jahren und in einer Umgebung, in welcher dem jungen Manne die Liebe zum weiblichen Geschlecht förmlich anerzogen und eingetrichtert wird und in welcher er von Liebe eines Mannes zu Männern auch nicht eine Silbe gehört hat." (ULRICHS 1862, S.61) [12]

Seine daraus entstehende persönliche Situation schilderte er als tragisch: Frauen finde er geschlechtlich abstoßend, doch zu anderen Uraniern habe er sich ebenfalls nie hingezogen gefühlt. So blieben ihm nur unerfüllte Schwärmereien, besonders für gut gewachsene Uniformträger. ULRICHS' Briefe wirken auf mich wie eine selbstinduzierte Therapie. Im sehr persönlich gehaltenen Brief an seine Schwester drückt ULRICHS sich so aus: "Ich mache die merkwürdige Erfahrung an mir: je mehr Beweisgründe ich entdecke für mein System, je sicherer und je klarer ich in demselben werde, um so mehr schmilzt alle meine frühere Bitterkeit dahin über die erfahrenen Unbilden." (ebd., S.47) [13]

Die Familie, die sich wegen seiner, sich selbst zugeschriebenen "Veranlagung" nicht gänzlich von ihm abwandte, formulierte Zweifel, die er meinte, vollständig ausräumen zu können. Seine innere Kongruenz und sein Selbstbewusstsein scheinen durch diese Auseinandersetzung gewachsen zu sein. Auch in seinen politischen Schriften tendierte er anfangs dazu, an das Gefühl zu appellieren, was in den genannten Privatbriefen eine sinnvolle kommunikative Strategie gewesen sein mag. Doch die von ihm erhoffte Verschmelzung mit seiner homoerotischen Erfahrungswelt musste auf Seite der Leserinnen und Leser seiner politischen Schriften wohl scheitern. Ihre Sympathie – verstanden im doppelten Sinn des Wortes – stand ihm nicht offen. ULRICHS (1864a, S.VIII) antizipierte das und folgerte daraus: "Darum bleibt mir nichts übrig, als an euren Verstand nachstehend mich zu wenden, als an euren nackten kalten Verstand mit nackten kalten Vernunftschlüssen heranzutreten." Gegenüber Dingen, die das Gefühlsleben betreffen, kann das rationale Verständnis nur ungenügend sein, und daher musste sein Anliegen, um intersubjektiv vermittelbar zu sein, in Aussagen transferiert werden, die rationale Gültigkeit beanspruchen konnten: Der politische Kämpfer ULRICHS mutierte so eher unfreiwillig zum wissenschaftlichen Experten in eigener Sache (vgl. hierzu GULDIN 1995, S.116-188; LINCK 2000). Während BARBIN in emotionaler und sozialer Isolation verharrte, die ihrem Bewusstsein entsprang, von niemandem verstanden zu werden, und am Ende den Freitod einer solchen Existenz vorzog, beschritt ULRICHS einen anderen Weg. Er sicherte sich mit Hilfe wissenschaftlicher Argumente einen inneren Freiraum und ging äußeren Anfeindungen schließlich gezielt aus dem Weg – betagt starb er im selbstgewählten Exil in Italien. Der stilistische Wandel in ULRICHS' Schriften wirkt daher auf mich symptomatisch: Die Sprache der Empfindsamkeit, mit der BARBIN die Einzigartigkeit und Unaussprechlichkeit ihrer sexuellen Gefühlswelt betonte, versagte bei ihm angesichts der kommunikativen Aufgaben, die sich nun stellten. ULRICHS wusste um dieses Dilemma – sein "Wille zum Wissen", den er aus eigenem Antrieb diskursiviert hat, kompensierte einen Mangel an emotionalem Verständnis. [14]

4. Der klinische Blick nimmt Maß

Karl Heinrich ULRICHS hat sich bemüht, allen denkbaren Gegenargumenten verstandesmäßig zu begegnen, doch seine politischen Bemühungen blieben praktisch erfolglos. Der neue Paragraf 175 RStGB von 1870 stellte koitusähnliche Handlungen zwischen Männern unter Strafe,9) wohingegen die meisten Mediziner Urninge für degeneriert und krank, aber auch schuldlos erklärten.10) ULRICHS' (1868, S.20) klare Feststellung, "Wenn der Urning urnisch liebt, so ist das weder sittliche Verirrung noch Entartung", fand von ärztlicher Seite keine Bestätigung. Die pathologisierende Lesart der Mediziner stand von Anfang an in Verbindung mit erbbiologischen Argumenten. Der Psychiater Carl WESTPHAL (1833–1890) veröffentlichte 1870 im Archiv für Psychiatrie einen Artikel über Die conträre Sexualempfindung, Symptom eines neuropathischen (psychopathischen) Zustandes,11) welche er nicht ohne Anteilnahme beschrieb. Neben Ulrichs' Schriften hatten zwei weitere Fälle seine Aufmerksamkeit erregt.12) Man habe, so schloss er aus seinen Beobachtungen, in solchen Fällen "eine angeborene Verkehrung der Geschlechtsempfindung mit dem Bewusstsein von der Krankhaftigkeit dieser Erscheinung" vor sich (WESTPHAL 1870, S.73). Tatsächlich fehlte aber bei beiden von WESTPHAL beschriebenen Patienten (wie bei ULRICHS) die subjektive Einschätzung, krank zu sein. [15]

WESTPHALs erste Fallbeschreibung betraf ein Fräulein N., das 1864 im Alter von 35 Jahren in die "Irren-Abteilung" der Berliner Charité gelangt war. Dort befragt, gab sie an, sie habe seit ihrem achten Lebensjahr ausschließlich Frauen geliebt und nie Neigung verspürt, mit Männern geschlechtlich zu verkehren. Ihre Gefühle erklärte sie (ähnlich wie ULRICHS dies in seinen frühen Schriften tat) durch eine "Art Magnetismus" (WESTPHAL 1870, S.75; vgl. ULRICHS 1864b, S.20-22). Infolge ihrer unerwiderten Liebe zu einer jungen Frau, die als Untermieterin bei ihrer Schwester wohnte, habe sie Kopfschmerzen, Beklemmungsgefühle in der Brust und eine große "Neigung zum Schlafe" verspürt. Phasen der Schwermut wechselten sich mit Wutanfällen ab, dann sprach sie "nur von Rache, von Sterben, und hatte allerlei schwarze Gedanken" (WESTPHAL 1870, S.75). Solche Symptome der Melancholie verspürte die Patientin vor allem, nachdem sie gegenüber der jungen Frau zudringlich geworden war, welche ihre Zärtlichkeiten aber zurückgewiesen hatte. Ihr Liebeskummer betrübte sie am Ende so sehr, dass sie auf eigenen Wunsch in die Heilanstalt eingeliefert wurde. Dort entrüstete sie sich allerdings, dass man sie in die "Irren-Abtheilung gebracht habe, da sie geistig nicht gestört sei" (ebd.). Sie wünschte, den Ort bald wieder verlassen zu können, da sie befürchtete, sie könnte durch den Kontakt mit Kranken ein "Nervenfieber" bekommen. Nach zwei Monaten wurde die Frau ohne Befund entlassen, denn auch die Ärzte konnten nichts Schwerwiegendes feststellen: "Ausgesprochene affectartige Zustände, Sinnestäuschungen, Wahnvorstellungen" seien während dieser Zeit nicht zutage getreten, und auch körperlich konnte an ihr nichts Ungewöhnliches oder vom "weiblichen Typus Abweichendes" beobachtet werden (ebd., S.78).13) [16]

