Volume 5, No. 3, Art. 22 – September 2004

"Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen"

Anselm Strauss im Interview mit Heiner Legewie und Barbara Schervier-Legewie

Zusammenfassung: In einem Interview aus dem Jahre 1994 beschreibt der Soziologe Anselm STRAUSS seine durch den amerikanischen Pragmatismus geprägte intellektuelle Biographie und die von ihm mitgestaltete Entwicklung der interaktionistischen Soziologie von den 40er bis in die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Schwerpunkte stellen u.a. die Entwicklung der Methodologie der qualitativen Soziologie nach der Grounded Theory, STRAUSS' Arbeits-, Organisations- und Medizinsoziologische Forschungen und seine Handlungstheorie dar. Zum Schluss werden In einer persönlichen Lebensbilanz des Interviewten sein emanzipatorisches Engagement als American Liberal und seine Leidenschaft für die Erforschung von existenziellen Herausforderungen wie Sterben, psychische Krankheiten und chronische Leiden deutlich.

Das Interview wird im Anhang ergänzt durch ein Protokoll einer Forschungssupervision mit Anselm STRAUSS und durch die im Vergleich zur veröffentlichten Fassung sehr viel ausführlichere Tonbandaufzeichnung des Originalinterviews.

Keywords: Anselm Strauss, intellektuelle Biographie, Wissenschaftsgeschichte, Interaktionismus, Grounded Theory, Arbeitssoziologie, Organisationssoziologie, Medizinsoziologie, Handlungstheorie, Lebensbilanz

Inhaltsverzeichnis

Zum Interview

Zu Anselm STRAUSS

1. Wie wird man Sozialwissenschaftler?

2. Chicago und der Pragmatismus

3. Soziologie und Sozialpsychologie

4. Interaktion und Struktur

5. Feldforschung

6. Grounded Theory

7. Die Vermittlung der Methode

8. Neuere Arbeiten

9. Persönliche Bilanz

Anhang 1: Anselm STRAUSS als Supervisor

Anhang 2: Audio-Datei (englisch) mit Originalinterview

Galerie

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor und zur Autorin

Zitation

 

Zum Interview1)

Nach Heiners erster Begegnung mit Anselm STRAUSS im Sommer 1990 (s. Fotostrecke) hatten wir im Mai 1994 während eines Forschungsaufenthalts in Berkeley Gelegenheit zu ausführlichen Gesprächen mit Anselm. Wir erlebten ihn als Lehrer in seinem Seminar und in der Forschungssupervision (s. Anhang 1), und wir besuchten ihn und seine Frau Fran in ihrem Haus am Moore Place. Das schmale zweistöckige Haus fasziniert den Besucher durch seine heitere Atmosphäre, die Vielzahl moderner Kunstwerke und die lebendige und herzliche Art seiner Bewohner. Anselm und Fran waren seit 54 Jahren verheiratet. Es war für uns erfrischend, ihren liebevollen Umgang miteinander zu erleben. Fran ist drei Jahre jünger als ihr Mann, sehr aktiv und sprühend im Gespräch. Am Interview und unserem anschließenden Dinner konnte sie leider nicht teilnehmen, weil sie als engagierte Bürgerrechtlerin ein Meeting ihrer "Civil rights group" besuchen musste. Anselm ist von südländischem Typ, im Gespräch gestikuliert er lebhaft. Uns beeindruckten seine Art des lebendigen Zuhörens und Fragens und sein herzhafter Humor. Das Interview war mit unserer Abreise keineswegs beendet, sondern Anselm ergänzte per E-Mail ausführlich alle offen gebliebenen Fragen. [1]

Das erstmals 1995 im Journal für Psychologie erschienene Interview stellt eine Bearbeitung für die Veröffentlichung dar, die in charakteristischer Weise vom Tonbandprotokoll abweicht: Es wurden erhebliche Kürzungen und einige Umstellungen vorgenommen, ebenso Einfügungen aufgrund der schriftlichen Nachfragen per e-Mail. [2]

Das im Anhang hier erstmals zugänglich gemachte Tonbandprotokoll erfordert wegen der leisen Stimme des Interviewten – Anselm fühlte sich damals wegen seines Herzleidens sehr schwach – und wegen unseres "Broken English" einige Geduld beim Abhören. Wir haben uns auf Wunsch der FQS-Redaktion trotz dieser Schwächen zu einer Veröffentlichung entschlossen, weil das Originalinterview mit all seinen Details ein unschätzbares wissenschaftliches Dokument darstellt und Anselm als Mensch lebendig werden lässt. [3]

Zu Anselm STRAUSS

"In der sozialen Wirklichkeit sind wir konfrontiert mit einem Universum, das durch beständigen Fluss charakterisiert ist; es kann und will nicht verharren. Es handelt sich um ein Universum, in dem Prozesse von Verschwinden, Zerfall und Aufteilung Spiegelbilder des Auftauchens, Neuentstehens und Zusammenschlusses sind. Es ist ein Universum, in dem nichts streng determiniert ist. Doch seine Phänomene können teilweise durch die naturalistische Analyse bestimmt werden – einschließlich des Phänomens, dass die Menschen selber daran mitwirken, diejenigen Strukturen zu schaffen, die ihr Leben formen."

Mit diesem Motto beginnt Anselm STRAUSS seine Monographie zur interaktionistischen Handlungstheorie ("Continual Permutations of Action", 1993). Die Regeln menschlichen Zusammenlebens sind in seiner Sicht nicht vorgegeben, sondern sie erfordern zu ihrer Etablierung, Aufrechterhaltung oder Änderung immer wieder ein Aushandeln in der Interaktion, das von Fall zu Fall variiert und dessen Analyse den Kern der Sozialforschung ausmacht. In seiner ersten großen Feldstudie, einer Untersuchung über Abstimmungsvorgänge in verschiedenen Chicagoer Psychiatrischen Kliniken Ende der 50er Jahre ("Psychiatric Ideologies and Institutions", 1961), prägte STRAUSS hierfür das Konzept der "ausgehandelten Ordnung" (negotiated order), das einen zentralen Stellenwert für seine weitere Arbeit erhielt und gleichzeitig einen Einblick in die Art und Weise seiner Theoriebildung gibt. Theoretische Begriffe sind für ihn bei aller Abstraktheit erfahrungsgesättigt, d.h. in sorgfältiger Beobachtung und Feldforschung gegründet (grounded), weshalb der von ihm entwickelte sozialwissenschaftliche Denk- und Forschungsstil "Grounded Theory" heißt. [4]

Anselm – so nennen ihn seine Freunde und Schüler – wurde 1916 in New York als Enkel jüdischer Einwanderer aus Deutschland geboren und wuchs in der Vorstadt Mount Vernon auf. Von 1935 bis 1944 studierte er an den Universitäten von Virginia und Chicago Soziologie in der Tradition der "Chicagoer Schule", wobei Pragmatismus und Symbolischer Interaktionismus bestimmend für seine gesamte wissenschaftliche Arbeit wurden. Nach Lehr- und Forschungstätigkeit an verschiedenen Universitäten, zuletzt Chicago, erhielt er 1960 einen Ruf an die School of Nursing der University of California in San Francisco und gründete dort das Department of Social and Behavioral Sciences das er bis zu seiner Emeritierung 1987 leitete. Als Emeritus setzte er dort seine Lehr-, Forschungs- und Publikationstätigkeit fort, nicht zuletzt in seinem legendären Forschungsseminar, zu dem im Laufe der Jahre auch zahlreiche Soziologen und einige Psychologen aus Deutschland pilgerten. [5]

STRAUSS starb am 5. September 1996 an einem Herzleiden, mit dem er seit den 70er Jahren zu leben gelernt hatte. Am Tag vor seinem Tode hatte er noch die Fahnenkorrektur seines 32. Buches beendet. [6]

STRAUSS begann seine wissenschaftliche Laufbahn mit sozialpsychologischen Arbeiten, seine erste Buchveröffentlichung, gemeinsam mit Alfred LINDESMITH, erschien 1949 unter dem Titel "Social Psychology" (deutsche Übersetzung 1974 unter dem Titel "Symbolische Bedingungen der Sozialisation – Eine Sozialpsychologie"). Das Buch ist in den USA inzwischen, von Norman DENZIN als drittem Autor aktualisiert, in 7. Auflage (1991) erschienen und verdiente sicher eine Neuübersetzung. Auch sein in Deutschland – neben den Büchern zur Grounded Theory – bekanntestes Werk "Spiegel und Masken – Die Suche nach Identität" (Erstausgabe "Mirrors and Masks" 1959) weist STRAUSS als Sozialwissenschaftler aus, für dessen theoretisches Denken die Fächergrenzen zwischen Soziologie und Psychologie nicht relevant sind. Es nimmt Wunder, dass dieses Buch – mit seiner Abgrenzung von ERIKSON in der Auffassung einer ständigen "Umschreibung" von Identitäten durch Neudefinitionen in der Diskussion um die "post-moderne Identität" bisher kaum Beachtung findet. [7]

