Volume 5, No. 2, Art. 7 – Mai 2004

Qualitative Forschung und Ethik

Wolff-Michael Roth

Zusammenfassung: Ethik als Feld und Gegenstand der Reflexion menschlichen Handelns gibt es schon seit langem; die Beschäftigung mit Ethik in der wissenschaftlichen Forschung hat demgegenüber eine jüngere Tradition. Mein Beitrag rahmt den Aufsatz von McGINN und BOSACKI in dieser FQS-Ausgabe. Ich skizziere das historische Umfeld gegenwärtiger Entwicklungen im Bereich Forschungsethik und stelle eine Typisierung von Forscher- und Forscherinnen-Individuen unter dem Gesichtspunkt ihrer wissenschaftsethischen Strategien vor. Der Beitrag endet mit einem Aufruf, ethischen Fragen (in) der qualitativen Forschung größere Aufmerksamkeit zu schenken und sie in einer Debatte zu fokussieren, um damit zur Weiterentwicklung unserer wissenschaftlichen Gemeinschaft beizutragen.

Keywords: Forschungsethik, Geschichte, Forschungsgemeinschaft, Dialektik von Individuum und Kollektiv

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsethik: Eine kurzer historischer Exkurs

3. Klassifikation praktizierender Forscher und Forscherinnen

4. Beitrag zur Evolution einer Wissensgemeinschaft ethischer Forscher und Forscherinnen

5. Coda

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

In einem kürzlich veröffentlichten Buch, in dem eine ethnographische Studie und ihre Folgen dargestellt werden, berichtet der Autor, ein homosexuelles Verhältnis mit einem seiner Forschungsteilnehmer gehabt zu haben (WOLCOTT, 2002). Ich bin nun zwar keineswegs prüde, bezog mich in einer Besprechung dieses Buchs jedoch auf eine soziologische Analyse der Produktion und Reproduktion von Wissen/Macht und äußerte Zweifel am ethisch akzeptablen Handeln des Autors (ROTH, 2003). Ich weiß aus meiner Erfahrung als Mitglied und Mitvorsitzender eines Komitees für Forschungsethik, dass ein ethnographisches Projekt, in dem die Forschenden vorhersehen oder planen, mit den Untersuchungsteilnehmer(inne)n emotionell oder sexuell "verwickelt" zu werden, nicht genehmigt werden würde. Andererseits kann in der ethnologischen Literatur – spätestens seit der Veröffentlichung der Feldtagebücher Bronislaw MALINOWSKIs (1986) – nicht mehr darüber hinweg gesehen werden, dass solche "Verwicklungen im Feld" stattfinden und – im wissenschaftlichen bzw. offiziellen Text überwiegend uneingestanden – mit der Erkenntnisproduktion verwoben sind. Dies ist ein Problem, das sich einerseits epistemologisch und methodologisch beleuchten lässt (prototypisch etwa bei DEVEREUX, 1988), das zum anderen ethisch zu reflektieren ist. Hier geht es um die zweitgenannte Fokussierung. [1]

Die Bestrebungen, Richtlinien für Forschungsethik zu erarbeiten, sind relativ neu. Während der späten 1990er Jahre nahm ich als Mitvorsitzender des Ausschusses für Ethik in der Humanforschung der Universität Victoria teil (a) an der Entwicklung und Formulierung von Entwürfen ethischer Prinzipien, die von den drei kanadischen Forschungsgemeinschaften – Social Sciences and Humanities Research Council, Natural Sciences and Engineering Research Council und Canadian Institutes of Health Research (sog. Tri-Council) – entwickelt wurden und (b) an der lokalen Implementierung dieser sich entwickelnden Normen. Nicht zuletzt die Tatsache der fortlaufenden Neu- bzw. Umschreibung der ethischen Prinzipien führte zu sehr viel Frustration auf der Seite von Studierenden (im Rahmen ihrer Diplom- und Promotionsarbeiten) und professionellen Forscher(inne)n bei deren Bemühen, mit diesen Prinzipien in ihrer Arbeit zurecht zu kommen. [2]

