Volume 5, No. 1, Art. 11 – Januar 2004

Rezension:

Katja Koch

Tarek Badawia (2002). "Der dritte Stuhl" – Eine Grounded-Theory-Studie zum kreativen Umgang bildungserfolgreicher Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz. Frankfurt/M.: IKO-Verlag, 372Seiten, ISBN 3-88939-634-8, EUR 19,80

Zusammenfassung: Tarek BADAWIA beschreibt in seiner Dissertation, wie sich unter bildungserfolgreichen Immigrantenjugendlichen in Deutschland eine neue bikulturelle Identität durch den Umgang mit zwei Kulturen ergibt. Auf der Grundlage fokussierter und problemzentrierter Interviews generiert er die Theorie des "Dritten Stuhls", den sich die befragten Jugendlichen aus ihren beiden Identitäten "zimmern". Dieses Bild verdeutlicht, dass eine Synthese beider Kulturen durch die aktive Eigenleistung der Individuen möglich ist und es keineswegs zu kultureller Zerrissenheit oder einem "Zwischen-den-Stühlen-Sitzen" kommen muss. Mit dieser Sichtweise folgt BADAWIA dem Perspektivwechsel, der seit den 90ger Jahren die interkulturell akzentuierte pädagogische Forschung prägt. Neu ist in BADAWIAs Studie allerdings, dass er die betroffenen Jugendlichen selbst zu Wort kommen lässt und in seiner Analyse insbesondere deren kreative Eigenleistung in den Vordergrund stellt. Trotz einer an einigen Stellen (vor allem für den ungeübten Leser) schwer zu kodierenden "Wissenschaftssprache" ist die Studie von BADAWIA lesenswert, da sie authentische Einblicke in die Lebenswelt jugendlicher Migranten eröffnet.

Keywords: Migration, Identität, kulturelle Differenz, Interkulturelle Pädagogik, Grounded Theory, Fokussiertes Interview

Inhaltsverzeichnis

1. Perspektivwechsel in der Migrantenforschung

2. Methodisches Vorgehen

3. Identität als Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft

4. Kernfragen einer bikulturellen Identität aus Sicht der Befragte

5. "Der dritte Stuhl" als Alternative?

Anmerkung

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Perspektivwechsel in der Migrantenforschung

Tarek BADAWIA richtet in seiner Dissertation – "Der dritte Stuhl". Eine Grounded-Theory-Studie zum kreativen Umgang bildungserfolgreicher Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz – den Blick auf eine in der empirischen Forschung bisher vernachlässigten Gruppe: die bildungserfolgreichen Migrantenkinder und -jugendlichen, die das deutsche Schulsystem ohne größere Probleme durchlaufen haben und an der Universität studieren. Damit stehen sie im Kontrast zur großen Mehrheit der Migrantenkinder, denn um die schulische und berufliche Bildung junger Migranten in Deutschland ist es eher schlecht bestellt. Sie besuchen häufiger die Hauptschule und seltener das Gymnasium als deutsche Kinder und Jugendliche und sind im Vergleich zu ihren deutschen Altersgenossen insbesondere in der Sonderschule überrepräsentiert. Zwar profitiert auch diese Gruppe von der im Kontext der Bildungsexpansion gestiegenen faktischen Bildungsbeteiligung, der Abstand zu den gleichaltrigen deutschen Jugendlichen ist jedoch insbesondere im Bereich der prestigeträchtigen Abschlüsse noch beträchtlich. Während 28 Prozent der deutschen Jugendlichen die Schule mit der Hochschulreife verlassen, erreichen nur 11 Prozent der Migrantenkinder diesen Abschluss (siehe hierzu http://www.destatis.de/basis/d/biwiku/schultab16.htm). [1]

Eine Reihe von schulpädagogisch akzentuierten Forschungen beschäftigen sich deswegen auch mit der Frage nach den Ursachen für diese Bildungsbenachteiligung. Ingrid GOGOLIN (1994) macht z.B. auf den "monokulturellen Habitus" der deutschen Schule aufmerksam, der einer Integration von Migrantenkindern in das deutsche Bildungssystem im Weg stehe. Michael BOMMES und Olaf RADTKE (1993) führen dies entsprechend auf eine "institutionalisierte Diskriminierung" durch das deutsche Schulsystem zurück. Seit der Veröffentlichung der PISA-Studie wird in diesem Kontext insbesondere der Erwerb und die Beherrschung der deutschen Sprache als die entscheidende Hürde für den erfolgreichen Verlauf der Bildungskarriere von Migrantenkindern gewertet (DEUTSCHES PISA-KONSORTIUM 2001, S.374). [2]