STRAUSS wichtigste Arbeiten beziehen sich auf die Methodik qualitativer Forschung – insbesondere die Entwicklung der Grounded Theory – und auf die Arbeitsorganisation in Krankenhäusern, den Umgang mit Körper, Schmerz, chronischer Krankheit und Sterben. Daneben finden sich Untersuchungen zur Berufs- und Stadtsoziologie, zu Statuspassagen, praktische Vorschläge zur Reform des Gesundheitswesens und last not least theoretische Schriften. [8]

Charakteristisch für seinen Denkstil und ungewöhnlich für einen qualitativ arbeitenden Forscher ist die Suche nach empirisch begründeten theoretischen Konzepten. Zentrale Konzepte. die er aus seinen Feld- und Interviewstudien ableitete sind unter anderem:

  • Aushandeln und ausgehandelte Ordnung. In seinem Buch "Negotiations" (1978) werden Aushandlungsprozesse von der psychiatrischen Krankenstation bis zu den Nürnberger Prozessen und amerikanisch-russischen Verhandlungen untersucht.

  • Bewusstheitskontext (context of awareness). Ursprünglich wurde dies Konzept in Feldstudien zum Sterben in Institutionen entwickelt, es bezieht sich darauf, wieweit Interaktionsteilnehmer ihr Wissen und ihre Motive wechselseitig offen legen oder verbergen.

  • Verlaufskurve (trajectory). Ein Konzept, das alle mit einem sozialen Geschehen verbundenen Aktionen/Interaktionen zusammenfasst, z.B. bei chronischer Krankheit, aber auch bei Arbeitsprozessen oder anderen sozialen Ereignissen.

  • Abstimmungsarbeit, Gefühlsarbeit, Identitätsarbeit. Psychische Prozesse werden als Arbeit konzeptualisiert (ähnlich der Trauerarbeit bei FREUD, jedoch unter sozialpsychologischer bzw. organisationssoziologischer Perspektive). Die Fruchtbarkeit dieser Konzeption erweist sich eindrucksvoll in den Untersuchungen über chronisch Kranke (z.B. "Weiterleben lernen – Chronisch Kranke in der Familie" mit Juliet CORBIN 1988, deutsch 1993).

  • Soziale Welt-Subwelt und Arena. Soziale Welten sind Sinngemeinschaften, die sich durch die Gemeinsamkeit von Weitsicht, Zielen und Handeln ihrer Mitglieder auszeichnen. Durch das Aushandeln von Konflikten werden sie zu Arenen, wobei sie sich häufig in Subwelten aufspalten. Diese Konzepte sind besonders geeignet, den im einleitenden Zitat beschriebenen beständigen Fluss der sozialen Wirklichkeit zu analysieren. [9]

Während die empirischen und theoretischen Arbeiten von Anselm STRAUSS in der deutschen Soziologie zunehmend Beachtung finden, sind sie für die Psychologie erst noch als ebenbürtig zur Grounded Theory zu entdecken. Zur Rezeption seines Lebenswerks in Deutschland und Europa sei besonders auf die Magdeburg Memorial Conference "Anselm Srauss as theoretician: the impact of his thinking on German and European social sciences" (1999) hingewiesen (siehe http://www.ucsf.edu/anselmstrauss/pdf/mem-magdeburg.pdf). Kürzlich sind von Jörg STRÜBING zwei wichtige Bücher erschienen, die sich mit den theoretischen Ansätzen und mit den wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Grounded Theory von Anselm STRAUSS auseinandersetzen (siehe STRÜBING 2002, 2004). Eine aktuelle und ausführliche Informationsquelle zur Biographie und den Schriften bietet die Anselm-Strauss-Webseite. [10]

1. Wie wird man Sozialwissenschaftler?

H.L.2): Anselm, wir möchten Ihren Werdegang als Soziologe und die Entwicklung Ihrer wissenschaftlichen Konzepte in den Mittelpunkt des Interviews stellen. Als erstes möchte ich Sie nach Ihrer Herkunft fragen. Wie sind Sie zur Soziologie gekommen, wie wird man Sozialwissenschaftler? [11]

A.S.: Ich war ein Vorstadtkind. Geboren bin ich in New York City, aufgewachsen in Mount Vermon, einem Vorort von New York in Westchester County, so einer typischen Schlafstadt mit Leuten aus der Mittelschicht. Mein Vater war Sportlehrer an einer High School in New York. In meinem Elternhaus gab es eine Menge intellektuellen Austausch, Bücher, Diskussionen, nicht unbedingt auf besonders hohem Niveau, aber auf jeden Fall anregend. [12]

Meine Großeltern kamen aus Deutschland, sie sind als deutsche Juden um 1860/70 eingewandert. Von der Großmutter erinnere ich noch einige deutsche und jiddische Wörter, die ich mit fünf, sechs Jahren gelernt habe. Aber wir bildeten schon eine amerikanische Kleinfamilie, ich war eher ein amerikanisches Kind als ein Einwandererkind. Trotzdem war das Familienklima ziemlich behaglich, nicht dieser typisch amerikanische Stress. Das Judentum spielte kaum eine Rolle; obwohl ich Jude war, hatte ich keine tieferen religiösen Gefühle. [13]

Da ich häufig unter Atemwegsbeschwerden litt, sollte ich nach der High School eigentlich in ein südliches Klima. Die Ärzte rieten zu Arizona, das war aber zu weit. So ging ich nach Virginia ins College. Ich hatte als unbedarftes Vorstadtkind erst mal keine Ahnung, in welcher Richtung ich mich orientieren sollte. Ich dachte ans Medizinstudium: Nach all den Nasen- und Nebenhöhlenoperationen wollte ich Chirurg werden. Die Naturwissenschaften lagen mir zwar, aber ich fand es langweilig. So belegte ich Kurse in den Humanwissenschaften, Soziologie und Psychologie. Und ich begann mich für Wissenschaftstheorie und Methodik zu interessieren. Ich las ein damals ziemlich berühmtes Buch über Logik und Methodik. Die Logik fand ich langweilig, aber der Teil über die Methodik war wirklich spannend und enthielt eine Menge von Beispielen. So kam ich auf die Idee, Wissenschaftler zu werden, sicher eine etwas ungewöhnliche Idee für meine Herkunft! Ich hatte natürlich eine idealisierte Vorstellung von der Wissenschaft, die auch von Büchern über berühmte Forscherpersönlichkeiten wie Madame Curie geprägt war. [14]

2. Chicago und der Pragmatismus

Damals besuchte ich sehr gute Kurse in Soziologie und Psychologie; ich sah mich in beiden Fakultäten um. Mein Soziologielehrer war Schüler von Ezra PARK, dem charismatischen Soziologen der 20er Jahre in Chicago. So machte ich meine erste Bekanntschaft mit der Chicagoer Feldforschung, und ich las den Klassiker "The Polish Peasant in Europe and America" von THOMAS und ZANIECKI. So lernte ich, wie Forschung empirisch verankert sein kann. [15]

Aus dieser Zeit stammt auch meine Bekanntschaft mit der Philosophie des Pragmatismus und mit John DEWEY, ohne dass ich ahnte, welchen Einfluss das auf mein Denken ausüben sollte. DEWEY hatte schon 1896 in einem einflussreichen Artikel über den Reflexbogen in der Psychologie die damalige Version der Reiz-Reaktions-Psychologie scharf attackiert. In seinem Buch "Human Nature and Conduct" (1922), das die Chicagoer Soziologen damals lasen, entwickelte er ein Schema des menschlichen Handelns: Handeln und Erfahrung sind kontinuierliche Prozesse und größtenteils Routine. Erst wenn die Routine durch Störungen unterbrochen wird, kommen mentale Prozesse wie Vorstellen, Planen und Entscheiden ins Spiel und führen zu einer Reorganisation des Handlungsflusses. Dabei spielt die Interaktion eine zentrale Rolle, sowohl für den Handlungsablauf wie für das Selbst und die Welt. Das Handlungsschema der Pragmatisten ging Hand in Hand mit ihrer entschieden antidualistischen Position: keine Trennung von Körper-Geist, real-ideal Wert-Fakt! Das Handlungsschema diente zugleich als Grundlage für soziale und politische Reformen, Erziehung, Kunst, Wissenschaft, Moral und Religion. [16]