Zur selben Zeit führte ich eigene Forschungsprojekte durch und gab Kurse über Forschungsdesign für Diplom- und Promotionsstudierende. Damals begann ich, die Behandlung ethischer Probleme und Prinzipien in meine Lehre einzuführen. Diese waren zuvor weder Teil meines Kurses gewesen, noch war die Behandlung ethischer Fragen in den damals gängigen Methodenlehrbüchern üblich. Dass sich dies während der letzten sechs Jahre in Kanada stark verändert hat, ist nicht zuletzt der Entwicklung der ethischen Prinzipien des Tri-Council und den Bestrebungen vor Ort zu verdanken, diese zu implementieren: Forschungsethik ist ein zentraler Aspekt im Handeln kanadischer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen geworden. Die Kurse in Forschungsmethodik haben sich diesen Entwicklungen angepasst, was beispielhaft in dem Beitrag von Michelle K. McGINN und Sandra L. BOSACKI in dieser FQS-Ausgabe belegt wird. Der Beitrag ist unter mindestens drei Gesichtspunkten wichtig: Erstens gibt es genügend Gründe, eine Selbstregulation der Wissenschaftsgemeinschaft anzustreben; zweitens gibt es ein wachsendes Bedürfnis, zukünftige Forscher und Forscherinnen in ethischen Dimensionen der Forschung auszubilden; und schließlich haben wir, die Herausgeber der FQS-Herausgeber, schon seit einiger Zeit die Notwendigkeit erkannt und besprochen, eine Diskussion über Forschungsethik anzustoßen. Obwohl wir bis jetzt noch nicht dazu gekommen sind, eine entsprechende FQS-Debatte zu eröffnen, stellen der Beitrag von McGINN und BOSACKI sowie diese Einleitung so etwas wie einen Anfang dar. Ich hoffe, dass andere Forscher und Forscherinnen diese Veröffentlichungen zum Anlass nehmen, über forschungsethische Fragen nachzudenken und zu einer Debatte beizutragen. [3]

2. Forschungsethik: Eine kurzer historischer Exkurs

Vor nicht allzu langer Zeit wurden Studien durchgeführt, die heute undenkbar sind. In der berühmt-berüchtigten Studie, die Stanley MILGRAM (1963) durchführte, um das Phänomen des Gehorsams besser zu verstehen, wurden Forschungsteilnehmende dazu gebracht, andere Forschungsteilnehmer(innen) mit starken Elektroschocks zu "bestrafen", wenn diese bestimmte Befehle nicht ausführten. Zum Glück für die letzteren war dieser Teil des Experiments nur vorgetäuscht. MILGRAM beobachtete, wie erwachsene, reife, anfangs ausgeglichene und lächelnde Personen innerhalb von Minuten zu zuckenden, stotternden Nervenbündeln am Rande des Zusammenbruchs wurden. Während ich an diesem Text arbeitete, berichteten die kanadischen Medien über die Entschädigung ehemaliger Soldaten, die zwischen 1940 und 1970 als Forschungsobjekte "dienten" und dabei ohne ihr Wissen mit Senfgas und anderen chemischen Waffen besprüht wurden (CBC, 20. Februar 2004). Andere Uninformierte (und Uniformierte) wurden hohen Dosen von Radioaktivität und anderen Gefährdungen ihres körperlichen und emotionalen Wohlbefindens ausgesetzt. Heute, in einem sich entwickelnden Feld von Forschungsethik, sind solche Studien undenkbar geworden. [4]

Die Ethik hat eine lange Geschichte – PLATO (SOKRATES), ARISTOTELES, und SPINOZA haben sich ausführlich mit diesem Aspekt menschlichen Handelns auseinandergesetzt. Später hat Immanuel KANT über die Ethik im Zusammenhang von Moralphilosophie und dem Konzept der Pflicht reflektiert. Er meinte,

