Volume 5, No. 2, Art. 10 – Mai 2004

Wissenschaftler und ihre alltägliche Praxis: Ein Einblick in die Geschlechterordnung des wissenschaftlichen Feldes

Sandra Beaufaÿs

Zusammenfassung: Inwiefern trägt die alltägliche Praxis der Wissenschaft und der in ihr gelebte Glaube der Akteurinnen und Akteure zum Ausschluss von Wissenschaftlerinnen bei? Dieser Frage geht die Autorin in ihrer Dissertation "Wie werden Wissenschaftler gemacht?" nach, die sie im Folgenden vorstellt. Ihre These: In dem von den Akteuren geteilten Glauben, in ihrem Selbstverständnis und der alltäglichen Praxis an Universitäten und in der weiteren scientific community verbirgt sich ein selektives Moment, das Frauen ausschließt und aussondert. Denn die etablierten Akteure des Feldes haben nicht nur bestimmte Vorstellungen davon, was gute wissenschaftliche Arbeit ist, sondern auch davon, wer als Mitspieler anerkannt werden kann und wer nicht. Die Frage "Wie werden in der wissenschaftlichen Praxis Erkenntnissubjekte als soziale Akteure des Feldes hervorgebracht?" erlaubt gleichzeitig zu erfassen, welche Selektionsmechanismen in dem Prozess des Wissenschaftlerwerdens enthalten sind und wie diese insbesondere zur Herstellung eines relativ geschlechtshomogenen professionellen Feldes beitragen.

Keywords: Wissenschaftsforschung, Gender Studies, soziale Felder, wissenschaftlicher Nachwuchs, wissenschaftliche Karriere, wissenschaftliche Leistung

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissenschaft als Lebensform

3. Anerkennung im Wissenschaftsspiel

4. Die Verkörperung der wissenschaftlichen Lebensform und die Förderung von Wissenschaftlerinnen

4.1 Professor Neuenhaus und die Netzwerke großer Männer

4.2 Professor Friedrich und die kritische Distanz zum akademischen Milieu

5. Fazit

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Wissenschaftliche Praxis wird von Wissenschaftlern selbst zumeist in zwei Dimensionen geschieden: eine ist die der "reinen Sache", die andere ist die soziale Dimension des wissenschaftlichen Alltagsgeschäfts und des kollegialen Mit- und Gegeneinanders (vgl. KRAIS 2000). Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass diese beiden Ebenen sich nicht "vermischen", so als könne das Soziale die Sphäre des "reinen Geistes" bzw. der objektiven Forschungsinstrumente kontaminieren. Wie Karin KNORR-CETINA (1984, 2002) mit ihren empirischen Arbeiten zur wissenschaftlichen Praxis gezeigt hat, liegt jedoch die epistemische Dimension der Wissenschaft durchaus nicht außerhalb sozialer Konstruktionsprozesse. Vielmehr sind epistemische Objekte Teil und Produkt einer wissenschaftlichen Praxis, Ergebnis von Aushandlungsprozessen und dem "konstruktivem Tüfteln" der beteiligten Forscher. Aus dieser Sichtweise ergibt sich mindestens die Konsequenz, dass es eine willkürliche und absolute Trennung des Sozialen vom Epistemischen nicht gibt. Vielmehr wird diese Trennung in der sozialen Praxis erst erzeugt. [1]

In meiner Dissertation1) wählte ich die Perspektive der alltäglichen wissenschaftlichen Praxis, um die Frage zu bearbeiten, wie es zum Ausschluss von Frauen aus den höheren Hierarchieebenen der Wissenschaft kommt (BEAUFAYS 2003).2) Die Untersuchung schlägt damit gewissermaßen einen Umweg ein: Statt direkt den "Faktor Geschlecht" oder die Wissenschaftlerinnen und ihre "Motivationen" zu betrachten, wird die Funktionsweise der Wissenschaft in den Blick gerückt und analysiert. [2]

