Volume 5, No. 3, Art. 1 – September 2004

Rezension:

Andrea D. Bührmann

Alexander Bogner, Beate Littig & Wolfgang Menz (Hrsg.) (2002). Das Experteninterview. Theorie, Methode, Anwendung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 278 Seiten, ISBN 3-8100-3200-X, EUR 19,90 / sFr 34,60

Zusammenfassung: Die Herausgeber des Sammelbandes Experteninterview, Alexander BOGNER, Beate LITTIG und Wolfgang MENZ, zielen auf eine kritische Reflexion der methodologischen Grundlagen, der konkreten Erhebungsmethoden sowie der praktischen Anwendungsfelder des ExpertInneninterviews. Gemäß dieser komplexen Zielsetzung ist der Sammelband dreigeteilt: In einem ersten Teil werden theoretische Konzepte diskutiert, im zweiten Teil geht es um Techniken und Interaktionsstrategien und schließlich werden im dritten Teil Anwendungsfelder und Beispiele aus der empirischen Forschung vorgestellt. Dabei wird das interessierte Publikum kompetent in die Theorie und Praxis von ExpertInneninterviews eingeführt. Studierende, Forschende, aber eben auch so genannte Praktiker und Praktikerinnen vor Ort erhalten einen ersten Einblick in die Chancen und Risiken dieses Verfahrens. Zudem wird in den Beiträgen die Diskussion um methodisch-methodologische Fragen zum ExpertInneninterview produktiv vorangetrieben. So trägt der Sammelband insgesamt zur Problematisierung der empirischen Verfahrensseite eines vielfach diagnostizierten und bisweilen eben auch kritisierten gesellschaftlichen Phänomens, nämlich der Expertokratisierung, bei.

Keywords: Theorie und Praxis des Experteninterviews, Methodologie, Expertokratie, Wissensgesellschaft

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Das Problemfeld ExpertInneninterview

2. Einführung in ein unübersichtliches Problemfeld

3. Die theoretische Fundierung des ExpertInneninterviews

4. Die methodische Fundierung des ExpertInneninterviews: Erhebungstechniken und Interaktionsprozesse

5. Die Relevanz des ExpertInneninterviews für ausgewählte sozialwissenschaftliche Teilbereiche

6. Fazit: Chancen und Risiken von ExpertInneninterviews

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung: Das Problemfeld ExpertInneninterview

"Beliebt in der Forschungspraxis, doch selten methodisch reflektiert – ExpertInneninterviews fristen in der Literatur zur empirischen Sozialforschung nach wir vor ein Schattendasein." Mit diesen Worten werben Alexander BOGNER, Beate LITTIG und Wolfgang MENZ für ihren sehr gelungenen, d.h. gut komponierten Sammelband über "Das Experteninterview". Dabei werden in diesem Band, anders als etwa in der von Christian BRINKMANN, Axel DEEKE und Brigitte VÖLKEL 1995 herausgegebenen Anthologie "Experteninterviews in der Arbeitsmarktpolitik" nicht so sehr praxis- und anwendungsbezogene Probleme thematisiert. Vielmehr zielen BOGNER, LITTIG und MENZ mit ihrem Sammelband auf eine kritische Reflexion der methodologischen Grundlagen, der konkreten Erhebungsmethoden sowie der praktischen Anwendungsfelder des ExpertInneninterviews. Entsprechend dieser komplexen Zielsetzung ist der Sammelband dreigeteilt: In einem ersten Teil werden theoretische Konzepte diskutiert, im zweiten Teil geht es dann um Techniken und Interaktionsstrategien und schließlich werden in einem dritten Teil Anwendungsfelder und Beispiele aus der empirischen Forschung vorgestellt. Diesen einzelnen Teilen vorangestellt ist eine "Einführung in ein unübersichtliches Problemfeld". [1]