WESTPHAL hat die Frau fünf Jahre später, im Mai 1869, erneut aufgesucht, um Näheres über ihren Zustand in Erfahrung zu bringen. Sie gab bei dieser Gelegenheit an, sich generell mehr als Mann zu fühlen und auch keinen Gefallen an weiblichen Beschäftigungen zu finden (vgl. ebd., S.80). Sein klinischer Kommentar schätzt diese Aussage für glaubhaft ein und münzt sie zu einer wissenschaftlichen Tatsache um: Bei Fräulein N. liege das "Phänomen der Verkehrung der Geschlechtsempfindung, das Gefühl, ein männliches Wesen darzustellen" vor, das "unabhängig von irgend welcher absichtlichen oder Selbst-Täuschung von frühester Jugend an" bestanden habe (ebd., S.91). Der Befund müsse dahin lauten, "daß eine conträre Sexualempfindung angeboren vorkommt" (ebd., S.94). WESTPHAL zählte sie unter die "angeborenen Perversitäten des Fühlens, Vorstellens und Handelns", vorzugsweise unter solche der "moral insanity" (ebd., S.96f.). Der Selbstmord des Vaters bewies ihm zudem die erbliche Anlage dieser "Geistesstörung" – abgesehen von dieser pathologischen Deutung bestätigte WESTPHAL aber die Selbstaussagen seiner Patientin und die von ULRICHS. Er hielt die verkehrte geschlechtliche Empfindung für keinen hinreichenden Anlass, eine solche Person gegen ihren Willen festzuhalten – sei es nun im Gefängnis oder in der Irrenanstalt. Die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Handlungen bewertete er jedoch grundsätzlich als angemessen (vgl. ebd., S.108). [17]

5. Die doppelte Verantwortlichkeit der Psychopathia sexualis

Carl WESTPHALs Text bezeugt den (mutmaßlichen) psychiatrischen Erstkontakt mit dem homosexuellen Selbst – zumindest für den Fall, dass es als solches verstanden wurde. Seiner Einschätzung entsprechend waren die Betroffenen krank und daher im rechtlichen Sinne schuldlos. Erstmals wurde diese exkulpierende Strategie 1869 im Strafprozess um den "Fall Zastrow" öffentlich vertreten. Selbstaussagen und kommentierende Publikationen von ULRICHS, die von ZASTROW als "Urning" klassifizierten, beeinflussten die Öffentlichkeit freilich nicht zugunsten des Angeklagten. Angesichts des skandalträchtigen und gewalttätigen Vorkommnisses – Leutnant a.D. Karl Ernst von ZASTROW (1821–1877) wurde angeklagt, einen Fünfjährigen sexuell missbraucht, verstümmelt und getötet zu haben, ein Fünfzehnjähriger war ebenfalls missbraucht worden und nur mit Glück mit dem Leben davongekommen – wirkte das von von ZASTROW zu seiner Verteidigung bemühte Argument eher in die entgegengesetzte Richtung.14) Die Öffentlichkeit nahm seine sich selbst zugeschriebene "Veranlagung" als gleichermaßen pathologisch und kriminell wahr. Zugleich bestätigten die Presseberichte über den Prozess Befürchtungen, in Großstädten herrschten in Folge des Niedergangs traditioneller moralischer Werte schlimme Zustände. Von ZASTROWs Homosexualität schien ein Menetekel für den moralischen, aber auch biologischen Verfall westlicher Nationen zu sein. [18]

Der Psychiater Richard von KRAFFT-EBING (1840–1902) bewirkte mit seinem Hauptwerk Psychopathia sexualis (1886)15) viel für die Integration der "Homosexuellen" in die bürgerliche Ordnung. Magnus HIRSCHFELD (1914, S.968) meinte sogar, "kaum ein zweites Buch in der Weltliteratur" habe "so vielen Tausenden den inneren Seelenfrieden wiedergegeben und durch seine Aufklärung so unendlichen Segen gestiftet." Wie viele Wissenschaftler seiner Zeit war KRAFFT-EBING überzeugt, dass sich die Gesellschaft in einem Prozess fortschreitender Degeneration befinde und deutete sexuell abweichendes Verhalten als Beleg und Symptom einer solchen Entwicklung. Das Sexuelle stand für ihn für die "Nachtseite menschlichen Lebens" und müsse zum Thema von "Männern ernster Forschung auf dem Gebiet der Naturwissenschaft und der Jurisprudenz" gemacht werden (KRAFFT-EBING 1912, S.V). Dabei galten ihm alle Menschen gleichermaßen als durch ihre Sexualität gefährdet, und unter pessimistischen Vorzeichen implizierte dies Gleichheit. Wesentlich scheint für ihn die Erfüllung bürgerlicher Pflichten und die Einhaltung entsprechender Lebensumstände gewesen zu sein. Andernfalls laufe "der Culturmensch" jederzeit Gefahr, "von der lichten Höhe reiner und keuscher Liebe in den Sumpf gemeiner Wollust herabzusinken" (ebd., S.6). Industrialisierung und Großstadtleben gefährdeten die Nervenkräfte zivilisierter Völker zusätzlich,16) und so bestätigte er das pessimistische Menschenbild, das innerhalb der psychiatrischen Deutungsmuster der 1890er Jahre vorherrschend geworden war (vgl. CHAMBERLAIN & GILMAN 1985). Die Veranlagung zur Perversion (wobei ihm jede infertile sexuelle Praktik als "pervers" galt) sei ein "funktionelles Degenerationszeichen" und in der Regel erblich bedingt (KRAFFT-EBING 1912, S.225). [19]

KRAFFT-EBING regte in der Überzeugung, der Gesellschaft einen überlebensnotwendigen Dienst zu erweisen, als Psychiater die "Perversen" dazu an, von sich selbst zu sprechen, und gewann aus diesen Mitteilungen Material für seine Klassifikation des Abweichenden und Gefährlichen, die dem Schutz der sozialen Ordnung und der abendländischen Kultur dienen sollte (vgl. OOSTERHUIS 2000). Die Erforschung der "perversen" Erfahrungswelt war dabei auf die Norm eines produktiven, potenziell fertilen und ehelichen Sexes gerichtet. Aussagen der Patientinnen und Patienten, sie seien geborene Urninge, Fetischisten, Masochisten usw. machte er sich zwar zueigen, nicht aber ihre Überzeugung, damit lasse sich ihre Harmlosigkeit beweisen. Als Arzt und Autor scheint er seinen Patientinnen und Patienten jedoch mit so viel Wertschätzung oder doch wenigstens so ausgesucht höflich begegnet zu sein, dass mehr als tausend Personen zu ihm Kontakt aufnahmen in der Hoffnung, Verständnis und innere Erleichterung von ihrer problematischen Lebenssituation zu finden. [20]

Tatsächlich wirkt das hohe Maß an Verständnis und Einfühlung, das KRAFFT-EBING für manche seiner Patientinnen und Patienten ausdrückte, bemerkenswert.17) Der Appell von ULRICHS, man möge der "urnischen Liebe" mit Sympathie begegnen, war also nicht ohne ein positives Echo geblieben. Den "Urningen" und anderen "Perversen" ermöglichte die Kontaktaufnahme zu KRAFFT-EBING einerseits subjektive Entlastung,18) andererseits wurden ihnen dadurch neue Attribute zugeschrieben und Erwartungen an ihr Verhalten formuliert, die sich mit der Zeit zu verbindlichen Skripten verdichteten (vgl. MARSHALL 1981): Ein Set biographischer Typen trat in Erscheinung. KRAFFT-EBING unterschied diesbezüglich (ähnlich wie später Magnus HIRSCHFELD)19) zwischen der einfachen Verkehrung der Geschlechtsempfindung (d.h. homosexuellem Begehren), beginnender charakterlicher Verweiblichung oder Vermännlichung, wahnhafter (und damit totaler) Verkehrung des Gefühls der Geschlechtszugehörigkeit und zum Schluss Abweichungen vom körperlichen Habitus. In der letzten von ihm selbst überarbeiteten Auflage der Psychopathia sexualis präsentierte er dazu 49 Fallgeschichten. Sie alle folgen mehr oder weniger dem klinischen Schema, das der Verfasser entwickelt hatte, wobei sich einige der Fallschilderungen diesem Schema stärker entziehen, andere fügen sich den pathologischen Zuschreibungen. [21]

