Volume 5, No. 3, Art. 13 – September 2004

Rezension:

Andreas Klärner

Sylvia Keim (2003). "So richtig deutsch wird man nie sein ..." – Junge Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Frankfurt/M.: IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation, ISBN: 3-88939-705-0, 14,90 EUR

Zusammenfassung: Sylvia KEIM untersucht in ihrer Studie wie junge Migrantinnen und Migranten in Deutschland mit Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzungserfahrungen umgehen und zurechtkommen. Dafür wurden fünf Interviews mit Angehörigen der zweiten Einwanderergeneration geführt. Die Interviewten können nach allen Kriterien als in die deutsche Gesellschaft integriert gelten, dennoch berichten sie alle von Diskriminierungen, die ihr Lebensgefühl und ihre Identitätsfindung belasten. KEIM analysiert die Interviews unter dem Gesichtspunkt des von GOFFMAN eingeführten Konzepts der Stigmatisierung und arbeitet verschiedene Formen des Stigma-Managements, den Strategien mit Ausgrenzungserfahrungen umzugehen, heraus. Angesichts der öffentlichen Diskussion und der Vorwürfe einer "mangelnden Integrationsbereitschaft" der in Deutschland lebenden Ausländer bietet die Arbeit von KEIM ein wichtiges Korrektiv für allzu einseitige Schuldzuweisungen.

Keywords: Fremdenfeindlichkeit, Migration, Integration, narratives und problemzentriertes Interview

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Migrationsforschung und Eingliederungstheorien

3. Empirischer Teil – qualitative Interviews mit Migrantinnen und Migranten

4. Kritische Einschätzung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

"Deutschland ist ein Einwanderungsland." – Diese Aussage wird durch Fakten und Zahlen belegt. Im Deutschen Reich anfangs des 20. Jahrhunderts, in der Weimarer Republik, selbst im "Dritten Reich" (dort allerdings vor allem als Zwangsarbeit) und dann auch in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR war man – in unterschiedlichen Ausmaßen, unter unterschiedlichen Bedingungen – stets auf ausländische Arbeitskräfte und eine (teilweise zeitlich begrenzte) Einwanderung angewiesen (vgl. BADE 1992; HERBERT 2001). Viele dieser ausländischen Arbeitskräfte verließen Deutschland später wieder, ein Teil blieb aber auf Dauer hier und wählte Deutschland zum neuen Heimatland. Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren es die "Ruhrpolen", heute sind es die in den 1960er/70er eingewanderten "Gastarbeiter" und ihre Kinder sowie die so genannten (Spät-) Aussiedler. [1]

"Deutschland ist kein Einwanderungsland." – Diese Aussage spiegelt das Selbstverständnis großer Teile der bundesdeutschen Bevölkerung und der Vertreter der politischen Parteien (vor allem der CDU/CSU) wider. Ressentiments gegenüber Ausländern oder besser gegenüber als fremd wahrgenommenen Menschen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Seit Anfang der 1990er Jahren kam es im vereinigten Deutschland zu einer Welle fremdenfeindlich motivierter Gewalttaten, deren Höhepunkte die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda sowie die Brandanschläge auf Wohnhäuser türkischer Familien in Mölln und Solingen darstellten. Ende der 1990er Jahre äußerten viele Politiker und große Teile der Bevölkerung während der Diskussion um die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts und den damit verbundenen Debatten über die Integration der in Deutschland lebenden "Ausländer" viele Ressentiments gegenüber Migrantinnen und Migranten (vgl. KLÄRNER 2001). [2]

In dieser Zwickmühle zwischen der Situation des faktischen Einwanderungslandes und der Ablehnung dieser Situation durch einen großen Teil der autochthonen Bevölkerung müssen sich die Migrantinnen und Migranten zurechtfinden. Wie ihnen das gelingt wird in den bundesrepublikanischen Medien nur selten behandelt (ZENTRUM FÜR TÜRKEISTUDIEN 1995, S.46ff.) und ist auch in der empirischen Sozialforschung weitgehend eine terra incognita. [3]