"daß alle Pflichten bloß darum, weil sie Pflichten sind, mit zur Ethik gehören; aber ihre Gesetzgebung ist darum nicht allemal in der Ethik enthalten, sondern von vielen derselben außerhalb derselben. . . Es ist keine Tugendpflicht, sein Versprechen zu halten, sondern eine Rechtspflicht, zu deren Leistung man gezwungen werden kann. Aber es ist doch eine tugendhafte Handlung (Beweis der Tugend), es auch da zu tun, wo kein Zwang besorgt werden kann." (KANT, 1956b, S.325) [5]

Der Zusammenhang von Ethik, Recht und Zwang ist in der Diskussion von Forschungsethik äußerst relevant. Wissenschaftler(innen) bedienen sich mitunter ethisch fraglicher Handlungen, um ihre Neugierde zu befriedigen. Politiker(innen) können sich dann genötigt fühlen, das ethische Verhalten von Wissenschaftler(inne)n gesetzlich zu reglementieren. In manchen Ländern ist das auch schon geschehen (BERNARD 1999). Solche Lösungen erscheinen mir jedoch schwerfällig, besonders hinsichtlich des Vollzugs und der kontinuierlichen Anpassung der Gesetze an die sich dauernd verändernden wissenschaftlichen Praktiken. Das ist auch ein Grund dafür, dass die drei kanadischen Forschungsgemeinschaften sich für gemeinsame (Tri-Council) Richtlinien entschieden haben, die eine Selbstregulation der Wissenschaftsgemeinschaft beinhalten. [6]

Die Selbstregulation der wissenschaftlichen Gemeinschaft verlangt, dass sich ihre Mitglieder sensibler Punkte bewusst sind. Ethische Selbstregulation könnte durch die Befolgung des kategorischen Imperativs realisiert werden: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde" (KANT, 1956a, S.51). Als dessen Transformation in ein Basispostulat für humanwissenschaftliche Untersuchungen wird häufig eine Formulierung PAPPWORTHs (1968, S. 191) angeführt: "Kein Experiment sollte erwogen, vorgeschlagen oder unternommen werden, dem der Experimentator nicht auch seine Angehörigen, nächsten Freunde und sich selbst unterziehen würde". Die Geschichte (etwa die Durchführung verbrecherischer Menschenversuche von Nazi-Mediziner[inne]n im sog. "Dritten Reich" in Deutschland) zeigt aber, dass Forschende – allein oder kollektiv – gegen die Prinzipien dieses Imperativs verstoßen haben. Selbstregulation bedarf daher auch der Institutionen, die von Mitgliedern der Wissenschaftsgemeinschaft getragen sind, die über ein größeres Wissen und über mehr Erfahrungen mit den einschlägigen Problemen verfügen. Solche Institutionen, wie zum Beispiel der kanadische nationale Rat für Ethik in der Humanforschung (Canadian National Council on Ethics in Human Research [NCEHR]), entwickeln Prinzipien dieser Art und arbeiten mit praktizierenden Forschern und Forscherinnen vor Ort, um die kontinuierliche Erneuerung des Verständnisses und der Anwendung ethischer Prinzipien zu gewährleisten. Auf lokaler Ebene hat jede kanadische Universität und jedes College entweder einen eigenen Ausschuss für Forschungsethik (Research Ethics Board [REB]), oder es gibt dort jeweils eine Verfahrensweise, um Forschungsprojekte vom Ethik-Ausschuss einer anderen Universität beurteilen zu lassen, sofern dabei Menschen als Untersuchungsteilnehmer(innen) beteiligt sind. Jede Studie wird so von einem Ausschuss für Forschungsethik beurteilt. Nur in Ausnahmefällen wird sie "durchgewinkt" – etwa dann, wenn in dem Projekt lediglich Daten benutzt werden, die ohnehin öffentlich zugänglich sind. Diese Ausschüsse beteiligen auch, zumindest in Kanada, eine Person mit rechtlicher Expertise – entweder eine Professorin/einen Professor der Rechtswissenschaft oder eine kompetente Person von außerhalb der Universität – und eine Repräsentantin/einen Repräsentanten der allgemeinen Öffentlichkeit. Manche Forschende halten solche Ausschüsse für Kontrollinstitutionen, da diese wenig dazu geneigt sind, Forschungsprojekte zu genehmigen, die etwa die oben erwähnten intimen Verbindungen von Forschenden und ihren Projektteilnehmern und -teilnehmerinnen beinhalten. Andere Forschende begrüßen die Schaffung von Richtlinien, da sie diese zur Steuerung ihrer Interaktionen mit den Teilnehmenden benützen können. Allgemein kann man von unterschiedliche Typen praktizierender Forscher und Forscherinnen ausgehen, mit denen die Ausschüsse für Forschungsethik sich auseinandersetzen müssen. [7]