Weil KRAFFT-EBING die konträre Sexualempfindung auf biologische Bedingungen zurückführte, berichten seine Fallbeschreibungen eingangs meist über charakterliche Defizite, Alkoholismus, Demenz, Melancholie, Selbstmorde und Perversionen unter den nahen Verwandten der Patientinnen und Patienten. Ein schon in der Kindheit vom eigenen Geschlecht abweichender Habitus bzw. entsprechende Empfindungen, Interessen und Verhaltensweisen galten ihm als Indizien für die erbliche Vorbelastung der Person. Dabei tendieren die Geschichten, je nach Lage des Falles, mehr zur Pathologisierung oder zur Normalisierung. Gut in das pathologische Deutungsmuster fügt sich bspw. der Fall Nr. 134: Ein als Chirurg praktizierender Arzt erlebte sich zunehmend weiblich, begehrte aber weiterhin Frauen. Ein Gefühl von Krankheit und Schuld hatte der Mann stark verinnerlicht. In seinem brieflichen Bericht bemühte er sich jedoch zu betonen, dass er seine "Standespflichten als Arzt, Bürger, [fünffacher] Vater und Ehemann" weiterhin erfülle und schon deshalb "nicht bloss Verachtung" verdiene (KRAFFT-EBING 1912, S.249). Seine Litanei aus medizinischen Termini und Selbstanklagen wird durch flehentliche Bitten um Verständnis unterbrochen. Der wissenschaftliche Kommentar erteilt diese Absolution aber nicht, sondern nennt den Verfasser des Briefes "schwer belastet" und "originär psychosexual abnorm, indem er charakterologisch und beim sexuellen Akt weiblich empfindet" – und klassifiziert ihn sogar als "paranoid".20) Seine bizarre Geschichte von Krankheit, psychischem Niedergang und Scheitern an Erwartungen der Umwelt erfüllte die Erwartungen des Schemas "Degeneration". KRAFFT-EBING wurde mit seinem Kommentar dem Briefschreiber gewissermaßen "gerecht", indem er dessen überwiegend negative Selbstwahrnehmung bestätigte. [22]

Andere Dokumente zeugen demgegenüber von einem intakten Selbstbewusstsein. Unter der Überschrift "Die homosexuelle Empfindung als angeborene Erscheinung" finden sich Schilderungen mit deutlich subkulturellen Zügen.21) Selbstakzeptanz der "Homosexuellen" bewirkte offenbar auch beim professionellen Personal Akzeptanz: Beobachtung 152 berichtet von einem Arzt, der sich seinem Standeskollegen KRAFFT-EBING gegenüber brieflich so beschrieb (alle Zitate im folgenden: KRAFFT-EBING 1912, S.285f.): "Mein Geschlechtstrieb erwachte, als ich 13 Jahre alt war, und richtete sich vom Moment seines Entstehens an auf jugendliche kräftige Männer. Anfangs war ich mir gar nicht darüber klar, dass dies eine Abnormität war." Nach dem Maturitätsexamen hatte er "eine grosse Anzahl von mir gleich- oder ähnlich gearteten Leuten" kennen gelernt, "darunter Karl Ulrichs (Numa Numantius)", und organisierte sein Sozialleben seiner "Veranlagung" entsprechend. Der urnische Arzt wusste eine geschlossene, stimmige Geschichte von sich zu erzählen und gab sich mit seiner Existenz zufrieden. Während des Studiums und mit niedergelassener ärztlicher Praxis lebte er eine Doppelexistenz, die erst nachdem er in flagranti mit einem anderen Mann beim Sex ertappt wurde, endete. Wie ULRICHS (und andere Urninge) übersiedelte er daraufhin nach Italien, um sich "eine neue Heimat dort zu suchen, wo weder das Gesetz noch die öffentliche Meinung dem entgegenstehen, was wie wohl alle abnormen Triebe von der Willenskraft nicht unterdrückt werden kann." Abnormalität meinte für ihn augenscheinlich nur eine statistische Aussage, denn es fehlt sonst jedes Eingeständnis, krank oder schuldig zu sein. Die selbstformulierte Beschreibung seines "Status praesens" spricht sogar für ein recht intaktes Selbstbild. Weil er sehr gut aussehe, habe er eine Menge Liebhaber gehabt, "die in ihren Kreisen dermassen meine Körperbeschaffenheit priesen, dass ich weithin für eine hervorragende Schönheit galt". Auch sonst präsentierte er sich als ein durchaus mit sich zufriedener Mensch:

"Bezüglich meiner Person muss ich noch folgendes erwähnen: Ich bin 186 cm hoch, von vollständig männlichem Habitus, und abgesehen von einer abnormen Reizbarkeit der Haut, gesund. Ich habe sehr dichtes, blondes Kopfhaar, ebensolchen Bartwuchs. Meine Geschlechtsteile sind von mittlerer Stärke und normal gebaut. Ich bin imstande, ohne Ermüdung zu spüren, 4–6mal innerhalb 24 Stunden den geschilderten geschlechtlichen Akt [Oral- oder Schenkelverkehr] zu vollziehen. Meine Lebensweise ist sehr regelmässig. Alkohol und Tabak geniesse ich sehr mässig. Ich spiele ziemlich gut Klavier und einige kleine Kompositionen von mir haben viel Beifall gefunden. Vor kurzem habe ich einen Roman beendigt, der, als Erstlingswerk, günstig in meinen Kreisen beurteilt wird. Derselbe hat mehrere Probleme aus dem Leben der Konträrsexualen zum Gegenstand." (KRAFFT-EBING 1912, S.287) [23]

Hier und auch in anderen Fällen bekräftigt der klinische Kommentar KRAFFT-EBINGs die günstige Selbsteinschätzung und lobt den männlichen Habitus und die überdurchschnittliche dichterische, musische und künstlerische Begabung vieler seiner Patientinnen und Patienten. Zur kulturgeschichtlichen Erläuterung wird der Leser oder die Leserin auf die Homoerotik der Antike hingewiesen. Damals habe die Knabenliebe für einen echten Mann als angemessen gegolten, und auch in der Gegenwart bewerteten die Betroffenen dies ähnlich: "Die meisten Urninge fühlen sich glücklich in ihrer perversen Geschlechtsempfindung und Triebrichtung und unglücklich nur insoferne, als gesellschaftliche und strafrechtliche Schranken ihnen in der Befriedigung des Triebes zum eigenen Geschlecht im Wege stehen." (ebd., S.260) [24]

KRAFFT-EBING bewies als Arzt also doppelte Verantwortlichkeit: gegenüber seinen Patienten und gegenüber der existierenden bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Der vordergründige Widerspruch zwischen dem Bewusstsein der Betroffenen, "normal" zu sein, und der Tatsache, dass KRAFFT-EBING ihre Anlage für das Kennzeichen eines "Niedergangs der Rasse" hielt, löste sich für ihn mit der Erfüllung des bürgerlichen Geschlechterideals auf. Bei verweiblichten Urningen verurteilte er weibischen Habitus und Gestus, Antriebsschwäche und Selbstsucht scharf. Die Anpassung an überkommene, als "natürlich" verstandene Rollenerwartungen und bürgerliche Umgangsformen22) bestimmte auch seine Einschätzung weiblicher Homosexueller, sogar in doppelter Weise – männliche Angewohnheiten wie das Rauchen und das Sporttreiben kommentierte er bei solchen Frauen nämlich mit Sympathie. Selbst wenn er in betrügerischer Absicht vollzogen wurde, wurde ein Rollenwechsel nicht rundweg als Symptom moralischen Schwachsinns abgewertet: Beobachtung 173 berichtet von einer Gräfin S., die sich als ein "Graf Sandor" mit einer Adligen verlobt hatte. Auch dieser Kriminalfall hatte seinerzeit einiges öffentliche Aufsehen erregt. Die vielfältigen Spleens in der Familie wertete KRAFFT-EBING bei "Graf Sandor" nachsichtig und nicht als Zeichen erblicher Belastung. Die Begegnung der betreffenden Person mit den Gerichtsärzten war, wie er berichtet, "einigermassen eine Verlegenheit für beide Teile, für die ersteren, weil S's vielleicht etwas greller forcierte männliche Tournüre imponierte, für sie, weil sie der Meinung war, mit dem Stigma der moral insanity bemakelt zu werden." (KRAFFT-EBING 1912, S.320) Unwohl fühlten sich angesichts der gelungenen männlichen Inszenierung folglich alle Beteiligten, und Gräfin S. profitierte von ihrem Geschlechtswechsel, weil sie als Mann ernst genommen wurde:

"Ein nicht unschönes, intelligentes Gesicht, das trotz einer gewissen Zartheit der Züge und Kleinheit aller Partien ein ganz entschieden männliches Gepräge hatte, wenn nicht der schwer entbehrte Schnurrbart fehlen würde! Fiel es doch den Gerichtsärzten schwer, trotz Damenkleidung immer gegenwärtig zu haben, dass es sich um eine Dame handelt, während der Verkehr mit dem Manne Sandor viel unbezwungener, natürlicher, scheinbar korrekter von statten geht. Dies empfindet auch die Angeschuldigte. Sie wird offener, mitteilsamer, freier, sobald man sie wie einen Mann behandelt." (KRAFFT-EBING 1912, S.323) [25]

KRAFFT-EBINGs Fallschilderungen, die homosexuelle Frauen betreffen, werten den sozialen Habitus des Mannes unabhängig vom "natürlichen" Geschlecht als den wertvolleren und nehmen überdies das subkulturelle Schema von Butches und Femmes scheinbar vorweg.23) Letzteren gegenüber begünstigte dann männliche Galanterie die Milde des Betrachters. Sichtlich beeindruckt hatte ihn bspw. die "äussere Erscheinung eines selten schönen Weibes" und der volle Busen eines zweiundzwanzigjährigen Fräuleins X. Von neuropathischer Konstitution, sei sie "auffällig durch burschikoses Wesen, hat entschieden männliche Neigungen, turnt, raucht, hat strammes Auftreten und entschieden männlichen Gang. Sie möchte sich der Bühne widmen" (ebd., S.310). So reproduzierte der ärztliche Blick auf weibliche Schönheit Klischees bürgerlicher Erotik. [26]

6. Widersprüche der "Emanzipation"

Magnus HIRSCHFELD (1868–1935) setzte sich stark für die soziale Akzeptanz des "Dritten Geschlechts" und seiner Lebensweise ein und versuchte dabei die biologisch-konstitutionelle Erklärung, wie sie auch von KRAFFT-EBING vertreten wurde, im Sinne dieses politischen Anliegens nutzbar zu machen (vgl. RAMIEN [i.e. HIRSCHFELD] 1896; HIRSCHFELD 1917a, 1917b). Für HIRSCHFELD war die "homosexuelle" Konstitution im Gehirn angelegt und wurde dort durch eine Mischung männlicher und weiblicher "Erbsubstanz" verursacht. Wie FREUD glaubte er, Homosexuelle litten besonders häufig unter nervlichen und seelischen Krankheiten, anders als jener erklärte er dies aber als Folge einer erblichen "Belastung". Obwohl er sich vordergründig ULRICHS' Formulierung anschloss, Homosexualität sei "weder Krankheit noch Entartung" (HIRSCHFELD 1914, S.395), hielt er sie doch für einen evolutionären Trick, ein "Vorbeugungsmittel der Degeneration" (ebd., S.398), womit die begriffliche Verwirrung dann perfekt war: Denn wie konnten Homosexuelle "degenerierten" Nachwuchs zeugen, wenn sie selbst nicht degeneriert sind? HIRSCHFELDs dahingehende Warnungen entsprachen nicht mehr dem biologischen Wissensstand, denn seit August WEISMANNs (1834–1914) "Keimplasmatheorie" bestand in diesem Punkt Klarheit: Entgegen der lamarckistischen Vorstellung von der Vererbung erworbener Eigenschaften hatte WEISMANN (1885) betont, nur Eigenschaften der Erbsubstanz, die im "Keim" des Individuums bereits angelegt seien, könnten an die Nachkommen weitergegeben werden. HIRSCHFELDs populärwissenschaftliches Verständnis fiel hinter dieses biologische Grundgesetz zurück: Entweder wären "Homosexuelle" von Geburt an "degeneriert" (und vererbten diese Eigenschaft an ihre Nachkommen), oder sie sind es nicht (und damit außerstande, die Eigenschaft zu vererben). Sich verheiraten und Kinder zeugen sollten Homosexuelle aus "erbbiologischen" Gründen möglichst nicht, denn in ihren Familien häuften sich seiner Einschätzung nach negative Charaktereigenschaften wie Jähzorn, Menschenhass, Geiz, religiöser Wahnsinn, Schwachsinn, Grausamkeit, Neigung zur Gewalttätigkeit, Maßlosigkeit, Hang zur Ausschweifung, allgemeine Lebensuntüchtigkeit, Hochmut, Schwermütigkeit, Kleptomanie, Frivolität, und Alkoholismus (vgl. HIRSCHFELD 1901, S.55-60). [27]

Mit der Gründung des "Wissenschaftlich-humanitären Komitees", das die Öffentlichkeit über die Ursachen von Homosexualität aufklären wollte und sich den Kampf gegen die Abschaffung des Paragrafen 175 auf die Fahnen geschrieben hatte, beabsichtigte HIRSCHFELD das "Zweckbündnis" zwischen Wissenschaftlern und "Homosexuellen" vom therapeutischen Vertragsverhältnis in eine öffentlichkeitswirksame politische Strategie zu übersetzen. Gegen Ende des Kaiserreichs und vor allem in der Weimarer Republik bildeten sich aber auch sonst zahlreiche publizistische Foren, in denen sich "Urninge", "Homosexuelle", "Invertierte", Anhänger der "Freundesliebe" oder überhaupt all jene, die sich sexuell als "anders als die Anderen" definierten, äußerten (vgl. MICHELER 2004). Problematisch war, dass wie im "Fall Zastrow" diese Strategie der Öffentlichkeit unter Unbeteiligten eher Besorgnis über das rapide zahlenmäßige Anwachsen der "Homosexuellen" provozierte und in die kulturpessimistische Stimmung der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg einfloss. Speziell das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" bestätigte auch das symbolische Machtverhältnis innerhalb der therapeutischen Situation, bei dem ein Wissenschaftler und Experte die Deutungsmacht seiner Klientel gegenüber innehatte: Die "Homosexuellen" wurden durch diese Strategie zu Objekten einer Expertenwissenschaft erklärt, die ihnen – wie ihr Vertreter HIRSCHFELD – zwar bisweilen wohlwollend begegnete, ihre Stimme aber vom "wissenschaftlichen" Standpunkt aus als eher unerheblich behandelte. Angesichts der oben besprochenen normativen Aspekte einer psychotherapeutischen Behandlung wirkt HIRSCHFELDs publizistische Strategie daher wie ein Vertrauensbruch gegenüber seinen Patientinnen und Patienten, und seine Fallschilderungen haben etwas unangenehm Denunziatorisches an sich. Nicht zufällig wurden HIRSCHFELDs Versuche zur Durchsetzung einer hegemonialen wissenschaftlichen Deutung der Homosexualität in der Weimarer Zeit von vielen Betroffenen abgelehnt, weil sie sich in seinen "wissenschaftlichen" Aussagen nicht wiederfinden konnten. [28]