Zwei Ansätze wurden hierzu kombiniert: der der konstruktivistischen Wissenschaftsforschung, die untersucht, wie epistemische Objekte in der wissenschaftlichen Praxis im Forschungshandeln hergestellt werden und das Konzept der sozialen Felder von Pierre BOURDIEU, das die wissenschaftlichen Akteure in den Mittelpunkt stellt und hilft, die soziale Logik wissenschaftlicher Praxis herauszupräparieren. Ich suchte nach sozialen Herstellungs- und Selektionsmechanismen, die den Regeln des wissenschaftlichen Feldes immanent sind. Diese lassen sich nicht abstrakt erschließen, oder allein durch die Untersuchung organisationaler und institutioneller Strukturen der Universität entdecken. Sie sind vielmehr eingelagert in den Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata, Handlungsmaximen, Glaubenssätzen, Mythenbildungen und Realitätskonstruktionen der Akteure. Mit Hilfe des Konzeptes der sozialen Felder habe ich durch die konkreten Akteure – Professoren und Professorinnen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Fächer Biochemie und Geschichte – herausgearbeitet, wie es dazu kommt, dass wesentlich mehr männliche als weibliche Aspiranten die akademische Karriere einschlagen und fortsetzen. Im Mittelpunkt steht dabei die soziale Praxis des wissenschaftlichen Feldes, die sich in der illusio der Akteure widerspiegelt. Illusio ist nicht die Abkürzung von "Illusion", wie das Wort im alltäglichen Sprachgebrauch verstanden wird, sondern ist hergeleitet aus dem lateinischen ludus, also dem Spiel (BOURDIEU & WACQUANT 1996, S. 128). Die illusio ist der Einsatz der Akteure, die Investition in das "Spiel" eines Feldes, und gleichzeitig der Glaube daran, dass "der Einsatz lohnt" (KRAIS 2000, S. 40). (Die Spielmetapher sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dabei um die soziale Existenz der Akteure geht.) Die illusio oder der Glaube ist der "praktische Sinn", mit dem die Akteure ausgestattet sind. Er ist das soziale Organ, um sich in einem Feld zurechtzufinden und auch von den anderen Akteuren als zugehörig erkannt zu werden. In diesem Glauben liegt, das ist meine These, der Ausschlussmechanismus begründet, der Frauen seltener zu Mitspielerinnen im wissenschaftlichen Feld werden lässt. Dabei geht es nicht darum, den Frauen oder aber den Männern im wissenschaftlichen Feld einen "falschen Glauben" zu unterstellen. Vielmehr liegt, wie ich zeigen werde, in dem von den Akteuren geteilten Glauben, in ihrem Selbstverständnis und der alltäglichen Praxis ein selektives Moment, das häufig Überzeugungen dieser Akteure selbst widerspricht (z. B. was die Befürwortung der Teilhabechancen von Wissenschaftlerinnen angeht). Denn die etablierten Akteure des Feldes haben nicht nur habituell verankerte Vorstellungen davon, was gute wissenschaftliche Arbeit ist, sondern auch davon, wer als Mitspieler anerkannt werden kann und wer nicht. Und gerade diese beiden Punkte lassen sich durchaus nicht so sauber trennen, wie dies von Wissenschaftlern selbst vorausgesetzt wird. An drei Aspekten möchte ich diese Verquickung im Folgenden zeigen. [3]

2. Wissenschaft als Lebensform

Theodor W. ADORNO verkörpert als Philosoph und Sozialwissenschaftler wie kaum ein Zweiter den Geisteswissenschaftler par excellence. Ein unermüdlicher Denker und Schreiber, und sicherlich ein erfolgreicher Wissenschaftler, der noch lange nach seinem Tod vielfach die Anerkennung seiner Kollegen genießt. Was man sich bei einem solchen Geisteskoloss nur schwer vorstellen kann, ist so etwas wie ein Alltagsleben. Wie sieht das aus, wenn so einer alltäglich Wissenschaft treibt? In einem Interview mit Ludwig von FRIEDEBURG (das ich nicht selbst geführt habe), fand ich zu dieser Frage einen dezidierten Bericht. FRIEDEBURG arbeitete u.a. in den sechziger Jahren am Institut für Sozialforschung in Frankfurt, das ADORNO damals als geschäftsführender Direktor leitete. Er erzählt:

"Wenn Adorno, nachdem er zu Hause eine halbe Stunde Klavier gespielt hatte, morgens so gegen halb zehn ins Institut kam (immer in Begleitung seiner Frau, die auch im Institut arbeitete), dann telefonierte er regelmäßig erst einmal eine Stunde mit Horkheimer ... Der Vormittag war ganz ihm und seiner Arbeit gewidmet, da wollte er nicht gestört sein – und seine Sekretärin, Frau Olbrich, hatte alles von ihm abzuschirmen. Nach dem Gespräch mit Horkheimer fing er an zu diktieren. Vor allem Briefe, denn er hatte eine sehr weit gespannte Korrespondenz. Dann galt die Arbeit seinen Werken. (...) Er diktierte, ungefähr eine Halbe- bis Dreiviertelstunde, so etwa zehn Seiten, nach spärlichen Notizen. Dieses Diktat hat dann Frau Olbrich niedergeschrieben. Dann arbeitete er schreibend an dieser Vorlage und ließ keinen Stein auf dem anderen. (...) Das dauerte bis etwa 13 Uhr. Dann ging er mit seiner Frau (...) nach Hause. Das Mittagessen hatte eine Haushälterin vorbereitet. Danach schlief er eine halbe Stunde, kam so gegen halb Drei ins Institut und arbeitete dort bis 18 Uhr. (...) Das hat er jeden Tag so gemacht, jeden: von Montag bis Freitag." (Schütte 2003, S.188) [4]

