Volume 5, No. 1, Art. 4 – Januar 2004

Kommentar zu Thorsten Berndts Rezensionsaufsatz: "Auf den Leib gekommen". Fortschritte in der phänomenologisch-soziologisch fundierten Identitätstheorie, erschienen in FQS 4(3)

Robert Gugutzer

Zusammenfassung: Der Kommentar würdigt die profunde Rezension von Thorsten BERNDTs Rezensionssaufsatz "Auf den Leib gekommen". Zugleich "verteidigt" der Autor sein Leib-Körper-fundiertes Identitätsmodell in fünf Hinsichten: 1) Die sozialwissenschaftliche Identitätsforschung vernachlässigt leib-körperliche Aspekte der Identitätsbildung, 2) MEADs Identitätskonzept weist eine sozial-kognitive Einseitigkeit auf, 3) interaktionistische Identitätstheorien bedürfen einer leibphänomenologischen Ergänzung, da auch Interaktionen nie leib-los vonstatten gehen, 4) GOFFMAN thematisiert zwar explizit den Körper, entwickelt aber keine Identitätstheorie, 5) (Geschlechts-) Identität entwickelt sich selbstverständlich als Differenzerfahrung.

Keywords: Identität, Identitätsentwicklung, Interaktion, Leib, Körper, Körpersoziologie, Mead, Erikson, Bourdieu, Goffman

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Literatur

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Lieber Herr Berndt,

soeben bin ich auf Ihre Rezension zu meinem Buch aufmerksam gemacht worden und habe sie nun auch gleich gelesen. Herzlichen Dank für die Rezension als solche aber auch für die Art Ihrer Stellungnahme! Zunächst bin ich einfach nur beeindruckt von Ihrer sehr prägnanten Zusammenfassung meines Buchs! Sie geben hier einen wirklich profunden Überblick über meine Arbeit. Ihrer Kritik kann ich mich fast hundertprozentig anschließen. Nur wenige Ihrer Kritikpunkte würde ich gern noch einmal aus meiner Sicht kommentieren. [1]

1) Sie schreiben in Absatz 5, dass anstelle von BOURDIEU auch andere Anknüpfungspunkte möglich gewesen wären, was darauf hinweise, "dass die körperlich/leibliche Dimension in diesem Bereich doch nicht gänzlich vernachlässigt zu sein scheint". Wenn Sie mit "in diesem Bereich" die Soziologie meinen, dann stimme ich Ihnen zu. Wenn Sie damit jedoch die sozialwissenschaftliche Identitätsforschung meinen, so wie ich, dann stimme ich Ihnen nicht zu. Zu dieser These stehe ich nach wie vor: In der sozialwissenschaftlichen Identitätsforschung führen der Körper und insbesondere der Leib noch immer ein Schattendasein. [2]

2) In der ersten Zeile von Absatz 15 schreiben Sie, dass ich "Kritik an dem völlig vernachlässigten Körperbezug von Identitätstheorien" übe. Das finde ich dann doch arg zugespitzt, denn ich glaube nicht, von einer völligen Vernachlässigung des Körperbezugs (ja, noch nicht mal des Leibbezugs, siehe z.B. meine Auseinandersetzung mit ERIKSON) gesprochen zu haben. Was ich kritisiere, ist der Mangel sozialwissenschaftlicher Identitätstheorien an einer systematischen Berücksichtigung von Körper und Leib. Dass ich GOFFMANs Arbeiten als "Körper/Leib-fremd" bezeichnet haben soll, ist mit Sicherheit nicht der Fall. [3]

Meine Kritik an GOFFMAN, die eigentlich gar keine Kritik, sondern lediglich eine Anmerkung ist, ist, dass er keine Identitätstheorie entwickelt hat (m.E. auch nicht in "Stigma") und deshalb für meine Kritik an der sozialwissenschaftlichen Identitätsforschung gar nicht herhalten muss. [4]