In der interkulturell akzentuierten Kindheits- und Jugendforschung wird die auf BECK zurückgehende These vertreten, dass Migrantenkinder erfolgreich sind, wenn sie nicht zwischen "deutscher Nachmoderne und ethnischer Tradition entscheiden müssen, sondern im Sinne einer Bastelbiografie beide Elemente miteinander verbinden können" (PREUSS-LAUSITZ 2000, S.26). Eher selten wurde demgegenüber – wie z.B. von Bernhard NAUCK, Heike DIEFENBACH und Kornelia PETRI (1998) – nach dem Bildungsverhalten der Migrantenfamilien gefragt oder gar die Perspektive der betreffenden Migrantenkinder und -jugendlichen selbst eruiert. Ein Perspektivwechsel von der Institution hin zu den Akteuren und von den im Bildungswesen weniger Erfolgreichen zu den Erfolgreichen, wie BADAWIA sie vornimmt, war längst überfällig. Konkret fragt BADAWIA allerdings nicht danach, welche Faktoren dazu führen, dass Migrantenjugendliche "bildungserfolgreich" werden, sondern danach wie diese Bildungserfolgreichen ihre Identität unter bikulturellen Lebensbedingungen konstituieren. [3]

2. Methodisches Vorgehen

BADAWIA stützt seine Studie auf eine Stichprobe von 26 bikulturell orientierten Jugendlichen aus dem Rhein-Main-Gebiet, die entweder studieren oder noch das Gymnasium besuchen. Zwölf Männer und vierzehn Frauen im Alter von 19 bis 24 Jahren, deren Eltern aus unterschiedlichen Herkunftsländern kommen. Ihnen allen ist jedoch gemeinsam, dass sie aktiv am Leben in Deutschland teilnehmen, das deutsche Schulsystem durchlaufen haben, sich als Mitglieder der deutschen Gesellschaft verstehen und dabei den nicht-deutschen Anteil ihrer Identität betonen. "Sie wollen zur Mehrheitsgesellschaft gehören und zugleich anders sein" (BADAWIA, S. 44). Die Jugendlichen verstehen sich als Immigranten, die selbst oder deren Eltern eingewandert sind und deren Lebensperspektive primär auf das Einwanderungsland fokussiert ist.1) [4]

BADAWIA führt mit ihnen zunächst ein problemzentriertes Interview, in dem er das bikulturelle Selbstverständnis der Jugendlichen und die individuellen Strategien des Umgangs mit kultureller Diversität thematisch relativ breit erfragt. Hier geht es z.B. um selbstwertrelevante Erfahrungen der Jugendlichen, um ihre ethno-nationalen Selbstidentifikationskriterien und ihren persönlichen Umgang mit Ambivalenzen, aber auch allgemeiner um Normen, Werte und Überzeugungen. In dem folgenden fokussierten Interview wurden demgegenüber gezielter das Selbstverständnis der Jugendlichen und ihre individuelle Selbstverortung bezüglich ihres bikulturellen Lebenskontextes erfragt. Da es sich bei dem von BADAWIA behandelten Untersuchungsthema um ein bisher noch wenig erforschten Bereich handelt, wählt er methodisch mit der Anlehnung an die Grounded Theory von Anselm STRAUSS und Barney GLASER einen seinem Forschungsinteresse angemessenen Weg. Den bei der Generierung seiner Grounded Theory beschrittenen Forschungsprozess von der Datenerhebung im Feld, über die Erhebung der Interviews bis zur Kodierung derselben und den mehrfachen Vergleich der kodierten Interviewpassagen beschreibt BADAWIA im Kapitel IV sehr ausführlich und manchmal – aufgrund der Datenfülle – ermüdend lange, bis im letzten Kapitel schließlich die am Gegenstand der Identität verankerte Theorie des "Dritten Stuhls" von BADAWIA weitgehend induktiv erarbeitet wird. [5]