Dieser Bericht ist einerseits eine sehr präzise Schilderung eines Tagesablaufs, andererseits wirft er jedoch vor allem ein Licht darauf, was sich Wissenschaftler unter einem Wissenschaftler vorstellen. Es geht mir nicht darum, ob die Schilderung FRIEDEBURGs hundertprozentig wahr ist, sondern vielmehr um ihren Gehalt im Hinblick auf das, was sich als "wissenschaftliche Lebensform" bezeichnen lässt. Diese Lebensform wird hier deutlich gekennzeichnet durch eine hohe persönliche Freiheit, einen festen institutionellen Rahmen, eine regelmäßige Tagesstruktur sowie durch eine nahezu vollständige Verschmelzung von Arbeit und "privatem Leben". (Nicht einmal auf seine Frau muss ADORNO zeitweise verzichten – sie arbeitet am gleichen Platz wie er!) Es wird weiterhin ersichtlich, welche Infrastruktur die wissenschaftliche Arbeit des Philosophen unterstützte. Er dachte – während andere, hauptsächlich Frauen, in der Zwischenzeit für ihn schrieben, kochten, den Haushalt führten, ihn von ungebetenen Besuchern abschirmten usw. Er hatte Kollegen, mit denen er sich ausführlich austauschte. Er hatte Zeit, um sich Notizen zu machen, die er anschließend diktieren konnte. Wichtig ist jedoch auch, was er nicht hatte bzw. wovon nicht gesprochen wird: z.B. Kinder, Geldprobleme, primäre Bedürfnisse, die über eine Mittagsmahlzeit hinausgehen. Dass der Mittagsschlaf hingegen erwähnt wird, halte ich keineswegs für eine "Entgleisung" seitens des Erzählers. Wie das Klavierspiel am Morgen, dient der Schlaf am Mittag dazu, die geistige Arbeitsfähigkeit zu regenerieren. Der Wissenschaftler wird als eine Person dargestellt, deren Alltag von allem gereinigt ist, was nicht mit Wissenschaft zusammenhängt, und alles enthält, was zu ihrem Betreiben dienlich ist. [5]

Nun könnte man einwenden, es handele sich bei dem Beschriebenen um das Leben eines Wissenschaftlers in den sechziger Jahren. Sicher kann man davon ausgehen, dass ein Wissenschaftler zu jener Zeit andere Arbeitsbedingungen vorfand als seine heutigen Kollegen. Was jedoch die beschriebene Lebensform betrifft, lassen sich in den Aussagen heutiger Professoren durchaus Parallelen finden. Insbesondere auf eine Trennung von Privatleben bzw. Freizeit und Arbeit, reagierten viele in meinen Interviews empfindlich. Ein Biochemieprofessor beispielsweise versicherte mir:

"Wenn Sie in der Wissenschaft bleiben wollen, müssen Sie sowohl ihren beruflichen als auch ihren privaten Spaß irgendwie in der Wissenschaft sehen (...). (...) Ich kann jetzt nicht sagen, Herrgott, hoffentlich bin ich jetzt hier bald fertig, damit ich endlich auf den Fußballplatz kann oder endlich Geige spielen kann. (...) das sehen viele nicht ein, die sagen, also man muss auch noch ein ganz anderes Leben haben, und das sehe ich nicht ein, dass man noch ein ganz anderes Leben haben muss, (...). Das muss eine Einheit sein, das muss ein ganzheitliches Leben sein."3) [6]

Und an anderer Stelle fügte er hinzu:

"Denn es ist eindeutig so, dass die Leute, die sich fokussieren auf den Fluchtpunkt Professor, (...), dass die das ganz anders sehen. Für die ist am Sonntag die Erholung zu Hause eben dass sie Nature4) lesen oder irgend so was, nicht? Während die Leute, die sagen, ich will hier einen qualifizierten Abschluss, einen qualifizierten Titel haben und gehe dann also als Post-Doc und suche mir einen guten Job aus, ne, die bestehen mehr darauf am Freitagabend: es ist weekend, ne? (...) Das muss man, glaube ich, unterscheiden. Es gibt unterschiedliche Berufsziele." [7]

In der Aussage des Biochemieprofessors klingt an, dass die wissenschaftliche Lebensform auch heute noch von ähnlichen Prinzipien geprägt sein sollte, wie zu Zeiten ADORNOs. Weiterhin scheint sich diese Lebensstilphilosophie nicht nur auf den Alltag des Professors, sondern auch auf die Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses an seinem Lehrstuhl auszuwirken. Wer sich nicht ungeteilt und "ganzheitlich" der Wissenschaft verschreibt, der oder die kommt für die akademische Laufbahn gar nicht erst in Frage. Es wird stattdessen selbstverständlich vorausgesetzt, dass man eine Karriere außerhalb der Universität anstrebt. Wie wichtig solche Einschätzungen etablierter KollegInnen für Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen sein können, zeigt sich im nächsten Punkt. [8]

3. Anerkennung im Wissenschaftsspiel

Als tiefe Überzeugung äußern interviewte Professoren, dass Menschen, bei denen eine Neigung oder Begabung zum wissenschaftlichen Arbeiten vorausgesetzt wird, durch "beste" wissenschaftliche Leistungen zu Wissenschaftlern werden und Erfolg haben. Die Leistung gilt als objektives Kriterium dafür, ob jemand zur scientific community gehört oder nicht. Die gleichen Interviewpartner betonen indes, es gehe vor allem darum, die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit für die scientific community sichtbar zu machen; erst die Anerkennung durch Kollegen bringe den Erfolg. Wie jedoch Leistung und Anerkennung zusammenhängen, unter welchen Bedingungen Leistungen entstehen, auf welchen Wegen sie Personen zugeschrieben werden und wie diese hierdurch überhaupt erst sichtbar werden als wissenschaftliche Akteure – all diese Verbindungen werden hingegen ausgeblendet. Ich habe versucht, diese Zusammenhänge aus den Interviews mit Professoren und Nachwuchswissenschaftlern beiderlei Geschlechts zu erschließen. Denn auch wenn die soziale Ebene wissenschaftlicher Leistungen und die Herstellung leistungsfähiger Subjekte nicht direkt angesprochen wird, finden sich Hinweise auf entsprechende Konstruktionsprozesse immer wieder. Ein Zitat, in dem die Anerkennungs- und Zuschreibungsprozesse des wissenschaftlichen Feldes auf den Punkt gebracht werden, ist das folgende, das von einem Geschichtswissenschaftler auf dem Weg zur Habilitation stammt:

"Man ist ein guter Historiker nicht, weil man ein guter Historiker ist, sondern weil die anderen sagen, dass man ein guter Historiker ist. Wenn ich mich selber hinstelle und sage, ich bin ein guter Historiker, lachen alle anderen guten Historiker. Wenn ein anderer guter Historiker sagt, der Charlie P. ist ein guter Historiker, dann nicken alle anderen guten Historiker, zumindest (lacht) wenn sie aus dessen Schule stammen." [9]

In der Aussage dieses Habilitanden klingen einige der wichtigsten Implikationen wissenschaftlicher Praxis an: Wissenschaft ist eine soziale Angelegenheit, d.h. sie funktioniert nur über die Gemeinschaft derer, die sich gegenseitig als vollwertige Mitglieder derselben anerkennen; bereits anerkannte Wissenschaftler führen andere in die Gemeinschaft ein; wissenschaftliche Arbeit und ihre Qualität wird durch die Akteure verkörpert; Qualitätsurteile sind gebunden an übereinstimmende Sichtweisen; Leistungen werden Personen zugeschrieben. [10]

Da Leistungen und somit die Qualität wissenschaftlicher Arbeit im Anerkennungssystem der Wissenschaft immer auch verkörpert werden durch die Akteure, muss es neu Hinzukommenden gelingen, als Akteure wahrgenommen zu werden, indem die anderen ihnen solche Leistungen zuschreiben. Und hier sind Frauen in größeren und anderen Schwierigkeiten als ihre männlichen Kollegen. Dies lässt sich gut an dem Beispiel Fußball deutlich machen. Hierzu fand ich einen Text in einer überregionalen Tageszeitung, der den Nagel auf den Kopf trifft:

"Dass ich nie dazu gehören würde, so sehr ich mich auch anstrengen sollte, begriff ich im Alter von sechs Jahren. Ich stand vor meiner Mutter und in meinen Händen, zu einer Mulde geformt, lagen drei blutige Milchzähne. Die beiden vorderen und der linke Eckzahn. Es war ein warmer Spätsommertag, es roch nach frisch gemähtem Heu, die Haut spannte von der großen Hitze. Ich weinte. Schluckte den süßlich-metallenen Geschmack des Blutes hinunter. Gerade hatte ich beim Fußball mein erstes Tor geschossen, draußen auf der großen Wiese. In die rechte untere Ecke. Und direkt danach war ich mit voller Wucht gegen den Pfosten geknallt. 'Du wirst bald ganz neue Zähne bekommen, viel tollere, das ist überhaupt nicht schlimm,' sagte meine Mutter und strich mir über den Kopf. Sie hatte nichts verstanden. Darum ging es doch nicht. Es ging darum, dass die anderen mich schulterklopfend mit einem 'aber das Tor war echt klasse' verabschiedet hätten, wäre ich ein Junge gewesen. Aber da ich nur ein Mädchen war, hatte mein Bruder gesagt: 'Wolltest ja unbedingt mitspielen.' Ich würde nicht dazu gehören. An den Tag, an dem ich meine Milchzähne verlor, habe ich später oft zurückdenken müssen." (LINNARTZ 2002, S.2) [11]

In der Geschichte wird das Tore schießende Mädchen nicht als Mitspielerin akzeptiert, ihre offenkundig erbrachte Leistung wird nicht anerkannt. Obgleich also das Mädchen verstanden hat, worum es beim Fußballspielen geht und in der Lage ist, entsprechend zu handeln, scheint ihr zur Vollwertigkeit etwas zu fehlen. Weshalb genügen ihre Leistung und ihre Einsatzbereitschaft nicht? Ganz einfach: Sie müsste ein Junge sein. Ähnlich antwortete eine Historikerin auf meine Frage, wie eine erfolgreiche Person in den Geschichtswissenschaften denn aussehen müsse prompt mit: "Sie muss ein Mann sein." Leider scheint es tatsächlich so einfach zu sein. Der homo ludens, der spielende und dadurch schöpferische Mensch, wird herkömmlich als Mann verstanden5). [12]