Zur Tragik der Person und des Werkes von HIRSCHFELD gehört es, dass sich sein Modell trotz seines grundsätzlich emanzipatorischen Anspruchs als anschlussfähig für die Psychiatrie im Nationalsozialismus erwies: Am Kaiser-Wilhelm-Institut für Psychiatrie in München24) unter der Leitung Ernst RÜDINs (1874–1952) forschte zwischen 1938 und 1941 der Privatdozent und Mitbegründer des NS-Ärztebundes Theo LANG (1898–1957) mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft über die genetische Bedingtheit der Homosexualität. Für ihn waren "echte" Homosexuelle im Anschluss an die tierexperimentellen Untersuchungen Eugen STEINACHs "Umwandlungsmännchen, das heisst also (...) genetische Weibchen".25) Forschungen an Geschwistern der Betroffenen bestätigten ihm die Vermutung, "dass die überwiegende Mehrzahl der Homosexuellen erb- und nicht umweltbedingt entstanden ist" (LANG [1937/8], S.4). Diese Einschätzung führte in zu "Folgerungen für die praktische Rassenhygiene", die den politischen Forderungen HIRSCHFELDs erstaunlich nahe kommen, auch wenn dessen Name aus Opportunitätsgründen nicht genannt wurde. Ähnliches galt für LANGs Quelle, den jüdischen Entomologen und Vererbungsforscher Richard B. GOLDSCHMIDT (1878–1958: vgl. dazu DIETRICH 2000). Aus seinen Untersuchungen werde man zu dem Schluss gelangen müssen,

"dass wir bei der Mehrzahl der Homosexuellen Personen vor uns haben, deren Chromosomensatz – ganz primitiv ausgedrückt – als unausgeglichen bezeichnet werden kann. Man wird also im allgemeinen nicht wünschen, dass die Homosexuellen zur Fortpflanzung gelangen. Dies ist ja meistens auch nicht der Fall, wenn die Homosexuellen nicht durch irgendwelchen Druck, sei es moralisch oder wirtschaftlicher Art, entgegen ihrer eigenen Veranlagung zur Ehe und Fortpflanzung gedrängt werden. Der heute noch leider vielfach auch von Ärzten gegebene Rat, auch leichtere Fälle von Homosexualität sollen es einmal mit der Ehe probieren und Kinder erzeugen, erscheint rassenhygienisch sehr bedenklich, abgesehen von der Unmoralität eines derartigen Vorschlages, da eine Frau kein Experimentierobjekt darstellt." (LANG [1937/8], S.5) [29]

Speziell Heranwachsende müssten "unbedingt, soweit es überhaupt möglich ist, gegen Verführungsmöglichkeiten durch Homosexuelle geschützt" werden. Anders könne "die Frage natürlich für die Behandlung der erwachsenen Homosexuellen sein. Ich glaube[,] der Staat könnte hier von einem Eingreifen absehen, und die Homosexuellen sich selbst überlassen, solange sie nicht den Versuch machen, mit Jugendlichen in Beziehung zu treten." (ebd.) Beide "wissenschaftlichen" Empfehlungen hatte früher auch HIRSCHFELD ausgesprochen, wurden hier aber vom Mitarbeiter eines Forschungsinstituts vorgetragen, dessen Mitglieder am Auf- und Ausbau des nationalsozialistischen Staates aktiv beteiligt waren und sich für die wissenschaftliche Verifizierung des nationalsozialistischen Weltbildes engagierten. Die Rechtspraxis im NS kümmerte sich allerdings wenig um solche inhaltlich diffizilen Überlegungen (vgl. dazu MICHELER 2004, S.265ff.). [30]

7. Suggestionen, Transplantationen, Analysen

Da das homosexuelle Begehren um 1900 für die Gesellschaft und für die betroffenen Individuen Probleme aufzuwerfen schien, wurden verschiedene therapeutische Lösungen vorgeschlagen. Albert von SCHRENCK-NOTZING (1862–1929) machte sich für eine Suggestionstherapie, also den Einsatz der Hypnose stark, ausgehend von der Überzeugung, "dass in der gegenwärtig herrschenden Auffassung der Homosexualität das erbliche Moment zu Ungunsten der Erziehungseinflüsse überschätzt werde." (SCHRENCK-NOTZING 1892, S.V)26) Besonderes Interesse verdienen aber vor allem zwei weitere, damals innovative und dabei recht gegensätzliche therapeutische Ansätze: der operative und der tiefenpsychologische.27) Der Endokrinologe Eugen STEINACH (1861–1944), der längere Zeit mit dem Austausch der inneren Geschlechtsorgane von Meerschweinchen experimentiert hatte, was seiner Einschätzung nach den geschlechtlichen Habitus dieser Tiere veränderte, führte gemeinsam mit dem Chirurgen Robert LICHTENSTERN bei Männern Hodenverpflanzungen durch. (Die Patienten hatten ihre Testikel zuvor aus anderen schwerwiegenden Gründen eingebüßt.) Im Fall eines dreißigjährigen, am Skrotum schwer versehrten Kanoniers brachte die Überpflanzung der Hoden eines Frischverstorbenen die nach den Tierexperimenten erwarteten Wirkungen mit sich (vgl. STEINACH & LICHTENSTERN 1918).28) Üblicherweise verstummt, wie auch hier, die Stimme der "Patienten" im Kontext der Versuche ihrer vermeintlichen "Heilung", bzw. sie wird nur noch in der Wiedergabe durch die Therapeuten oder Operateure laut, die von ihren vermeintlichen Erfolgen berichten wollten. Die vorausgehende Befragung richtete sich allem Anschein nach gezielt nach den Erwartungen, die das Behandlungsschema voraussetzte: Zuvor nach Körperbehaarung, weiblicher Brustbildung, ausladenden Hüften, Benehmen und Empfinden dem weiblichen Habitus ähnlich, erfüllte der von STEINACH behandelte Kranke das Schema degenerativer Erwartungen, von dem der Arzt ausging. Auch ein älterer Bruder und zwei Schwestern besaßen Merkmale und Empfindungen des entgegengesetzten Geschlechtes, lediglich ein Bruder war verheiratet und Vater von Kindern. Beim Sexualakt hatte der Mann den passiven Analverkehr bevorzugt und sich in großstädtischem Umfeld seinen Leidenschaften hingegeben. Gemäß STEINACHs und LICHTENSTERNs Bericht wurde die Operation zum vollen Erfolg:

"12 Tage nach der Operation meldet der Kranke, dass er Erektionen habe und dass der Geschlechtstrieb wieder erwacht und zu seinem Erstaunen andersgeschlechtlicher Natur sei. (...) Es entwickelt sich zur zugeteilten Schwester eine gewisse zärtliche Beziehung, der entgegengetreten werden muss. Das vor der Operation zu Gunsten des bisherigen Freundes errichtete Testament wird vernichtet. Die heterosexuelle Libido nimmt in den folgenden Wochen zu. Erinnerungen an das frühere Triebleben werden als äusserst peinlich empfunden". (STEINACH & LICHTENSTERN 1918, S.147) [31]

Ohne dass man dieses Ergebnis verallgemeinern könne, stehe für behandelnde Ärzte damit ein Weg offen, "dem für die betroffenen Individuen ebenso wie für die menschliche Gesellschaft peinlichen und auch gefährlichen Zustande beizukommen, und er ist daher nicht bloss von praktisch-medizinischer, sondern auch von forensischer und soziologischer Bedeutung." (ebd.) Ob der besagte Patient diese Wesensänderung gewünscht hat, wurde nicht mitgeteilt. [32]