3. Klassifikation praktizierender Forscher und Forscherinnen

Die Studie von McGINN und BOSACKI ist wichtig, da sie über die Reaktionen zukünftiger Forscher und Forscherinnen auf eine Reihe von ethischen Fragen berichten, die in ihrem Kurs thematisiert werden. Die dort behandelten Problematiken sind nicht nur in der Erziehungswissenschaft relevant (der Disziplin der Autorinnen), sondern auch in anderen Disziplinen, in denen Forschende Untersuchungen mit Menschen durchführen. Die Studie ist wichtig, weil sie sich mit der Lehre zu ethischen Problemen befasst, und zwar bevor die Studierenden ihre eigene Forschungskarriere begonnen haben. Dieses Vorgehen hilft möglicherweise, einige der Probleme zu vermeiden, die sich ergeben, wenn Forschende Handlungsweisen entwickeln, ohne zuvor die Möglichkeit gehabt zu haben, forschungsethische Fragen bewusst zu reflektieren und diese in ihre Untersuchungsplanung einzubeziehen. [8]

Die Ausschüsse für Forschungsethik müssen sich mit unterschiedlichen Forscher(innen)-Typen befassen. Unter der hier thematischen Perspektive des ethischen Handelns in der Wissenschaft ziehe ich zur Illustration dieser Diversität eine hypothetische Typisierung heran, die von BERNHARD (1999) während eines Symposiums der zentralen kanadischen Institution für Ethik in der Humanforschung vorgetragen wurde, der bei Wissenschaftler(inne)n die Kategorien bzw. Strategie-Varianten "Betrug", "Widerstreben"/"Minimalismus", "Rache", "Unbewusstheit", "Naivität", "Unwissen", "Uninformiertheit", "Blockieren", "Fanatismus", "Aktivismus für Persönlichkeitsrechte", "unbehagliche Alliierte" und "politischer Aktivistismus" unterscheidet. "Betrüger" sind nach seiner Beschreibung Forschende, die sich wissentlich gegen die von der Wissenschaftsgemeinschaft etablierten ethischen Normen vergehen. "Widerstrebende"/"Minimalist(inn)en" sind solche, die sich zwar nach den gültigen Prinzipien im rechtlichen Sinne verhalten, aber wenig an den sich herausbildenden ethischen Fragen und Details interessiert sind. "Rächer(innen)" benutzen den Ausschuss für Forschungsethik, um das Projekt eines Kollegen/einer Kollegin an die Kette zu legen oder zu untergraben. [9]

Während die drei ersten Typen unmittelbar etwas mit ethischem Handeln zu tun haben, betreffen die folgenden vier Typen die Kompetenzen eines Forschers/einer Forscherin hinsichtlich Ethik und Forschung. "Unbewusste" Forscher(innen) zeichnen sich dadurch aus, dass sie etablierte ethische Richtlinien nicht berücksichtigen oder vernachlässigen. "Naive" Forscher(innen) stellen eine Variante der vorhergehenden Kategorie dar: Sie besitzen zwar einige Erfahrung mit Forschungsethik, reflektieren aber die betreffenden Prinzipien hinsichtlich der eigenen Projektes nur ungenügend. Die "unwissenden" und "uninformierten" Forscher(innen) stellen weitere Varianten dieser Typologie dar – ihre Probleme kann man über eine Sensibilisierung angehen, sofern die Person willens und imstande ist, einschlägig zu lernen. [10]