Der Kriterienkatalog, den Hochschullehrerinnen und -lehrer in den Interviews für die Förderungswürdigkeit potentiellen wissenschaftlichen Nachwuchses bereithielten, enthält kaum Hinweise auf Leistung. Während die einen überhaupt nicht von wissenschaftlicher Leistung sprachen, sondern diese stillschweigend voraussetzten, waren andere davon überzeugt, dass es sich bei ihrem eigenen Urteil über Kandidaten um "Bestenauslese" handele, so als seien sie als Förderer gar nicht beteiligt und schauten lediglich einem naturwüchsig sich selbst regulierenden Vorgang zu. Beide Haltungen sind problematisch vor dem Hintergrund der am häufigsten genannten Indikatoren für Förderungswürdigkeit. Neben fachlichen Voraussetzungen und fachspezifischen Schlüsselkompetenzen wird hier vor allem ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil beschrieben, das sich von Fach zu Fach kaum unterscheidet. An erster Stelle steht dabei eine hohe Frustrationstoleranz. Weiterhin werden Ausdauer und Belastbarkeit gefordert sowie Leistungs- und Einsatzwilligkeit. Offenbar wird von diesen Persönlichkeitsmerkmalen abgeleitet, ob eine Doktorandin oder ein Doktorand als Nachwuchskandidat in Frage kommt, ja, diese besonderen Merkmale scheinen auf eine zukünftig erwartbare Leistung hinzudeuten. In diesen Indikatoren lässt sich auch ein bestimmtes Bild vom Wissenschaftler erkennen. Es ist scheinbar nicht an Geschlechtsmerkmale gebunden. Ausdauer, Disziplin, Einsatzbereitschaft und Frustrationstoleranz könnten ebenso gut von einer Wissenschaftlerin verkörpert werden wie von einem Wissenschaftler. Mentoren müssten demnach diese Eigenschaften an ihren Doktorandinnen und Doktoranden gleich häufig entdecken. In den Aussagen einiger interviewter Professoren lässt sich jedoch nachweisen, dass die genannten Eigenschaften geschlechtsspezifisch unterschiedlich zugeschrieben werden. Es stellte sich heraus, dass Frauen gegenüber häufig ein wesentlich größeres Misstrauen darüber besteht, ob sie den Anstrengungen und Widrigkeiten, aber auch den Herausforderungen einer wissenschaftlichen Karriere überhaupt gewachsen seien. Man kann hier von einer regelrechten "kognitiven Dissonanz" sprechen. Einerseits war keiner der potentiellen Förderer der Meinung, Frauen eigneten sich per se nicht für die Wissenschaft oder könnten keine guten Leistungen erbringen. Doch diese allgemein vorgetragene positive Einstellung schlug sich nur selten in der konkreten Förderung junger Wissenschaftlerinnen nieder. Ich wollte daher noch eine Ebene tiefer gehen und fragen, wie die Gewissheit entsteht, mit der bestimmten Personen erwartbare Leistungen zugeschrieben werden. Denn schließlich gibt es immer wieder Frauen, die Wissenschaftlerin werden. [13]

4. Die Verkörperung der wissenschaftlichen Lebensform und die Förderung von Wissenschaftlerinnen

Wie ich einführend angedeutet habe, verstehe ich den Prozess des Wissenschaftlerwerdens vor allem als alltäglich sich vollziehende praktische Auseinandersetzung sowohl mit Forschungsgegenständen und -material als auch mit Kollegen und Kolleginnen sowie mit den sozialen Organisationsstrukturen, Prüfungsverfahren an Universitäten und dem Anerkennungssystem einer jeweiligen scientific community. Am Ende einer solchen Auseinandersetzung stehen konkrete Akteure, die den Glauben des Feldes auf spezifische Weise verkörpern. Mit diesem spezifischen Selbstverständnis wiederum bestimmen sie darüber mit, was im Feld wichtig sein soll und worum gespielt wird. Und damit werden sie schließlich zu gatekeepern für diejenigen, die neu hinzukommen. Ich behaupte (im Anschluss an ENGLER 2001), dass in den Konstruktionsprozess der wissenschaftlichen Persönlichkeit Geschlecht als soziale Kategorie mit einfließt und die relativ homogene Zusammensetzung des wissenschaftlichen Feldes bestimmt. Im Folgenden greife ich das Selbstverständnis der gatekeeper als einen Kulminationspunkt dieses Prozesses heraus. Der Vergleich von fünf Professoren und einer Professorin im Verbund mit ihren jeweiligen Assistentinnen und Assistenten führte mich auf die Spur jener Mentoren, die Frauen durchaus fördern, auch wenn sie dies nicht notwendig beabsichtigen. Ausgangspunkt war zunächst eine Beobachtung, die ich an einem untersuchten Institut machte. Mir fiel auf, dass ein dort lehrender Professor und seine beiden Assistenten einander glichen wie ein Wiener Würstchen dem anderen. Sie schienen alle eine ausgeprägte Vorliebe für karierte Jacketts zu teilen und sprachen und bewegten sich auf erstaunlich ähnliche Weise. Die Mitarbeiter eines anderen Lehrstuhls an dieser Fakultät pflegten sich über sie lustig zu machen, auch ihnen sprang die unübersehbare Ähnlichkeit ins Auge. Als ich mir später die Interviews von Professoren und Professorinnen und ihren Mitarbeitern vornahm, entdeckte ich jedoch bei ihnen allen Parallelen, die nicht in ihrer äußerlichen Erscheinung, aber in ihren Haltungen und Einstellungen, in ihrer persönlichen Geschichte oder in ihrem Verhältnis zum Spiel der Wissenschaft zum Tragen kamen. Einige der Professoren hatten noch nie eine Frau nach der Promotion weitergefördert, andere hatten auffallend viele Frauen an ihrem Lehrstuhl versammelt. Wie es dazu kommen kann, möchte ich anhand eines Biochemieprofessors und seines Assistenten sowie eines Geschichtsprofessors und seiner Assistentin zeigen. Damit beziehe ich mich auf zwei kontrastive Beispiele, auf Akteure mit einer unterschiedlichen und spezifischen illusio. [14]