3) Ihre Schelte gegen meine MEAD-Rezeption fällt vielleicht ein wenig hart aus, da ich dachte, die Bedeutung MEADs für die sozialwissenschaftliche Identitätsforschung uneingeschränkt anerkannt und ihn lediglich für seine sozial-kognitive Verengung kritisiert zu haben. Im Gegensatz zu MEAD/Ihnen bin ich allerdings der Ansicht, dass leibliche Erfahrungen und Wahrnehmungen nicht von Identität zu trennen sind (Absatz 15), wobei ich auch hier glaube, die Einschränkung gemacht zu haben, dass – wie auch Sie schreiben – selbstverständlich nicht alle Erfahrungen gleich identitätsrelevant sind. [5]

4) Sie meinen, eine Identitätstheorie, die nicht phänomenologisch-soziologisch begründet sei, müsse ihr Augenmerk gar nicht auf den Leib richten. Das denke ich allerdings schon. So, wie Sie an meiner Arbeit – zu Recht – kritisieren, dass der interaktionale Aspekt der Identitätskonstruktion deutlich zu kurz kommt (Absatz 17), würde ich umgekehrt dagegenhalten, auch interaktionistische Identitätstheorien haben sich um die Identitätsrelevanz leiblicher Empfindungen und körperlicher Praktiken zu kümmern. Andernfalls bleiben auch sie unvollständig. [6]

5) Lesen Sie aus meiner Arbeit heraus, dass ich hinsichtlich des Identitätsprozesses von einer "individuelle[n] Selbstgenügsamkeit mit dem Körper" (Absatz 17) ausgehe? Trotz meiner unzureichenden Betonung des interaktiven Moments in der Identitätsbildung glaube ich nicht, eine solche solipsistische Identitätsauffassung vertreten zu haben. Gerade am Beispiel der Geschlechtsidentität, die ich, worauf Sie auch hinweisen (Absatz 10), als Differenzerfahrung verstehe, d.h. als ausschließlich in Interaktion mit Anderen konstituiert, verdeutliche ich die Notwendigkeit interaktiver Erfahrungen für die Entwicklung und Aufrechterhaltung personaler Identität. [7]

Trotz dieser "Verteidigung" denke ich, dass Sie die wesentlichen Kritikpunkte meiner Arbeit richtig erkannt und zu Recht benannt haben. Ich teile Ihre Ansicht, dass die Gruppenauswahl "unflexibel" ist, der Zusammenhang zwischen dem theoretischen und dem empirischen Teil "wenig kohärent" ist, das interaktive Moment bei der bzw. für die Identitätsentwicklung "zu kurz kommt", oder dass der Zusammenhang zwischen Metaphern- und Kategorienanalyse nur "schwer nachzuvollziehen" ist. Dem kann ich wirklich wenig entgegenhalten und will es auch gar nicht auf die keineswegs "idealen Forschungsbedingungen" schieben, die sich im Rahmen eines zeitlich eng begrenzten Ein-Mann-Projekts ergeben. [8]

Ich nehme Ihre Gesamteinschätzung meiner Arbeit als recht positiv wahr. Das freut mich, herzlichen Dank! [9]

Literatur

Berndt, Thorsten (2003). "Auf den Leib gekommen". Fortschritte in der phänomenologisch-soziologisch fundierten Identitätstheorie. Rezensionsaufsatz zu: Robert Gugutzer (2002). Leib, Körper und Identität. Eine phänomenologisch-soziologische Untersuchung zur personalen Identität [21 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 4(3), Art. 10. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-03/3-03review-berndt-d.htm.

Zum Autor

Robert GUGUTZER, Soziologe an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der TU München, Systemischer Einzel-, Paar- und Familientherapeut

Kontakt:

Dr. Robert Gugutzer

Technische Universität München
Fachgebiet Soziologie, Sportwissenschaftliche Fakultät
Connollystr. 32
D-80809 München

Tel: 089/289-24785

E-Mail: robert.gugutzer@sp.tum.de

Zitation

Gugutzer, Robert (2003). Kommentar zu Thorsten Berndts Rezensionsaufsatz "Auf den Leib gekommen". Fortschritte in der phänomenologisch-soziologisch fundierten Identitätstheorie, erschienen in FQS 4(3) [9 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(1), Art. 4, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs040147.



Copyright (c) 2004 Robert Gugutzer

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