Volume 5, No. 1, Art. 32 – Januar 2004

Rezension:

Christian Carls

Christian Stegbauer (2001). Grenzen virtueller Gemeinschaft – Strukturen internetbasierter Kommunikationsforen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 312 Seiten, ISBN: 3-531-13644-5, EUR 29,-

Zusammenfassung: Christian STEGBAUER setzt sich mit Thesen zur Gemeinschaftsbildung im Internet sowie mit "populären Entstrukturierungsfiktionen" auseinander – seine Bezeichnung für die Annahme, dass in der Kommunikation in virtuellen Räumen Herkunft, Rollen und Status aus dem "real life" keine oder stark reduzierte Bedeutung haben. Im Zentrum des Buchs steht die Darstellung einer eigenen empirischen Studie. Mittels einer quantitativen Analyse von Interaktionsmustern in ausgewählten Mailinglisten konnten zentrale Akteure mit hohem Engagement in verschiedensten Diskussionssträngen identifiziert werden, und es wird aufgezeigt, dass viele Diskussionen nur in Subgruppen innerhalb der Mailinglisten stattfinden. Die quantifizierende Herleitung dieser Beobachtungen ist kreativ und interessant, wenn auch im Ergebnis mit Blick auf die Größe der meisten untersuchten Listen wenig überraschend. Durch die Begrenzung der Analyse auf Interaktionen innerhalb von Mailinglisten bleibt die Frage nach der Möglichkeit virtueller Gemeinschaft in virtuellen Räumen unbeantwortet – wenn berücksichtigt wird, dass gerade die Interaktion über unterschiedliche und funktional differenzierte Kanäle offenbar einen Erfolgsfaktor für virtuelle Gemeinschaften und Gruppen darstellt.

Keywords: virtuelle Kommunikation, virtuelle Gemeinschaften, virtuelle Gruppen, online communities, virtuelle Räume, virtuelle Mobilität, Mailinglisten, Netzwerkanalyse

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand des Buchs

2. Kommentierende Darstellung zentraler Inhalte

2.1 Theoretische Erörterungen

2.2 Die empirische Untersuchung ausgewählter Mailinglisten

3. Kritik

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Gegenstand des Buchs

Das Buch setzt sich mit als oberflächlich eingeschätzten Thesen zur Gemeinschaftsbildung im Internet sowie mit "populären Entstrukturierungsfiktionen" (S.38) auseinander – etwa mit der Vermutung, "dass es möglich sei, unabhängig von den räumlich gebundenen sozialen Zusammenhängen, in einer rein auf Datenaustausch beruhenden Welt, die menschlichen Bedürfnisse nach Interaktion, sozialer Anerkennung und sozialer Integration zu befriedigen" (S.42). [1]

STEGBAUER entwickelt daraus folgende Leitfragen: 1) Gibt es in virtueller Kommunikation eine Abschwächung oder gar eine Aufhebung (traditioneller) Strukturen? und 2) werden dabei virtuelle Gemeinschaften begründet? [2]

Der Autor zeigt auf, dass in Analysen zur Interaktion in virtuellen Räumen Begriffe wie Gemeinschaft oder Gruppe oft sehr unklar genutzt werden. Dem setzt er eine gründliche theoretische Darstellung klassischer soziologischer Modelle zu diesen zentralen Begriffen entgegen. Diese Betrachtungen bilden den Hintergrund für die Darstellung einer eigenen empirischen Untersuchung zu Interaktionsstrukturen in ausgewählten Mailinglisten. [3]

2. Kommentierende Darstellung zentraler Inhalte

2.1 Theoretische Erörterungen

In den ersten Kapiteln erörtert der Autor Annahmen zum emanzipativen Potential virtueller Kommunikation, in denen von einer "Aufhebung von Prästrukturen" (S.57) ausgegangen wird (Kapitel 1, 2 und 4; Kapitel 3 dient der Vorstellung ausgewählter Mailinglisten, die in der später im Buch vorgestellten empirischen Studie ausgewertet wurden). Mit diesen extremen Positionen, die – wenn vielleicht auch nicht so dominant, wie STEGBAUER suggeriert – in der Literatur zur Internetkommunikation tatsächlich anzutreffen waren, setzt sich der Autor mit schlüssigen Argumenten auseinander. Etwa, wenn er der These widerspricht, dass Identitäten in virtueller Kommunikation frei wählbar seien:

"Spielen die Identitäten keine Rolle, wie die Vermutung der Gleichheit von Akteuren nahe legt, dann ist zwar das beliebige Spiel mit Identitäten kein Problem – in diesem Falle bliebe es aber wirkungslos, denn das meiste von dem, was Identität für den Einzelnen so bedeutsam macht, wäre eingeebnet." (S.19) [4]

Tatsächlich beeinflussen außerhalb des Internets erworbene Identitäten, wie STEGBAUER argumentiert, auch die Identitätsbildung in der virtuellen Kommunikation. Dies beginne bereits mit dem Einfluss der Herkunft: "Die Herkunft der Teilnehmer bzw. Teilnehmerinnen begrenzt die Fähigkeit zum Austausch und bleibt damit offenkundig räumlich-kulturell auch in einer Zeit, in der technisch gesehen Kommunikationsbarrieren abgebaut zu sein scheinen, weiter wirksam." (S.46). [5]

Im fünften Kapitel folgt eine Diskussion der Begriffe "Gemeinschaft, Gruppe und Netzwerk und ihre Anwendbarkeit auf internetbasierte Kommunikationsforen" (S.67). Auf der Grundlage klassischer soziologischer Modelle werden detaillierte Definitionen von "Gemeinschaften" und "Gruppen" erarbeitet. Die Definition virtueller Kommunikationsräume bleibt demgegenüber etwas vage. Implizit hat der Autor – auch wo von "virtuellen Kommunikationsräumen", "Kommunikationsforen" usw. die Rede ist – wohl fast durchgängig Strukturen der Kommunikation in Mailinglisten im Blick, die er in seiner empirischen Studie untersucht hat. [6]

Vor diesem Hintergrund zeichnet er einen pointierten Kontrast. Virtuelle Beziehungen haben danach mit "Gemeinschaft" im klassischen Sinne wenig gemein:

"Wenn typischerweise Gemeinschaft durch Multiplexität gekennzeichnet ist, Multiplexität aber durch die Netiquette, die nur Beiträge zum Thema der Liste toleriert, unterbunden wird und wenn Gemeinschaft auf eine Schließung zuläuft und dabei nur eine beschränkte Anzahl an Akteuren einzubeziehen vermag, kann der Gemeinschaftsbegriff nicht die Gesamtheit der Akteure in einem Komunikationsforum bezeichnen. Es scheint also, als sei der Gemeinschaftsbegriff kaum angemessen, um die Beziehungen zwischen den Mitgliedern in virtuellen Räumen zu beschreiben." (S.73) [7]

Diese Argumente gelten für die Verwendbarkeit klassischer Gruppenkonzepte ganz analog:

"Halten wir ... fest: Weder Konzepte der Gemeinschaft noch Gruppensoziologie und auch nicht Großgruppensoziologie halten einen adäquaten Zugang zu internetbasierten Kommunikationsforen bereit ... Für die Analyse der heterogenen Teilnehmerschaft in Diskussionsgruppen eignen sich die offenen Konzepte der Netzwerkanalyse wohl am besten." (S.92) [8]

Trotz dieser Feststellung sind dem Begriff "Netzwerk" nur wenige Zeilen (auf Seite 91) der insgesamt 27 Seiten des Kapitels gewidmet. Die Bedeutung dieses Begriffs im Kontext des Buches lässt sich für den Leser später nur aus den Beschreibungen der Rollentheorien der formalen Soziologie und des Instruments der "Netzwerkanalyse" in den späteren Kapiteln erschließen. [9]

2.2 Die empirische Untersuchung ausgewählter Mailinglisten

In den Kapiteln 6-9 stellt Christian STEGBAUER seine empirische Studie vor. Zunächst begründet der Autor ausführlich die wissenschaftstheoretische Basis für seine netzwerkanalytische Untersuchung von "sozialen Beziehungen" (genauer Interaktionsmustern) in Mailinglisten. Hier findet sich – unter Rückgriff auf klassische Rollentheorien – eine sehr ambitionierte Positionierung der strukturalen Netzwerkanalyse nach Konzepten von Harrison WHITE (1963, 1992) und WHITE, BOORMAN und BREIGER (1976). Der Ansatz wird kontrastiert mit individualistischen Handlungstheorien, älteren individualistischen Ansätzen nach Carl MENGER bis hin zu RC-(rational choice) Ansätzen, wie sie besonders in den Wirtschafts-, aber auch Kommunikationswissenschaften verbreitet sind (KAPPELHOFF 2001, BURKART 1998). [10]