4.1 Professor Neuenhaus und die Netzwerke großer Männer

Als erstes stelle ich Ihnen den Biochemieprofessor Franz Neuenhaus und seinen Assistenten Michael Keller vor. Franz Neuenhaus ist ein freundlicher, sportlich wirkender Mann Anfang sechzig. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der schon zu Studienzeiten "unbedingt Biochemie machen" wollte. Er orientierte sich dabei an den berühmten Männern dieses Faches und wechselte bereits nach dem Vordiplom in Chemie den Studienort, um in die Arbeitsgruppe eines damals "führenden Biochemiker(s)" zu gelangen. Dieser erhielt kurze Zeit darauf den Nobelpreis. Der junge Forscher genießt die damit verbundene "internationale Atmosphäre" am Institut und fühlt sich dadurch angeregt und herausgefordert. Eine Herausforderung stellt auch die Arbeit dar, die er zu tun hat. Er behauptet, "natürlich Tag und Nacht gearbeitet" zu haben. Seine Doktorarbeit machte er nach eigenen Worten "völlig selbständig". Er profitierte jedoch von den sozialen Netzwerken des Chefs: "(D)ie ganzen berühmten Biochemiker, die kamen alle zu uns ins Labor, die habe ich alle persönlich kennen gelernt. Jim Watson und all solche Leute, mit denen habe ich Bier getrunken..." Herr Neuenhaus lässt sich recht gut durch seinen Ausspruch: "Also ich kenne wirklich fast alle" charakterisieren. [15]

Sein Assistent, Michael Keller, tut es ihm nach. Kontakte zu pflegen, mit anderen zu kooperieren, Netzwerke aufzubauen, hält er für extrem wichtig. Wer diese Dimension wissenschaftlicher Arbeit vernachlässigt, der hat nach seiner Meinung etwas Wesentliches nicht verstanden. Wer auf Konferenzen gehe – und dies solle man möglichst regelmäßig tun – für den ist es wichtig, dass er "ein paar Leute da (..) kennt und nicht so als Mauerblümchen da irgendwo immer sitzt und weg ist, sondern (...) Teil eines Ganzen ist." Herr Keller hat seine Laufbahn aus Neigung eingeschlagen und meint, sein Beruf sei auch sein Hobby. Sein Ziel war nach eigener Darstellung schon früh die Universitätskarriere, seine Begründung: "weil ich auch die Freiheit ein bisschen schätze (...), bloß, diese Freiheit führt meistens dazu, dass ich früher komme und später gehe." Von Michael Kellers Qualitäten zeigt sich Professor Neuenhaus begeistert, und was er über ihn zu sagen hat, deutet darauf hin, dass es sich bei seiner Beziehung zu ihm um ein fachlich gleichberechtigtes Vertrauensverhältnis handelt:

"Also der Michael und ich, wir kommen so in Resonanz, wir können zusammen denken, wir können die Bälle hin und her werfen, und er ist auch nicht scheu, Ideen zu äußern, die noch unausgegoren sind, und ich kann mir dasselbe bei ihm erlauben, und das ist dann sehr fruchtbar." [16]

Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin auf Nachwuchsebene findet sich nicht am Lehrstuhl des Professor Neuenhaus. In seiner gesamten Laufbahn als Hochschullehrer memoriert er vier Doktorandinnen. Keine dieser vier hat sich jedoch eine eigene Arbeitsgruppe am Institut aufbauen können, um sich zu habilitieren. [17]

4.2 Professor Friedrich und die kritische Distanz zum akademischen Milieu

Eberhard Friedrich, Professor für Neuere Geschichte, ist zum Zeitpunkt des Interviews siebenundfünfzig Jahre alt. Er betrachtet seinen Werdegang als "Kette von Zufällen". Er hätte sich nach eigenen Worten auch einen anderen Beruf "gut vorstellen" können und betrachtet sich nicht als ein "in der Wolle gefärbter Historiker". Sein Entschluss, Geschichte zu studieren, erfolgte relativ spät im Studium, das er begann, nachdem er zunächst eine Berufsausbildung abgeschlossen und das Abitur auf dem 2. Bildungsweg nachgeholt hatte. Herr Friedrich legt Wert darauf, sich selbst als Hochschullehrer und nicht als Professor zu bezeichnen. Die Professoren seiner eigenen Studienzeit indessen fand er nie "übermäßig eindrucksvoll". Er erzählt:

"Ich fand, da war viel Theater dabei und viel Selbststilisierung. Also, das kann ich nicht sagen, dass die mich gereizt hätten, selber in eine solche Richtung zu gehen. Vielleicht ist das auch eine Distanz des ganz anderen Sozialmilieus gegenüber diesem Bildungsmilieu, und die meisten Professoren sind ja, jedenfalls in der damaligen Zeit, in diesem Bildungsmilieu großgeworden und haben eine Form der Selbststilisierung gehabt, die mir immer missfallen hat. Also, von daher würde ich eher sagen, dass ich da in kritischer Distanz von denen vielleicht geprägt worden bin." [18]

Marie Georg ist ähnlich wie ihr Chef eher unbeeindruckt vom akademischen Milieu. Sie empfindet dieses häufig als "treibhausmäßig". Die Assistentin argumentiert pragmatisch, wenn sie erzählt wie es dazu kam, dass sie nach der Promotion weiter an der Universität geblieben ist:

"Also ich hab die Dissertation gern geschrieben, und ich arbeite gern wissenschaftlich, aber ich möchte auch eine Absicherung, ich möchte auch bezahlt werden für die Arbeit. Ich kann mir auch andere Arbeiten durchaus vorstellen oder hätte mir die vorstellen können und ... ich bin nicht (so) (...), dass ich gesagt hätte, also ich muss und will Professorin werden. Das war nicht so, ich wollte wissenschaftlich arbeiten und ich unterrichte gern, ich will aber auch eine (lachend) bezahlte Stelle und unabhängig sein. Und hätte ich diese Förderung nicht gekriegt, also ich hätte mich nicht krumm gelegt für die Wissenschaft." [19]

Marie Georg ist darauf bedacht, einen Ausgleich zur Arbeit zu haben und glaubt von sich selbst, faul zu sein.6) Der ideale Historiker wäre in ihren Augen ein Mensch, der sich nicht nur für Geschichte interessiert. Die Protektion, die sie durch ihren erfolgreichen Chef genießt, sieht sie zweischneidig. Die Macht, die er auch über ihren eigenen Werdegang hat, versteht sie als "strukturelles Abhängigkeitsverhältnis", das sie mit einer Vater-Tochter-Beziehung vergleicht. Am Lehrstuhl von Professor Friedrich fanden sich zur Zeit meiner Feldforschung erstaunlich viele promovierte Frauen. Frau Georg war bereits habilitiert, zwei Kolleginnen waren auf dem Weg dorthin und eine Privatdozentin vertrat die Professur während einer zweisemestrigen Abwesenheit Friedrichs. Ihnen allen gemeinsam ist eine eher kritische Haltung gegenüber universitären Gepflogenheiten und dem wissenschaftlichen Feld allgemein. Keine von ihnen hielt mit dieser Meinung ängstlich hinter dem Berg, oder versuchte, sich möglichst diplomatisch auszudrücken. So manch anderer Professor in meinem Sample hätte sich – so spekuliere ich – nicht im Traum einfallen lassen, solche Leute einzustellen bzw. sie weiter zu fördern. Da Herr Friedrich sich jedoch selbst nicht als einen Wissenschaftler betrachtet, der besonders gut an seine Umgebung angepasst ist, bemerkt er die kritische Haltung seiner Mitarbeiterinnen möglicherweise nicht einmal. [20]

Vergleicht man Herrn Neuenhaus und Herrn Kellers Selbstdarstellungen mit denen von Herrn Friedrich und Frau Georg, so springen diverse Kontraste ins Auge: Die Biochemiker stellen sich als "früh Berufene", als intrinsisch motivierte Wissenschaftler dar. Die Historiker hingegen definieren sich nicht allein über ihre Wissenschaft und betrachten ihre Berufswahl nicht als allein von ihrer inneren Neigung gesteuert, sondern auch von diversen anderen, äußeren Faktoren bestimmt. Neuenhaus und Keller orientieren sich stark an großen Wissenschaftlerpersönlichkeiten und verstehen sich als Teil eines Ganzen, als Punkte in dem Netzwerk ihrer scientific community. Die beiden anderen hingegen distanzieren sich vom akademischen Milieu und orientieren sich stark an der Sache. An allen Lehrstühlen und wissenschaftlichen Abteilungen, an denen sich mindestens eine Frau in weiterführender Position befand, konnte ich eine größere Offenheit gegenüber außeruniversitären Kreisen und Aktivitäten, eine gewisse Distanz gegenüber dem traditionellen akademischen Milieu sowie die Betonung hoher Leistungsansprüche bei gleichzeitig geringer normativer Orientierung an Laufbahnmustern oder hierarchischen Konventionen ausmachen. Das heißt auch, dass die Orientierung an dem traditionellen Wissenschaftlerbild, das ich hier mit Adorno vorgestellt habe, an diesen Lehrstühlen nicht vorherrschte. Auf die eine oder andere Art distanzierten sich stattdessen die Professoren selbst von diesem Bild, oder waren aufgrund ihrer eigenen Randposition im Wissenschaftsspiel offenbar eher in der Situation, Distanz zu wahren. Die Affinitäten, die hier auf der Ebene des Habitus deutlich werden, sind nicht allein auf das Geschlecht der Protagonisten zurückzuführen. Dennoch lässt sich im Selbstverständnis von Neuenhaus und Keller eine Orientierung an einem fachspezifisch geprägten traditionellen Wissenschaftlerbild, das wiederum von männlichen Interpretationsnormen geprägt ist, durchaus nachweisen. Anerkennungs- und Zuschreibungsprozesse verlaufen hier in einer Welt, in der sich Männer auf Männer beziehen – und dies nicht einmal, weil es Männer sind, sondern weil die Akteure sich auf einer Ebene "verstehen", auf der bestimmte soziale Schemata wachgerufen werden. Die Anerkennungs- und Zuschreibungsprozesse am Lehrstuhl von Professor Friedrich folgen ganz anderen Bewertungsschemata. Sie entspringen offensichtlich einer illusio, die mit dem Glauben des Feldes nicht unauflösbar verschmolzen ist – was nicht nur auf fachspezifische Unterschiede rückführbar ist. [21]

