Volume 5, No. 3, Art. 3 – September 2004

Rezension:

Wilhelm Schwendemann

Arnulf Deppermann (2001). Gespräche analysieren. Eine Einführung (2. Auflage) (Buchreihe: Qualitative Sozialforschung, Band 3). Opladen: Leske + Budrich, 125 Seiten incl. Index, ISBN 3-8100-3313-8, EUR 10,50

Zusammenfassung: Das Buch von Arnulf DEPPERMANN bietet konkretes Anwendungswissen, Handlungsorientierung und hermeneutische Methoden für Sozialforscher und Sozialforscherinnen, um Texte verbaler Interaktionen und Kommunikation angemessen verstehen und interpretieren zu können. Rezipientinnen und Rezipienten werden Schritt für Schritt in die Gesprächsforschung als Teil der empirischen Sozialwissenschaft und in die Analyse von Gesprächen auf verschiedenen Anwendungsniveaus geführt. Das Buch eignet sich deshalb besonders für AnfängerInnen.

Keywords: Datenerhebung, Gesprächspraktik, Gütekriterien, Interaktion, Interpretation, Interview, Kommunikationsereignis, Paraphrase, Rekonstruktion, Relevanz, Semantische Analyse, Sequenzialität, Transkription, Validität

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Buch

2.1 Aufgaben und Rahmenbedingungen der Gesprächsforschung

2.2 Fragestellungen der Gesprächsforschung

2.3 Datenaufnahme

2.4 Aufbereitung des Datenmaterials zur Analyse

2.5 Transkription

2.6 Gesprächsanalyse

2.7 Gütekriterien für Gesprächsanalysen

3. Fazit

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Methodisch durchgeführte Gespräche sind hochkomplexe Kommunikationssituationen, die durch die Individualität und Subjektivität von Fragenden und Befragten wesentlich bestimmt und als Feld sozialer Interaktionen betrachtet werden. Die Komplexität dieser Interaktionen und Kommunikationssituationen lassen sich dabei nicht allein durch quantifizierende Verfahren ausloten, können vielleicht nicht einmal wahrgenommen werden und einen Standard für das so genannte qualitative Interview gibt es auch nicht (HELFFERICH 2004). Auf der Seite der Forschenden sind deshalb plausible und transparente Untersuchungsmethoden vorzuhalten, die valide Ergebnisse erzeugen, die auch kommunizierbar sind. DEPPERMANNs Buch bietet hier einen Beitrag zur Qualitätssicherung sozialwissenschaftlicher Forschung, indem es sich auf die methodische Analyse von Gesprächen konzentriert und vom Nutzenden die Bereitschaft erwartet, sich präzise am tatsächlich entstandenen Text eines Gesprächs zu orientieren. In qualitativen empirischen Bereichen der Sozial- und Humanwissenschaften sind Gespräche, vor allem in familialen und in Alltagssituationen Gegenstand der Forschung. Arnulf DEPPERMANN will einem Defizit, das er auf der Seite methodologischer Reflexion bemerkt, abhelfen, indem er die Gesprächsanalyse in kleine Schritte der Analyse unterteilt, die selbst als eine Art Leitfaden dienen können. So sieht DEPPERMANN die Aufgabe seiner Einführung in sieben Kapiteln darin, allgemeine und methodische unverzichtbare Vorgehensweisen zu zeigen (S.8), die vom Forschenden dann selbst auf sein eigenes Forschungsfeld zugeschnitten werden können und müssen. [1]

2. Zum Buch

2.1 Aufgaben und Rahmenbedingungen der Gesprächsforschung

Im Folgenden werde ich mich an die Gliederung des Buches selbst halten: DEPPERMANN gibt folgende Gliederung vor: Kapitel 1: Zur Aufgabe einer gesprächsanalytischen Methodik; Kapitel 2: Fragestellungen der Gesprächsforschung; Kapitel 3: Datenaufnahme; Kapitel 4: Aufbereitung des Datenmaterials zur Analyse; Kapitel 5: Transkription; Kapitel 6: Gesprächsanalyse; Kapitel 7: Gütekriterien für Gesprächsanalysen; Literatur; Anhang. Im ersten Kapitel gibt DEPPERMANN fünf Kriterien an, die allgemein für Gespräche gelten sollen:

  • Konstitutivität: ein Gespräch wird von den Teilnehmenden gewollt und hergestellt.