Sigmund FREUD (1856–1939) bewertete homosexuelle Gefühle nicht per se als "krankhaft" – eine vorwurfsvolle Verwendung des Wortes "Perversion" sei generell unzweckmäßig –, sondern glaubte, die Betroffenen seien auf Grund einer solchen Vorbelastung unfähig, ein gemessen an bürgerlichen Maßstäben "erfolgreiches" Leben zu führen. Daraus ergab sich für FREUD die Notwendigkeit und – sofern die Betroffenen diese Einschätzung teilten – auch die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung. Ätiologisch erklärte er das "invertierte" Begehren primär aus der ontogenetischen Entwicklung (vgl. FREUD 1905),29) unterschied aber auch zwischen angeborener ("dispositioneller") und erworbener Homosexualität. Entgegen HIRSCHFELDs "Zwischenstufentheorie" betonte er, somatischer und psychischer Hermaphroditismus sowie sexuelle Objektwahl seien unabhängig voneinander zu betrachten. Ein "Drittes Geschlecht" existierte für ihn nicht, wohl aber eine "bisexuelle" Veranlagung, welche allen Menschen gemeinsam sein sollte. Durch eine besonders starke frühkindliche Fixierung auf die Mutter (bei Männern) oder den Vater (bei Frauen) könne es dazu kommen, dass sich die betroffenen Personen mit einem Elternteil übermäßig identifizierten und ihr eigenes Geschlecht zum sexuellen Objekt wählten. Es handelte sich für FREUD dabei um mehr als um ein bloßes Zahlenspiel – gibt es nun ein, zwei oder drei Geschlechter? –, sondern um Feststellungen über die wahrhaft biologischen Grundlagen des Sexuellen. Auch STEINACHs Forschungen wurden erwähnt, FREUD bezweifelte aber ihre uneingeschränkte Übertragbarkeit auf den Menschen und gab zu bedenken, dass an eine operative Heilung weiblicher Homosexueller mit der von STEINACH empfohlenen Methode ohnehin nicht zu denken sei. [33]

In seinem klinischen Bericht über den Fall eines achtzehnjährigen, schönen und klugen Mädchens (FREUD 1920), das heftig um die Liebe einer älteren Frau von zweifelhaftem Ruf warb, vernimmt man die Stimme der Klientin ebenfalls nicht, sondern nur die des Analytikers. FREUD erklärte ihre sexuelle Objektwahl aus der ambivalenten ödipalen Bindung an den Vater und Konkurrenzgefühlen gegen die Mutter, die dazu führten, dass sie sich aus einer Enttäuschung heraus mit der männlichen Rolle identifizierte und das Weibliche begehrte. Eine psychoanalytische Behandlung schätzte er nur dann für machbar ein, wenn der subjektive Leidensdruck der Patientin zu dem Wunsch geführt hätte, ihren Zustand zu ändern, um ein aussichtsreicheres Leben zu führen (vgl. ebd., S.276, 293). Dies war anscheinend nicht der Fall. Zwangsweise, d.h. bloß auf Wunsch der Eltern hin, sei an eine erfolgreiche Therapie nicht zu denken. FREUDs Schriften zur Homosexualität nehmen demzufolge gegenüber den Betroffenen eine autoritative Haltung ein, ihr Wunsch oder Nichtwunsch nach einer Änderung ihrer Lebensumstände wird aber – aus behandlungstechnischen Gründen – respektiert.30) [34]

8. Schluss

Die Geschichte des "frühen homosexuellen Selbst" lässt sich in drei Phasen unterteilen: eine Zeit der Latenz, die bis ca. 1865 andauerte, dann die Phase der Aktivierung des Wissens der Betroffenen über sich und ihre Sexualität und schließlich die seit ca. 1895 andauernde Phase ihrer zunehmenden Entmündigung im Expertendiskurs. BARBIN und ULRICHS lieferten anfangs Selbstbeschreibungen, die das Unwillkürliche ihrer sexuellen Erlebniswelt betonten. Stärker als BARBIN hat ULRICHS dabei seine Gefühle rational durchdrungen, in spätromantischer Tradition glaubte er noch an das Wirken "magnetischer" Kräfte. Seine späteren Schriften bieten mehr, nach damaligem Wissensstand "wissenschaftliche" Erklärungen an, nicht nur in physiologischer, sondern auch juristischer und soziologischer Hinsicht. Ausschlaggebend scheint aber gewesen zu sein, dass sich Experten wie WESTPHAL und KRAFFT-EBING ebenfalls öffentlich zu dem Phänomen äußerten, dabei die Stimmen der Betroffenen oftmals genau wiedergaben und viele ihrer Selbstaussagen bestätigten. Die Rolle dieser ärztlichen Experten war jedoch doppeldeutig: Gegenüber den Betroffenen erklärten sie ihr Begehren für degeneriert, "krankhaft" und damit behandlungsbedürftig; gegenüber den Justizbehörden enthoben sie sie mit demselben Argument der juristischen Schuldfähigkeit. Letztere Haltung einte Experten und "homosexuelle" Aktivisten bis zum Ende der Weimarer Zeit. Seit ca. 1895 sind die Versuche zu datieren, dem von ärztlicher Seite als "krankhaft" erkannten Zustand mit neu entwickelten Therapieformen zu begegnen. Ältere Anstrengungen wie gutes Zureden und Appelle an den Willen zur Besserung standen noch in der Tradition christlicher Seelsorge. Wesentlich ist festzuhalten, dass die Therapeuten nur dann aktiv werden konnten, wenn die "Homosexuellen" selbst eine Behandlung ihres "Zustandes" wünschten. Ausgerechnet bei HIRSCHFELD ist das Bemühen erkennbar, die Stimmen der "Homosexuellen" unhörbar werden zu lassen; man darf dies in seiner Bedeutung freilich nicht überschätzen: Zeitgleich entwickelte sich ein reger subkultureller Diskurs, der sich weniger mit epistemischen, sondern eher mit moralischen, ästhetischen und sozialen Fragen beschäftigte. Quantitativ dürfte er während der Weimarer Republik klar überwogen haben. Auch war für Experten wie SCHRENCK-NOTZING, MOLL oder FREUD an eine erfolgreiche Behandlung indes nur zu denken, wenn die betroffenen Subjekte diese selbst wünschten. [35]

Das therapeutische Verhältnis blieb ein symbolisches Machtverhältnis, wie sich im Grunde noch in den politischen Empfehlungen, die LANG an die NS-Machthaber richtete, abzeichnet. Das reale Machtverhältnis, das nach 1933 die Gefahr der Inhaftierung, Verstümmelung (Kastration) oder der Ermordung mit sich brachte, verband sich mit einer anderen geistigen Bewegung, die Physiologen wie GOLDSCHMIDT und STEINACH vertraten und von HIRSCHFELD aus Opportunitätsgründen unterstützt wurde: die Rückbindung psychosexueller Vorgänge an physische Strukturen. Erst mit diesem Denkmodell war an eine "Behandlung" der "Homosexuellen" gegen ihren Willen zu denken. Da die Versuche nach heutigem Wissensstand auf falschen Vorannahmen aufbauten, eröffnete sich damit freilich allenfalls die Möglichkeit der direkten körperlichen Gewaltausübung, wie sie zuvor schon im Strafrecht legitimiert worden war, nicht aber die reale seelische Beeinflussung der Subjekte. Mit FOUCAULT (1976) gesprochen, blieb es also in der fortgeschrittenen Moderne bei der "vormodernen" Praxis der peinlichen Bestrafung abweichenden (Sexual-)Verhaltens. Eine Gewissens-Kontrolle über die Subjekte konnte "die Macht" zu keinem Zeitpunkt erzielen. Allenfalls akzidentiell ist daran zu denken, dass einzelne "Homosexuelle" aus Furcht vor Bestrafung oder wegen der negativen ärztlichen Botschaften ihr Empfinden und Verhalten zu unterdrücken suchten – KRAFFT-EBINGs Fall Nr. 134 könnte so gelagert gewesen sein. Andererseits berichtet KRAFFT-EBING nicht davon, dass der Betroffene sein selbst als "krankhaft" erlebtes Verhalten ablegte oder auch nur Versuche dazu unternommen hat. Und der Fall stellt auch eine Ausnahme dar: Meist klagten die Betroffenen offen über die soziale und juristische Diskriminierung ihrer Empfindungen und Lebensweise, die von ihnen als "natürlich" und unwillkürlich entstanden erlebt wurden. [36]