3. Identität als Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft

Bevor BADAWIA die Jugendlichen selbst zu Wort kommen lässt, beschreibt er zunächst theoretisch den Gegenstandsbereich seiner Untersuchung: die Identität. Die Frage "Wer bin ich?" lässt sich allerdings nicht einfach definieren, sondern manifestiert sich zumindest auf der Alltagsebene häufig anhand konkreter Erfahrungen, Handlungen und erworbener kultureller Repertoires. Die Frage nach der Identität einer Person rekurriert also zumeist auf ein "So-Sein" in einem bestimmten Moment und verweist auf die Zugehörigkeit zu etwas. In seinen theoretischen Ausführungen bezieht BADAWIA sich auf jene klassischen Basistheorien von MEAD, GOFFMANN, ERIKSON, HABERMAS und KRAPPMANN, die sowohl allgemein einen Beitrag zur Identitätsforschung geleistet, als auch insbesondere die Identitätsforschung unter Migrationsbedingungen beeinflusst haben. BADAWIA gelingt es dabei, die wesentlichen Kernaussagen der Autoren darzustellen und für den Leser nachvollziehbar zu machen. [6]

Am Ende des Kapitels hätte ich mir jedoch eine zusammenfassende Bewertung und die Klärung der Frage gewünscht, welche Relevanz die jeweiligen Theorien für seine Arbeit haben. BADAWIA begründet in der Einleitung diese fehlende theoretische Auseinandersetzung mit den einzelnen Positionen damit, dass das Ziel der theoretischen Auseinandersetzung "lediglich eine Art Schulung der Wahrnehmung" sei (S.14), um die von ihm vertretene "pädagogisch-anthropologische" Betrachtungsweise der Integrationsthematik besser zu umreißen. Eine eigene Beurteilung und die Abgrenzung zur pädagogisch-anthropologischen Betrachtungsweise hätte meiner Ansicht nach an dieser Stelle dem Lesefluss gut getan, und auch deutlicher gemacht, worauf BADAWIA in den nächsten Kapiteln hinaus möchte. Am Ende dieses Kapitels wusste ich, dass BADAWIA die (den meisten Lesern wohl bekannten) Identitätstheorien ebenfalls gelesen hat, nicht jedoch, was genau eine "pädagogisch-anthropologische Sichtweise" ist und wodurch sie sich von den klassischen sozial-psychologischen Theorien unterscheidet. [7]

Im Anschluss an die theoretischen Ausführungen konkretisiert BADAWIA, was er unter "pädagogisch-anthropologischer Betrachtungsweise" versteht. Diese zeichnet sich in Anlehnung an die klassische pädagogische Bildungstheorie durch den Gedanken des prinzipiell vernunftbegabten Menschen aus, der seinen Zweck in sich selbst hat und seine Individualität in der Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen seiner Kultur entwickelt. BADAWIA betont hier vor allem, "dass die Identität an der Gegebenheit des Selbst ansetzt und nicht nur am sozialen Darstellungsrahmen" (BADAWIA, S.111). Damit hebt BADAWIA die dem Individuum eigene Fähigkeit zur Selbstbestimmung als das entscheidende Merkmal für identitätsbezogene Prozesse hervor und spricht gleichzeitig anderen Faktoren wie z.B. der sozialen Herkunft, dem Geschlecht oder der kulturellen Zugehörigkeit eine nur geringe Wirksamkeit zu. In Abgrenzung zu den im vorherigen Kapitel vorgestellten Identitätsansätzen, die eher der dualistischen Abgrenzungslogik eines "Entweder-Oders" folgen, favorisiert er einen stärker dialektischen Ansatz, des "Sowohl-als-auch". [8]