Am Ende meiner College-Zeit konnte ich mich zunächst nicht für ein Studienfach entscheiden. Der Psychologe meinte, das Examen in Psychologie sei nicht viel wert; es sei schwer, einen Job zu finden. Der Soziologe sagte: "Wenn Sie Soziologe werden wollen, sollten Sie zu meiner alten Uni nach Chicago gehen. Ich muss Sie aber warnen, es gibt in der Soziologie keine Juden!" Er konnte nicht voraussehen, dass nach dem Krieg eine Menge Heimkehrer sich für die Natur von Mensch und Gesellschaft interessierten, darunter auch viele Juden, die Soziologie studierten und in den späten 50ern einflussreich wurden. [17]

Mein wichtigster Lehrer in Chicago wurde Herbert BLUMER, der auch zu den Interaktionisten zählt. Er hat 1937, in einem Artikel mit dem Titel "Social Psychology", die Bezeichnung "symbolische Interaktion" geprägt, wobei nicht alle Soziologen in der Chicagoer Tradition diese Bezeichnung für sich selber akzeptieren. BLUMER war eine charismatische Persönlichkeit, ein stattlicher Mann – in seiner Jugend war er Footballspieler gewesen – mit einer gewaltigen Stimme. Ich arbeitete eng mit ihm zusammen, wurde gleich eine Art Assistent und geriet so unter seine Fittiche. [18]

BLUMER machte mich vertraut mit George Herbert MEADs "Mind, Self and Society" (1934). MEADs Beitrag zum Interaktionismus ist allgemein bekannt; er fügte wesentliche Elemente zum Handlungsschema hinzu: seine Unterscheidung von Handlungsphasen, seine radikale Konzeption der Komplexität und Flexibilität jeder Handlung, seine Ausarbeitung der sozialen Interaktion und der multiplen Perspektiven der Akteure, seine Konzeption des Selbst als Prozess einschließlich der Selbstreflexion und des Zusammenspiels von "I and Me", schließlich seine Betonung von Körper und Zeitlichkeit. [19]

Die Chicagoer Soziologen haben das Handlungsschema der Pragmatisten und die Sozialpsychologie MEADs als weitgehend selbstverständliche Voraussetzung ihrer Arbeit übernommen und für ihre Zwecke erweitert. Mit den Pragmatisten teilten sie auch das Engagement für soziale Reformen, wobei sie sich von ideologisch bestimmten Reformern durch ihre Überzeugung unterschieden, dass Reformen nur auf wissenschaftlicher Basis sinnvoll realisiert werden können. In einer Stadt wie Chicago, die damals ein enormes Wachstum mit all den damit verbundenen sozialen und ethnischen Problemen erlebte, entstand in diesen Jahren eine riesengroße Zahl soziologischer Forschungsprojekte, die alle diesem Reformziel dienen sollten. BLUMER gab den Anstoß, dass ich kritisch über unser Fach nachzudenken begann. Ich schrieb bei ihm meine Master's Thesis über das damals sehr populäre wissenschaftliche Konzept der attitudes. Ich kritisierte in der Arbeit die amorphe und konfuse theoretische Literatur über Einstellungen und die sehr enge Sicht, die den gebräuchlichen Attitüde- Skalen zugrunde lag. [20]

Das war in den Jahren 1940-44, einer Zeit, in der die meisten in den Krieg eingezogen wurden. Ich selber wurde aber aufgrund meiner schlechten Gesundheit nie gemustert. So konnte ich im Krieg weiterarbeiten, erst unter BLUMER und dann unter Emest BURGESS, bei dem ich meine Doktorarbeit schrieb: über Partnerwahl, teils mit Tiefeninterviews, teils mit Fragebogen. So hatte ich einmal in meinem Leben die Gelegenheit, auch quantitativ zu forschen. Aber das hatte keine weiteren Auswirkungen auf meine spätere Arbeit. [21]

3. Soziologie und Sozialpsychologie

1944 ging ich für drei Jahre als Dozent an ein kleines College in Wisconsin. Ich habe damals eine noch von BLUMER inspirierte Studie über Tagträume und Fantasie durchgeführt. Das war bedeutsam für meine Biografie: Ich hatte diese wunderbaren Daten von meinen Studenten, aber ich wusste nicht, was ich mit ihnen machen sollte. Die soziologischen Techniken, die ich in meiner Ausbildung gelernt hatte, konnten mir ebenso wenig weiterhelfen wie die psychologischen Skalen. BLUMER besaß überhaupt keine Methode. Er sagte einfach: "Mach mit den Daten, was Du willst!" [22]

B.S.: So wurden Sie ihr eigener Lehrmeister, wenn es keine Methoden gab? [23]

A.S.: Damals noch nicht. Ich habe die Studie nie veröffentlicht, außer einer kurzen Erwähnung in "Spiegel und Masken", wo ich einen Abschnitt über Tagträume geschrieben habe. Erst in meinem Buch über Handlungstheorie habe ich ausführlicher auf das Material zurückgegriffen, um die Zusammenhänge zwischen Denkprozessen und biografischen Prozessen an einer Fallgeschichte zu erläutern. [24]

Nach Wisconsin ging ich an die Indiana University. Dort war die Begegnung mit Alfred LINDESMITH für meine Biografie wichtig. LINDESMITH kam aus Chicago und hatte ein glänzendes Buch über Opiatabhängigkeit geschrieben. Er war sozialpsychologisch orientiert, und wir schrieben ein Buch über Sozialpsychologie (Social Psychology, 1949). Damals waren die Autoren in der Sozialpsychologie sowohl Psychologen wie Soziologen – sie schrieben nicht wie die heutigen Lehrbuchautoren einfach drauflos, um Geld zu machen, sondern man hat wirklich seine Ideen in diese Bücher gesteckt. Wir hatten keine Ahnung, dass uns das Buch berühmt machen würde. Es wurde ins Schwedische, Deutsche, Japanische und noch ein paar Sprachen übersetzt. [25]

H.L.: Ich erinnere mich gut an das Buch (dt.: Symbolische Bedingungen der Sozialisation – Eine Sozialpsychologie, 1974). Es war wichtig für mich, denn es hat mir die Perspektive des Symbolischen Interaktionismus in der Psychologie vermittelt. [26]

A.S.: In dem Buch haben wir die sozialpsychologischen Implikationen von MEAD herausgearbeitet, die Bedeutung der Sprache für Wahrnehmung, Gedächtnis, Sozialisation, Selbstkonzept, Kommunikation und Gruppenprozesse, Desorganisation, Konflikt, abweichendes Verhalten. Das Ganze war geschrieben in entschiedener Opposition zu behavioristischen Positionen, aber auch zu der eklektizistischen Mixtur aus Psychologie und Soziologie, die damals in der Sozialpsychologie vorherrschte. [27]

H.L.: Das Buch ist immer noch aktuell. Gab es nicht kürzlich eine Neuauflage? [28]

A.S.: Wir luden 1973 Norman DENZIN ein, als Juniorautor mit einzusteigen. Wir saßen hier oben auf der Terrasse und haben das Buch komplett neu geschrieben. Seitdem betreut DENZIN die Neuauflagen (7. Aufl. 1991). [29]

H.L.: Ein Buch, das in Deutschland neu entdeckt werden sollte. [30]

A.S.: Die Beziehung zwischen Soziologie und Sozialpsychologie in der Chicagoer Schule ist vielleicht für die Leser Ihrer Zeitschrift von Interesse. William THOMAS hatte in seinem Polish Peasant eine ausgesprochen sozialpsychologische Orientierung. Auf ihn geht das Konzept der Situationsdefinition in der Kommunikation zurück. THOMAS hat Ezra PARK nach Chicago geholt, und der wurde der Vater all dieser Interaktionisten. Park arbeitete an den gleichen Problemen wie Thomas, wenn auch in einem anderen Stil. [31]