Vor diesem Hintergrund stellt Sylvia KEIM in ihrer Studie "So richtig deutsch wird man nie sein ..." die Frage, wie junge Migrantinnen und Migranten, die in Deutschland aufgewachsen sind, die oftmals ablehnende Haltung der autochthonen Mehrheitsgesellschaft erleben und damit umgehen. In ihrer Untersuchung konzentriert die Autorin sich auf jenen Teil der Migrantinnen und Migranten, die schon lange in Deutschland leben und als in die deutsche Gesellschaft "integriert" gelten können. Sie hat dazu Interviews mit vier männlichen und einer weiblichen Migrantin geführt, die alle sehr gut deutsch sprechen, einen hohen Bildungsgrad und viele deutsche Freunde haben. Trotz dieser formal gelungenen "Integration" in die Mehrheitsgesellschaft stellt sich, so KEIM, die Frage, ob die Befragten sich selbst als "integriert" und akzeptiert betrachten, ob die ablehnenden Stimmungen in der Bevölkerung eine Auswirkung auf ihre Selbstwahrnehmung und ihr Selbstwertgefühl haben. [4]

2. Migrationsforschung und Eingliederungstheorien

Im den ersten beiden Kapiteln ihrer Studie referiert KEIM den Forschungsstand im Bezug auf ihr Thema "Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit aus der Sicht in Deutschland lebender junger Migrantinnen und Migranten" (S.7), sowie die die wichtigsten Theorien und Modelle der Migrationsforschung von Robert E. PARKs "Race-Relations-Cycle" über die Migrationstheorien von Shmuel N. EISENSTADT und Milton M. GORDON bis zur Eingliederungstheorie von Hartmut ESSER. [5]

KEIM kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl in der Rechtsextremismus- und Rassismusforschung als auch in der Migrationsforschung die Perspektive der Migrantinnen und Migranten meist vernachlässigt wird. KEIM konstatiert, dass vor allem in der Migrationsforschung ein "einseitige[r] Blick auf Zuwanderer als problembelastete Objekte, denen es zu helfen gilt", vorherrscht (S.28). Dies liegt, KEIM zufolge, an den theoretischen Vorannahmen der Migrationsforscher über Migrations- und Integrationsprozesse, die vor allem von der These eines "Kulturkonflikts" geprägt sind. [6]

Nach der Darstellung des Forschungsstandes und des theoretischen Instrumentariums der Migrationsforschung gibt KEIM im dritten Kapitel einen kurzen Überblick über die Migrationsgeschichte in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg. Neben der Fluchtmigration nach dem Zweiten Weltkrieg, der Aussiedlermigration und der Gastarbeitermigration, die den größten Teil der Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland ausmachen, diskutiert KEIM auch den "öffentlichen Diskurs über Einwanderung und Flucht". Dieser habe in den 1980er und 1990er Jahren vor dem Hintergrund schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse und steigender Arbeitslosigkeit in Verbindung mit der Diskussion über das "Asylproblem" zunächst zu einer "Abwehrhaltung der deutschen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen" geführt, die sich schon bald "gegen 'die Ausländer' schlechthin" richtete (S.60). Daran anschließend möchte KEIM die "Lebenslage von jungen Migrantinnen und Migranten in Deutschland und ihre Eingliederung in die deutsche Gesellschaft" darstellen, beschränkt sich dafür aber auf die größte Gruppe, die türkischen Migrantinnen und Migranten. Dem Eingliederungsmodell von Hartmut ESSER folgend stellt sie diese anhand ausgewählter Indikatoren in den Dimensionen "kognitive", "strukturelle", "soziale" und "identifikative" Assimilation dar und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass schon die eng begrenzte Gruppe junger türkischer Migrantinnen und Migranten äußerst heterogen ist und sich nach ihrer Aufenthaltsdauer, ihrem Migrationshintergrund und dem Grad ihrer Eingliederung in die deutsche Gesellschaft unterscheiden lässt. Aufgrund ihrer sehr differenzierten Analyse lehnt die Autorin pauschale Aussagen über die soziale Position oder die Eingliederung in die deutsche Gesellschaft ab, sie geht aber soweit zu sagen, dass "in den Bereichen, in denen es an 'Integration' mangelt, dies v.a. an der geringen Integrationsbereitschaft der deutschen Mehrheitsgesellschaft liegt" (S.78). Die Förderung von Migranten im Bildungssystem ist ihrer Ansicht nach nicht ausreichend und auch die Regelungen des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts erschweren, selbst nach der Reform des Jahres 2000, die identifikatorische Assimilierung. [7]

3. Empirischer Teil – qualitative Interviews mit Migrantinnen und Migranten

Das vierte Kapitel "Zwischen Integration und Ausgrenzung – Interviews mit fünf jungen Migrantinnen und Migranten in Deutschland" (S.79-140) ist das Kernstück der Untersuchung von KEIM. Sie geht darin der Frage nach,

"wie junge Migrantinnen und Migranten, die ... als in die deutsche Gesellschaft integriert gelten können, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit erleben, wie sie damit zurechtkommen, und welche Auswirkungen ihre Erfahrungen auf ihr Zusammenleben mit der deutschen Mehrheit und ihr Lebensgefühl in Deutschland haben" (S.79). [8]