2. Einführung in ein unübersichtliches Problemfeld

In ihrer Einführung heben Alexander BOGNER und Wolfgang MENZ zunächst die forschungspraktischen bzw. -ökonomischen Vorzüge des ExpertInneninterviews hervor: Es erspart lange Wege in der Explorationsphase eines Forschungsprojektes, insofern es eine konkurrenzlos "dichte" Datengewinnung gegenüber anderen Verfahren wie etwa der teilnehmenden Beobachtung, der Feldstudie oder systematischen quantitativen Untersuchungen ermöglicht. Zudem kann die Durchführung von ExpertInneninterviews zur "Abkürzung" aufwendigerer Beobachtungsprozesse dienen oder Einstiege in das jeweilige Untersuchungsfeld zumindest erleichtern. Über solche unmittelbaren forschungspraktischen Aspekte hinaus scheint das Interview mit ExpertInnen eine vergleichsweise "komplikationslose" Mobilisierung zur Interviewteilnahme zu bewirken. Und schließlich verspricht das ExpertInneninterview, "zumindest im Vergleich zum 'Normalbürger' [...] ein 'elaboriertes Objekt' der Befragung" (S.9). [2]

Unabhängig davon, ob die hier zusammengetragenen Vorzüge des ExpertInneninterviews zutreffen oder nicht, ist auf der einen Seite festzustellen, dass es sich großer Beliebtheit in der empirischen Forschung erfreut. So spielt das ExpertInneninterview mittlerweile eine nicht zu unterschätzende Rolle vor allem in industrie- und bildungssoziologischen Untersuchen, aber auch bei der Erforschung politologischer sowie pädagogischer Fragen (vgl. dazu etwa ABELS & BEHRENS 1998, HÄGELE 1995, MEUSER & NAGL 1991, 2002, SCHMID 1995). Allerdings – und das bleibt auf der anderen Seite zu konstatieren –, besteht unabhängig von den unzweifelhaften Vorzügen des ExpertInneninterviews – jener "Sonderform der Befragung" (SCHEUCH 1967) – aber auch die Gefahr, dass seine Beliebtheit über eine mangelnde theoretische und methodisch Fundierung hinwegtäuschen könnte, obwohl doch mittlerweile einige Anstrengungen unternommen worden sind den Begriff und den Status von ExpertInnen zu klären (vgl. dazu insbesondere HITZLER, HONER & MAEDER 1994 und SCHULZ 1998). [3]

3. Die theoretische Fundierung des ExpertInneninterviews

Um die theoretische Fundierung des ExpertInneninterviews kreisen die vier Beiträge des erstens Teils der Aufsatzsammlung. Sie zielen darauf, Gegenstand und Gestalt des ExpertInneninterviews präziser zu konturieren und fragen insbesondere nach einem definitorischen Kriterium für dieses Verfahren. Folgende Fragen stehen im Mittelpunkt: Was macht einen Experten oder eine Expertin aus? Über welches Wissen verfügen sie? Und handelt es sich beim ExpertInneninterview überhaupt um eine eigenständige Interviewform? [4]

Alexander BOGNER und Wolfgang MENZ differenzieren in ihrem Beitrag zunächst drei unterschiedliche Typen des ExpertInneninterviews: die Exploration, das systematisierende und das theoriegenerierende ExpertInneninterview. Davon ausgehend schlagen sie eine Reformulierung des wissenssoziologisch orientierten Experten- bzw. Expertinnenbegriffs vor. Dabei sind für sie Experten bzw. Expertinnen Personen, "die sich – ausgehend von spezifischem Praxis- oder Erfahrungswissen, das sich auf einen klar begrenzbaren Problemkreis bezieht – die Möglichkeit geschaffen haben, mit ihren Deutungen das konkrete Handlungsfeld sinnhaft und handlungsleitend zu strukturieren" (S.45). Anknüpfend an diese Definition fordern BOGNER und MENZ ein Interaktionsmodell für ExpertInneninterviews, mit dem die interaktiven Effekte zumindest nicht nur als "störend", sondern auch als konstitutiv und zugleich produktiv begriffen werden können. [5]