"Fanatiker(innen)" versuchen, ethische Prinzipien mit religiösem Eifer zu verfolgen, während "Aktivist(inn)en für Persönlichkeitsrechte" Forschung als "Privileg" ansehen, d.h. "nicht sehen können, dass Forschung als legitime Tätigkeit zu verstehen ist, deren Erfordernisse man gegen das Persönlichkeitsrecht abwägen muss" (BERNARD, 1999, S.13, meine Übersetzung). Die "unbehaglichen Alliierten" sind Mitglieder von Ausschüssen für Forschungsethik, die alle Prinzipien als unzulänglich und naiv ansehen und versuchen, die aktuellen Prinzipien durch weitere Reflexion und Elaboration genauer und enger zu fassen. Sie sind "unbehagliche Alliierte", da ihr Ziel zunehmender Ausarbeitung konkurriert mit den praktischen Erfordernissen, die mit der Weiterentwicklung und Anwendung jeder Art von Prinzipien einhergehen. Und schließlich die "politischen Aktivist(inn)en": Sie nähern sich ethischen Fragen im Licht der jeweiligen potenziellen Folgen für die politischen Angelegenheiten, derer sie sich angenommen haben. [11]

Dies als kurze illustrierende Skizze der Forscher(innen)-Typen, die man im Feld vorfinden mag – sowohl derjenigen, die Genehmigung für Projekte beantragen, als auch derjenigen, die diese Anträge als Mitglieder von Ethik-Ausschüssen beurteilen. Hier wird auch die Komplexität der Rollen und Verhältnisse in diesem Kontext erkennbar. Für bestimmte Forscher(innen) sind mitunter gleichzeitig mehrere Kategorien/Typisierungen kennzeichnend, oder sie befinden sich u.U. zur gleichen Zeit sowohl in der Position der Beurteilenden wie in der der Beurteilten. Tätigkeiten wie diejenigen, die von McGINN und BOSACKI beschrieben werden, bringen uns ein Stück in Richtung einer Sensibilisierung und Erziehung zukünftiger Forscher(innen) und Mitglieder von Ausschüssen für Forschungsethik voran. Dies trägt dazu bei, den Grad der Reflexivität von Forschenden zu erhöhen und so zur Evolution wissenschaftlicher Forschungskulturen beizutragen, die sich auf einem Niveau bewegen, das der allgemein gewachsenen gesellschaftlichen Sensibilität für ethische Fragen entspricht. [12]

4. Beitrag zur Evolution einer Wissensgemeinschaft ethischer Forscher und Forscherinnen

Individuen und die Kollektive, in denen sie konstitutive Mitglieder sind, stehen in einem dialektischen Verhältnis (HOLZKAMP, 1991). Kultur, ein Phänomen des Kollektivs, existiert in den Praktiken (den musterhaften und wiederkehrenden Handlungen) ihrer Mitglieder; das heißt, Kultur wird in praktischen Handlungen konkret realisiert. Auf der anderen Seite erschöpft die Menge aller praktischen Handlungen nicht den Bereich der in der Kultur möglichen Handlungen. Dazu kommt, dass Kultur nicht eine statische Menge möglicher Handlungen darstellt, sondern dass jede praktische Handlung neue Ressourcen produziert, die in nachfolgenden Handlungen benutzt werden können, und so die Kultur weiterentwickelt. Weil der Kontext sich verändert hat, wird eine Handlung nie identisch reproduziert. Kultur verändert sich deshalb mit jeder praktischen Handlung, durch die sie konkret realisiert wird. [13]