Auf seine Fragestellung bezogen bedeutet dies zum einen, dass die bikulturell orientierte Integration von jugendlichen Migranten kein defizitärer Prozess ist, und demzufolge auch nicht zu einem "Identitätsverlust" oder zur "kulturellen Zerrissenheit" führt; und zum anderen, dass dieser Prozess durch die aktive Eigenleistung des Individuums erfolgt. Eine Erkenntnis, die zumindest in der pädagogischen Migrationsforschung mit der Abkehr von der "Ausländerpädagogik" und der Diskussion um interkulturelle Bildung und Erziehung mittlerweile verbreitet ist. AUERNHEIMER (1994, S.30) betont hier, "dass Migranten angesichts strukturell bedingter neuer Handlungsanforderungen und für sie neuer Kulturmuster ... ihr bisheriges Orientierungsmuster revidieren und zu kulturellen Neuschöpfungen gelangen". [9]

4. Kernfragen einer bikulturellen Identität aus Sicht der Befragte

In den folgenden Auswertungen rekonstruiert BADAWIA den Prozess der Identitätstransformation, indem er zunächst einen allgemeinen Überblick über die aus Sicht der Jugendlichen zentralen Kernfragen einer bikulturellen Identität gibt. Besonders gut gefallen hat mir, dass er sich bei der Strukturierung der theoretischen Bausteine sprachlich wie inhaltlich am Datenmaterial orientiert und dies anhand von Beispielen verdeutlicht. Die so generierten Kernfragen lassen sich unterteilen in Gegebenheiten, Themen, Prozesse und Konstruktionen, die nach dem Prinzip einer hermeneutischen Spirale ständig aufeinander bezogen sind. [10]

Mit Gegebenheiten sind zunächst jene "realen" Tatsachen gemeint, die von den Jugendlichen zunächst als vorhanden registriert werden müssen, wie die Zugehörigkeit zu einer Minderheit in der Gesellschaft, das hiermit einhergehende Gefühl des Andersseins oder die vorhandene Zweisprachigkeit. Direkt hieraus ableiten lassen sich Themen, mit denen Migrantenjugendliche konfrontiert werden, z.B. die von der Umwelt an sie herangetragene Frage, ob sie in Deutschland bleiben oder lieber in das Herkunftsland ihrer Eltern zurückkehren wollen. Die in diesem Kontext beobachteten Prozesse, fordern ihre individuelle Integrationsleistung und bedingen Handlungen, die über einen längeren Zeitraum hinweg erfolgen und als Hauptziel das Wohlfühlen in beiden Kulturen anstreben. Letztlich leisten Migrantenjugendliche Konstruktionen, indem sie ihre Bikulturalität reflektierend bewerten. Die aktive Konstruktion eines neuen Selbstverständnisses führt dazu, dass sich die Migrantenjugendlichen neue Realitäten schaffen, die wiederum neue Themen bedingen. [11]

Als zentrale Themen in diesem Prozess kristallisieren sich der produktive Umgang mit Vorurteilen und Diskriminierungen und die individuell motivierte Integrationsleistung des Einzelnen heraus. Die von BADAWIA im weiteren hierzu angefertigten Feinanalysen zeigen, dass die befragten Migranten eine grundsätzlich affirmative Haltung gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft an den Tag legen, indem sie ihren Willen bekunden, hier bleiben zu wollen und bestrebt sind, sich hier eine Zukunft aufzubauen. Erschwert wird dies aus Sicht der Jugendlichen durch das in der Mehrheitsgesellschaft vorhandene negative Bild des Ausländers, das Nicht-Vorhandenseins einer gesellschaftlichen Bikulturalität sowie einer allgemein fehlenden Anerkennung von Migranten. Die befragten Jugendlichen bewältigen diese Spannung, indem sie aktiv und bewusst eine bikulturelle Identität in einem monokulturellem Umfeld entwickeln. Die hierbei entstehenden Ambivalenzen werden nicht nur ausgehalten, sondern auch als Bereicherung gesehen. [12]