Bei dem nächsten Beitrag handelt es sich um den unveränderten Wiederabdruck des mittlerweile wohl klassischen Aufsatzes von Michael MEUSER und Ulrike NAGEL aus dem Jahre 1991. Er bildet sowohl Ausgangs- als auch Bezugspunkt der aktuellen Diskussionen um das ExpertInneninterview. In diesem Aufsatz definieren MEUSER und NAGEL das ExpertInneninterview folgendermaßen: "Im Unterschied zu anderen Formen des offenen Interviews bildet bei ExpertInneninterviews nicht die Gesamtperson den Gegenstand der Analyse, d.h. die Person mit ihren Orientierungen und Einstellungen im Kontext des individuellen oder kollektiven Lebenszusammenhangs" (S.72). Die in ExpertInneninterviews befragten Personen werden im Anschluss daran als FunktionsträgerInnen begriffen. Da im Mittelpunkt des Forschungsinteresses – so erläutern MEUSER und NAGEL – nicht der Einzelfall, sondern das gemeinsam geteilte Wissen der ExpertInnen steht, rückt für sie eine theoretisch angeleitete thematische Gliederung der Interviewäußerungen in den Vordergrund. Davon ausgehend konzipieren MEUSER und NAGEL eine mehrschrittige Auswertungsstrategie, die auf eine "Generierung bereichsspezifischer und objekttheoretischer Aussagen" (S.91) angelegt ist. [6]

Anders als MEUSER und NAGEL gehen Karsten KASSNER und Petra WASSERMANN nicht davon aus, das ExpertInneninterview als eigenständiges methodisches Verfahren begründen und es präzise von anderen Formen qualitativer Interviews abgrenzen zu können. Sie kritisieren insbesondere bei MEUSER und NAGEL, dass diese unterschiedliche analytische Ebenen nicht eindeutig voneinander abgrenzten. Dies führe zu unzulässigen Generalisierungen gegenstandsbezogener, anhand spezifischer Forschungsfelder generierter Aussagen über den Charakter und die Funktion von Experten und Expertinnen. Freilich wenden sich KASSNER und WASSERMANN nicht grundsätzlich gegen die Durchführung von ExpertInneninterviews. Jedoch betrachten sie diese als kontextspezifische Instrumente im Rahmen konkreter Forschungsprojekte. [7]

Einen anderen Zugang wählt Michaela PFADENHAUER. Sie situiert ihre theoretische Begründung des ExpertInneninterviews als eigenständige Methode im Rahmen eines ethnographischen Forschungsdesigns. Dabei markiert für PFADENHAUER die Spezifität der Interaktionsverhältnisse das zentrale konstitutive Merkmal von ExpertInneninterviews: Das ExpertInneninterview erscheint so als ein "Gespräch" zwischen "Experten und Quasi-Experten". Mit dieser Definition verbindet PFADENHAUER die Einsicht, dass das ExpertInneninterview gerade kein vergleichsweise unproblematisches und ökonomisches Verfahren zur Datengenerierung darstellt. Für PFADENHAUER nämlich taugt das ExpertInneninterview

"weit weniger als Instrument zur 'schnellen', die Zeitaufwendungsbemühungen der Teilnahme sozusagen kompensierenden Datengenerierung [...], denn als eine Art 'Surplus'-Verfahren, dessen kompetente Verwendung hohe Feldkompetenzen – und hohe Feldakzeptanz – bereits mehr oder weniger [voraussetzt]" (S.128). [8]

4. Die methodische Fundierung des ExpertInneninterviews: Erhebungstechniken und Interaktionsprozesse

Im Mittelpunkt des zweitens Teils der Aufsatzsammlung stehen Fragen nach einer methodischen Fundierung des ExpertInneninterviews. Hier sind Beiträge versammelt, die schwerpunktmäßig die Erhebungstechniken und die Interaktionsprozesse im ExpertInneninterview thematisieren. [9]