Es folgt eine Darstellung der methodischen Vorgehensweise. "Soziale Beziehungen sollen hier mit Max Weber als 'nach ihrem Sinngehalt aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer heißen'" (S.156). Hier wird der Autor nun konkreter: "Das von Weber geforderte 'Mindestmaß von Beziehung des beiderseitigen Handelns aufeinander' ... wird an dieser Stelle operationalisiert als gemeinsame Beteiligung an einem Thread." (S.156) In der weiteren Operationalisierung heißt dies in der Studie STEGBAUERs "eine Beteiligung zweier Akteure an einem gemeinsamen Betreff". Zur Erläuterung: Postings in Mailinglisten enthalten – wie E-Mails sonst auch – einen Eintrag in die "Betreff-Zeile" – und sei es ein leerer Eintrag ("no subject"). Wird nun von einem Teilnehmer/einer Teilnehmerin eine Antwort auf eine E-Mail an die Liste geschickt, ist es nicht unüblich, das Stichwort aus der "Betreffzeile" zu belassen oder zu übernehmen – in der Antwort erscheint dann meist ein "Re:" vor dem ursprünglichen Eintrag in der Betreffzeile. Auf der Grundlage dieses Indikators wurden von STEGBAUER die Interaktionszusammenhänge in den Listen analysiert. Naheliegenden Zweifeln an der Validität dieses Kriteriums glaubt STEGBAUER mit einer begleitenden inhaltlichen Analyse einer kleinen Teilmenge von E-Mails einer Liste widersprechen zu können. In dieser Analyse wurde geprüft, inwieweit im Inhalt ("Body") der E-Mails tatsächlich Bezug auf ein vorhergehendes Posting genommen wurde. Dabei wurden große Unterschiede in der Zahl der Bezüge festgestellt. In dieser "wer antwortet wann auf wen"-Analyse ließen sich aber laut STEGBAUER die nach dem Kriterium "gleiche Betreff-Zeile" der quantitativen Netzwerkanalyse herausgearbeiteten Interaktionsstrukturen reproduzieren (S.284f). [11]

Diese sind im Wesentlichen:

  • Die Abbildung einer "multilogischen" subgruppenähnlichen Kommunikationsstruktur: Durch Verschiebung der Akteure in den Mailinglisten zu Blöcken in einem positionsanalytischen Verfahren (Concor) lassen sich Blöcke ähnlicher Akteure generieren (Multilogen), die sich durch eine besondere Interaktionshäufigkeit untereinander auszeichnen. STEGBAUER schließt aus diesen Daten: "Man könnte also behaupten, daß es sich in den Multilogen um Akteure handelt, die subgruppenähnlich durch höhere Kommunikationsfrequenz miteinander verbunden sind." (S.232)

  • Die Abbildung einer Zentrum-Peripherie-Struktur: In den meisten der untersuchten Mailinglisten fand sich ein "Zentrum". – Akteure in einem (aus der Datenwolke [re-]konstruierten) Block, die mit Akteuren in anderen Blöcken interagieren, zwischen denen untereinander kaum direkte Interaktion (zur Erinnerung: Teilnahme an einem Thread mit gleicher Betreffzeile) stattfindet. STEGBAUER: "Die beobachtete Struktur kann als eine weitere Widerlegung der Gemeinschaftsthese gelten: der gesamte Kommunikationsraum 'Mailingliste' kann in keinem einzigen Fall als Gemeinschaft oder homogene Gruppe im Sinne der Gruppensoziologie aufgefasst werden." (S.232)

  • Die Darstellung einer Strukturierung der Interaktion in den untersuchten Mailinglisten hinsichtlich der Herkunft der Teilnehmer. STEGBAUER: "Hier scheinen räumliche Bezüge keineswegs aufgehoben, sondern diese sind als Bezugskontext zwischen den Teilnehmern nach wie vor von äußerster Wichtigkeit." (S.281) [12]