BADAWIA stellt resümierend fest, dass für bildungserfolgreiche Migrantenjugendliche nicht mehr die klassische Frage "Wer bin ich?" im Sinne einer ethnisch kulturellen Identitätsentwicklung entscheidend ist, sondern die zukunftsorientierte Frage "Wie gehe ich mit der Selbsterkenntnis um, weder 'typisch deutsch' noch 'typisch-nicht-deutsch' " zu sein (S.311)? Dabei bauen sie zum einen auf einen positiven Differenzbegriff, der von der Gleichwertigkeit der Kulturen ausgeht und vertrauen auf ihre Fähigkeit zur produktiven Konfliktlösung. Zum anderen verfügen sie über eine ausgeprägte Sach- und Selbstkompetenz, mit deren Hilfe sie das jeweils "Typische" der Kulturen identifizieren können, um hieraus ihre Wahl zu treffen. Bikulturell orientierte Jugendliche, die sich einen "dritten Stuhl" gezimmert haben, fühlen sich heimisch in zwei Kulturen. Dieser Status ist allerdings gekennzeichnet durch die Handlungsparadoxie: "Ich gehöre dazu und bin trotzdem anders" (S.336). [13]

5. "Der dritte Stuhl" als Alternative?

BADAWIAs Analyse des kreativen Umgangs von bildungserfolgreichen Migranten mit Differenz ist für den Betrachter einleuchtend formuliert und lässt sich anhand der vorgenommenen Auswertungsschritte durchaus nachvollziehen. In Gesprächen mit ebenfalls bildungserfolgreichen Migranten, die ich im Rahmen meines Proseminars zur interkulturellen Bildung geführt habe, ergab sich, dass diese grundsätzlich den Beschreibungen BADAWIAs folgen konnten und ihre Lebenserfahrung in vielen Bereichen deckungsgleich mit jenen der Befragten ist. Offensichtlich ist das Konstrukt des "dritten Stuhls" für eine gewisse Klientel von Migranten durchaus zutreffend. [14]

Aus meiner Sicht weist das Buch jedoch einige Schwachstellen auf:

  • Zum einen ist es sprachlich an vielen Stellen so formuliert, dass es größerer Dekodieranstrengungen bedarf, um den Sinn zu erfassen. Sätze wie

    "Die alltäglich erlebte Präsenz beider Kultursysteme wird selbstreflexiv in eine substantielle gemischte Bikultur des eigenen Selbstentwurfs übersetzt" (S.277)

    oder

    "Im Hinblick auf den Identitätsbegriff als zentrales Konstrukt im gesamten Analysekontext ergab die theoretische Kodierung der soziologischen und sozialpsychologischen Identitätstheorien im Vorfeld der empirischen Untersuchung die zentrale Erkenntnis, dass die Identität des Individuums jener theoretische Ausdruck für die Problemstellung der Balancierungs-, Synthetisierungs- und Integrationsleistungen vielfacher Entwicklungsimpulse und der Etablierung eines Selbstverständnisses auf der Basis von Interaktion und Kommunikation im Schnittpunkt von Individualität und Sozietät ist" (S.342)

    machen das Lesen anstrengend und mühsam.

  • Zum anderen habe ich eine Auseinandersetzung mit der interkulturell akzentuierten pädagogischen Forschung insbesondere von Ingrid GOGOLIN (z.B. GOGOLIN1994, GOGOLIN & Nauck 2000) vermisst, die sich seit längerem mit der Frage nach Integration und Desintegration von Migranten in Deutschland beschäftigt.

  • Schade fand ich zudem, dass ich recht wenig über die befragten Jugendlichen erfuhr. Die jeweils abgedruckten Interviewpassagen ließen sich zumeist keiner Person direkt zuordnen, sondern illustrierten die jeweiligen durch den Kodiervorgang gewonnen Kategorien. Im Sinne der von BADAWIA gewählten interpretativen Strategie der Grounded Theory ist dies nachvollziehbar und im Hinblick auf den Leitfaden des problemzentrierten sowie des fokussierten Interviews und die ausgewählte Stichprobe konsistent. – Ich selbst hätte mich dem Thema "Identität" eher über biographisch-narrative Interviews und kontrastive Fallanalysen genähert und dabei den familialen Kontext stärker hervorgehoben, wie ich im Folgenden kurz begründen möchte. [15]