Methodisch kombiniert die Autorin Elemente des narrativen Interviews nach Fritz SCHÜTZE (1977) mit dem problemzentrierten Interview nach Andreas WITZEL (vgl. WITZEL 1982; siehe auch WITZEL 2000). Übereinstimmend mit WITZEL konstatiert KEIM, dass "es kein Widerspruch ist, die Befragten so frei und so viel wie möglich erzählen zu lassen, und ihnen andererseits Zwischenfragen zu stellen" (S.84). Da es sich bei den Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit um ein "heikles Thema" und unangenehmes Thema für die Interviewten handelt, und davon auszugehen ist, dass die Interviewten nur ungern darüber sprechen, biete es sich an, so KEIM, "das Thema indirekt und von verschiedenen Seiten" anzugehen und "sehr allgemeine Erzählanreize" zu konzipieren (S.85). So stellten etwa die Anschläge vom 11. September 2001, in deren zeitlicher Nähe die Interviews geführt wurden, mit der Frage: "Am Dienstag, den 11. September 2001 war der Anschlag auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington. Wie hast du das erlebt? Erzähl mal!" (S.86) den ersten narrativen Erzählanreiz in den Interviews dar. KEIM wählte diesen Anreiz, weil die Anschläge das Verhältnis zwischen Zuwanderern und Deutschen belasteten, da einige der an den Attentaten Beteiligten, junge Männer arabischer Herkunft und muslimischen Glaubens, unauffällig in Deutschland gelebt hatten und recht gut in die deutsche Gesellschaft integriert schienen. In der Folge gerieten in der öffentlichen Diskussion vor allem männliche Studenten arabischer Herkunft oder muslimischen Glaubens unter einen Generalverdacht. Als Kristallisationspunkt für die Thematisierung alltäglicher Ausgrenzungserfahrungen eignete sich diese Frage hervorragend. So berichtet etwa Said, dass er unmittelbar nach dem 11. September von einem jungen Mann aufgrund seines Aussehens als "Moslem" beschimpft, bedroht und bespuckt wurde (S.114). [9]

KEIM legt im vierten Kapitel ihrer Arbeit dar, dass alle Befragten vielfältige Erfahrungen mit Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit im Alltag gemacht haben, dass sie häufig auf ihre Herkunft, die mit einem geringen Sozialprestige verbunden ist, reduziert werden und aufgrund ihrer Herkunft negative Zuschreibungen (etwa als Macho o.ä.) erfahren. Die Ausgrenzungserfahrungen, die alle Interviewten artikulieren, werden von KEIM als Stigmatisierung im Sinne von GOFFMAN (1967) und als "Entfremdung von sich selbst" im Sinne von FANON (1985) interpretiert. Die Entfremdung vom eigenen Körper und der persönlichen Identität zeigt sich vor allem im Wunsch, auch körperlich so zu sein wie die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft. Erol äußert im Interview etwa:

"Also ich fand das schon immer toll, auch einfach so in der Masse untergehen zu können. [...] Ich hab ja recht auffällige [lacht] Gesichtsmerkmale, sag ich mal [lacht], aber hätte mal nichts dagegen, mal 'nen Tag 'ne ganz normale kleine Nase und kleine Augen zu haben [...] Ich fühl mich schon immer, oder ich fall häufig auf oder so. Heja, was heißt häufig, also das ist jetzt nicht übertrieben zu bewerten halt, aber so aschblond zu sein und irgendwie mal 'ne blasse Haut zu haben [lacht] und irgendwie, weißte, es ist schon noch so 'ne Sache, die auch mal ganz interessant wäre, halt jetzt [grinst], zumindest hier." (S.98f.) [10]

Mit dieser Stigmatisierung gehen die Interviewten sehr ähnlich um, KEIM arbeitet mehrere Strategien des Stigma-Managements heraus. Die einfachste und häufigste Strategie ist, das Stigma zu ignorieren und Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung zu leugnen. Dies gelingt aber nicht vollständig und das Selbstbewusstsein der Interviewten wird durch die Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft belastet. Erol drückt dies im Interview deutlich aus: "Ich [hab] noch viel eher dieses Ding eingetrichtert bekommen, daß ich eh anders bin und jetzt versuchen muß oder daraufhin halt auch versuche, irgendwie nicht immer aufzufallen oder so" (S.96). [11]

Und auch Isa spricht aus, dass er Ausgrenzung und Diskriminierung regelmäßig erwartet:

Also bei Ämtern ziehe ich immer ein großes Theater durch. Da überleg' ich mir schon im vorhinein Sätze und überleg' mir die wildesten Fremdwörter und die wildesten Satzkonstruktionen, damit ich den Eindruck mache: "Paß mal auf, ich kann das." [...] Ich kann diese Sprache, ich bin was wert. Ich kann denken, ich versteh' was." (S.120) [12]

Eine andere Form des Stigma-Managements besteht für die Interviewten darin, sich von der Gesellschaft, die sie ausgrenzt, selbst zurückzuziehen und sich von der deutschen Gesellschaft zu distanzieren. Auch die Selbststilisierung als Einzelgänger, "Nomaden", "Wanderer zwischen den Welten", "Kinder der Globalisierung", und auch als "Ausländer" oder "Türken" ist ein Weg, mit dem Stigma umzugehen. Der junge Serdar beschreibt eindrucksvoll die Schwierigkeiten der Selbstdefinition:

Interviewerin: Wenn dich jemand fragt, was bist'n du, was sagst du denn dann?

Serdar: Türke.

I: Ja?

S: Ja, schon

I: Warum?

S: Weiß net, weil, weil man das mir auch irgendwo ansieht, würd' ich sagen. Und wenn ich dann sage "Deutscher", dann kommt erstmal "Häää? Wie? Du siehst aber gar net aus wie 'n Deutscher!" und dann, anstatt lieber 'ne Diskussion zu führen, die 'ne halbe Stunde dauert, sag' ich dann gleich lieber: "Ich bin Türke", und damit hat sich die Sache.

I: Und von deinem Gefühl her?

S: Vom Gefühl her? Ja, Deutscher auf jeden Fall. Doch. (S.123) [13]

KEIM weist am Ende ihrer Untersuchung darauf hin, dass Zuwanderer in Deutschland mit einer paradoxen Situation konfrontiert sind, einerseits wird von ihnen die Integration oder besser: die völlig Assimilation gefordert, andererseits werden sie selbst bei erfolgreicher Integration "von Angehörigen der autochthonen Bevölkerung an ihrem Aussehen als 'Ausländer' 'erkannt' und stigmatisiert" (S.143). "Diese Verweigerung der Anerkennung", so KEIM, "belastet die jungen Migrantinnen und Migranten sehr. Sie empfinden sie als bedrohlicher und schmerzhafter als alle Angriffe von Rechtsextremisten und Rassisten" (ebd.). Als Reaktion darauf antworten sie mit einer Selbstausgrenzung, sie fühlen sich nicht wirklich zur deutschen Gesellschaft zugehörig, was ihnen wiederum von der autochthonen Bevölkerung vorgeworfen werden kann: "Eine Dialektik von Ausgrenzung und Selbstausgrenzung entsteht" (ebd.). [14]

4. Kritische Einschätzung

Die Auswirkungen von Fremdenfeindlichkeit und rassistischen Diskriminierungen sind in der deutschsprachigen Migrationsforschung erstaunlicherweise ein weitgehend unbekanntes Forschungsgebiet. Es gibt hier eigentlich keine Arbeit, die mit der Untersuchung von KEIM vergleichbar wäre. Rainer STROBL (1998) beschäftigt sich zwar aus kriminologischer Perspektive mit den "Opfererfahrungen ethnischer Minderheiten", beschränkt sich aber weitgehend darauf Handlungsmöglichkeiten der Polizei in diesen Fällen aufzuzeigen. Über die Auswirkungen alltäglicher Diskriminierungserfahrungen auf die Subjektivitäten der Betroffenen erfährt man hier wenig. Auch die Arbeit von Nicola UNGER (2000), die sich mit "Alltagswelten und Alltagsbewältigung türkischer Jugendlicher" beschäftigt hat, stellt die Ausgrenzungserfahrungen und das alltägliche Erleben von Fremdenfeindlichkeit nicht in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Über Auswirkungen und die Bewältigungsstrategien der Befragten erfährt man hier wenig. [15]

Es ist gerade deswegen hervorzuheben, dass Sylvia KEIM in dieser wichtigen Forschungsfrage eine Pionierarbeit geleistet hat, die hoffentlich weitergeführt wird. Dass die Arbeit von KEIM den Charakter einer Abschlussarbeit hat, wird an manchen Stellen deutlich, vor allem die Ausführungen zur Auswertung der Interviews sind äußerst kurz und unbefriedigend. Dies lässt sich aber angesichts der insgesamt überzeugenden Interpretation der Interviews, die eine Reihe von interessanten Einsichten in die Lebenswelten von jungen Migrantinnen und Migranten geben, verschmerzen. [16]