3. Kritik

STEGBAUER hat mit seiner Studie Strukturen in größeren Mailinglisten abgebildet, die für alle, die mit solchen Listen eigene Erfahrungen haben, wenig überraschend, ja banal wirken dürften: Die Diskussion in Subgruppen (Menschen mit ähnlicher gelagerten Voraussetzungen und Interessen), der Stellenwert eines Zentrums (Sicherung des Bestands und des Profils der Mailingliste), die Bedeutung der Landeszugehörigkeit bei der Beteiligung an Diskussionssträngen in internationalen Mailinglisten. Hier werden – das ist plausibel – Kontexte durch andere Kommunikationszusammenhänge (im Netz oder außerhalb) im Interaktionsverhalten in Mailinglisten sichtbar. Diese "Banalität" schmälert das Ergebnis nicht. Es ist in vielfacher Hinsicht interessant nachzuvollziehen, wie sich mit Mitteln der quantitativen Netzwerkanalyse einfache Daten aus Mailinglisten (Postings mit gleichem Betreff) zu quantifizierbaren Strukturen zusammenführen und abbilden lassen. Dabei ist offensichtlich, dass STEGBAUER sich intensiv wissenschaftstheoretisch mit den Methoden auseinandergesetzt und eine sehr bewusste und gut begründete Wahl in seiner Studie getroffen hat. Auch nur Methodeninteressierte finden so vielfache Anregungen. [13]

Kritisch gesehen werden müssen allerdings Tendenzen im Buch (und bereits im Titel), insgesamt Schlüsse auf Möglichkeiten virtueller Gemeinschaft zu ziehen. Beim Lesen sollte bewusst bleiben, dass STEGBAUER fast durchgehend (vorrangig große) Mailinglisten vor Augen hat und auch nur die Interaktion innerhalb solcher Listen untersucht. Mögliche weitergehende Kontakte der Teilnehmenden beispielsweise über persönliche E-Mails, Treffen in Chats, Telefonate usw. bleiben in der Studie verständlicherweise – leider aber auch weitgehend bereits in den theoretischen Vorbetrachtungen – unberücksichtigt. Eine Tatsache, die STEGBAUER dankbarerweise sporadisch in Erinnerung ruft, etwa, wenn er die Art der Beziehungen in virtuellen Räumen thematisiert:

"Ferner ist anzunehmen, daß Selbstoffenbarungen, eine Bedingung für Freundschaft, kaum für die gesamte Gemeinschaft bestimmt sein werden; solches wird wohl nicht in der Öffentlichkeit stattfinden, sondern eher in einem privaten Austausch von E-Mails, Telefonaten oder Treffen am Rande der eigentlichen Foren. So gesehen scheint eine quantitative Begrenzung von Gemeinschaften unausweichlich zu sein" (S.72). [14]

Die Annahme, eine virtuelle Gemeinschaft könnte alle 1000 Teilnehmenden einer Liste umfassen, wäre – geht man, wie STEGBAUER dies tut, von klassischen Gemeinschaftsbegriffen aus – natürlich naiv. Ihre argumentative Widerlegung ist so nur von begrenztem Wert. Der Befund, dass in den Mailinglisten nicht alle mit allen kommunizieren, liegt auf der Hand. Dazu wäre bei einer großen Mailingliste das dafür notwendige Mailaufkommen viel zu groß. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, dass sich in virtuellen Räumen keine Gemeinschaften oder Gruppen bilden. Tatsächlich gibt es in der Praxis zahlreiche Beispiele für virtuelle Gruppen, die sich selbst als Gruppen oder gar Gemeinschaften ansehen und sicher auch nach den wichtigsten der von STEGBAUER formulierten Maßstäbe so betrachtet werden können – allerdings nur dann, wenn alle Interaktionsprozesse umfassend Berücksichtigung finden (STADELHOFER & CARLS 2002; CARLS 2003). Dies aber lässt STEGBAUERs methodischer Ansatz nicht zu. Leider führt diese Verengung durch methodische Zwänge auch im theoretischen Teil bisweilen zu einer unnötigen Verengung der Sichtweise. Das wird besonders deutlich, wenn STEGBAUER die Erforschbarkeit von Interaktionen in virtuellen Räumen hervorhebt:

"Mit der Entstehung neuer internetbasierter Sozialräume ergeben sich bislang noch nicht vorhandene Möglichkeiten der Sozialforschung. Interaktionen sind flüchtig, diese lassen sich kaum in realen sozialen Situationen vollständig erfassen. ... Solcherlei Probleme treffen auf die Untersuchung asynchroner internetbasierter Sozialräume nicht zu. Bei Mailinglisten und Newsgroups werden sämtliche Kommunikationssequenzen archiviert und lassen sich durch eine Untersuchung nutzbar machen. Auf der Erhebungsseite wären damit alle geschilderten Probleme gelöst: Das Problem von Ausfällen ergibt sich in der Regel nicht. Reaktivität kommt nicht vor, denn die Entscheidung über die Untersuchung eines Sozialraums kann ex post erfolgen ..." (S.90) [15]