So war die Sozialpsychologie in die Chicagoer Soziologie eingebaut – man unterschied nicht klar zwischen Soziologie und Sozialpsychologie. Auch BLUMER schrieb seine Doktorarbeit über Sozialpsychologie. Ich selber fühlte mich ebenso sehr als Sozialpsychologe wie als Soziologe, nicht zuletzt wegen meines Nebenfachs Anthropologie. Als ich dann nach Indiana kam, hatten die Psychologen etwas dagegen, dass ich Sozialpsychologie lehrte. So nannte ich mein Seminar "Persönlichkeit und Gesellschaft", doch es war Sozialpsychologie im Chicagoer Stil. [32]

Die psychologische Tradition in der Sozialpsychologie begann 1921/22 mit Floyd ALLPORT. Zu meiner Zeit waren dann Leute wie NEWCOMB sehr bekannt und einflussreich. Diese Leute haben versucht, ihr Feld zu "verwissenschaftlichen", nach dem gleichen Muster wie der Rest der Psychologie. Gleichzeitig haben sie einiges von unserer Seite des Vorhangs geborgt – ebenso wie umgekehrt. Erst in den 60ern und 70ern ist der Kontakt abgebrochen. [33]

Um das Thema abzuschließen: In der Amerikanischen Soziologischen Gesellschaft gibt es eine Sektion Sozialpsychologie mit einer eigenen Zeitschrift. Der Sprecher dieser Sektion ruft mich vor einiger Zeit an und sagt: "Wir haben uns auf unserem letzten Treffen dafür ausgesprochen, dass Sie der Preisträger des Jahres für Sozialpsychologie werden." Ich darauf: "Ich habe seit 25 Jahren keine Sozialpsychologie getrieben und ich lese auch Ihre Zeitschrift nicht." – "Da sind Sie leider nicht der erste Preisträger, der das sagt." – "Und wie kommen Sie dann auf mich?" Es ging ihm um meine Studien über Interaktion und Mikrosoziologie! Er wollte einen Vortrag von mir und war begeistert, als ich ihm etwas über Biografie anbot, ein Thema, das im Augenblick auf sehr viel Interesse stößt. [34]

4. Interaktion und Struktur

Ich kam 1952 als Assistant Professor zurück nach Chicago. BLUMER ging damals nach Berkeley, und ich übernahm sein Seminar in Sozialpsychologie. Doch dann begann ich mich stärker soziologisch zu orientieren. Der Lehrstuhlinhaber war damals Everett HUGHES, und ich fand, dass er und seine Schüler faszinierende Feld- und Interviewstudien über Berufstätigkeit und Arbeit durchführten. Das brachte mich auf die Bedeutung von Organisation und Struktur und bestimmte mein späteres Interesse für die unterschiedlichsten Formen von Arbeit. [35]

Damals begann ich mein Buch über Identität (Mirrors and Masks – The Search for Identity, 1959; dt. Spiegel und Masken. Die Suche nach Identität. 1968). Das Buch entstand 1952-1958, es besteht aus sechs aufeinander aufbauenden Essays. Anfangs schrieb ich aus sozialpsychologischer Perspektive, doch zunehmend wurden Fragen der sozialen Organisation und Struktur für mich wichtiger. In "Mirrors and Masks" habe ich zum ersten Mal versucht, beide Aspekte zu verbinden. Ich habe die Flüssigkeit und Komplexität der miteinander verwobenen individuellen und kollektiven Identitätsaspekte betont, ebenso die Bedeutung von äußeren Einflüssen, unscharfen strukturellen Grenzziehungen und die Reichweite unterschiedlicher Organisations- und Interaktionsformen. Die Notwendigkeit einer Verbindung der Makro- und Mikroebene zieht sich als roter Faden durch das ganze Buch. Dass jeder Seite das Handlungsschema der Chicagoer Schule zugrunde lag, war mir damals in keiner Weise bewusst. Ich spürte nur, was ich schrieb, war in Tuchfühlung mit der "Realität da draußen". Ich denke heute noch, dass dieses Buch viele meiner späteren Themen und Erkenntnisse vorweggenommen hat. [36]

5. Feldforschung

Ich verließ 1958 die Universität, um am Michael Reese Hospital Feldforschungen in einer großen psychiatrischen Klinik durchzuführen. Früher hatte ich schon mit Howard BECKER an der Studie über "Boys in White" mitgearbeitet. Das war eine der ersten größeren Studien über die berufliche Sozialisation von Medizinstudenten. Die Untersuchung lief in Kansas City, und die Feldarbeit wurde hauptsächlich von BECKER und Blanche GEER gemacht, während das Konzept von Everett HUGHES und mir stammte. Wir waren auch für die Forschungsberatung zuständig, und ich bin drei Monate in Kansas gewesen, habe da an der Feldarbeit mitgemacht. [37]

Ich begann dann mit mehreren meiner Schüler, darunter Rue BUCHER und Leonard SCHATZMANN, die sehr umfangreiche Feldstudie über psychiatrische Institutionen, die 1961 als "Psychiatries' Ideologies and Institutions" veröffentlicht wurde. In dieser Studie arbeiteten wir, ohne es zu wissen, mehr und mehr mit der Grounded Theory. Wir untersuchten zwei Krankenhäuser, eine Privatklinik und ein State Hospital, beide mit ihren unterschiedlichen Stationen. Wir haben zur Gewinnung unserer Konzepte alle Stationen systematisch miteinander verglichen, außerdem Psychiater verschiedener Orientierungen, Pflegepersonal, nichtmedizinisches Personal und Patienten. So haben wir die "Methode der konstanten Vergleiche" entdeckt. Die Krankenhäuser befanden sich damals in einer Umbruchphase, und wir merkten bald, dass die Ärzte sehr unterschiedlichen Ausbildungstraditionen entstammten. Sie waren entweder biologisch orientiert oder Mitglieder des Chicagoer Psychoanalytischen Instituts – manche von ihnen sind später sehr bekannt geworden –, oder auch junge Ärzte, die in psychoanalytischer Ausbildung und Supervision standen. Unsere Beobachtungen über die Behandlungsarten machten mich zunehmend skeptisch über ihr fachliches Wissen. Das ist auch der Grund dafür, dass wir dann über "psychiatrische Ideologien" schrieben. Wir haben während der Studie oft herzhaft gelacht. Nicht dass wir die Leute belächelt hätten, aber es passierten einfach so viele komische Zwischenfälle vor unseren Augen! [38]

Ich erinnere mich an einen 14jährigen Jungen, der alle Regeln durchbrach, ständig weglief, gewalttätig wurde, alles "aufmischte", sich in seinem Zimmer einschloss etc. Die ganze Station war in ständigem Aufruhr. Wir nannten diesen Jungen den "Patienten des Jahres". Die Neuigkeiten wanderten durch das ganze Krankenhaus, das Personal diskutierte auf den Gängen, was man machen sollte; es gab jede Menge Meetings. Als Feldforscher wäre ich Ihnen in dieser Woche wie ein tanzender Derwisch erschienen, der von Akteur zu Akteur gelaufen ist – Pflegepersonal, Ärzte, Eltern, Verwaltung usw., immer wieder die Runde, immer hinter diesem Fall her. Wir haben diesen Fall in unserem Buch ausführlich dargestellt. Er diente uns zum Beleg dafür, wie es in der Feldforschung sowohl auf den Prozess ankommt, der sich im Zeitverlauf entfaltet, als auch auf die vielfältigen Perspektiven und Aktionen der Akteure. Ich habe beides später im Konzept der "Verlaufskurve" (trajectory) zusammengefasst. [39]

Wir stellten fest, dass einige Behandlungsarten in diesem oder jenem Krankenhaus erfolgreich waren, aber nicht unbedingt aufgrund der ideologischen und schulmäßigen Ausrichtung der Therapeuten. Das alles brachte uns in Distanz zu den Ärzten, sowohl theoretisch wie auch in der Feldarbeit. Wir nahmen bewusst eine sehr soziologische Perspektive ein und interessierten uns dafür, wie die Menschen es schafften, bei aller Verschiedenheit ihre anstehende Arbeit zu organisieren. Wir stellten fest, dass die soziale Ordnung auf "Aushandlungen" (negotiations) beruhte: In den untersuchten Institutionen gab es praktisch keine Organisationsstrukturen, die nicht ständig in Frage gestellt wurden und neu ausgehandelt werden mussten! [40]