Identität erwächst, auch wenn man sie "pädagogisch-anthropologisch" betrachtet, nicht nur aus dem Individuum selbst, sondern ist eng verknüpft mit seiner familialen und gesellschaftlichen Sozialisation. Die eingangs zitierte These von PREUSS-LAUSITZ legt nahe, dass die von BADAWIA befragten Jugendlichen, deswegen bikulturell kreativ werden konnten, weil ihre Eltern sie entweder dabei unterstützt haben oder ihnen zumindest keine allzu großen Steine in den Weg legten. Da die Leitfäden der Interviews die Sozialisationsinstanz Familie nicht thematisieren, bleibt dieser Bereich ein blinder Fleck der Arbeit. Dies ist im Wesentlichen der gewählten Erhebungsmethode geschuldet. Biographisch-narrative Interviews und eine anschließende kontrastive Fallanalyse hätten hinsichtlich der Theorie des "Dritten Stuhls" sicher zu keinem fundamental anderem Ergebnis geführt, aber wichtige Erkenntnisse über das Zusammenwirken von familialen Unterstützungsleistungen und eigener Identitätsarbeit der Jugendlichen geliefert. [16]

Unabhängig hiervon halte ich die Studie von BADAWIA für empfehlenswert, da sie den Blick auf die Akteure richtet und nach deren Selbstkonzepten fragt. Spannend wäre es nun, zu untersuchen, welche Identitätskonzepte bei weniger erfolgreichen Migrantenjugendlichen wirksam werden und ob diese ähnlich produktiv sind wie die Bildungserfolgreichen. [17]

Anmerkung

1) Ich werde in den folgenden Ausführungen den Begriff Migranten verwenden, da er meiner Einschätzung nach eher zum Ausdruck bringt, dass Migration ein historisch-biographischer Prozess ist, der für das Individuum auch dann noch wirksam bleibt, wenn andere z.B. die Eltern, immigriert sind. <zurück>

Literatur

Auernheimer, Georg (1994). Struktur und Kultur. Über verschiedene Zugänge zu Orientierungsproblemen und -strategien von Migranten. Zeitschrift für Pädagogik, 40(1), 29-42.

Bommes, Michael & Radtke, Frank-Olaf (1993). Institutionalisierte Diskriminierung von Migrantenkindern. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Zeitschrift für Pädagogik, 39(3), 483-497.

Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.) (2001). PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske+Budrich.

Gogolin, Ingrid (1994). Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster/New York: Waxmann.

Gogolin, Ingrid & Nauck, Bernhard (Hrsg.) (2000). Migration, gesellschaftliche Differenzierung und Bildung. Opladen: Leske und Budrich.

Nauck, Bernhard; Diefenbach, Heike & Petri, Kornelia (1998). Intergenerationale Transmission von kulturellem Kapital unter Migrationsbedingungen: Zum Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien in Deutschland. Zeitschrift für Pädagogik, 44(5), 701-722.

Preuss-Lausitz, Ulf (2000). Zwischen Modernisierung und Tradition. Bildungsprozesse heutiger Migrantenkinder. Die deutsche Schule, 92(1), 23-40.

Zur Autorin

Katja KOCH, Dr. phil., Promotion 2001 zum Thema "Der Übergang in die Sekundarstufe aus Lehrersicht", anschließend Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Familiale Bildungsstrategien als Mehrgenerationenprojekt. Bildungs- und kulturbezogene Austauschprozesse zwischen Großeltern, Eltern und Enkeln in unterschiedlichen Familienkulturen", seit Oktober 2001 Wissenschaftliche Assistentin am Pädagogischen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen, Arbeitschwerpunkte: Empirische Schul- und Bildungsforschung, Schulentwicklung, Methoden der empirischen Sozialforschung. Katja KOCH hat in zurückliegenden Ausgaben von FQS Berufserfolg als individuelles Projekt und Transkription. Ein Leitfaden besprochen.

Kontakt:

Dr. Katja Koch

IPädagogisches Seminar der Georg-August-Universität Göttingen
Baurat-Gerber-Str.4/6
D-37075 Göttingen

Tel. 0551/39-9449

E-Mail: Katja.Koch@so-wiss.uni-goettingen.de

Zitation

Koch, Katja (2003). Rezension zu: Tarek Badawia (2002). "Der dritte Stuhl" – Eine Grounded-Theory-Studie zum kreativen Umgang bildungserfolgreicher Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz [17 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research], 5(1), Art. 11, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0401115.



Copyright (c) 2004 Katja Koch

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.