Georg AICHHOLZER stellt in seinem Beitrag die Methode des Experten-Delphi vor. Nach einer – leider etwas unübersichtlich geratenen – Skizze der methodischen Grundlagen des Delphi erläutert AICHHOLZER dessen Anwendung anhand des jüngsten Technologie-Delphi in Österreich. Dabei informiert er über zentrale Modifikationen des "klassischen" Delphi hin zu einem "Entscheidungsdelphi". AICHHIOLZER benennt hier etwa die Abkehr von einer linearen oder deterministischen Vorstellung gesellschaftlicher Entwicklung, eine Ausweitung der Experten- bzw. Expertinnendefinition, aber auch die Orientierung an der "Total Design Methode" für politische Umfragen, um das Vertrauensverhältnis zwischen Befragten und Befragenden zu verbessern. [10]

Alexander BOGNER und Margit LEUTHOLD fragen ausgehend von ihren Erfahrungen mit Experten-Fokus-Gruppen im Bereich der Umweltforschung nach den theoretischen und forschungspraktischen Gründen für den Einsatz von Gruppendiskussionen mit Experten bzw. Expertinnen. Dabei zielen sie auf die Überwindung der ihrer Ansicht nach wenig produktiven Entgegensetzung von Repräsentation vs. Emergenz. Abschließend problematisieren BOGNER und LEUTHOLD die methodischen Konsequenzen, die sich im Anschluss an die theoretisch begründeten Anforderungen von Kommunikativität und Kontrolle der Gruppendiskussion ergeben. Dabei kritisieren sie ein neutrales Moderationsideal und setzen sich dagegen für eine "engagierte Moderation" (S.170) ein. [11]

Das Verhältnis zwischen ExpertInnenstatus und Subjektivität diskutieren Gabriele ABELS und Maria BEHRENS. Ausgehend von ihren Erfahrungen in der politikwissenschaftlichen Biotechnologieforschung betonen die Autorinnen, dass – auch wenn sich das Forschungsinteresse beim ExpertInneninterview nicht auf die Gesamtperson bezieht – die Interviewten wie auch die Interviewenden gleichwohl als Subjekte im Interview präsent sind. Damit aber werden, so führen ABELS und BEHRENS aus, die Interaktionen im Interview notwendig von subjektbezogenen Faktoren beeinflusst. Neben Alter, professionellen Status und Erfahrungshintergrund identifizieren sie dabei die Kategorie Geschlecht als einen "maßgeblichen Faktor sozialer Interaktion" (S.186). Ihre Analyse macht deutlich, dass sich unterschiedliche Interaktionseffekte auf geschlechterbezogene Zuschreibungen zurückführen lassen. Deshalb sehen die Autorinnen im Hinblick auf so genannte Geschlechtereffekte einen

"erheblichen Bedarf an und Möglichkeiten für Methodenforschung: Durch Textanalysen von Transkripten können ex post geschlechtsspezifische Faktoren rekonstruiert werden. Darüber hinaus könnten Vergleiche mit den Erfahrungen männlicher Kollegen, aber auch die Einbeziehung von ExpertInnen-Interviews mit weiblichen Befragten aufschlussreich sein" (S.187). [12]

Auch Beate LITTIG konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die Kategorie Geschlecht. Ausgehend von der Frage nach der Auswahl von Expertinnen bzw. Experten problematisiert sie das Doing Gender im ExpertInnengespräch. Dabei kommt LITTIG zu dem Schluss: "Egal in welcher geschlechtlichen Konstellation das ExpertInneninterview durchgeführt wird, Doing Gender findet immer statt" (S.202). Davon ausgehend wendet sich die Autorin allerdings gegen die Formulierung allgemeingültiger Regeln zur Berücksichtigung der Kategorie Geschlecht. Vielmehr plädiert sie für eine je kontextabhängige Thematisierung der Geschlechterinteraktionen. Gleichwohl aber besteht LITTIG darauf, dass stets ein Forschungsdesign anzuwenden ist, mit dem das omnipräsente Doing Gender und damit der Einflussfaktor Geschlecht bei der Durchführung von Interviews kritisch reflektiert werden kann. [13]