Dass sich Interaktion zwischen den Teilnehmern/Teilnehmerinnen von Mailinglisten gut erheben lassen, stimmt natürlich – solange man sich auf das reine Mailaufkommen innerhalb der Mailingliste beschränkt. Diese Beschränkung bleibt aber insbesondere bei der Suche nach virtuellen Gemeinschaften sehr willkürlich. Naheliegend ist nämlich, dass in virtuellen Gemeinschaften und Gruppen über unterschiedlichste und schrittweise funktional zugeordnete internetbasierte Kanäle interagiert wird. Die aktive Nutzung unterschiedlicher Interaktionsmöglichkeiten ist wahrscheinlich sogar ein wichtiger Erfolgsfaktor für virtuelle Gemeinschaften. Dazu als Beispiel der Erfahrungsbericht einer virtuellen Gruppe älterer Menschen, die – in verschiedenen Orten in Deutschland wohnend – über mehrere Jahre vorrangig über das Internet kommunizieren: "Reale Treffen, Mailinglisten, Foren, Chat, das Telefon, sogar der Brief haben jeweils ihre eigenen Qualitäten. Wichtig ist es zu lernen, was womit am besten kommuniziert wird. Dazu gehört es, die Techniken zu erproben und Erfahrung zu sammeln." (LERNGRUPPE HEIMAT & FREMDE, 2001, Absatz 13) Solche Gruppen werden beispielsweise seit April 2000 in einem Modellprojekt der Bund-Länder-Kommission, an dem der Rezensent beteiligt war, gezielt initiiert und begleitet (Projekt "Gemeinsamlernen": CARLS & STADELHOFER 2003; CARLS 2002; STADELHOFER & CARLS 2001). [16]

Leider lässt sich eine zu weit reichende Interpretation der Studie auch in ihrer Rezeption wieder finden – beispielsweise in einer (positiveren) Rezension von Michéle MORNER, die ebenfalls im FQS veröffentlicht ist:

"STEGBAUER zeigt via Netzwerkanalyse, dass Einzelne dieses 'positionale Gefüge' (Diskutant, Poster, Lurker) (S.279) nicht frei durch die Einnahme bestimmter Positionen gestalten können. Im Gegenteil: Bereits die aktive Teilnahme der Diskutanten setzt spezielle Sachkenntnisse, Spezialsprachen oder bestimmte Erfahrungen voraus." (MORNER 2002, Abs. 13) [17]

Das ist zwar sicher richtig, lässt sich mit den gewählten Mitteln quantitativer Auswertung von Interaktionsfrequenzen aber nun wirklich nicht belegen. Richtig ist, dass in STEGBAUERs Netzwerkanalyse Akteure mit einem hohen "actor centrality degree" abgebildet werden, die als zentrale Akteure in den Listen aufgefasst werden können und sich an besonders vielen Diskussionssträngen beteiligen – was ohne Schaden für eine große Mailingliste nicht jeder kann, auch deshalb nicht, weil viele Akteure erst im Verlauf des Bestehens einer Mailingliste hinzu stoßen und allein durch diesen Umstand keine Möglichkeit haben, an früheren Diskussionssträngen aus dem Auswertungszeitraum zu partizipieren (ein Umstand, auf den STEGBAUER in einer Fußnote explizit hinweist). [18]

Ein abschließend nachdenklicherer Ton findet sich bei STEGBAUER im letzten Abschnitt, in dem der Bedarf an weiteren Untersuchungen dargelegt wird: "Letztlich sollte der Versuch unternommen werden, auch Beziehungen, die neben den Listen unterhalten werden (Face-to-face, andere Medien, E-Mail usw.) in die Analyse zu integrieren." (S.283). Erweiterter Vorschlag: es könnte Sinn machen, die Analyse nicht an dem eher technischen Rahmen "Mailingliste"/"Listserver" festzumachen, sondern doch von den Akteuren und ihren möglicherweise vielfältigen Kommunikationsbeziehungen im virtuellen und realen Raum auszugehen. [19]

Literatur

Burkart, Roland (1998). Kommunikationswissenschaft. Wien: Böhlau.