Besonders zu erwähnen ist, dass sich gerade in diesem Fall die Vorteile einer qualitativen Forschungsmethode zeigen. Das Thema von Ausgrenzungserfahrungen und unterschwelliger Ablehnung durch die Gesellschaft ist für die Befragten schmerzlich und unangenehm. Mit quantitativen Forschungsmethoden sind hier kaum valide Ergebnisse zu erwarten, da ein Großteil dieser Erfahrungen verdrängt und die Relevanz der fremdenfeindlichen Umwelt für die eigene Subjektkonstitution häufig schlicht geleugnet wird. Erst im narrativ-problemzentrierten Interview, bei dem heikle Themen durch indirekte Fragen angesprochen werden können, kommen diese Verdrängungsmechanismen zutage und können die subtilen Auswirkungen von Diskriminierung aufgrund äußerlicher Merkmale entschlüsselt werden. Jeder der von KEIM Interviewten leugnet zunächst Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit bis dann in den Erzählungen nach und nach deutlich wird, welch tiefgreifenden Auswirkungen diese Erfahrungen haben. [17]

Die Arbeit von Sylvia KEIM stellt ein gelungenes Beispiel für die Anwendungsmöglichkeiten qualitativer Forschungsmethoden dar, überdies legt die Autorin einen Pionierbeitrag auf einem weitgehend unbearbeiteten Forschungsgebiet vor. Ein Forschungsgebiet das auch, und gerade in der aktuellen Diskussion um die "mangelnde Integrationsbereitschaft" von Ausländern, mehr Aufmerksamkeit verdient. [18]

Literatur

Bade, Klaus J. (Hrsg.) (1992). Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München: C.H. Beck.

Fanon, Frantz (1985) . Schwarze Haut, weiße Masken. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Goffman, Erving (1967). Stigma. Über Techniken zur Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Herbert, Ulrich (2001). Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München: Beck.

Klärner, Andreas (2001). Aufstand der Ressentiments. Einwanderungsdiskurs, völkischer Nationalismus und die Kampagne der CDU/CSU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft (2. Aufl.). Köln: Papyrossa.

Schütze, Fritz (1977). Die Technik des narrativen Interviews in Interaktionsfeldstudien – dargestellt an einem Projekt zur Erforschung von kommunalen Machtstrukturen. Bielefeld: Universitätsverlag.

Strobl, Rainer (1998).Soziale Folgen der Opfererfahrung ethnischer Minderheiten. Effekte von Interpretationsmustern, Bewertungen, Reaktionsformen und Erfahrungen mit Polizei und Justiz, dargestellt am Beispiel türkischer Männer und Frauen in Deutschland. Baden-Baden: Nomos.

Unger, Nicola (2000). Alltagswelten und Alltagsbewältigung türkischer Jugendlicher. Opladen: Leske + Budrich.

Witzel, Andreas (1982). Verfahren der qualitativen Sozialforschung. Überblick und Alternativen. Frankfurt/M.: Campus.

Witzel, Andreas (2000, Januar). Das problemzentrierte Interview [26 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1), Art. 22. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-00/1-00witzel-d.htm [26.6.2004].

Zentrum für Türkeistudien (Hrsg.) (1995). Das Bild der Ausländer in der Öffentlichkeit. Opladen: Leske + Budrich.

Zum Autor

Andreas KLÄRNER, Dipl.-Soz., Studium der Soziologie, Psychologie, Stadtplanung in Darmstadt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung (Arbeitsbereich Nation & Gesellschaft), derzeit Promotion zum Dr. phil. In FQS hat Andreas KLÄRNER auch das Buch Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biografien und Tatverläufe (herausgegeben von Wolfgang FRINDTE & Jörg NEUMANN) und Männlichkeitskonstruktionen in der Freiheitlichen Partei Österreichs (von Oliver GEDEN) besprochen. KLÄRNER ist Mitbetreiber der Mailingliste Rechtsextremismusforschung.

Kontakt:

Dipl.-Soz. Andreas Klärner

c/o
Hamburger Institut für Sozialforschung
Mittelweg 36
D-20148 Hamburg

E-Mail: Andreas.Klaerner@his-online.de
URL: http://www.his-online.de/mitarb/klaerner.htm

Zitation

Klärner, Andreas (2004). Rezension zu: Sylvia Keim (2003). "So richtig deutsch wird man nie sein ..." – Junge Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Zwischen Integration und Ausgrenzung [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(3), Art. 13, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0403131.



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