Ich formulierte damals das für meine weitere Arbeit zentrale Konzept der "ausgehandelten Ordnung" (negotiated order). Soziale Ordnung ist nach meiner Auffassung niemals selbstverständlich, sondern erfordert zu ihrer Etablierung, Aufrechterhaltung und ihrem Wandel immer wieder Aushandlungsprozesse, deren Art und Weise natürlich vom jeweiligen Kontext abhängig ist. Das ist ein ausgesprochen interaktionistisches Konzept; für die meisten soziologischen Theorien ist nämlich die Ordnung das selbstverständlich Gegebene, und sie tun sich dann schwer damit, Chaos und Wandel zu erklären! [41]

6. Grounded Theory

1960 kam ich nach San Francisco an die Medical School der Universität. Ich wollte mir die Krankenhäuser anschauen und suchte einen interessanten Untersuchungsgegenstand, der auch für Mediziner und Pflegepersonal wichtig sein könnte. Ich entdeckte, dass die Leute mit dem Sterben im Krankenhaus ihre Probleme hatten. So begann ich mit Feldstudien über das Sterben im Krankenhaus. Ich konnte damals natürlich nicht ahnen, wie bald der Tod und die Sterbebewegung ins öffentliche Bewusstsein dringen und Einfluss gewinnen würden! [42]

Es stellte sich bald heraus, dass das Thema eine umfangreichere Erhebung und Analyse erforderte. Nach sechs Monaten konnte ich Barney GLASER hinzugewinnen. Er kam frisch von der Columbia Universität, wo er bei MERTON und LAZARSFELDT studiert hatte. Ich stellte ihn ein ohne irgendein Empfehlungsschreiben, einfach weil ich sah, wie gut er war und zu meinen Forschungsideen passte. Wir hatten beide persönliche Vorerfahrungen mit dem Tod. Ich hatte fünf Jahre früher beim Tod meiner Mutter erlebt, wie die Sterbende und wir Angehörigen uns gegenseitig etwas über den Zustand meiner Mutter vorspielten. Beim Sterben eines Freundes wirkte ich später selber mit an einem sorgsam arrangierten geheimen Einverständnis im Freundeskreis, das den Freund über seinen bevorstehenden Tod im Unklaren lassen sollte. Barney hatte vor Beginn der Studie seinen Vater verloren und war besonders beeindruckt von der Bedeutung der Todeserwartung und der Hilflosigkeit der Angehörigen. Das Wissen um die Todeserwartung war also ein "sensibilisierendes Konzept", das wir aus unseren persönlichen Erfahrungen in die Studie mitbrachten. Barney hatte außerdem den Kopf voll von allen möglichen MERTONschen theoretischen Begriffen; doch wir merkten bald, dass wir mit theoretischen Konzepten, die wir nach und nach aus dem Material heraus entwickelten, sehr viel dichter an die Wirklichkeit herankamen. [43]

Die Auswahl der zu untersuchenden Krankenhäuser und Stationen wurde bereits von unseren Hypothesen über die Bedeutung der Todeserwartung und der Bewusstheit des Sterbens bestimmt. Wir untersuchten insgesamt sechs Einrichtungen in der Bucht von San Francisco. Wir begannen auf einer Frühgeborenenstation, einer Station mit hoher Todeserwartung und fehlender Bewusstheit des Patienten. Danach untersuchten wir eine Krebsstation, wo langsames Dahinsiechen typisch war und Unterschiede in der Bewusstheit des Sterbens besonders deutlich waren. Später kamen geriatrische Stationen, Unfall- und Kinderstation hinzu. Während der Feldarbeit schrieben wir analytische Memos und entwickelten Schritt für Schritt unsere Konzepte. Jede neue Erhebung erwuchs aus vorangegangenen theoretischen Überlegungen – das war das Prinzip des theoretischen Sampling. [44]

Schließlich formulierten wir in "Awareness of Dying" (1965; dt. Interaktion mit Sterbenden, 1974) unsere in den Daten gegründete (grounded) Theorie über den Einfluss der Bewusstheit auf den Umgang mit Sterbenden. Wir unterschieden verschiedene Bewusstheitskontexte: geschlossene Bewusstheit, Argwohn, wechselseitige Täuschung und offene Bewusstheit. Praktisch wichtig sind die von uns herausgearbeiteten Auswirkungen dieser Bewusstheitskontexte auf die Interaktion mit dem Patienten. Es war erschütternd zu sehen, wie das Pflegepersonal jeden Kontakt mit dem Patienten, wenn dieser argwöhnisch war, auf das Notwendigste einschränkte, nur um offene Bewusstheit um jeden Preis zu vermeiden! [45]

So entwickelten wir im Verlauf der Studie Zug um Zug die Methoden der Grounded Theory und unseren Forschungsstil. Ich hatte diesen Stil zwar schon vorher intuitiv praktiziert, aber ich hatte keine Namen gehabt für das, was ich tat. Barney war durch die Ausbildung bei LAZARSFELD in einer stärker systematischen Anwendung von Methoden geschult und kam immer wieder mit Vorschlägen zur Benennung der einzelnen Schritte. So haben wir uns sehr gut ergänzt. [46]

7. Die Vermittlung der Methode

Der Chicagoer Einfluss verblasste nach dem Krieg. 1945/46 trat diese Uni ihre Rolle als wichtigstes Zentrum der Soziologie an Columbia, Harvard und Yale ab. Alle gingen jetzt dorthin, gleichzeitig gab es einen Übergang zum Funktionalismus á la PARSONS und MERTON und zu quantitativen Survey-Studien. Dieser Wandel ging einher mit einer Bürokratisierung der universitären Forschung und dem zunehmend konservativen politischen Klima. Chicago und der qualitative Stil lebten zwar weiter, Leute wie GOFFMAN oder ich selber machten ihre Sachen einfach weiter, aber weniger sichtbar. Doch in den frühen 70er Jahren wurden diese Arbeiten wiederentdeckt. [47]

H.L: Hängt dieser Wandel mit der Studentenbewegung zusammen? [48]

A.S.: Ja, natürlich; 1968 gab es diese gewaltige Studentenbewegung, den Protest gegen den Kapitalismus. In der Soziologie kam damals der Neomarxismus, die Interaktionisten wurden wiederentdeckt, die Ethnomethodologie kam auf und auch eine phänomenologische Strömung. [49]

H.L.: Wie wirkte sich das auf die Grounded Theory aus? [50]

A.S.: Wir entschieden Mitte 60, ein Buch über Methoden zu schreiben. Wir spürten schon, dass Veränderungen in der Luft lagen, denn wir wollten für die "Kids" schreiben – Leute über 30 schienen uns schon zu festgelegt. Barney hatte das bessere Gefühl, dass ein solches Buch ankommen würde, ich war skeptischer, weil ich älter war. Der Titel, "The Discovery of Grounded Theory" (1967; dt.: 1998), zeigt schon, worauf es uns ankam: nicht wie in den üblichen Methodenbücher die Überprüfung von Theorie, sondern deren Entdeckung "aus den Daten heraus". Grounded Theory ist keine Theorie, sondern eine Methodologie, um in den Daten schlummernde Theorien zu entdecken. [51]

Wir verbanden drei Zielsetzungen mit dem Buch: Erstens versuchten wir, qualitative Forschung, die damals nicht anerkannt wurde, zu legitimieren. In vielen Departements ist es ja immer noch so, dass qualitative Forschung nicht als wissenschaftlich gilt! So wurde das Buch auch benutzt. – Studenten konnten damit ihre qualitativen Studien vor den Prüfungsausschüssen besser rechtfertigen. Zweitens wollten wir Funktionalisten wie PARSONS und MERTON attackieren. Damals wurden deren Theorien von den Studenten und jungen Soziologen umstandslos übernommen und alles andere in Frage gestellt. Wir wandten uns gegen diese "überlieferten Theorien", und das war auch wirkungsvoll. Deswegen hat das Buch diese aktive und scharfe Diktion. Der Lektor hat zunächst alle aktiven Verben ins Passiv verkehrt, um das abzumildern, doch wir haben dagegen protestiert und uns durchgesetzt. Der dritte Grund war die Darstellung der Möglichkeit von Theoriebildung aus den Daten heraus. Das wird ja bis heute von vielen qualitativen Forschern bezweifelt. Die meisten begnügen sich mit ethnografischen Beschreibungen wie die frühen Chicagoer. Und neuerdings die Postmodernen halten es nicht mehr für sinnvoll, systematisch Theorien zu entwickeln. [52]

H.L.: Ich habe das Buch Anfang der 1980er gelesen, als ich mich mit der Auswertung meiner ersten eigenen Feldstudie herumschlug. Ich war begeistert, aber ich habe nicht gelernt, wie man mit der Grounded Theory arbeitet. Da haben mir erst die späteren Bücher weitergeholfen. [53]