5. Fazit

Es ist fruchtbar, über die realen Akteure und ihre Praxis der Frage nachzugehen, weshalb Frauen nicht zahlreicher in die oberen Hierarchieebenen der Wissenschaft vordringen. Wenn man die Interviewten nicht als "Einzelpersonen" betrachtet, oder zu Typen zusammenfasst, sondern als Akteure betrachtet, die sich in einem sozialen Gefüge zueinander in Beziehung setzen, kann man die Mechanismen und Funktionsweisen aufzeigen, die zu Selektionen im wissenschaftlichen Feld führen. Der Selektionsmechanismus im sozialen Feld Wissenschaft liegt, wie ich geschildert habe, in Zuschreibungs- und Anerkennungsprozessen begründet. Gerade in der Wissenschaft nämlich hat die Anerkennung der Kollegen durch Kollegen einen eminent wichtigen Stellenwert. Vor allem anderen kommen die Positionen der Akteure im Feld durch Zuschreibungs- und Anerkennungsprozesse zu Stande. [22]

Anmerkungen

1) Die Dissertation ist aus dem DFG-Forschungsprojekt "Wissenschaftskultur, Geschlecht und Karriere. Karrierebedingungen für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in der alltäglichen Praxis von Universitäten" hervorgegangen, das bei Beate KRAIS an der TU Darmstadt durchgeführt wurde. Mit einem qualitativ-ethnographisch ausgerichteten Forschungskonzept wurde die alltägliche Praxis in den Fächern Biochemie und Geschichte untersucht. <zurück>

2) Nur jede zehnte aller Hochschulprofessuren in Deutschland ist mit einer Frau besetzt. Bei den C4-Professuren beträgt der Frauenanteil im Jahr 2000 noch immer nur 7,1% (vgl. Bund-Länder-Kommission (2002, S. 4). Der "Frauenschwund" beginnt besonders nach Abschluss der Promotion, d.h. nachdem die Eintrittskarte zur wissenschaftlichen Laufbahn bereits gelöst wurde. <zurück>

3) Dieses und alle weiteren Interviewzitate stammen aus dem DFG-Forschungsprojekt "Wissenschaftskultur, Geschlecht und Karriere. Karrierebedingungen für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in der alltäglichen Praxis von Universitäten" (vgl. auch Anmerkung 1) und sind in BEAUFAYS 2003 dokumentiert. <zurück>

4) Eines der wichtigsten naturwissenschaftlichen Publikationsorgane. <zurück>

5) An dieser Stelle kann man auch auf BOURDIEU verweisen, der Frauen per se aus den sozialen Spielen ausgeschlossen sieht (BOURDIEU 1997). <zurück>

6) Mit dieser Selbsteinschätzung steht sie allerdings nicht allein. Viele der befragten Nachwuchswissenschaftler zweifelten daran, ob sie hart genug arbeiteten. Es scheint auch dies ein Mythos des Feldes zu sein, dass es immer möglich scheint, noch mehr und noch besser zu arbeiten. <zurück>

Literatur

Beaufaÿs, Sandra (2003). Wie werden Wissenschaftler gemacht? Beobachtungen zur wechselseitigen Konstitution von Geschlecht und Wissenschaft. Bielefeld: transcript.

Bourdieu, Pierre (1997). Die männliche Herrschaft. In Beate Krais & Irene Dölling (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel: Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis (S.153-217). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre & Wacquant, Loic (1996). Reflexive Anthropologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (2002). Frauen in Führungspositionen an Hochschulen und an außerhochschulischen Forschungseinrichtungen. Sechste Fortschreibung des Datenmaterials, Bonn.

Engler, Steffani (2001). "In Einsamkeit und Freiheit"? Zur Konstruktion der wissenschaftlichen Persönlichkeit auf dem Weg zur Professur. Konstanz: Universitätsverlag.

Knorr-Cetina, Karin (1984). Die Fabrikation von Erkenntnis: Zur Anthropologie der Naturwissenschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Knorr-Cetina, Karin (2002). Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Krais, Beate (2000) (Hg.). Wissenschaftskultur und Geschlechterordnung. Über die verborgenen Mechanismen männlicher Dominanz in der akademischen Welt. Frankfurt a.M.: Campus.

Linnartz, Mareen (2002). im abseits. Frankfurter Rundschau, Magazin, 25, S.2.

Schütte, Wolfram (2003). Das Glück in Frankfurt. Ein Gespräch mit Ludwig von Friedeburg. In Wolfram Schütte (Hrsg.), Adorno in Frankfurt. Ein Kaleidoskop mit Texten und Bildern (S.185-191). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Zur Autorin

Sandra BEAUFAYS ist Diplom-Pädagogin und Soziologin und arbeitet zur Zeit als wissenschaftliche Referentin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main.

Kontakt:

Dr. Sandra Beaufaÿs

Institut für Sozialforschung
Senckenberganlage 26
D-60325 Frankfurt am Main

E-Mail: beaufays@em.uni-frankfurt.de

Zitation

Beaufaÿs, Sandra (2004). Wissenschaftler und ihre alltägliche Praxis: Ein Einblick in die Geschlechterordnung des wissenschaftlichen Feldes [22 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(2), Art. 10, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0402109.



Copyright (c) 2004 Sandra Beaufaÿs

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