  • Prozessualität: ein Gespräch ist ein zeitliches Gebilde, das sich selbst durch Interaktionen und Abfolge von Aktivitäten strukturiert.

  • Interaktivität: Gespräche sind keine Monologe, sondern bedürfen notwendigerweise der Aktivität aller Teilnehmenden.

  • Methodizität: die Teilnehmenden benutzen kulturell gültige Codes und Zeichen, um sich zu verständigen.

  • Pragmatizität: in einem Gespräch werden bestimmte Zwecke verfolgt (S.9). [2]

DEPPERMANN nennt sein Vorgehen gegenstandsfundierte Methodik, d.h. er trägt keine Methoden von außerhalb des Gegenstandes in sein Vorgehen ein und seine aufgestellten Regeln der Analyse lassen sich prinzipiell auf jedes Gespräch anwenden und gehen der Frage nach, wie Menschen Gespräche führen und diese gestalten. In den Blick rücken dabei die Gesprächsorganisation, die Darstellung von Sachverhalten, die Ziele und Zwecke als Handlungen, die sozialen Beziehungen der Gesprächsteilnehmenden untereinander, der Modus des Gesprächs und die Herstellung von Verständigung und Kooperation (=Reziprozität) (S.10). Methodisch grenzt sich DEPPERMANN gegen Verfahren ab, die apriorische Hypothesen entwickeln und auf den Gegenstand anwenden, weil so keine Möglichkeit mehr bereitstünde, die Eigenarten eines Gesprächs zu entdecken:

"Die Gesprächsanalyse fordert, daß wissenschaftliche Aussagen falladäquat sein müssen, und strebt die Explikation von Gesprächspraktiken an, während es der quantitativen Sozialforschung darum geht, zu generalisierbaren Aussagen zu gelangen und Korrelationen zwischen Variablen in bezug auf eine Population festzustellen." (S.11) [3]

2.2 Fragestellungen der Gesprächsforschung

Im zweiten Kapitel seines Buches untersucht DEPPERMANN die Vielfalt und Einheit gesprächsanalytischer Fragestellungen und stellt dabei fünf relevante Unterschiede von Untersuchungstypen fest:

  • Größenordnung des Phänomens: was am Text wird untersucht?

  • Kontextspezifität des Phänomens: welche Kontexte (z.B. Inhalte, Sprecherwechsel usw.) werden untersucht?

  • Oberflächennähe des Phänomens: wie hoch ist der Interpretationsaufwand (z.B. bei ironischen Aussagen)?

  • Form- vs. funktionsbestimmte Analyse: warum werden soziale Sachverhalte oder wie werden Sinn und Ordnung im Gespräch hergestellt?

  • Methodenpurismus vs. -kombination: welche Daten werden mit zur Interpretation eines Gesprächs herangezogen? (S.15) [4]

Methodisch gruppieren sich zu diesen Unterschieden verschiedene Möglichkeiten der Untersuchung, so z.B. die Untersuchung der Formen (Methoden, Praktiken, Ressourcen, Verfahren, linguistische Formen), der Gattungen, der speech events, die Bewältigung der Interaktionsprobleme, die Ebene der Institutionalisierung, die sozialen Handlungsfelder usw. Grundsätzlich gilt aber die Einschätzung der Angemessenheit der Methode, wenn man weiß, welche Fragen beantwortet werden sollen und welche Daten der Antwort zur Verfügung stehen (S.18). Hierbei kommt ein rekonstruktives Erkenntnisinteresse der Gesprächsanalyse ins Spiel, das hermeneutisch aber die Voreinstellungen des Untersuchenden berücksichtigen muss, sonst – so DEPPERMANN – würde das im Gespräch analysiert, was der Forschende hinein trägt und vorher schon annimmt oder es würden Scheinprobleme ohne Relevanz untersucht. Trotzdem sollten natürlich die Fragestellung und damit auch das Erkenntnisinteresse des Forschenden geklärt sein:

"Es gibt also nicht die Analyse eines Gesprächs, sondern immer nur eine Analyse unter einer Fragestellung und in Hinblick auf bestimmte Interessen. Die Fragestellung bestimmt schließlich auch mit, was bei der Datenaufbereitung notiert wird und welche Phänomene man im Transkript wiedergibt ... " (S.20). [5]