A.S.: Ja, das ist ein Missverständnis, auf dass das Buch teilweise noch heute stößt. Es enthält keine Methoden, es ist programmatisch geschrieben. Wir dachten anfangs, man kann unseren Stil zu arbeiten ebenso wenig wie eine Labortechnik in einem Buch vermitteln. Wir forderten die Leute einfach auf, mit uns zusammen nach der Grounded Theory zu arbeiten. Doch dann richteten wir ein Seminar ein, das Barney von 1968 bis 1979 übernahm. Er schrieb in dieser Zeit "Theoretical Sensitivity" (1978), ein gutes Buch, das ich auch heute noch meinen Studenten empfehle. Aber es enthielt keine Beispiele. Dann habe ich das Seminar bis heute übernommen. Die Studenten begannen, die Sitzungen auf Band aufzunehmen, weil sie fanden, das geht ihnen alles zu schnell, und sie wollten sich das später noch einmal anhören. Sie fingen auch an, von den Sitzungen Transkriptionen anzufertigen. Schließlich forderten sie mich auf, ein Buch darüber zu schreiben. Ich habe die Transkriptionen durchgesehen, ergänzt und kommentiert, und so entstand das Buch "Qualitative Analysis for Social Scientists" (1987; dt. Grundlagen qualitativer Sozialforschung, 1991, TB 1994). [54]

H.L: Ein sehr lebendiges Buch. Man bekommt durch die vielen Protokolle über Kodierarbeit und Memoschreiben mit, wie die Arbeit tatsächlich läuft. Durch die vielen Beispiele gibt es aber auch einen Einblick in die Vielfalt Ihrer Forschungsthemen. [55]

A.S.: Das letzte Buch, das ich mit Juliet CORBIN geschrieben habe ("Basics of Qualitative Research", 1990; dt.: Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung, 1996) ist sehr viel didaktischer aufgebaut, es ist für Anfänger und führt den Studenten schrittweise in die Arbeitsweise ein. Es ist übrigens ein Bestseller beim Sage Verlag. Interessanterweise wird es hauptsächlich von Leuten gekauft, die nicht in der Soziologie arbeiten, sondern in der Psychologie, vor allem der Klinischen, und Pädagogik, Public Health, Pflegewissenschaft. Ich weiß, warum das Buch so gut ankommt: Es ist die praktische Art, die Probleme anzugehen, die vor allem Leute anspricht, die in der Praxis stehen und forschen wollen! [56]

H.L.: In Deutschland ist die Grounded Theory sehr verbreitet, seit einigen Jahren auch in der Psychologie. Allerdings gilt die Methode als anspruchsvoll und aufwendig. Da würde mich interessieren, was Sie als die Essentials der Methode ansehen. [57]

A.S.: Zunächst einmal meine ich, Grounded Theory ist weniger eine Methode oder ein Set von Methoden, sondern eine Methodologie und ein Stil, analytisch über soziale Phänomene nachzudenken. Ich habe diesen Stil gewissermaßen unvollständig entwickelt aus meinen Bedürfnissen als Interaktionist und Feldforscher heraus. [58]

Wenn ich nun sagen sollte, was zentral ist, würde ich drei Punkte hervorheben: Erstens die Art des Kodierens. Das Kodieren ist theoretisch, es dient also nicht bloß der Klassifikation oder Beschreibung der Phänomene. Es werden theoretische Konzepte gebildet, die einen Erklärungswert für die untersuchten Phänomene besitzen. Das Zweite ist das theoretische Sampling. Ich habe immer wieder diese Leute in Chicago und sonst wo getroffen, die Berge von Interviews und Felddaten erhoben hatten und erst hinterher darüber nachdachten, was man mit den Daten machen sollte. Ich habe sehr früh begriffen, dass es darauf ankommt, schon nach dem ersten Interview mit der Auswertung zu beginnen, Memos zu schreiben und Hypothesen zu formulieren, die dann die Auswahl der nächsten Interviewpartner nahe legen. Und das Dritte sind die Vergleiche, die zwischen den Phänomenen und Kontexten gezogen werden und aus denen erst die theoretischen Konzepte erwachsen. Wenn diese Elemente zusammenkommen, hat man die Methodologie. [59]

Wie die Leute allerdings damit umgehen, hängt natürlich von ihren Bedürfnissen ab. Denken Sie nur an Historiker, die müssen das natürlich dann mit ihren Techniken des Quellenstudiums verbinden. Ich habe z.B. eine Studentin, die über die Entwicklung der reproduktiven Medizin arbeitet, das ist eine historische Arbeit, aber mit Hilfe der Grounded Theory. Oder denken Sie an Informatiker, die sich neuerdings der Grounded Theory zur Systemanalyse bedienen. Genauso gibt es Leute, die die Methode mit quantitativer Forschung verbinden möchten, warum denn nicht? [60]

H.L: Wie sehen Sie denn die Einsatzmöglichkeiten von Kurzformen der Grounded Theory für die Praxis, z.B. auch in der Aktionsforschung oder als Instrument zur Umsetzung von Reformen? [61]

A.S.: Ich halte den Stil der Grounded Theory für sehr variabel. Der Vorschlag, bei bestimmten Fragestellungen abgekürzte Verfahren anzuwenden, geht genau in diese Richtung. Man muss die Methodologie an die Fragestellungen und die Randbedingungen anpassen. Seit Jahren supervidiere ich Forschungsarbeiten von Pflegekräften, das sind sehr praxisorientierte Fragestellungen, und da sind entsprechende Abstriche notwendig. Ich möchte überhaupt kein Purist sein, sondern ich möchte mit der Methode nützlich sein. [62]

B.S.: Wann würden Sie denn das Gefühl haben, das ist nicht mehr meine Methode? [63]

A.S.: Das ist eine gute Frage. Ich würde antworten: Wenn die genannten drei Essentials beachtet werden, ist es Grounded Theory, wenn nicht, ist es etwas anderes. Aber wenn jemand sich trotzdem auf die Grounded Theory beruft, kann ich es auch nicht verhindern! [64]

8. Neuere Arbeiten

H.L.: Ich würde gern auf Ihre Forschungen in den letzten Jahren zu sprechen kommen. Was waren das für Themen? [65]

A.S.: Nach den Studien zum Sterben habe ich über den Schmerz gearbeitet. Damals bin ich selber krank geworden, ich hatte 1972 einen Herzanfall, sodass ich vier, fünf Jahre kaum arbeiten konnte. Ich habe in dieser Zeit ein Buch über Schmerz veröffentlicht (The Politics of Pain Management, 1977; mit S. FAGERHAUGH), außerdem ein theoretisches Buch über Aushandlungsprozesse (Negotiations, 1978). In diesem Buch habe ich das Konzept der "ausgehandelten Ordnung" ausgearbeitet und an ganz unterschiedlichen Beispielen – Arbeitsarrangements auf psychiatrischen Stationen, Tarifverhandlungen, Verhandlungen im kriminellen Milieu, bei den Nürnberger Prozessen und im Kalten Krieg – die Kontextbedingungen von Aushandlungsprozessen untersucht. [66]

Anschließend kam eine Studie über die Art und Weise, wie neue Technologien in die medizinische Arbeit integriert werden, wobei es vor allem um chronisch Kranke ging, auch Patienten mit Herzerkrankungen, Diabetes. Ich habe die gesamte Verlaufskurve (trajectory) der Krankheitsbewältigung untersucht, Phasen, in denen die Patienten zu Hause waren, ebenso wie schwerkranke Phasen im Krankenhaus. Wir haben ein dickes Buch darüber veröffentlicht, wie Technologie die Organisation des Krankenhauses und die Arbeit am Patienten verändert (Social Organization of Medical Work, 1985; mit S. FAGERHAUGH, B. SUCZEK und C. WIENER). [67]

H.L: Können Sie uns ein Beispiel über die Art der Phänomene erzählen? [68]