Carls, Christian (2002). Das Modellprojekt "Gemeinsamlernen". "LernCafe" – Online-Journal für die allgemeine Weiterbildung, Ausgabe 19, Rubrik "Modellprojekte". Verfügbar über: http://www.lerncafe.de/lerncafe19/ [Zugriff: 19.1.2004].

Carls, Christian (2003). Virtuelle Arbeitsgruppen in der sozialen Arbeit am Beispiel der "SOL Ideenschmiede". Verfügbar über: http://www.sol-dw.de/ideenschmiede/carls3.pdf [Zugriff: 19.1.2004].

Carls, Christian & Stadelhofer, Carmen (2003). Zwischenbericht zum Modellprojekt "Räumlich und zeitlich entkoppeltes 'Forschendes Lernen' als Motor einer neuen Lernkultur". Verfügbar über: http://www.blk-lll.de/LLL/laender/ZWB01/BW01_1.htm [Zugriff: 19.1.2004].

Kappelhoff, Peter (2001). Warum ist die Soziologie noch keine Modellwissenschaft? Verfügbar über: http://www.wiwi.uni-wuppertal.de/kappelhoff/papers/modwiss.pdf [Zugriff: 19.1.2004].

Lerngruppe Heimat & Fremde (2001). "Foren und Chat". "LernCafe" – Online-Journal für die allgemeine Weiterbildung, Ausgabe 9, Rubrik "Lerngruppen", Verfügbar über: http://www.lerncafe.de/lerncafe9/ [Zugriff: 19.1.2004].

Menger, Carl (1968). Grundsätze der Volkswirtschaftslehre (Gesammelte Werke, Band 1). Tübingen: Mohr.

Morner, Michèle (2002, April). Rezension zu: Christian Stegbauer (2001). Grenzen virtueller Gemeinschaft – Strukturen internetbasierter Kommunikationsforen [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 3(4), Art. 13. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/4-02/4-02review-morner-d.htm [Zugriff: 24.1.2004].

Stadelhofer, Carmen & Carls, Christian (2001). Gemeinsam Lernen übers Netz. In Carmen Stadelhofer, Christian Carls & Stefanie Staudenmaier (Hrsg.), Dokumentation des Forums "Senioren im Netz: Projekte und Initiativen" (S.8-14). Universität Ulm: ZAWiW.

Stadelhofer, Carmen & Carls, Christian (2002). Virtuelle Selbstlerngruppen – Neue Anforderungen in der allgemeinen Weiterbildung. medien praktisch, 1, 19-22.

White, Harrison C. (1963). An Anatomy of Kinship: Mathematical Models for Structures of Cumulated Roles. Englewood Cliffs NJ: Prentice-Hall.

White, Harrison C. (1992). Identity and Control: A Structural Theory of Social Action. Princeton: Princeton University Press.

White, Harrison C; Boorman, Scott A. & Breiger, Ronald R. (1976). Social Structure from Multiple Networks. I. Blockmodels of Roles and Positions. American Journal of Sociology, 81(4), 730-780.

Zum Autor

Christian CARLS; M.A. (Kommunikationswissenschaft/Sozialmedizin), Dipl. Sozialpädagoge. Verantwortlich für das Projekt "Neue Angebotsformen in der Senioren-Internetarbeit" im Projektverbund Senioren OnLine NRW. Bisherige Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Medien für Ältere & Altenbild in den Medien, Soziale Kontakte im Alter, Erschließung des Internets für Ältere Menschen, selbstorganisierte Gruppen & virtuelle Gruppen älterer Menschen, virtuelle Gruppen in der sozialen Arbeit. Christian CARLS hat in einer zurückliegenden Ausgabe von FQS Lost in Cyberspace? Möglichkeiten Sozialer Arbeit mit dem Internet rezensiert.

Kontakt:

Christian Carls

Senioren OnLine
Diakonisches Werk der Ev. Kirche im Rheinland
Lenaustr. 41
D-40470 Düsseldorf

Tel. 0211-6398-284

E-Mail:christiancarls@sol-dw.de
URL: http://www.sol-dw.de/, http://www.ccarls.de/, http://www.gemeinsamlernen.de/, http://www.kritische-gerontologie.de/

Zitation

Carls, Christian (2004). Rezension zu: Christian Stegbauer (2001). Grenzen virtueller Gemeinschaft – Strukturen internetbasierter Kommunikationsforen [19 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(1), Art. 32, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0401329.

Revised 6/2008



Copyright (c) 2004 Christian Carls

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