2.3 Datenaufnahme

Im dritten Kapitel wird präzise die Datenaufnahme mittels Ton- und Videoaufzeichnungen beschrieben, sodass eine abbildtreue Möglichkeit der Archivierung von Gesprächen und auch die Rekonstruktion von kultureigenen Formen in den aufgezeichneten Gesprächen entsteht. Der Kontext von Gesprächen ist ebenfalls zu konservieren (Hintergründe, Gesprächsatmosphäre, Widerstände, Verlauf von Vorgesprächen und Kontakten, eigene Befindlichkeiten während des Gesprächs, Spannungen, Eindrücke usw.), um das Beobachterparadoxon zu minimalisieren: "Valide Aufnahmen bekommen wir, wenn Existenz und Ausformung des interessierenden Phänomens von der Aufnahme nicht beeinflusst werden."(S.25) [6]

DEPPERMANN empfiehlt bei der Datenanalyse später nicht mit Originalaufnahmen, sondern grundsätzlich nur mit Kopien zu arbeiten, um Verluste zu vermeiden. Zudem wird eine Analyse des gesamten Materials am Anfang nicht möglich sein, sondern es werden Teilausschnitte analysiert und in einem Prozess dann aneinander gefügt. Die Datenanalyse setzt eine ökonomische Datenverwaltung von Anfang an voraus, d.h. Gespräche müssen inventarisiert und in Passagen selektiert werden; zudem ist grundsätzlich eine elektronische Transkription von Anfang an sinnvoll, um z.B. mit Hilfe entsprechender Computerprogramme schnell codieren zu können. DEPPERMANN versteht unter Transkription eines Gespräches "die Verschriftung von akustischen oder audiovisuellen (AV) Gesprächsprotokollen nach festgelegten Notationsregeln" (S.39). Aufgezeichnete Gespräche sind bei der Transkription zu anonymisieren, um die Datenschutzbestimmungen einhalten zu können: so werden Orte und Namen ersetzt, wobei der Forschende über einen "Maskierungsschlüssel" verfügen muss, um sich noch orientieren und später auch noch die Gespräche zuordnen zu können. [7]

2.4 Aufbereitung des Datenmaterials zur Analyse

Im vierten Kapitel gibt DEPPERMANN noch ein paar nützliche Tipps, wie z.B. Maskierung und Deckblatt usw. aussehen könnten (S.32ff.). Wichtig ist, schon bei der Transkription Memos zu notieren, d.h. Assoziationen, Auffälligkeiten usw. festzuhalten. Bevor die eigentliche Analyse beginnen kann, ist es sinnvoll, das Material zusammenzufassen und kollegial zu erörtern, was wiederum in Memos festgehalten wird. Wenn Gespräche nur selektiv ausgewertet werden sollen, ist es nach DEPPERMANN sinnvoll, sich mit dem Gesprächsbeginn oder -ende oder mit Initialpassagen zu beschäftigen oder mit augenscheinlichen Auffälligkeiten. Die Aufbereitung gesammelter Daten geschieht in vier entscheidenden Schritten, die zu einer Definition des untersuchten Materials führen und nicht nur die Frage nach dem "Wie" und "Was", sondern auch nach dem "Warum" klären soll (GUBRIUM & HOLSTEIN 2000, S.502): Erstellen von Gesprächsinventaren (ein Beispiel für ein Gesprächsinventar findet der Nutzende des Buches auf den S. 33f), klare Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes, Begrenzung auf zu untersuchende Passagen in den Gesprächen und Transkription der Aufnahme. Vor allem in diesem Kapitel bezieht sich DEPPERMANN inhaltlich auf das Handbuch von DENZIN und LINCOLN (2000, S.633):

"The socially situated researcher creates through interaction the realities that constitute the places where empirical materials are collected and analyzed. In such sites, the interpretive practices of qualitative research are implemented. These methodological practices represent different ways of generating empirical materials grounded in every day world." [8]

2.5 Transkription

Wichtig bei der Transkription ist grundsätzlich alles, selbst Pausen können einen heuristischen Wert haben, sodass es nötig ist, sich auf ein Transkriptionssystem festzulegen und dieses konsequent beizubehalten. DEPPERMANN empfiehlt dabei in seinem fünften Kapitel das so genannte gesprächsanalytische Transkriptionssystem (S.41), dessen Regeln im Buch auf den Seiten 119 bis 121 zusammengefasst sind und die eine gute Basis bei konsequenter Anwendung für die spätere Paraphrasierung und Codierung liefern. DEPPERMANN fasst zusammen:

"Das Transkript soll so beschaffen sein, daß es dem Leser erlaubt, die Fundierung und die Validität der Ergebnisse einzuschätzen; es muß also auch solche Aspekte enthalten, die geeignet wären die Analyse zu widerlegen [...] Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine allgemeine Regel des Auflösungsniveaus: Das Auflösungsniveau des Transkripts muß mindestens eine Abbildungs- bzw. Beschreibungsebene detaillierter sein als das Auflösungsniveau, auf dem der Untersuchungsgegenstand definiert ist. Nur so ist gewährleistet, daß mit dem Transkript untersucht werden kann, wie die Phänomene im Gespräch konstituiert werden (anstatt ihre Existenz im Transkript schon vorauszusetzen)." (S.47) [9]

2.6 Gesprächsanalyse

Das sechste Kapitel ist der zentrale Abschnitt im Buch, der sich nun der eigentlichen Gesprächsanalyse widmet, d.h. der Analyse der sprachlichen Formen im Gespräch, indem nach der Funktion der Formen gefragt und diese reflektiert wird: Es geht stattdessen darum, die Prinzipien zu rekonstruieren, an denen sich die Beteiligten selbst beim Handeln und Interpretieren im Gespräch orientieren, und dies soll soweit als möglich an den Daten, d.h. an wahrnehmbaren, prinzipiell "öffentlichen, weil für alle hör- und sichtbaren Merkmalen des Gesprächsprotokolls ausgewiesen werden" (S.50). Zuerst werden die "displays" eines Gesprächs, d.h. die Auffälligkeiten eines Gesprächs analysiert und auf ihre Relevanz für das Gespräch insgesamt bezogen; danach folgt eine detaillierte Sequenzanalyse. Nur durch sie lassen sich Gesprächspraktiken definieren, Fallinterpretationen entwickeln, theoretische Konzepte bilden oder Aussagen über Prinzipien und Strukturen machen (S.53). Äußerung für Äußerung wird paraphrasiert, dann wird die Art und Weise, in der gesprochen wird, untersucht (hierzu gehören auch Phonetik, Prosodie, Grammatik, Lexik, Stil usw.). Sprecherwechsel und handlungsbegleitende Kommunikation schließen sich im Schritt "Timing" an; danach folgt die Kontextanalyse, in der Gesprächsteile aufeinander bezogen werden und auf intertextuelle Zusammenhänge geachtet werden muss. Die Reflexion von Folgen, Konsequenzen und Sequenzmustern beenden diesen Schritt. Alle Analyseschritte müssen dann der prozeduralen Wie-Seite und der funktionalen Wozu-Seite zugeordnet werden (S.79). Wenn dieses Analyseniveau erreicht ist, beginnt das Kategorisieren und das Aktivieren von Ressourcen des Wissens außerhalb des Gesprächs. Zu fragen ist dann, inwieweit die Bedingungen außerhalb des Gesprächs Inhalte und Gesprächsprozesse mitkonstituieren oder nicht (S.102). [10]

AnfängerInnen, die Ausschau nach gelungenen, illustrierenden Beispielen halten, werden von DEPPERMANN etwas enttäuscht sein, denn er verweist auf sehr wenige Beispiele. In diesem Zusammenhang sind die Aufsätze von FONTANA und FREY (2000), HODDER (2000) und SILVERMAN (2000) lesenswert, weil sie die soziolinguistischen Ausführungen DEPPERMANNs für Rezipierende nachvollziehbar machen. [11]