A.S.: Vielleicht ein paar Beispiele aus der Kinderklinik. Ein kleines Gefühlsdrama zwischen einem Säugling, seiner Großmutter und Mutter, zwei Krankenschwestern und einem Arzt. Großmutter spielt mit dem Kind, trägt es zur Waage, die Krankenschwestern registrieren das Gewicht, während die Mutter über den Rand der Waage lugt und mit ihren Fingern im Gesichtsfeld des Kindes spielt. Großmutter trägt das Kind zurück zum Untersuchungsbett. Der Arzt erscheint und stethoskopiert völlig ruhig, aber in störender Weise das Baby. Eine andere Szene: Zwei Schwestern führen ihre Pflegeprozeduren durch, ohne die geringste Notiz vom Schreien eines Kindes zu nehmen oder es irgendwie zu ermuntern. Oder ein Beispiel aus einer Station für schwer herzkranke Kinder, das Teamarbeit zwischen Mutter und Personal zeigt. Nachdem die Schwester einen Schlauch durch die Speiseröhre des Kindes eingeführt hat, kommt der Arzt und pumpt Antibiotika in den Schlauch. Die ganze Zeit tätschelt und küsst die Mutter dem kleinen Mädchen die Hand, streichelt seinen Kopf und unterstützt so die Selbstkontrolle des schwerkranken Mädchens. Das sind Beispiele für das, was wir Arbeitsteilung bei der Gefühlsarbeit im Krankenhaus genannt haben. [69]

Das Thema chronische Krankheit hat mich in den folgenden Jahren mehr und mehr beschäftigt, ich habe dazu Lehrveranstaltungen gemacht und das Buch mit Juliet CORBIN über chronisch Kranke und ihre Partner geschrieben (Unending Work and Care: Managing Chronic Illness at HÖRNE, 1988; dt. Weiterleben lernen. Chronisch Kranke in der Familie, 1993). Anschließend habe ich mit Juliet auf der Grundlage unserer Studien ein Buch über Gesundheitspolitik veröffentlicht (Shaping a New Health Care System: The Explosion of Chronic Illness as a Catalyst of Change, 1988). Dann habe ich dies Buch über Handlungstheorie geschrieben, das letzten Sommer erschienen ist (Continual Permutations of Action, 1993). [70]

H.L.: Können Sie ein wenig erläutern, um was für eine Art von Handlungstheorie es sich dabei handelt? Das ist ja ein weites Feld. [71]

A.S.: Hier in Amerika denkt man bei der Handlungstheorie erst einmal an PARSONS, in Deutschland ist es wohl anders. Mir geht es um den engen Zusammenhang oder besser die Identität von Aktion und Interaktion, ich entwickle eine dementsprechend interaktionistische Handlungstheorie. Am Anfang steht das Handlungsschema der Pragmatisten: Auf dieser Basis entwickle ich 20 Thesen, die nach meiner Sicht hinter der interaktionistischen Position stehen. Danach gehe ich ziemlich ausführlich auf das Konzept der Verlaufskurve (trajectory) beim Handeln ein. Dies Konzept wurde nach den Studien zum Sterben vor allem in den Untersuchungen über chronisch Kranke ausgearbeitet. Es ist ein in Daten gegründetes soziologisches Konzept und beinhaltet sozusagen den ganzen Schwarm von Handlungen und Interaktionen im Wechselspiel mit äußeren Einflüssen, die mit einem nur bedingt kontrollierbaren Geschehen verbunden sind, sei es ein Krankheits- oder Sterbeverlauf, die Durchführung einer Party oder ein Stadtentwicklungsprojekt. Danach folgen mehrere Kapitel, in denen ich zeige, wie man damit in verschiedenen Bereichen arbeiten kann: Arbeit, Körperprozesse, Biografie, Symbolisierung, Repräsentation, Kreativität und Routine. In den letzten Kapiteln geht es um soziale Welten und Arenen. [72]

Im Mittelpunkt meiner Handlungstheorie stehen Akteure – Individuen, Organisationen, soziale Welten –, die eine wie auch immer geartete soziale Ordnung oder Struktur miteinander aushandeln, aufrechterhalten oder auch verändern. Soziale Welten sind Gruppierungen von Menschen, die durch gemeinsame Ziele und Sichtweisen verbunden sind, ohne dass es scharfe Grenzen der Mitgliedschaft gäbe, wie sie für Organisationen typisch sind. Gesellschaftliche Kontroversen oder Konflikte werden in unterschiedlichen Arenen ausgehandelt, sei es innerhalb einer sozialen Welt oder zwischen verschiedenen Welten. Wir haben solche Aushandlungsprozesse in letzter Zeit z.B. in der AIDS-Arena untersucht, einer Arena, die sich in rasanter Entwicklung befindet und in der das Wechselspiel von Organisationen und sozialen Welten besonders gut zu studieren ist. Das Arena-Konzept ist mir deshalb so wichtig, weil es auch einen theoretischen Rahmen für die Policy-Forschung und die Umsetzung sozialer Reformen liefern kann. [73]

H.L.: Kann man sagen, das ist eine Zusammenfassung Ihrer bisherigen Arbeit? [74]

A.S.: Ich verdanke die Idee meinen deutschen Freunden Fritz SCHÜTZE und Hans-Georg SOEFFNER (siehe hierzu auch das Interview mit Hans-Georg SOEFFNER in diesem Band), die mich immer wieder gedrängt haben, ein solches Buch zu schreiben. Sie wussten natürlich nicht, was dabei herauskommen würde! [75]

Ich habe meine Handlungstheorie in empirischen Arbeiten entwickelt, ohne groß darüber nachzudenken. Ich hatte nie ein bewusstes Programm, doch im Nachhinein kann ich meine intellektuelle Biografie interpretieren als eine lebenslange Konkretisierung des pragmatistisch-interaktionistischen Handlungsschemas. Als Forscher war ich mit einer Fülle von inhaltlichen Fragestellungen und damit zusammenhängenden theoretischen Konzepten von der Identität bis zur Hightech-Medizin konfrontiert. Abgesehen von den substanziellen Ergebnissen all dieser Studien hat sich eine Reihe theoretischer Schlüsselkonzepte entwickelt: ausgehandelte Ordnung, Verlaufskurve, Bewusstheitskontext, Gefühlsarbeit, Arbeitsartikulation, soziale Welt und Arena. Darüber habe ich in dem neuen Buch geschrieben, und ich habe meine Konzepte ausführlich mit Beispielen belegt, sodass das Buch, wie ich glaube, auch Spaß macht. [76]

H.L.: Gibt es Pläne für ein nächstes Buch? [77]

A.S.: Ich will das Thema Täuschung aus den Studien über das Sterben wieder aufnehmen, ich möchte eine allgemeine Theorie der Informationskontrolle als Strategie der Interaktion schreiben. Ich will unterschiedliches Vergleichsmaterial heranziehen, um die Theorie erstens wirklich in Daten zu gründen, ihr zweitens einen hohen Grad an Abstraktheit und Geltungsweite zu geben und sie drittens reich an Material und dadurch lesbar und überzeugend zu machen. Das Material, das ich gesammelt habe, könnte Stoff für einige schöne Filme abgeben. Kann sein, dass ich meinen Anspruch noch etwas reduzieren muss. Jedenfalls wird es ein Buch, das Spaß macht! [78]

9. Persönliche Bilanz

B.S.: Ich möchte Sie gern fragen, wie Sie das persönlich verkraftet haben, immer wieder über belastende Themen wie Sterben und chronische Krankheit zu forschen? [79]

A.S.: Darüber habe ich selber oft nachgedacht. Abgesehen von meinem Temperament – ich glaube es gibt zwei Seiten in mir, einmal eine ziemlich distanzierte Seite und dann eine Seite, die Sie ja kennen. Ich bin ziemlich kontaktfreudig und warmherzig – also abgesehen vom Temperament bin ich sehr ausgeprägt Sozialwissenschaftler und Forscher. Das heißt, ich bin darauf aus, zu verstehen was abläuft, wenn ich auf die Dinge sehe, und gleichzeitig einen größeren Zusammenhang herzustellen. Diese analytische Haltung verschafft mir gewöhnlich eine schützende Distanz. [80]

Außerdem steckt der Glaube an Reformen in meiner Arbeit und vielleicht auch in meiner Natur: Ich möchte mich dafür einsetzen, dass mit den Schwierigkeiten des Lebens besser umgegangen werden kann, und ich hoffe, dass meine Arbeit dazu beiträgt, "die Dinge besser zu machen". Schließlich habe ich die Überzeugung, dass Forschung sich der wichtigen menschlichen Themen annehmen sollte. Das heißt nicht unbedingt, man sollte nur schreckliche Dinge untersuchen, aber verdammt noch mal, Ereignisse wie Sterben, verrückt oder chronisch krank werden sind nun mal zentral für die menschliche Existenz! [81]