Da jede Handlung unabdingbar ethischer Natur ist (BAKHTIN, 1993), hat dieser dialektische Ansatz Folgen für die ethische Dimension wissenschaftlicher Arbeit. In jeder Handlung, die zur Realisierung eines Forschungsprojekts beiträgt, wird die Ethik der Kultur von den Forschenden nicht nur reproduziert, sondern es werden auch neue Formen der Ethik produziert. Unsere Forschungsethik entwickelt sich daher kontinuierlich. Wir können darüber hinaus zur Evolution von Praktiken beitragen, indem wir sie aktiv reflektieren (z.B., SCHÖN, 1987), wobei wir automatisch auch die ethischen Fragen beeinflussen. Bis heute haben wir in FQS nicht allzu viel zur öffentlichen Reflexion über ethische Fragen beigetragen, die mit unserem Forschungsalltag verbunden sind. Daher begrüße ich den Beitrag von McGINN und BOSACKI und rufe alle Leser und Leserinnen auf, diese Diskussion aufzugreifen und voranzubringen. Weil wir alle unsere Wissenschaftsgemeinschaft konstitutiv bedingen, wird unsere kollektive Reflexion die ethischen Problematiken nicht nur stärker in den Vordergrund bringen, sondern wird diese auch in Richtung auf Angemessenheit weiter entwickeln. [14]

5. Coda

Nach unserer Ansicht ist die Zeit gekommen, die ethischen Fragen, die sich aus unserer Arbeit mit Forschungsteilnehmer(inne)n ergeben, genauer zu reflektieren. Wegen der globalen Natur unserer Wissenschaftsgemeinschaft muss es von Interesse sein, wie unterschiedliche ethische Problematiken an unterschiedlichen Orten angegangen und gelöst werden, wie diese sich in den Ländern entwickeln, die in unserer Leser(innen)schaft und durch unsere beitragenden Autoren und Autorinnen repräsentiert werden. Ich habe die große Hoffnung, dass der Beitrag von McGINN und BOSACKI zusammen mit meinen Reflexionen in diesem Artikel den Anfang einer solchen Debatte darstellen werden. [15]

Anmerkungen

Ich bin Franz BREUER verpflichtet, der nicht nur meinen ersten Übersetzungsentwurf überarbeitet, sondern auch in mehreren Punkten auf substantielle Weise zur Verbesserung dieses Texts beigetragen hat.

Literatur

Bakhtin, Mikhail M. (1993). Toward a philosophy of the act. Austin: University of Texas Press.

Bernard, Paul (1999). The nature of the ethical endeavor in science. NCEHR Communiqué, 9 (1), 11-14.

Devereux, Georges (1988). Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Holzkamp, Klaus (1991). Societal and individual life processes. In Charles W. Tolman & Wolfgang Maiers (Hrsg.), Critical psychology: Contributions to an historical science of the subject (S.50-64). Cambridge: Cambridge University Press.

Kant, Immanuel (1956a). Werke VII: Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie 1. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Kant, Immanuel (1956b). Werke VIII: Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie 2. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Malinowski, Bronislaw (1986). Ein Tagebuch im strikten Sinne des Wortes. Neuguinea 1914-1918. Schriften Bd. 4/1. Frankfurt a.M.: Syndikat.

Milgram, Stanley (1963). Behavioral study of obediance. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67, 371-378.

Pappworth, Maurice Henry (1968). Menschen als Versuchskaninchen. Experiment und Gewissen. Zürich u.a.: Albert Müller.

Roth, Wolff-Michael (2003, November). Autobiography as Scientific Text: A Dialectical Approach to the Role of Experience. Review Essay: Harry F. Wolcott (2002). Sneaky Kid and Its Aftermath [42 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 5(1), Art. 9. Verfügbar unter: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-04/1-04review-roth-e.htm [16. Februar 2004].

Schön, Donald A. (1987). Educating the reflective practitioner. San Francisco: Jossey-Bass.

Wolcott, Harry F. (2002). The sneaky kid and its aftermath: Ethics and intimacy in fieldwork. Walnut Creek, CA: Altamira.

Zum Autor

Wolff-Michael ROTH

Kontakt:

Wolff-Michael Roth

Lansdowne Professor
MacLaurin Building A548
University of Victoria
BC, V8W 3N4, Kanada

Tel.: 1-250-721-7785

E-Mail: mroth@uvic.ca

Zitation

Roth, Wolff-Michael (2004). Qualitative Forschung und Ethik [15 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(2), Art. 7, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs040275.

Revised 6/2008



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