5. Die Relevanz des ExpertInneninterviews für ausgewählte sozialwissenschaftliche Teilbereiche

Im Zentrum des drittens Teils des Sammelbandes stehen Fragen nach der Relevanz von ExpertInneninterviews, ihre Durchführung und ihre spezifischen Interaktionen für unterschiedliche sozialwissenschaftliche Teildisziplinen. [14]

Rainer TRINCZEK verfolgt in seinem Beitrag die These, dass der Verlauf und die Struktur von ExpertInneninterviews abhängig vom Interviewgegenstand sind. Damit wendet er sich ausdrücklich gegen die Annahme, "dass Befragte ihre subjektiven Bedeutungszuschreibungen und Relevanzstrukturen am besten in einer Interviewsituation entfalten" könnten, "die durch weitgehende Nicht-Intervention durch den Interviewer gekennzeichnet" (S.212) ist. Diese Einsicht illustriert er am Beispiel zweier Forschungsprojekte: Bietet sich nämlich etwa bei einem Thema im betrieblichen Kontext eine diskursiv-argumentative Gesprächsführung an, so plädiert TRINCZEK bei Forschungsprojekten, die in der privaten Lebenswelt angesiedelt sind, für eine auf Narrationen zielende Interviewstrategie. [15]

Ulrike FROSCHAUER und Manfred LUEGER machen die Relevanz von ExpertInneninterviews für die Organisationsanalyse deutlich. Dabei rekonstruieren sie ausgehend von einer Differenzierung zwischen Beobachtungsebenen erster und zweiter Ordnung die folgenden Wissenstypen: Als ExpertInnen ihrer organisationalen Umwelt verfügen die Interviewten zunächst über Erfahrungs- und Handlungswissen. Zudem können sie – aus einer erweiterten Beobachtungsperspektive – über interne Wissensstrukturen und -konstruktionen Auskunft geben. Mit Blick darauf sollten nach Ansicht von FROSCHAUER und LUEGER auch ExpertInnen in die Forschungsbemühungen einbezogen werden, die wegen ihrer professionalisierten Reflexion als Interne oder Externe von Bedeutung sind. [16]

Das wichtige Thema der Spezifität von ExpertInneninterviews für die Evaluationsforschung thematisieren Andrea LEITNER und Angela WROBLEWSKI. Insbesondere loten sie dabei die Chancen und Risiken von ExpertInneninterviews für die responsive Evaluation aus. Als problematisch erscheint LEITNER und WROBLEWSKI erstens, dass Expertinnen und Experten sich häufig kontrolliert fühlten und dass zweitens die Befragten vielfach selbst ein spezifisches Interesse verfolgten, das wiederum ihr Antwortverhalten beeinflusse. [17]

Den Abschluss des Sammelbandes bildet ein weiterer Beitrag von Michael MEUSER und Ulrike NAGEL. Diesmal stellen sie das ExpertInneninterview, insbesondere in Form des nicht-standardisierten ExpertInneninterviews, als variables Forschungsinstrument in der Sozialberichterstattung vor. Im Kontext einer wissenssoziologischen Fundierung des ExpertInneninterviews präzisieren MEUSER und NAGEL ihre ExpertInnendefinition und verstehen "ExpertInnen als aktive PartizipantInnen" (S.264) wie auch als TrägerInnen von Sonderwissensbeständen. Ausgehend davon stellen MEUSER und NAGEL dann forschungspraktische Schritte zur Vorbereitung und Durchführung von ExpertInneninterviews vor. [18]