Ich denke, es gibt hier zwei unterschiedliche Fragen: Wie hältst du es aus, so etwas zu machen, und wie bist du dazu gekommen, diese Themen zu untersuchen. Das Zweite ist leichter zu beantworten: Sterben, weil es den Leuten in den Krankenhäusern auf den Nägeln brannte, chronische Krankheit, weil ich deren Bedeutung bei der Untersuchung des Sterbens immer wieder erlebt hatte, psychische Krankheit, weil ein Freund, der Psychiater war, die Anregung gab und wir die Forschung finanziert bekamen. [82]

B.S.: Ich weiß nicht, ob Sie darauf antworten mögen: Sie haben selber die Erfahrung eines Herzanfalls gemacht, möglicherweise schwebten Sie in Lebensgefahr – hat das Ihre Forschung beeinflusst? [83]

A.S.: Ich denke, ich war nicht wirklich in Lebensgefahr. Bei einem Forschungsaufenthalt in Manchester hatte ich einen Mikroinfarkt. Das war sehr schmerzhaft, und hinterher brauchte ich sehr viel Ruhe, aber ich habe Glück gehabt, weil die Ausdehnung des Infarkts nicht sehr groß war. [84]

Bevor ich erkrankte, arbeitete ich schon über chronische Krankheit. Ich hatte Studenten, die Interviews machten, ich hatte ein Seminar über chronische Krankheit, das sehr populär war. 1972 wurde ich dann selber krank, und 1974 schrieb ich mit Barney GLASER mein erstes Buch über chronische Krankheit (Chronic Illness and the Quality of Life, 1975), ein Buch für Praktiker. Dabei habe ich immer auch über chronische Krankheit anhand meiner eigenen Erfahrung als Vergleichsbeispiel nachgedacht. In dem späteren Buch mit Juliet CORBIN (Unending care and work, 1988, deutsch Weiterleben lernen. Chronisch Kranke in der Familie 1993) habe ich auch Material über mich beschrieben: Der Fall Einstein in dem Buch, das bin ich (längeres Lachen). Aber wie ich schon sagte, ich bin Sozialwissenschaftler, ich nehme auch zu meiner eigenen Krankheit diese Distanz ein. Ich könnte nicht einfach eine Autobiografie über meine Krankheit schreiben, zumindest würde das nicht besonders gut werden, denn ich bin kein Schriftsteller. Ich denke analytisch. Als ich krank wurde und mich dann allmählich erholte, habe ich mir die Frage gestellt: "Wie machst du das, dein normales Leben wieder aufzunehmen?" Das war nicht so einfach, aber ich hatte aus meiner Beschäftigung mit dem Thema Arbeit schon soziologische Konzepte, um das zu analysieren. [85]

B.S.: Könnte man sagen, diese Haltung hilft Ihnen, mit der Krankheit besser fertig zu werden? [86]

A.S.: Ja, natürlich. Beispielsweise macht man sich Kontrollvorgänge besser klar, man merkt, wann man mit etwas aufhören muss, wenn's einem schlecht geht. Ich denke oft, Patienten, die analytisch über ihre Erfahrungen nachdenken, könnten sehr nützlich für Ärzte und Pfleger sein. Aber es ist nicht üblich, sie nach ihren Erfahrungen mit der Krankheit zu fragen. Ich habe als Wissenschaftler versucht, darüber zu schreiben. [87]

H.L.: Zum Abschluss des Interviews möchte ich Sie fragen nach der Bilanz Ihres Lebens als Wissenschaftler. Was waren die Höhepunkte? Gab es auch Burnouts oder Zeiten, in denen Sie am Sinn Ihrer Arbeit gezweifelt haben? [88]

A.S.: Es gibt bei jedem Menschen Lebensabschnitte, in denen er nicht produktiv ist. Viele Kollegen meiner Generation sind in ihren 40ern und 50ern ausgebrannt. Sie publizieren zwar weiter, aber was sie schreiben, ist nicht sehr interessant, und ich denke, das wissen sie selber. [89]

Ich selber war in meiner Jugend und in den 70ern, als mir die Energie fehlte, nicht besonders produktiv. Heute bin ich 77. Mein Leben ist zwar eingeschränkter als früher, weil ich dieses Herzleiden habe, aber ich arbeite noch, und dann spiele ich Piano. Die Leute sagen mir, das Zeug, das ich schreibe, ist genau so gut wie früher. Ich denke, da gibt es zwei Gründe. Erstens, ich mach es gern, ich liebe meine Arbeit. Ich sage den Studenten oft, wenn die Forschungsarbeit keinen Spaß macht, sollten sie es lassen. Denn es ist oft sehr harte Arbeit, frustrierend und angstauslösend, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen! Und der andere Aspekt ist, denke ich, dass ich ein amerikanischer Liberaler bin. Das heißt für mich, sich für die Menschenrechte und die bürgerlichen Freiheitsrechte einzusetzen, die in jeder Generation von neuem erkämpft und gesichert werden müssen. Dazu möchte ich mit meiner Arbeit beitragen. Ich habe mich zwar nie direkt in Reformbewegungen engagiert – dazu fehlte mir die Energie. Als Akademiker, der ich mit ganzer Leidenschaft bin, habe ich meine Energie ins Lehren und Forschen gesteckt. Doch auch mit dieser Arbeit möchte ich praktisch und gesellschaftlich nützliche Ergebnisse haben. Deshalb habe ich seit den Büchern über das Sterben angefangen, für Leute zu schreiben, die nicht nur Soziologen, Psychologen oder Politikwissenschaftler sind. Die Bücher können genauso gut von Praktikern gelesen werden, Pflegepersonen, Ärzten oder Sozialarbeitern, die sich einfach für die Sache interessieren. Genauso geht es mir mit der Grounded Theory: Es ist schön, wenn Soziologen und Psychologen sie anwenden, aber es ist noch viel schöner, wenn Leute sie nützlich finden, die in der Praxis arbeiten. [90]

Anmerkungen

1) Das Interview wurde in einer ersten Fassung veröffentlicht im Journal für Psychologie, 1995, S.-64-75. <zurück>

2) Im Folgenden Anselm STRAUSS = A.S., Heiner LEGEWIE = H.L. und Barbara SCHERVIER-LEGEWIE = B.S. <zurück>

Literatur

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Thomas, William I. & Znaniecki, Florian (1926). The Polish Peasant in Europe and America. New York: Knopf.

Zum Autor und zur Autorin

Heiner LEGEWIE, geb. 1937 in Dorsten, Studium der Medizin und Psychologie. 1961-1976 in Tübingen und Hamburg. Forschungstätigkeiten an der Psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg, dem Psychologischen Institut der Universität Düsseldorf und am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. 1977-2002 Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Technischen Universität Berlin 1977, seit der Emeritierung 2002 Forschungstätigkeit am Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin.

Arbeitsschwerpunkte:

  • Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung in Stadt, Umwelt, Technik und Institutionen

  • Methoden der qualitativen Sozialforschung und des qualitativen Wissensmanagements

Kontakt:

Prof. em. Dr. med. Dr. phil. Heiner Legewie

Potsdamer Str. 35
D-12205 Berlin

E-Mail: Legewie@ztg.tu-berlin.de
URL: http://www.tu-berlin.de/fak8/ifg/psychologie/legewie/

 

Barbara SCHERVIER-LEGEWIE geb. 1947 in Aachen, nach mehrjähriger kaufmännischer Tätigkeit Abitur auf dem 2. Bildungsweg, Studium der Psychologie an der Technischen Universität Berlin, Diplom 1981. 1981-1990 klinisch-psychologische Tätigkeit in ambulanten uns stationären Einrichtungen der psychosozialen Versorgung in Berlin, gleichzeitig Ausbildung in Gesprächspsychotherapie, Paar- und Familientherapie und Coaching. Seit 1990 Tätigkeit als Psychologische Psychotherapeutin in freier Praxis.

Arbeitsschwerpunkte:

  • Einzel-, Paar- und Familientherapie

  • Einzel- und Teamsupervision

  • Coaching und Organisationsberatung

Kontakt:

Dipl. Psych. Barbara Schervier-Legewie
(Psychologische Psychotherapeutin)

Potsdamer Str. 35
D-12205 Berlin

E-Mail: info@schervier.de
URL: http://www.schervier.de/

Zitation

Legewie, Heiner & Schervier-Legewie, Barbara (2004). "Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen". Anselm Strauss im Interview mit Heiner Legewie und Barbara Schervier-Legewie [90 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(3), Art. 22, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0403222.

Revised 7/2013