Aus heutiger Sicht hat die seit 1870 lebhaft geführte fachliche und öffentliche Diskussion über gleichgeschlechtliche Liebe eine Neustrukturierung der sexuellen Geschlechterordnung in Gang gesetzt, die bis heute anhält. Diskutiert werden im Rahmen jüngerer Debatten um Gender und Queer jedoch sexuelle "Identitäten" eines neuen Typs, die nicht mehr als biologische Gegebenheiten im Sinn der Scientia sexualis, sondern als eher spielerische Ausprägungen der Symbole und Funktionen überkommener Geschlechterrollen gedacht sind. Die dabei, etwa von BECH und BUTLER betonte Möglichkeit, erotischen Wünschen und Bedürfnissen frei Ausdruck zu verleihen und sie umzusetzen, setzte als intrapsychisches und soziales "Skript" genau dort an, wo die frühen "homosexuellen" Subjekte – freilich im Ton entschiedener Ernsthaftigkeit – ihr erotisches Verlangen zum Zentrum ihrer Person und Motiv ihrer Lebensweise erklärten. Die Sexualwissenschaft spiegelte mit ihren fachlichen Debatten über die Homosexualität, vermutlich unwillentlich, die zunehmend konsumistische Funktion der Sexualität wider (vgl. WALTER 2004): Sex nicht als Mittel der Fortpflanzung, sondern als Symbol gesteigerten Lebensstandards – in Übereinstimmung mit dem globalen Wandel in westlichen Gesellschaften von einer primär produktions- zu einer konsumorientierten Wirtschaftsweise – hat eine Vorgeschichte, die ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht (vgl. GILLIS, TILLY & LEVINE 1992). Als ursächlich für die Entstehung des "homosexuellen" Selbst kann daher die Etablierung der (bürgerlichen) männlichen Erwerbsbiographie und, wie BECH argumentiert hat, die Verquickung ihrer sozialen Muster mit urbanen Lebensformen und kommunikativen Praktiken betrachtet werden: Um 1900 lebten "die Homosexuellen" eine Existenz vor, in der sich heute "heterosexuelle" und "homosexuelle" Männer – und inzwischen auch viele berufstätige Frauen – kaum noch unterscheiden. Physische Reproduktion wirkt inzwischen wie eine eher willkürliche Entscheidung, die relativ unabhängig von Sexualität und der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht getroffen werden kann und muss. Das frühe homosexuelle Selbst lässt sich so, wie es sich über sich selbst äußerte, deshalb am ehesten als ein Symptom der Umbruchkrise der industriezeitalterlichen Gesellschaft auf dem Weg von einer Produktions- zu einer Konsumtionsordnung interpretieren. [37]

Betrachtet man nochmals die soziale Umstände der therapeutischen "Gespräche", dann lieferte das sexuelle Verlangen der Klientinnen und Klienten – wohl weil es körperlich deutlich spürbar und nicht einfach "aus der Welt zu diskutieren" war – ein innovatives Modell für neue Modalitäten der Selbstwahrnehmung und des Zugangs zu materiellen und sozialen Gütern. Im Rahmen der therapeutischen Praxis lieferten die persönlichen Krisen der "homosexuellen" Subjekte Energie und Material für den allmählichen Aufbau des konsumistischen Habitus der späten Moderne: einem unausgesetzt verlangenden Individuum, situiert im Spannungsfeld von personalisierten Wünschen und generalisierten Konsumangeboten. Sexualität wurde dadurch in der Folgezeit immer weniger als Mittel zur Fortpflanzung und mehr als Pfad zu und Ausdruck von individuellem Wohlergehen konnotiert. Die psychischen Kosten dieses Umbruchs weg von der (vermeintlichen) Fremdbestimmung durch die Gesetze der "Natur" und der Moral hin zu einer (vermeintlich) totalen Selbstbestimmung der Sexualität wurden so zeitweise an die "homosexuellen" Selbste delegiert, und viele Betroffene litten, während ihr Begehren lokalisiert, mobilisiert und pathologisiert wurde und schließlich – anfangs behutsam, später mit offener Gewalt – standardisiert werden sollte, wirklich an sich selbst. [38]

Weil sich Gesellschaft und Individuen stets aufeinander beziehen, miteinander korrespondieren und kommunizieren, wäre es unangemessen, sie als bloße "Opfer" der Medizin hinzustellen, denn bis 1933 waren sie unter demokratischen Verhältnissen ebenso gut auch soziale Akteure. Der Wunsch nach therapeutischen Erfolgen, die ein besseres Leben ermöglichen sollten, kann jedenfalls nicht nur auf Seiten der behandelnden Experten verortet werden: Jede solche Behandlung war auch ein Stück weit Selbst-Therapie. Der Zugriff auf ein gezielt entmündigtes "Menschenmaterial" wurde für Mediziner erst unter den Bedingungen des Nationalsozialismus machbar. Die vergeblichen Versuche, den "Rassekörper" endgültig vom "Homosexuellen-Problem" zu befreien, brachte Gewalt und großes Leid über die Betroffenen, bewies praktisch aber auch die Ohnmacht einer von ethischen Bedenken entfesselten Medizin. [39]

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Anmerkungen

1) Die wissenschaftliche Literatur zum Thema "Geschichte der Homosexualität" (unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses der Moderne) ist in einem ständigen Anwachsen begriffen: vgl. überblicksweise BECH 1997; DANNECKER 1989; EDER 2002a; GREENBERG 1988; HALPERIN 2000; HEGENER 1993; HUTTER 2000; LAUTMANN 1993; MEHLMANN 1998; MÜLLER 1991. <zurück>

2) Auch Judith BUTLER (2001) ist ihm in diese Richtung nachgefolgt; zu den Bemühungen, die Geschichte des homosexuellen Subjekts ohne die "Opfer-von-Unterdrückung"-Perspektive zu konzipieren, vgl. weiterhin BÜHRMANN 1995; TREUSCH-DIETER 1990, S.168-184. <zurück>

3) Ursprünglich haben die Autoren ihr Modell unabhängig von FOUCAULT entwickelt, inzwischen verweisen sie auf Übereinstimmungen mit dessen Ansatz. Indem sie den Signifikanten "Sexualität" semantisch auf eine historische Figuration von psychischen, sozialen und kulturellen Konventionen (und nicht auf ein ahistorisches Signifikat) beziehen, lassen sich GAGNON und SIMON dem "sozialen Konstruktivismus" zuordnen. <zurück>

4) Vgl. BUTLER 2001, bes. S.32-34. Die Übereinstimmungen mit dem methodisch anders fundierten Ansatz von GAGNON und SIMON liegen hier auf der Hand. BUTLER beschreibt das frühkindliche und soziale "Begehren" des Subjekts nach (Unter-)Ordnung aus phänomenologischer Perspektive. Für den folgenden Zusammenhang werde ich mich stärker auf entwicklungspsychologische und meta-psychotherapeutische Arbeiten beziehen. <zurück>

5) BUTLER (1991, S.148) spricht deshalb missverständlich von "Konventionen weiblicher Homosexualität", die BARBIN gelebt haben soll. <zurück>

6) Zu ULRICHS' Leben und politischem Engagement vgl. DOBLER 1996; GOOSS 1989; KENNEDY 1988; SETZ 2000; SIGUSCH 1999. <zurück>

7) Diesen Ausspruch zitierte ULRICHS auch mehrfach in seinen politischen Schriften. In solchen Mitteilungen meint RUNTE (1996, S.209-253) etwas abschätzig bloße "Kindheitsromane" vorzufinden. Angesichts psychologischer Überlegungen stellt sich aber die Frage: Was können subjektive Erinnerungen, die man anderen mitteilt, jemals anderes sein als "Erzählungen"? <zurück>