6. Fazit: Chancen und Risiken von ExpertInneninterviews

Der vorliegende Sammelband führt meiner Meinung nach zum einen das interessierte Publikum kompetent in die Theorie und Praxis von ExpertInneninterviews ein. Studierende, Forschende aber eben auch so genannte Praktiker und Praktikerinnen vor Ort erhalten einen ersten Einblick in die Chancen und Risiken dieses Verfahrens. Zum anderen aber wird in den Beiträgen freilich auf höchst unterschiedliche Art und Weise gleichwohl immer sehr produktiv die Diskussion um methodisch-methodologische Fragen zum ExpertInneninterview vorangetrieben. So trägt der Sammelband insgesamt zur Problematisierung der empirischen Verfahrensseite eines vielfach diagnostizierten und bisweilen eben auch kritisierten gesellschaftlichen Phänomens, nämlich der Expertokratisierung, bei. Auf diese Weise wird die aktuelle zeitdiagnostische Debatte über die zunehmende Relevanz von Experten und Expertinnen in der Wissensgesellschaft von eher unerwarteter Seite furchtbar bereichert. [19]

Literatur

Abels, Gabriele & Behrens, Maria (1998). ExpertInnen-Interviews in der Politikwissenschaft. Das Beispiel der Biotechnologie. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 27(1), 79-92.

Brinkmann, Christian; Deeke, Axel & Völkel, Brigitte (Hrsg.) (1995). Experteninterviews in der Arbeitsmarkforschung. Diskussionsbeiträge zu methodischen Fragen und praktischen Erfahrungen. Nürnberg: Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 191.

Hägele, Helmut (1995). Experteninterviews in der öffentlichen Verwaltung. Ausgewählte praktische Probleme. In Christian Brinkmann, Axel Deeke & Brigitte Völkel (Hrsg.), Experteninterviews in der Arbeitsmarkforschung. Diskussionsbeiträge zu methodischen Fragen und praktischen Erfahrungen (S.69-72). Nürnberg: Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 191.

Hitzler, Ronald; Honer, Anne & Maeder, Christopf (Hrsg.) (1994). Expertenwissen. Die institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Meuser, Michael & Nagel, Ulrike (1991). ExpertInneninterviews – vielfach erprobt, wenig bedacht. Ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion. In Detlev Garz & Klaus Kraimer (Hrsg.), Qualitativ-empirische, Sozialforschung. Konzepte, Methoden, Analysen. (S.441-471). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Scheuch, Erwin (1967). Das Interview in der Sozialforschung. In René König (Hrsg.), Handbuch der empirischen Sozialforschung, Bd. 1 (2. Aufl., S.136-196). Stuttgart: Enke.

Schmid, Josef (1995). Expertengespräch und Informationsgespräch in der Parteienforschung: Wie förderalistisch ist die CDU? In Ulrich v. Alemann (Hrsg.), Politikwissenschaftliche Methoden. Grundriss für Studium und Forschung (S.293-326), Opladen: Leske + Budrich.

Schulz, Wolfgang (Hrsg.) (1998): Expertenwissen. Soziologische , psychochologische und pädagogische Perspektiven, Opladen: Leske + Budrich.

Zur Autorin

Andrea Dorothea BÜHRMANN, geb. 1961, PD Dr. phil., Privatdozentin an der Universität Münster und z.Zt. Vertretungsprofessorin an der Universität Dortmund. Derzeitige Forschungsschwerpunkte: Methoden der empirischen Forschung, insbesondere Diskurs- und Dispositivanalysen, Frauen- und Geschlechterforschung, Gesellschafts- und Wissenschaftstheorie.

Kontakt:

Vertr. Prof. Dr. Andrea D. Bührmann

Institut für Soziologie (FB12)
Universität Dortmund
Emil-Figge-Str. 50
D-44227 Dortmund

Tel.: 030 / 755 – 6268

E-Mail: abuehrmann@fb12.uni-dortmund.de

Zitation

Bührmann, Andrea D. (2004). Rezension zu: Alexander Bogner, Beate Littig & Wolfgang Menz (Hrsg.) (2002). Das Experteninterview. Theorie, Methode, Anwendung [19 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(3), Art. 1, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs040313.