2.7 Gütekriterien für Gesprächsanalysen

Das siebte Kapitel formuliert – teilweise auf sehr abstraktem Niveau – Gütekriterien für Gesprächsanalysen wie Reliabilität (Genauigkeit und Verlässlichkeit der Daten), Validität (Verhältnis der Daten zur sozialen Wirklichkeit und zu theoretischen Konzepten, Wahrheit und Generalisierbarkeit der wissenschaftlichen Aussagen), Transparenz des Forschungsprozesses, praktische Relevanz und Originalität (S.105). DEPPERMANN rekurriert dabei der Sache nach auf Untersuchungen vor allem aus dem vierten Kapitel (siehe oben FONTANA & FREY, HODDER, SILVERMAN) des Handbuches für qualitative Sozialforschung von DENZIN und LINCOLN (2000). Wichtig ist, dass die Güte auf alle Prozessschritte und nicht auf Details oder Einzelfragen bezogen ist, sowie insgesamt ein widerspruchsfreies und konsistentes Bild abgeben muss. Für DEPPERMANN stehen die Qualität der Daten, die Durchführung und Präsentation der Gesprächsanalyse und die Frage der Generalisierbarkeit im Vordergrund. Die Qualität der Daten muss das Niveau des Natürlichkeitsprinzips anstreben und darf keine Artefakte bilden. In gleicher Weise muss das Beobachterparadoxon beachtet werden. Die grundsätzliche Frage ist, ob das gesammelte Material überhaupt Antwort auf gestellte Fragen geben kann. Wie oben schon erwähnt, kommt es während des ganzen Forschungsprozesses auf höchste technische Kompetenz der Forschenden im Umgang mit Gerätschaften und technischen Prozeduren an. DEPPERMANN nimmt hier eine wesentliche Perspektive der Grounded Theory auf, nach der Erkenntnisse anhand der Daten gewonnen werden müssen und nicht in die Daten als hermeneutisches, aber unreflektiertes, d.h. noch nicht bewusstes, Vorwissen hineingetragen werden dürfen. Die Gesprächsparaphrasen und Reduktionen des Gesprächs müssen dem Gesprächsinhalt, dem -verlauf und der Gliederung des Gesprächs in seinen Formen entsprechen. Letztlich muss sich die Analyse auch an kleinen Details der Daten messen lassen können (S.107). Gütekriterium bleibt auch die Generalisierbarkeit der Daten. " 'Generalisierbarkeit' meint: Für welche Bereiche gelten die aus der Untersuchung gewonnenen Aussagen? Auf welche Sprecherpopulationen, Situationen, kulturelle Gemeinschaften etc. können sie übertragen bzw. verallgemeinert werden?" (S.109) [12]

DEPPERMANN empfiehlt folgende Strategien, um die Generalisierbarkeit der Daten herzustellen:

  • Systematische Fallvergleiche

  • Häufigkeitsverteilungen und korrelationsstatistische Signifikanztests

  • Inventarisierung von Gesprächsmerkmalen und Merkmalen von Gesprächssituationen etc.

  • Theoretische und konstruktlogische Argumentationen in Bezug auf kulturelle Eigenarten (S.109). [13]

Die Handlungsweisungen für die NutzerInnen des Buches sind am Ende der einzelnen Kapitel und größeren Unterabschnitten noch einmal als Fragen und Arbeitsanweisungen zusammengestellt, wobei nicht die Gesamtheit der Aufgaben zu bewältigen ist, sonst zöge sich eine Gesprächsanalyse unendlich in die Länge. Die Aufgaben sind hierarchisch und kategorial zu lesen und auf das jeweilige Datenmaterial anzuwenden. Die Validität der Gesprächsanalyse muss, das ist das Ziel, plausibel, kommunikabel und in sich konsistent sein. [14]

3. Fazit

Das Buch von Arnulf DEPPERMANN schließt eine Lücke in der Didaktik und Vermittlung sozialwissenschaftlichen Methodenwissens und ist daher den an diesen Fragen Interessierten unbedingt zu empfehlen. DEPPERMANNs Buch bewegt sich dabei auf sehr hohem Niveau und stellt an die LeserInnen durchaus die Anforderung, sich auf diesem Niveau auch bewegen zu wollen; manchmal verliert er sich in semantische Details, die möglicherweise für Lesende nicht wesentlich sind. Gleichzeitig ist natürlich hervorzuheben, dass die Detailverliebtheit des Autors auch von Vorteil sein kann, Gespräche – im Hinblick auf die Größe der Aufgabe – präzise zu analysieren und nicht mit Schludern anzufangen. Als Ergänzung sollte das erwähnte Buch von Cornelia HELFFERICH gelesen werden; was bei DEPPERMANN bisweilen abstrakt formuliert und nicht sofort einsichtig ist, wird bei HELFFERICH nachvollziehbar. Der Mangel an konkreten und anschaulichen Beispielen in DEPPERMANNs Buch wird aber durch sehr praxis- und anwendungsbezogene Fragen und Aufgaben ausgeglichen, die auf das jeweilige Kapitel bezogen sind und sofort von AnfängerInnen auch umgesetzt werden können. Hier unterscheidet sich DEPPERMANN zugleich sehr von dem neuen Werk von HELFFERICH (2004), die sehr praxisbezogen und gleichzeitig an Beispielen arbeitet. Der Leser oder die Leserin muss m.E. selbst für sich entscheiden, welcher Zugang geeignet ist. Arnulf DEPPERMANN hat jüngst zusammen mit Gabriele LUCIUS-HOENE (2002) ein Buch zur Analyse von narrativen Interviews vorgelegt, das m.E. eher in die vorgeschlagene Richtung weist (siehe dazu SCHWABE 2003). Der große Reichtum in DEPPERMANNS Buch liegt in der Sorgfalt eines einsichtigen Analyseprozesses und im Ablaufprozess von Datenerhebung – Datensicherung – Datenanalyse, die jedem empirisch Forschenden zur Routine werden muss. [15]