8) Zur Bedeutung des Traumgeschehens in ULRICHS' Theorien vgl. auch SIGUSCH (1999, S.242f.). <zurück>

9) Zum rechtsgeschichtlichen Aspekt vgl. GESCHICHTE DES §175 (1990); HEKMA 1998; HUTTER 1992; SOMMER 1998; STÜMKE 1989. <zurück>

10) Gleichsam "kanonisiert" wurden die Arbeiten WESTPHALs, KRAFFT-EBINGs, MOLLs und von SCHRENK-NOTZINGs: vgl. zum Beleg bspw. KRAEPELIN 1896, S.779. Auch ULRICHS wurde – wenn auch, wie bei FREUD, mit kritischer Distanz – noch lange Zeit als gültige Quelle zitiert. <zurück>

11) WESTPHAL 1870; vgl. zu ihm HUTTER 1993; SOMMER 1998, S.64-66. <zurück>

12) Gemeint war ULRICHS' Schrift Inclusa (1864a), aus der auch ausführlich zitiert wird. WESTPHAL (1870, S.92-94) betonte die teilweise wortwörtlichen Übereinstimmungen mit den Selbstaussagen seiner Patientin. <zurück>

13) Zur Praxis der Anthropometrie der "abweichenden" Frau vgl. GADEBUSCH BONDIO 1998. <zurück>

14) Vgl. dazu HERZER 1992; KERTBENY 1869; ULRICHS 1869a, 1869b. ULRICHS argumentierte, die urnische Veranlagung von ZASTROWs sei an sich nicht strafwürdig. Kinderschänder und Sadisten gebe es auch unter "Dioningen" (i.e. "Heterosexuellen"), vermutlich sei der Beklagte zur Tatzeit nicht zurechnungsfähig gewesen. Die Tat selber entschuldigte er nicht. <zurück>

15) Vgl. dazu DORNHOF 1997; KLABUNDT 1994; OOSTERHUIS 2000; STEINLECHNER 1995, S.11-96; STRORR 1998; WETTLEY 1959, S.55-65. <zurück>

16) Vgl. dazu GIJSWIJT-HOFSTRA PORTER 2001; RADKAU 1998; ROELCKE 1999. <zurück>

17) Wie auch Harry OOSTERHUIS (1998, S.377) betont hat: KRAFFT-EBING habe sich mit seinen Veröffentlichungen zum "Sprachrohr und Forum" der Urninge gemacht. <zurück>

18) RUNTE (1996, S.408-434) bezeichnet die therapeutische Beziehung als "Bemeisterung 'wilder Rede(n)'". OOSTERHUIS (1999) betont dagegen die Authentizität der in Fallgeschichten überlieferten Selbstaussagen. <zurück>

19) HIRSCHFELD (1918) klassifizierte – aufsteigend vom Körperlichen über das Seelische bis zum Sozialen – genitalen, somatischen, psychischen und psychosexuellen Hermaphroditismus. <zurück>

20) Wohl zu Unrecht, denn ausgesprochen wahnhafte Züge fehlen; anders im Fall der Beobachtung 137: Dem dreiunddreißigjährigen Volksschullehrer Franz St., der auch unter Verfolgungswahn litt, teilten innere Stimmen mit, er sei ein Weib und eine Hure. Später war er auch überzeugt, ihm wüchsen Brüste (vgl. KRAFFT-EBING 1912, S.253). <zurück>

21) Auch ULRICHS' Schriften Vindex, Inclusa, Vindicta, Formatrix, Ara spei, Gladius Furens und Kritische Pfeile finden hier Erwähnung. Als Mediziner kritisierte KRAFFT-EBING (1912, S.258): "Ulrichs blieb nur den Beweis dafür schuldig, dass diese allerdings angeborene paradoxe Geschlechtsempfindung eine physiologische und nicht vielmehr eine pathologische Erscheinung sei." ULRICHS umgekehrt befürwortete KRAFFT-EBINGs wissenschaftliches Engagement für die Erforschung der Homosexualität, verurteilte aber dessen pathologisierende Ausrichtung. <zurück>

22) Zur Naturalisierung von Gender-Rollen in den Naturwissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts vgl. EDER 2002c; FISCHER-HOMBERGER 1984; HIRSCHAUER 1996; HONEGGER 1991; LAQUER 1990; SCHIEBINGER 1993; SCHMERSAHL 1998. <zurück>

23) Vgl. zur weiblichen Homosexualität ARIADNE 1996; FADERMAN 1991; HACKER 1987; JÄGER 1998; JENNESS 1992; PETERS 1998; SCHWARZ 1983. <zurück>

24) Vgl. zur Geschichte des Instituts ROELCKE 2000, 2002; WEBER 1993. <zurück>

25) Bundesarchiv Koblenz, Sign. R 73 / 12576: Theo LANG: "Exposé über meine Homosexuellen-Untersuchung", S.1 [undatiert, das Projekt wurde erstmals durch die Bewilligung vom 29. April 1938 unterstützt. Das Schriftstück kann deshalb auf 1937/8 datiert werden]; vgl. auch LANG 1944, 1945. Diese beiden Arbeiten erschienen in der Schweiz, wohin LANG emigriert war, wohl um seinem Einberufungsbescheid vom 22. März 1941 zu entgehen; zu ihm vgl. MILDENBERGER 2002, S.184-216. <zurück>

26) Vgl. dazu auch MOLL 1899, S.437-462. Albert MOLL (1862–1939) hielt dem entgegen, die sexuelle Inversion sei nicht in allen Fällen heilbar. Am ehesten wirksam sei wohl die Psychotherapie (S.461), Voraussetzung dafür sei aber ein Behandlungswunsch beim Patienten oder der Patientin. Die Begeisterung für das hypnotische Verfahren teilte er nicht mehr, sondern sprach sich eher für eine Art kognitiver Verhaltensschulung aus. <zurück>

27) HIRSCHFELD (1914, S.396-461) diskutierte diese Therapieformen ausführlich: Gutes Zureden ("Suggestion"), die Aufforderung zu freiwilliger Abstinenz, Auto-Suggestion ("Adaptation") oder "Ehetherapie" waren sicherlich auch gängige Ratschläge und Hilfsmittel in der religiösen Seelsorge, die von Medizinern übernommen wurden. <zurück>

28) Vgl. zu diesen Experimenten HALL 1973/1974, bes. S.87-90; SENGOOPTA 1998; STOFF 1999. <zurück>

29) Vgl. zu FREUDs Bewertung der Homosexualität ABELOVE 1993; CHODOROW 1994; DANNECKER 1993; GEUTER 1994; GISSRAU 1993; LEWES 1989, bes. S.24-47. <zurück>

30) "Revolutionär" wirkt diese Einsicht FREUDs nicht gerade: Ähnlich hatte bereits MOLL (1899, S.461) argumentiert. Das von MOLL dabei vorgeschlagene Verfahren erinnert eher an heutige verhaltenstherapeutische Konzepte. <zurück>

Zum Autor

Tilmann WALTER, Dr. phil., studierte Geschichte und der Germanistik in Heidelberg; 1997 Promotion über "Unkeuschheit und Werk der Liebe. Diskurse über Sexualität am Beginn der Neuzeit in Deutschland" (Berlin / New York: de Gruyter 1998); 1998 bis 2001 Forschungsassistent am Sonderforschungsbereich 511 "Literatur und Anthropologie" an der Universität Konstanz; er lehrt derzeit Geschichte an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wissenschaftsgeschichte, Historische Anthropologie und Geschichte der Sexualität.

Kontakt:

Tilmann Walter

Postadresse: der Redaktion bekannt

E-Mail: tilmann.walter@unisg.ch

Zitation

Walter, Tilmann (2004). Das frühe homosexuelle Selbst zwischen Autobiographie und medizinischem Kommentar [39 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 6(1), Art. 10, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0501107.

Revised 6/2008



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