Literatur

Denzin, Norman K. & Lincoln, Yvonna S. (2000). Preface to Chapter IV: Methods of collecting and analyzing empirical materials. In Norman K. Denzin & Yvonna S. Lincoln (Hrsg.), Handbook of qualitative research (2. Auflage, S.633-643). Thousand Oaks: Sage.

Denzin, Norman K. & Lincoln, Yvonna S. (Hrsg.) (2000). Handbook of qualitative research (2. Auflage). Thousand Oaks: Sage.

Deppermann, Arnulf (Hrsg.) (2003), Argumentieren in Gesprächen – gesprächsanalytische Studien. Tübingen: Stauffenburg Verlag.

Fontana, Andrea & Frey, James H. (2000). The interview from structured questions to negotiated text. In Norman K. Denzin & Yvonna S. Lincoln (Hrsg.), Handbook of qualitative research. (2. Auflage, S.645-672). Thousand Oaks: Sage.

Gubrium, Jaber F. & Holstein, James A. (2000), Analyzing interpretive practice. In Norman K. Denzin & Yvonna S. Lincoln (Hrsg.), Handbook of qualitative research (2. Auflage, S.487-508). Thousand Oaks: Sage.

Helfferich, Cornelia (2004). Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hodder, Ian (2000). The interpretation of documents and material culture. In Norman K. Denzin & Yvonna S. Lincoln (Hrsg.), Handbook of qualitative research (2. Auflage, S.703-715). Thousand Oaks: Sage.

Lucius-Hoene, Gabriele & Deppermann, Arnulf (2002). Rekonstruktion narrativer Identität : ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. Opladen: Leske + Budrich.

Mayring, Philipp (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken (5., überarb. u. neu ausgestattete Aufl.). Weinheim: Beltz.

Schwabe, Maike (2003, Juni). Rezension zu: Gabriele Lucius-Hoene & Arnulf Deppermann (2002). Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 4(3), Art. 5. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-03/3-03review-schwabe-d.htm [Zugriff: 17.5.2004]

Silverman, David (2000). Analyzing talk and text. In Norman K. Denzin & Yvonna S. Lincoln (Hrsg.), Handbook of qualitative research (2. Auflage, S.821-834). Thousand Oaks: Sage.

Zum Autor

Wilhelm SCHWENDEMANN ist Professor für Evangelische Theologie und Religionsdidaktik/Religionspädagogik mit Schwerpunkt empirischer Religionspädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg – Hochschule für Soziale Arbeit, Diakonie und Religionspädagogik, Dep. II (Religionspädagogik). In einer zurückliegenden Ausgabe von FQS hat Wilhelm SCHWENDEMANN eine Rezension zu Auf den Trümmern der Geschichte: Gespräche mit Raul Hilberg, Hans Mommsen und Zygmunt Bauman (hrsg. von Harald WELZER) verfasst.

Kontakt:

Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann

Evangelische Fachhochschule Freiburg
Buggingerstr. 38
D-79114 Freiburg

Tel.: 0761-47812-35
Fax: 0761-47812-30

E-Mail: schwendemann@efh-freiburg.de
URL: http://www.efh-freiburg.de/

Zitation

Schwendemann, Wilhelm (2004). Rezension zu: Arnulf Deppermann (2001). Gespräche analysieren. Eine Einführung [15 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(3), Art. 3, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs040331.



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